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Full text of "Medizinische Jahrbücher"

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HERAUSGEGEBEN 



VON DEB 



K. K. GESELLSCHAFT DER ÄRZTE 



REDIOIRT 



VON 



S. STRICKER. 



JAHRGANG 1873. 



WIEN 1873. 
WILHELM BBAUMÜLLER 

X. K HOF- UND UNIVBR8IT1TS>BD(SBXndLER- 



r 



INHALT. 



Seit« 

"lieber Reflexbewegungen des Uterus. Von Dr. Wilh. Schlesinger i 

Beiträge zur Eenntniss der Befruchtung und Entwicklung des Kanin- 
cheneies. Von Dr. Carl Weil 18 

Untersuchungen über die WärmeOkonomie des Herzens und der Lun- 
gen. Von Ed. Albert und S. Stricker 30 

Ueber die physiologische Wirkung der Iridectomie. Von Dr. Sigm. 
Einer, Privatdocenten und Assistenten am physiolog. Institute 
in Wien bt 

Zur Pathologie der Hamorgane. Von Dr. J. Englisch, Privatdocent 
für Chirurgie an der Wiener Universität 61 

Studien über Entzündung der Froschcomea. Von R. yon Pfnngen, 

Stud. med Hl 

Ueber das Verhalten der Action des Herzventrikels zur Pulswellen- 
bildung in der Arterie. Von Dr. Eugen Eolisko 95 

Beiträge zur Eenntniss des Baues des normalen und entzündeten Pe- 

ricardiums der Batrachier. Von Dr. S. H. Chapman (U. S. A.) HS 

Beitrag zur Eenntniss des Baues des Epithelioms. Von Prof. Dr. G. 

Bizzozero in Pavia Mi 

Ueber die Veränderungen des Muskelgewebes nach Nervendurch- 
schneidung. Von G. Bizzozero und C. Golgi 1^5 

Beiträge zur Eenntniss des Neurins. Von Jul. Mauthner, Stud. med. 1i8 

Untersuchungen über die Uterusschleimhaut. Von Dr. Hans E und rat, 
ersten Assistenten am pathol.-anatomischen Institute in Wien und 
G. J. Engelmann aus St. Louis. Mitgetheilt von Dr. Eundrat 135 

Ueber die Rück- und Neubildung von Blutgefässen im Enochen und 

Knorpel. Von C. Heitzmann 178 

Zur Lehre von der Embolie der Arteria centralis retinae. Von Lud- 
wig M&uthner 195 



IV 

Seite 

Beiträge zur permanenten Extension und zur Behandlung der Ver- 
Bchiebungen bei Knocheubrüchen an den Extiemitäten. Von Dr. 
Hofmokl, Privatdocenten für Chirurgie an der Universität zu 
Wien 213 

Ein Fall von Melanämie. Von Dr. S. von Basch 233 

Experimentelle Lniersuchungen über die Ph)^siologie der Gallenab- 

«onderung. Von Dr. A. Köhrig, prakt. Arzt in Bad Kreuznach 240 

Ueber da» öcapularkrachen. Von Dr. Ercole Galvagni, Primararzt 

in Bologna 274 

Heiträge zur Kenntniss des Muskelkrebses. Von C. Weil. (Mit! Tafel) 28o 

UnterHuchungen über die putride Infection. Von Dr. Gesüaldo Cle- 

menti und Dr. George Thin 292 

Studien zur chirurgischen Pathologie der Bewegungsorgane. Von Dr. 
Ed. Albert, Privatdocent an der Universität in Wien. (Mit 
i Tafeln und 2 Holzschnitten; 304 

Zur Kennt nisH der infectiösen Producte acuter Entzündungen. Von 

Prof. Dr. J. Burdon-Sanderson 368 

UnterHuchungen über den Bau der Sehnen. Von Arnold Spina, 

Htud. med. (Mit 1 Tafel) 384 

UnterHuchungen über die Nerven aus der Kuiegelenkskapsel des Ka- 
ninchen». Von Dr. Carl Nicoladon i. (Mit \ Tafel) 401 

Beiträge zur Kenntniss des Baues und der Verrichtung der Blase 

und Harnröhre. Von Dr. Gustav Juriö 415 

Ueber die entzündlichen Veränderuiigen der Ganglienzellen des Sym- 

pathicus. Von A. R. Eobinson aus New- York. (Mit 1 Tafel) 438 

Ueber Retention scysten der weiblichen Harnröhre bei Neugebornen 
und ihre Beziehung zur Entwicklung der Karunkel. Von Dr. J. 
Englisch, Privatdocent für Chirurgie an der Universität in 
Wien. (Mit 3 Tafeln) 441 

Ueber Quarantaine bei Cholera. Referat für den HI. internationalen 

medizinischen Congress. Vorgelegt von Primararzt Dr. s e r . 476 

Offener Brief an Herrn Professor Axel Key in Stockholm. Von Prof. 

S. Stricker 496 



üeber Reflexbewegungen des üteras 

▼OD 

Dr. Wilhelm Schlesinger* 



Eüüeitong. 

Die Beflexbewegüugen des Uteras sind noch niemals Gegenstand 
einer besonderen, experimentellen Untersuchung gewesen. Dasjenige, 
was betreffs der Innervation der Gebärmutter bisher eruirt wurde, 
bezog sich fast ausschliesslich auf die directe Erregung der Ute- 
rusnervencentren. Eine grosse Reihe von Experimenten in gleicher 
Eichtung habe auch ich meiner vorliegenden Arbeit im vergangenen 
Jahre vorausgeschickt, indem ich gemeinschaftlich mit Dr. Oser 
die Wirkung eines bis dahin für den Uterus noch nicht verwerthe- 
ten Reizmittels, des dyspnoischen Arterienblutes auf die Nervencen- 
tren des Uterus einer genauen Prüfung unterzog *). In solcher Weise 
mit dem physiologischen Verhalten und den Eigenthümlichkeiten des 
Uterus vertraut, ging ich nun an die vorliegende experimentelle 
Studie, selbstverständlich dieselbe Gattung von Versuchsthieren be- 
nützend, welche sich schon in der früheren Arbeit als ganz beson- 
ders günstig bewährt hatten. 

Ich will mir diesbezüglich bei der Wichtigkeit des Gegenstandes 
gleich hier einige weitere, durch meine neuerlichen Untersuchungen 
geprüfte Angaben erlauben. 

Es unterliegt gar keinem Zweifel, dass die einander widerspre- 
chenden Resultate, zu welchen die früheren Forscher über Uterusbe. 



*) Experim. Untersuchungen über Utemsbewegungeu von Dr. L. 
Oser und Dr. W. Schlesinger jun. Mediz. Jahrb. 1872, I. Heft. 
Ifea. Jahrbücher 1873. I. 1 



2 SchlesiDger. 

wegnngen gekommen sind, in der ungeeigneten oder differenten Wahl 
der Versuchsthiere ihren hauptsächlichsten Grund haben. Mehr wie bei 
irgend einem anderen Theile des Organismus kommt bei den weiblichen 
Geschlechtsorganen das Entwicklungsstadium, das Alter und die Func- 
tionsperiode in Betracht, in welchem sich der Uterus im Augenblick der 
Untersuchung befindet. Die einfache Uebertragung der an einem schwan- 
geren Uterus erhaltenen Eesultate auf die z. B. in Involution begrif- 
fene Gebärmutter wäre sicherlich ebenso ungerechtfertigt, als es be- 
greiflich ist, dass der Uterus verschiedener Thiere in verschiedenen 
Entwicklungsperioden auch ganz differente Chancen für die Reizbar- 
keit des Organes, und so far das Gelingen des Experimentes überhaupt 
bietet.' 

Dass Katzen und Hunde im Allgemeinen einen relativ sehr träge 
reagirenden Uterus haben ist bekannt, ebenso, dass umgekehrt bei 
Kaninchen die Peristaltik in der Regel eine sehr lebhafte ist. Trotz- 
dem kann es geschehen, dass wenn ohne Auswahl vorgegangen, 
man der Reihe nach 20 und 30 Thiere opfert, ohne im Stande zu 
sein, den Uterus selbst durch die stärksten elektrischen Ströme auch 
nur zu einer Runzelung seiner Hörner zu veranlassen. In entgegen- 
gesetzter Richtung kann zuweilen jedes Experiment vereitelt, oder 
doch in seinen Ergebnissen völlig werthlos werden durch die bei 
allen Experimenten an Organen mit glatten Muskelfasern mit Recht 
gefürchteten spontanen Bewegungen. In dieser Beziehung ist es na- 
mentlich der schwangere Uterus, welcher durch die beinahe fortwäh- 
renden spontanen Bewegungen für das Experiment als ungeeignet 
erklärt werden muss. 

Die Thiere nun, welche sich mir als die verlässlichsten erwiesen ha- 
ben, sind in meiner gemeinschaftlich mit Dr. s er publicirten Arbeit in 
dem Kapitel »Methode* bereits ausführlich beschrieben und ich muss 
daher auf jene Auseinandersetzung verweisen. Eigenthümlich bleibt es 
immerhin, dass der musculöse, stark entwickelte Uterus des schwan- 
geren Thieres, oder desjenigen, welches bereits geworfen hat, selbst 
wenn die Involutionsperiode schon längst vorüber ist, auf Reize aller 
Art niemals so prompt, so mächtig und so constant reagirt, wie dies 
bei den von uns empfohlenen jüngeren Thieren der Fall ist, welche 
allerdings schon die geschlechtliche Reife erlangt haben müssen, 
aber doch noch nicht concipirt haben dürfen. Es scheint eben, 
dass die Gebärmutter des jungfräulichen Thieres, deren Substanz 



Ueber Reflexbewegungen des Uterus. o 

durch Schwangerschaft und Geburt noch keinerlei Veränderung durch- 
gemacht hat, als die reizbarste angesehen werden muss. Natürlich 
darf kein anderweitiger krankhafter Process, wie entzündliche Zu- 
stände der Umgebung des Uterus oder abnorme Circulationsverhält- 
nisse des letzteren selbst, vorhanden sein. Denn wenn auch der Uterus 
flach, bandartig, massig entwickelt angetroffen wird, seine Farbe 
aber nicht rosa oder hellroth, sondern schmutziggelb, ziegelroth oder 
gar venös, blauroth erscheint, dann ist es entweder mit der Eeizbar- 
keit überhaupt zu Ende oder die auf einen gesetzten Eeiz auftreten- 
den massigen Bewegungen sind von den bei solchen Thieren auch 
spontan vorhandenen partiellen Contractipnen nicht zu unterscheiden. 
Der ganz ausserordentliche Vorzug der von uns erprobten Thiere 
besteht eben darin, dass deren Uteri, wenn nur regelmässig geathmet 
und jede Berührung vermieden wird, keine spontanen Bewegungen aus- 
führen, während sie auf die gesetzten Reize in energischer Weise reagiren. 
Es ist dies ein so constantes Verhältniss, dass ich nach Eröffnung der 
Bauchhöhle aus dem äusseren Ansehen des Uterus jedesmal sofort 
die Prognose stellen konnte, ob das Experiment gelingen werde oder 
nicht, und die Zeit, innerhalb welcher die Bewegung dem Eeize 
folgte, variirte bei verschiedenen Thieren dieser Gattung stets nur um 
wenige Secunden. Das ist doch gewiss ein Moment, welches für die 
Verlässlichkeit der Beobachtungen- von höchstem Werthe ist. 

Die Schwierigkeit, solche Thiere in genügender Anzahl herbei- 
zuschaffen, ist freilich sehr gross, und leider sind, selbst bei den 
Thieren entsprechenden Alters, sehr unliebsame Enttäuschungen noch 
immer nicht ausgeschlossen. 

Kaninchen concipiren bekanntlich mit Ausnahme etwa des De- 
cember oder Januar, fast das ganze Jahr hindurch. Am meisten 
scheint dies aber im Frühjahr, April bis Mai der Fall zu sein und 
die jüngeren Kaninchen, welche zu unseren Zwecken geeignet sind 
(im Alter von 5—8 Monaten), werden also näherungsweise im Spät- 
sommer oder Herbst am besten und zahlreichsten zur Verfügung stehen. 
Ich habe mir zu diesem;Zwecke selbst eine Kaninchenzucht angelegt und 
die Weibchen isolirt. Trotzdem war etwa die Hälfte aller von mir 
in der genannten Weise ausgewählten Kaninchen unbrauchbar. Die 
äussere Entwicklung des Thieres täuscht eben häufig mit Bücksicht 
auf die Entwicklung der Geschlechtstheile und der Uterus wird in, 
diesen Fällen, den Erwartungen entgegen, noch dünn, fadenförmig 

1« 



4 Schlesinger. 

farblos und mit Fett überwachsen angetroffen. Solche uteri sind 
aber ganz ungeeignet, denn sie reagiren entweder gar nicht oder 
doch nur in sehr mangelhafter Weise. 

Es könnte vielleicht manchem Leser überflüssig erscheinen, dass 
ich diese, anscheinend nebensächlichen Dinge so ausführlich behan- 
delt habe. Wer sich jedoch jemals mit Experimenten über weibliche 
Genitalien beschäftigt hat und die dabei vorkommenden Schwierig- 
keiten kennt, wird die Wichtigkeit ähnlicher Angaben sicherlich zu 
würdigen wissen. 

Ein anderes Moment, welches ich bei dieser Gelegenheit noch 
betonen möchte, ist die Art der Bewegungen, welche ich in meinen 
Protokollen als massgebend notirte. So wie in der früheren Arbeit 
habe ich auch hier nur diejenige Contraction berücksichtigt, welche 
eine allgemeine, den ganzen Uterus umfassende war. Das Organ, 
das früher ruhig, hellroth dalag, musste auf den angewendeten Keiz 
z. B. Sistirung der künstlichen Athmung, innerhalb weniger Secun- 
den blass, cylindrisch, starr werden, die Hörner mussten sich bo- 
genförmig aufstellen, ineinander schieben, zusammenballen und nach 
Aufhören des Reizes wieder allmälig, aber doch in wenigen Secun- 
den wie früher zur Ruhe kommen. Nur ein so gearteter Reizeffect 
kann auch als solcher acceptirt werden ; ein stellenweises Erblassen, 
die Contraction oder Einschnürung einer umschriebenen Stelle kann 
immerhin auch als spontane Bewegung aufgefasst werden und hatte 
daher für mich keinen absoluten Werth. 

Ich habe meine Untersuchungen an mehr als 60 curarisirten Thie- 
ren im hiesigen Institute für experimentelle Pathologie ausgeführt. Be- 
vor ich daran gehe die Resultate derselben mitzutheilen, kann ich nicht 
umhin dem Leiter dieses Institutes, Herrn Prof. S. Stricker, für die 
gütige Unterstützung, die er mir bei meinen Untersuchungen zu Theil 
werden Hess und für die liebenswürdige Bereitwilligkeit, mit welcher 
mir alle Behelfe des Laboratoriums zur Verfügung gestellt wurden, 
meinen herzlichsten Dank auszusprechen. 



Ueber Reflexbe'vegtiDgen des Uterus. 5 

I. 

Ich und Oser haben nachgewiesf^n, dass dyspnoisches Arterien- 
blut Uterusbewegungen hervorrufe, einerseits durch Eeizung eines in- 
nerhalb der Schädelhöhle gelegenen Uteiusnervencentrums und an- 
dererseits durch directe Einwirkung auf in der Gebärmutter selbst 
befindliche irritable Gebilde. Es lag nun nahe, zu untersuchen, ob 
sich Bewegungen dieses Organes auch auslösen lassen durch reflecto- 
rische Erregung des Nerven centrums. Ich habe daher zunächst die 
Erfolge der elektrischen Reizung von Eückenmarksnerven geprüft, 
und theile in Folgendem die gewonnenen Resultate mit: 

Elektrische ReiiaDg; des eentralen Stumpfes eioes Rfleken- 
marksnefven raft nach 5 — 15 Seeanden allgemeine, energische 
llternsbcwegnngen hervor. 

Reizt man bei einem Thiere, wie ich es oben beschrieben habe 
und dessen Uterus auf die Sistirung der künstlichen Athmung in 
prompter Weise nach 10—20 Secunden mit einer energischen, all- 
gemeinen Contraction geantwortet hat, das centrale Ende eines bloss- 
gelegten und durchschnittenen Rückenmarksnerven mittelst des elek- 
trischen Stromes (ich bediente mich eines Leclanchet-Elementes zu 
einem kleinen Dubois'schen Schlitten, und arbeitete in der Regel 
mit ganz übereinandergeschobenen Rollen), so sieht man oft schon 
in der 2. oder 3. Secunde (die Zeit zwischen dem Reize und dem 
sichtbaren Effecte wurde mittelst eines Metronomes gemessen, das 
60 Pendelschläge in der Minute machte), längstens aber zwischen 
der 10. und 15. Secunde den Beginn einer Bewegung, welche schon 
nach weiteren 2 bis 8 Secunden die Gesammtmasse des Uterus er- 
fasst, und denselben zu einem blassen Convolut zusammenballt. 
Mit dem Aufhören der Reizung kehrt der Uterus allmälig wieder zur 
Ruhe zurück, wird schlaff, und nimmt seine frühere Farbe an. Bei 
sehr reizbaren Thieren geschah es nicht selten, dass schon die 
Isolirung des Nerven und die damit nothwendig verbundene leichte 
Zerrung hinreichte, um sehr deutliche Contractionen des Uterus her- 
vorzurufen, während die Umschnürung mit dem Bindefaden, oder die 
Durchschneidung des Nerven in diesen Fällen sofort ein plötzliches 
Erblassen und Aufrichten des Uterus zur Folge hatte. 

Ungünstige Thiere, deren Uteri auf die Sistirung der Athmung 
nicht reagirten, antworteten in der Regel auch auf die Reizung der 



6 Schlesinger. 

sensitiven Nerven nicht, oder doch nur in sehr geringem Grade. 
Im Allgemeinen beobachtete ich jedoch, dass bei überhaupt günsti- 
gen Thieren der Bewegungseffect nach elektrischer Reizung eines 
Rückenraarksnerven rascher und intensiver auftrat, als dies nach 
Aussetzung der künstlichen Athmung der Fall war, eine Differenz, 
die wohl in dem Umstände ihre natürliche Erklärung findet, dass 
im letzteren Falle doch immerhin eine gewisse Zeit verstreicht, bis 
das Blut seine reizende Eigenschaft erhält, während bei der elek- 
trischen Erregung der Reiz ein unmittelbarer, directer ist. 

Einige Protokolle, deren ich für dieses Experiment mehr als 
20 zur Verfugung habe, mögen das Gesagte veranschaulichen : 

Protokoll Nr. 1*). 

Kaninchen, Tracheotomie, curarißirt. Nach Eröffnung der Bauchhöhle 
Uterus hellroth, flach, bandförmig, vollkommen ruhig. Durch 10 Minuten 
beobachtet. 

9 Uhr 50 Min. Aussetzung der künstlichen Athmung. Nach 10 Se- 
cunden Beginn einer Bewegung an den Tubarenden. Nach weiteren % Se- 
cunden ist die Contraction des Uterus eine allgemeine und in der 1 4. Se- 
cunde der letztere zu einem Knäuel zusammengeballt. Nach Wiedereinlei- 
tung der Ventilation wird der Uterus wieder hellroth und vollkommen 
ruhig. 

10 Uhr 2 Min. Blosslegung des Nervus medianus. Bei der Zuziehung 
der Fadenschlinge und der Durchschneidung des Nerven sieht man an 
mehreren Stellen beider Hörner tiefe Stricturen und Erblassen des ganzen 
Organs. Es werden nun 6 Minuten zugewartet, während welcher der Ute- 
rus wieder vollkommen hellroth und ruhig geworden ist. Hierauf elektri- 
sche Reizung des centralen Nervenendes. Bei dem 4. Metronomschlage 
haben sich die blass und cylindrisch gewordenen Hörner bereits bogen- 
förmig ineinander geschoben und in der 6. Secunde stellen Hörner, Tuben 
und Mesenterium bereits einen vollständig blassen Knäuel dar. Nach Auf- 
hören der Reizung löst sich derselbe allmalig auf und nach einer Viertel- 
miuute liegen Hörner und Tuben erschlafft, hellroth und ruhig da. 

Das Experiment wird in Zwischenräumen von je 10 und 15 Minuten 
stets mit demselben ausgezeichneten Erfolge wiederholt, nur dass die all- 
gemeine Contraction in den folgenden Experimenten immer um 2—3 Se- 
cunden später eintrat. Beim letzten Versuch geschah dies erst in der 



*) Die Nummer bezieht sich auf die Reihenfolge, in welcher die 
Protokolle in der vorligenden Abhandlung mitgetheilt werden. 



Ueber ReflexbewegungeD des Uterus. 7 

16. Secnnde und die Bewegung war auch keine so intensive mehr. In 
der Zwischenzeit war auch keine Spur einer spontanen Bewegung vor- 
handen. Eine Controlle der Herzthätigkeit ergab, dass das Herz während 
der Reizungen kräftig fortarbeitete. 

Protokoll Nr. 2. 

Kaninchen, curarisirt, tracheotomirt. Nach Eröffnung der Bauchhöhle 
Uterus rosa, flach, nur sehr mittelmässig entwickelt, vollkommen ruhig. 
Präparirung und Durchschneidung der Vagi. Während dieser Operation 
laufen sehr deutliche spontane Bewegungen ab. Nachdem alles wieder 
ruhig, wird noch 8 Minuten zugewartet, während welcher der Uterus voll- 
ständig ruhig bleibt, 

12 Uhr 3 Minuten. Aussetzung der Respiration. Nach der 9. Secunde 
Beginn, in der ii. Secunde allgemeine energische Contraction des ganzen 
Genitalkanals. Nach Wiedereinleitung der künstlichen Athmung wird der 
Uterus vollkommen ruhig. 

la Uhr 15 Minuten. Präparirung des Nervus cruralis, stellenweises 
Erblassen des linken Homes. Nach 5 Minuten, während welcher Alles 
ruhig ist: Reizung des centralen Stumpfes. Nach der 5. Secunde Beginn, 
nach der 9. Secunde allgemeine stfbmische Contraction des ganzen Uterus 
sammt Tuben. Nach Aufhörung der Reizung kehrt der Uterus wieder zur 
Ruhe zurück, wird roth und schlaffl 

Das Experiment, in Zwischenräumen von je 5 Minuten noch zwei- 
mal wiederholt, hat stets denselben Erfolg. 

12 Uhr 45 Min. Blosslegung eines Stammes des Plex. brachialis an 
dem Vorderarme, keine wahrnehmbare Veränderung am Uterus. Reizung 
des centralen Stumpfes. Nach der 8. Secunde Beginn, bei dem 12. Metro- 
uomschlage allgemeine energische Contraction des ganzen Uterus. Nach 
Aufhören der Reizung wird der Uterus wieder ruhig. Das Experiment 
nach 8 Minuten wiederholt, hat denselben Erfolg. Nur tritt die allgemeine 
Contraction erst in der 16. Secunde ein. Bei Gelegenheit einer Opera- 
tion in der Bauchhöhle wird eine grössere Blutung gesetzt und daher 
der Versuch unterbrochen. 

Die Thatsache, dass durch centrale Reizung eines Rückenmarksner- 
ven energische, allgemeine Contractionen des Uterus ausgelöst werden 
können, ist hiermit in unzweifelhafter Weise dargethan, eine Thatsache, 
die abgesehen von einigen klinischen Hypothesen meines Wissens 
bisher nicht erwiesen war. Spiegelberg hat zwar über Beobach- 
tungen berichtet, welche im Sinne meiner Erfahrungen sprechen, 
er hat ihnen aber eine andere Deutung gegeben. In seiner Publi- 



8 Schlesinger. 

cation^) berichtet er auf Seite 14 Exper. VII.: »Um aber weiter 
den Beweis zu fuhren, dass die üterusbewegungen nach Vagusrei- 
zung nicht durch diese bedingt, sondern spontane waren, ward der 
Nerv, hypoglossus, das Zellgewebe über der Glandula submaxill. gereizt 
und auch hiernach zeigten sich starke Contractionen*. Körner 2), 
welcher sich ebenfalls auf dies Experiment Spiegelberg's bezieht, 
meint, dass hier wahrscheinlich Stromschleifen im Spiele waren. 
Mich dünkt es viel wahrscheinlicher, dass, wenn die Contractionen 
wirklich immer mit dem Beginne der Reizung eintraten, man es in 
diesen Fällen mit dem Effecte der Reizungen sensibler . Nerven zu 
thun hatte. Denn einmal ist der Ort, wo Spiegelberg diese Rei- 
zungen vornahm, von dem Uterus viel zu weit entfernt, als dass die 
Annahme von Stromschleifen gerechtfertigt wäre, und dann ist ja 
die Möglichkeit, durch sensible Reizungen Contractionen des Uterus 
hervorzurufen, nun klar erwiesen. Aus diesen Erfahrungen wird es 
nun verständlich und aufs Neue bekräftigt, wie mannigfach Versuche 
an den weiblichen Genitalien gestört werden und wie zahlreich die 
Fehlerquellen sind, welche die Richtigkeit der Beobachtung beein- 
trächtigen können. Auch die Deutung, welche Spiegelberg den 
positiven Resultaten gab, die er nach Reizung des centralen Vagus- 
endes erhielt, wird nach dem Vorausgeschickten gleichfalls einer ein- 
facheren weichen müssen. Spiegelberg schien den Bewegungseffect 
nach centraler Vagusreizung zum Theile ebenfalls auf die dadurch 
bewirkte Circulationsstörung (siehe sein Experiment IX.) zurück- 
führen zu wollen, während er an einer anderen Stelle seiner Arbeit 
viel richtiger (S. 36) eine Uebertragung des Reizes durch die Me- 
dulla oblongata auf den Uterus supponirt, da »eine andere Erklärung 
nicht übrig bleibe«. In der That ist es nun klar, und wird sich aus 
dem Folgenden noch weiter ergeben, dass der Bewegungseffect, den 
auch ich bei überhaupt günstigen Thieren nach Reizung des centra- 
len Vagusendes constant erhalten habe, nicht anders aufzufassen ist, 



*) Experiment. Untersuchungen über die Nervencentren und die Be- 
wegungen des Uterus von Dr. 0. Spiegelberg. Zeitschr. f. rationelle 
Medicin. 3. Reihe 2. Band 1858. 

*) Anatomische und physiolog. Untersuchungen über die Bewegung 
der Gebärmutter. Von Dr. Th. Körner. Studiendes physiol. Institutes 
zu Breslau, herausgeg. von Prof. Heidenhain. m. Heft, 



Ueber Refleibevegungen des Uterus. 9 

als der Erfolg, den die Eeizung eines jeden Nervenstammes bietet, 
welcher sensitive Fasern führt. 

Ich habe anch den Versuch gemacht, die Brustwarzen der 
Thiere auf eleMrischem Wege zu reizen, um die darauffolgenden 
Veränderungen (Bewegungen) im Uterus zu beobachten. Die zahl- 
reichen Tast- und Pacinischen Körperchen (Luschka) der Brust- 
warze, sowie die klinische Thatsache, dass mechanische Reizung der 
Brustwarze Uteruscontraction anzuregen vermag (S c a n z o n i), forder- 
ten ja zu dem Experimente geradezu auf. Indess konnte ich diese 
meine Absicht nicht ganz nach Wunsch ausführen, weil ich ja aus- 
schliesslich an jüngeren Thieren experimentirte, deren Brustwarzen 
noch wenig, oder gar nicht entwickelt sind. In den Fällen, in welchen 
ich solche Reizungen vornehmen konnte, habe ich constant Bewegun- 
gen des Uterus beobachtet, wenn dieselben gleich nicht so intensiv, als 
nach directer Eeizung centraler Nervenstämme auftraten. 

Spiegelberg, indem er den Zusammenhang des Uterus mit 
den grossen Centren des Nervensystemes bestätigt fand, meinte 
(1. c, S. 41), dass sich hieraus unter anderem auch der Einfluss 
erklären lasse, den besonders die Mammae, ,^von denen man schon 
lange sagt, dass sie in einem Consensus mit den Beckengenitalien 
stehen, auf die Thätigkeit des Uterus in den Zeiten seiner höchsten 
Function nehmen*. 

Nun denn! Durch die von mir gefundene Thatsache ist man 
jener Erklärung jedenfalls um einen Schritt näher gerückt, und die 
mystischen »Sympathien* sind wenigstens in einer Richtung auf ein 
allgemeines Nervengesetz zurückgeführt. Es wird hiedurch auch die 
von vielen Gynäkologen constatirte Erfahrung verständlicher, dass 
die Involution des puerperalen Uterus bei solchen Frauen viel rascher 
vor sich geht, die ihre Kinder selbst stillen. Die durch das Saugen 
hervorgerufenen Contractionen des Uterus, welche ja die Voraussetzung 
für jene Annahme bilden, können nun ihre physiologische Begrün- 
dung finden. Die ganze Summe jenes Zusammenhanges, in welchem 
die Entwicklung und die Function der Mammae mit den Genitalien 
des Weibes steht, ist freilich auch durch diese Thatsache nicht völlig 
aufgeklärt, eben so wenig wie durch die sehr mittelbare Anastomose 
der Gefasse beider Organe, welche man ja ebenfalls zur Aufhellung 
dieses dunklen Punktes herangezogen hat. 



10 Schlesinger. 

n. 

Die Uterusbewegang, die man nach centraler Beizung einesllacken- 
marksnerven erhält, muss selbstverständlich als ein rein reflectorischer 
Effect anfgefasst werden und es handelte sich zunächst um die Stelle 
im Nervensysteme, an welcher die von der Peripherie kommende 
Kette durch einen Centralapparat ausgelöst wird. Ein durch dyspnoi- 
sches Blut direct erregbares Centrum für Uterusbewegungen im Ge- 
hirne, habe ich mit Oser bereits nachgewiesen. Sistirung der Ath- 
mung hatte nur bei integrem Halsmarke in einer bestimmten Zeit 
Uterusbewegungen zur Folge, während nach Durchschneidung des 
Halsmarkes zwischen Occiput und Atlas diese Wirkung ausfiel. 

Es fragte sich nun, ob auch die centripotal geleitete Erregung des 
sensitiven Nerven an diesem Orte auf motorische Bahnen übertragen 
werde und die Durchschneidung der MeduUa an der erwähnten Stelle 
musste hierüber Aufschluss geben. Das Kesultat war, dass der Ute- 
rus, der bei integrem Marke auf die Heizung eines Bückenmarksner- 
ven in stürmischer Weise reagirte, nach erfolgter Durchschneidung 
des Halsmarkes an der genannten Stelle, vollkommen ruhig blieb. 

Im Rftckenmarke gibt es also keine reüectorische Terknflpfang 
iwischen sensiblen Nerven und motorischen Centralapparaten fflr 
den Vterns. 

Hier einige Protokolle: 

Protokoll Nr. 3. 

Kaninchen, halbgewachsen, tracheotomirt, curarisirt. Nach Eröffnung 
der Bauchhöhle Uterus rosafarben, bandförmig, ruhig. 

10 Uhr 16 Min. Aussetzung der künstlichen Athmung. Nach der 
5. Secunde Beginn, nach der 8. See. allgemeine energische Contraction 
des ganzen Uterus. Nach Wiedereinleitung der Ventilation wird der Ute- 
rus vollständig ruhig. 

10 Uhr 25 Min. Blosslegung des Nervus cruralis und Durchschnei- 
dnng. Beizung des centralen Stumpfes. Nach der 6. Secunde allgemeine 
energische Contraction. In Zwischeuräumen von je 5 Minuten wiederholt, 
immer derselbe Erfolg. 

10 Uhr 50 Min. Blosslegung zweier Stämme des Plexus brachialis 
am Oberarme. Umschntirung und Durchschneidung. Uterushörner schnü- 
ren sich stellenweise ein. Nachdem alles ruhig, der Uterus wieder ganz 
hellroth, Reizung des centralen Stumpfes eines Nerven. Nach der 3. Se- 
cunde allgemeine stürmische Contraction. Experiment wiederholt mit dem- 



Ueber Refleibevegungen des Uterus. 11 

selben Erfolge. Das Herz, durch eine eingestochene Nadel controlliit, hat 
während der Beizung fortgeschlagen. 

11 Uhr 10 Min. Aussetzung der Bespiration. Nach der 9. Secunde 
Beginn, bei dem 14. Meironomschlage allgemeine Bewegung. Es wird nun 
die Medulla zwischen Occiput und Atlas mit unbedeutendem Blutverluste 
durchgeschnitten. Bei Wiedereröffiiung der geschlossen gewesenen Bauch- 
höhle sieht man den Uterus in spontaner Bewegung, die aber nach Ab- 
lauf von % — 3 Minuten aufhört. Nach weiteren 5 Minuten, während wel- 
cher der Uterus ruhig und hyperämisch geworden ist: Centrale Eeizung 
der Brachialäste durch 40 Secunden ohne Erfolg. 

Beizung des Cruralstumpfes ohne Erfolg. Aussetzung der künstlichen 
Athmung bis 50 Secunden — kein Erfolg. 

Protokoll Nr. 4. 

Grosses Kaninchen, Tracheotomic, curarisirt. Nach Eröffnung des 
Bauches Uterus hellroth, stark entwickelt, ruhig. 

12 Uhr 3 Min. Sistirung der künstlichen Athmung. Nach der 8. Se- 
cunde Beginn, bei dem 15. Metronomschlage allgemeine, energische Con- 
traction. Nach Wiedereinleitung der Ventilation wird Uterus ruhig, hell- 
roth. Blosslegung der Vagi. Während der Operation stellenweise Einschnü- 
rungen der Hörner und schwache Bewegungen des Mesometriums. Nach- 
dem alles wieder ruhig, Uterus hellroth, schlaff: 

12 Uhr 15 Min. Reizung des centralen linkenVagusstumpfes. Nach der 
8. Secunde Beginn, bei dem 15. Metronomschlage allgemeine stürmische 
Contraction. 

i% Uhr 22 Min. Uterus ruhig, hellroth. Eeizung des centralen Stum- 
pfes eines Astes des Plexus brachialis am Oberarme. Beim 8. Metronom- 
schlage Beginn, beim 42. allgemeine Contraction. 

12 Uhr 29 Min. Sistirung der Athmung. Nach der 16. Secunde Be- 
ginn, in der 23. Secunde energische Contraction. 

12 Uhr 36 Min. Reizung des Brachialastes wie oben. 

12 Uhr 43 Min. Sistirung der Athmung wie oben. 

12 Uhr 51 Min. Reizung des rechten centralen Vagusstumpfes-, in 
der 12. Secunde Beginn, in der 18. — 20. See. allgemeine Bewegung. 

Es wird nun die Medulla zwischen Atlas und Occiput durchschnit- 
ten. Darauf spontane Bewegungen, die 3 Minuten anhalten. Nachdem 
alles ruhig, Uterus hyperämisch. Circulation gut im Gange : 

1 Uhr 5 Min. Centrale Reizung des Brachialastes bis 35 Secunden 
— kein Erfolg, Aussetzung der Respiration durch 40 Secunden, Uterus 
bleibt vollständig ruhig. Abermalige Reizung des Brachialastes durch 
35 Secunden ohne jeden Erfolg. Compression der Aorta. In der 22. Se- 
cunde Beginn, bei 55 — 60 Secunden allgemeine energische Contractionen. 



12 SchiesiDger. 

Dieses Eesultat konnte nach früheren analogen Beobachtungen 
nicht überraschen, trotzdem gerade bezüglich des Uterus eine reflec- 
torische Verbindung mit dem Eückenmarke eine sehr verbreitete An- 
schauung ist. So ist es ja bekannt, dass die reflectorische Erregung, 
welche auf Eeizung sensibler Nerven im vasomotorischen System auf- 
tritt, nach Abtrennung der Medulla oblongata vom Eückenmarke 
ebenfalls aufhört^), und ich im Vereine mit Oser waren ja überdies 
in der Lage, die Erregung eines im Eückenmarke liegenden Centrums 
durch dyspnoisches Blut gleichfalls auszuschliessen. 

Wenn daher Obernier^) zur Stütze seiner Ansicht, dass dem 
Lumbartheile des Eückenmarks ein Einfluss auf die üterinthätigkeit 
nicht abgesprochen werden könne, ausruft: »Wer hätte nicht durch 
Aetherbesprengungen der Bauchdecken Verstärkung der Wehenthätig- 
keit oder Nachlass einer üterinblutung beobachtet? Und doch ent- 
springen die sensitiven Nerven der Bauchdecken, die jene Eeflexe 
auslösten, aus dem Eückenmarke I« — so möchte ich dem entgegen- 
halten, dass die angeführten Thatsachen doch nur beweisen, dass Ee- 
flexe auf den Uterus überhaupt ausgelöst werden, dass sie aber gar 
nichts aussagen über den Ort der Auslösung. 

m. 

Eine Eeihe von Experimenten habe ich auch der Frage gewidmet 
welche Bahnen die vom Gehirne kommende Erregung einschlage, um zur 
Peripherie, respective zum Uterus zu gelangen. Dass der durch dyspnoi- 
sches Blut im Gehirne gesetzte Eeiz durch die Medulla oblongata und 
das Eückenmark und nicht durch den Vagus oder Sympathicus nach 
abwärts laufe, ist bereits durch mich und Oser nachgewiesen. Es han- 
delte sich jedoch hier um die weitere Verfolgung des Weges, welchen 
der Nervenreiz nehmen müsse, um zur Muskulatur des Uterus zu gelan- 
gen. Darüber herrscht nun bekanntlich unter den neueren Forschern 
eine völlig unvermittelte Controverse. Während Frankenhäuser 3) 



^) Nach den neuesten Untersuchungen von Owsjannikow (Arbei- 
ten aus der physiol. Anstalt zu Leipzig. 6. Jahrgang. 4 871. Mitgeth. von 
C. Ludvig. Leipzig 1872) ist dies der Fall, wenn der Schnitt 5— -6 Mil- 
limeter unterhalb des Vierhügels geführt wird. 

*) Experiment, Untersuchungen über die Nerven des Uterus. Bonn 
1865. S. 25. 

^) Jena'sche Zeitschr., Bd. I. Die Bewegungsnerven d. Gebärmutter. 



üeb«* Reflabevegungcii des Uterus. 13 

das anf der Aorta henmterlanfende sympathische Nervengeflecht, den 
Plexus aterinus för den eigentlichen Bewegungsnerv der Gebärmutter 
erklärt, die vom 3. und 4. Kreuzbeinnerven zu den Genitalien gehenden 
Zweige aber geradezu als Hemmungsnerven bezeichnete (eine Ansicht, 
die er in seinem späteren grossen Werke ^) allerdings zurücknahm, um 
die Frage über die Natur dieser Nerven gleich Obernier offen zu 
lassen), behauptet Kehrer 2), dass durch Reizung jenes Aortenplexus 
keine Contractionen in der Gebärmutter ausgelöst werden, vielmehr die 
Er. sacrales es seien, durch deren Vermittelung Erregungen des Cere- 
brospinalsystemes zu den Genitalien gelangen. Spie gel borg, welcher 
in seiner bereits citirten Abhandlung angab, dass die von den Central- 
theilen ausgehenden Erregungen durch die Verbindungen des Bauch- 
grenzstranges des Sympathicus mit dem Rückenmarke und durch die 
Sacralnerven zum Uterus gelangen, behauptete später^), dass erden Sym- 
pathicus »im Wesentlichen« für einen Nervus vasomotorius halte, und 
»dass es ihm desshalb nicht in den Sinn kommen konnte, die Ganglien 
der Bauchhöhle und ihre Fäden, also auch die Nervi aortici als moto- 
rische Leitungsbahnen für den Uterus anzusprechen*. 

»Es ist also«, sagt Spiegelberg in der citirten, kritischen Revi- 
sion die Resultate Kehr er' s resumirend, »der Sympathicus ohne allen 
Einfluss auf die Erregung von Uterincontractionen und diese werden, 
was auch ich (Spiegelberg) behauptet habe, von spinalen Fasern 
erregt«. Diese Auseinandersetzung Spiegelb erg's wurde, soweit 
sie den Sympathicus betrifft, von Frankenhäuser *) bereits abge- 
lehnt, und meine eigenen Untersuchungen haben mir die volle Ueber- 
zeugung verschafft, 

dass sich durch Reizung des auf der Aorta herun- 
terlaufenden Nervengeflechtes allerdings und zwar 
sehr energische Contractionen des Uterus auslösen 
lassen. 



^) Die Nerven der Gebärmutter und ihre Endigung in den glatten 
Muskelfasern. Mit 8 Taf. Jeua 1867. 

*) Beiträge zur vergleichenden und experimentellen Geburtskunde. 
1. Heft. Giessen 1864. 

') Die Nerven und die Bewegung der Gebärmutter. Eine kritische 
Revision von 0. Spiegelberg. Monatschr. f. Geburtsk. Bd. 24, i8ö4. 
*) Die Nerven der Gebärmutter. Jena 4867. 



14 Schlesinger. 

Der Effect ist so überzeugend, dass ein Zweifel völlig unberechtigt 
erscheint. Wenn daher Spiegelberg, nm seine Ansicht zu stützen, 
sich auf die Wirkung der Compression der Aorta beruft, und den Erfolg 
nach Beizung des Nervus aorticus und der mit ihm verbundenen Gang- 
lien auf Eechnung der dadurch erzeugten Circulationsstörung im Uterus 
durch Oontraction der Gefässe setzen möchte, so ist dagegen zu erin- 
nern, dass die Zeit, innerhalb welcher der Bewegungseffect auf die 
beiden Beizungen (directe Nervenreizung und Compression der Aorta) 
folgt, eine so differente ist, dass ein Identificiren der beiden Eingriffe 
geradezu ausgeschlossen ist. 

Während bei überhaupt günstigen Thieren und bei integrem 
Marke die Wirkung der Compression der Aorta nach meinen und Oser's 
Untersuchungen zwischen die 70.— 120. Secunde oder auch noch später 
fällt, bedingt Beizung der Nervi Aortici fast stets sofortige allgemeine 
Contractionen der Gebärmutter, wobei noch zu bedenken ist, dass bei 
Compression der Aorta die Circulaüon unterhalb derCompressionsstelle 
sofort stille steht, während es ja noch fraglich ist , ob in Folge der 
Beizungen des sympathischen Geflechtes die Contraction der Gefasse 
eine so intensive ist, um eine gleich grosse Circulationsstörung zu ver- 
anlassen. Ueberdies ist auch der neueste Forscher auf diesem Gebiete, 
Theod. Körner (1. c.) zu dem Besultate gelangt, dass sowohl Beizung 
des auf der Aorta herunterlaufenden sympathischen Zweiges, als auch 
der zum Uterus gehenden Sacraläste Contractionen der Gebärmutter 
hervorzurufen vermag. 

Die Versuche, die ich nun selbst über diesen Gegenstand anstellte, 
bezogen sich einmal auf die Frage, ob sich durch Beizung des Plexus 
aorticus überhaupt Contractionen des Uterus auslösen lassen, und 
dann in zweiter Beihe darauf, ob dies der einzige Weg sei, durch 
welchen vom Centralnervensysteme ausgehende Erregungen zum Ute- 
rus gelangen. Es ist bereits erwähnt worden, dass die erste Frage 
im positiven Sinne entschieden wurde. Selbst wenn der Uterus auf 
andere Beize, wie Sistirung der Athmung, Compression der Aorta, sen- 
sible Beizung gar nicht, oder nur äusserst schwach reagirte, gelang es 
mir noch häufig genug durch Beizung der Nervi aortici allgemeine Con- 
tractionen des Uterus hervorzurufen. Die Beizung wurde vorgenommen 
sowohl durch einfaches Auflegen der Platinelektroden auf die Aorta als 
auch nach Durchschneidung und Abpräparirung des Nerven auf das 
periphere Ende desselben. Ein auf den Uterus gelegter Froschschen- 



Ueber Refleibewegungen des Uterus. 15 

kel schützte vor Täuschungen durch Stromschleifen, noch mehr aber 
die Erfolglosigkeit, wenn die Eeizung an den verschiedensten Stellen 
in der Umgebung der Aorta versucht wurde. 

Die Prüfung des zweiten ümstandes, ob dies nämlich die einzige 
Leitungsbahn zum Uterus sei? geschah in der Weise, dass nicht 
nur die beiden Nn. sympathici in ihrem Verlaufe zwischen den Rän- 
dern der Mm. Psoas durchschnitten, sondern auch die Aorta unge- 
fähr einen Zoll weit von den auf ihr und in ihrer Umgebung herab- 
laufenden Nervengeflechten befreit wurde. Man war bei diesen 
Präparirungen gerade nicht scrupulös, insofern eben alles abpräparirt 
wurde, was möglicherweise JSTervenfaden fahren konnte. Dass die 
Bahn wirklich unterbrochen war, Hess sich in präciser Weise dadurch 
bestimmen, dass der oberhalb der präparirten Stelle durch 30—50 
Secunden angewendete elektrische Eeiz im Uterus nicht die geringste 
Veränderung wahrnehmen Hess, während die unterhalb der abpräpa- 
rirten Stelle auf das periphere Ende des Geflechtes applicirte Beiz sofort 
allgemeine Contractionen der Gebärmutter hervorrief. 

Wenn nun bei einem so behandelten Thiere, bei welchem also 
die sympathische Bahn längs der Aorta unterbrochen war, die Eei- 
zung eines Eückenmarksnerven vorgenommen wurde, so konnte man 
trotzdem in den meisten Fällen Contractionen des Uterus beobach- 
ten. Die Bewegungen traten in einigen Experimenten etwas später 
und nicht so intensiv auf, aber sie fehlten auch niemals. Ebenso 
verhielt es sich mit dem Effecte nach Sistirung der Athmung. Es 
ergibt sich aus diesen Beobachtungen: 

ier auf der A«rta heranterlaufeide Plexus ist iwar ein mäeh- 
tiger, aber nicht der alleinige meterische leitangsnerv in dem 
Uterus. 

Protokoll Nr. 5. 

Junges Kaninchen, tracheotomirt, curariBirt. Nach ErOffiiung der 
Bauchhöhle: Uterus schön entwickelt, rosa. Blosslegung eines Astes des 
Plexus brachiaHs am Oberarme, Zuziehung der FadenschHnge — etür- 
mische Contraction. Darauf wieder voUkommene Euhe. 

11 Uhr M Min. Aussetzung der künstHchen Athmung. In der 80. 
Secunde aUgemeine Contraction. 

11 Uhr 21 Min. Centrale Eeizung des Nerven. Bei dem 6. Metro- 
nomschlage aUgemeine stürmische Contraction. Es werden nun die Nervi 
Aortici durchschnitten, das auf und unter der Aorta sowie der Vena cava 



Beiträge zur Kenntniss der Befruchtung und Ent- 
wicklung des Eanincheneies. 



Von Dr. Carl Well. 



Bevor ich zur Mittheilung meiner Beobachtungen über Befruch- 
tung und Entwicklung des Kanincheneies schreite, muss ich der An- 
schauungen früherer Forscher auf diesem Gebiete , insoweit sich die- 
selben auf die von mir untersuchten Stadien beziehen, Erwähnung thun. 

Eine wissenschaftliche Erforschung des Wesens der Befruchtung 
der Säugethiere konnte erst nach Entdeckung des Säugethiereies im 
Eierstocke, durch Karl Ernst v. Baer (1827), beginnen. Seither ist 
man allgemein der Ansicht, dass eine materielle Concurrenz des männ- 
lichen Samens und des Eies zur Befruchtung erforderlich seien; ob 
aber die Spermatozoiden, oder die flässigen Bestandtheile des Samens 
dabei die Hauptrolle spielen, darüber herrschten verschiedene An sichten. 
L. Th. Bischoff verfocht ursprünglich die Anschauung: es seien die 
Spermatozoiden nur Träger des befruchtenden Principes , und es 
dringe nur der flüssige Antheil des Samens in's Ei, um daselbst jenen 
Entwicklungsprocess anzuregen, den wir nach stattgehabter Befruchtung 
ablaufen sehen. 

Nachdem aber M. Barry Spermatozoiden im Innern des Ka- 
nincheneies gefunden, und die Eichtigkeit dieser Beobachtung von Bi- 
schoff, Leemann,Meursingund G.Meissner ^) bestätigt wurde, 
musste man von der oben erwähnten Anschauung abkommen. 



*) Die genannten Forscher fanden die Spermatozoiden bei schon vor- 
gerückteren Furchongsstadien zwischen den Furchungskugeln bewegungs- 
los Hegen. 



Befruchtung und Eotvicklung des Kaniucheneies. 19 

Als den Ort, wo die Befrachtung stattfindet, bezeichnet L. Tli. 
Bischoff das Ovarium und stützt diese Angabe mit der Beobachtung 
lebender Spermatozoiden am Eierstocke, vor Berstung der angeschwol- 
lenen Follikel. 

lieber den Einfluss der Begattung auf den Austritt der Eichen 
streiten Bischoff und Reichert.^) Während Bischoff der Be- 
gattung keinen oder höchstens einen den Austritt um ein Geringes be- 
schleunigenden Einfluss zuschreibt, will Beichert den Begattungsreiz 
als einen Hauptmotor des Austrittes hingestellt wissen. 

lieber die ersten Vorgänge im Kanincheneie nach stattgehabter 
Befruchtung ist seit Bischoffs preisgekröntem Werke*), auf welches 
ich im Laufe dieser Abhandlung wiederholt zu sprechen komme, keine 
Arbeit erschienen. 

Ich gehe nun an die Mittheilung meiner eigenen Beobachtungen 
und beginne mit denen , welche die Beziehungen der Begattung zum 
Austritte der Eichen aus den Graafschen Follikeln betreffen. 

Ich habe durch Kaninchenzüchter in Erfahrung gebracht , dass 
sich die Kaninchen gleich nachdem sie geworfen, auch wieder besprin- 
gen lassen. Ich hielt nun eine grössere Anzahl trächtiger Weibchen 
vereinzelt eingesperrt und sah häufig nach , ob eines oder das andere 
sich zum Werfen anschickte, was man in den meisten Fällen daran er- 
kennt, dass es sich die Haare zum Nestbau ausreisst. 

Das betreffende Weibchen wurde dann genau bewacht, und sobald 
es geworfen hatte, mit dem Bock zusammengesperrt. In den meisten 
Fällen erfolgte dann die Begattung sogleich. 

Wie schon Bischoff ^) hervorgehoben , darf man aus dem Um- 
stände, dass der Bock das Weibchen besprungen und coitusartige Be- 
wegungen ausgeführt hat, noch nicht auf eine stattgehabte Begattung 
schliessen. Um die Immission des Penis zu ermöglichen , muss das 
Weibchen die Hinterfüsse aufstellen, worauf dann die Immission und 
die Ejaculation erfolgt. In der Regel stösst das Weibchen in diesem 



*) L. Th. Bischoff. Neue Beobachtungen zur Entwicklungsgeschichte 
des Meerschweinchens. 4 Tafeln. 4. Abhandlung der baier. Acad. d. W. 
Cl. n Bd. I Abth. I. 

*) Entwicklungsgeschichte des Kanincheneies. Von Th. L. Wilh. 
Bisch off. Braunschweig, 184i. Druck und Verlag von Friedr. Vieweg 
und Sohn. 

'*) Entwicklungsgesch. F. 4i. 

2* 



20 Carl Weil. 

Momente einen eigenthümlichen pfeifenden Ton ans , das Männchen 
hingegen senkt die Ohren und fallt nach dem Acte ziemlich fatigirt 
nach hinten oder einer Seite vom Weibchen herab, worauf beide Thiere 
rnhig neben einander liegen bleiben. 

In allen Fällen, wo ich aus den angegebenen Symptomen die statt- 
gehabte Begattung erschloss, fand ich auch bei vorgenommener Unter- 
suchung Samenfäden in der Scheide. 

Von 11 Weibchen, die ich innerhalb der ersten 24 Stunden nach 
abgelaufenem Geburtsact zum Bock gebracht , verweigerten nur 2 die 
Begattung, von denen eines die äusseren Geschlechtstheile etwas ein- 
gerissen hatte. 

Von den übrigen neun Thieren war nur eines , bei welchem con- 
statirt werden konnte , dass 12 Stunden nach der ersten Begattung 
sicher noch keine Eichen ausgetreten waren. In einem zweiten Falle, 
in welchem sich das Weibchen 24 Stunden nach der ersten Begattung 
nochmals begatten Hess, schienen die Eichen erst kurz vor der letzten 
Begattung ausgetreten zu sein. 

Ich will diese beiden Fälle etwas genauer beschreiben. 

Am 6. Juni 6 Uhr 30 M. früh wurde ein Thier, das in der Nacht 
zuvor geworfen hatte, begattet. Es wurden dann in der Scheide Sper- 
matozoiden gefunden. 

Um 6 Uhr Abends wurde dem Thier die rechte Tuba mit dem ent- 
sprechenden Ovarinm ausgeschnitten. Schon am Aussehen des Ovariums 
erkannte ich, dass keine Eier ausgetreten waren, denn es fehlte an den 
prall gespannten Follikeln die sonst nach kurz zuvor stattgehabtem 
Austritt der Eichen sichtbare , blutig verfärbte Austrittsöffnung. Um 
aber vollständige Gewissheit zu haben, untersuchte ich den Inhalt der 
vorsichtig herauspräparirten geschwellten Follikel , und fand in jedem 
ein reifes Eierstocksei. Auch die sorgfältigste Untersuchung der Tuba 
liess mich kein Eichen daselbst entdecken. 

Hierauf untersuchte ich Tuba und Ovarium der linken Seite mit 
demselben Eesultate. 

In diesem Falle waren also 12 Stunden nach stattgehabter Be- 
gattung noch keine Eichen ausgetreten. 

Am 25. April 4 Uhr Nachm. wurde ein Weibchen, das im Laufe 
des Vormittags geworfen hatte, begattet, am 26./4. 4 Uhr Nachm. liess 
dasselbe Weibchen nochmals die Begattung zu. Am 28./4. 10 U. Vrm. 
fand ich in der Mitte der rechten Tuba zwei Eichen mit 8 Furchungs- 



Befruchtung und Entwicklung des Kanincbeneies- 21 

kugeln (also an einem Orte und in einem Entwicklnngsstadinm, das 
dem Ende des zweiten Entwicklungstages entspricht). In diesem Falle 
dürften also die Eichen erst karz vor der letzten Begattung ausge-» 
treten sein. *) 

Ans den mitgetheilten Fällen und ans der weiteren Thatsache, dass 
ich in mehreren Fällen, wo ich genan 12 Standen nach stattgehabter 
erster Begattung untersuchte , die Eichen bei den einzelnen Thieren, 
an verschiedenen Stellen der Tuba , und ungleich in der Entwicklung 
vorgeschritten auffand (einmal lagen die Eichen im oberen Drittel, ein 
andermal in der Mitte , ein drittes Mal schon am unteren Ende des 
mittleren Drittels des Eileiters; einmal lag der Dotter der Zona noch 
vollständig an, ein andermal war er theilweise, ein drittes Mal vollständig 
von ihr retrahirt), scheint hervorzugehen, dass der Reiz der Begattung 
nicht in nothwendiger unmittelbarer Folge den Austritt der Eichen nach 
sich ziehe, dass vielmehr In der Begel einige Stunden nach abgelaufenem 
Geburtssacte die Eichen austreten, und eine Beziehung zwischen Be- 
gattung und Austritt der Eichen nur insofeme bestehe , als das Thier 
nur einige Stunden vor und nach stattgehabtem Austritt die Begattung 
zulässt. Eines Falles muss ich aber noch erwähnen, in welchem es 
doch den Anschein hatte, als übte der Begattungsreiz einen hervor- 
ragenden Einfluss auf das Austreten der Eichen. 

Am 13./7. 6 Uhr Abends sperrte ich ein Weibchen , das schon 
seit drei Wochen in meiner Beobachtung war, und während dieser Zeit 
weder geworfen , noch auch , obgleich nahezu täglich tum Bock 
gebracht, die Begattung zugelassen hatte, abermals mit dem Männchen 
zusammen. Das Thier bot gar keine Erscheinungen der Brunst dar 
und wollte, obgleich der Bock es wie gewöhnlich anregte, die Begattung 
nicht zulassen. Nun erfasst« ein Grehülfe das Thier mit einer Hand an 
den Ohren, zog mit der zweiten Hand den Schwanz des Thieres in die 
Höhe und der durchaus nicht menschenscheue und zur Begattung immer 
disponirte Bock besprang nun das Weibchen, welches in dieser Situa- 
tion die Immission des Penis nicht hindern konnte. Das Weibchen 
schrie während des Begattungsactes sehr heftig. Auch nachher liess es, 
obgleich wieder vom Bock gereizt, die Begattung nicht freiwillig zu. 



*) Auch Bisch off fand, wie schon erwähnt, zu einer Zeit, wo Sper- 
matozoiden schon am Ovarium zu finden waren, die Graafschen Follikel 
noch uneröffnet , doch konnte er den Zeitpunkt der stattgehabten Be- 
gattung nicht genau angeben. . 



22 Carl Weil. 

Am nächsten Tage um 6 Uhr 30 M. früh fand ich in der Mitte dei* 
rechten Tuba des Thieres 3 Eier, deren Dotter ringsum von der Zona 
retrahirt war. 

Nachdem ich nun meine Beobachtungen über die Beziehungen 
der Begattung zum Austritt der Eichen mitgetheilt, will ich in den fol- 
genden Blättern meine Erfahrungen über das Verhalten der Spermato- 
zoiden am und im Ei, sowie über die Veränderungen der letzteren in 
den ersten Entwicklungstagen niederlegen. 

Da die Auffindung und Präparation des Säugethiereies in den 
ersten Entwicklungsstadien ziemlich schwierig ist, werde ich im nächsten 
Falle die angewandte Untersuchungsmethode genau mittheilen. 

Am 26./5. 7 Uhr früh wurde ein Weibchen , das am 25,/5. um 
2 Uhr Nachmittags zum erstenmale die Begattung zuliess, aufgebunden 
und mit einer Mischung von Aether und Chloroform narcotisirt. Nach 
Spaltung der Bauchwand in der Medianlinie in einer Ausdehnung von 
etwa 10 Ctm. und Eröffnung des Peritonäums in eben solcher Aus- 
dehnung, wurde die rechte Tuba mit dem entsprechenden Ovarium ex- 
stirpirt, nachdem zuvor ober- und unterhalb der zu führenden Schnitte 
Ligaturen angelegt waren. Während ein Gehülfe die Bauch wunde 
schloss, schritt ich zur Untersuchung. Am Ovarium fand ich 3 Follikel 
geborsten, was ich sehr leicht an ihrer etwas zugespitzten Form und 
einer an der Kuppe befindlichen, blutig verfärbten feinen Oeffnung er- 
kannte. Hierauf präparirte ich mit Pincette und Schere die Tuba aus 
ihrem Fett und Peritonealüberzuge vollkommen frei heraus, und schnitt 
sie auf einem Objectträger nun partienweise immer in der Ausdehnung 
von etwa 1 " mit sehr feiner Schere auf. Ich durchsuchte nun die 
betreffende Partie genau mit der Loupe , indem ich die einzelnen Fält- 
chen der Schleimhaut mittelst 2 Nadeln auseinanderzog. In der Mitte 
des Eileiters angelangt, bemerkte ich ein kleines rundliches hell glän- 
zendes Gebilde zwischen den Schleimhautfalten. Nun brachte ich so- 
gleich den Objectträger unter's Mikroskop (Hartnack. Ocul. 3, Obj. 4) 
und erkannte dieses Gebilde als Eichen. Unweit davon lagen zwei 
andere Eichen, die ich beim Verschieben des Objectträgers auf- 
fand. (Bei dieser Gelegenheit muss ich aber erwähnen, dass ich 
in einzelnen Fällen die Eichen auch weiter von einander entfernt ge- 
funden.) Die betreffende Stelle deckte ich nun, nachdem ich die Tuba 
80 gut als möglich ausgebreitet hatte, ohne Zusatz eines Reagens mit 
dem Deckglase ein, und schnitt die das Deckglas überragenden Partien 



Befruchtung unil Ent\rickluDg des Kanincheneies. 23 

des Eileiters vorsichtig ab. Das znnächst eingestellte EicheD war vou 
einer massig dicken Eiweissschichte umgeben; der Keim lag überall 
der Zona dicht an. In der die Zona umhüllenden Eiweissschichte waren 
viele Samenfäden in lebhaftester Bewegung begriffen ; einzelne Sper- 
matozoiden waren in der Zona eingekeilt , theils mit ihren Köpfen, 
theils mit ihren Schwänzen den Keim berührend. Als ich um das Aus- 
trocknen des Objectes zu verhüten , einige Tropfen Blutserums eines 
kurz zuvor getödteten Kaninchens zusetzte, bemerkte ich, dass die be- 
reits langsamer gewordenen Bewegungen der Samenfäden wieder leb- 
hafter wurden, und auf diese Weise gelang es mir durch 4 Stunden 
hindurch Bewegungen an den Samenfäden wahrzunehmen. 

Am 14. Juli 7 ühr früh fand ich bei dem Thiere , welches wie 
schon früher erwähnt, am 13./7. 6 Uhr Abends zwangsweise begattet 
wurde , 3 Eier in der Mitte des rechten Eileiters. Der Keim war an 
einer umschriebenen Stelle von der Zona zurückgezogen. In der die 
Zona umgebenden Eiweissschichte bewegten sich zahlreiche Spermato- 
zoiden; einige waren in der Zona eingekeilt, andere tummelten sich 
lebhaft im Baume zwischen Zona und Keim herum, den letzteren mit 
ihren Schwänzen peitschend. Um J Uhr tödtete ich das Thier und 
fand in der Mitte des linken Eileiters ein Ei, dessen Keim schon voll- 
ständig von der Zona retrahirt war. Die Samenfäden verhielten sich 
gerade so, wie bei den unmittelbar vorher untersuchten Eiern. 

Im Baume zwischen Zona und Keim befanden sich zwei rundliche, 
fein granulirte Körper, wie solche schon von L. Th. Bischoff, G. 
Meissner u. A. daselbst gesehen und beschrieben wurden. Etwa in 
der Mitte des Keims sah ich zwei rundliche scharf begrenzte, sich be- 
rührende bläschenförmige Gebilde , von denen jedes in seinem Innern 
ein rundliches glänzendes Körperchen beherbergte. 

15./7. 6 Uhr 30 M. Mh schnitt ich einem Kaninchen , das am 
14./7. 4 Uhr Nachm. zum erstenmal begattet wurde, den rechten Ei- 
leiter aus. Ein Ei, im oberen Antheil desselben gelegen, war mit zahl- 
reichen Samenfäden bedeckt, einige Samenfäden waren wieder in der 
Zona eingekeilt, andere im Baume zwischen Zona und dem theilweise 
von ihr retrahirten Keim vorhanden. Im Innern des Keims fand ich 
zwei den oben beschriebenen ganz ähnliche bläschenförmige Gebilde. 
Diesen unmittelbar aufliegend fand ich ein Spermatozoid , dessen Kopf 
gerade über dem Contour lag, der die beiden Bläschen von einander 
trennte und dessen Schwanz etwas nach oben gerichtet war. In diesem 



24 Carl weil. 

wie in jedem anderen Falle, wo es sich um Angabe der Tiefe handelte, 
antersuchte ich mit Hartnack's Immers.-Linsen Nr. 10 n. Nr. 15. 

Nachdem ich bereits, nm das Austrocknen zn verhüten, Blutserum 
zugesetzt hatte , wodurch das Object etwas trüber wurde, zeigte ich 
mein Präparat Herrn Prof. Stricker, der sich noch ganz deut- 
lich von der Anwesenheit eines dem Schwänze eines Samenfadens ähn- 
lichen Körpers in der genannten Gegend überzeugen konnte , während 
er den Kopf des Spermatozoids nicht sehen zu können angab. 

Ausser den zwei in der Mitte des Dotters befindlichen Bläschen 
waren zwei ähnliche, doch etwas kleinere, ebenfalls sehr nahe an einan- 
der gelegene, an der Peripherie des Keims sichtbar; und in den tieferen 
Lagen desselben konnte man noch einzelne, aber nicht scharf begrenzte 
lichtere Stellen wahrnehmen. 

Um 8 Uhr früh untersuchte ich den linken Eileiter desselben 
Thieres und fand etwa in seiner Mitte ein Eichen , dessen Keim ziem- 
lich gleichmässig von der Zona retrahirt war. In der Mitte des Keims 
zwei den vorher erwähnten ähnliche Bläschen, etwas peripher voiHhnen 
ein drittes etwas kleineres, und ausserdem wieder einzelne nicht scharf 
umgrenzte lichtere Stellen. 

lieber einem der central gelegenen Bläschen lag abermals ein 
streifenförmiger, dem Schwänze eines Samenfadens sehr ähnlicher 
Körper, doch konnte ich seinen Kopf nicht deutlich wahrnehmen. Im 
Zusammenhang mit der früher erwähnten Beobachtung halte ich es für 
wahrscheinlich, dass auch hier ein bereits etwas verändertes Spermato- 
zoid vorlag. 

Am 29./6. 6 Uhr früh schnitt ich einem Kaninchen, das am 28./6* 
um 10 Uhr Vorm. zum erstenmale begattet wurde, den rechten Eileiter 
aus. Etwa in der Mitte desselben fand ich ein Eichen, dessen von der 
Zona retrahirter Keim an einer Seite abgeplattet war und in seiner 
Mitte zwei den schon beschriebenen analoge Bläschen beherbergte. 
In dem Baume zwischen Zona und Keim, doch dem letzteren enge an- 
liegend, lag ein den früher erwähnten ähnliches rundliches, fein granu- 
lirtes Körperchen, während ein zweites, ebenso aussehendes , mit einer 
Hälfte im Keim, mit der anderen in dem bezeichneten Baume steckte. 
In den peripheren Lagen des Keims fand ich ein vollständig gut er- 
haltenes Spermatozoid mit dem Kopf gegen das Centrum des Dotters 
gewendet. 



Befiruchtung und EntvicUung des Kaninchencies. 25 

Um 10 ühr Vorm. untersuchte ich den Eileiter der anderen Seite. 
In seiner unteren Hälfte fand ich ein Eichen, dessen von der Zona re- 
trahirter Keim zwei einander gerade gegenüber liegende tiefe Ein- 
kerbungen zeigte, die ohne ihn vollständig in zwei Theile zu trennen, 
eine Zweitheilung schon andeuteten. In der Mitte eines jeden Ab- 
schnittes lag ein rundliches, den in der Mitte des ungetheilten Keims 
befindlichen, vollständig ähnliches Bläschen. Ueber dem Bläschen des 
mir zur Bechten gelegenen Abschnittes, doch ihm nicht unmittelbar 
aufliegend, fand ich einen gut erhaltenen Samenfaden. 

Am 23./5. 1 Uhr 30 Min. Nachm. schnitt ich einem Kaninchen, 
das am 22./5. 10 Uhr Vorm. zum erstenmale begattet wurde, die rechte 
Tuba aus und fand daselbst im mittleren Drittel in massiger Entfer- 
nung von einander drei Eichen, die ungleich weit in der Entwicklung 
vorgeschritten waren. 

Das am meisten peripher gelegene zeigte zwei Furchungskugeln, 
nach aussen von jeder einen der beschriebenen fein granulirten Körper. 
In der Mitte einer jeden Furchungskugel lag ein rundliches scharf be- 
grenztes zartes Bläschen, in seinem Innern zwei rundliche Inhaltskörper 
beherbergend. Im Baume zwischen Zona und den Furchungskugeln 
lagen mehrere Spermatozoiden bewegungslos. Ein Samenfaden steckte 
mit dem Kopf in einer, mit dem Schwanz in der anderen Furchungs- 
kugel. 

Im Innern einer Furchungskugel, unmittelbar dem beschriebenen 
Bläschen aufliegend , war ein Samenfaden sichtbar. In diesem Falle 
konnte ich denselben auch Herrn Prof. Stricker demonstriren. Ausser- 
dem bemerkte ich im Innern derselben Furchungskugel mehrere strei- 
fenförmige Körper an einzelnen Stellen in Bäscheln angeordnet. 

Behufs weiterer Beobachtung befestigte ich nun den Objectträger 
mittelst Glaserkitt an einem Heiztische und erwärmte, während ich von 
Zeit zu Zeit frisches Blutserum zusetzte, auf 36^ C. Ich habe nun das 
Eichen 4 Stunden lang beobachtet und folgende Veränderungen wahr- 
genommen. 

Das Bläschen innerhalb der Furchungskugel wurde oval und zeigte 
an zwei einander gerade gegenüber liegenden Stellen zarte Einschnü- 
rungen, die immer tiefer griffen und nach einiger Zeit konnte ich eine 
das Bläschen halbirende Marke wahrnehmen. Ausserdem tauchten in 
dem Bläschen nach einander zwei rundliche glänzende Körperchen auf. 
An der Form der FurchungskugeUi konnte ich keine Veränderungen 



26 Cjrl Weil. 

walirnehmen. In dem Baume zwischen Zona and den Furchnngskngeln 
erschienen inzwischen zwei neue rundliche, fein granulirte Körper, ohne 
dass ich mir (wegen mangelhafter Aufmerksamkeit) über ihre Herkunft 
hätte Rechenschaft geben können. 

Ein zweites näher dem Uterinalende der Tuba gelegenes Eichen 
untersuchte Herr Prof. Stricker selbst, und fand den Keim in drei 
ungleich grosse, unregelmässig geformte Segmente getheilt, von denen 
eines grösser war, als die beiden anderen zusammen. 

Bei Besprechung des Einflusses der Begattung auf den Austritt 
der Eichen, erwähnte ich eines am 25./4. beobachteten Falles, in wel- 
chem ich im unteren Drittel des Eileiters ein Eiclien mit achtFurchungs- 
kugeln auffand und registrire ich nun diesen Fall wegen der Gontinui- 
tät der aufeinander folgenden Stadien. 

Am 20./5. 12 Uhr 30 Min. Nachm. fand ich bei einem Thiere, das 
am 18./5. um 3 Uhr Nachm. zum erstenmal begattet wurde, im un- 
teren Drittel des rechten Eileiters ein Ei mit 16 Furchungskugeln. Im 
Innern der Furchungskugeln waren einige nicht scharf begrenzte 
lichtere Stellen wahrnehmbar, ausserdem hie und da streifige Körper, 
nirgends aber vollständige Samenfäden, während solche zwischen den 
Furchungskugeln mehrfach zu sehen waren. 

Am 22./5. 1 Uhr Nachm. untersuchte ich das linke Uterushorn 
desselben Thieres und fand am peripheren Ende desselben ein Eichen, 
das an seiner Oberfläche ein zartes Mosaik und an einer umschriebenen 
Stelle einen Haufen rundlicher im durchfallenden Strahle dunkler Kör- 
per (Zellen) erkennen Hess. Bei genauerer Untersuchung erwies sich, 
dass diese Körper der inneren Fläche der aus einer Zellenlage be- 
stehenden Keimhaut (bläschenförmiges Ei) anhafteten und als ein un- 
regelmässig begrenzter Hügel in das Innere des Bläschens hinein- 
ragten. Die Zona war sehr verdickt und eine von ihr getrennte Eiweiss- 
schichte nicht wahmehmbai. 

Am 9./6. 4 Uhr Nachm. untersuchte ich den Uterus eines Thieres, 
das am 4./6. 7 Uhr früh zum erstenmale begattet wurde. Im oberen 
Ende des rechten Uterushornes fand ich drei, in dem der anderen 
Seite zwei mit freiem Auge leicht sichtbare Eichen. 

Die Zona war sehr dick , yon einer Eiweissschichte war wieder 
nichts wahrzunehmen. Der Zona lag ein durchgehends aus einer Zelleur 
läge bestehendes Bläschen (Keim) an, an dem ich nirgends eine Ver- 
dickung wahrnehmen konnte, obgleich ich das Eichen am Objectträger 



Befruchtung ud<1 EDtwicklung des Kauiocheueies. 27 

hin und her rollte. Bei Zasatz sehr verdünnter Müller*scher Flüssig- 
keit zog sich die Zellenhaut von der Zona zurück, faltete sich vielfach 
und veränderte sich bis zur Unkenntlichkeit. Trotz genauester Durch- 
suchung aller fünf Eier konnte ich in keinem derselben eine Spur 
von den früher beschriebenen rundlichen Körpern entdecken. 

Am 3./5. 1 U. Nehm, untersuchte ich den Uterus eines Thieres, 
das am 26./4. um 4 Uhr Nachm. zum erstenmal begattet wurde. 
Ich fand im rechten Uterushom drei Eichen, welche zarte, durch- 
sichtige Bläschen darstellten, an denen schon mit freiem Auge ein 
rundlicher matter Fleck bemerkbar war, der auf Zusatz einer sehr 
verdünnten Lösung von chromsaurem Kali viel deutlicher hervortrat. 
Beim Versuche, das Eichen in Garmin zu färben, tingirte sich die 
genannte Stelle am intensivsten. Bei genauerer Untersuchung fand 
man wieder , dass der verdickten Zona eine aus einer einfachen 
Zellenreihe bestehende Blase anliege, die aber an dem genannten 
Flecke aus zwei Zellenreihen zusammengesetzt erschien. 

Wie aus den angeführten Beobachtungen ersichtlich ist , habe ich 
eine Anzahl von Stadien beobachtet, welche uns die Entwicklung 
des Kanincheneies von seinem Austritt aus dem Eierstocke bis zum 
Auftreten des Embryonalflecks einigermassen überblicken lassen. Ich 
will nun diejenigen Momente zusammenfassen , in denen meine Be- 
obachtungen von denen meiner Vorgänger abweichen, und auch die 
Schlussfolgerungen ziehen, die mir aus meinen Beobachtungen her- 
vorzugehen scheinen. Was zunächst das Verhalten der Spermato- 
zoiden in und am Eie betrifft;, unteri^^heiden sich meine Beobach- 
tungen von denen meiner Vorgänger darin, dass ich die Samenfäden 
sowohl in der das Ei umgebenden Eiweisschichte , wie auch im 
Baume zwischen Zona und Keim in lebhafter Bewegung gesehen, 
während die früheren Beobachter sie stets nur unbeweglich an den 
genannten Orten gefunden haben. Eine zweite wesentliche Differenz 
besteht darin, dass während meine Vorgänger Samenfäden nur zwi- 
schen den Furchnngskugeln und in schon vorgerückteren Furchungs- 
stadien gefunden, ich sie im Innern des ungetheilten , von der Zona 
retrahirten Keims gesehen habe, und zu wiederholten Malen ganz gut er- 
haltene Spermatozoiden im Protoplasma der Furchnngskugeln auffand. 
Nehme ich hiezu, dass ich daselbst ausserdem sehr häufig streifen- 
förmige, den Schwänzen der Spermatozoiden ähnliche, oft büschel- 



28 Carl Weil. 

förmig angeordnete Körper (in welcher Form man häufig Sporma- 
tozoiden, die ganz gat als solche erkennbar sind, vorzufinden pflegt) 
in späteren Furchungsstadien hingegen nichts mehr von diesen Körpern 
wahrnahm, so wird nns dadurch die Yermuthung nahe gelegt, dass die 
Spermatozoiden , nachdem sie in den Keim vorgedrungen, daselbst 
so vollständig untergehen, dass man später keine Spur mehr von 
ihnen entdecken kann, und dass diese innige Verbindung des männ- 
lichen Samens mit dem Keim als das Wesentlichste der Befruchtung 
anzusehen sei. Diese Vermuthung wird wohl auch durch die Er- 
wägung gestützt, dass man so am ungezwungensten die Vererbung 
von Eigenthümlichkeiten des Vaters auf seine Nachkommen erklären 
kann. Denn nach dieser Auffassung ist der befruchtete Keim in der 
That ein combinirter Zellenleib, zu welchem Vater und Mutter ma- 
terielle Beiträge geliefert haben. 

Ich komme nun auf die vielfach erwähnten bläschenförmigen 
Gebilde des Dotters und auf die zwischen Dotter und Zona be« 
findlichen fein granulirten Körper zu sprechen. 

Bisch off sah im ungetheilten Dotter Furchungskugeln, ebenso 
in jeder der zwei ersten je einen hellen Fleck ohne scharfe Begrenzung 
und ohne Kern, und er hielt diese Flecke für Fetttröpfchen. Ich 
aber sah zu wiederholten Malen in dem ungetheilten retrahirten 
Keime und zwar so ziemlich in der Mitte gelegen , zwei scharf be- 
grenzte, sehr nahe an einander gelegene, mit rundlichen Körperchen 
(Kernkörper?) versehene Bläschen; ich sah in dem Falle, wo der Dotter 
durch gegenüberliegende Einschürungen eine vor sich gehende Zwei- 
theilung andeutete, ganz ähnliche Bläschen weiter von einander ge- 
lagert, so dass ein jedes derselben zu einer der entstehenden Kugeln 
zu gehören schien. Aus diesen Beobachtungen scheint nun hervor zu 
gehen , dass die in der Mitte des ungetheilten Keims gelegenen Bläs- 
chen, sowie die in der Mitte der Furchungskugeln vorhandenen als 
Kerne aufzufassen seien, deren Theilung der Keimtheilung vorangehe. 

lieber das Entstehen der ersten zwei Bläschen vermag ich wohl 
nichts Positives anzugeben, doch muss ich hervorheben, dass die 
Annahme ihres Entstehens aus dem Keimbläschen (Kern) des un- 
befruchteten Eies durchaus nicht ausgeschlossen ist, da aus dem 
Umstände, dass man in den ersten Stunden nach stattgehabter Be- 
fruchtung das Bläschen im Keime nicht sehen kann , der Schluss, es sei 



BefruchtuDg und Ent^ricklung des Kanincheneies. 29 

ausgetreten oder aufgelöst worden, nicht gezogen werden kann, 
lieber die Natur der an der Peripherie des Dotters gelegenen Bläs- 
chen und der zwischen Zona und Dotter schon von den vorher- 
gehenden Forschern beobachteten Gebilde vermag ich nichts aus- 
zusagen; nur das eine ist aus meinen Beobachtungen ersichtlich, 
dass bläschenartige Gebilde aus dem Keim in den Baum zwischen 
Zona und diesem austreten. 

Bevor ich noch meine Beobachtungen über die Furchung resumire, 
muss ich noch der von Bischoff in einem Falle beobachteten Ro- 
tation des retrahirten Keims gedenken. 

Ich habe viele Eichen dieses Stadiums untersucht, ja ich habe 
einige Thiere nur zum Zwecke, um dieses Phänomen beobachten zu 
können, geopfert, doch gelang es mir nicht, dasselbe zu Gesicht zu be- 
kommen, und ich konnte auch in keinem Falle, obgleich ich mit Hart- 
nack Imm.-L. Nr. 10 u. 15 untersuchte, Gilien am Dotter wahrnehmen. 

Was nun den Furchungsprocess betrifft , so habe ich den bereits 
bekannten Thatsachen nur beizufügen, dass ich in einem Falle einen 
Keim von Achterform als Uebergangsstufe von ein zu zwei Fnrchnngs- 
kugeln, und in einem anderen Falle einen in drei ungleich grosse Seg- 
mente getheilten Keim beobachten konnte. 

Schliesslich will ich noch der Frage Erwähnung thun, ob aus dem 
ins Innere der Keimblase hineinragenden Haufen von Furchungskugeln 
der Embryonalfleck hervorgehe? Ich konnte am vierten und fünften 
Entwicklungstage keine Spur von diesen Körpern mehr beobachten, 
und sah erst am sechsten Entwicklungstage den Embryonalfleck auf- 
treten. Da man das uneröffnete Eichen aber um diese Zeit vermöge 
seiner Grösse nur mit geringen Vergrösserungen untersuchen kann, so 
ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass man einen ganz un- 
bedeutenden Best dieser Kugeln übersieht; aber nachdem die directe 
Beobachtung durchaus keinen Anhaltspunkt für die besagte Annahme 
liefert, muss die Entstehung des Embryonalfleckes aus dem be- 
schriebenen Kugelhaufen vorläufig für zweifelhaft gehalten werden. 



—40»- 



Untersuchungen über die Wärmeökonomie des 

Herzens und der Lungen. 



Von 
Ed. Albert und 8. Stricker. 



So lange als die Möglichkeit vorliegt, dass die Wand eines 
Blntgefässes und das sie bespülende Blut von ungleicher Temperatur 
sind, muss auch der Möglichkeit Baum gelassen werden, dass die im 
Lnmen eines solchen Gefässes vorgenommene th(»inometrische Mes- 
sung nicht die richtige Bluttemperatur ergibt. Wenn wir die letztere 
mit X, die Temperatur der Gefässwand mit y und die Ziffer^ 
welche das Thermometer anzeigt, mit P ansetzen, so braucht für den 
Fall, als sich Blutgefäss und Glas berühren, P weder gleich x noch 
gleich y zu sein. 

Nehmen wir die Oberfläche des Quecksilbergefässes als Einheit und 
bezeichnen wir die Theile dieser Oberfläche, welche einerseits von Blut 
und andererseits von Gel^sswand bedeckt sind, mit a und ce^, so 
muss stets a-\- a^ =1 und so lange als der Unterschied zwischen 
X und y nicht gross ist, P = a x -f- «i 7 söin. Diese Gleichung 
zeigt uns die Genese des Werthes von P an, und es lässt sich leicht 
zeigen, dass sie für alle Falle gilt, welche an diesem Orte in Be- 
tracht kommen können. 

Wird die Oberfläche des Qnecksilbergefässes nur von Blut be- 
spült, so ist aj == 0, ce = 1 und P = x, d. h. die gefundene 
Temperatur ist Bluttemperatur. 

Berührt das Thermometer aber die Wand und die Temperatur 
der letzteren ist von der des Blutes nicht verschieden, so ist 
X = y und es ist dann gleichgiltig, wie sich a und aj in der Ein- 
heit theilen. Die gefundene Temperatur ist die des Blutes und der 



Wärmeökonomie des Herzens und der Lungen. 31 

Wand zugleich. Berührt endlich das Thermometer die Wand des 
Blutgefässes, und die Temperatur dieser ist von der des Blutes ver- 
schieden, so haben wir eine Gleichung mit mehreren Unbekannten 
vor uns. 

Da nun bei thermometrischen Messungen im Innern der Herz- 
kammern eine Berührung von Fleisch und Glas, wenigstens während 
der Systole kaum zu "vermeiden ist, so müssen wir vor Allem darüber 
ins Beine kommen, wie sich die Temperaturen des Blutes und des 
Herzfleisches zu einander i; erhalten. 

Die Gleichung P = « x -f- «j y deutet uns den Weg an, auf 
welchem diese Frage durch thermometrische Messung zu lösen ist. 
Je nachdem P mit der Yergrösserung von cci wächst oder fäUt, ist 
y grösser oder kleiner als x. Eine Yergrösserung von a^ ist aber 
leicht dadurch zu setzen, dass man das Glas in eine Falte des Herz- 
fleisches legt. 

Wir haben zu dem Zwecke den Thoraxraum eines curarisir-. 
ten Hundes von der Linea alba aus durch eine Zwerchfellswunde zn- 
gängig gemacht und dann, während das Thermometer im Ventrikel 
lag, mit den Fingern einer Hand aus dem Herzfleische eine Falte 
gebildet, während die andere Hand den Sealentheil erfasste, und das 
Glas in die Falte schob. Am linken Ventrikel ist aber eine solche 
Procedur für das Thermometer in so lange gefährlich, als man mit 
langhalsigen Instrumenten von der Carotis aus eingeht. Wir haben 
es daher vorgezogen für diesen Fall noch ein Fenster in den Thorax 
zu schneiden und ein dickeres, aber kürzeres Thermometer durch die 
linke Auricula einzuführen. 

Wir werden später zeigen, dass wir diese Eingangspforte für 
die Messung der Lungenvene nicht entbehren konnten, und bei dieser 
Gelegenheit auch die Methode des Einführens beschreiben. So nutz- 
ten wir also ein Thier in der Weise aus, dass wir erst die Luur 
genvenen maassen, dann das Thermometer soweit zurückzogen, um 
es nach einer entsprechenden Drehung durch das Ostium atrio-ven- 
triculare in den Ventrikel schieben und in eine Falte der Wand pres- 
sen zu können. 

Die Bildung einer Falte aus dem mächtigen Fleischlager ist 
nur mit ziemlich grossem Kraftaufwande möglich, und die damit 
einhergehende Pressung der Wand kann dem Leben des Thieres ge- 
fährlich werden. Es bleibt das Herz zuweilen während der Pressung 



32 Albert und Stricker. 

plötzlich stille stehen, ohne seine Thätigkeit wieder anfznnehmen. 
Wir haben dabei aber gelernt einen Gontrolversach zn machen. Es 
warde erst in der Falte des lebenden Thieres gemessen, dann das 
Herz durch heftigen Druck zum Stillstande gebracht, und dann so- 
fort unter gleichen Verhältnissen wieder gemessen. Dadurch konnten 
wir uns vor dem Einwände schützen, dass der Druck der Hand das 
Quecksilber beeinflusse. Wir fanden an einem grossen lebhaft pnl- 
sirenden Herzen durch das Einklemmen des Th. Gefässes in eine 
Palte eine Steigerung von 0*5® — 07^ C; sowie aber das Herz zu 
schlagen aufhörte, ging dieser Einfluss allmälig verloren. Wir konn- 
ten dann das Thermometer in die Herzwand pressen, soweit als es 
die Erafk der Finger erlaubte, die Quecksilbersäule behielt denselben 
Stand bei, den sie bei freier Lage des Th. Endes im Ventrikel inne 
hatte. 

Der letzte Fall, den wir für den gedachten Zweck verwerthe- 
ten, ergab sogar eine Steigerung von einem Centigrad, und doch 
war kaum anzunehmen, dass wir «1 = 1, « = und somitP=y 
gemacht hätten, d. h. die Differenz zwischen der Temperatur des 
Blutes und des Herzfleisches war wahrscheinlich noch grösser als 
wir sie gefunden haben. 

Es Hesse sich gegen unsere Methode einwenden, dass wir durch 
den kräftigen Druck, den wir auf das Herzfleisch üben, eine Wär- 
meproduction anregen. Dieser Einwand wird aber einerseits dadurch 
abgeschwächt, dass die Steigerung momentan, mit der Berührung 
eintritt. Ausserdem hat eine andere Versuchsweise die hier ver- 
zeichneten Resultate, und die Deutung, welche wir ihnen gaben, be- 
kräftigt. 

Wir haben nämlich die Temperatursunterschiede zwischen der 
Wurzel der Aorta und dem Ventrikel sorgfältig gemessen. Nachdem 
wir einmal durch häufiges Hin- und Zurückführen des Thermometers 
die Ueberzeugung gewonnen hatten, dass die Werthe P für den Ven- 
trikel einerseits und für die Aorta andererseits höchstens um O'l 
von einander differirten, tödteten wir das Thier. Nach einigen Mi- 
nuten stieg dieser Unterschied auf einen ganzen Grad. Der Thorax 
war dabei nur von der Linea alba aus zugängig gemacht worden; 
es war also nicht daran zu denken, dass eine so rasche Abkühlung 
in der Aorta stattgefunden habe, um die Unterschiede zu erklären. 
Die Erscheinung wird aber verständlich unter der Annahme, dass 



WärroeUkoDomie des Herzens und der Lungen. 33 

das Herzfleisch während des Lebens wärmer ist als das im Ventrikel 
enthaltene Blut, und dass mit dem Stillstande des Herzens ein Aus- 
gleich stattfindet, bei dem das Blut an Wärme gewinnen muss. 

Am rechten Ventrikel waren die Versuchsresultate weniger aus- 
gesprochen. Die höchste Steigerung, welche wir nach einer Umfas- 
sung des Th. Gefässes mit der Herzwand wahrnahmen, betrug 0*1, 
sehr häufig betrug sie nur einige Hundertstel, und zuweilen war sie 
negativ. Aehnliche Erfolge sahen wir durch das Einbohren des Ther- 
mometerendes in den Grund des Ventrikels, unter der Bedingung 
allerdings, die an alle unsere Versuche geknüpft war, dass nämlich 
der Ventrikel durch eine Lufbschichte vom Zwerchfell getrennt blieb. 

Der Umstand, dass die Quecksilbersäule zuweilen durch das 
Bedecken des Thermometerendes mit dem Herzfleische erniedrigt 
wurde, machte die Vermuthung rege, dass diese Erniedrigung ein 
Eunstproduct sei. Bei der Faltenbildung konnte es die Hand und 
beim Einsenken in den Grund des Ventrikels die atmosphärische 
Luft sein, welche durch die Herzwand durchwirken mochte. In der 
That haben wir uns überzeugt, dass eine Senkung dann eintrat, 
wenn das Herzfleisch stark vorgewölbt wurde. In Anbetracht dieser 
Fehlerquelle glauben wir aber den positiven Ausschlägen um so eher 
vertrauen und annehmen zu dürfen, dass die Gleichung y ^ x in 
der Begel auch für den rechten Ventrikel gilt. 

An den beiden Vorhöfen ist dem Versuche mit der Faltenbil- 
dung gar kein Werth beizulegen, weil die Wände zu dünn sind. 
Wir lassen daher die Frage nach der Temperatur dieser Wände vor- 
läufig nnerörtert und begnügen uns hier mit dem Resultate, dass 
die Gleichung y > x sowohl fär den rechten als für den linken Ven- 
trikel besteht. 

Für die Thermometrie der Ventrikel behält daher P =- ax -f- «i 7 
den Charakter als Gleichung mit vier Unbekannten, zu welcher uns 
nur die eine Hilfsgleichung a -|- a^ = 1 gegeben ist. Mithin lässt 
sich aus einer solchen Messung weder im rechten noch im lin- 
ken Ventrikel ein Schluss ziehen auf die Temperatur des in ihnen 
enthaltenen Blutes. 

Wir müssen daher, um über diese Verhältnisse dennoch Auf- 
schluss zu erlangen, zu anderen combinirten Messungen unsere Zu- 
flucht nehmen, und der Besprechung dieser Messungen wollen wir 
nun die nächsten Zeilen widmen. 

Med. Jahrbacber. 1. 1873. 3 



34 



Albert und Stricker. 



Fahrt man ein Thermometer von der rechten Vena jngalaris 
eines cararisirten Hnndes absatzweise bis an den Grund des rechten 
Ventrikels, und wieder znrnck, so erfährt man, dass die Quecksil- 
bersäule auf dem Hinwege allmälig, wenn auch nicht glelchmässig 
ansteigt, und auf dem Bückwege in derselben Weise wieder sinkt. 
Eröffnet man nun den Thoraj^ von irgend einer Seite, am bequem- 
sten von der Linea alba aus, soweit, dass man sich mit Hilfe der 
Hand über die Lage des Quecksilbergefässes orienüren kann, so über- 
zeugt man sich ferner, dass der Yorhof wärmer ist als die obere 
Hohlvene, dass der Ventrikel wieder wärmer ist als der Vorhof, und 
dass es im Ventrikel selbst endlich in der Nähe der Herzspitze wär- 
mer ist als in der Nähe der Klappen. 

Wenn man die untere Hohlvene absperrt, so ändern sich die 
Vergleichswerthe, aber die Temperatursunterschiede werden dadurch 
nicht aufgehoben; ja sie werden, wenn die Sperre längere Zeit an- 
dauerte, zwischen einzelnen der genannten Gebiete zuweilen noch 
grösser, als sie waren. Wir schalten hier zunächst ein Protokoll ein, 
um unsere Aussagen mit Zahlen zu belegen. 



Protokoll Nr. 1. 
13. JqU 1872. Grosser Hund, unvollständige Lähmung. 

Cava descendens oberhalb der Mündung in den Vorhof, 

das Quecksilber^efäss möglichst mitten im Blutstrom 39*50 

Vorhof nahe an den Klappen . 39*80 

Klappen passirt, Quecksilbergefäss im obersten Abschnitt 

des Ventrikels 89-90 

Tief im Ventrikel 40*00 

Die Messung der Abstände zwischen dem Scalen- 
theile und der Venenwunde ergab, dass wir innerhalb 
des Ventrikels einen Längenspielraum von 2y^ Conti* 
nioter hab^n. 

Tief im Ventrikel 40*00 

I Centim. zurückgeschoben ....*« 89*95 

Tief im Vorhofe 89*80 

C^va descendens , 89*45 

II ü. U M. Tief im Ventrikel 89-80 

Oava ascendsns ^bg^^perrt; die Säule sank SQfo^rt 
um einige Hundertstel, erhob sich aber um 



Q 

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Wärmeökonomie des Herzeos und der Lungen. 85 



' St. Min. 

11 17 wieder auf ....> 


39-80 
39-60 
39-50 
40-00 

39-90 

39-78 
39-66 
89-50 

39-85 
39-66 

89-90 
89*84 

40-00 
39-90 
39-60 
39-50 

40-10 
40-00 
39-60 




2V2 Centim. zurück (Vorhof) 

Noch 2 Centim. zurück 

11 20 Tief im Ventrikel 

Cava aacend. eröffnet. 
11 24 Tief im Ventrikel 




11 26 Cava ascendens gesperrt. 




Mitten im Ventrikel 




Vorhof 




Dieselben Messungen noch zweimal mit nahe- 
zu denselben Ziffern. 

Dann tief im Ventrikel 

Vorhof 


1 


Tief im Ventrikel 


'S 

OQ 


Mitten im Ventrikel 


«> 


Tiei im Ventrikel 


S 


Mitten im Ventrikel 


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Vorhof 


es 

SS 


Cava descend. Mündung 

11 36 Tief im Ventrikel . 


o 


Mitten im Ventrikel 




Vorhof 





12 43 Cava ascendens eröffnet, während das Th. Gefäss 
im Vorhofe war. Die Säule stieg von 39-60 auf 
39-65 und sank sofort auf 39-20. 

Der Umstand, dass P mit dem Vorschieben des Thermometers 
steigt, ist, wie wir sehen, vieldeutig, und wir können ihn daher 
vorläufig gar nicht verwerthen. 

Der umstand, dass die Absperrung der Ascendens ohne Lagen- 
änderung des Thermometers eine rasche Erniedrigung des Säulen- 
standes hervorgerufen hat, wird durch die von Claude Bernard 
gefundene Thateache verständlich, dass das Blut dieser Vene war« 
mer ist, als das der Cava descendens. 

Unser Protokoll sagt aber auch aus, dass diese Erniedrigung 
nur vorübergehend war, dass ihr eine Erhöhung folgte, welche sogar 

3* 



36 Albert und Stricker. 

den ursprünglichen Stand übertraf, und dieser Thatsache wollen wir 
nun unsere Aufmerksamkeit zuwenden. 

Wenn die Ascendens abgesperrt ist, dann hat der rechte Ven- 
trikel noch zwei Zuflussgebiete, nämlich ans der Cava descendens 
nnd aus der Kranzader. Das Blut der Descendens ist jedenfalls käl- 
ter als das Herzfleisch, zumal ja dieses wärmer ist als die gesammte 
Mischung bei offener unterer Hohlvene. Es lässt sich aber auch 
mit einiger Wahrscheinlichkeit dednciren, dass das Blut der Descen- 
dens auch kälter sein muss, als das der Kranzader. Zunächst erge- 
ben die Messungen, von welchen noch später die Eede sein wird, 
dass das Blut der Aorta wärmer ist«, als das der oberen Hohl- 
vene. Nun werden die Kranzadem von der Aorta gespeist. Auf dem 
Wege durch die Substanz des Herzens kommt das Blut mit dieser in 
innigen Gontact, nnd muss daselbst einen Wärmeaustausch eingehen. 
Die Masse des linken Ventrikels inclusive Scheidewand beträgt etwa 
V5 des ganzen Herzens. Bei der hohen Temperatur der Wände die- 
ses Ventrikels ist daher mit Wahrscheinlichkeit zu erwarten, dass 
anch der grössere Theil des Kranzaderblutes einen Wärmegewinu 
erfahren werde. Es wird sich später auch ergeben (p. 49), dass die 
Wand des rechten Ventrikels wärmer ist, als das Blut der Aorta 
also muss das Kranzaderblut auch in dieser an Wärme gewinnen. 

Wenn wir nun auch über die Temperatur der Vorhöfe vorläufig 
weniger orientirt sind, so können wir es doch als sehr unwahrschein- 
lich hinstellen, dass das in ihren Wänden kreisende Blut so viel an 
Wärme verlieren sollte, als es in der weitaus überwiegenden Masse 
der Ventrikel gewinnt. 

Wir sehen also, dass uns verschiedene Gründe auf die Vermu- 
thung führen, dass das aus der oberen Hohl veno in den rechten 
Ventrikel gelangende Blut daselbst erwärmt wird, und es fragt sich 
nun, wie soll der Beweis für diese Vermuthung hergestellt werden. 

Dass Messungen im Ventrikel selbst nicht zum Ziele führen, 
ergibt sich einerseits aus unserer Gleichung, und andererseits aus 
dem Umstände, dass die vollständige Entleerung des Ventrikels durch 
das in seiner Höhle befindliche Thermometer gehindert wird. Wenn 
aber ein Theil des Blutes von einer Systole zur anderen im Ventri- 
kel verweilt, dann wird der Wärmeaustausch zwischen Blut und 
Herzwand erleichtert und das Resultat der Messung auch dadurch 
getrübt. 



Wärmeökonomfe des Herzens und der Lungen. 37 

Es schien nns aber, dass eine vergleichende Messung zwischen 
Vena cava descendens und Arteria pulmonalis bei abgeschlossener 
Cava ascendens zum Ziele führen müsse. Liegen die Thermometer 
blos in den genannten Gefassen^ so kann sich das Herz ungehindert 
contrahiren. Die glatten, nicht pulsirenden Wände der grossen Ge- 
fässe machen es möglich den Werth von «j in der Gleichung auf 
zu reduciren, und so können wir nahezu reine Ausdrücke finden für 
die Temperatur des Blutes an der Ein- und Ausgangspforte 'für das 
rechte Herz. 

Die Methode unserer Messung war folgende: 

Zunächst wurde das Stemum entfernt, und dann an der linken 
Seite die dritte und einige der folgenden Bippen sammt Weichthei- 
len so tief als möglich mit der Knochenscheere abgetragen. Dann 
wurde die linke Lunge hervorgeholt und, wie es bei Leichenöffnun- 
gen üblich ist, auf die rechte Thoraxhälfbe gelegt und fixirt. Dadurch 
gewannen wir von der linken Seite her genug Freiheit der Bewegung, 
um die neben dem Bronchus verlaufenden Aeste der Pulmonalarterie 
zu präpariren. Nun wurde ein Thermometer in einen der Aeste, lege 
artis, eingeführt und so gebunden, dass eben nur dieser Ast aus 
dem Ereislaufe ausgeschlossen blieb. Nun wurden die langen Enden 
der Fadenschlinge mit dem Sealentheil durch eine Hand fixirt, und 
indem man die Lunge allmälig in ihre alte Lage zurückgleiten liess, 
so gedreht, dass das Thermometer näherungsweise die Bichtung der 
Pulmonaliswurzel einnahm. Dann wurde das Thermometer soweit 
vorgeschoben, bis man das Quecksilbergeföss in der Pulmonaliswur- 
zel, oberhalb der Klappen tasten konnte. Schliesslich wurde ein 
zweites Thermometer durch die rechte Vena jugularis in die obere 
Hohlvene bis zu ihrer Mündung in die rechte Vorkammer gelegent- 
lich auch in diese selbst und in den Ventrikel geführt, an beiden 
Thermometern gleichzeitig gelesen und nachträglich beide für die 
gelesenen Quecksilberstände auf einander ausgewerthet. 

Protokoll Nr. 2 a. 

13. Juli 1872. Grosses Thier nicht vollständig gelähmt. Nach- 
dem das Thier durch IVi Stunden zu vergleichenden Messungen 
zwischen linker Vorkammer und rechter Kammer verwendet worden 
wai', wurde der Thorax in der angegebenen Weise präparirt. 



88 Albert und Stricker. 

St. Min. 

12 45 Rechter Ventrikel 38-35- 38*30 

Bechter Vorhof 38- 12 3805 

Arter. pulmonalis 38*15 3818 

Cava descendens 37*60 

12 51 Cava descend. 

An derselben Stelle 37*50 

Arteria polmon 38*00 

12 52 Arteria pnlmon 38*05 

Bechter Vorhof 37*90 

Bechter Ventrikel 38*30 

Noch zweimal in derselben Beihenfolge die-* 
selben Zahlen gelesen. 

12 57 Arteria Pnlmonalis 38*15 

Bechter Vorhof 38*05 

Bechter Ventrikel 38*30 




O 

o 

08 

08 

► 
08 



o 

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&0 



00 

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Wir haben im Ganzen acht solche Versuche ausgefahrt, und 
zwar fünf an grossen und drei an kleinen Thieren. An den letzteren 
fielen die Werthe für die Pulmonalis relativ geringer aus. Wir glau- 
ben aber diese Werthe nicht berücksichtigen zu dürfen, weil man 
bei kleineren Thieren nicht genug Spielraum findet, um das Therm. 
Gefäss bei seiner schiefen Lage mitten' im Blutstrome zu erhal- 
ten. Bei offenem Thorax muss aber jedes Anstossen an die frei lie- 
gende Pulmonaliswand eine Verringerung des Quecksilberstandes her- 
beiführen. 

Bei den fünf grossen Thieren fanden wir aber die Pulmonalis 
wärmer als den Vorhof, und zwar waren in drei Fällen die Unter- 
schiede den angeführten näherungsweise gleich, und in zwei Fällen 
beträchtlich grösser. 

Wir wollen den gefundenen Zahlen vorläufig keinen anderen 
Werth beilegen, als den, dass sie uns die Anwesenheit von Differen- 
zen und die Itichtung derselben andeuten. Wir schliessen aus ihnen 
nur, dass das !Blut der oberen Hohlvene auf seinem Wege durch 
d^ rechte Herz erwärmt wird, und lassen ^^^ ""^^ '^ er Erwärmung 
vorläufig unberücksichtigt. 



«^ 



Wärmeökonomie des Herzens und der Lungen. 39 

Dennoch scheint es nns räthlich auch die absoluten Werthe 
der Zahlen zn erläntem. Unsere Protokolle sagen aus, dass das 
Blut der Arteria pulmonalis um 0*5 G. und darüber wärmer war 
als das Blut der Cava descendens, und diese Zahl entspricht einer 
so grossen Wärmeleistung, dass die Betrachtung derselben den 
Werth unserer Messung überhaupt sehr zweifelhaft machen könnte. 
Nehmen wir an, dass durch die Cava descendens nur ein Drittel 
des Gesammtblutes fliesst, und setzen wir das Gesammtblut nur mit 
6 Percent des Körpergewichtes an; veranschlagen wir femer die Ca- 
pacität des Blutes den Kechnungen Gamgee's zufolge auf 1*00, 
so resultiren bei einem Körpergewicht von 30 Küo für je einen 
Kreislauf der ganzen Blutmasse 

0-5 X 100 X 30 X V3 X 006 = 0-3 Calorien 

und bei nur zwei ^mki eisungen in der Minute per Stunde 36 Gale- 
rien. Nun haben wir es aber nur mit der Partialleistung des Her- 
zens in einem Körper von 30 Kilo zu thun, während die gesammte 
Leistung eines ruhenden Menschen von 60 Kilo auf nur 28 Galo- 
rien veranschlagt wird. 

Die Ziffern werden schon etwas geringeres Bedenken erregen, 
wenn wir erwägen, dass auch im ruhenden Menschen die Haupt- 
wärmeleistung dem Herzen zugesprochen wird, und dass wir ande- 
rerseits im rechten Ventrikel durch den Zufluss des Kranzaderblutes 
eine Leistung vor uns haben, an der sich das ganze Herz betbeiligt 

Wir müssen aber femer berücksichtigen, dass das Herz der 
einzige Muskel ist, welcher im curarisirten Thiere arbeitet, und des- 
wegen die Yermuthung nahe liegt, dass das Yerhältniss der ausströ- 
menden Blntvolumina bedeutend zu Gunsten der Kranzader abgeän- 
dert ist. Ausserdem wird der Querschnitt der oberen Hohlvene durch 
das Thermometer verengt. Diese beiden Momente wirken in dem- 
selben Sinne, und da wir den Umfang ihres Einflusses nicht kennen 
80 bleibt die Möglichkeit offen ^ dass er so weit reicht, als unsere 
Zahlen zu gross ausfallen. Wohl aber bleibt die Möglichkeit ausge- 
'"Mossen, dass er so weit reichen könne, um unsere Zahlen auf 
n zu reduciren. 
Denn wenn ich eine positive Grösse zu ein^ negativen addire, 
' erstere auf die Summe stets denselben Effect machen, die ne- 



40 Albert und Stricker. 

gative Zahl mag wie gross immer genommen werden. Die Leistung 
des Herzens wird sich daher caeteris paribus gleichbleiben, mag nun 
der Zufluss ans der Cava vermehrt oder vermindert sein. 

Wir haben also nunmehr ganz bestimmte Anhaltspunkte für die 
Annahme, dass das Blut der Cava descendens auch bei abgesperrter 
Ascendens im rechten Ventrikel erwärmt werde, und die Betrachtung 
fuhrt uns zu der Aussage, dass diese Erwärmung in zweierlei Weise 
möglich ist: Einmal indem das Blut mit der sehr grossen inneren 
Oberfläche des rechten Ventrikels in Berührung kommt, und ande- 
rerseits durch den Zufluss des Kranzaderblutes. In beiden Fällen 
haben wir es aber mit einer Leistung des Herzmuskels zu thun. 

Kehren wir jetzt zu unserem ersten Protokolle zurück, so kön- 
nen wir sagen, dass die grössere Ausdehnung, welche das Queck- 
silber erfahrt, wenn das Thermometerende bei geschlossener Ascen- 
dens aus der Cava descendens in den Ventrikel vorrückt, zum Theil 
in einer Temperaturzunahme des Blutes und zum Theil in der Tem- 
peratur des Herzfleisches begründet ist. Mit anderen Worten, diese 
Ausdehnung ist als ein Partialausdruck der Wärmeleistung des Her- 
zens anzusehen. 

Ob die Steigerung von P, welche bei unveränderter Lage des 
Thermometers nach Abschluss der Cava ascendens zuweilen eintrat, 
auf eine primäre Veränderung von x oder y oder beider zugleich 
zurückzuführen ist, können wir aus den bisherigen Erfahrungen im- 
mer noch nicht entscheiden. Doch halten wir es far räthlich an 
diese Erscheinung einige Bemerkungen zu knüpfen. 

Da mit der Absperrung der Ascendens und insbesondere, wenn 
in der Descendens ein Thermometer liegt, die Leistung des Herzens 
einer viel geringeren Blutquantität zu Gute kommt, so ist es wohl 
möglich, dass die Temperatur derselben allmälig und bis zu einer übri- 
gens nahen Grenze in die Höhe gehen kann; doch müsste sich dieses 
nicht nur im Ventrikel, sondern auch in der Descendens geltend 
machen, was aus unseren Protokollen noch nicht hinreichend ersicht- 
lich ist^). 



^) Es liegt dies zum Theil in einer Mangelhaftigkeit der Protokolle 
die darin begründet ist, dass wir zur Zeit, als die Versuche ausgeffthrt 
wurden, die hier besprochene Erscheinung eben nur notirten, ohne an ihre 



Würmeökonomie des Herzens und der Lungen. 41 

Es findet sich indessen in dem Protokolle znm Schiasse die 
Angabe verzeichnet, dass mit dem Oeffhen der Cava im Yorhofe erst 
ein kurzes Steigen und dann ein Abfall nm 0*4 erfolgte. Diese Er- 
scheinung zusammengehalten mit der Angabe, dass auch die Tem- 
peratur des Yorhofs während der Sperre und innerhalb 10 Minuten 
<vide Protokoll Nr. 1 pag. 35) um 0*1 stieg, lässt allenfalls daran 
denken, dass die obere Eörperhälfte bei verschlossener Cava ascen- 
dens um ein Geringes erwärmt wurde. 



Wir wenden uns nun zu der Frage nach der Wärmebilanz der 
Lungen. Es schien nahe zu liegen, dass der complicirte Process, wel- 
cher in diesem Organe abläuft, in seinen thermischen Resultaten am 
besten zu erkennen sein wird, wenn es gelingt, einerseits das Blut der 
Arteria pulmonalis und andererseits das der Yena pulmonalis zu mes- 
sen, lieber die Methode der Messung in der Pulmonalarterie haben 
wir schon berichtet; es erübrigt uns daher nur noch über die Mes- 
sung der Pulmonalvene zu sprechen. 

Wir haben zu dem Zwecke an der linken Thoraxhälfte eines 
grossen curarisirten Thieres ein Fenster ausgeschnitten, welches gross 
genug war, um mit einer Hand in den Thoraxraum einzudringen. 
Dann eröffneten wir den Herzbeutel und fassten das linke Ohr des 
Herzens endständig mit zwei Sperrpincetten. Dann legten wir um 
das Ohr eine Fadenschlinge, schnitten es zwischen den beiden Pin- 
cetten so weit an, als noth^endig war, um mit dem Thermometer 
eindringen zu können, fahrten das letztere ein und banden die Schlinge 
fest. Die freien Enden der Schlinge wurden wieder sammt dem 
Sealentheil des Thermometers mit einer Hand fixirt, während die andere 
Hand den Stand des Thermometers im linken Yorhof controlirte. Fasste 
man die Enden der Schlinge mit der einen Hand, den Sealentheil 
mit der andern, so gelang es leicht das Thermometer senkrecht auf 
die Längenaxe des Thieres vorzuschieben. Nun konnte das Thermo- 
meter entweder bis in die Wurzel der Lungenvene, bei grossen Thie- 
ren auch in Aeste derselben geführt oder rechtzeitig gegen die Län- 



weitere Ausbentnng zu denken. Bei der Abfassung dieses Aufsatzes waren 
wir jedoch nicht mehr in der Lage gemeinschaftlich die Yersuche wieder 
aufzunehmen. 



42 Albert und Stricker. 

geiiaxe des Thieres so geneigt werden, dass man durch das Ostinm 
ataioYentricnlare in den Ventrikel gelang. 

Das zweite Thermometer fahrten wir nicht in die Arteria pnl- 
monalis, sondern durch die Vena jugularis in das rechte Herz. Wir 
haben uns des grossen Vortheils der directen yergleichenden Messung 
begeben, weil die Ausführung beider Operationen, nämlich das Ein- 
bringen der Thermometer in Arteria und Vena pulmonalis sehr 
schwierig ist, und jede fär sich, so wie die Fixirung der Thermo- 
ter in beiden Lagen die volle Aufmerksamkeit des Experimentators 
erheischt. Ausserdem empfahl es sich beide Operationen von der- 
selben Seite des Thieres auszuführen, wodurch die Schwierigkeit 
beide Messungen auf einmal vorzunehmen, erhöht wird. Wir sind 
daher diesen Schwierigkeiten ausgewichen, in Bücksicht auf den 
Umstand, dass uns ja die thermischen Beziehungen des Blutes der 
Arteria pulmonalis zu den verschiedenen Abschnitten des rechten Her- 
zens in dem Grade bekannt waren, als es für die Hauptsache nöthig 
war. Wir fuhren übrigens ein Protokoll an, welches ersichtlich macht, 
dass wir an einem und demselben Thiere nach einander erst die 
Vena pulmonalis und dann die Arteria pulmonalis mit dem rechten 
Herzen und der Cava descendens verglichen haben. 

Protokoll Nr. 2b. 

13. Juü 1872. 

Das Thermometer, mit welchem später (siehe den andern Theil 
dieses Protokolls p. 87) die Pulmonalarterie gemessen wurde, diente 
jetzt zur Messung im linken Vorhofe und den Lungenvenen. 

Mitten im linken Vorhof 38*10 

Etwas tiefer gegen die Lungenvene 38*05 

Mitten im linken Vorhof 38-15 

Rechter Vorhof 3848 

Ebendaselbst hart an der Tricuspidalis . . . 88*50 

Cava descendens 88*20 

Rechter Ventrikel 38*65 

Mitte des linken Vorhofs 38*20 

Rechter Ventrikel 88*70 

Rechter Vorhof 38*50 

Cava descendens 88*85 



Wärmeökonomie des Herzens und der Lungen. 43 

Ein Vergleich mit dem Theil a. dieses Protokolls p. 87 zeigt, 
dass das Thier während der Zeit, welche zwischen den sah a und h 
angegebenen Messungen verstrich, beträchtlich abkühlte. Es ist daher 
ein directer Vergleich zwischen Arteria und Vena pulmonalis nicht 
ausführbar. 

Wohl aber könnten wir den Vergleich indirect aasführen, indem 
wir Arteria wie Vena pulmonalis mit der Cava descendens vergleichen. 
Indessen wäre auch diese Arbeit nicht unbedingt nothwendig, wenn 
die Messungen sonst keiner Anfechtung zugängig wären. Wir haben 
die Messung bei offener Ascendens ausgeführt. Hat es sich nun 
herausgestellt, dass das Blut der oberen Hohlvene im rechten Herzen 
an Wärme gewinnt, so lange die untere Hohlvene geschlossen ist, um 
wie viel sicherer muss der Gewinn sein, wenn dieses Gefäss offen 
ist. Wenn es nun in den Lungenvenen nichtsdestoweniger kälter ist, 
als in der oberen Hohlvene, ja sogar kälter ist als im rechten Vor- 
hof, so muss das Blut auf seinem Laufe vom rechten zum linken 
Herzen an Wärme verloren haben. 

Aber unsere Zahlen sind in Bücksicht auf das, was wir aus 
ihnen schliessen, anfechtbar. Es könnte behauptet werden, dass wir 
bei der Unzugängigkeit der Lungenvenen eine Berührung der Venen- 
wand und selbst der Vorhofswand mit dem Bulbus des Thermome- 
ters nicht auszuschliessen vermögen, und dann ist das Besultat un- 
serer Messung auf die Gleichung mit mehreren Unbekannten reducirt. 

Hier ist zwar die Möglichkeit, dass y ]> x ganz ausser Acht zu 
lassen ; dieser Fall involvirt einen Fehler, demzufolge das Blut that- 
sächlich aus den Lungen noch kälter zurückflösse als wir es gefun- 
den haben, während es sich vorläufig nur darum handelt, ob das 
Blut überhaupt abkühlt. Wohl aber ist der Fall y <^ x zu berück- 
sichtigen, weil dieser einen Fehler setzen kann, der sogar das Vor- 
zeichen der von uns gefundenen Differenz zu ändern vermag. 

Nun liegen aber {'die Lungenvenen in der Nachbarschaft der 
durch die künstliche Athmung stark abgekühlten Lunge, und hiermit 
ist die Möglichkeit einer Abkühlung der Venenwände gegeben. Der 
Umstand« dass der Werth von P steigt, wenn das Thermometerende 
aus der Tiefe einer Lungenvene in die Mitte des Vorhofs zurück- 
gezogen wird, legt ausserdem die Annahme von Temperatursdifferen- 
zen zwischen den Wänden der genannten Bahn noch näher, weil es 



44 Albert und Stricker. 

schwer einzusehen ist, wie das Blut auf diesem kurzen Wege, wenn 
auch nur um 0*1^0. erwärmt werden soll. 

Wir glauben indessen aus einer Anzahl anders gearteter Ver^ 
suche Anhaltspunkte gewonnen zu haben für die Beurtheilung der 
eben ventilirten Frage. 

Betrachten wir zunächst folgendes 

Protokoll Nr. 3. 
31. Jänner 1872. 

1. Mittelgrosser Hund. 

Thermometer so tief als möglich in den linken Vor- 
hof geschoben 40*40 

Mitte des Vorhofs 40-65 

2. Mitte des linken Vorhofs 40*40 

Dasselbe Thermometer linker Ventrikel 40*60 

•45 
•42 

3. In den Vorhof zurück 40*35 

Tief vorgeschoben 40*23 

4. Linker Ventrikel 40*15 

Zurück in den Vorhof 4007 

5. Linker Vorhof 39*50 

Linker Ventrikel 39*70 

Rechter Ventrikel 40*00 

Wir fuhren hier über die Temperatursunterschiede zwischen 
rechtem und linkem Ventrikel nur eine einzige Schreibung an, weil 
ja über solche vergleichende Messungen oft berichtet wurde, und es 
von keiner Seite bestritten wird, dass die Quecksilberstände für 
den rechten Ventrikel häufig niedriger ausfallen als für den linken. 

Unter der Annahme, dass auch die Wände des linken Vorhofes 
kälter sind als das zuströmende Blut, • können wir diesen Unterschied 
auf höchstens 0*2 veranschlagen, da ja der Werth von P für den 
linken Ventrikel nur um 0*2 höher war als für den linken Vorhof, 
und die Wand des ersteren sicher nicht kälter ist, als das Blut. 
Es geht übrigens aus den vergleichenden Messungen zwischen Aorta 
und linkem Ventrikel hervor, dass wenn ein solcher Unterschied 
überhaupt besteht, er in diesem Falle mit 0*2 viel zu hoch ange- 
schlagen ist. 



Wärmeökonomie des Herzens und der Lungen. 45 

Nehmen wir andererseits an, der linken Ventrikel beeinflusse 
das Thermometer in dem Sinne von y ^ x, so kann dieser Einfluss 
gleichfalls höchstens 0*2 betragen. Eine Zahl, die wieder in Bäck- 
sicht auf unsere vergleichenden Messungen zwischen Aorta und lin- 
kem Ventrikel jedenfalls zu gross ist. Wenn aber der linke Ventrikel 
in diesem Falle denWerth von P höchstens um 0*2 über die Blut- 
temperatur erheben kann, so ist kaum zu vermuthen, dass der rechte 
Ventrikel mit Hilfe seiner Wände allein mehr leisten wird. Zahlreiche 
vergleichende Messungen zwischen Arteria pulmonalis und rechtem 
Ventrikel berechtigen uns übrigens zu einem solchen Ausspruche an 
und für sich, d. h. dass diese Leistung weniger als 0*2 beträgt. 

Wir können daher sagen, dass unsere Messung Zahlen ergab, 
die für den linken Vorhof höchstens um 0*2 kleiner, und für den 
rechten Ventrikel höchstens um 0*2 grösser ausfielen als die Tem- 
peratur der von den genannten Abschnitten umschlossenen Blutmas- 
sen. Ziehen wir aber von 40*00 (rechter Ventrikel) 0*2 ab, und 
addiren wir zu 39*50 (linker Vorhof) 0*2, so ergeben sich die Ver- 
gleichswerthe 39*80 und 39.70. 

Wenn daher auch unsere Zahlen im Allgemeinen anfechtbar 
sind, so kann die Anfechtung doch nicht so weit gehen, um die von 
uns gefundenen Differenzen auf Null zu reduciren , d. h. unser Ver- 
such lehrt, dass das Blut auf dem Wege durch die Lungen abge- 
kühlt wurde. Wir müssen jedoch, um den Werth unseres Resultates 
aufrecht erhalten zu können, nunmehr jene Angaben berücksichtigen, 
welche gegen eine solche Abkühlung sprechen. 

Zunächst hat Jacob so hn^) einen solchen Vorgang in Zweifel 
gezogen. Er hat vergleichende Messungen angestellt zwischen rech- 
tem und linkem Ventrikel des Kaninchens, und den letzteren wärmer 
gefunden als den ersteren. 

Jacobson hat aber Thermonadeln durch das Herzfleisch ge- 
steckt, und er selbst hat in Folge dessen seine Aussage an eine 
Bedingung geknüpft, daran nämlich, dass zwischen dem Herzfleische 
und dem im Ventrikel enthaltenen Blute kein Temperatursunterschied 
besteht. Diese Bedingung trifft aber, wie wir gesehen haben, nicht 
zu. Jacob sohn*s Messungen haben indessen dadurch an ihrem 



*) Virchow'ß Archiv Bd. 51. 



46 Albert and Stricker. 

Werthe nicht verloren. Indem sie nns aussagen, dass der linke Ven- 
trikel wärmer ist als der rechte, und wir hinzufügen können, dass 
in beiden Ventrikeln das Fleisch wärmer ist als das in ihren Höh- 
len enthaltene Blut, so lehren Jacobsohn *s Messungen zunächst, 
dass das Fleisch des linken Ventrikels wärmer ist, als das des rech- 
ten. Dieses Besultat wird durch unsere thermömetrischen Messungen 
des Herzf eisches nur unterstützt. Anders aber steht es mit den 
Verhältnissen beider Blutsorten. 

Wenn trotzdem, dass das Fleisch des linken Herzens wärmer ist 
als das des rechten, P für den letzteren dennoch grösser ausfiel 
als für den ersteren, so weist das nur um so intensiver darauf hin, 
dass das Blut des rechten Ventrikels in unseren Fällen wärmer war, 
als das des linken. 

Körner und Haidenhain^) haben den Werth von P im rech- 
ten Ventrikel grösser gefunden als im linken, zweifeln aber dennoch 
daran, dass in den Lungen eine Abkühlung stattfindet. 

Diesen Forschern war schon die Thatsache bekannt, dass die 
Quecksilbersäule eines Thermometers steigt, wenn man dasselbe von 
der Basis gegen die Spitze des rechten Ventrikels vorschiebt. Auch 
schlössen sie daraus, dass dieser Säulenstand aus einer combinirten 
Wirkung von Blut und Herzwand hervorgehe. Doch glaubten sie die 
Nachbarschaft der Leber übe auf den rechten Ventrikel einen Tem- 
peratur-erhöhenden Einfiuss. Trotzdem also der Säulenstand für den 
rechten Ventrikel höher war, als für den linken, glaubten sie, sei 
damit noch nicht erwiesen, dass das Blut im linken Ventrikel kälter 
sei als im rechten, und daher auch nicht erwiesen, dass das Blut 
in der Lunge abkühle. 

In unseren Versuchen war das rechte Herz von der Leber durch 
eine breite Luftschichte getrennt, und kam daher jene nicht in Be- 
tracht. Dass wir nichtsdestoweniger über die Ausnützung der Queck- 
silberstände mit Körner und Heidenhain übereinstimmen, haben 
wir bereits dargethan. Es ist aber auch gezeigt worden, dass wir 
die Abkühlung in den Lungen nicht allein aus den in beiden Ven- 
trikeln gefundenen Werthen von P erschlossen haben. 

Körner und Heidenhain haben auch zwei Versuchsreihen 
angefahrt, welche direct gegen die Abkühlung in den Lungen spre- 



^) Inaugural-Dissertation. Breslau 4871. 



Wdrmeökononie des Henens und der Lungen. 47- 

chen sollten. Eine YersnchBreihe sagt aas, dass wenn man das rechte 
Herz kanstlich abkühlt, der Sänlenstand im linken Herzen höher ist 
als im rechten. Wenn aber das Blut in der Lunge abkühlt, sollte 
es im linken Herzen dennoch kälter sein als im rechten. 

Das Abkühlen hängt aber immer von bestimmten Temperatnrs^ 
unterschieden ab. Wenn das Blut im rechten Ventrikel beispielsweise 
37® C. hat, und in der Lunge um 0*1 abgekühlt wird, so folgt 
daraus noch nicht, dass wenn das Blut des rechten Ventrikels künst- 
lich auf 36® erniedrigt wird, es in den Lungen gleichfalls abkühlen 
muss. Im Gegentheil es ist dann sogar möglich, dass es in der 
Lunge gewinne, wie es die Eörner-Heidenhain^schen Versuche 
in der That beweisen. 

Li der zweiten Versuchsreihe wird dargethan, dass Aenderun- 
gen in der Temperatur der Bespirationsluft keine oder nur unerheb- 
liche Aenderungen der Bluttemperatur herbeiführen. 

Wir haben dem gegenüber anzuführen, dass es sich nur um 
sehr kleine Aenderungen handeln kann. Eine Abkühlung von 0*1 gibt 
für einen Menschen von 60 Kilo schon einen Gesammtverlust von 
etwa 50 Galorien per Stunde. Wenn wir aber bei einer Temperaturs- 
differenz zwischen der eingeathmeten Luft und dem Blute von etwa 
20® C. eine Abkühlung von kaum 0*1 erwarten dürfen, um wie viel 
kann die Temperatur des Blutes caeteris paribus grösser werden, 
wenn die Lufttemperatur um 20 oder mehr Grade erhöht wird. 

Weim man die Tabellen von Körner und Heidenbain nach- 
sieht, so finden sich aber in der That geringe Schwankungen der 
Bluttemperatur, welche den Schwankungen in der Temperatur der Be- 
spirationsluft parallel laufen. 

Wenn dies übrigens auch nicht der Fall wäi*e, so bewiese das 
auch noch nicht, dass in den Lungen de norma keine Abkühlung 
stattfindet Denn wir wissen ja nicht, welchen Einfluss die Erhöhung 
der Temperatur der eingeathmeten Luft auf den gewiss complicirten 
Process in der Lunge nimmt, und welche Compensationen da ein- 
treten. 

Im Uebrigen müssen wir hinzufügen, dass Aussetzung der Be- 
spiration den Werth von P in dem linken Vorhofe in der That 
merklieb erhöht. 



48 Albert und Stricker. 

Protokoll Nr. 4. 
25. Jänner 1872. Mittel^osser Hund. 

3 Uhr 25 Min. rechter Ventrikel 39-82 linker Ventrikel 39*80 
3 Uhr 34 Min. r. V. 3930 link! Vorhof 39-05 Lungenvene 38*80 

Athmnng ausgesetzt. 
Kechter Ventrikel 10 Secuuden 39-30 linker Vorhof 39-05 



20 


30 


09 


30 » 


30 


10 


40 


20 


10 


50 » 


20 


10 


60 » 


30 


15 


70 


30 


14 


80 » 


30 


13 


Athmung aufgenommen. 




90 Secunden 


39-30 


3915 


100 


30 


10 


110 ^ 


40 


10 


120 


30 


10 


130 


30 


03 


140 » 


30 


00 


150 


30 


38-95 



Wir entnehmen aus diesem Protokolle , dass der Werth von 
P im linken Vorhof mit der Aussetzung der Respiration stieg, trotz- 
dem er far den rechten Ventrikel wenigstens vorübergehend sank. 
Beiläufig wollen wir erwähnen, dass wir über sehr viele Schrei- 
bungen verfügen , in welchen die Senkung für den rechten Ven- 
trikel viel grösser angegeben ist, und ausserdem hervorheben, dass 
gerade die Steigung im linken Vorhof geeignet ist, die Senkung- 
im rechten Ventrikel im Sinne Heidenhain 's um so werthvoller 
zu machen. 

In dem zuletzt mitgetheilten Protokolle sind die Unterschiede 
zwischen dem linken Vorhof und rechten Ventrikel kleiner angegeben, 
als in den Protokollen 2 b u. 3. Wir heben aber die kleineren Zahlen 
absichtlich heraus, weil wir selbst noch weit davon entfernt sind 
die Abkühlung in der Lunge als ein allgemeines Gesetz hinzustellen. 
Was wir dargethan zu haben glauben, ist, dass sich eine solche 



1 



WämeökoDomie des Hcrze&s und der Lunf^en. 49 

Abkühlung in einzelnen Fällen constatiren lässt, nnd dass anderer- 
seits gegen die Abkühlung noch kein unumstösslicher Einwand 
erhoben wurde. Wenn wir anderseits in diesem Falle zwischen linkem 
Vorhof und rechtem Ventrikel nur eine Differenz von 0*25^ C. ver- 
zeichnet» und ausserdem gezeigt haben, dass eine solche Ziffer 
innerhalb der Fehlerquellen fallen kann, so ist damit nicht behauptet, 
dass hier keine Lungenabkuhlung stattfand. Es kann das umsowe- 
niger geschehen, als ein Blick auf unsere Berechnung der Fehler- 
quellen zeigt, dass wir den Grenzwerth des möglichen Fehlers 
doppelt angesetzt haben. 

Die Werthe von P für die Ventrikel sind von so mannigfachen 
Factoren abhängig, und wir sind noch so wenig im Stande x und y 
aus der Gleichung scharf zu bestimmen, dass wir vorläufig nicht 
mehr thun konnten, als die markanten Fälle verwerthen, um aus 
diesen darzuthun, dass an curarisirten Hunden und bei gut unter- 
haltener künstlicher BespiratioH eine Abkühlung durch die Lungen 
nachweisbar ist. 



Wir haben schon früher erwähnt, dass wir den Wertli von 
P in der Wurzel der Aorta um etwa 0*1 niedriger fanden, als im 
linken Ventrikel. Diese Aussage bezieht sich auf Messungen mit 
einem Quecksilbergefässe von 55 Millimeter Querdurchmesser und 
200 Millimeter Länge, und wurde die Lage desselben im Blutstrome 
durch Palpation controlirt. Wir dürfen daher annehmen, dass für 
die Aorta respective für unsere Messung P näherungsweise gleich 
X sei. 

Da für den rechten Ventrikel y ^ x und mithin auch grösser 
als P sein muss; femer P für den rechten Ventrikel in der Mehr- 
zahl der Fälle grösser als P für den linken Ventrikel und dieses 
wieder grösser als das x für die Aorta oder, x,, wie wir es der 
Kürze halber nennen wollen, so ist für die Mehrzahl der Fälle er- 
wiesen, dass das Fleisch des rechten Ventrikels wärmer ist als das 
Blut der Aorta. 

Andererseits haben wir x^ vor und nach Eröffnung des Thorax 
grösser gefunden, als P für die Cava descendens, wo wieder bei 
controlirten Messungen P näherungsweise .-= x gesetzt werden kann. 

Med. Jahrbücher 1873. I. -4 



50 Albert und Sirick er. 

Mit anderen Worten: das Blut der Aorta ist wärmer, als das der 
Cava descendens. 

Unsere Messungen haben femer ergeben, dass x« grösser ist 
als der Werth von P für den linken Vorhof, oder als Pv«^), wie wir es 
gleichfalls der Kürze wegen bezeichnen wollen. Einen der möglichen Fälle, 
aus welchen das Verhältniss erklärt werden kann, haben wir schon 
besprochen. Es ist der Fall, dass y <^ x, und dieses Verhältniss 
involvirt die Möglichkeit, dass x, von x^. nicht wesentlich ver- 
schieden sind. Denn wenn y <C x muss x ]> P' sein, d. h. die Mes- 
sung hat uns nicht den vollen Werth der Bluttemperatur ergeben. 

Es ist aber noch der andere Fall möglich, dass x^ in der Thal 
grösser ist als x^., und das trifft zu, wenn entweder die Wand des 
linken Vorhofs nicht kälter ist , als das zuströmende Blut, oder das 
Glas nicht berührt. 

Wir haben kein Mittel ausfindig machen können, um die Tem- 
peratur dieser Wand zu messen und müssen daher die Angelegen- 
heit unentschieden lassen. Wenn wir indessen Wahrscheinlichkeiten 
abwägen, so können wir uns zu der Annahme hinneigen, dass 
X , ^ X ^ . d. h. dass das Blut auf dem Wege durch den linker 
Ventrikel einen geringen Wärmezuwachs erleide. 

Wir haben uns erstens sehr oft bemüht, die. Lage des Ther- 
mometerendes im linken Vorhof durch die Palpation so zu bestimmen, 
dass es während der Lesung mitten im Blutstrome erhalten blieb, 
und dennoch in der Mehrzahl der Fälle Zahlen gefunden, die 
Xt8 <C X« erscheinen Hessen. Zweitens ist zu bedenken, dass 
P im linken Vorhofe in der Regel höher war, als in der Lipigen- 
vene selbst, was eben nur die Deutung zulässt, dass P mit y 
gewachsen ist. Endlich ist der Vorhof ein contractiler Sack, von 
dem erwartet werden kann, dass er selbstständig, wenn auch geringe 
Mengen Wärme erzeugt. Wenn wir uns dem gegenüber seine Lage 
versinnlichen, seine Beziehungen zur linken Kammer, zur Aorta, Pul- 
monalarterie und rechtem Vorhof, so kann die Annahme, dass seine 
Wände in ihren mittleren Abschnitten kälter sein sollen, als das in 
ihnen enthaltene Blut, keinen grossen Anspruch auf Wahrscheinlich- 
keit machen. 



*) V8 als Index für den linken Ventrikel. 



^äimeökonomie des Herzens und der Lungen. 51 

Wenn wir jetzt die Blutbahnen in ihren thermischen Beziehun- 
gen verfolgen und vorerst nur auf die Thermometerstande Rücksicht 
nehmen, so ergibt sich Folgendes: Bei abgesperrter Cava ascendens 
steigt der Werth von P von der Descendens ab bis an die Spitze 
des rechten Ventrikels. Von da ab sinkt er bis an den Eintritt der 
Pulmonalis in die Lunge. Für das linke Herz nimmt F gleichfalls 
von der Lungenvene an bis gegen die Spitze des linken Ventri- 
kels zu und von hier aus gegen die Aorta hin ab. 

Die Temperatur des Blutes hält fast denselben Gang. Jedoch 
ist dieses Verhältniss stellenweise nur wahrscheinlich gemacht aber 
nicht strenge bewiesen. 

Für alle Fälle aber können wir sagen: die Wärmeleistung 
des Herzens macht sich hauptsächlich im rechten Her- 
zen geltend, während sie im linken Ventrikel gerade 
dort, wo die höhere Wärmequelle liegt, dem Blute in 
geringerem Grade zu Gute kommt. Die höchste Temperatur 
fallt auf das Fleisch des linken Ventrikels und nach diesem auf das 
Fleisch und dann erst auf das Blut des rechten Ventrikels. In Folge 
dessen liesse sich schon auf eine Abkühlung der Lungen schliessen, 
wenn nicht mögliche Schwankungen der Werthe von a und «j die 
Sicherheit der Schlussfolgerun^ erschütterten. 



— «-«»oe«-^ 



Ueber die physiologische Wirkung der Irideotomie. 

Von Dr. Sigmund Exner^ 

PriTatdoceiiten um] Assistenten am physiologischen Institute zu Wien. 

Aus den Sitzungsberichten der k. k. Akademie der Wissenschaften vom 

Verfasser mitgetheilt. 



Seit A. V. Graefe im Jahre 1857 die Irideotomie als Heil- 
mittel gegen Glaucom empfahl und ihre Wirkung in der Herabset- 
zung des intraoculären Druckes erkannte, sind mehrfach Versuche 
gemacht worden, diese auf Grund der gesetzten anatomischen Ver- 
änderungen zu erklären. 

So hatte man gemeint, man habe es in Folge der Iridectomie, 
bei welcher das Ligamentum pectinatum durchschnitten werde ^), 
mit einer theilweisen Lahmlegung des Muscul. tensor choreoid. zu 
thun, und es seien dadurch die Drucksteigerungen in Folge der 
Contraction dieses Muskels beseitigt, oder wenigstens verringert ^). 
Oder man suchte die Wirkung der Iridectomie zu erklären einzig 
aus der bei derselben gemachten Scleralwunde, indem man annahm, 
dass das vernarbende Bindegewebe durch seine Nachgiebigkeit eine 
Venenstauung im Innern des Bulbus beseitigte 3). 

So wie V. Gräfe selbst von diesen und ähnlichen Erklärungs- 
weisen, insbesondere von der letzteren nicht befriedigt war *), so 



*) Was, wie ich mich überzeugte, nicht der Fall ist. 
*) S. Grünfeld, Tctzer's Augenheilkunde 1870. S. 180. 
^) Der intraoculäre Druck und die Innervationsverhältnisse der Lris, 
von Stellwag von Canon. Wien 1868. S. 48. 

*) Graefe's Archiv. Bd. XV. Abth. 3. S. 252. 



üeber die physiologische Wirkung der Iridectomie. 53 

waren sie anch bei den anderen Ophthalmologen nicht im Stande, 
£ich allgemeine Anerkennung zn verschaffen. 

Untersnchnngen, die ich in dieser Richtung an iridectomirten 
Hunde- und Eaninchenaugeu ausgeführt habe, führten mich zu der 
Ueberzeugung, dass sich die Herabsetzung des intraoculären Druckes 
ganz wohl erklären lasse aus den durch die Iridectomie hervorge- 
rufenen Veränderungen in den Gefässverhältnissen des Bulbus. 

Wir kennen bereits einige sehr wichtige Beziehungen zwischen 
dem Seitendruck in den Gefässen des Bulbus und dem intraocu- 
lären Druck. Donders ist es, der zuerst die allgemeine Aufmerk- 
samkeit auf diesen Punkt gelenkt hat ^), und seiner Arbeit folgten 
die durch manches schöne Resultat belohnten Untersuchungen von 
Grünhagen, Hippel, Adamück u. a. 

Auf Grund derselben sind wir in den Stand gesetzt zu be- 
haupten, dass der Seiteudruck in der Vena centralis retinae und 
unzweifelhaft auch in den anderen Venen, da wo sie den Bulbus 
verlassen, wie dies ihr Puls daselbst beweist, gleich oder wenig- 
stens nahezu gleich ist dem intraoculären Druck, und auch bei 
beträchtlichen Aenderungen des intraoculären Druckes ihm immer 
gleich bleibt. Femer dass dieser intraoculäre Druck im innigsten 
Zusammenhange steht mit dem durchschnittlichen Seitendruck der 
Bulbusgefässe; dass ein Steigen oder Sinken des Druckes dann 
stattfindet, wenn die Differenz des intraoculären und des intravas- 
culären Druckes eine gewisse Grösse überschreitet, oder, mit Bezie- 
hung auf das oben Gesagte, wenn das durchschnittliche Gefölle 
(d. i. die durchschnittliche Druckabnahme) des Blutstromes zwischen 
der Eintrittsstelle der Arterien und der Austrittsstelle der Venen 
diesseits oder jenseits einer gewissen Grenze liegt. Wir können 
femer mit Sicherheit sagen, dass diese Druckänderungen im Bulbus 
hervorgemfen werden durch Secretion und Resorption der intraocu- 
lären Flüssigkeiten von Seite der Gefässe, und dass die Secretion 
nicht dann = ist, wenn jene oben genannte Differenz oder jenes 
Gefalle = 0, sondem dass vielmehr in diesem Falle, wegen des 
Ueberwiegens der endosmotischen Kräfte die Secretion schon eine 
negative ist, d. h. Resorption eintritt, wie dies der Versuch beweist 



') V. Graefe 's Archiv, Bd I. Abtb. 2. 



54 Einer. 

dass nach längerem Fingerdrnck auf das Auge, die Gefasse beim 
plötzlichen Nachlassen desselben sich bedeutend erweitern ^). 

Auch der Versuch Adamück's und Wegner's, bei welchem 
nach Sympathicusdurchschneidung am Halse der intraoculäre Druck 
trotz der bedeutenden Erweiterung der Gefässe sinkt, beweist dies, 
da ja der Druck in den Gefässen immer noch grösser sein muss 
als in den Augenflüssigkeiten. 

So muss man es also als feststehende Thatsache betrachten, 
dass der stationäre intraoculäre Druck abhängig ist von dein mitt- 
leren Gefössdruck im Auge, und dass sein Steigen und Sinken 
bedingt ist^) durch Secretion und Resorption von Flüssigkeit durch 
die Gefässwände, und dass diese wieder von der Grösse der Diffe- 
renz zwischen intra- und extravasculärem Druck abhängen. 

Durch Beobachtungen, die ich an einer grossen Beihe von 
injicirten Hunde- und Kaninchen- (Albino-) Augen angestellt habe, 
an welchen 2 — 4 Wochen vor der Injection Iridectomie gemacht 
wurde, habe ich mich überzeugt, dass sich, im Falle die Operation 
der Operation am Menschenauge entspricht, fast immer directe 
Anastomosen nachweisen lassen, welche nach auswärts des excidirten 
Irisstückes Irisarterion mit Irisvenen verbinden. ' 

Bekanntlich wird die Iris mit Blut versehen durch den Circu-- 
lus arteriosus iridis major, von welchem aus radiär sich Arterien 
gegen die Pupille erstrecken, ein Capiliarnetz bilden, aus welchem 
Venen hervorgehen, die radiär nach aussen hinter dem Circ. art. 
ir. maj. vorbei, in das Venengeflecht des Corpus ciliare übergehen. 

Wird nun, wie dies bei der Iridectomie am Menschen der Fall 
ist, pupillarwärts vom Circ. art. ir. maj. die Iris abgeschnitten, 
dann bleiben Arterienstumpfe und Venenstumpfe stehen, der grösste 
Theil ihrer Verzweigungen und des zu ihnen gehörigen Capillarnetzes 
aber ist entfernt. Das Blut, das in die Arterien eindringt, und dem 
der normale Weg verschlossen ist, bildet sich nun, wahrscheinlich 
aus Mher dagewesenen engen Gefässen weite Anastomosen aus, 
so dass das arterielle Blut, ohne ein eigentliches Capillargebiet zu 
passiren, alsogleich in das Bett der Venen gelangt. 



*) Donders 1. c. 

^) Ati8ge6chlos6eii sind natürlich seine Schwankungen, die durch den 
puls oder durch andere äussere Einwirkungen hervorgerufen sind. 



Uebcr die pbysiologisphe Wirkung der Iridectomle. 5,5 

; Um diese Verhältnisse am Kanichenauge gut zu sehen, ist es 
nöthig, eine Jridectomie zu machen, die nicht ganz bis zum Circ. 
art. irid. m^j. heranreicht; derselbe liegt hier nicht wie beim Men- 
schen an der Anheftangsstelle der Iris, sondern in der freien Iris, 
fast ebenso weit von der Anheftangsstelle als vom Pupillaxrand 
entfernt. Auch die Processus ciliares streichen hinten an der Iris 
hin, so dass sie ungefähr hinter dem Circulus enden. 

Excidirt man nun so, dass ein Sector^ der bis nahe an den 
Circul. arteriös, heranreicht, entfernt wird, so kann mau grössere 
Gefasse, die entsprechend der iridectomirten Stelle aus dem CircuU 
art. irid. maj. pupillarwärts ^) hervorgehen, direct in den Yenen- 
plexus des Ciliarkörpers übergehen und sich mit diesen charakteri- 
stischen und nicht zu verwechselnden Venen verbinden sehen. 

Ich habe diese Anastomosen häufig gesehen, und sie nur dann 
als solche anerkannt, wenn ich in der That das Gefäss vom Circ. 
jirt. irid. mcg. bis zur unzweifelhaften Vene des Ciliarkörpers ver- 
folgen konnte. 

Es ist selbstverständlich, dass ich hier von Arterien spreche, 
welche wirklich pupillarwärts vom Circ. abgingen, also wirklich Iris- 
Arterien waren. 

Dabei sieht man in vielen Fällen alle Gefässe, welche zwischen 
Schnittstellen der Iris' und dem Circ. liegen, ungemein erweitert und 
vielfach geschlungen, auch vermisst man an diesen Stellen eigent- 
liche Capillargefässe, die sich in ihrer Feinheit und Zierlichkeit an 
die normalen CapiUaren der Iris anreihen wurden. 

Der Güte Herrn Dr. Sattler's, Assistenten an der hiesigen 
Augenklinik, verdanke ich es, dass ich in der Lage war, auch 
menschliche iridectomirte Augen zu untersuchen, indem derselbe 
mir seine diesbezüglichen Präparate zur freiesten Verfugung stellte. 
£s rührten dieselben von exacten Iridectomien her, die ihre druck- 
herabsetzende Wirkung ausgeübt hatten. 

An diesen Präparaten war zunächst zu ersehen, dass der 
übrigbleibende periphere Irisrand viel breiter ist, als man gewöhnlich 
anzunehmen scheint. Auch Graef e ^) betont, dass die Heilung nicht 



*) Es gehen natürlich auch Arterien von da nach rück* und aus- 
wärts in die Choreoidca. 

*) Bd. XV seines Archivs, I. Abth. S. 1 14. 



56 Exner. 

unmittelbar an eine so weit gehende Excision geknüpft ist, dass 
der Schnittrand sich hinter dem Scleralrand versteckt, sondern dass 
auch Heilung eintreten kann bei Znrücklassnng eines massigen Iris- 
stückes ^). 

Jedenfalls ersieht man ans den Präparaten, dass Platz im 
Ueberfluss da ist zur Ausbildung von noch in der Iris gelegenen 
Anastomosen. 

Diese selbst konnte ich leider am Menschenange nicht unmit- 
telbar beobachtei), da mir nur mikroskopis<^e Präparate von unin«» 
jicirten, und meridional geschnittenen Augen zu Gebote standen, 
doch sah ich die Durchschnitte grösserer Gefässe so hart am Nar- 
benrand, dass ich dieselben kaum für etwas anderes als für Ana- 
stomosen ansehen kann ^). Es ist wenigstens nicht wahrscheinlich, 
dass dieselben Arterien angehörten, die am Band umbogen, um, gegen 
den Oiliarkörper verlaufend , sich in ein Capillarsystem aufzulösen, 
oder dass es Venen seien, die ihr Blut im Irisstumpf sammeln, 
und zum Narbenrand führen, um da umzukehren und wieder nach 
aussen zu laufen. Aus diesen Gründen halte ich es für wahrschein- 
lich, dass die bisweilen ganz mächtigen Gefässe, in der Nähe des 
Narbenrandes eine Auflösung in ein eigentliches Capillarnetz nicht 
haben. 

Wie dem immer sei, das ist zweifellos, dass am iridectomirten 
Auge die dünneren Gefässe weder jenen weiten geschlängelten Ver- 
lauf bis zum Pupilarrand, noch die Auflösung an denselben in das 
bekannte überaus feine Capillarnetz zu erleiden haben. 

Wenn man nun bedenkt, dass von Darey durch Rechnung 
und von Girard, Hagen und Poiseuille durch den Versuch 



*) In einer grossen Reihe von Präparaten, die ich untersuchte, fand 
ich durchschnittlich den übriggebliebenen Irisstumpf 2 Mm. breit, vonn 
Uebergang der Iris in den Ciliarkörper gerechnet. Die Messungen wurden 
blos an den Theilen des Stumpfes ausgeführt, welche noch hinter der 
Scleralwunde lagen. Der kürzerste Meridionalschnitt eines Stumpfes, den 
ich sah, hatte 0*6 Mm. 

*) So sah ich ein Gefass, dessen Querschnitt ohne Adventitia 0*03 
Mm. betrug, in einer Entfernung von 0*02 Mm. von dem aufgetriebenen 
Narbenrand. Auch sah ich ein Gefäss von 0*015 Mm. Querschnitt, 0*07 
Mm. vom Narbenrande entfernt umkehren, so dass es daselbst einen voll- 
kommenen Bogen bildet. 



Uebcr die physiologische ^Mrkung der Iridectomie. 57 

gefunden wurde, dass die Widerstände, die Röhren von geringerer 
Dicke als V2 Millim. der durchströmenden Flüssigkeit entgegenset- 
zen, proportional ihrer Länge und umgekehrt proportional den Qua- 
draten . ihrer Badien sind, nnd wenn man femer bedenkt, dass der 
Seitendruck in irgend einem Eöhrenquerschnitt bedingt ist durch 
die Grösse der Widerstände, welche die Flüssigkeit hinter dem- 
selben noch za überwältigen hat, so wird man leicht einsehen, 
welche Wirkung anf den Druck innerhalb einer Irisarterie das Weg- 
fallen des langen und engen Capillargebietes, nnd die Substitution 
desselben durch weite Anastomosen ausüben muss. 

Aber nicht nur der Druck in dem Stumpf der Irisarterie, 
welche das excidirte Stück mit Blut versorgt hatte, muss sinken, 
sondern auch der Druck im ganzen Circ. art. irid. maj., aus welchem 
sie entspringt, und somit in sämmtlichen Irisarterien, die nun alle 
ihr Blut unter geringerem Drucke aus dem Circulus empfangen. 

Da endlich der Circ. art. irid. msg. durch die Rami recur- 
rentes auch mit den arteriellen Gefässen der Choreoidea in Ver- 
bindung steht, so muss auch in diesen, wenn auch in geringerem 
Grade, der Druck sinken. 

Auf diese Weise erklärt sich meines Erachtens die Wirkung 
der Iridectomie; haben wir doch gesehen, dass der intraoculäre 
Druck direct abhängt von dem durchschnittlichen Gefässdruck inner- 
halb des Bulbus, der in der Iris in beträchtlichem Maasse in der 
Choreoidea in geringerem Grade durch diese Operation herabgesetzt 
wird ^). 

Es erklärt sich bei dieser Deutung auch die ganze Reihe von 
Modalitäten, die man, um die Operation erfolgreich zu sehen, erfah- 
rungsgemäss beobachten muss. 

So der Ausschnitt eines möglichst breiten Irissectors, der die 
Wahrscheinlichkeit der Anastomosenbildung überhaupt und die An- 
zahl der entstandenen Anastomosen erhöht. 



^) V. Graefe fahrt (Archiv f. Ophth. Bd. XV, 3. Abth.) an, dass 
nach Operation des Glaucoms in den ersten Tagen sich die Drucksteige- 
rung wieder herstellt, nnd erst später wieder schwindet. Man könnte 
dieses Wiederherstellen des Druckes auf die Zeit beziehen, welche vergehen 
muss zwischen der Verstopfung der abgeschnittenen Arterie, und der Her- 
stellung der hinlänglich weiten Anastomosen. 



58 Exnur. 

Die Tiefe des Sectors wird dadurch von Wichtigkeit, w^il die 
Wirkung um so grosser sein niuss, je mehr von den engen Gefös- 
seu weggenommen, und je dicker die gebildeten Anastomosen sind. 

Es erklärt sich nach dieser Auffassung auch die Wirkungslo- 
sigkeit der Iridodialysis. Wird nämlich an der Stelle des ausge- 
schnittenen Sectors die Iris losgelöst, so wird hier der Stromlauf 
im Circ. art. irid. maj. unterbrochen, und die Folge davon niuss 
sein, dass, was immer für Druckverl.ältnisse sich in dem losgelösten 
und iridectomirten Irisstncke einstellen mögen, sie nicht ihre Wir- 
kung auf den übrigen Theil der Iris- und Choreoidalgefösse ans- 
ähen können, da ja das vermittelnde Gefäss als solches nicht mehr 
existirt. Der an irgend einer Stelle unterbrochene Oirculus hat seine 
Bedeutung als Regulator des Irisdruckes verloren und verhält sich 
%xx den Irisarterien nur mehr wie irgend eine grössere Arterie zu 
ihren kleineren Aesten. 

Die Einzelheiten der Wirkung einer theilweisen Iridodialysis 
müssen dann natürlich noch davon abhängen, ob eine der langen 
Gilliararterien oder ein anderes grosses Gefass seine Einpflanzung 
in den Oirculus eben an der ausser Oonnex gesetzten Strecke nahm 
oder nicht. 

Dass wirklich bei Iridodialysis die Loslösungsstelle der Iris so 
liege, dass der Strom im Oirculus unterbrochen werden muss, davon 
überzeugte ich mich, indem ich an einem injicirten, und in Alkohol 
gehärteten menschlichen Auge totale Iridiodalysis machte. Es war 
der ganze Oirculus an der Iris geblieben. 

Da hier die Oohäsionsverhältnisse in Folge der Alkoholeinwir- 
kung sich verändert haben konnten, so wiederholte ich den Versuch 
am möglichst frischen Auge. 

Ein todtgebonies Kind wurde wenige Stunden nach der Geburt 
mit Berlinerbläu "und Leim injicirt, und dann über Nacht liegen 
gelassen (das Berlinerblau verliert dabei in Folge seiner Reduction 
durch die organischen Substanzen so vollkommen die Farbe, dass 
die Gelasse selbst unter dem Mikroskop uninjicirt erscheinen. Nach 
der Einwirkung von verharztem Terpentinöl tritt die Färbung natür- 
lich wieder hervor). 

Am nächsten Morgen wurde Iridodialysis gemacht, es zeigte 
sich, dass hiebei der Giro. art. am grössten Theil des Umfanges 



lieber die physiologische Wirkung der Iiidectomie. 59 

an der Iris geblieben und nur stückweise, offenbar da wo die Arte- 
rien in denselben eindringen, unterbrochen und an der Choreoidea 
haften geblieben war. 

Selbstverständlich stösst man nach dem Anseinandergesetzten 
auch auf keine Schwierigkeiten, wenn es sich um die Deutung des 
Factums handelt, das selbst nach durch Iridodialysis zu Stande 
gekommener Entfernung der ganzen Iris, der Blutdruck nicht wie 
nach Iridectomie sinkt. 

Wie ich oben auseinandersetzte, ist ja der intraoculäre Druck 
abhängig von dem Gesammtdruck der in Choreoidea und Iris befind-^ 
liehen Gefässe, nicht aber von der Anzahl eben dieser Gefässe, er 
wird in seinem Niveau erhalten durch das gegenseitige Aufwiegen 
der Resorption und der Secretion, und die Verminderung der Anzahl 
der Gefässe könnte nur die Wirkung haben, dass bei irgend einer 
Störung dieses Gleichgewichtes die Wiederherstellung desselben lang- 
samer von statten ginge ^). 

Wenn man überlegt, was für Aenderungen im Blutstrom statt 
haben müssen, bei durch Iridodialysis erzeugter Lostrennung der 
Iris, so wird man finden, dass, da der Circ. art. irid. maj. ganz 
oder zum grössten Theil entfernt ist, die von denselben nach rück- 
wärts in die Choreoidea laufende Arterien nun gespeist werden 
müssen theils durch ihre Anastomosen mit den hinteren Ciliararte- 
rien, theils durch die Anastomosen mit jenen Aesten der Art. eil. 
post. longae, welche von densetben abgehen, bevor sie den Circ. 
art. bilden. In den xles grössten Theils ihres Capillargebietes beraub- 
ten Art. ciliar, post. longae und somit in der ganzen Choreoidea, 
dürfte also eher der Druck erhöht als erniedrigt sein. 

Nicht zu erklären weiss ich, warum, wie v. Graefe angibt^). 



*) Ich nehme hier, wie dies Donders gethan hat, an, dass die Re- 
sorption in die Gefässe stattfindet, obwohl es von gewisser Wahrschein- 
lichkeit ist, dass in Choreoidea' und Iris Lymphgefässe existiren, die wir 
freilich noch nicht kennen, and dass die Resorption in. diese Lymphgefässe 
stattfindet. Da die Anfänge der Lymphgefässe der Natur der Sache nach 
immer in nächster Nähe der Blut-Capillaren zu suchen sind, so würden 
die auseinandergesetzten Verhältnisse auch für eine solche Resorption in 
die Lymphgefässe Giltigkeit haben. 

*) Archiv f. Ophthalm. Bd. XV. 3. Abth. 



60 Einer. 

die Wirkung der Iridectomie ausbleibt, oder wie die weiteren Erfah* 
rungen lehrten, wenigstens in vielen Fällen ausbleibt, wenn Iris- 
einheilung stattfindet. 

Es ist möglich, dass durch die Iriszerrung eine theilweise 
Undurchgängigkeit der Circ. art. irid. maj. zu Stande kommt, oder 
dass durch diese Zerrung oder durch die damit einhergehenden 
entzündlichen Processe die Gefässveränderungen überhaupt in ganz 
anderer als der oben geschilderten Weise statt haben u. dgL m. 

Es ist dies übrigens ein in Bezug auf die Circulationsstöran- 
gen so complicirter Fall, dass die Unmöglichkeit, denselben zu erklären, 
mich nicht bestimmen konnte, die auseinandergesetzte Erklärung 
der physiologischen Wirkung der Iridectomie als nicht stichhältig 
zu betrachten. 



-C-«.«!»*-' 



1 



Zur Pathologie der Ham- und Geschlechtsorgane. 

Von Dr. J. Englisch, 

Privatdocent für Cbirurgie an der Y^iener UnWersität. 



I. üeber den Yersehluss des Smus pocularis. 

Untersacht man eine grössere Anzahl von kindlichen Leichen, 
theils neugebomer, theils mehrere Tage alter Kinder, so zeigt sich nicht 
selten, dass die mangelhafte Entleerang der Blase mit einer schon 
an der hinteren, dem Mastdarme zagekehrten Fläche sichtbaren 
Anomalie der Harn- and Geschlechtsorgane verbanden ist. Die sonst 
bei Kindern deatlich entwickelte Fnrche an der genannten Fläche 
der Prostata ist darch eine halbkagelfOrmige , deatlich elastische 
Yorwölbang eingenommen, die sich selbst aber die ganze obere 
Hälffce dieser Farche aasdehnen kann» Schneidet man nan die Pars 
prostatica arethrae aaf, so findet man, dass die Hervorwölbang mit 
einer Vergrösserang des^ Collicalas seminalis verbanden ist, welche 
jedoch nicht immer dieselbe Aasdehnang erreicht. 

In den geringsten Fällen beschränkt sich die Geschwalst nar 
äaf den Collicalas seminalis ohne an der hinteren Seite weiter wahr- 
nehmbar za sein, wie dieses in dem 1. antersachten Fall sich dar<- 
bot, während in den anderen 4 Beobachtangen der Yerschlass des 
Sinns pocalaris za grösserer Aasdehnang geführt hatte. Es sollen 
in Folgendem nar 2 Fälle genaaer beschrieben werden. 

1. Knabe 3—5 Tage alt, abgemagert. Grenitalien wenig ent- 
wickelt, das Präpntiam normal, Harnröhre gleichmässig weit. An der 
oberen Wand 1 Centim. vom Orificiam arethrae entfernt die erste 
1 Millim. tiefe, von einer deatlichen Schleimhaatfalte klappenartig 
begrenzte Tasche. In einer Entfernung von 1-5 Centim. vom Orif. 



62 Englisch. 

nrethrae die zweite ähnliche, für eine Borste durchgängige Tasche, 
während die übrige Partie der Hamröhrenwand faltenlos erscheint. 
Die Prostata von normaler Grösse, nar scheinen die beiden Seiten- 
lappen etwas nach oben zu verlängert, so dass die ganze Prostata 
wie eine Haselnuss aussah, deren spitzes Ende gegen die Pars mem- 
branacea nrethrae lag. Die Furche an der dem Mastdarme zuge- 
kehrten Fläche in Folge der schwach entwickelten hinteren Commis- 
sur deutlich sichtbar und man kann durch Anspannen der beiden 
Yesiculae semiualis die Ductus ejaculatoiii deutlich hervortreten las- 
sen. Dagegen war die vordere Commissur stärker entwickelt, und es 
schien der Verlauf der Harnröhre mehr gegen die hintere Fläche 
gerückt. Die Krümmung dieser Partie der Harnröhre war nicht ver- 
mehrt, der Golliculus seminalis begann als eine V« Millim. hohe und 
an ihrer Basis ebenso breite Leiste in der Pars membranacea und 
setzte sich allmähg erhebend in die Pars prostatica fort, um gleich 
hinter deren Mitte als eine birnförmige Erhabenheit zu endigen, da 
sich die weitere Fortsetzung gegen den Blasenhals als eine kaum 
merkliche Leiste erhob. Die Oberfläche der Schleimhaut des Collicu- 
lus seminalis war in seiner vorderen Partie, insbesonders auf der 
Kante der Leiste mit Schleimhautwucherungon besetzt, während der 
übrige Theil vollständig glatt war. Während die Schleimhaut der 
Pars prostatica eine gleichmässige Gefässinjection zeigte, erschien 
der Theil der Oberfläche, welche der 3V2 Millim. langen, 2 Millim. 
breiten und iVs^i^^iin* hohen, bimförmigen Erhabenheit entsprach, 
bläulich, viel dünner als die Umgebung, so dass dieser Theil des 
Golliculus sesminalis als eine kleine Cyste mit durchscheinender Wand 
erschien. Presste man die Prostata zusammen, so wölbte sich der 
durchscheinende Theil deutlicher vor und wurde gespannter, insbe- 
sondere wenn der Druck an der hinteren Wand der Prostata zwi- 
schen den Ductus ejaculatorii ausgeübt wurde. Liess man mit dem 
Drucke nach, so konnte man mittelst der Sonde die Wand eindrücken, 
und es bildete sich eine ziemlich tiefe Furche, die jedoch alsbald 
wieder verschwand, wenn man den Druck in der früher angegebenen 
Weise ausübte. Untersuchte man die Oberfläche der grössten Her- 
vorwölbung mit der Loupe, so war man nirgends im Stande eine 
Oeifnung zu finden, welche dem Eingange in den Sinus pocularis 
entsprach. Ebenso fehlten die Mündungen der Ductus ejaculatorii. 
An der Seitenwand der Pars prostatica erhoben sich je eine Schleim- 



Zur Pathologie der Haraorgaoe. 63 

hautfalte mit starken Wucherungen bis zum Örificium vesicale ure- 
thrae. Die Vesiculae seminalis waren normal entwickelt, nur schienen 
ihre Wandungen etwas derber und war ihre Befestigung an der hin* 
teren Blasenwand eine straffere. Zog man dieselben von der Blase 
weg, 80 zeigte sich, dass der zwischen der Harnröhre und den 
Ductus ejaculatorii gelegene Theil (Pars supramontana) der Prostata 
sehr schwach entwickelt war. Zerrte man die beiden Ductus ejacu- 
latorii nach Durchtrennung dös verbindenden Zellgewebes und der 
zwischen den beiden Vesiculae seminalis gelegenen Muskelfasern aus- 
einander, so konnte man zwischen denselben eine Hervorwölbung 
.bemerken, welche der hinteren Wand des cystenartigen Raumes des 
Colliculus seminalis entsprach. Die beiden Ductus ejaculatorii liefen 
an der unteren Wand dieses Raumes, konnton aber nicht sondirt 
werden, selbst nicht mit Rosshaaren. 

Es unterlag daher keinem Zweifel, dass man es hier mit einem 
angeborenen Verschlusse des Sinus pocularis zu thun hatte, dessen 
Höhle dadurch cystenartig erweitert war. 

Besteht nun der Verschluss längere Zeit oder erfolgt die Se- 
cretion in dem geschlossenen Sinus pocularis rascher, so wird der 
Hohlraum desselben stärker ausgedehnt, und es wölbt sich dann 
einerseits der Colliculus seminalis stärker gegen die Pars prostatica 
urethrae vor, während gleichzeitig der Grund ebenfalls sich erweitert 
und zwischen die beiden Ductus ejaculatorii drängt, und die in der 
hinteren Furche der Prostata befindliche Erhabenheit bildet. 

In drei der weiter beobachteten Fälle boten sich die stärkeren 
Grade der Ausdehnung dar, wobei noch zu bemerken ist, dass in 
2 Fällen der Hode 1 mal rechts, 1 mal links in der Bauchhöhle 
zurückgeblieben war und an der inneren Oeffnung des Processus 
vaginalis peritonei lag. Die Untersuchung der Blase ergab, dass 
gleichzeitig mit der Zunahme der Ausdehnung auch die Harnentlee- 
rung erschwert war, denn die Blase war in allen Fällen in der Leiche 
mit Harn gefüllt, ihre Wände verdickt u. s. w., wie dieses bei der 
folgenden Beobachtung mitgetheilt werden soll. Nur war die an der 
hinteren Fläche der Prostata befindliche Vorwölbung ziemlich gleich«- 
gross, in einem Falle sogar grösser als die in dem am entwickei- 
sten Falle vorkommende Vorwölbung. Die Vesiculae seminalis, die 
Ductus ejaculatorii normal, in einem Falle die Mündungen der letz- 
teren verschlossen. 



64 Engiisth. 

5. Fall. Euabe, einige Tage alt. Bei ErOffnang der BanchliJJhle 
die Blase vom Harn aasgedelint, die Form derselben wesentlich 
geändert. Während unter normalen Verhältnissen die Blase sich 
sowohl gegen den Scheitel ale gegen die Harnröhre bei Kindern 
zuspitzt, hatte sie hier die Eiform angenommen, das breitere Ende 
nach oben, das schmälere nach unten kehrend. Zugleich fühlte sich 
am Scheitel der Blase nnd an der znnächst gelegenen Partie des 
Körpers die Wand derselben derber nnd dicker an, als die tiefer 
liegende Partie. Nachdem die Blase nnd HamrOhre geöfbet worden 
waren, ergab sich folgender Befund (s. Fig. I.): 

Yig, i, Sie HamrOhre in 

ihrer Pars cavemosa 
n. membranacea stark 
injicirt, etwas gewni- 
stet, die Längsfalten 
der oberen Wand als 
auch die schief von 
dieser nach vor und 
unten verlaufenden 
f schiefen Fftltchen stark 
entwickelt. Ebenso die 
Falten an der unteren 
Wand der Pars bnlbo- 
sa. Die Schleimhaat- 
fläche wenig glänzend, 
mit zahlreichen klei- 
nen punktferm igen Er- 
habenheiten besonders 
an den Kanten der 
Falten besetzt, wie sie 
den Epithelialwuch«- 
mngen an den Papu- 
lae filiformes linguae 
entsprechen. Die Weite der beiden genannten Theile der HamrOhre 
nicht vermehrt. 

Von dem Uebergange der Pars membranacea in die Pars pro- 
statica ist die Harnröhre bis znm Orficinm veaicale ureth. erweitert. 
Letzeres hat die Halbmondform mit nach hinten gekehrter Concavität, 




Zur Pathologie der Harnorgane. 65 

die Pars prostatica ist von einer daselbst befindlichen Geschwulst 
fast ganz ansgeföllt. Dieselbe beginnt in der Pars membranacea mit 
zwei nach vorne divergirenden Falten, die sich zn einem 7 Millim. 
langen und 1 Milüm. hohen Wulste vereinigen, der sich scharf von 
dem vergrösserten CoUiculus seminalis abhebt und sich nicht allmä- 
lig zur grössten Höhe desselben erhebt. Der CoUiculus seminalis 
selbst bildet einen cylindrischen Wulst von 5 Mm. Länge, 2V2 Mm. 
Breite und 2 Mm. Höhe. Das vordere Ende des Wulstes fällt fast 
senkrecht ab, während das hintere Ende sich etwas verjüngend, sich 
gleichsam in die hintere Wand der Pars prostatica einfügt. Ungefähr 
in der Mitte des Wulstes findet sich eine leichte Einschnürung, wo- 
durch das Ganze als aus zwei kugelförmigen Erhabenheiten zusam* 
mengesetzt erscheint, deren vordere einen etwas geringeren Durch- 
messer hat. Die Oberfläche dieses Wulstes ist vollkommen glatt und 
geht ohne jede Faltenbildung in die umgebende Schleimhaut über. 
Ebenso wird sie von dem Trigonum Lieutodii durch eine tiefe Ein- 
schnürung scharf getrennt und nur eine niedere Schleimhautfalte zieht 
von der Mitte des ausgedehnten CoUiculus seminalis zur unteren 
Spitze des genannten Dreiecks. Die Wände des Wulstes heben sich 
durch ihr dunkleres Ansehen von der Umgebung ab; sie sind dünner 
als die benachbarte Schleimhaut und lassen deutlich den Inhalt der 
Geschwulst als flüssigen wahrnehmen. Zugleich ist man im Stande die 
Geschwulst durch einen auf sie ausgeübten Druck zu verkleinern. 
Sucht man die Mündungen des Sinus pocularis und der Ductus eja- 
culatorii, so kann man dieselben selbst mit der Loupe nicht ent- 
decken. Zugleich wird durch diesen Wulst das Lumen der Harnröhre 
verengt und gibt auf dem Durchschnitte die Halbmondform mit 
nach unten gekehrter Concavität. 

Die Prostata ist etwas vergrössert und fühlt sich derber an. 
Untersucht man die dem Mastdarme zugekehrte Fläche, so ist die 
zwischen beiden Lappen der Prostata gelegene Längenfurche nicht 
deutlich ausgeprägt, ja im Gegentheile nahe dem oberen Ende der- 
selben stärker, halbkugelförmig vorgewölbt, welche Vorwölbung sich 
durch ihr weissliches Ansehen von dem stark injicirten, umgebenden 
Zellgewebe deutlich abhebt. Die Yorwölbung hat ungefähr einen 
Durchmesser von 4 Mm. und reicht etwas mehr auf den linken Pro- 
staialappen hinüber. Die Betrachtung der Wand zeigt deutlich, dass 
der Inhalt dieser Vorwölbung auch ein flüssiger ist. U^bt man einen 

Me<l. Jabrbnriier. 1873. |. 5 



66 Englisch. 

Druck seitlich auf die Prostata aus, so werden sowohl die Wände 
des Wulstes in der Pars prostatica als auch die der Vorwölbung an 
der hinteren Fläche der Prostata stärker gespannt. Abwechselnder 
Druck auf die eine oder die andere Hervorragung bedingt eine stär- 
kere Spannung der Wand der entgegengesetzten, zum Zeichen, dass 
sie einer und derselben Höhle angehören. 

Das Zellgewebe, welches die Prostata und Blase mit der Um- 
gebung verbindet, strammer, leicht serös infiltrirt. Die Vesiculae 
seminalis normal entwickelt, die linke etwas kleiner als die rechte. 
Ebenso die Yasa deferentia. Nur die Eintrittsstelle derselben ist etwas 
verschoben und entspricht fast dem linken Prostatalappen, der da- 
durch von vorne nach hinten verdickt erscheint. Daher kommt es, 
dass während das linke Vas deferens fast gerade herabsteigt, das 
rechte schief nach links und unten über die hintere Blasenfläche 
verläuft. 

Die Blase ausgedehnt, enthielt fast ^/2 Unzen Harn. Die Umge- 
bung des Blasenhalses ist stark, die übrige Partie der Schleimhaut 
massig injicirt. Die Schleimhaut stark gefaltet. Die Muscularis der 
Blase stark verdickt, besonders am Scheitel derselben und in zahl- 
reichen Trabekeln gegen die Höhle vortretend. Ebenso ist der obere 
Band des Trigonum Lieutodii zwischen den beiden Uretherenmün- 
dungen zu einer 3 Mm. breiten Falte emporgehoben, hinter welcher 
der Blasengrund eine Tasche bildet. Die Hoden sind normal. Der 
Urachus vollständig obliterirt. Die Nieren konnten leider nicht un- 
tersucht werden. Die Uretheren waren, so weit sie am Präparate mit 
der Blase zusammenhingen, nicht erweitert. 

Fassen wir nun das im Vorstehenden Mitgetheilte zusammen, 
so ergibt sich, dass eine Betention des Secretes im Sinus pocularis 
bei Neugeborenen nicht zu den Seltenheiten gehört, da Verfasser 
dieselbe bei ungefähr 70 Kindesleichen, theils neugeborener, theils 
einige Tage alter Kinder 5. Mal fand, wenn auch in verschiedener Aus- 
dehnung. Dieselbe wird um so ein fluss reicher, je länger dieselbe nach 
der Geburt fortdauert und je rascher die Absonderung des Secretes in 
den abgeschlossenen Raum erfolgt, indem sich in beiden Fällen die 
Beschwerden der Harnentleerung und secundären Veränderungen in 
den höher gelegenen Organen steigern. Dass die Verwachsung der 
Mündung eine verschiedene ist, geht daraus hervor, dass oft der lei- 
seste Druck hinreicht, die Entleerung des eingeschlossenen Secretes 



Zur Pathologie der Harnorgane. 67 

ZU bewerkstelligen, wobei zuerst die halbkugelfprinige Vorwölbung 
an der hinteren Fläche der Prostata verschwindet, während der 
Wulst in der Pars prostatica urethrae nur wenig an Volumen ver- 
liert. Dagegen kann, wie im dargestellten Präparate, ein starker 
Druck auf die Geschwulst selbst oder auf die Prostata ausgeübt wer- 
den, ohne dass sich die verschlossene Mündung des Sinus pocularis 
öfifnet, was auf eine festere und ausgedehntere Verklebung der Wände 
schliessen lässt. Dem ersteren Falle dürfte eine blosse Verlothung 
der sich berührenden Schleimhautflächen entsprechen, wie sich diese 
ähnlich bei Neugeborenen sehr häufig zwischen den Schleimhaut- 
überzügen der Glans penis und der inneren Lamelle des Präputiums 
findet und wie dieselbe auch im Sinus pocularis weiter hinten beob- 
achtet wird, wo die beiderseitigen Epithelialüberzüge ineinander über- 
gehen. Erst bei längerem Bestände wird die Verwachsung eine 
festere und es ist dann ein einfaches Loslösen der sich berührenden 
Flächen nicht mehr möglich, und in diesem Falle die Eetention eine 
dauernde geworden, wenn nicht unter dem Einflüsse anderer Agen- 
tien, z. B. Entzündung eine Perforation der Wand und damit eine 
Entleerung des Secretes erfolgt. 

Betrachten wir nun die Veränderungen, wie sie durch die An- 
sammlung des Secretes bedingt sind, so besteht dieselbe zuerst in 
einer Vergrösserung des Colliculus seminalis allein und derselbe ragt 
mehr in der Pars prostatica vor. Erst wenn der Verschluss längere 
Zeit angedauert hat, dehnt sich auch der in der Prostata selbst ein- 
gelagerte und daher weniger nachgiebige Theil des Sinus pocularis 
aus und bildet die oben beschriebene halbkugelförmige Vorwölbung 
an der hinteren Prostatafläche, da diese Partie wieder nachgiebiger 
ist. Diese Veränderungen werden am deutlichsten auf Durchschnitten 
wahrnehmbar. Während nämlich der Sinus pocularis unter normalen 
Verhältnissen auf dem Durchschnitte sich als ein cylindrischer Hohl- 
raum erweist und das hintere, blindsackförmige Ende kaum weiter 
ist als der übrige Theil des Kanales, ändert sich bei der Hetention 
vorzüglich der in der Harnröhre liegende Theil und noch mehr das 
hintere blindsackförmige Ende, so dass letzteres oft einen 2 — 8 Mal 
grösseren Durchmesser zeigt, und der Hohlraum seiner Benennung 
als Sinus pocularis entspricht. Da ferner bei offener Mündung der 
Sinus pocularis nie so weit nach rückwärts reicht, so erklärt sich 
daraus auch dessen späteres Verhalten bei . Erwachsenen. Denn. es 

5* 



()8 Englisch. 

iit nicht unwahrscheinlich, dass jene Fälle, wo bei Erwachsenen das 
hintere und auch meist erweiterte Ende frei zwischen den Ductus 
ejaculatorii liegt, solchen Fällen entsprechen, wo bei Neugeborenen 
eine Retention bestanden hatte, die später aber wieder schwand und 
der damals abnorm ausgedehnte Sinus pocularis sich in derselben 
Form weiter entwickelte. Nicht immer jedoch bleibt die Verwachsung 
blos auf die Mündung des Sinus beschränkt, sondern sie erstreckt 
sich entweder über den ganzen vorderen Theil, so dass nur der 
hintere als Hohlraum bestehen bleibt, oder aber es erfolgt auch noch 
die Verklebung der Wände an irgend einer anderen Stelle, so dass 
auf diese Weise zwei Hohlräume entstehen, die entweder ganz von 
einander getrennt sind oder nur durch einen sehr engen Kanal mit 
einander in Verbindung stehen , wobei es dann später geschehen 
kann, dass der vordere Raum sich wieder öffnet und nur der hin- 
tere bestehen bleibt. Vergrössert sich nun dieser weiter, so liegt er 
vorzüglich in dem Zellgewebe zwischen Prostata und Mastdarm und 
es lässt sich daraus das Vorkommen von Cysten in dieser Gegend 
erklären. In dem vom Verfasser beobachteten Falle von Verwachsung 
der beiden Wände ungefähr in der Mitte des Sinus gingen die bei- 
den Epithelialplatten in einander über, so dass es nicht zur Aus- 
bildung der obersten Schichte von cylindrischen Zellen kam. Die 
Verschmelzung war so fest, dass sie nur mit der Sonde getrennt 
werden konnte. 

Was nun den Inhalt anlangt , so besteht derselbe aus einer 
Masse von Epithelialzellen, cylindrische, vieleckige, rundliche und 
flache, der Inhalt getrübt, die Kerne aber sichtbar. Daneben eine 
Masse Detritus, aus zerstörten Zellen hervorgegangen, und rundlichen 
Kernen. Die Wand des Sinus selbst ist aber noch mit einer ober- 
flächlichen Schichte von Cylinderzellen überzogen. 

Bemerkenswerth bleibt nur das Verhalten der Vesiculae semi- 
nalis und der Ductus ejaculatorii, deren Mündungen ebenfalls ver- 
schlossen sind, wie Verfasser dieses zu beobachten Gelegenheit hatte. 
Dieselben zeigten durchaas gar keine Erweiterung ihrer Räume und 
eine Ansammlung von Secret, obwohl an der Oberfläche des Gollicu- 
lus. seminalis nirgends eine Oeffnung zu sehen war und eine feine 
Borste im Ductus ejaculatorius nur bis zur Wand des Sinus pocu- 
laris vordrang, ohne weiter gebracht werden zu können. Dem ent- 
sprach auch der mikroskopische Befund. Denn auf dem Querschnitte 



Zur Pallinlogie der Hainorgane. 69 

zeigten sich die Ductus ejaculatorii nicht weiter als unter den ge- 
wöhnlichen Verhältnissen. Das eine geht aber bestimmt daraus her- 
vor, dass die Secretion in beiden Organen selbst bei gleichzeitigem 
Verschlusse nicht gleichen Schritt hält, denn sonst mässten die 
Ductus ejaculatorii und die Vesiculae seminalis ebenfalls ausgedehnt 
gefunden werden. Dass aber in denselben auch eine Ansammlung 
des Secretes Statt haben kann, beweisen andere Fälle, wo die Sa- 
menbläschen stark ausgedehnt waren, ohne dass der Sinus pocularis 
auch nur in einer Richtung hin erweitert war. Man hatte es hier 
mit einem isolirten Verschluss der Ductus ejaculatorii zu thun, wie 
Verf. ein Präparat von einem mehrere Tage alten Kinde besitzt. 

Weitaus grössere Störungen werden aber in den höher gele- 
genen Theilen der Harnwege bedingt und hängen dieselben von der 
Entwicklung der in die Pars prostatica urethrae vorragenden Geschwulst 
ab. Dieselben beziehen sich zunächst auf das erschwerte Harnlassen 
durch Verengerung des Lumens der Pars prostatia. Die Harnbeschwerden 
können sich bis zur vollständigen Beten tion steigern. Dem entsprechen 
auch die Veränderungen der Blase, der Harnleiter u. s. w. Die 
Blase erscheint in der kindlichen Leiche nicht vollständig entleert 
und hat eine eiförmige Gestalt angenommen, deren breiteres Ende 
nach oben gekehrt ist. Ihre Wand ist hypertrophisch, die Trabekeln 
ragen an der inneren Fläche deutlich vor. Insbesonders ist der obere, 
quere Schenkel des Trigonum Lieutodii stark entwickelt und hebt 
sich von der Blasen wand als ein mehrere Mm. breites Band ab. 
Die Schleimhaut ist stark gewulstet, nicht selten stark injicirt, kurz 
es sind alle Zeichen einer energischen Contraction der Blase vor- 
handen wie sie einem bestehenden Hindernisse entsprechen. Ebenso 
entsprechen die Erweiterungen der Harnleiter, der Nierenbecken, die 
Nephritis der Hemmung bei der Harnentleerung. Betrachtet man nun 
die vorhandenen Präparate, so sieht man deutlich, dass die Zeichen 
des erschwerten Harnlassens um so deutlicher sind, je stärker der 
Culliculus seminalis ausgedehnt ist, also von ihm abhängig sind. 

Wie schon früher angeführt, bedarf es in gewissen Fällen nur 
eines geringen Druckes, um eine Entleerung des Secretes herbeizu- 
fähren. Vergleicht man nun die in der Literatur angeführten Fälle 
von Harnretention bei Kindern, so steht ob«'nan die Zahl derer b*ü 
Ncugebonien. Die Fälle, in denen Kinder erst 2, -J ja «ogar 4 Ta^e 



70 Englisch. 

nach der Geburt das erste Mal Harn entleerten, sind sehr häufig 
in den Berichten der Gebärhäuser angeführt. Ist einmal die erste 
Harnentleerung erfolgt, so harnen die Kinder dann ohne jede weitere 
Beschwerde. Vergleicht man nun damit das verhältnissmässig häufige 
Vorkommen von Verschluss des Sinus pocularis, so dürfte sich ein 
Theil jener Fälle auf den Verschluss beziehen, wo dann unter dem 
starken Pressen , um den Harn auszutreiben , ein Druck auf den 
erweiterten Sinus pocularis ausgeübt wird und ein Oeflfhen der Mün- 
dung mit Entleerung des Secretes folgt, worauf die Harnentleerung 
ohne Anstand erfolgt und keine Unterbrechung mehr erleidet. Damit 
stimmt auch die Erfahrung überein, indem angeführt wird, dass die 
erste Harnentleerung bei mehrtägiger Harnverhaltung unter sehr hef- 
tigem Drängen plötzlich erfolgte , ja in einem Falle sogar erwähnt 
ist, dass die ersten Tropfen Harnes trüb, gelblich waren. Erfolgt das 
Oeffnen des Sinus pocularis nicht bald nach der Geburt, so hängen 
die andauernden Hambeschwerden von der weiteren Secretion in 
den abgeschlossenen Sack ab. Je langsamer diese erfolgt, je mehr 
also der CoUiculus seminalis im Verhältniss zur Entwicklung der 
Harnröhre zurückbleibt, um so geringer wird die Beschwerde sein. 
Andererseits wird die hypertrophische Blase das Hinderniss um so 
leichter überwinden. Dass aber in der Mehrzahl der Fälle ein nach- 
trägliches Eröffnen der Mündung des Sinus pocularis eintritt, beweist 
das seltene Vorkommen des Verschlusses im späteren Alter. Denn 
dann hat der Verschluss in der Regel einen anderen Grund. In der 
Mehrzahl der Fälle findet man entweder Entzündung der Schleimhaut 
oder Geschwüre an dieser Stelle. 

Es würde sich nur noch die Frage ergeben, ob der Verschluss 
in einer Bildungsanomalie oder blos durch die zufällige, aber länger 
andauernde Berührung der Schleimhautflächen bedingt sei. Obwohl 
2 Fälle mit Verbleiben des Hodens in der Bauchhöhle verbunden 
waren, so liegt doch in den bis jetzt gemachten Beobachtungen kein 
Grund zur Annahme einer Bildungsanomalie vor, sondern Verfasser 
entscheidet sich vielmehr für die 2. Annahme, dass der Verschluss 
nur durch die zufällige Berührung bedingt sei. 

Bezüglich der Therapie möge nur hinzugefügt werden, dass in 
allen Fällen durch den Katheterismus die Harnverhaltung und die 
Hambeschwerden beseitigt werden, da wahrscheinlich der Druck des 



dnrchgehendea Eathuters ein Austreten des znrückgebaltoiien Secre- 
tes bedingen wird. 



II. Cy*te in der Pan aapramontana proitatae. 

Ein Mann aber 40 Jahre alt, bot bei der UtiterBacliung der 
Genitalien folgenden Befand : 

Fig. II. 




Die Harnröhre von normaler Weite zeigt eine stark atrophiaclie 
Schleimhaat, so dass sie in der Pars pendula fast das Ansehen einer 
serösen Membran darbot, wobei nnr einzelne Lscunae Morgagni 
Bichtbar, die Falten aber gänzlich geschwunden waren. In der Pars 
bnibosa and membranacea zeigten sich nar sehr niedrige Schleim- 
haatfalten. Ebenso war das Corpus cavernosnm geschrumpft, ohne 



72 K 11 g lisch. 

jedoch Bindegewebeanhäufuiigen in Knotenform zu zeigen. Die Pars 
prostatica nicht erweitert. Der CoUiculus seminalis beginnt au seinem 
vorderen Ende mit zwei nach vorne divergirenden Falten, die sich 
am Anfange der Pars prostatica zu einem Wulste vereinigen, der in 
einer Länge von 8 Mm. nach hinten zieht und sich rasch zum eigent- 
lichen CoUiculus seminalis verdickt. Die grösste Protuberanz hat eine 
Länge von 7 Mm. eine Breite von 3, eine Höhe von 2 Mm. und entspricht 
der Mitte der Pars prostat. Vom hinteren Ende zieht eine Leiste 
nach aufwärts bis zum Orificium vesic. ureth., welche daselbst aber 
von einer kugelförmigen Erhabenheit begrenzt wird. Die Leiste selbst 
hat eine Länge von 1 Ctm. und ist an ihrem vorderen Ende nur 
um etwas weniges schmäler als der vorspringendste Punkt desVeru 
motanum, in ihrem Varlaufe nach hinten verbreitert sie sich immer 
mehr, so dass die Breite bei ihrem Uebergange in die halbkugel- 
förmige Geschwulst 1*2 Ctm. beträgt. Dadurch geschieht es, dass 
der obere Kamm des CoUiculus seminalis allmälig in eine dreieckige 
Fläche übergeht, deren Basis am Blasenhalse liegt und von der 
Geschwulst eingenommen wird. Die Seitenränder dieser sich verbrei- 
ternden Kante heben sich deutUch als 2 divergirende Schleimhaut- 
falten ab, welche mit den entsprechenden Seitenflächen der Pars 
prostatica tiefe Kinnen bilden. Von der Mitte des Veru montanum 
läuft eine geschlängelte Schleimhautfalte über jene dreieckige Fläche 
zur Mitte der Geschwulst am Blasenhalse, sich aUmälig daselbst 
in der Schleimhaut verlierend, und hat zu beiden Seiten Vertiefun- 
gen, in welche 2 Schleimhautfalten des vorderen ümfanges des 
Blasenhalses passen und wahrscheinlich im Leben die Furchen aus- 
füllten. Die Schleimhaut der Pars prostatica erscheint verdickt, derber 
und mit zahlreichen Fältchen besetzt, die von dem Seiteiirande des 
ColUculus seminalis quer zur Seitenwand der Pars prostatica ver- 
laufen und zwischen sich zahlreiche Grübchen und Oeffnungen als die 
erweiterten Ausmündungsgänge der Drüsen der Prostata enthalten. 
Die Gefässinjection ist eine massige. Die halbkugelförmige Geschwulst 
nimmt genau die Mitte des hinteren Ümfanges des Orificium vesi- 
cäle urethrae ein und wölbt die Schleimhaut daselbst in der Form 
eines niedrigen mittleren Prostatalappens vor, so dass die genannte 
Hamröhrenmündung die Halbmondforra hat, deren Concavität nach 
hinten gekehrt ist. Der Querdurchmesser der Geschwulst beträgt 
1*3 Ctm., der Durchmesser von vorn nach hinten 1*5 Ctm., so dass 



Zur Pathologie der Hai norgunc. 73 

die Geschwulst in dieser Richtung' etwas in die Länge gezogen er- 
scheint und sich über das untere Drittel des Trigonum Lieutodii 
erstreckt. Die Oberfläche der Geschwulst ist glatt, ohne Falten, er- 
scheint gegen die stärker injicirte Umgebung bläulich, durchschei- 
nend, so da SS man mit Sicherheit sagen kann, die Geschwulst ent- 
hält einen Hohlraum mit flüssigem Inhalte. Drückt man die Prostata 
zusammen, so kann man die Oberfläche der Geschwulst gespannter 
machen, und bei der Untersuchung mit 2 Fingern Fluctuation deut- 
lich nachweisen. 

Die Prostata selbst ist nicht vergrössert; ihre beiden Seiten- 
lappen sind durch die an der hinteren, unteren Fläche befindliche 
Furche deutlich bemerkbar und es ragt der linke etwas höher hinauf 
als der rechte. Ebenso ist der Plexus prostaticus nicht stark ent- 
wickelt, dagegen aber die fibröse Umhüllung der Prostata dick und 
hängt durch strammes Zellgewebe fest mit der Umgebung zusammen. 
Ein Gleiches gilt von der Fortsetzung der aponeurotischen Umhüllung 
zwischen Vesiculae seminalis und Mastdarm; erstere sind so fest 
verbunden, dass es nur schwer gelang, dieselben gehörig auszuprä- 
pariren. Das Gewebe der Prostata fühlt sich nicht derber an; die 
hintere Commissur und die Pars supramontana sind schwach ent- 
wickelt; die Vesiculae seminalis klein, ihre Windungen schwach, durch 
dichtes Zellgewebe fest zusammengehalten, die rechte etwas grösser 
als die linke. Die Vasa deferentia normal, nur ist beim Durchgang 
durch die Prostata das rechte vor dem linken gelagert und nicht 
neben demselben. 

Die Blase klein, stark contrahirt, die Schleimhaut stark gefal- 
tet, die Muscularis hypertrophisch, tritt mit ihren Trabekeln deutlich 
gegen die Höhle vor; der obere, quere Schenkel des Trigonum Lieu- 
todii deutlich, wenn auch nicht so stark entwickelt. Beiderseits findet 
sich vor den durchtretenden Uretereii die ganze Wand der Blase 
divertikelartig ausgebaucht, jedoch hängen diese Divertikeln durch 
weite, spaltförmige Oeffnungen mit der übrigen Blasenhöhle zusam- 
men. Rechts erstreckt sich der Divertikel auf 2*3 Ctm. Tiefe längs 
dem Ureter, links dagegen nur 1*7 Ctm., so dass die hintere Wand 
des Divertikels auf dem Ureter aufliegt und mit ihm durch lockeres 
Zellgewebe verbunden ist. Die Wand des Divertikels ist viel dünner 
als die übrige Blasenwand , wird aber aus sämmtlichen Schichten 
derselben gebildet. Der Urachus ist zu einem soliden Strange um- 



74 Englisch. 

gewandelt. Die Hoden sind zwar klein, aber nicht atrophisch. Die 
Nieren konnten leider nicht untersucht werden. 

Spaltet man die Cyste durch einen medianen Schnitt, so zeigt 
sich, dass dieselbe mit ihrer grössten Vorwölbung unmittelbar unter 
der Schleimhaut liegt, während sie nach oben und unten von einer 
Schichte der Längenmuskelbündel der Blase bedeckt ist und sich 
mit ihrer hinteren Partie in die Bingfaserschichte einbettet. An ihrer 
unteren Partie ist die Cyste deutlich durch einen kleinen Spaltraum 
von der Längenfaserschichte getrennt, während sie an den übrigen 
Stellen mit der Umgebung fest zusammenhängt. Die Dicke der Wand 
an der freien Cystenfläche beträgt 1 Mm., die Höhle selbst entspricht 
genau der Geschwulst; ihr Durchmesser von der freien Fläche zur 
entgegengesetzten beträgt 0*9 Ctm., in der Eichtung von der Spitze 
zur Basis des Trigonum Lieutodii 1*3 Ctm. Sie ist von einer gleich- 
massigen Membran ausgekleidet, welche in der linken Cystenhälfte 
eine vorspringende halbmondförmige Falte bildet, deren freier con- 
caver Rand nach vorne und oben sieht. Während die Innenfläche 
an der vorderen, freien Hälfte glatt ist, zeigt dagegen jener Theil, 
welcher in der Ringfaserschichte eingebettet ist, zahlreiche, mohn- 
korngrosse, aber glatte, mit der genannten Auskleidungsmembran 
überzogene Erhabenheiten, wodurch dieser Theil der Oberfläche grie- 
sig erscheint. 

Die mikroskopische Untersuchung ergab, dass die Höhle gleich- 
massig mit einer Membran ausgekleidet ist. Dieselbe sondert sich 
scharf von der Unterlage und hat eine mehrfache Lage von Epithe- 
lialzellen, deren unterste aus rundlichen Zellen, die oberste dagegen 
aus Cylinderzellen gebildet sind. Besonders tritt dieses auf Durch- 
schnitten an der hinteren Wand hervor. Hier zeigt sich aber noch 
ein anderes Verhalten. Während nämlich an der vorderen Cystenwand 
der innere Ueberzug gleichmässig ist und nur hie und da einzelne 
papillenartige Fortsätze zeigt, die aber mit denselben Epithelialschich- 
ten überzogen sind, wie die angrenzende Wand, finden sich dagegen 
an der hinteren Wand zahlreiche Ausbuchtungen vor, die in ihrer 
Form und in ihrem mikroskopischen Verhalten genau den Drüsen- 
gangen der Prostata entsprechen, nur ist ihr Lumen weiterund das- 
selbe mit Zellen ganz ausgefüllt, deren Form aber mehr weniger 
von den Cylinderzellen abweicht. Diese Ausbuchtungen sind sehr 
zahlreich und liegen manchmal parallel nebeneinander. Sie sind eben 



Zur Palbologie der Hainorgane. 75 

SO schfirf von der Umgebung getrennt wie bei der normalen Prostata. 
Weiter entfernt von der Oberfläche der auskleidenden Membran fin- 
den sich runde Querschnitte, ausgekleidet mit einer Schichte von 
Cylinderepithelium, wieder entsprechend den Querschnitten der Pro- 
statadrüsen. Die umgebenden musculösen, bindegewebigen und ela- 
stischen Elemente verhalten sich wie bei einer normalen Prostata, 
nirgends zeigen sich neugebildete Zellen in den Interstitien, nur hat 
die Bingfaserschichte eine bedeutendere Dicke und stehen die Mus- 
kelbundel in dichten Gruppen bei einander. Der Inhalt der Cyste 
besteht aus einem eiweissartigen flüssigen Medium, in dem zahlreiche 
Epithelialmassen, Zellen und Prostataconcremente eingelagert sind. 
Die Epithelialmassen bestehen aus im Zerfalle begriffenen Pflaster- 
zellen , bei denen es nicht möglich ist, die Kerne nachzuweisen. Der 
Zelleninhalt zeigt zahlreiche, verschieden grosse Körper. Zugleich 
finden sich gerade auf diesen Massen zahlreiche runde oder läng- 
liche elliptische Concremente aufgelagert, während die grösseren, drü- 
Sf^nai-tigen Prostataconcremente in dem Inhalte der Cyste vertheilt 
sind. Was die frei schwimmenden Zellen anlangt, so sind dieselben 
th eilweise cylin drisch, in der Mehrzahl jedoch elliptisch, oder wenn 
sie grösser sind, rund. Ihr Inhalt ist ebenfalls körnig getrübt und 
nur bei den kleineren lässt sich manchmal der Kern nachweisen. 
Neben diesen Vorkommnissen enthält die Cystenflüssigkeit noch reich- 
lich Detritus, nirgends aber Elemente, welche sich auf Eiterzellen 
beziehen Hessen. 

Was nun die Entstehung dieser Cysten anlangt, so ist dieselbe 
bis jetzt nicht festgestellt. Ein Theil der Beobachter führt dieselben 
auf submucöse Abscesse zurück, während ein anderer Theil diesel- 
ben aus erweiterten Drüsenelementen hervorgehen lässi Diese Drü- 
sen gehören entweder den Schleimdrüsen des Trigonam Lieniodii 
oder der Prostata an. Fassen wir das oben Gesagte zusammen , so 
geht daraus hervor, dass wir es im vorliegenden Falle mit keinem 
Abscesse zu thun haben, denn weder die Form der aaskleidenden 
Membran, ihre scharfe Sondemng von der Umgebung, deren Kle« 
mente durchaus auf keine bestehende oder dagewesene Enüündtin^ 
schliessen lassen, noch der Mangel von neugebildet^n , wticherndffn 
Zellen daselbst entsprechen dem bei Abscesse» vorkommf^nd^n Bf^fnndi«. 
Dagegen lässt die Lagerung der Cyst«, ihre AnsbtiehiungAfl fff^rmU 
an der Stelle, wo sonst im mittleren Lappen dftr Prof^iHih UriU^u 



76 Englisch. 

vorkommen, sowie die Beschaffenheit der auskleidenden Membran und 
der Cjsteninhalt keinen Zweifel übrig, dass man es hier mit einer 
Cyste zu thun habe, welche aus der Erweiterung eines Drüsenele- 
mentes der Prostata hervorgegangen ist. Noch mehr bestätigt wird 
diese Annahme durch die eigenthümliche Beschaffenheit der unmittel- 
bar von der Höhle abgehenden Gänge und den um diese oder nach 
aussen vor ihnen gelagerten Querdurchschnitten, welches Bild dem 
Durclisclinitte der Prostata der Erwachsenen entspricht. Vergleicht 
man diesen Befund mit dem bei Verschluss des Sinus pocularis, so 
lindet sich ebenfalls eine Aehnlichkeit, welche auch zur Bestätigung 
dient, dass diese Cyste aus einem schon bestehenden Drüsenorgane 
hervorgegangen ist. 

Fragt man nun nach der Zeit des Entstehens, so glaube ich 
in Anbetracht der Beschaffenheit der Blase, ihrer Ausstülpungen 
u. s. w. annehmen zu können, dass die Cyste entweder schon ange- 
boren war, oder sich bald nach der Geburt entwickelte. Denn die 
Form der Blase ist eine solche, wie sie vorkommt, wenn sich früh- 
zeitig ein Hinderniss bei der Harnentleerung findet und wie dieses 
an anderer Stelle gezeigt werden soll. Dass aber die vorhandene 
Cyste zu einem Hindernisse Veranlassung gegeben hat, beweist eben 
die Form der Blase, nur dürfte dieses, wie aus der geringen Hyper- 
trophie der Muscularis der Blase hervorgeht, ein geringes gewesen 
sein, und überdies auch Abwechslungen dargeboten haben, je nach 
dem die Cyste mehr oder weniger gespannt war. Eine bestimmte 

* 

Diagnose im Leben zu machen gehört in diesen Fällen zu den gröss- 
ten Schwierigkeiten, wenn dieselbe nicht absolut unmöglich ist. Im- 
mer wird das Bild eines mittleren Lappens vorhanden sein, von dem 
sie nur durch die Wahrnehmung der verschiedenen Consistenz un- 
terschieden werden könnte, und aus diesem Grunde dürfte sich 
schwer eine ludication zu eiuem therapeutischen Eingriffe machen 
lassen. 



III. Spaltfönnige Auabnobtnnj^ der Fan prostatica nrethrae. 

Das Präparat stamiiite von einem nngefähr 40jflhrigen Indivi- 
dunm nnd enthielt leider nur Prostata nnd Blase, so dass der Befand 
maiiffelhaft ist; nichts desto weniger glaube ich aber doch, dass er 
wcrth i§t, veröffeiitliclit za werden. 

Fig. ni. 




So weit die Hamr>>hre vorhanden ist, zeigt ihre SchleimhantflSche 
ein gleichmftssiges Ansehen mit sehr wenig Falten. Das Corpas 
cavemosum ist sehr dünn nnd die Haschen desselben sehr klein. 
Die Pars prostatica urethrae ist verlängert, weiter als gewöhnlich. 
Die hinbre Wand steigt senkrecht hinter dem Collicnlns sepiinalis 
empor nnd ist in dieser Partie länger als normal. Di<> Srhleimhant 



78 Englisch. 

ist derb und bildet an der Seitenwand dieses Theiles der Harnröhre 
2 Falten, welche bis zum Orificium vesicale urethrae aufsteigen 
und mit 2 hanfkorngrossen, breit aufsitzenden Knoten besetzt sind. 
Der CoUiculus seminalis beginnt am Uebergange der Pars mem- 
branacea in die Pars prostatica mit 2 starken nach vorne zu divergi- 
renden Falten, welche sich an ihrem vorderen Ende in kleinere, büschel- 
förmigen gelagerte Fältchen auflösen. Von der Vereinigung der beiden 
divergirenden Falten, welche genau dem Beginne der Pars prostatica 
entspricht, erhebt sich ein Wulst von 1*7 Ctm. Länge, 2 Mm. Höhe 
und Breite, der eigentliche CoUiculus seminalis. Ungefähr in der 
Mitte ist derselbe etwas verdickt und trägt daselbst an seiner oberen 
Fläche die Mündung des Sinus pocularis, dieselbe ist spaltförmig 
und beträgt in ihrem Längendurchmessor ungefähr anderthalb Milli- 
meter; dringt man durch diese Oeffnung ein, so gelangt man in einen 
cylindrischen Kanal, der blos für eine dünne Knopfsonde durchgängig 
ist. Die Tiefe derselben beträgt 1-4 Ctm., ihre Richtung ist nahezu 
der Oberfläche des Vera montanum parallel, und endet blindsack- 
förmig zwischen den beiden Ductas ejaculatorii, wo die Wand des 
Sinus pocularis sehr dünn ist und die Sonde deutlich durch- 
fühlen lässt. In einer Entfernung von 0*7 Ctm. von der Mündung 
des Sinus pocularis gegen die Blase zu, theilt sich der CoUiculus 
seminalis abermals in 2 stark vorspringende Falten, welche diver- 
girend über den vertikalen Theil der hinteren Harnröhren wand der 
Pars prostatica nach aufwärts ziehen und am Oriflcium vesicale 
urethrae, allmälig an Höhe abnehmend , in die übrige Schleimhaut 
übergehen. Durch diese beiden Schleimhautfalten wird eine dreieckige 
Fläche begrenzt, deren Spitze nach unten, deren Basis am Blasen- 
halse liegt. Fast in der Senkrechten des Dreieckes findet man eine 
spaltförmigp Oeffnung, welche in eine theilweise über dem Sinus 
pocularis liegende Höhle führt. Die Oeffnung selbst hat einen Län- 
gendurchmesser von 8 Mm., eine Breite von 2 Mm. Die Seitenwände 
der Höhle ziehen fast parallel der Meridianebene des Körpers von 
vorn« nach hinten, nehmen aber dabei an Höhe ab, so dass die 
ganze Höhle trichterförmig erscheint, was um so deutlicher wird, 
wenn man die Oeffnung etwas auseinander zerrt. Die obere und 
untere Wand der Höhle sind ungleich lang, denn während die letztere 
eine Länge von 7Mm. hat, erstreckt sich die erstere nur 5 Mm. in 
die Tiefe. Ebenso zeigt die Beschaffenheit des Schleimhautüberzuges 



Zur PalUologi« iler Harnorgane. ' 79 

der Wände eine auffallende Verschiedenheit. Unmittelbar hinter der 
Eingangsöffnung ist dieselbe auf 2 — 3 Mm. Tiefe derb, gelblich und 
unterscheidet sich in Nichts von der umgebenden Schleimhaut. Im 
Grunde der Höhle dagegen ist sie viel dünner und zarter, so dass sie 
ein mehr bläuliches Aussehen gewinnt. Am frischen Präparate war 
die Höhle mit einer zähen, schleimigen Masse gefüllt. Zu erwähnen 
ist noch, dass kein Theil der Begrenzung des Orificium vesic. ureth. 
besonders vorspringt, so dass sich dieses Präparat dadurch von den 
früheren unterscheidet. 

Die Prostata ist nur wenig vergrössert und die beiden Seiten- 
lappen deutlich angezeigt. Da die hiiitere Commissur sehr stark ist 
und an verschiedenen Stellen eine Dicke von 4 — 5 Mm. hat, so 
erscheint die an der hinteren Fläche der Prostata befindliche Furche 
nur seicht. Die Yesiculae seminalis sind mit zahlreichen Windungen 
versehen. Die Vasa deferentia stark, ihre Wandungen dick und ver- 
laufen geschlängelt. Die beiden Ductus ejaculatorii ziehen getrennt 
an der Seite des Sinus pocularis nach vorne, sind aber an ihren 
Mündungen verschlossen, so dass man zwar die in dieselben einge- 
führten dünnen Sonden mittelst einer dritten von der Höhle des Sinus 
pocularis aus fühlen, aber nicht bis in die Harnröhre vorschieben 
kann. Untersucht man die Hohlräume der Yesiculae seminalis selbst, 
80 erweisen sie sich in geringem Masse cystenartig erweitert. Prä- 
parirt man dieselben von der hinteren Blasenwand ab, so erweist 
sich die zwischen den Ductus ejaculatorii und der Blasenmandung 
liegende Partie der Prostata vergrössert und bildet einen Wulst von 
1 Ctm. Dicke, dessen grösster Theil frei vorragt. In diese vergrös- 
serte Pars supramontana ist nun die früher bezeichnete Höhle ein- 
gebettet, jedoch so, dass die Wände derselben, die hintere, obere 
und untere nämlich, eine bedeutende Dicke haben. Insbesonders ist 
der zwischen den Ductus ejaculatorii und der Höhle liegende Theil 
stark entwickelt. Eben so zeigt die Scheidewand zwischen Höhle 
und Sinus pocularis eine bedeutende Dicke, nur nimmt dieselbe nach 
vorne zu ab. 

Die Blase ist stark contrahirt, ihre Muscularis besonders in der 
Umgebung des Orificium vesicale urethrae stark verdickt und springt 
diese gegen die übrige Höhle der Blase in zahlreichen Trabekeln vor, 
mit Ausnahme in der Gegend der Durchtrittsstelle der Ureteren, wo- 
selbst die Blasonwand verdünnt erscheint und beiderseits divertikel* 



80 EnKliscIi. 

artig vorgebaucht ist. Der obere Schenkel des Trigonum Lieutodii 
springt stark vor und bildet der ßlasengrnnd dahinter eine Vertie- 
fung. Die stark gefaltete Blasen schleim haut erscheint dünn. Die Ure- 
teren sind nicht erweitert. Die Vesiculae seminalis und Vasa defe- 
rentia sind durch strammes Zellgewebe an die hintere Blasenwand 
befestigt ; letztere in ihrer Wand verdickt und nur mit kleinen Aus- 
buchtungen besetzt. Die Samenbläschen dagegen sind stark ausge- 
dehnt, dünnwandig und ihre zelligen Räume mit einer dünnen, glat- 
ten, nicht wie sonst faltenreichen Schleimhaut ausgekleidet. 

Fragt man sich nun nach der Art und Weise der Entstehung 
dieser Tasche, so lässt sich nichts Bestimmtes angeben. Vergleicht 
man jedoch die Lage derselben, insbesonders aber die Verschieden- 
heit der Auskleidung ihrer Wände, so könnte man zur Annahme ge*- 
führt werden, dass diese Spalte hervorgegangen ist aus einer in Fig. 
n. dargestellten Cyste, nachdem deren vordere Wand aus irgend einem 
Grunde geplatzt sei, wobei sich darauf die schwächeren Wände der 
freien Fläche nach einwärts umgelegt haben und mit der Höhlen- 
wand verwachsen sind. Auf diese Weise würde sich das verschieden- 
artige Aussehen der Höhlenwände erklären lassen, während die 
weiter hinten liegende Partie von der Auskleidungsmembran der Cyste 
selbst gebildet wäre. Nur müsste sich die Cyste ursprünglich tiefer 
entwickelt haben. Keinesfalls kann aber angenommen werden, dass 
die Spalte aus einem falschen Wege hervorgegangen ist. 

Bezüglich der Diagnose und der Vermeidung des Aufhaltens des 
Katheters beim Einführen desselben gilt dasselbe wie bei anderen 
an dieser Stelle vorkommenden Spalten und Vertiefungen. 



r*?csr*-*i 



Studien über Entzündung der Froschcomea. 

Von R. V. Pfdiigen, stud. med. 
(Aus dem Institute far experimentelle Pathologie der Wiener Universität.) 



Ich habe die Arbeiten, welche als Grundlage für die folgenden 
Mittheilungen dienen, im Laboratorium Prof. Stricker's unternommen 
und zwar ursprünglich, um Präparate für die Demonstration der 
entzündlichen Veränderungen der Cornea anzufertigen. Bei dieser 
Gelegenheit habe ich indessen eine Zahl neuer Erfahrungen gewon- 
nen und über diese soll hier berichtet werden. 

Da es sich in der strittigen Frage hauptsächlich um entzünd- 
liche Veränderungen der fixen Comeazellen handelt, und in neuerer 
Zeit der Beweis für das Nichtvorhandensein solcher Veränderungen 
durch Abbildungen von Corneapräparaten angestrengt worden ist, in 
welchen eben diese Veränderungen noch nicht vorhanden waren, er- 
laube ich mir dieser Methode ein für alle Mal folgende Bedenken 
entgegen zu halten. 

Der entzündliche Process in einem Organ, beispielsweise in der 
Cornea, muss nicht in allen Tiefen und in der ganzen Ausdehnung 
gleichmässig ablaufen: namentlich dann nicht, wenn der Process 
von einer Stelle aus (Trauma) angeregt wird. In Folge dessen wird 
man auch durch das Vorzeigen oder Abbilden von Präparaten, in 
welchen gewisse behauptete Veränderungen trotz einer langen Ent- 
zündungsdauer nicht stattgefunden haben, gegen dieselben niemals 
etwas Stichhaltiges beweisen können. 

Die Abbildung beweist im günstigsten Falle nur,dass der Zeichner 
an der Stelle, die ihm vorlag, neben Eiterkörperchen auch unver- 
änderte fixe Zellen gesehen hat. Ein solches Nebeneinandersein ist 

Med. Jahrbflcher. 187a. I. 6 



82 Pfungen. 

aber meines Wissens von Niemandem bestritten worden. Es handelt 
sich immer nur darum, ob Veränderungen von Hornhautkörperchen 
an einzelnen Orten nachzuweisen sind, und in dieser Beziehung 
können Abbildungen überhaupt nur als Belege zu den positiven 
Behauptungen angesehen werden. 

Nach air dem was über diese Angelegenheit schon publicirt 
worden ist, habe ich nur wenig hinzuzufügen. Ich glaube aber auf 
einige Formen aufmerksam machen zu können, die noch nicht genü- 
gend berücksichtigt worden sind. Ich werde zunächst nur von Vor- 
kommnissen in entzündeten und vergoldeten Hornhäuten sprechen, 
die, wie sich das fast von selbst versteht, nur kräftigen Frühlings- 
und Sommer-Fröschen entnommen wurden; um die erste Frühjahrs- 
zeit ausgegrabene oder eingefangene Frösche verhalten sich in vielen 
Stücken wie Winterfrösche und eignen sich daher für unsere Zwecke 
nicht. 

Es wird nicht überflüssig sein noch einmal anzuführen, dass 
ich die Keratitis nur durch Traumen hervorgerufen habe, und zwar, 
indem ich eine starken doppelten Bindfaden durch das Centrum 
Corneae ein- und durch die Sclerotica ausgeführt und zu einer 
kurzen Schlinge geknüpft habe. Der Umstand, dass lebhafte Frösche 
häufige Versuche machen, den Faden zu entfernen, kann für den 
Verlauf der Entzündung nicht ganz ausser Betracht kommen. Denn 
das häufige Zerren am Faden ist geeignet, den Beiz nur noch zu 
vergrössem. 

Um vollkommene für Detailstudien taugliche Präparate zu erhal- 
ten, wurden die Corneen so weit lamellirt, dass immer nur eine, höch- 
stens zwei Zellschichten in dem Präparate übrig waren. So konnte 
ich auch in aller Genauigkeit mit der 10er Immersionslinse Hartnack 
Zelle für Zelle untersuchen. 

Ehe ich an die Schilderung der für Umwandlung fixer Körper 
in Eitorkörper sprechenden Bilder gehe, möchte ich eine Zelle beschrei- 
ben, die ich in einer Cornea, wenige Stunden nach der Application 
des Eeizes, gesehen habe, und zwar unter einer Gruppe von Elementen, 
die keine nachweisbaren Abweichungen von der Form und Tinction 
normaler, fixer Comeazellen zeigten. 

Es ist eine Zellmasse (Fig. 1), welche durch einen Querspalt 
getrennt erscheint; die getrennten Theile sind nur durch zwei schmale 



Studien Ober EatiDndiing der Froachcor 



88 



Brücken mit einander verbunden; jeder derselben besitzt einen fla- 
chen, matt tingirten Kern und viele verzweigte Fortsätze: Das Bild 
ist jedesfallB geeignet, den Gedanken an eine Theilnng normaler, fixer 
Zellen nahe zn legen. 

Fig. 1. Fig. a. 




Das nächste Bild (Fig. 2) Keigt eine Zelle aus einer Cornea, 
welche 6 Stunden nach der Keiznng atisgoschnitten wurde. Es ist 
eine platte Zelle mit plattem, eckig contourirtem Sern, die durch ganz 
abnorm breite, flache Fortsätze mit Nachharzellen zusammenhängt. 
Der Zellleih ist auffällig grob granuUrt, die grossen Kömer sehr tief 
tin^rL Der Umriaa der Zelle zeigt mehrere keulenförmige Fortsätze, 
deren einige tief eingeschnürt sind. Ausserdem kommen Buckel vor, 
nnd dann Anhängsel, die nur mehr mit je einem dünnen, zarttingir- 
ten Protoplasmafaden mit der Zellmasse verbunden sind. Die Buckel 
sind ausnahmslos ohne Spnr von Granulation und erinnern in auf- 
fälliger Weise an die bekanntlich ungemein zartraudigen , hyalinen 
Buckel farbloser BlutkOiper niederer Thiere. Daas man es hier mit 
einer veränderten flxen Corneazelle zu thun hat, kann nicht bezwei- 
felt werden. Die Masse ist einerseits durch Fortsätze mit anderen 




84 Ptnng.n. 

Corneazellen in ZnsammeDliaiig, andererseits trägt sie einen grossen, 
platten Kern von den allgemeinen Umrissen eines Comeakörperker- 
nes. Dass dei^leichen Kerne in farblosen BlntkOrpem niemals vor- 
kommen, braucht wohl nicht wiederholt za werden. 

Fig- 3. Das a.Büd neigt eine fixe Zelle 

durch eine tiefe Kerbe in eine we- 
nig und eine tiefer grannlirte Hälfte 
getheilt , die dnrch eine breite 
Brücke mit einander verbunden 
nnd jederseits mit langen Fort- 
sätzen versehen sind. Die matt- 
tingirte nrd wenig grannlirteHälfte 
enthält einen grossen platten Cor- 
neakörperkem, die andere, tief tin- 
girte zeigt zwei Gmppen kleiner, 
rondlicher nnd ovaler Kerne, die, wie hinreichend bekannt ist, den 
EiterkÖrperkemen ähnlich sehen. 

Es ist in neuerer Zeit daranf aufmerksam gemacht worden, dass 
das Vorkommen mehrerer Kerne in einer Zelle durchaus kein Zeichen 
einer stattgehabten physiologischen Theilnng sei. Die Stücke konn- 
ten dnrch einen passiven Zerfall entstanden sein. Zur Unterstützung 
dieses Argumentes wurde auch darauf hingewiesen, dass die Kerne 
der Gxen Comeazellen, wenn deren mehrere vorhanden, ungleich 
gross sind. 

Ich erlaube mir zn dieser Frage eine Stelle ans Max Schultze's 
Aufsatz über Gromia zn citiren '). 

,1. Die Grösse der Gromien variirte zwischen Durchmessern 
von 0-33 bis 0-06 Mm. 

2. Die Zahl der Kerne kann sehr ansehnlich sein. Während in 
den bei weitem meisten Fällen nur 1 Kern vorhanden war, kamen 
mehrere Exemplare mit 3 und mit 4 Kernen vor, einmal mit 5, 
wiirunter 1 grosser und 4 kleinere; ferner mehrere mit 16 und 20 
Kernen nnd eins mit 58 — 60 kleineren nnd 1 grösseren.* 
und an einer anderen Stelle heisat es: 

»Zwei Kerne in einer Gromie pflegen gleich gross zu sein, bei 
mehr wie zwei pflegt einer an Grösse zu überwiegen, während die 



') Reichert und die Gromien. M. Schultie's Archiv IHfiG. 2. Bd. 



Studien Ober Eutzundung der Froschcornea. 85 

andern ganz oder nahezu gleich sind. Höchst wahrscheinlich gehen 
die Kerne durch Theilang auseinander hervor. Dabei würden dann 
die Theilproducte gleicher Ordnung einander an Grösse gleichen. 
Bleibt aber ein Kern in der Theilung zurück, so wird er später die 
andern an Grösse übertreffen.* 

Ich glaube demgemäss nicht fehl zu gehen, wenn ich sage, dass 
gerade der Umstand, dass einer der Kerne gross, die anderen klein 
sind, dafür spricht, dass es sich um eine physiologische Theilung 
handelt. Im Uebrigen ist Folgendes zu bedenken: 

Derlei Bilder werden sicherlich, so sehr sie auch eine Umwand- 
lung der fixen Zellen zu Eiterzellen wahrscheinlich machen, noch 
nicht als unbezweifelbare Beweise für einen solchen Vorgang ange- 
sehen werden. Was sie aber beweisen, ist, dass man durchaus nicht 
berechtigt war, vpn der Unveränderlichkeit der fixen Zellen zu sprechen. 

Die Annahme, dass die Kernvermehrung ein passiver Vorgang 
sei, ist nicht mehr als eine Vermuthung. Vermuthungen aber können 
eine Frage discutirbar machen, sie können niemals eine Frage ent- 
scheiden. 

Eine ähnliche Betrachtungsweise muss in Kücksicht auf einen 
anderen Einwand geltend gemacht werden. Es wird angeführt, und 
ich muss es nach meinen Beobachtungen bestätigen, dass 6 bis 8 
Stunden nach der Beizung in einzelnen Eegionen einzelne Zellen vor- 
kommen, die wie Eiterkörperchen aussehen, nur tragen sie noch den 
charakteristischen, platten Kern der fixen Zelle neben kleinen, rund- 
lichen oder ovalen Kernen, und stehen, was ich hier nochmals be- 
tonen muss , mit fixen Zellen durch dünne, lange Fortsätze in Ver- 
bindung. Wenn nun dagegen geltend gemacht wird, ich hätte nichts 
als Eiterkörperchen gesehen, welche eingewandert auf Zellen oder 
Zellfortsätzen auflagen, wäre ein solcher Einwand schon an und für 
sich schwer zulässig in Bücksicht auf die Configuration der Bilder. 
Der Einwand ist aber vollends verwerflich in der Art wie er vorge- 
bracht wird. Denn es wird behauptet, solche wie Eiterkörperchen 
gefärbte und rundliche oder ovale Kerne tragende Abschnitte oder 
Fortsätze der fixen Zellen sind sicher eingewanderte Zellen, sind sicher 
nur angelagert. 

Man kann in gewissen Fällen über Continuität oder Contiguität 
streiten, wer aber da, wo ein Fortsatz von einer Zelle ausgeht, oder, 
wo ein dunkler gefärbter und graiiulirter Theil der Zelle in ein we- 



86 PfUDgCD. 

niger gefärbtes oder grannlirtes Stack übergeht, anssagt, es sei gewiss 
nur Contiguität, sicher nicht Continoität, der hat seine Behauptung 
»sicher* nicht in ihrer ganzen Tragweite erwogen. 

Die Bilder, von welchen oben gesprochen worden, können dem- 
nach als noch discntirbar angesehen werden, aber nimmermehr als 
solche, die gegen Co hnheim's Behauptungen gar nicht in Betracht 
kommen. 



Schärfere Hilfsmittel zur Beurtheilung der Vorgänge in der Cor- 
nea als die einfache Goldmethode bietet die combinirte Silber-Gold- 
methode, wie sie schon Hansen für entzündete Corneae derSänge- 
thiere angewandt hat. Ich habe die von Hansen ^) geschilderten 
Bilder auch an Fröschen wieder gefunden und will mir nun erlau- 
ben, auch hierüber Einiges mitzutheilen. Doch will ich früher die 
Methode angeben, nach welcher meine Präparate angefertigt wor- 
den sind. 

Die ausgeschnittene Hornhaut wurde in eine Mischung von 5^ 
käuflicher Essigsäure mit destillirtem Wasser durch 1 — 2 Min. von 
dem anhängenden Blut und Eammerwasser abgespült und zugleich 
durch dieses Bad das vordere Epithel abgehoben und danach mit dem 
Messer ohne Zerrung abgelöst. 

Sodann wurde die Cornea für 5 Minuten in ^li% Silberlösung, 
nachher mit Glasstäbchen oder Glasfäden aus der Silberlösung in 
eine Essigmischung und nach 1 — 2 Minuten wieder für 10 Min. in 
^l%% Goldlösung gebracht, und endlich mehrere Minuten in Essigmi- 
schung ausgewaschen. Zum Zwecke des Lamellirens wurde das Prä- 
parat erst nochmals in destillirtem Wasser gewaschen und daraus mit 
Hilfe einer abgestumpften Nadel und eines Beer'schen Staarmessers 
möglichst dünn lamellirt. 

Jeder Experimentator wird sich sehr bald überzeugen, dass die 
eben geschilderte Methode, was die Tinctionszeit in den beiden Lö- 
sungen betrifft, nach der Höhe der Entzündung und nach der Jah- 
reszeit, in der die Versuche an Fröschen vorgenommen werden, mo- 
dificirt werden müssen. Ich kann nur anrathen, sich für alle Fälle 



^) Hansen, Medicin. Jahrbücher 1871. 



Studien aber Entzündung der Frosclicoruea. 87 

schwacher Tinctionen zu bedienen, indem man hier die zartesten 
Details am schärfsten zu Gesichte bekommt. 

Normale Comeen pflegen sich ungleich matter und seltener 
brauchbar zu färben als entzündete. Es kann daher für das Studium 
der normalen Hornhaut angerathen werden, Corueen nach 72stündi- 
ger Entzündungsdauer zu untersuchen. Es sind dabei keine stören- 
den Abweichungen von der Norm zu befürchten. 

Die gleichzeitige Tinction von Silber und Gold pflegt in allen 
Fällen nur an beschränkten Gebieten zum Ausdruck zu kommen. 
Ich könnte aber keine Eegel über die Bedingungen des Zustande- 
kommens der Doppeltinction angeben; es sind das eine Mal die we- 
niger entzündeten, ein anderes Mal stärker entzündete Lamellen die 
gelungener gefärbten. In vielen Fällen beschränkt sich die gelun- 
gene Färbung auf eine einzige Hornhautschicht. Die Grundsubstanz 
pflegt eine schiefergraue oder graublaue bis grauviolette Tinction 
anzunehmen, die Zellen liegen mit tiefer tingirton Kernen ald matt 
violett gefärbte Körper in den Räumen (Saftkanälchen) der Grund- 
substanz. 

Ich habe Corneen zwischen der 6. und 15. Entzündungsstunde 
untersucht. Da fiel es mir zunächst auf, dass stellenweise in den 
Zellen eigen thümliche Silberlinien auftraten. Ich sah sie meist nur 
in mehrkernigen Corneazellen, am zahlreichsten in fortsatzlosen Zel- 
len. Solche Silberstreifen sah ich zuweilen zwischen zwei sehr nahe 
an einander gelegenen, platten Kernen sich hindurch winden, andere 
Male zwei Gruppen kleiner, rundlicher Kerne von einander trennen, 
in vielen Fällen wieder kleinere oder grössere, kernlose Zellstücke von 
einer fixen Zelle abschneiden. 

Die in Fig. 4 gezeichnete Zelle trägt 4 Kerne, darunter einen viel 
grösseren, länglichen, platten Corneakörperkern. Die Zelle zeigt noch 
zahlreiche Fortsätze, von denen der oberste bei a durch eine sehr 
un regelmässige Silberlinie von der Hauptmasse des Leibes getrennt 
erscheint. Eine zweite breitere Linie schneidet die Zelle bei h zur 
Hälfte ein und läuft bis zwischen zwei unregelmässige, kleine, tief 
tingirte Kerne. 

Die nächste Zelle (Fig. 5) zeigt nur mehr Stümpfe von Fort- 
sätzen und einen platten, grossen, matttingirten Kern, der augen- 
scheinlich durch das Vorhandensein des querüber geschlängelt ver- 



laufenden Silbers treifen 8 a in zwei Stöcke getrennt erscheint. Bei /> 
liegt nocii ein biscuitförmiger Kern nnd rechts von ihm bei c wie- 
der eine den Zellleib trennende, dunkle Linie. 




Die dritte, längliche Zelle (Fig. 6) zeigt nur mehr Gruppen 
rnndlidiur und ovaler, tief tingirter Kerne und ^wei querüber durch- 
greifende Silbcrlinien «. Ausserdem aind noch zwei kleine Rand- 
atilckc vorhanden und durch solche Linien von der Hauptmasse ab- 
getrennt. 

So verlockend os auch ist die eben geschilderten Bilder als in 
genetischem Zusammenhang hin zusteilen, will ich mich doch darauf 
beschränken, die ersten zwei in Fig. 4 und 5 geKeichneten Zellen 



Studien über EDlzüudung der Froschcornea. 89 

allein zum Ausgaugspnukt einiger Erwägungen zu machen. Für diese 
nämlich kann hei dem Vorhandensein der platten Kerne und wegen 
der Configuration der Zellen nur an veränderte, fixe Körper gedacht 
werden. 

Da nun solche Silherstreifen auf den fixen Zellen an nicht ent- 
zündeten Corneen weder von Anderen noch auch von mir hoch- 
achtet worden sind, so ist die Existenz der Streifen ein Zeichen, 
dass die Honihautkörper verändert sind. Da die Silherreaction jedes- 
falls den Beweis liefert, dass sich die braun gefärbten Streifen che- 
misch anders verhalten als die nicht braun gefärbte Zellmasse (eben 
so auch als die Grundsubstanz), so müssen sich die braunen Strei- 
fen entweder aus dem Zellleibe durch chemische Differenzirung ge- 
bildet haben, oder sie müssen von aussen eingedrungen sein. Im 
einen wie im andern Falle ist der Zellleib als solcher getheilt. Da 
das Eindringen solcher Streifen von aussen kein Analogen findet 
und die Grundsubstanz ringsherum auch anders gefärbt ist, so ist 
es jedesfalls wahrscheinlicher, dass die Linien nichts anderes vor- 
stellen, als die uns wohlbekannten Kittsubstanzstreifen. Da sich fer- 
ner zwischen je zwei Streifen stellenweise wenigstens Kerne befinden, 
so führt uns die Analogie mit bekannten Thatsachen dahin, solche 
zwischen zwei Streifen liegende kernhaltige Platten als besondere 
Zellplatten anzusprechen, d. h. eine Theilung der fixen Zellen anzu- 
nehmen. Diejenigen, welche gegen eine solche Annahme Einsprache 
erheben wollen, werden dartbun müssen, wie diese Linien sonst 
zu deuten sind. 

Bis hieher wurde die Entzündung der Cornea geschildert, wie 
sie nach schweren Traumen eintritt. Ich ging nun weiter daran, 
Hornhäute zu untersuchen, welche nach Durchschneidung des Trige- 
minus oder nach Beizung des Ganglion Gasseri ohne künstliche 
Verletzung der Cornea selbst zur Entzündung gekommen waren. 

Da ich durch meine Versuche erfahren hatte, dass, wenn das ent- 
sprechende Gangüon Gasseri bei der Durchschneidung des Trigeminus 
weder gezerrt noch gequetscht worden, die Corneen sich häufiger 
klar erhielten, als andere mit gereiztem Gassenschem Ganglion, schied 
ich die Fälle mit blosser Trigemiuusdurchschneidung von jenen, bei 
welchen auch das Ganglion freiwillig oder unfreiwillig in Mitleiden- 
schaft gebogen wurde. 



90 PfungeD. 

Ich präparirte den Trigeminus von der Mundhöhle aus ohne 
das Ganglion zu verletzen. Das Thier wurde auf den Eücken ge- 
fesselt, Unter- und Obertiefer mit Fadenschlingen möglichst weit 
von einander entfernt und fixirt, und die Zunge möglichst weit 
aus der Mundhöhle mit herausgezogen. 

Sodann wurde die häutige Gaumen decke genau in der Mittel- 
linie getrennt und die Wundränder mit Sperrpin cetten oder Faden- 
schlingen zur Seite gezogen und befestigt. Im Winkel des die Augen- 
höhle nach innen und hinten einschliessenden Os sphenoideum *) 
wurde am querlaufenden Theile dieses Knochens ein Stück ausge- 
brochen und so der Trigeminus blossgelegt. Ich ging dann mit einem 
feinen Häkchen ein, hob den Nerven auf und schnitt ihn mit der 
Schere durch. 

Ich verfüge nur über sechs gelungene und protokollirte Fälle 
von reiner Trigeminusdurchschneidung und von diesen wies ein Fall 
nach 2V2 Tagen Entzündung auf. In den anderen Fällen blieben die 
Corneen während der Beobachtungszeit von 10 Tagen ungetrübt. 

Wie man sieht sind die Corneae meiner Versuchsthiere seltener 
entzündet worden als in den Fällen von Budge'^) und Scheller^), 
welche den Trigeminus en masse mit Knochen und Weichth eilen mit 
der Schere durchschnitten und gewöhnlich schon am zweiten Tage 
Trübung beobachteten. 

Der eine Fall von Entzündung aus meiner Versuchsreihe zeigte 
auf der sonst wenig getrübten Hornhaut gegen die Mitte derselben 
einen matten Fleck. Mit der Loupe sah ich in ihm die Opacität gQ- 
gen einen kleinen, weissen Punkt im Centrum rasch zunehmen. 

Unter dem Mikroskop zeigte sich die obere — Frontalhälfte der 
Cornea erfüllt mit allerlei Uebergangsformen von fixen Zellen in 



*) T)uge8, Recherches sur rostdologie et la myologie des Batra- 
ciens. Paris 1834. 

*) Budge, Frorieps Tagesbericht 1852, Nr. 662; undBudge, über 
die Bewegung der Iris. Braunschweig 1855. 

^) Schell er, über die Struetur der Hornhaut des Frosches und 
deren Veränderungen nach Durchschneidung des Quintus. Dissert. inaug. 
Erlangen 1861. 



Stadien über Entzttndung der Froschcornea. 91 

Wanderzellen, die untere Hälfte bot an vielen Stellen nur sichtbar ge- 
wordene, granulirte, sonst aber unveränderte, fixe Zellen. Das Knötchen 
in der oberen Hälfte bestand zum Theil aus sehr dicht gelagerten, 
zelligen Elementen, die durchwegs viel kleiner waren, als Wander- 
körper derselben Hornhaut. 

Da sich zwischen diesen kleinen Elümpchen keine fixen Körper 
nachweisen liessen, lag es nahe anzunehmen, dass diese Elemente 
theilweise durch Theilung fixer Zellen entstanden waren. 

Knötchen, wie eines hier geschildert worden ist, fand ich häufig 
nach Beizung des Ganglion Gasseri. Eine Eigenthümlichkeit jedoch 
sah ich nur in diesem einen Falle, nämlich, in einem Quadranten, 
fixe wie wandernde Zellen dicht mit Augenpigment erfüllt. 

Eine reichere Erfahrung gewann ich an Experimenten, in denen 
ich durch absichtliche Beizung des Ganglion Gasseri auf die Horn- 
haut zu wirken suchte. Zu diesem Zwecke musste die Knochen wunde 
so weit vergrössert werden, bis wenigstens ein hinterer Theil des 
Ganglion Gasseri zur Quetschung oder Cauterisation blos lag. Ich 
sah nach Beizung dieses Ganglion bei intactem und bei durchschnit- 
tenem Trigeminus in vielen Fällen Entzündung mit Knötchenbildung 
eintreten. 

In einzelnen Fällen begannen auf der klaren Cornea geringe 
Trübungen hervorzutreten, die wieder verschwanden. — Endlich 
kam es zu einer etwas tiefer trüben Stelle in der oberen, seltener 
der unteren Hälfte der Cornea. In der Mitte des trüben Fleckes 
erschienen ein oder zwei mit oder ohne Loupe sichtbare, scharfbe- 
grenzte, weisse Stellen, welche den oben erwähnten Knötchen ent- 
sprachen. 

Solche Knötchen lagen immer nur in den vorderen Schichten 
der Cornea, während bei der gewöhnlichen traumatischen Keratitis 
die tiefsten Eiterheerde den hintersten Lamellen entsprechen. In 
mehreren Fällen sah ich die Corneen bei geringer Trübung auffallend 
dick. 



In Bücksicht auf die bekannten Discussionen über die Bezie- 
hungen zwischen Nervendurchschneidung und der darauf folgenden 
Entzündung habe ich eine weitere Versuchsreihe eingeleitet. Magen- 



92 Pfungen. 

die und später Büttner ^) haben am Kaninchen die Augenlider 
exstirpirt und rasch eine heftige Fanophthahnitis eintreten gesehen. 
Ich modificirte nun die Versuche folgendermassen. 

Ich habe an 11 Fröschen auf je einer Seite den Trigeminus durch- 
schnitten oder das Ganglion Gasseri verletzt und auf der anderen 
Seite das Auge einfach des Schutzes seiner Nickhaut beraubt. 

Alle 11 Augen mit exstirpirten Nickhäuten blieben innerhalb 
der Versuchszeiten von 4—10 Tagen makroskopisch und mikrosko- 
pisch klar. Ebenso 4 Augen nach Durchtrennung dos Trigeminus bei 
erhaltener Nickhaut. Von 7 Augen bei verletztem Ganglion Gasseri 
und erhaltener Nickhaut waren 5 tief entzündet. 

Der Umstand, dass unter 11 Augen, die ihres Schutzes durch 
die Nickhaut beraubt worden waren, kein einziges von Entzündung be- 
troffen wurde, könnte die Vermuthung wecken, dass die Empfindungs- 
losigkeit, welche durch die Nervendurchschneidung gesetzt wird, re- 
spective die fremden Körper, welche in Folge dessen die Cornea 
irritiren können, nicht die Ursache der Entzündung seien. 

Dennoch ist kein Grund vorhanden der Annahme von Sn eilen 
und Donders zu widersprechen. Denn so lange es denkbar ist, 
dass die Nervendurchschneidung die Vulnerabilität erhöhe, bleibtauch 
die Möglichkeit offen, dass, solange der Trigeminus oder das Ganglion 
Gasseri iiitact bleiben, so geringe Reize, wie sie in Action treten, 
wenn in Folge von Entfernung der Nickhaut der Zutritt fremder 
Köi*per nicht mehr verhindert wird, keine Entzündung hervorruf^i; 
dass dies aber der Fall sein kann^ sobald der Nerv oder das Gang- 
lion verletzt sind. 



Nachdem es sich immerhin herausgestellt hatte, dass nach 
Durchschneidung des Trigeminus dennoch jene Veränderungen der 
Zellen eingeleitet werden können, welche als dem Entzündungsprocess 
eigenthümlich angesehen werden, war es weiter zu untersuchen, ob 
eine Cornea , nachdem ihr Zusammenhang mit dem Nervensystem 



^) Büttner, Ueber die nach der Durchschneidung des Trigeminus 
auftretenden Ernährungsstörungen am Auge und an andern Orten. Heule 
und Pfeiffer's Zeitschrift für rationelle Med. UI. Reihe, Bd. XV. 186i, 
8. 254 — 278. 



Stiulicn über Entzündung Her Froschcomea. 93 

unterbrochen worden, noch die zur Entzündung nöthigen Bedin- 
gungen besitzt. 

Ich habe es zunächst versucht die MeduUa oblongata zu exstir- 
piren und durch Einwickeln des Thieres in feuchtes Fliesspapier den 
Kreislauf so lange als möglich zu erhalten. Es gelang mir dies aber 
selten länger als 10 — 12 Stunden. Indessen habe ich, wenn die 
Cornea central, ohne Verletzung der Scleralgefässe nach der Exstir- 
pation der Medulla verletzt wurde, schon 8 Stunden später Wander- 
zellen mit üebergängen zu normalen fixen Zellen gefunden. 

Ich durchtrennte femer in anderen Fröschen einerseits alle Ge- 
hirn- und Rückenm^-rksnerven und fand wieder schon 6 Stunden nach 
der Verletzung der Hornhaut deutliche Entzündungsspuren an den 
Comeen der operirten Seite. Einmal gelang es mir, ein solches Thier 
24 Stunden lebend zu erhalten. Die Entzündung nach Cauterisation 
des Centrum Corneae war in diesem Falle sehr tief. 

Es scheint demnach sicher, dass, wenn überhaupt zur Entzün- 
dung eine Innervation nöthig ist, solche für das Auge nicht oder 
nicht ausschliesslich vom Centralnervensystem auszugehen brauche. 

Ich ging nun um einen Schritt weiter und versuchte es, das 
Ganglion Gasseri zu exstirpiren. 

Die Operation gelingt sicher, wenn man die Carotis interna zu 
beiden Seiten der bindegewebigen Anheftungen des G. Gasseri ab- 
bindet und ohne Zerrung dieses Mittelstück mit dem Ganglion aus- 
schneidet. Bei grosser Vorsicht kann man so die Continuität der A. 
ophthalmica mit den Himgefässen schonen. 

Nachdem ich in dieser Weise vorgegangen, reizte ich, indem 
ich durch zwei Stellen der Cornea (also ohne Gefäss Verletzung) einen 
doppelten Faden zog und zu einer Schlinge knüpfte. Es ergab sich, 
dass die Exstirpation des Ganglion den Ablauf des Entzündungs- 
processes nicht verhindert. 

Das nächst dem Gasserischen zu berücksichtigende Ganglion 
schien mir ein etwa vorhandenes Ganglion ciliare zu sein. Es ge- 
lang mir auch am Frosch ein Ganglion nachzuweisen, welches sei- 
ner Lage nach als G. ciliare angesprochen werden könnte. Es liegt etwas 
über eine Linie nach vorn vom vorderen stumpfen Ende des Gang- 
lion Gasseri auf dem innersten Eamus Trigemini, also nach hinten 
aussen und abwärts vom Nervus opticus. Ich sah einen Verbindungs- 



94 Pfungen. 

faden mit dem Bamns internus Trigemini und einen mit dem N. 
ocolomotorins ^). Ob sympathische Fasern herantreten , vermochte 
ich anatomisch nicht darzustellen. Doch macht die Lage unmittelbar 
unter der Arteria ophthalm. die schwierige Präparation offenbar sehr 
kurzer Nervenfäden begreiflich. 

Nach vom sah ich etliche sehr feine Fäden zwischen die Au- 
genmuskel treten und am Bulbus angelangt für die Loupe ver- 
schwinden. 

. Meine Versuche, dieses Ganglion am lebenden Thiere zu exstir- 
piren, gelangen mir indessen nicht Ich muss also vorläufig mit 
zwei negativen Ergebnissen abschliessen , und die lauten: Zur Ent- 
stehung einer traumatischen Keratitis ist die Mitwirkung weder des 
Centralnervensystems noch des Ganglion Gassen unbedingt noth- 
wendig. 



^) Vergl. Gegenbaur, Grundzüge der vergleichenden Anatomie. 
2. Auflage 1870 p. 745 Fig. 246 und Note dazu. 



Ueber das Verhalten der Action des Herzventrikels 
zur Pulswellenbildung in der Arterie. 



Von Dr. Engen Kollsko. 



Anknüpfend an Skoda's Abhandlung über das Verhalten der 
Halsvenen in normalen und pathologischen Verhältnissen, welche un- 
ter dem Titel : ȟeber die Function der Vorkammern des Herzens 
und über den Einfluss der Gontractionskraft der Lungen und der 
Respirationsbewegungen auf die Blutcirculation* im Sitzungsberichte 
der k. Akademie der Wissenschaften 1852 S. 288 gebracht erschien, 
und an die »physiologischen Bemerkungen Brücke's über die Ar- 
teriae coronariae cordis* im Sitzungsberichte der k. Akademie der 
Wissenschaften 1854 S. 345 habe ich im 20. Bande der Medicini- 
schen Jahrbücher 5. u. 6. Heft 1870 mich bewogen gefunden, die 
Ansicht zu vertreten, dass die rotirende Bewegung des Herzens wäh- 
rend der Systole durch die Ventrikelscheidewand — zur Einleitung einer 
peristaltischen Bewegung bei Verlängerung der Gefässe und Auslösung 
der Windung derselben gegeneinander — zu Stande gebracht und durch 
eine Druckdifferenz vom linken Vorhofe her während der Diastole 
wieder zurückgeführt werde. 

Ich bin genöthigt, bevor ich an die vorliegende Frage gehe, im 
Kurzen die Gründe zu wiederholen, durch welche ich mich zu die- 
sem Ausspruche berechtigt hielt. 

Es war nämlich die anatomische Anlage der gemeinschaftlichen 
Ventrikelscheidewand mit ihrer gegen den rechten Ventrikel hin ge- 
bildeten Ausbuchtung, welche unter Mitwirkung der zahlreichen sich 
kreuzenden Windungen in der Fasenmg der Herzmuskulatnr und 



96 Koliako. 

der för beide Ventrikel gemeinschaftlichen äusseren Maskellage bei 
der systolischen Verkfirzung und Streckung der in den rechten Ven- 
trikel hineinragenden Convexität dazu einlud, eine um diese Streckungs- 
linie rotirende Bewegung des Herzens im Ganzen anzunehmen, bei 
der die gemeinschaftliche Muskellage beider Ventrikel die linke Ven- 
trikelwand zu heben gezwungen wird, während der rechte Ventrikel 
seine Lumenänderung nach der Eichtung der ausweichenden Wöl- 
bung gegen den Conus arteriosus hin vollzieht. 

Sowohl bei der Entwicklung dieser Ansicht als auch in einer 
in den Medicinischen Jahrbüchern der Gesellsch. d. Aerzte 1. Heft 
1872 gegebenen Folge, in welcher die zweiten Töne über den Herz- 
ventrikeln in Bezug auf ihre Entstehung besprochen wurden, habe 
ich mich an die von Prof. Brücke in den bereits erwähnten phy- 
siologischen Bemerkungen vertretenen Ansicht ȟber die durch das 
umgebende Pericardium für Herz- und Gefassaction sich herausstel- 
lenden Einflüsse* gehalten, und in diesen Abhandlungen der Rolle 
gedacht, welche der Erweiterung des im Pericardium zu liegen kom- 
menden Aortastückes (Sinus quartus) bei der diastolischen Injection 
der Kranzarterien zugemuthet werden könnte. 

Nachdem ich diese Erinnerungen vorausgeschickt, gehe ich an 
die vorliegende Aufgabe , wie sich unter diesen Vorbedingungen die 
systolische Kraftwirkung des Ventrikels zur Bildung der Pulswelle in 
der Arterie, und zur Erhebung des tastbaren Arterienpulses verhalte. 

Die Kammersystole, beginnt Vier or dt seine Auseinandersetzung 
über Blutbewegung in den Gefässen, »treibt neues Blut in das 
prall gefüllte Arteriensystem, und zwar eine grössere Menge, als 
das letztere gleichzeitig in den Venen abgibt. Deshalb zeigen die 
Arterien während der Kammersystole: 1. Zunahme des Blutdruckes, 
2. schnelleres Fliessen und 3. Ausdehnung der elastischen Wan- 
dungen.« 

Schon an diesen einleitenden Satz hat sich die Betrachtung 
der Verhältnisse, unter denen die Systole sich vollzieht, anzuschlies- 
sen, um den Eigenthümlichkeiten klarer auf den Grund zu sehen, 
die durch diese Verhältnisse für die genannten Punkte bedingt er- 
scheinen. 

Der Ventrikel, indem er sein Lumen auf die Arterie überträgt, 
accommodirt sich mit seiner drehenden Bewegung der Eichtung, in 
der die Arterie ihre spirale Lagerung am leichtesten zu strecken 



Verhalten der Action des Herzventrikels etc. 97 

vermag und daher einer Volnmsznnahme am wenigsten widerstrebt, 
und ist im Stande, indem er sein Ostiom herabzieht, ja selbst in 
seiner ganzen sich verkürzenden Masse noch eine Bewegung nach ab- 
wärts vollbringt, die Arterie zn spannen nnd sie seinem entweichen- 
den Inhalte entgegen zn bewegen. Die nächste Folge dieser Stoss- 
bewegung muss eine Verzögerung der Strömung an der Gefässwand 
gegen die Stromschnelligkeit der Gefässmitte sein, die sich nach 
der Grösse des Unterschiedes richtet, mit dem sich das Gefäss leich- 
ter nach seiner Länge als nach seinem Querschnitt ausdehnt. 

Bei dieser nach dem Längenverhältnisse der geraden Linie zur 
Spiralen sich bemessenden Grösse des Strömungsunterschiedes würde 
auch die Verkürzung des Ventrikels bei der Action sich im Gegen- 
satze zu der drehenden Bewegung befinden, und wenn auch voraus- 
gesetzt werden muss, dass sich im Normalzustande Verkürzung und 
Drehung als gleichmässig vorschreitend verhalten, wäre doch bei 
dem hervortretenden Gegensatze die Frage nicht ohne Interesse, ob 
sich nicht Erscheinungen vorfinden, bei denen die Möglichkeit einer 
dadurch sich vervollkommnenden Erklärung darauf hinweist, dass die 
drehende Bewegung des Ventrikels mitunter ebenso über die ver- 
kürzende vorzuherrschen vermag, als auch diese nicht immer im 
gleichen Masse der ersteren zu folgen genöthigt ist. Schon die dia- 
stolische Kammerform der beiden Ventrikel seheint darauf hinzudeu- 
ten, dass man wenigstens für weniger energische Contra4;iionen ein 
Vorwalten der drehenden Bewegung gegen die verkürzende für die 
gegen den Conus arteriosus zu sammelnde Krafkwirkung ausreichen 
könnte, wenn durch ein tieferes Herabgehen des Herzens der Ver- 
längerung der Arterie der erforderliche Baum gesichert werden kAnn^ 
sowie der Form des linken Ventrikels, dessen dichterer Mnskelkf e 
eine ergiebigere Eraftentwicklung zn Gebote gestellt ist, das Vorwal- 
ten der Verkürzung bei Entwicklung energischerer Actionen bestimm' 
ten Grades zugemutiiet werden könnte« Würden doch aacb Verände- 
rungen in den Spannungen der Arterien mit ihren Versebied/enbeiten 
für den linken nnd rechten Ventrikel für solchen Wechsel von Einfluss 
zu sein vermögen^ wenn die verschiedenen Veotrikelformen ds« Vor- 
walten des einen oder des andern Homeities für die entspreebeudere 
Action dienlicher ersdieinen Hessen. 

Vordeitaad bin ieh geneigt« den Unterseb&ed in ä^^r Sirom- 
Bchnelllgk^t für den linken Ventrikel m seiner Wirkung aM( die 

V«d. lä^MMi-hv. iK7lL 1. 7 



98 k .hfl» 

Arterie zn constatiren and mich im weiteren Verlaufe aof die Be- 
sprechnog dieser StosswirknDg anf das elastische Bohr mit ihren Pols- 
erscheinnngen zn beschränken. 

Es mnss einer nächsten Zeit and einer Arbeit, der eine weit- 
läafigere Behandlang des Skoda* sehen Themas') zn Grande gelegt 
ist, vorbehalten bleiben, dem Interesse gerecht za werden, dass darch 
die gemeinschaiiliche Umhöllang beider Ventrikel , die gemeinschaft» 
liehe nach dem rechten Ventrikel ansgewülbte Scheidewand, die trotz 
dieser Verbindang für gemeinschaftlich zn vollbiingende Action fär 
den einen wie för den andern Ventrikel mitanter sich steigernde 
Ener^e and die darch die für beide Arterien mögliche Verschieden- 
heit der Spannnng^erhältnisse far die Ventrikel gegebene Terschie- 
dene Kraftanfgabe geweckt werden mass, wenn man sich dabei die 
Frage Torhält, ob nicht diese an die Xothwendigkeit eines Wechsels 
im Einzelnen angewiesene and doch anf GemeinschafUichkeit ange- 
legt erscheinende Thätigkeit eine Wechselseitigkeit begründen könnte, 
die aaf mechanischem Felde mit bestimmt wäre, wenn anch im Ge- 
ringen die Schwere der Verantwortlichkeit za Termindem, welche bei 
einem so reichlich innervirten Organe, wie das Herz, den Nerven- 
centren als letzte Znflacht zagemathet za werden pflegt. 

Aber aach abgesehen Ton dem Einflasse, der von den Ventri- 
keln mit Berücksichtigang ihrer Verbindang anter einander aof die 
Gefasse geübt wird, wird doch aach bei der einfacheren Frage der 
Wechselwirkang zwischen linkem Ventrikel and Gefass der vom Herz- 
beatel im vorderen Mediastinam für Bewegangen gegebene Baam 
fortwährend im Aage za behalten sein, wobei es im Allgemeinen 
aach nicht ohne Belang sein dürfte za bemerken, dass die reich- 
haltigsten Blatzaflüsse fär die Vorhöfe aas von dem vorderen Me- 
diastinalraam mehr anabhängig gehaltenen G^fässstücken in das karze 
Stück der vom Herzbeatel amschlossenen anteren Hohlvene and darch 
die Langenvenen aas dem rückwärtigen MediastLuom beigeschafft 
werden, and ans letzterem Baame die Vena azygos selbst noch für 
die obere Hohlvene als mitwirkend erscheint. Der grössere Theil 
der mit der Systole ans dem Verschlass des Herzbeatels hinausge- 
drängten Blatmasse wird daher aus Räumen ersetzt, welche von der 



') Zweite Abtheilnn^ der Eingangs citirten Abhandlung ans dem 
Sitzungsberichte des J. 1852. 



Verhalten der-Actlon des Herzventrikels etc. 99 

Anforderung für die Ausgleichung der Formen, wie sie der Herzbeutel 
oder das vordere Mediastinum erheischt, nicht so unmittelbar ge- 
troffen werden. Ein Schutz für die Genauigkeit der Formenausglei- 
chung, der an den Arterien an der Anonyma hinaus an die Brust- 
apertur und den Aortabogen in den hinteren Spalt, sowie nach der 
Fulmonalarterientheilung durch den Eintritt nach rückwärts ergänzt 
zu werden, in die Lage gebracht ist. Diese Abschliessung lässt es 
nämlich, meine ich, gerathen erscheinen, wo es sich um die Beur- 
theilung der Wirkung der Kammersystole auf eine ausser dem Ver- 
schlusse des Pericardiums liegende Arterie handelt, sich die Systole 
nicht als auf dieselbe unmittelbar wirkend vorzustellen, sondern die 
ausserhalb liegende Arterie mehr als von dem Resultate getroffen 
zu betrachten, yelches durch die von dem Ventrikel und dem Pe- 
ricardialstück des Gefässes augestrebte Formenausgleichung zu er- 
zielen war. 

Ist man durch die bekannten Erscheinungen an den Arterien, 
Venen und Capillaren einmal zu der Ueberzeugung gelangt, dass der 
Puls zunächst von zwei Momenten abhängt, und diese durch die 
Contraction der Herzventrikel und die Elasticität der Arterienwand 
gegeben sind, so muss die in drehender Bewegung sich vollendende 
Verkürzung des Ventrikels, welche eine Formenausgleichung in einem 
gegebenen Saume anzustreben hat, auch zunächst der Art der ela- 
stischen Kraft des Arterienrohres, an der diese Gestaltungsaufgabe 
vollzogen werden soll, gegenüber gestellt werden, da diese Art nicht 
nur für die Zeichnung der Formen des Bohres, sondern auch für die 
Eigenthümlichkeiten in der Bäckwirkung der in bestimmter Weise 
entbundenen elastischen Kraft als massgebend angesehen werden 
muss. Wie verhält sich nun der systolische Ventrikel, indem er bei 
seiner Verkürzung nach abwärts und links hinabrückt, und zugleich 
nach der Streckung der Scheidewand sich drehend die spirale Win- 
dung des Gefösses auslöst, zu dem Thatsächlichen, was über die Ela^ 
sticitätsverhältnisBe der Arterienwand bekannt ist? 

Die für die elastische Action der Arterie massgebende mittlere 
Haut der Arterie finden wir nach der Bichtang des Qu^rdarcbmei« 
sers viel leichter als nach der Längenrichtang zerreissbar mit der 
inneren glatten und der äusseren gefässreichen Membrao, an welchen 
beiden eine grosse Dehnbarkeit anfällig wird, so innig rerbonden^ 
dass eine vollkommene Trennung derselben von ihr nur selten ohm 

7* 



100 Kolisko. 

Verletzung einer von beiden zu ermöglichen ist. Wir sehen daher 
den Ventrikel, indem er während einer drehenden Bewegung seine 
Verkürzung yollbringt, and so die spirale Windung des Gefasses aus- 
löst, sich zugleich der Dehnbarkeit der in Zirkelfasem viel leichter 
zu theilenden elastischen Membran accomodiren, und können voraus- 
setzen , dass je vollkommener die Drehung, desto ausgiebiger die 
Verlängerung der Arterie wird, dass also für ein bestimmtes Blut- 
volum, welches der Ventrikel auspresst, durch die Energie der dre- 
henden Bewegung der Grad der Verlängerung der Arterie zu Gunsten 
der Möglichkeit eines tieferen Herabgehens der Ventrikelspitze, und 
zur Mässigung der Ausdehnung der Arterie in ihrem Querdurchmes- 
ser verwendbar angenommen werden kann, immer dabei im Auge 
behalten, dass die venösen Ostien der durch die Verlängerung des 
Gefasses für die arteriösen gegebenen Bewegungen mit der ihrigen zu 
entsprechen gezwungen sind, und dadurch der Formenausgleichung 
die erforderliche Ergänzung zu bieten vermögen. 

Die Arterie ist demnach ihrer Lagerung und ihrer anatomisch 
sich herausstellenden Elasticitätsbeschaffenheit nach geeignet, die 
durch die Ventrikeldrehung angeregte Verlangsamung der Blutbewe- 
gung an den Wandungen gegen die der Mittellinie aufrecht zu er- 
halten und auf ihre elastische Kraft zu übernehmen. 

Es ist unbestreitbar, dass einer energischeren Herzaction auch 
eine energischere Formänderung der Arterie entsprechen muss, und 
durch die Erfahrung steht es fest, dass unter normalen Verhältnis- 
sen einer gesteigerten Kraft der Herzaction, wie sie aus anderwei- 
tigen Erscheinungen als vorhanden vorausgesetzt werden muss, eine 
grössere Schnelligkeit und Grösse des Pulses an der tastbaren Arterie 
entspricht. Wenn es nun auch als wahrscheinlich vorderhand ange- 
nommen werden könnte, dass Verkürzung und Drehung des Ventrikels 
mit ihren Verhältnissen zu einander während der Systole nicht ohne 
Einfluss auf Verschiedenheit der Stromschnelligkeit bleiben, so wird 
doch die Grösse des schnellen Pulses den bisher dargelegten Ver- 
hältnissen schwer als eine natürliche Folge zu entnehmen sein. 

Um dieser Lücke der bisherigen Erörterung ausgleichend bei- 
zukommen, müssen noch andere dem anatomischen und physikali- 
schen Gebiete entnommene Rücksichten im weiteren Verfolge der Ab- 
handlung ihren Platz finden. 



Verhallen der Action des Herzventrikels etc. 101 

Die nächste Folge der durch Vermitüimg des im vorderen Me- 
diastinum gelagerten Pericardiah*aumes gesicherten rhythmisch wieder- 
kehrenden Formenausgleichung ist eine Uebernahme der wellenbilden- 
den Stossrichtung auf die elastische Kraft der Arterie. 

Nach der bewerkstelligten Aufhebung der Stossrichtung ist in 
der ausserhalb des Pericardiums tastbaren Arterie der Strom der 
Mittellinie als der Vertreter dieser Richtung in der gebildeten Wel- 
lenform, der Strom an der Arterienwandung als die eigentliche Grund- 
lage für die Wellengestaltung derselben zu betrachten. Es entsteht 
bekanntlich bei energischeren Herzactionen besonders gegen eine von 
geringerem Blutquantum weniger gespannte Afterie eine vibrirende 
Bewegung der Wandung der Schlüsselbeinschlagader, und dieses in 
der auscultatorischen Zeichenlehre seit dem Beginne der bezüglichen 
Forschung schon vielfach gewürdigte Fremissement an' den Gefässen 
mag in diesen Verhältnissen seine ausreichende Erklärung finden, 
aber gerade deswegen, weil nur unter der Mitwirkung energischerer 
Contractionen eine Stossrichtung an der Arterienwand zu Tage tritt, 
und daher von dieser abhängig betiachtet werden muss, ist voraus- 
zusetzen, dass die Stossrichtung bei der Wellenformbildung mittelst 
Contractionen von gewöhnlicher Stärke durch eine Ausgleichung von 
den ausserhalb des Pericardiums liegenden Arterienwandungen abge- 
halten ist, und diese Vermittlung fallt dem durch die Verkürzung 
des Ventrikels gegebenen Kaume zu, in den die verlängerte Arterie 
herabgeht, indem sie den Ausfall, der für die Ausgleichung der ge- 
ringeren Querschnitterweiterung entspränge, durch die mit den venö- 
sen Ostien herabgehenden VenenstrCmungen zu decken im Stande ist. 

Ich kann bei der Besprechung dieser Vermittlung zur Aufhebung 
oder Mässigung der Wirkungen der Stossrichtung es nicht unter- 
lassen, jetzt schon, wenn ich mir auch vorbehalte, darauf im weite- 
ren Verlaufe zurückzukommen, einer Bildung zu gedenken, deren ich 
bereits zur Frage über die diastolische Injection der Kranzarterien 
aus den schon vielfach benützten physiologischen Bemerkungen 
Brücke's Erwähnung that, es ist dies der Sinus quartus oder das 
Luschka'sche physiologische Prototyp eines Aneurysma, dessen Ein- 
fiussnahme auf Begünstigung der Lösung der Aufgaben far die Me- 
chanik der Systole in Bezug auf die Mässigung der Wirkungen der 
Stossrichtung in ihrer Art und Weise selbstverständlich wird, indem 



102 kolisko. 

andererseits aus der Eintragung dieser Erweiterung in das Arterien- 
röhr sich erklären lässt, wie der grosse Puls so häufig mit der 
Schnelligkeit desselben, die durch energischere Yentrikelcontractioneii 
begründet wird, zusammenfällt. 

Sicherlich ist auch die Thatsache, dass dieser Sinus schon im 
Fötus existire, leichter mit diesem Zwecke seiner Existenz in Ein- 
klang zu bringen, als die Voraussetzung seiner Entstehung durch 
die Druckgrösse des ausströmenden Blutes an jener Stelle der Aorta. 

Es sind eben die gewöhnlichen Erscheinungen diejenigen, welche 
bei der Häufigkeit ihres Hervortretens unter gewissen eben so ott 
sich ergebenden Bedingungen es der Beobachtung erleichtem, die 
Verhältnisse von Ursache und Wirkung in dem auf einander Folgen- 
den zu erkennen, dieser Verwendbarkeit des Gewöhnlichen wegen soll 
hier nicht nur des Schwirrens an der Subclavia, sondern auch der 
Vibration gedacht werden, welche der von der Seite her gegen die 
Brachialis oder Cruralis drückende Finger unter denselben Bedin- 
gungen von Seite des Herzventrikels wie an der Subclavia hervor- 
zubringen vermag, und die ihre Entstehung wohl kaum etwas Anderem 
als dem Entgegen drücken der elastisch sich spannenden Arterien- 
wand gegen die Blutströmung der Mitte zu verdanken haben kann. 
Der Satz, welcher diesen gewöhnlichen Erscheinungen zu entnehmen 
ist, beschränkt sich nur darauf: Bei gewissen Graden energischerer 
Herzaction geräth die elastisch sich spannende Arterienwandung durch 
ihre anatomisch gegebene Lagerung, oder durch Entgegendrücken 
des tastbaren Wandtheiles gegen den Strom der Mitte in eine vibri- 
rende Bewegung. 

Der tastbare Arterienpuls besteht daher in einer Erweiterung 
des Arterienrohres im Querdurchmesser, innerhalb welcher der Blut- 
strom der Mitte die sich seiner Richtung entgegenstellende elastische 
Arterienwand unter bestimmten Verhältnissen selbst bis zur vibri- 
renden Bewegung bringt; in der Wellenform, die durch die tast- 
bare Arterie geht, besteht also eine bewegende Kraft, die die Wan- 
dung erschütternd zu treffen vermag. 

Andererseits verführte bekanntlich die blossgelegte Arterie durch 
ihre kaum merkliche Erhöhung schon manchen Beobachter zu der 
Annahme, dass die Arterie nur einer Längenausdehnung fähig sei. 
Hat man aber auch ausreichende Gründe diese Annahme für eine 



Verballen der Arliou des Herzvenlrikcls et«:. 103 

irrthümliche zn halten^ so ist die Erscheinung doch auffällig genug, 
um wenigstens denjenigen, der die Wechselwirkung von Herzventrikel 
und Pericardialstück der Gefässe nicht unterschätzt, aufmerksam ^u 
machen auf den möglichen Einfluss einer gleichmässigen äusseren 
Belastung im Umfange und im Verlaufe der Arterie bezüglich der 
Gestaltänderung des Kohres, die der gegebenen Wellenform zu ent- 
sprechen hat. 

Die durch Zellgewebe bewerkstelligte Feststellung der Arterie 
steht ohne Zweifel in einem bestimmten Verhältnisse zu einer Form- 
veränderung, die für die Arterie durch ihre Längenausdehnung und 
Lumenerweiterung zu leisten kommt, und sowie eine grössere Bela- 
stung durch die Umgebung einer Längenausdehnung günstiger zu sein 
scheint, so müsste man doch nach dem Verhalten der blossgelegten 
Arterie mehr für die Gleichmässigkeit dieses Druckes als für dessen 
Grösse sich erklären, wenn es sich um die massgebende Druckbe- 
schaffenheit für die vorwaltende Längenausdehnung der Arterie han- 
delt. Das Verhalten der Stromschnelligkeit der Mitte in den angeführ- 
ten gewöhnlichen Fällen muss hingegen für eine Steigerung der 
Ausdehnung des Eohres im Querdurchmesser in allen jenen Fällen die 
Wahrscheinlichkeit erhöhen, wo die äussere Belastung im Verlaufe 
des Kohres sich steigert. 

Da jedoch wieder die blossgelegte Arterie vor ihrer Rückkehr 
ins Gewebe keine auffällige Erweiterung des Querdurchmessers be- 
merken lässt, könnte die Erhöhung der äusseren Belastung, der die 
Wellenbewegung entgegentritt, auch keine ausreichende Erklärung 
für Lumenerweiterung der pulsirenden Arterie mehr abgeben. Ist 
dieses Verhalten der blossgelegten Arterie aber vielleicht dadurch 
möglich gemacht, dass sie mit ihrer Bewegung gegen einen, wenn 
auch viel geringeren, aber doch im ganzen Umfange gleich grossen 
Druck aufzukommen hat, so ist, da wir nun einmal den Arterienpuls 
nur an der an die Körperoberfläche tretenden Arterie zu tasten und 
zu messen in der Lage sind, die Frage vielleicht nicht ganz zurück- 
zuweisen, ob nicht eine einseitige Entlastung im Umfange des Eohres 
mit zu den Bedingungen gehört, unter welchen es der Arterie mög- 
lich wird, einer sich der Bewegung entgegenstellenden Vermehrung 
des äusseren Druckes mit einer auffälligeren Erweiterung des Quor- 
durchmessers gegenüber zu treten. 



104 Kolifko. 

Die anaiomischeii Yerhältnisse der Arterien« welche zn Polsmes- 
sangen yerwendet wurden, scheinen zur absolnten Abweisnng einer 
solchen Frage nicht zn nöthigen; yerdankt aber die an der tastbaren 
Arterie zn Tage tretende Ansdehnnng im Qaerdnrchmesser anch nur 
zum geringen Theile einer einseitigen äusseren Entlastung ihre Er- 
hebung, durch welche die Bewältigung eines der Bewegung sich ent- 
gegenstellenden Hindernisses erleichtert werden soll, — so müsste 
man sich allerdings wundern, dass elastische Bohren mit ihrer Cur- 
Tenzeichnung, die sie vom Pumpenstempel bearbeitet dem Sphygmo- 
graphen liefern, so Aufschluss gebende Formen zu bieten Termögen 
über die Resultate der Yentrikelaction auf die elastische und leben- 
dige Kraft der Arterien und der wechselnden Druckgrössen der Um- 
gebung derselben. 

Das Studium der Pulscunre wurde auf zu ernster Grundlage 
gepflegt, von zu kraftvoller geistiger Bewegung hochgehalten, und 
endlich in solcher Allgemeinheit von den massgebendsten Stimmen 
vertreten, als dass man sich nicht aufgefordert finden sollte, dem ge- 
pflegten Gredankengauge mit Bescheidenheit näher zu treten. Umge- 
hen lässt sich solch geistvoller Aufwand im Betriebe nicht, weil man 
für Einzelnes die Begeisterung der Ueberzeugung nicht dahin mit- 
zubringen vermag. Darauf möchte ich vor Schluss umfangreicher 
zurückkommen. 

Die Sachlage würde nach dem Vorausgeschickten so zu charakte- 
risiren sein: 

Wenn der Ventrikel in spiraler Drehung sich verkürzend, und 
die Arterie in der Richtung ihrer grössten elastischen Dehnbarkeit 
aus ihrer halben Windung lösend, durch diese Verkürzung für die 
Verlängerung der Arterie einen Baum schafft, in welchem die Arterie 
bei ihrer Gestaltänderung durch den Sinns quartus zu einer Annähe- 
rung an die Formen des Ventrikels zu gelangen vermag, so geschieht 
hiedurch eine Uebertragung einer stossweise sich ändernden Form in 
eine annähernd derselben gleichende, aber elastisch bewältigte Ge- 
staltung unter der Möglichkeit nur geringer äusserer Druckschwan- 
kungen, wie sie eben der vordere Mediastinalraum zulässt. 

Der Stoss der Ventrikelcontraction wird demnach im Mediasti- 
nalraum aufgehoben, und der in den tiefer gelegenen Arterien vor- 
handene äussere Druck dürfte das gegebene Kräfteverhältniss kaum 
ausreichend zu verändern vermögen, wenn aber die äussern Druck- 



Verhalten der ÄctioD des Herzventrikels etc. 105 

grossen, wie sie im vordern Mediastinnm gegeben betrachtet werden 
müssen, zum Beispiel an der Hautob erfiäche eine wesentliche Verän- 
derung erfahren, soll durch diese Veränderung nach der Richtung, 
in der sie sich eben gibt, der Wellenform Rechnung getragen wer- 
den, deren Bildung zunächst dem Vorhandensein des Sinus quartus 
zu danken ist. 

Wenn man auch nicht sofort dazu schreiten kann, zu behaup- 
ten, der Puls der Arterie sei das Resultat der Wirkung des Ventri- 
kels auf den Sinus quartus, so gewinnt doch die Frage ein höheres 
Interesse, ob nicht die Wellenform, welche der Ventrikelstoss an der 
nach der Längenrichtung am leichtesten sich ausdehnenden Arterie 
unter Mitwirkung dieses Sinus zu erregen vermag, eine Neigung der 
elastischen Spannung begründet, nach der Richtung einer einseitigen 
äussern Entlastung eine Lumenerweiterung anzustreben, die ihre 
Actionserregung der früher erwähnten bewegenden Kraft verdankt, 
die unter besondern Verhältnissen selbst die Wandung zu erschüt- 
tern vermag, während die blossgelegte Arterie das Bild der Aus- 
gleichung in der Längenrichtung aufrecht zu erhalten in der Lage ist. 

Sicher ist, dass Poiseuille, der die Carotis communis am 
Halse eines lebenden Pferdes in einer Strecke von 3 Dedmeter rings 
herum frei in eine untergeschobene Röhre legte, die ein bewegliches 
Längenstück nach der Einbringung der Arterie wieder verschloss, 
und durch Wasserfüllung mittelst an den Enden der Röhre einge- 
brachter senkrechter enger Glasröhren, durch die er das Wasser 
eingebracht hatte, die Volumszunahme der Arterie an dem Steigen 
der Flüssigkeit in den Glasröhren zu messen unternahm, mit diesem 
Verfahren kaum ein anregendes, geschweige denn ein aufklärendes 
Factum zu dem Verhältnisse zwischen Längen- und Querausdehnung 
der Arterie, wie sie der Beurtheilung des Pulses zu Grunde zu legen 
wäre, gebracht hat 

Professor Fik ist gewiss vollkommen im Rechte, wenn er, sich 
an die Versuche Weber' s und deren Resultate haltend, in seiner 
medicinischen Physik aufmerksam macht, dass die mittlere und in- 
nere Arterienhaut nicht aus jenen wellenförmig geschlängelten Fäden, 
welche Zellgewebe und Sehnenfäden bilden, sondern aus concentri- 
schen gleichartigen elastischen Lamellen besteht, um damit davor zu 
warnen, dass man sich nicht verleiten lasse, die an massig ausge- 
dehnten Därmen beobachteten Erscheinungen auf die Lehre vom Pulse 



106 Knlisko. 

anzuwenden, wie lehrreich sie immer im Allgemeinen dadurch wur- 
den, dass sie dem Auge die Beobachtung der Bewegung gestatten. 
Poseuille's Messung an der blossgelegten Carotis des Pferdes würde 
durch Zugänglichkeit für solche Beobachtung gewiss auch lehrreicher 
gemacht werden können, aber man kann doch recht gut den Unter- 
schied dieser Gewebebildungen in seiner Wirkung auf Wellengestal- 
tungen zu würdigen geneigt sein, und doch bei dem in sich selbst 
zurnckgeleiteten (entweder aus Kautschuk oder Darm bestehenden) 
Schlauch Web er' s sammt Pumpwerke und zwei Ventilen die Wür- 
digung des äusseren Druckes vermissen, unter dem die Arterie mit 
ihrer elastischen gegen die wellenbildende Kraft aufzukommen hat, 
und dieser Druck lässt sich gewiss nicht an der tastbaren und tiefer 
liegenden gleich gross voraussetzen. 

Die Welle wird in dem blutgefüllten elastischen Bohre unter 
einem von aussen auf dasselbe wirkenden, wenig variablen Drucke 
erregt, an der jedes Aussendruckes entledigten Arterie ist die Er- 
weiterung im Querdurchmesser kaum mit dem Auge zu unterscheiden, 
wiewohl die Yolumszunahme in Poiseuille's Versuch eine ansehnliche 
zu messende Grösse gibt, die in den Verhältnissen der Erregung be- 
günstigte Längenausdehnung erhält sich sonach in einer von jeder 
äusseren Beeinträchtigung befreiten Lage ihrer ursprünglichen Be- 
günstigung entsprechend, und doch bringt sie, an die Körperober- 
fläche gelangt, nach der Bichtung des geringeren Aussendruckes 
ihre Querausdehnung zu ersichtlicherer Grösse. 

Das möglichst elastische Bohr aus vulkanisirtem Kautschuk über- 
trifft nach den Versuchen Web er 's mit seiner Erweiterung die Ver- 
längerung um das Sechsfache bei einer Steigerung des inneren Druckes 
von 8 Mm. bis 3*5 Mm. Wasserdruckhöhe, es unterscheidet sich 
demnach auffällig von den Elasticitätsverhältnissen der Arterien. 

Sollte nicht, wenn in der Arterie Quererweiterung und Längen- 
ausdehnung im umgekehrten Verhältnisse zu einander stehend zuge- 
geben werden müssen , als in der möglichst elastischen Kautschuk- 
röhre, die Wellenform, wie sie in der blossgelegten Arterie zur An- 
schauung kommt, als der Art der systolischen Ventrikelwirkung auf 
das ausserhalb des Mediastinums zu liegen kommende Gefass voll- 
kommner entsprechend angesehen werden können, als die messbare 
Erhöhung dazu berechtigte, welche au einer Stelle gemessen wird, 
die von den tiefer liegenden nahezu unter dem gleichen äusseren 



Verhallen der Action des Herzvenlrikels etc. 107 

Drucke wie im Mediastinum stehenden Arterien gegen eine einsei- 
tige äusserliche Entlastung hin zu beeinflussen ist. 

Ich meine nämlich die Spirale, welche von der Ventrikelsystole 
erregt, in den Sinus quartus des entgegengezogenen Gefässes sich zu 
vollenden gestattet ist, bilde in der elastischen Kraft der Arterie die 
Grundlage für die Möglichkeit, sich in der Richtung energischer zu 
erheben, in der einseitig die äussere Belastung sich vermindert, oder 
es begründet sich durch den Sinus quartus eine Wellenform, welche 
bei ungleicher äusserer Belastung die Störung, die sich der Regel- 
mässigkeit der Längenausdehnung dadurch entgegenstellt, durch eine 
Erweiterung des Querdurchmessers zu begleichen vermag. 

Die Nothwendigkeit einer solchen in der Wellenform sich be- 
gründenden Ausgleichung dürfte mit dem physiologischen Bedürfiiisse 
sich begründen, das für das Vorhandensein der Fascien verschiede- 
ner Dichte, Ausbreitung und Stellung zu den verschiedenen Arterien- 
bahnen in mechanischen Beziehungen den Ausschlag gibt. 

Dass mit diesen Begrenzungen constantere und deshalb straffere 
Druckverhältnisse beabsichtigt seien, scheint nicht sehr gewagt vor- 
auszusetzen, und ob mit einer Neigung der Wellenform durch Er- 
weiterung des elastischen Rohres als einer, weil der Elasticitätsgrenze 
näheren, auch zu einer energischen Action befähigteren Form, das 
Eintreten in veränderte äussere Druckverhältnisse nicht erleichtern 
kann, könnte zum wenigsten einer üeberlegung werth gehalten wer- 
den, besonders wenn, wie es aus den früher erwähnten gewöhnlichen 
Erscheinungen sich ergibt, es an einer aus der Stromesmitte der ela- 
stischen bewegten Arterie an die Wandung gegen ein sich entgegen 
stellendes Hindemiss sich richtenden Erregung für diese Erhebung 
nicht fehlt. 

Die Art der üebertragung der contractilen Stosskraffc des Ven- 
trikels also an die elastische Kraft der Arterie begründet im Sinus 
quartus der Aorta für die Wellenform des Rohres die Eintragung 
einer stärker sich ausbiegenden Spirale, welche unter einem gleich- 
bleibenden äusseren Drucke im ganzen Umfange des Rohres sich der 
vorherrschenden Elasticitätsrichtung auf Kosten der Erweiterung des 
Querdurchmessers anbequemend ihre Ausbiegung streckt, um sie an 
den Stellen einer einseitigen Entlastung unter Hinzutreten einer ent- 
sprechenden Erregung nach der Entlastungsrichtnng zu reproduciren. 



108 Kolisko. 

Anch Landois hat in seiner neuesten Arbeit.*) die spirale 
Form seiner aufsteigenden Corre hervorgehoben, nnd dabei aofmerk- 
sam gemacht, dass dieses Verhalten bis dahin übersehen wurde. 
Wenn man an die Stellen Bncksicht nimmt, an welchen die Pulse 
an der Carotis, Subdavia, Capillaris, Radialis, Brachialis, Femoralis 
und Podiaca getastet werden, kehrt ein Yerhältniss constant wieder, 
welches darin sich charakterisirt, dass die Arterien an die Haut- 
oberflache treten, um sich sodann unter durch Fasden und Sehnen 
gezeichnete und wohl auch gesteigerte äussere Druckrerhältnisse auf 
das elastische Bohr zu begeben. Es kann daher auch eine schöne 
Arbeit Ludwig's und Schweigger-SeideTs aus dem Leipziger 
physiologischen Institute zur- Feier des 50jährigen Jubiläums Weheres 
gebracht ^), durch den interessanten Aufschluss, den dieselbe über 
die grosse Empfindlichkeit der Lymphgefassnetze an den Innenflächen 
der Fascien und Sehnen gegen Veränderungen in den Dmckverhält- 
nissen gibt, — für den Zweck, der durch eine solche Wiederholung 
der Wellenform am Sinus quartus vor dem Eintritte der Arterie unter 
die Fasde im Auge behalten ist, ein näheres Verständniss schaffen, 
in dem die Arterie zu einer energischeren Drehung, mit der sie ihre 
Verlängerung ohne Stosswirkung unter den grösseren äusseren Druck 
zu bringen yennag, veranlasst wird und zugleich die Störung für 
das empfindliche Ljmphgefassnetz durch die wiedergewonnene vor- 
waltende LäDgenrichtung auf ein Minimum zurückzufahren im Stande 
ist. Um einer Veränderung des äusseren Druckes auf das Ge- 
fäss ohne Stosswirkung gerecht zu werden, bewirkt also die vor- 
hergehende einseitige Entlastung an der Hautoberfläche eine tastbare 
Erhebung. 

Der Puls dei Arterie ist daher als die tastbare Lumenerweite- 
rung des Rohres, ermöglicht durch die mittelst der Einflässe des 
Sinus quartus geschaffene Wellenform zu betrachten, deren Bepro- 
duction durch die einem vermehrten äusseren Druck entgegentre- 



*) Seite 82 „Die Lehre vom Arterienpuls." Berlin 1872. Die Erwäh- 
nung geschieht nur nm die Entdecknng anf Landois' Wegen zu Consta- 
tiren, von Prioritäts-Sehnsnchten , wenn solche mir unbewusst zn meinen 
Passionen gehören sollten, obwohl ich mir dafür keiner lebhafteren Erre- 
gung erinnerlich werden kann, fühle ich mich dabei nicht befangen. 

*) Die Lymphgefasse der Fascien und Sehnen. Leipzig 1872. 



Verhalten der Action des Herzventrikels etc. 109 

tende Strommitte gegen die einseitige äassere Entlastung hin ange- 
regt wird. 

Bleibt der äussere Druck auf die wellenbewegte Arterie im gan- 
zen Umfange derselbe, so ist die blossgelegte Arterie im Stande, die 
Uebemahme der Ventrikelwirkung auf die Elasticitätskräffce des ela- 
stischen Rohres in ausreichender Weise zur Erscheinung zu bringen. 

Weber hat nach seinen Versuchen am mit Ventilen versehenen 
Röhrenzirkel und dem Vergleiche derselben mit den Verhältnissen 
der Arterien den Druck als in allen Theilen des arteriellen Systems 
nahezu gleich anzunehmen für zulässig befunden, und zustimmend 
begrüsste F i k die deshalb von demselben diesem Systeme zuerkannte 
Aehnlichkeit mit der Windlade einer Orgel, welche dazu bestimmt 
ist, dass die von den Bälgen in sie hineingepumpte Luft in ihr sich 
anhäufe, unter einem hohen und gleichen Druck stehe und von da 
ans in alle mit derselben in Verbindung stehende Pfeifen mit glei- 
cher Kraft einströme, möge die einzelne Pfeife dem Orte, wo die 
Luft in die Windlade eintritt, nahe oder entfernt sein, sowie auch 
aus dem arteriellen System, in welchem sich der Druck angehäuft 
und ausgeglichen hat, das Blut in alle Partien des Haargefässsystems, 
— gleichgiltig, ob dem Herzen nahe oder entfernt — unter gleichem 
Drucke einströmt. 

Weber wählt damit einen der sogenannten vollkommen elasti- 
schen Körper zum anschaulichen Vergleiche der Wirkung des Arterien- 
systems auf das capillare, und diese Wahl scheint einladend angesehen 
werden zu müssen, das Verhalten der blossgelegten Arterie, die nach 
ausreichendsten Richtung für ihre elastische Kraft die Wellenbewe- 
gung zeichnet, als das normale zu betrachten ; denn soll der gegen 
Capillaren verschiedener Entfernung erzielte gleiche Druck leichter 
begreiflich werden an der Windlade der Orgel in ihrer Wirkung ge- 
gen verschieden entfernte Pfeifenrohre, dann ist die Leichtigkeit, mit 
der die Arterie dem Herzstosse zu genügen vermag, dasjenige Mo- 
ment, auf welches die Zulässigkeit des Vergleiches angewiesen ist. 
Beabsichtigt scheint diese Einladung zunächst zwar nicht, aber der 
Gedanke eines geistreichen Arbeiters enthält deren auch unbewusst. 

Ich wiederhole, wenn nach der Art der systolischen Erregung, 
der Eigenthümlichkeit der Aufaahme dieser Erregung von Seite des 
Gefässes, der Wahrscheinlichkeit eines gleichen Blutdruckes an nähe* 



110 Kolisko. 

ren und entfernteren Arterien, dem Verhalten der blossgelegten Ar- 
terie nnd nach dem zu Tage treten des tastbaren Arierienpolses an 
den an der Hantoberfläche sich hebenden Gefässen, an welchen nebst 
einer einseitigen Yermindemng des auf dem Gefässe lastenden äus- 
seren Druckes das Gefäss sich mit seiner Bewegung in einen ver- 
mehrten äusseren Druck einzusenken genöthigt ist, man sich berech- 
tigt halten kann anzunehmen , dass der tastbare Puls der Arterie 
eine durch eine einseitige äussere Entlastung angeregte Beproduction 
der Formen des Sinus quartus, zur Bewältigung einer Steigerung des 
äusseren Druckes, dem die Arterie entgegenzutreten gezwungen ist, 
sei, so pulsirt die Arterie ausser den bekannten und in der Art der 
Erhebung bereits gemessenen Stellen nur dort, wo eine ungleiche 
äussere Belastung an eine im ganzen Umfange gesteigerte herantritt. 
Wie weit sich diese Bedingung erfüllt findet an den Pulsen, welche 
an aussergewöhnlichen Stellen bei Entzündungen von Kranken ge- 
fühlt werden, wäre hienach nicht schwer zu begreifen. 

Ich verzichte vorderhand auf weitere pathologische Verwendun- 
gen dieser Sätze, obwohl schon das Verhältniss der Strommitte zur 
Wandbewegung allein den vielfach und eben so verschieden erklär- 
ten Dikrotismus des Pulses mit einer neuen Erklärung bereichern 
könnte. 

Der Zweck der hier gebrachten Erörterungen soll nur die An- 
regung sein zur Frage, ob vor der Berücksichtigung gewisser erre- 
gender Einflüsse bei der Pulsbildung es rathsam erscheinen kann, 
den ganzen Apparat der Pulsmessung, der einem geistreichen Ge- 
danken seine Entstehung, aber einer zu wenig harmonisch vorschrei- 
tenden Weiterbildung seinen Höhepunkt verdankt, jetzt schon an 
das Krankenbett zu bringen, bevor es noch ganz sicher ist, ob die 
Vorarbeit des Physiologen sich wirklich in Formeln und Ansätzen 
bewegt, die die Studienrichtung des Klinikers zu leiten vermögen, 
oder ob deren prüfende Verfolgung dem Kliniker mehr Zeitaufwand 
noch aufnöthigt, als mit der Nähe des Krankenbettes leicht zu ver- 
einen wäre. 

Und da dürfte es auf die Gefahr hin, den amphitheatralisch zu 
verwendenden Apparat der Kliniker zu beeinträchtigen, doch von Be- 
lang sein, zu sehen, wie die eigentlichen Forscher in diesem Fache 
sich zu einander mit ihren Ansichten gestellt haben, und zu berück- 



Verhalten der Action des Herzventrikel» etr . 111 

sichtigen, dass Vierordt, der Schöpfer der sphjgmographischen 
Pulsstudien, in seinem im Jahre 1871 erschienenen »vollständig um- 
gearbeiteten Grnndriss der Physiologie den tricroten und polycroten* 
vonDnchek, Wolf und Andern als specifisch für bestimmte Krank- 
heiten beschriebenen Puls als Werkstatt des Sphygmographen zu 
bezeichnen keinen Anstand nimmt, während Landoisin seinen Puls- 
Studien im Jahre 1872 schon so weit in entgegengesetzter Richtung 
vorgerückt ist, dass er einem rühmlichst bekannten Physiologen und 
bewährten Sjitiker nicht zaudert, den Vorwurf zu machen, er habe 
durch Verdächtigung der Marey'schen Pulsbilder die deutschen Kli- 
niker von der ausreichenden Verwerthung dieser Schöpfungen abge- 
halten, und dadurch gegen England und Frankreich in den Hinter- 
grund gestellt — und zu behaupten, weil Valentin mit seinem 
Pulszeichner Vierordt'sche Pulscurven lieferte, könne er diese gar 
nicht selbst gezeichnet haben 1 1 

Wo in einer Frage der Streit sich noch in solchen Extremen 
bewegt, sollte man glauben, dass es schon darum gerathen erschei- 
nen könnte, sich damit nur sehr vorsichtig an das Krankenbett zu 
wagen, denn es wird hoffentlich ein immer leicht zu vertretender 
Standpunkt bleiben, dass Belästigung kranker Menschen zum Unter- 
richtszwecke — selbst wenn dieser Unterricht nur dem Befähigte- 
sten ausschliesslich zugewendet wurde — nicht ohne diejenige Rück- 
sicht unternommen werden sollte, welche allein den für den Kranken 
zu gewinnenden Vortheil zur bestimmenden Richtschnur hat. 

Wenn daher auch wirklich nach Landois (1872) Meissner 
Unrecht hat, und Valentin, weil er Vierordt'sche Curven brachte, 
diese nicht selbst zeichnen konnte, und wenn auch nach demselben 
die Duchek'schen Curven mit den 5 Elasticitätselevationen in der 
Apyrexie nach grossen Chiningaben bei der Febris intermittens ano- 
mala gerade »so schön* sind, als sie befunden wurden — so wäre 
es doch möglich, dass es von Nutzen zu sein scheinen könnte, die 
Frage der Pulszeichner vorderhand, wenn auch nicht Landois allein, 
aber doch den sich noch allzu scharf gegenüberstehenden Schöpfern 
und Fortbilden! der Idee miteinander zu überlassen, und bis dahin 
einem bewährten Kritiker wie Meissner es nicht allzu hoch anzu- 
rechnen, wenn er die deutschen Kliniker in ihren Verhältnissen zu 
den französischen und englischen beeinüusst haben sollte. 



112 Kolisko. 

Ich verwahre mich dagegen, als wollte ich mit diesen Worten 
die Meinung vertreten, eine von den Physiologen mit so viel Ausdauer 
und einem solchen Aufwand von geistvoller Erfindung gebotene Ar- 
beit, wie die Sphygmographen- Zeichnungen und deren Verwendung 
auf Zeitmessungen könne von dem Kliniker ohne Beeinträchtigung 
seiner vorwärts strebenden Forschung unterschätzt werden, oder man 
könne, ohne sich dem Vorwurfe des Leichtsinnes auszusetzen, sie 
etwa gar zu ignoriren sich veranlasst finden. 

Den ausgesprochenen Nützlichkeitsgedanken bei der Art der 
üeberlassung der Frage kann ich aber doch auch nicht der Geneigt- 
heit Landois^ Verdächtigungen zu sehen, ungedeckt überantworten, 
und will zu diesem Zwecke einige Sätze dieses Autors hervorheben, 
welche bei Gelegenheit eines bei den Zeitmessungen entfallenden 
Bestes von 0-085 Secunden für gewisse Eigenthümlichkeiten im Ideen- 
gange bezeichnend sind. 

Landois misst die ZeitdifPerenz zwischen dem ersten Herzton 
und dem Axillarpulse mit 0*137 Secunden, diejenige von der Axil- 
laris bis zur Badialis mit 0*087. Erstere soll nach der Proportion 
30 : 50, die sich aus den ungefähren Längen der Arterienstrecken 
ergibt, bei gleicher Fortpflanzungs- Geschwindigkeit nur 0*052 See. 
betragen, bleibt ein Best von 0*085 See. 

Dieser Best bestimmt nach Landois die Zeit, welche vom Be- 
ginne der Contraction des Ventrikels, oder was dasselbe ist, vom 
Beginne des ersten Herztones bis zur Entstehung der Welle in der 
Aortawurzel, das ist bis zur Eröffnung der Semilunar-Klappen ver- 
streicht« *). 

Es bedarf wohl kaum der Bechtfertigung, die Landois noch 
für seinen Best vorbringt, dass die Ventrikelcontraction in der Zeit 
vor sich geht, denn dieser Einsicht dürften ohnedies noch Wenige 
sich zu entziehen gewagt haben und unter den Verständigen gewiss 
Keiner, eben so wenig sollte man glauben, dass dem Beste geholfen 



*) „—verstreicht — " welch' Langweile hauchender Ausdruck! 
schallend ans einer Werkstätte, in der die Excursion der Stimmgabel als 
Chronometer bestellt ist. K^irzweiliger wäre: — verstrichen wurde — , 
weil auch vielleicht zutreffender. „Vom Beginne des ersten Herztones bis 
zur Entstehung der Welle in der Aortawurzel'* — welcher Spielraum für 
die Zeit, nm zu verstreichen I 



Ve halten der AeUon d«s Hcnmitrikels etc. 113 

werde darch die zweite hiezu von Landois vor^brachte unbestreit- 
bare Wahrheit, „dass der Ventrikeldruck jüe Arterie erst wenn seine 
Kraft dazu ausreichend ist, zu erschliessen vermag, denn der Herz- 
ton, der den Moment gibt, nach welchem gemessen werden soll» 
lässt nicht den Beginn der Kraftwirkung, sondern dessen Besultat 
erkennen, und wird die Feder des Sphygmog^phen an die Stelle 
des fühlbaren Herzstosses gelegt, so muss, wie immer die Vorstel- 
lung über die Ursache dieses Stosses bei dem Messenden geartet 
sein mag, der Stoss auf Rechnung der bereits entwickelten Kraft 
gebracht werden. 

Dass Anforderungen, welche durch das Gehör an eine entspre- 
chende Armbewegung des Hörenden — um jedem Beispiele den lei» 
tenden Stift in das Quecksilbemäpfchen zur Herstellung der Leitung 
einzusenken — wiederholt gestellt werden, eine Automatik in die 
Bewegung zn bringen vermögen, die dem Beobachter einen Zeitfeh- 
ler constanter Grösse in seine Bechnung bringen, wird einem For- 
scher von der Ausdauer Landois^ ohnehin nicht unbekannt geblie- 
ben sein, und dort, wo die Feder am Herzimpulse liegt, scheint 
hinlänglich Grund für störende Einflüsse inder von Landois selbst 
hervorgehobenen Schwierigkeit zu liegen, die sich der rechtzeitigen 
Einsenkung der Stifte entgegenstellt. 

Ist aber auch die Fehlerquelle ,' der der gebliebene Best ent- 
quillt, keine zu Tage liegende, so scheint sie doch im Zusammen- 
hange mit der seltsamen Vorstellung Landois über Ventrikelcon- 
traction zu sein, die derselbe mit folgenden Worten als aus drei 
verschiedenen Phasen zusammengesetzt bezeichnet: ^1. ausderZeit^ 
während welcher die Muskelfasern der Ventrikel sich verkürzen, 2. 
aus der Zeit, während welcher dieselben in dem Zustande der gröss- 
ten Verkürzung verharren, und endlich aus der Zeit, welche ver- 
streicht vom Momente des Nachlasses der Verkürzung bis zum 
Schlüsse der Semilnnarklappen der Aorta. ^ 

Landois ist daher dazu gekommen, das Nachlassen der Ver- 
kürzung zur Contraction zu rechnen, und dieser Action des Wider- 
spruches das Geschäft des Klappenschlnsses zu übertragen, oder 
wenigstens folgen zn lassen. Ich meine, wer den auf die Messungen 
verwendeten Witz begrflsst und die Ausdauer der Forschung aner- 
kennend bewundert hat, den wird vielleicht der Scharfsinn, der diese 
Erfolge registrirt, kaum eben so zu befriedigen vermögen. 

Uta. JataMcher iifn. t S 



114 KoUsko. 

^Zllletzt mit Landois bei dessen durch nachlassende Verkür- 
zung und bestehende Contraction sich schliessenden Semilunarklap- 
pen angelangt, kann ich nicht enden, ohne des Zeugnisses idea- 
ler Vollkommenheit zu gedenken, welches Dr. Julius Gera diu i ') 
den Herzklappen auszustellen für gut befunden hat. Es gründet 
sich dieses Zengniss auf eine Prüfung, welche die mit dem Conus 
arteriosus lierausgeschnittene Pulmonalarterie eines Schweineherzens 
bezüglich ihrer Elappenstellung und Bewegung in einem mit ihr 
Terbundenen) und in der Schrift des Dr. Gera d in i an einer Litho- 
grafietafel einzusehenden Böhrensjsteme unter Einwirkung verschie- 
dener Wasserdruckhdhen zu best&hen hatte, und dabei centripctale 
und centrifugale Wirbel an den in der bewegten Flüssigkeit suspen- 
dirten BSrlappsamen zur Belehrung der Hydrauliker zur ErscheiAung 
bringt. Die Schrift ist, > der Atmosphäre ihrer Geburtsstätte entspre- 
chend, geistreich, enthält die lehrreichsten Citate und viele Be- und 
Verurtheilungen anderer Meinungen. Unter den VerurtheiJten finden 
sich auch die Meinungen Brücke's aus den oft hier citirten »Phy- 
siologischen Bemerkungen etc.* und doch könnten sich unter den 
durch die Schrift belehrten Hydraulikern einige finden, welche es 
der Pulmonalarterie des Schweines zutrauen könnten, sie mache es^ 
trotz ihres Benehmens bei der öffentlichen Prüfung insgeheim im 
Innern des lebendigen Schweines ganz anders, und es wäre dann in 
Berücksichtigung der wenn gleich bereits verurtheilten »Physiologi- 
schen Bemerkungen* ein nicht zu unterschätzendes Mittel, um dem 
Gefässa hinter seine zweideutige Haltung und seine Gründe dazu zu 
kommen, sich des Schweines Herzbeutel zur leichteren Orientirung 
starr vorzustellen. 



^) Der Mechanismus der halbmondfönnigen Klappen von Dr.' Julius 
Ce radln i. Leipzig 1872. 



Beiträge zur Eenntniss des Baues des normalen 
und entzündeten Fericardiums der Batrachier 



von 
Dr. S. H. Chapiuaii (U. S. A.). 



Ich gebe in den folgenden Zeilen einen Bericht über Untersu- 
chungen des normalen und entzündeten Fericardiums des Frosches 
und der Kröte (Bufo cinereus), welche ich im Laboratorium des 
Herrn Frof. Stricker angestellt habe und später in meiner Heimath 
ausführlicher besprechen werde. 

Zunächst habe ich über eine Eigenthümlichkeit der die äussere 
Fläche des Herzbeutels bedeckenden Endothelien zu berichten. An 
in Silber gefärbten Fräparaten zeigen diese nämlich eine schon bei 
schwachen Yergrösserungen sichtbare Zeichnung. Es sind Strassen, 
welche tiefer gefärbt sind, als ihre Umgebung, und die, wie man 
sich bei tieferer Einstellung überzeugen kann, den feinsten Blutge- 
fässen parallel laufen. Die Tiefe der Farbe scheint mit der Nähe 
der Gefässe in einem gewissen Zusammenhang zu stehen. Es grün- 
det sich diese Aussage erstens auf den Umstand, dass die Blutge- 
fässe überhaupt der äusseren Fläche näher liegen als der inneren, 
und die beschriebene Zeichnung (Fig. 1 pag. 216) nur an der äus- 
seren und nicht auch an der inneren Fläche sichtbar ist. Es gelingt 
femer leicht, das gefärbte Fericardium in zwei nahezu gleich dicke 
Blätter zu spalten, und man erhält in einem solchen Falle die Gefässe 
stets in dem äusseren Blatte. Ausserdem habe ich die Strassen dort 
am dunkelsten gesehen, wo sich die Gefässe der äusseren Fläche zu 
krümmen. 

8<> 



Di« dnnkler ^färbten Strassen sind ans eben so gefärbten 
len zusammengesetzt. Nnn ist es aber eine bekannte Erfahrnng, < 
Fig. I. 




sich junge Zellen in Silber leichter nnd tiefer fSrben als alte. An- 
dererseits ist dorch Prof. Stricker gezeigt worden, daes das regst« 



Pericardium der Batrucbier. 117 

Zellleben in der Nähe der Gefässe vor sich geht. Es deutet daher 
mein Befund auf einen durch die Nähe der Gefässe bedingten und 
in einer Beziehung den jungen Zellen ähnlichen Zustand der die 
äusfeere Fläche des Pericardiums deckenden Formelemente. 

Eine weitere bemerkenswerthe Erscheinung an durch Silberlö- 
sung gefärbten Pericardien ist folgende: Es erscheinen nämlich, wie 
die nebenstehende Fig. 2 erläutert, Inseln von rundlicher oder läng- 
lichrunder Form, die sich durch die Farbe und Anordnung der Zel- 
len auszeichnen. 

So lange diese Inseln sehr klein sind, nur aus wenigen Zellen 
bestehen , sind sie dunkler als die Umgebung. Auch sind die Zel- 
len klein und regelmässig angeordnet. Mit der Grösse der Inseln 
nimmt ihre Helligkeit zu, so dass dann hellere centrale Stellen von 
dunklen peripheren umgeben sind. ^Es werden weitere Beobachtun- 
gen lehren müssen, ob die Ungleichheit der Färbung auch hier auf 
eigenthümliche Ernährungsvorgänge zurückzuführen ist. 

Schliesslich habe ich zur Kenntniss des normalen Baues des 
Pericardiums des Frosches noch beizutragen,, dass die äusseren En- 
dothelzellen desselben Flimmern tragen. 

Um zu der Schilderung des entzündeten Pericardiums überzu- 
gehen, erwähne ich, dass ich behufs der künstlichen Eeizung den 
Herzbeutel nur so weit blossgelegt habe, als nothwendig war, um 
mit dem Lapisstifte hinein zu dringen und einen Aetzschorf anzu- 
legen. Je nach der Intensität der Verletzung konnte ich die Thiere 
dann nach 48 Stunden bis zu 3, 4 und 6 Tagen am Leben erhal- 
ten, was jedenfalls genügend war, um sehr intensive Entzündungsbilder 
zur Anschauung zu bringen. Die Untersuchung ergab dann, dass das 
intensiv entzündete Pericardium bedeutend geschwellt und von Eiter- 
körpern durchsetzt war. Die regelmässige Anordnung der Zellen sowohl 
an der äusseren wie an der inneren Fläche war verschwunden, und 
statt ihrer fand man die mannigfachen Formen der amöboiden Körper, 
welche beide Flächen ungleichmässig bedeckten. In weiter vorgerück- 
ten Stadien waren auch Pseudomembranen vorhanden, welche einer- 
seits das Herz mit dem Herzbeutel und andererseits dieses mit dem 
umgebenden Gewebe verbanden. 

Bei der Beschreibung der entzündlich veränderten Gewebe werde 
ich hauptsächlich Präparate von der Kröte, wegen der grossen Form- 



118 



demente, zum Mneter nehmen. Ich hatte im let^teti Frühjahr Qg- 
legenheit, an groeseu Exemplaren von Bnfo cinereus zu experimen* 
tiren, und habe diese Gelegenheit vielfach ausgenützt. 

Als erste deutlich «'ahraehmbare entzündliche Veränderung läer 
Gewebselemente ist ihre Schwellung zn bezeichnen. Soweit Goldprf^a- 
rate und Vergleiche mit normalen Geweben eine solche Äasst^e ge- 
statten, mas8 ich annehmen, dass die BindegewebskOrper an Volaroen 
zunehmen, dass die feinsten Nervennetze leichter auffindbar sind and 
dass — wie Durchschnitte lehren — die Endothelien verdickt and 
die Cilien an der äusseren Fläche dicker und verlängert erscheinen 
(8. Fig. 3 und Fig. 4). 

Fig. 3. Fig. 5. 




Durthscbnltl mit geachveUlnii Eodollid. 

Femer kann man eine Vermehrung der Kerne wahrnehmen (a. 
Fig. 5). Es gilt diese Aussage für alle mit Kernen versehenen zelli- 
gen Elemente. Der. Kemthellung folgt sehr bald auch eine Zellen- 
theilung oder eine Formänderung des Zellenleibes. 

An der inneren FlUche des Pericardinms waren die das Endo- 
thel vertretenden Zellen von Eiterkörpem nicht zu unterscheiden (s. 
Fig. 6). 

Der Umstand, dass eben die Endothelien weder durch Silber 
noch durch Goldbehandlung sichtbar gemacht werden konnten, Hess 
darant schliessen, dass sie untergegangen waren. Die eigentbüm- 
licbe Anordnung der Eiterkfirper, namentlich ihre Gruppenbildung 
liess ferner vermathen, dass sich Eitentellen durch Theilung der En- 
dotheUen entwickelt haben. 



Ikitechmdender für die Veränderung der LuiotlielDii bind aber. 
F,g 6 




jeiie Bilder, welche darthun, dase gros se Zellen mit grossen and für 
die iüudutlicUen charaktmi'ibti sehen Kurilen laiigu nnd solir dänne 




120 ChapmaD. 

Fortsätze tragen. Die Abbildungen Figur 7 werden das Gesagte 
besser veranschaulichen, als es durch die Beschreibung allein mög- 
lich ist. 

Ich glaube daher an die bereits von Kundrat gegebenen Nach- 
weise über Veränderungen der Endothelien des Peritoneums anknüp- 
fen und eine Umgestaltung der Endothelien des Pericardiums zu Ele- 
menten, die den BindegewebskCrpem ähnlich sehen, behaupten zu 
können. Die weitere Untersuchung der Pseudomembranen auf dem 
Pericardium des Frosches legte es wenigstens sehr nahe, dass die 
zelligen und faserigen Stränge dieser Membranen aus den grossen 
verästigt^n Zellen (Fig. 7) hervorgehen. 



•4C«< 



Beitrag zur Eenntniss des Baues des Epithelioms 

yon 
Prof. Dr. G. Bizzozero iü Payia. 



Unsere Kenntnisse Ton der Gefässvertheilnng der Geschwülste 
sind ungeachtet vieler darauf gerichterer Untersuchungen n(x?h in 
niancher Beziehung lückenhaft;, weshalb ich die kurze Beschreibung 
eines eigenthümlichen Falles für nicht ganz unnütz erachte. Aus- 
führlicher wird dieser Fall von einem meiner Eleven, L. Griff in i, 
in seiner Inaugural - Dissertation »Sulla Patologia dell' Epitelio pa- 
vimentoso straüücato^ mitgetheilt sein. 

Die Geschwulst sass Jbn der Dicke der linken Wange dicht vor 
der Portio verticalis des Unterkiefers und wurde vom Professor 
Mazzuchelli ezstirpirt. — Sie hatte etwa die Grösse einer kleinen 
Wallnuss, war von derber Consistenz und von einer Bindegewebs- 
kapsel umgeben. 

Die mikroskopische Untersuchung erwies ein plattes Epitheliom. 
Das Bindegewebsstroma bildet ein weitmaschiges Netz mit festen, 
mehr oder weniger dünnen, abgeplatteten, anastomosirten Trabekeln, 
dessen unregelmässig runde oder ovale Maschen von angehäuften 
Epithelzellen eingenommen sind (Fig. 1). 

Die Epithelzellen, welche näher den Trabekeln liegen, sind ott 
zu diesen letzteren senkrecht angeordnet; die übrigen sind unregel- 
mässig eingerichtet. Sie besitzen das Aussehen der platten Epithel- 
zellen, und zwar sind einige Stachel- und RifFzellen (Fig. 2«). Nicht 
selten aber sind ihre Contouren und ihr Protoplasma so zart, dass 
in nicht zu dünnen Schnitten der erhärteten Stücke die Zellencon- 



122 Bizi03.r». 

glomerat« hie nnd d.» wie freie m einer feingrannlirten Snbutanz 
eiiJ^PBtreate Kerne erscheinen 

Fi2 1 




Schnitt durch die injicirte Neubildung (Hartnack 1 IV } a Binde- 
gewcb» Irabekeln b epithebale Zapfen c injicirte d holbinjicirt« « nicht 
injiLirte Blntkcune / das die Elatlacune ersetzende Gufiaanctz g ein mit 
den Blutlacimen communiarcndes Blutgefäss des btroma 

Weitere Untersuchangeii haben ans zwei Eigen Üinmliclikeiten 
der hiBtoIogischen Zngammensetznng zu Tage gefördert die unser 
Interesse in hohem Grade in Ansprach genommen haben 
1 Zwischen den Epithelzellen aind amöboide Zellen in grosser 

Sienge eiitgestreot In frischen erwärmten Präparaten schuineii 



Biu <le) Epillielion». 12^ 

diese letzteren als contractile Protoplasmamasson dorch die Epi- 
thelzeUen dnrch. In den imbibirten Schnitten der in Alkohol 
und Mnller'acher Fläesi^keit erhärteten Stücke zeigen aie ganz. 
deatUch 2, 3—4 kleine Keine, wie gewöhnliche Wanderzellen. 
Sie liegen sowohl zwischen den peripherischen wie zwischen 
den mehr nach dem Centram goldenen, schon veralteten Zellen 
der epithelialen Hassen (Fig. 2 a). Nie haben wir Formen ge- 
sehen, die anf eine Umbildung der amöboiden in epitheliale 
Zellen hinweisen könnten. 

Fig. 9. 




Schnitt duTuh die nicht injicirten, in Alkohol erhärteten Stflikc der 
Geschwülste (Hartnark 3. \'I1I.). Das Nähere im Teit. 

2. Die Blntgenisse zeichnen sich durch eine eigenth^mliche An- 
ordnung ans. Beobachtet man dänne Schnitte der in Alkohol 
erhärteten Stücke, so sieht man, dass die Epithelzapfsn nicht 
unmittelbar von den anastomosirton Bindegewebs-Trahekeln be- 
grunzt sind, sondern gewöhnlich wird die peripherische Kpithi.'!- 



124 Bizzozero. 

Zellenschicht von den bindegewebigen Scheidewänden durch 
einen Baum getrennt, welcher gänzlich (Eig. 2) oder fast gänz- 
lich den Zellenzapfen nmfasst (Fig. 2 a c). Daher fallen aus den 
dännen Schnitten die Zellenhanfen sehr leicht heraus, und bleibt 
der Schnitt mehr oder weniger gelockert. An dickeren Schnitten 
und durch wechselnde Einstellung des Mikroskopsrohres nimmt 
man sehr leicht wahr, dass dieser Eaum sich lacunär (wie z. B. 
die lacunären Lymphräume einiger traubigen Drusen) auf der 
Oberfläche der epithelialen Zapfen erstreckt. Seine Wände, sind 
von einer Schicht von gekernten, isolirbaren Endothelzellen ge- 
bildet, welche selbstverständlich einerseits auf den Zellenzapfen, 
andererseits auf den bindegewebigen Scheidewänden aufliegen. 
Hie und da fehlen auch die Scheidewände, so dass mehrere 
Zapfen in einer sehr grossen Alveole enthalten und nur durch 
die lacunären Bäume von einander begrenzt sind (Fig. 1 a bbb). 

Zuerst waren wir der Meinung, dass wir es mit Lymphgefassen 
zu thun hätten. Es wurden indessen in den mit Mnller'scher Flussig- 
keit erhärteten Schnitten, nicht selten in den leeren Bäumen verein- 
zelte oder zu kleinen Haufen zusammengeballte rothe Blutkörpf^rchen 
gesehen, welche Blutgefässe vermuthen Hessen. Darüber haben wir 
durch die Injection Gewissheit gewonnen. 

Die Injection wurde mit löslichem Berlinerblau und durch Ein- 
stich in den grösseren, schon in Alkohol etwas erhärteten Theil der 
Geschwulst ausgeführt, und gelang sehr gut. Sie zeigte uns, dass die 
lacunären Bäume mit weiten, dünnwandigen Bäumen anastomosirten, 
die mit von rothen Blutkörperchen gefüllten Gefassen in Verbindung 
waren (Fig. 1 a), und dass diese letzteren ihrerseits durch dünnere 
Gefasse mit ebenfalls mit der eingespritzten blauen Masse gefüllten 
Arterien communicirten. 

Nicht alle die Zellzapfen jedoch waren durch diese abgeplatte- 
ten Blutlacunen eingehüllt. Die einen zeigten statt dieser ein dichtes 
Netz von so breiten aber abgeplatteten Gefassen, dass die Breite 
der Gefässe gewöhnlich die der von ihnen gebildeten Maschen über- 
wog (Fig. \ a f), — War dies der Fall, und betrachtete man den 
Band der Alveolen (besonders an den dünnen Schnitten der nicht 
injicirten Neubildung), so sah mau selbstverständlich, dass diese 
venösen Lacunen hie und da unterbrochen waren (Fig. 2 a b), 

»Ofr- 



Ueber die Veränderungen des Muskelgewebes nach 

Nervendurchschneidung 



you 
G. Bizzozero uud ۥ Golgi. 



Es ist bereits durch die Versuche von Montegazza und Vul- 
pian dargethan worden, dass die Muskeln wahrnehmbare Verände- 
rungen eingehen, wenn sie dem Nerveneinflusse entzogen werden. 
Montegazza hat gezeigt, dass wenn der Ischiadicus und Cruralis 
durchschnitten werden, neben anderen schweren Veränderungen der 
Knochen, der Knorpel etc. auch eine Verringerung des Querdurch- 
niessers der Muskelfasern, eine Vermehrung der Kerne der Muskel- 
körperchen und eine Zunahme des interstitiellen Bindegewebes ein- 
treten. In einem Falle, in welchem das Experiment mehrere Monate 
gedauert hatte, sah man hie und da zwischen den Fasern reichlich 
Fett, theils in Zellen und theils als freie Kömchen. 

Vulpian hat in den Muskeln der unteren Extremität nach 
Durchsclmeidung des Ischiadicus in den Muskeln der Zunge, nach 
Durchschneidung des Hypoglossus und Lingualis und in denjenigen 
des Gesichts nach Durchschneidung des Facialis Folgendes beobach- 
tet: Dickenabnahme der Muskelfasern , theilweisen Schwund der 
Muskelsubstanz, Kernwucherung, Zunahme des interstitiellen Binde- 
gewebes und endlich das Anfkreten einer grösseren oder geringe- 
ren Menge von Fettbläschen. 

Fasce und Erb, welche später ähnliche Versuche angestellt 
haben, bestätigen, soweit es die Veränderungen der Muskeln betrifi't, 
die früher genannten Besultate. 



126 ßizzozern im«1 Golgi. 

Einige Versuche, welche wir zu anderen Zwecken angestellt 
hatten, brachten uns zufällig Präparate zur Beobachtung, in welchen 
wir bald einen vollkommeuen, bald einen partiellen Schwund der Mus- 
kelfasern als Folge der Nervendurchschneidung sahen , und zwar in 
Muskeln, welche wesentlich verdickt erschienen dadurch, dass das 
Muskelgewebe durch Fettgewebe ersetzt war. 

Unser Protokoll lautet wie folgt: 

Wir schnitten einem Gmonatlichen Kaninchen am 10. Januar 
1870 ein etwa 1 Centim. langes Stück des rechten Ischiadicus aus. 
Das Tibio-Tarsal-Gelenk der operirten Seite verdickte sich allmälig, 
und nach 4—5 Wochen erschien an der ihm entsprechenden hin- 
teren Oberfläche der Extremität ein Geschwür. Während dieser Zeit 
schwollen auch die Lymphdrüsen an. Das Thier erhielt sich nichts 
desto weniger ziemlich kräftig. Am 20. August 1870 schnitten wir 
auch ein Stück des Cruralis derselben Extremität aus. Bis zum 
9. November' erhielt sich das Thier sehr gut; im December hinge- 
gen vergrösserte sich das früher bezeichnete Geschwür, wurde miss- 
färbig und blutend, und das Thier ging dann rasch zu Grunde. 

Am 12. December, am Todestage, wurde folgender Befund auf- 
genommen : 

Das Thier im Ganzen bedeutend abgemagert; entsprechend dem 
Tibio-Tarsal-Gelenke der operirten Seite ein grosses und missfarbi- 
ges Geschwür, auf dessen Grund man die Gelenksenden der Tibia 
und des Talus rauh und verdickt fühlen kann. Das Bindegewebe 
der ganzen Extremität war mit Serum infiltrirt; unter der hie und 
da ulcerirten Haut der unteren Extremität waren stellenweise käsige 
Massen angehäuft, welche von einem dichten Bindegewebe einge- 
kapselt wurden. Die Stümpfe der durchschnittenen Nerven waren von 
einander entfernt. Die oberflächlichen Muskeln des Oberschenkels 
waren blass röthlich gefärbt, die tieferen Muskeln hingegen gelb röth- 
lich. Die oberflächlichen Muskeln des Unterschenkels grau röthlich, 
stellenweise gelblich, fühlten sich etwas hart an und waren leicht 
zerreisslich. Die tiefen Muskeln, etwa um ein Drittel des Normal- 
masses verdickt, von gleichmässig gelblicher Farbe, auf denÄchnitt- 
flächen glatt, gleichmässig und speckig anzusehen. 

Die mikroskopische Untersuchung ergab in den oberflächlichen 
Muskeln des Oberschenkels hie und da feine Fettkörnchenreihen, 



Verind. d. Muskelgewebes nach NerTendurchschneuI. 127 

welche dem Verlaufe der Nervenfasern zu entsprechen schienen. In 
den tiefen Muskeln des Oberschenkels sah man zuweilen die Muskel- 
fasern verdünnt, die Querstreifen wenig ausgesprochen und zwischen 
den Muskelbündeln erster und zweiter Ordnung zahlreiche und mäch- 
tige Zonen von Fettzellen. An anderen Stellen war theilweise die 
Muskelsubstanz der einzelnen Fasern in Stücke zerrissen, theilweise 
ganz durch Fettzellen ersetzt. 

Am Unterschenkel boten die oberflächlichen Muskeln sehr aus- 
geprägt jene Erscheinungen, welche man gewöhnlich als eine Folge 
der Nervendurchschneidung bezeichnet, d. i. Kemvermehrung in den 
Muskelkörperchen , Yerschmächtigung der Fasern, Zunahme des in- 
terstitiellen Bindegewebes und reichliches Auftreten von Fettzellen 
zwischen den Muskelfasern. 

In den tiefen Muskeln der unteren Extremität endlich, da wo 
die Muskeln gelblich und speckig waren, sah man von Muskelgewebe 
keine Spur; es schien in ein Fettgewebe umgestaltet, welches man 
mit dem Panniculus adiposus verwechseln konnte. Auf Querschnitten 
waren die Fettzellen rundlich oder unregelmässig begrenzt und dann 
wie ein Mosaik angeordnet. Auf Längsschnitten war ihre Anordnung 
reihenweise den Fasern und Bündeln entsprechend. 

In anderen Versuchen von geringer Dauer haben wir die Bil- 
dung von Fettzellen nur zwischen den gröberen Bündeln angetroffen. 
In einem Falle, welcher nur zwei Monate verlief, war das Fett nur 
zerstreut zwischen den Bandeln anzutreffen. — Hingegen müssen 
wir anfahren, dass wir einen Fall 4 Monate beobachtet haben, ohne 
von der Fettablagerung eine Spur zu finden. 

Es scheint uns, dass diese Beobachtungen von einiger Bedeu- 
tung sind, weil sie uns auf die Ursachen gewisser Verschiedenheiten 
in den Krankheitsbefunden hinweisen, wie z. B. in der Paralysis 
pseudohypertrophica , wo man in vorgerückten Stadien die Muskel- 
fasern durch Fettgewebe von einander getrennt findet, während in 
früheren Stadien, wie es neulich beobachtet wurde, bloss eine Hy- 
pertrophie des interstitiellen Bindegewebes sichtbar ist. 



Beiträge zur Eenntniss des Neurins 

von 
Julias Maathner, stnd. med. 

Aus dem chemischen Laboratorium der IT^iener Handelsakademie. 



Als ich im verflossenen Sommer eine grössere Quantität fauler 
Ochsengalle verarbeitete, fiel mir beim Eindampfen dieser Flüssig- 
keit der intensive Geruch nach Trimethylamin auf; ich neigte 
mich sofort der Ansicht zu, dass der Grund dieser Erscheinung in 
der bereits bekannten Zerlegung des Neurins (das zuerst von Strecker 
als Bestandtheil der Galle erkannt wurde) in Trimethylamin und 
Aethyl-Glycol zu suchen sei, und fahrte zur Beweisführung die 
folgenden Versuche aus: 

Die faule Galle wurde im Dampfbade destillirt, so lange das 
Destillat noch alkalische Eeaction zeigte; das gesammte Destillat, 
welches im wesentlichen eine wässrige Lösung von Ammoniak und 
Trimethylamin repräsentirte , wurde mit Schwefelsäure neutralisirt 
und hierauf bis zur Syrupconsistenz verdampft; das so erhaltene Ge- 
menge von schwefelsaurem Ammoniak und schwefelsaurem Trime- 
thylamin wurde mit absolutem Alkohol geschüttelt, die Lösung von 
dem ausgeschiedenen schwefelsauren Ammoniak abfiltrirt, der Alko- 
hol durch Destillation entfernt und der trockene Eückstand zur Tren- 
nung der letzten Antheile des Ammoniaksalzes abermals mit al^olu- 
tem Alkohol behandelt. Die Lösung des schwefelsauren Trimethylamins 
wurde verdampft und der Eückstand mit reiner Kalilauge destillirt, 
das Destillat mit Salzsäure neutralisirt und mit Platinchlorid versetzt. 
Als diese Flüssigkeit im Vacuum über Schwefelsäure mehrere Tage 
gestanden hatte, erschienen prächtige orangerothe Octaöder, deren 



Zur Kennlniss des Neurins. 129 

chemische und krystallographische ^) Untersuchung ergab, dass die- 
selben aus der Doppel verbin düng des salzsauren Trimethyla- 
m ins mit Platinchlorid bestehen. Die Erystalle zeigten nämlich 
beim Uebergiessen mit Kalilauge sofort den charakteristischen Geruch 
desTrimethylamins und gaben folgende analytische Resultate : 

I. 0*3944 Grm. Substanz hinterliessen beim Glühen 0*1444 Grm. 

Platin, entsprechend 36*61^. 
n. 0*5320 Grm. Substanz mit chromsaurem Blei und vorgelegtem 
Kupfer 2) verbrannt, gaben 0*1977 Grm. Wasser und 0*268 
Grm. Kohlensäure, entsprechend 4*11 fi Wasserstoff und 
13*73 J^ Kohlenstoff. 
III. 0*445 Grm. Substanz hinterliessen beim Glühen 0*1633 Grm. 
Platin, entsprechend 36*69 j|^. 



berecl 


met 




g e f u n d e 


n 






I. 


n. 


m. 


Pt 197*88 


37*29 J^ 


36*61 




36*69 J^ 


Gl« 212-76 


40*10^ 




— 


— 


Cfl 72 


13*57^ 




13*73 


— 


H^o 20 


3*77 Jg 




4*11 




Nj 28 


5*27^ . 






— 



530*64 100*00 

War es nun auch leicht und vollständig gelungen, das Auf- 
treten des Trimethylamins in der faulen Galle nachzuweisen, so bot 
das Aufsuchen des Aethylglycols nicht zu bewältigende Hindemisse. 
Die nach dem Abd^stilliren des Trimethylamins zurückbleibende 
braune, dickflüssige Masse erwies sich als so unerquicklich, dass ich 
nach langer, mühevoller Arbeit es aufgeben musste, daraus die klei- 

^) Herr Dr. A. Brezina, Assistent am Wiener Hof • Mineralien- 
Cabinet, hatte die Güte, die Kry stalle zu messen, und theilte mir mit, 
dass die von ihm an denselben beobachtete Krystallform identisch sei 
mit der fftr .das salzsanre Trimethylamin-Platinchlorid gefundenen. 

^) Es ist unerlässlich , bei der Verbrennung in diesem Falle den 
vorderen Theil der YerbrennungsrOhre mit einer Knpferdrahtspirale aus- 
zufüllen, weil sonst der Stickstoff oxydirt wird und dadurch natürlich die 
Kohlenstoffbestimmung zu hoch ausfällt; eine Verbrennung, bei der die 
Anwendung des metallischen Kupfers versäumt worden war, lieferte im 
Kaliapparate rothbraune Dämpfe und als Besultat einen Kohlenstoffgehalt 
von 14-38 9^. 

lletl. Jahrbücher 1873. 1. 9 



130 Mauthner. 

nen Mengen des Glycols, die sich bei der Zerlegung des Neurins 
bilden können, abzuscheiden und für die nähere Untersuchung zu 
präpariren. Wenn es auch immerhin von Interesse gewesen wäre, 
auch diesen zweiten Theil des Beweises für die Zerlegung des Neu- 
rins in der faulen Galle zu liefern, so schien mir derselbe doch 
nicht . unumgänglich nöthig, da man das Auftreten des Trimethylamins 
ungezwungen doch nur durch diesen Process erklären kann und ich 
lenkte mein Augenmerk vielmehr darauf, die bisher noch nicht be- 
kannten Bedingungen festzustellen, unter denen das Neurin in un- 
serem Falle sich zerlegt. 

Zunächst musste man die Einwirkung der Wärme kennen ler- 
nen, sie konnte möglicherweise bei der Destillation die Zersetzung 
des Neurins in der Galle bewirkt haben; findet man doch überall 
die Angabe, dass eine wässrige Neurinlösung beim Erhitzen sich 
zerlegt. Es wurde der frische Inhalt von zehn Ochsen-Gallenblasen 
im Dampfbade der Destillation unterworfen und etwa 1 Litre abde- 
stillirt; das Destillat zeigte nicht die Spur eines Geruches nach 
Trimethylamin, war in seiner Keaction neutral und wurde 
schon durch einen Tropfen Schwefelsäure sauer; als nach 
Zusatz der Schwefelsäure verdampft und der dabei blei- 
bende Kückstand mit Aetzkali versetzt wurde, konnte 
gleichfalls nicht der Geruch des Trimethylamins wahr- 
genommen werden. Durch diesen Versuch war nun erwie- 
sen, dass durch die Erwärmung der Galle im Dampfbade 
das in ihr enthaltene Neurin nicht zerlegt werde und es 
konnte somit die von mir beobachtete Zerlegung nur durch die Fäul- 
niss bewirkt worden sein. 

Um die Kichtigkeit dieser Ansicht zu prüfen, musste ich die 
Einwirkung von faulenden Substanzen auf das Neurin untersuchen. 
Das zu den diesbezüglichen Experimenten verwendete Neurin berei- 
tete ich mir aus Eidottern nach der vortrefflichen Methode von Dia- 
kon o w. 

Die Platindoppelverbindung des Neurins, welche ich in präch- 
tigen, vollkommen durchsichtigen, zolllangen Krystallen erhielt, wurde 
analysirt, damit ich über die Eeinheit der Verbindung Gewissheit 
erlangte; erst dann wurde nach Entfernung des Platins durch Schwe- 
felwasserstoff und der Salzsäure durch frisch gefälltes Silberoxyd 



Zur Kentitniss des Neiirins. 131 

eine wässrige Lösung von Neurin dargesteUt, welche einen Gehalt 
von 1*4^ Neurin zeigte. 

Bei einer mit dem Platindoppelsalze des Neurins vorgenomme- 
nen Platinbestimmung hinterliessen 0*4148 Grm. der Substanz nach 
dem Glühen 0*1315 Grm. Platin, welche 31*7 ^ entsprechen; die 
Rechnung verlangt 31-87 %. 

Die Neurinlösung sollte nun mit Substanzen zusammengebracht 
werden, welche leicht in Fäulniss gerathen und wenn die Fäuluiss 
einige Tage angedauert hatte, auf Trimethylamin untersucht werden. 
Als faulende Substanzen wurden Blut und Galle benützt und da diese 
Körper selbst bei der Fäulniss flüchtige, alkalisch reagirende Pro- 
ducte liefern, da femer in einer reinen Neurinlösung beim .Erwärmen 
auf 100® immerhin eine geringe Zersetzung stattfinden kann, so 
mnssten Versuche mit den mit Wasser verdünnten faulenden Flüs- 
sigkeiten, femer mit reiner Neurinlösung und endlich mit Neurin- 
lösung, welche mit Blut oder Galle versetzt war, angestellt werden. 

Die bei den Versuchen angewendete Methode war folgende: 

Die betreffenden Flüssigkeiten wurden in Retorten gebracht, 
deren jede mit einem Kölbchen dicht verbunden war, in dem sich 
eine genau gemessene Menge Schwefelsäure von bekanntem Gehalte 
befand. Die Apparate wurden neben einander in einem Räume von 
constanter Zimmertemperatur aufgestellt und nach mehrtägigem Stehen 
der Inhalt der Retorten im Wasserbade der Destillation unterworfen, 
wobei das Destillat in dem mit der Retorte verbundenen, Schwefel- 
säure enthaltenden Kölbchen, welches gut gekühlt war, aufgefangen 
wurde ; wenn etwa ein Drittel des Retorteninhaltes überdestillirt war, 
wurde mit Normalnatronlauge titrirt, um die zur Neutralisation des 
Destillates erforderliche Menge der Säure zu finden. Alle Versuche 
wurden bezüglich der Zeitdauer und der Methode im allgemeinen 
ganz gleich ausgeführt. 

Ich lasse nun die Resultate von 3 Versuchsreihen folgen: 

A. 

I. Retorteninhalt: 100 C. C. Wasser, 5 C. C. Galle; die Vorlage 
enthielt 53*45 C. C. Normalschwefelsäure; nach lOtägigem Ste- 
hen wurde destillirt, der Inhalt der Vorlage verbrauchte beim 
Titriren 53*23 C. G. Normal-Natronlauge. 

9* 



132 Maulhner. 

n. 100 C. C. Neurinlösung von 1*4 '^ Neuringehalt mit 5 C. C. 
Galle versetzt wurden nach 10 Tagen destillirt; in der Vorlage 
waren 53*6 C. C. Normalsänre enthalten ; nach der Destillation 
wurden beim Titriren verbraucht: 53*3 C. C. Normal -Natron- 
lauge. 

in. 100 C. C. Wasser mit 5 C. C. Blut versetzt wurden nach 10 
Tagen destillirt, die in der Vorlage befindlichen 53*45 C. C. Nor- 
malsäure verbrauchten nach der Destillation: 53*3 G. G. Nor- 
mal-Natron. 

IV. 100 C. C. l*4percentige Neurinlösung mit 5 C. C. Blut versetzt 
wurden nach 10 Tagen destillirt; der Verbrauch von Normal- 
Natron beim Titriren nach der Destillation betrug 52*6 C. C. ; 
in der Vorlage befanden sich 53*45 C. C. Normalsäure. 

V. 100 C C. 1 •4percentige Neurinlösung wurden ohne jeden Znsatz 
in eine Betorte gebracht und nach 10 Tagen der Destillation 
unterworfen ; die Vorlage enthielt 53*45 C. C. Normalsäure, beim 
Titriren nach der Destillation wurden verbraucht 53*1 C. C. 
Normal-Lauge. 

B. 

I. 100 C. C. Wasser mit 30 C. C. Galle wurden nach 5 Tagen 
destillirt; die Vorlage enthielt 26*7 C. C. Normalsäure, beim 
Titriren nach der Destillation wurden verbraucht: 26*4 C. C. 
Normal-Natron. 

U. 100 C. C. l*4percentige Neurinlösung mit 30 C. C. Galle ver- 
setzt wurden nach 5 Tagen destillirt ; die Vorlage enthielt 
26*7 C. C. Normalsäure, beim Titriren wurden gebraucht 26*3 
C. C. Normal- Natron. 

C. 

I. 50 C. C. l*5percentige Neurinlösung mit 30 C. C. Galle wur- 
den nach 8 Tagen destillirt. Inhalt der Vorlage: 26*7 C. C. 
Normalsäure, Verbrauch des Normal -Natrons beim Titriren : 
26-5 C. C. 

n. 50 C. C. Wasser und 30 C. C. Galle wurden nach 8 Tagen de- 
stillirt; die Vorlage enthielt 26*7 G. C. Normalsäure, verbraucht 
wurden beim Titriren: 26*5 C. C. Normal-Natronlauge. 
III. 50 C. C. l*5percentige Neurinlösung wurden für sich allein 



Zur KenDtniss des Neurins. t83 

nach Stägigem Stehen destillirt; die Vorlage enthielt 26*7 C. G. 
Normalsäure, beim Tilairen wurden erfordert: 26*6 C. C, Nor- 
mal-Natronlauge. 

Diese Yersuchsresnltate lassen sich in folgender Weise abersicht- 
lich zusammenstellen: 

Zur Sättigung des Destillats 
Versuch yerbrauchte Normalsäure 

Keine Neurinlösung . . A V. 0*35 C. C. 

y> , * ..cm. 010 » 

Verdünntes Blut ... A III. 0*15 

Verdünnte Galle ... AI, 0*22 

» > ... B I. 0-30 

^ > . . . c n. 0-20 

Neurinlösung mit Galle A ü. 0*30 

» » , B n. 0-40 

» > C I. 0*20 

Neurinlösung mit Blut A IV. 0*85 



» 
» 
» 

» 
» 
» 



Ein Blick auf diese Zahlen zeigt, dass nur bei dem Versuche 
A IV., bei welchem die Neurinlösung der Wirkung des faulenden 
Blutes ausgesetzt war, das Destillat eine erhebliche Menge einer 
basischen Substanz lieferte, die sich bei näherer Untersuchung als 
Trimethylamin erwies; es wird ferner ersichtlich, dass reine Neu- 
rinlösung von der angegebenen Concentration bei der Temperatur des 
siedenden Wassers kaum merklich zerlegt wird. Auffallend erscheint 
das Resultat der Einwirkung von Galle auf Neurinlösung; wie aus 
der obigen Zusammenstellung hervorgeht, wurde das Neurin dabei 
gar nicht zersetzt; es war aber auch bei allen drei Versuchen All., 
B U. und C I., in denen Galle und Neurinlösung mit einander be- 
handelt wurden, absolut keine Fäulnisserscheinung eingetreten ; wäh- 
rend die mit Wasser verdünnte Galle schon nach wenigen Tagen 
ganz trübe geworden war und einen unerträglichen Geruch besass, 
blieb die mit der Neurinlösung versetzte Galle selbst nach wochen- 
langem Stehen bis auf wenige ausgeschiedene Flocken klar und 
zeigte nur den schwachen Geruch der frischen Galle. 

Das Gesammt-Besultat der angestellten Versuche ergibt dem- 
nach, dass faulende Körper das Neurin zerlegen und dass als eines 
der Zerlegungsproducte Trimethylamin auftritt; dass somit das in 



Untersuchungen über die Uterussohleimhaut. 

Vou Dr. ÜAniiB Kundrat. ersten Assistenten am pathologisch-ann- 
tomischen Institute in Wien, und 0. J. EngelmaDii aus St. Louis. 



Meine Mittheilnti^en über die Stmctur der Utemaachleimbaut 
gründeD eich auf Untersucbnogen von 17 Uteris ans rorschie denen 
Schwangei'schaftsmonaten, dann 200 Cteris, die zum Theil dem 
menstrnellen Zustande entsprachen, zum Theil poBt abortum, znm 
Tbeil post partam waren, femer von 29 Eiern ans den ersten 
Wochen und zahlreichen Eiern aus spätwen Schwangerschaflsperio- 
den — und endlich von einer grossen Zahl von UteriB dem nicht 
fnnctionirenden Znstande entsprechend. 

Wollte ich nnn meine Erfahrungen nur insofern mitthellen, als 
sie Tonvorhandenen Angaben abweichen, so mnsste ich eine Samme 
wenig zusammenhängender Sätze niedorsch reiben. Ich ziehe es daher 
Tor, die Schilderung der Schleimhaut, in ihren verschiedenen Zu- 
ständen noch einmal aufzunehmen und nur jene Stellen zu bezeich- 
nen, wo ich in wichtigen Fragen von den theils anerkannten, theils 
strittigen Behauptungen abweiche. 

Die UternBgchleimhant im Unheznstaud. 

Die Schleimhaut des Uterus zeichnet sich durch ihre eigpiithüm- 
liche zellenreiche Bin degewebs-Grnnd läge , sowie durch den Uungel 
einer Sabmncosa besonders aus. 

An dem jungfräulichen, nicht menstruirenden Uterus priisontirt 
sie sich nach Entfernung des sie bedeckenden durchsichtigen Schlei- 
mes als eine zarte, weiche, glatte, graurOthticbe oder, bla.ssgriine 

Heil. labrbüEber. lH7ä II. 10 



136 Kili.dr.1. 

Schicht, welche eben wegen des Mangele der Snbnnicoea den Mus- 
keln nnrerschiebhar fest aufsitzt. Sie ist am Fnndns und an den 
beiden Seiten etwas über 1 Millim. dick and nimmt gegen die Bän- 
der, ^egen die TnbaroBtien und das Collnm an Dicke ab. Anf Qner- 
schnitten der Schleimhant gewahrt man mit der Lonpe ein System 
feiner weisser Strichelchen, als Ausdruck der Drüsen *), welche an 
der Oberfläche frei münden. 



Fig. t. 




DnrchscliaLtC dnrcb 
die Schleimhaut eines 
nonnalsn janf^rfluti- 
chen UteruE, etwa iO- 
facli TergrOEseit. 

S Schleimhaut, D 
DtÜEen, JKMuscalariB, 
TOD weichet nur ein 
Theil der laoeDlage 
gezeichnet ist. 



Diese Drüsen sind tubulöe, von rundem 
oder ovalem Querschnitte, und tbeilen sich 
etwa nnterbalb ihrer Mitte ein-, selten mehr- 
mals gabelig. Ihr Verlauf ist selbst in der 
oberen Hälfte kein geradliniger, sondern sie 
sind etwa wie die Änsfnhmngsgftnge der 
Schweissdrüsen geschlängelt. In der nnteren 
Hälfte verlaufen sie gekrümmt , zuweilen 
(Fundus) dem Muskellager parallel. Nur sel- 
ten r^en einzelne mit ihrem Fnndns zwischen 
' die Mttskelbündul hinein. 



Die Entfernung der Drüsen von einander 
ist nicht in allen Tiefen der Schleimhaat 
gleich. Wie schon aus der Theilung dersel- 
ben hervorgeht, müssen sie in den tieferen 
Lagen enger aneinander liegen, als in den 
höheren. Deberdies werden sie gegen die 
Mündung za etwas enger. 
Ich habe mich vergeblich bemüht, die Grenzmembranen dieser 
Drüsen zn erkennen. Es gelang mir immer nnr sie als Epithel- 
schläache za sehen, welche ans cylindrischen, mit Flimmern besetz- 
ten Zellen (Zotten) zusammengesetzt sind. 

An frischen Schnitt- oder Zuptpräparaten sieht man den Zelt- 
leib und den Kern granulirt, und den erateren in der Vogelschau 
polyedrisch, in der Flächen an siebt von der Basis gegen das freie 
Ende zu sich verjüngen. Nur in sehr frischen Fällen und zu gnn- 
stjger Jahreszeit lassen sich die Flimmer deutlich erkennen, aber 



') Die Angaben, dass die Uternaschleimhaut, wenn sie nicht fnnrticc 
nh-t, keine Drüsen besitze, beziehen sieh nicht auf den Menschen. 



Untersuchungen über die Uterusschleimhaut. 137 

auch an weniger frischen und an gehärteten Präparaten sind Beste 
des Flimmerbesatzes wahrzunelimen. 

Das Gruudgewebe, in welchem die Drüsen liegen, wurde von 
Henle dem Interglobulargewebe verglichen. Dieses Gewebe besteht 
im jungfräulichen Uterus fast nur aus spindelförmigen oder rund- 
lichen Zellen, deren Leib aber so zart ist, dass es auf gehärteten 
Präparaten häufig den Anschein gewinnt, als bestünde es nur aus 
einer formlosen Masse mit eingelagerten Kernen. In den tieferen 
Schichten sind diese Zellen namentlich in der Nähe der Drüsen und 
der Blutgefässe zumeist spindelförmig oder bandartig, mit ihrem Län- 
gendurchmesser diesen Gebilden parallel laufend, während in den 
höheren Lagen die Rundzellen häufiger sind. 

Zwischen den Zellen verläuft ein feines Netz zarter Fäden, die 
namentlich an frischen Zupfpräparaten sichtbar sind. Auch diese Fä- 
den sind in der Tiefe und in der Nähe von Drüsen und Gelassen 
dichter angeordnet und mehr aus Längszügen bestehend, während 
sie in den höheren (inneren) Lagen lockerer und weniger regelmäs- 
sig angeordnet sind. 

Der Nachweis von Muskeln in diesem Stroma ist mir nicht ge- 
lungen. 

Das Bindegewebe der Schleimhaut strahlt nach aussen in das 
Muskelgewebe hinein, und bildet so die Verbindung zwischen beiden. 
Die Drüsenzellen andererseits gehen nach innen direct in jene gleich- 
falls flimmernden Zellen über, welche die innere Fläche der Schleim- 
haut bedecken. 

So präsentiii; sich uns die normale Uterusschleimhaut von der 
Zeit ihrer völligen Entwicklung bis zu den klimakterischen Jahren. 
Vor und nach dieser Zeit bietet sie aber ein wesentlich anderes Aus- 
sehen dar. 

Der noch nicht zur Functionsreife entwickelte, kindliche, sowie 
der in seiner Entwicklung zurückgebliebene oder unentwickelte Ute- 
rus, der ja durch seine sanduhrförmige, platte Gestalt und das Ueber- 
wiegen des Cervix dem kindlichen gleicht, besitzen eine Schleimhaut, 
deren Gewebe ausser dem hier noch feineren Netzwerk fast immer 
aus rundlichen oder vielgestaltigen Zellen mit runden Kernen besteht. 
Nur um die Gefässe und gegen die Oberfläche zu zeigen sich spin- 
delförmig gestaltete Zellen. Alle diese Elemente, sowie auch das 

10* 



188 Kundrai. 

schon flimmernde Oberflächenepithel sind jedoch kleiner and zarter 
als im entwickelten Uterus. 

Der wesentlichste Unterschied liegt aber in der Ausbildung der 
Drüsen. 

Beim F<Jtu8, wo die Schleimhaut, vom 7. Monat an, 0-09 — 
0*15 Mm. dick ist, finden sich keine Drüsen, ebensowenig in den ersten 
Lebensjahren, wo die Schleimhaut nur wenig dicker erscheint. Es 
finden sich nur einzelne Buchten gegen die Seitenränder des Uterus 
zu, denen aber nicht die Bedeutung einer Drüsenanlage zukommt. 
Es sind nichts als Ausstrahlungen der Buchten der Palmae plicatae, 
die sich beim Kinde über den Cer?ix hinaus fortsetzen. 

Beim drei- und vierjährigen Mädchen aber (bei einer Dicke der 
Schleimhaut von 0*3 — 0*5) findet man die Drüsen mit sehr zartem 
Epithel ausgekleidet in Form kleiner rundlicher Buchten, die oft in 
Gruppen von dreien beisammen stehen und gemeinschaftlich aus- 
münden. 

Wenig anders verhält es sich in den folgenden Jahren. Erst 
etwa nach dem 10. Jahre, wo mit der nun rascheren Entwicklung 
des Uterus, der auch in seiner Gestalt immer mehr dem jungfräu- 
lichen sich nähert, die Schleimhaut einr Dicke von 0*7 — 0-8 Mm. 
erreicht, sehen wir die Drüsen reichlicher entwickelt, als gerade 
Schläuche von 0025 Mm. Querdurchmesser, und tiefer als früher, 
ja manche bis an die Muskellager reichend. 

Bei zwölf- und dreizehnjährigen Mädchen (selbstverständlich auf 
unser Glima bezogen) ist diess noch in bedeutenderem Masse der 
Fall. Die Schleimhaut, noch nicht mehr als 0-7— 0*8Mm. hoch, hat 
schon Drüsen, die am unteren Ende leicht umgebogen und gewun- 
den sind, während die oberen Partien noch immer gestreckt er- 
scheinen. 

Die grosse Racenverschiedenheit der Bewohner Wiens und der 
Umstand, dass manche der untersuchten Uteri von an Tuberculose, 
Caries, Coxitis etc. verstorbenen Mädchen herrührten, wo also die 
Krankheit einen hemmenden Einfluss auf die Entwicklung gehabt ha- 
ben konnte, lassen übrigens keine allgemein giltigen Angaben über 
die zeitlichen Verhältnisse zu. 

Ich kann daher nur sagen, dass die Entwicklung der Drüsen 
durch Hereinwachsen des Oberflächenepithels in Form von Schläuchen 



Ufltersuchungen fiber die Uterusschleimhaut. 139 

während der ersten Lebensjahre beginnt, langsam bis gegen die Pu- 
bertät vorschreitet, um sich unmittelbar vor dieser rascher zu voll- 
enden. 

lieber die, klimakterischen Jahre hinaus beginnt die Atrophie 
der Schleimhaut. Ihr Grundgewebe wird dichter, faseriger, gleichmäs- 
siger, die Zellen kleiner, starrer, die Drusen verengern sich, schwin- 
den zum Theil vollkommen oder werden zu kleinen Cystchen umge- 
wandelt. Indem sich einzelne über die Oberfläche vorwölben, lassen 
sie die im Allgemeinen nun dünnere, glattere und derbere Schleim- 
haut wie mit feinsten Thauperlen besetzt erscheinen. . 

Die Vternsschleimhaut während und nach der Menstruation. 

Gleichzeitig mit dem Befunde von frisch geplatzten oder schon 
ein gelbes Körperchen enthaltenden Follikeln, von Schwellung und 
grossem Blutreichthum des Uterus und seiner Adnexa findet man 
dessen Schleimhaut (auch bei vollkommen intactem Hymen) in einem 
wesentlich anderen Zustande als den geschilderten. 

Sie ist geschwellt, 3—6 Mm. dick, stark gelockert, fast zer- 
fliessend weich, gewulstet, mit wcisslichem, getrübten, oft blutigem 
Schleim bedeckt, an einzelnen Stellen fein injicirt, in manchen Fäl- 
len — wie bei plötzlichem Tode, wo dieser nicht durch Verblutung 
erfolgte — gleichmässig stark geröthet. Bei diesem Zustande ist 
deutlicher als im normalen die stärkere Entwicklung in der Mitte der 
vorderen und hinteren Wand und des Fundus, die Abnahme der 
Dicke aber gegen Tuben, Seitenränder und Cervix ersichtlich. Nun 
treten auch, besonders an in doppeltchromsaurem Kali aufbewahrten 
Präparaten, nach Entfernung des Schleimes die Mündungen der Drü- 
sen, anscheinend etwas erweitert, deutlich hervor. 

Ebenso deutlich sieht man auf Querschnitten selbst frischer 
Präparate die Drüsen ihrer ganzen Länge nach als weissliche Stri- 
chelchen markirt. 

Die mikroskopischen Veränderungen, die diesem Bilde entspre- 
chen, sind folgende: 

Das Stroma erscheint namentlich in der oberen Hälfte und vor 
allem in dem obersten Drittel zellenreicher und gelockerter, dabei über- 
wallt dasselbe die Drüsenmündungen, so dass trichterartige Grübchen 



r }nrt 



14Ü K«,Mlr.l. 

entstohen was eben makroskopisch die Mündungen so deutlich er 
scheinen lässt Der Zelleiireichthum ist bedingt dnrch ein vermehr- 
tes Auftreten von Rniid^cllen ausserdem sind die Zellen jeder For- 
Fig % mation und selbst die der Drusen rer 

gr5SKert 

Aber die Schwellung wie die Ver 

1 ( mehmng von Rundzellen betrifft vor 

i\ allem nur die oberen Schichten die 

unteren beth eiligen sich weniger 

daran und um den Dmsenfandus er 

scheint das Gewebe normal 

Dabei sind die Drusen mit äds- 
nahme des Fundus bis anf das Dop 
pelte, ja bis anf das Vierfache erwei- 
tert, doch erscheinen sie an den Unn- 
dungen und in der nächsten Nähe 
derselben oft von normaler Weite, ja 
zuweilen sogar verengt. 

Ueberdies haben sie , wie die 
Schnittpräparate ergeben, eine die 
Dicke der Schleimhaut übertreffende 
Verlängerung erfahren , die durch 
leichtere Ausbeugungen in der ober- 
sten Schichte, durch ziemlich scharfe 
Schlängelungen in den tieferen Schich- 
ten der Dicke der Schleimhaat acco- 
modirt wird. 

Man sieht daher an Querschnit- 
ten in den Mittelschichten runde und 
^"rtMTunBfraXlIermrnBtruei- unregelmässige Lücken über einander 
len Uterus. Buchatnben und Var- gelagert und nur durch schmale Zun- 
gr saerung «is in ig. . ^^^ ^^^ Grundgewebe von einander 

getrennt (Fig. 2 0. D.). — Dabei sind auch die BIntgefilsse erwei- 
tert und namentlich an den schon makroskopisch durch ihre ROthung 
aafFallenden Stellen mit Blut erfüllt. 

Eine Neubildung von Blutgefässen konnte ich nicht beobachten, 
wnhl aber an den Zellen des Grundgewebes, sowie an den Drüsen- 
xellen Bilder wahrnehmen, die von den bekannten, an anderen Orten 




ßurchtrhnitt darch die Schleii 



Untersuchungen Ober die Utenisscbleimhaut. 141 

nnd bei anderen Verhältnissen anfßndbaren Theilungserscbeinungen 
nicht differiren. 

Dass diese geschilderten Veränderungen dem Zustande der Men- 
struation angehören , kann nicht bezweifelt werden , da man sie mit 
den doch nun allgemein anerkannten Zeichen der Ausstossung von 
Eiern, den gelben Körperchen, bei intacten Jungfrauen findet; doch 
ist immerhin damit noch nicht die nähere zeitliche Beziehung dieser 
Veränderung der Uterusschleimhaut zur Ausstossung des Eies und 
zur menstruellen Blutung fixirt. 

A priori kann es nicht ausgeschlossen werden, dass diese ge- 
schilderten menstruellen Veränderungen der Schleimhaut so rasch 
wie die menstruellen Blutungen (Periode) beginnen und schwinden. 
Die anatomischen Erfahrungen stehen aber mit einer solchen Annahme 
nicht im Einklang. 

Bei zwei Mädchen, die einige Tage vor der ^^Periode« plötzlich 
gestorben (wie viel Tage vorher, konnte leider nicht bestimmt ange- 
geben werden), sowie bei anderen, über deren Menstruation nichts 
bekannt wurde, wo aber noch keine frisch geborstenen Follikel zu 
sehen waren, fand sich doch die Schleimhaut schon in Schwellung und 
Auflockerung (2V2— 3 Mm.). In anderen Fällen, wo angeblich die 
Blutungen schon einige Tage vor dem Tode vorüber waren, und auch 
gut ausgebildete gelbe Körperchen sich fanden, ergab sich der gleiche 
Befund von grösserer oder geringerer Schwellung, die aber nicht 
jenen hohen Grad zeigte, der mit den Zeichen der bestehenden Blu- 
tung einhergeht. 

Es lässt sich daher vermuthen, dass die Uterusschleimhaut in 
langsamer Weise vor der Zeit der Periode anschwillt, zur Zeit der 
Periode den höchsten Grad der Schwellung erreicht und dann wieder 
langsam abschwillt. Ausserdem scheint der Umstand, dass man ganz 
normale Uterusschleimhäute selten findet, dafür zu sprechen, dass 
der Zeitraum des Euhezustandes kürzer sei, als bisher angenom- 
men wurde. 

Zur Zeit der Blutung und nachher bis zur Rückkehr des Nor- 
malzustandes sind die Zellen stark getrübt, mit Fettkörnchen ver- 
sehen, ohne dass aber eine Fettdegeneration im grösseren Umfange 
um sich greift. Diese betrifft; nicht blos die Zellen des Interglandu- 
largewebes, sondern auch die Gefässe und die Epithelien der Drüsen 
und der Oberfläche. In dem weisslichen, mehr oder minder mit Blut 



142 Kundrat. 

gemengten Schleim der üteruehöhle findet man zahlreiche (abgestos- 
sene) Epithelien. 

Dass diese Veränderungen mit der Blutung eintreten und auch 
nach dieser fortdauern, ist gewiss. Es fragt sich nur, in welchem 
Verhältniss sie zur menstruellen Blutung stehen. Darüber nun geben 
die anatomischen Befunde keinen Aufschluss. 

Meine Meinung aber geht dahin, dass diese Veränderungen in 
den Zellen unabhängig von der Blutung sich entwickeln , ja dass 
sie es sind, welche die Blutung herbeiführen. Die Gründe dafür sind: 

1. Sehen wir, dass es trotz eines viel grösseren Blutreichthums 
der Schleimhaut des befruchteten Uterus doch zu keiner Blutung 
kommt, somit wohl nicht eine grössere Hyperämie allein die 
Blutung herbeiführen kann. 

2. Gibt es noch andere physiologische Veränderungen der üterus- 
schleimhaut, wo fettiger Zerfall der Gewebselemente stattfindet, 
d. i. im schwangeren Uterus am Ende der Gravidität, aber auch 
oft vor dieser Zeit, mit welchem es zur Blutung und Ausstos- 
sung des Eies kommt. 

3. Findet man im menstruellen Uterus während der Blutung nie- 
mals Blutextravasate i n der Schleimhaut; die Blutung ist ober- 
flächlich und auch die Fettentwicklung ist in den obersten 
Schichten am ausgesprochensten. 

So scheint es mir, dass diese Veränderungen der Elemente, 
Trübung und Zerfall derselben nach einem bestimmten Maass der 
menstruellen Schwellung (vielleicht, da ja keine Gefassneubildüng zu 
finden ist, wegen ungenügender Ernährung) sich entwickelt und zur 
Zerreissung von Gefässen und zur Blutung führt. Dass bei diesen 
Vorgängen ein grosser Theil nicht blos des Drüsenepithels, sondern 
auch des Oberflächenepithels zu Grunde geht und abgestossen wird, 
versteht sich von selbst. Doch wage ich es nicht, den Angaben, 
dass das gesammte Oberflächenepithel verloren geht, beizustimmen. 
Bis zum Eintritt der retrograden Metamorphose ist das Oberflächen- 
epithel sicher erhalten. 

Was nun die andere Frage anbelangt, in welcher zei^ 
Ziehung die menstruelle Blutung zur Ausstossung des Eir 
Follikel steht, so hängt die«e m' 3rörterten 



1 



Unlersuchungen Ober die Uterusschleimhaut. 148 

Am meisten ist die Ansicht verbreitet, dass die Blutung gleich- 
zeitig mit der Ausstossung des Eies vor sich gehe, dass eben der 
während der Menstruation sich steigernde Blutreichthum der Ge- 
schlechtstheile zu gleicher Zeit das Platzen des Follikels und die 
Blutung hervorrufe. Und so schwer es auch wird sich vorzustellen, 
dass bei blutender und theilweise zerstörter Schleimhaut Befruch- 
tung und Fixation des Eies stattfinde, so glaubte man dennoch, dass 
das Ei, welches in Rücksicht auf eine bestehende Schwangerschaft 
bei der letzten durch die Blutung bestimmten Menstruation ausge- 
stossen wurde, auch befruchtet worden ist. 

Erst in jüngster Zeit hat Löwenhorst (Archiv f. Gynäkolog.) 
die Ansicht aufgestellt und von seinem klinisch -praktischen Stand- 
punkt erwiesen, dass das Ei, welches befruchtet wird, nicht der 
letzten der Schwangerschaft vorausgegangenen Menstruation ange- 
hört, sondern der folgenden , bei der es nicht mehr zur Blutung 
kommt. 

Für diese Ansicht scheint mir nun auch vom anatomischen 
Standpunkte aus Folgendes zu sprechen : Aus der Vergleichung der 
Veränderung der Schleimhaut vor der menstruellen Blutung mit der 
eines Uterus, wo ein Ei in der ersten Zeit der Entwicklung gefun- 
den wird, ergibt sich, dass kein qualitativer, sondern nur ein ' quan- 
titativer Unterschied zwischen beiden existirt. Das lässt nun an die 
Möglichkeit denken, dass wir in der Wucherung und Schwellung der 
Schleimhaut während der Menstruation nur eine Vorbereitung für 
eine möglicherweise stattfindende Conception zu sehen haben. Wäh- 
rend der Blutung und nach ihr treffen wir aber die Schleimhaut 
schon in einer retrograden Metamorphose. Da noch anzunehmen, dass 
trotz dieser eine Conception stattfindet und die schon in der Bück- 
bildung begriffene Schleimhaut zur' neuen Wucherung angeregt werde, 
ist weniger plausibel. 

Es liegt uns jedenfalls näher anzunehmen, dass die Ausstossung 
des Eies aus dem Follikel vor der Blutung erfolge und dass in den 
Fällen, in welchen die zur Befruchtung nöthigen Bedingungen vor- 
handen sind, es gar nicht mehr zur Blutung kommt. Wir könnten 
ann in den menstruellen Veränderungen der üterusschleimhaut eine 
bereitung dieser für die Aufnahme des befruchteten Eies sehen, 
"^ch diese Schwellung vor Eintritt der Blutung nicht auch der 
^ -- 'befruchteten Eies günstig sein kann, so dass eine 



144 Kund rat. 

Befruchtung noch vor Eintritt der Blutung ermöglicht wird, lasse ich 
dahin gestellt sein. 

Dieses für die Fixation des Eies günstige Verhältniss dürfte 
namentlich für jene Fälle in Betracht zu ziehen sein, wo in Folge 
vorausgegangener Geburten oder pathologischer Processe ein erweiter- 
tes üteruscavum existirt, und die Schwellung und Volumszunahme 
der Schleimhaut ein Zurückhalten des Eies jedenfalls begünstigt. 
Unter normalen Verhältnissen ist dies Moment allerdings vielleicht 
von geringerer Tragweite, da ja im normalen Zustande die Schleim- 
hautflächen sich fast berühren. Ja Bischoff nimmt als eine der 
Ursachen des Nichtconcipirens mancher Frauen eben die Erweiterung 
der üteruswand und eine mangelhafte Entwicklung der Uterusschleim- 
haut bei der Menstruation an. 

Unter den vielfachen Modificationen, die individuell und zeitlich 
bei der Menstrualveränderung der Uterusschleimhaut vorkommen, hat 
wohl keine so sehr das Interesse in Anspruch genommen, wie die 
Dysmenorrhoea membranacea. Der Abgang von ganzen und grossen 
Gewebsfetzen bei der Menstruation, der nicht allein bei Frauen, sondern 
auch bei jungfräulichen Mädchen vorkommt, zeigt klarer als unter 
normalen Verhältnissen, wie tiefgreifend die retrograde Metamorphose 
nach der Menstruation ist. Indem es hier nicht blos zu einem all- 
mäligen Zerfall der Elemente unter gleichzeitiger rascher Eesorption 
kommt, sondern ganze Partien der obersten Schichte der geschwell- 
ten Schleimhaut als Decidua menstrualis losgelöst und abgestossen 
werden. 

In zwei Fällen, die mir vorliegen und wo in dem einen der 
Gewebsfetzen in der Vagina, in dem andern im Cervicalkanal stak, 
liess sich die Uebereinstimmung mit der obersten gewucherten Schleim- 
hautschichte nachweisen, während gleichzeitig der jungfräuliche Zu- 
stand des Introitus vaginae eine Gonception ausschloss. 

Der Vergleich der Dicke des abgegangenen Stückes mit dem 
Best der Schleimhaut an der Uteruswand lässt aber in beiden Fäl- 
len eine besonders mächtige Entwicklung der ersteren erkennen. Den 
Grad der retrograden Metamorphose aus der Beschaffenheit der 
Membran zu beurtheilen, geht wohl bei der Unmöglichkeit, die Grösse 
der postmortalen Veränderungen zu bestimmen, ferner wegen der 
Blutextra vasate in ihr nicht an. 



Untersuchungen über die Uterusschleimhaut. 145 



Die TJterusschleiiuhaüt während der Schwangerschaft. 

Wir haben aus dem Früheren ersehen, in welchen Zustand die 
Schleimhaut versetzt wurde um die Zeit als ein Ei, befruchtet oder 
unbefruchtet, seinen Weg durch die Tuba macht. Alle meine Unter- 
suchungen menstrueller Uteri ergaben, dass die Tubenmündungen 
vollkommen frei sind, ebenso wie das Orificium int. uteri, d. h. dass 
es an ihnen nicht, wie man früher annahm, zu einer Verwachsung 
der Schleimhaut kommt. Damit fallt also die alte, nun auch wohl 
ohnehin schon grösstentheils aufgegebene Anschauung der Einstül- 
pung der Uterusschleimhaut durch das aus der Tuba eindringende 
Ei und auch die darauf gegründete Entstehungsweise der Decidua 
reflexa. 

Die Ostien sind aber nicht nur- zur Zeit der Einwanderung 
durchgängig, sie bleiben es während der ganzen Schwangerschaft, 
soferne man von der Verlegung derselben durch das herangewach- 
sene Ei absieht und von jenen Fällen, wo das Ei sich unmittelbar 
an dem Ostium einer Tuba oder am Orificium festsetzt. 

Das in den Uterus gelangte Ei wird wegen der vollständigen 
Ausfüllung des Uteruscavums durch die gewucherte Schleimhaut zu- 
nächst in dem obersten Antheil desselben angehalten und hier zwi- 
schen den Wülsten eingebettet, wie das schon aus dem überaus 
häufigsten Sitze der Placenta am Fundus nächst ein oder der andern 
Tuba hervorgeht. Das häufigere Vorkommen von Placenta praevia bei 
Mehrgebärenden , zusammengehalten mit jenem früher erwähnten 
Factum, dass man bei solchen Frauen öfter eine schlechter entwik- 
kelte Schleimhaut als bei Jungfrauen und überdies auch oft das 
Uteruscavum erweitert findet, zeigt, wie wichtig schon durch dieses 
mechanische Moment die Menstrual - Schwellung der Uterusschleim- 
haut wird. 

Von der Zeit als ein Ei in den Uterus gelangt ist und in Folge 
der Befruchtung sich entwickelt, ändert sich das einheitliche Verhal- 
ten der Uterusschleimhaut bei der weiteren Entwicklung, so dass 
man nicht mehr von der Uterusschleimhaut im Allgemeinen sprechen 
kann. Es wird jetzt nöthig, drei Theile derselben zu unterscheiden, 
wie sie sich schon in ihrer Lage zum Ei darstellen: 



146 Kundral. 

1. Die Schleimhaut, so weit sie die Wand auskleidet — bis auf 
jene Stelle, wo das Ei aufliegt — Decidua vera. 

2. Jener Theil derselben, wo das Ei aufliegt und die in der wei- 
teren Entwicklung dann als Decidua serotina gekannt ist, und 

3. derjenige Theil, der das Ei umwallt und einschliesst — Deci- 
dua reflexa. 

Die grosse Verschiedenheit, welche diese Gebilde im Verlaufe der 
Schwangerschaft in sich und in ihrem Zusammenhang unter einander 
und mit den fötalen Eihüllen zeigen, lässt überdies eine Besprechung 
derselben, wenn auch nicht nach den einzelnen Monaten, doch nach 
Epochen gesondert, förderlich erscheinen. 

Im 1. Monat. 

Der Untersuchung der mutterlichen Eihüllen dieser Zeit lagen 
vor allem jene Uteri zu Gmnde, die wir der Freundlichkeit des Hm. 
Prof. Eeichcrt verdanken. Es waren dies 3 Uteri mit Eiern aus 
der 2. und 3. Woche; ausserdem 2 Fälle dem Wiener Material ent- 
nommen, in welchen erwiesenermassen 2—3 Wochen vor dem Tode 
Conception stattgefunden hatte, die Eier aber abgegangen waren. 
Erstere sind Spirituspräparate, letztere kamen frisch zur Untersuchung. 
Ausserdem verfügte ich noch über ein Ei von Taubeneigrösse, das 
fast mit der ganzen Schleimhaut der hinteren Wand und des Fun- 
dus uteri ausgestossen wurde, in welchem aber der Embryo zu Grunde 
gegangen war. Auf diese Fälle nun bezieht sich die folgende Schil- 
derung, bei welcher ich übrigens nur einen Uterus ins Auge fasse. 
Ich fand den Uterus vergrössert, am Fundus und den Flächen mehr 
gerundet, strotzend, blutreich, die Wände bis auf lV2Ctm. verdickt, 
seinen Körper 5 — 8 Ctm., seinen Cervix 3 — 3*5 Ctm. lang; auch 
dieser erschien in seinen Wandungen etwas dicker, dessen Kanal 
war schon durch einen glasig aussehenden, zähen Schleimpfropf ver- 
legt und die Falten der Palmae plicatae anscheinend nicht mehr so 
scharf ausgeprägt, wie in der Norm. 

In der erweiterten Uterushöhle fand sich die Schleimhaut bis 
1 Ctm. hoch, stark geröthet, fein injicirt, sehr gelockert, stärker ge- 
wulstet als bei der Menstruation, so dass 2— 3 Mm. breite und über 
1 Mm. hohe Falten sichtbar waren; dabei hatte ihre Oberfläche ein 
siebförmiges , durchlöchertes Aussehen. Gegen ein Tubarostium zu 



Untersuchungen über die Uterusschleimhaut. 147 

sass eine Barschen- bis Taubeneigrosse Prominenz von rundlicher, 
meist etwas ellipsoider Form, die mit V3 ihrer Peripherie oder auch 
mehr noch das Niveau der Schleimhaut überragte, üeber dieser Pro- 
minenz änderte aber die Schleimhaut ihren Charakter, sie war fast 
ganz glatt, dichter und zeigte nur gegen die Basis zu sehr deutliche, 
aber meist verzogene Drüsenmüudungen. Beim Einschneiden dieser 
Prominenz ergab es sich, dass sie ein entsprechend grosses Ei in 
sich barg, dessen Chorion mit gleichmässig im ganzen Umfang ent- 
wickelten feinen Zotten besetzt war. Löste man das Chorion von 
den Wänden des Säckchens ab, was durch den leichtesten Zug zu 
bewerkstelligen war (und übrigens bei einer nicht sehr schonenden 
Behandlung von selbst geschieht), so sah man unter dem Ei ein 
tellerförmiges Grübchen, so dass die Schleimhaut daselbst um 1 bis 
IV2 Mm. weniger dick erschien als die der übrigen Wand, sonst 
aber auf dem Querschnitte das gleiche Aussehen bot. In der Vogel- 
perspective verliehen ihr tiefere und seichtere, schmale und breite 
Eindrücke ein rauhes, unebenes Ansehen und waren ihre Drüsen- 
öffnungen minder deutlich. 

An der Grenze des Grübchens ging die Schleimhaut durch 
einen bis 2 Mm. dicken Wall in die Decke des Eies über, die sich 
rasch gegen den freien Pol desselben verdünnte. Es sei noch weiter 
bemerkt, dass die Schwellung der Schleimhaut etwa 05 Ctm. über 
dem Cervix unter Bildung eines überhängenden Saumes plötzlich 
abnahm. 

Diesem makroskopischen Bilde entsprechend ergab sich mikro- 
skopisch folgende Veränderung. 

Was zunächst die Uterusschleimhaut an den Theilen anbelangt, 
wo das Ei nicht aufsitzt — von nun an Decidua vera bezeichnet — 
so findet man dieselben Veränderungen wie bei der Menstruation, 
nur im höheren Grade. Die Wucherung des Interglandulargewebes 
hat namentlich in seinen oberen zwei Dritteln noch mehr zugenom- 
men. Manche der Zellen sind noch grösser und an ihren Kernen 
viele Theilungsbilder sichtbar. Gegen die Oberfläche zu zeigen die 
Zellen einen Charakter, der sie den Zellen des jungen Bindegewe- 
bes gleichstellt; sie sind rundlich oder spindelförmig, oder durch 
Fortsätze jeder Art vielgestaltig; ihr Leib ist feingekörnt, ihre Kerne 
grobkörnig, von ovaler oder mehr rundlicher Gestalt. 



148 Ki.n.lr.L. 

Das feinfibriUftro Gewebe tritt gegen den nngeheuren Zellen* 
reichthum, der nuu tiefer bis an den DrÜBenfnndns herabreicht, ganz 
zurück und scheint nicht vermehrt, sondern auseinander gewichen 
zu Bein. Nnr in dea äusseren L^en ~ riDgsnm die Btrokend mit 
Blut erfüllten Qiid erweiterten Qef&Bse und die Drüsen, ist die Locke- 
rung des Gewebes geringer. Durch die Verbreiterung des Interglan- 

Fig. 3. 




Durchschnitt aus der Decidua Ters. Bachstaben und VeTgrSEEeTung 
wie frflher. 

dulargewebes in den obersten Schiülit«n liegen auch die Drüsenmün- 
dungen weiter auseinander und sind manche derselben verengt. Durch 
die Bildung von trichterartigen Grübchen in Folge der Ueberwallung 
des ZwiEchengewebes erscheinen sie aber nichtsdestoweniger deut- 
lich. Im weiteren Verlauf bis zu dem fast noi'malen Fundus herab 
sind aber die Drüsen namentlich in einer den mittleren zwei Urit- 



Untersachungen Aber die Utenisschleimhaut. 149 

teln entsprechetiden Schichte stark gjBwunden und erweitert, so dass 
sie daselbst Durchmesser von 0-15— 0*25 erreichen. 

Der Fundus einzelner Drusen reicht vielleicht nur durch die 
Yolumszunahme der Muskelbündel tiefer zwischen diese in das gleich- 
falls gelockerte, mit einzelnen Bundzellen infiltrirte Zwischenbindegewebe 
hinein. Dabei sind die Epithelion der Drüsen höher, breiter und 
zeigen Theilungsbilder; jene der obersten Schichten sind zuweilen 
weniger hoch, dafür aber breiter, ja oft wie abgeplattet, sehr un- 
regelmässig und oft von den Wänden abgelöst. Nur die Zellen des 
Fundus sehen nahezu normal aus. Die Oberfläche der Schleimhaut 
ist nicht nackt, sondern wie sonst von einem einfachen flimmernden 
Cylinderepithel bedeckt. 

Es hat somit in der Decidua vera der ersten Wochen eine wei- 
tere Entwicklung der Schleimhaut überhaupt und namentlich des In- 
terglandulargewebes der oberen Schichten, ferner eine Verlängerung 
und Erweiterung der Drüsen stattgefunden. 

An jener Stelle, wo das Ei der Uteruswand aufsitzt, sehen wir 
an dem graviden Uterus der frühesten Zeit die Schleimhaut in der 
gleichen Weise entwickelt, wie in ihrer übrigen Ausbreitung. Es ist 
also jene Schleimhaut, die man später hier unter der Placenta fin- 
det, die Decidua serotina, keine neugebildete. Sie bietet aber immer- 
hin , wenn sie auch in ihrer Zusammensetzung der übrigen gleich 
ist, ein anderes Verhalten als diese. Zunächst zeigt sie die tellerför- 
mige Vertiefung und geringere Dicke. Dass das Ei nicht in eine 
Drüsenmündung sich einsenke, ist schon längst aus dem Missverhält- 
niss der Durchmesser als unrichtig erwiesen. Man nimmt ja allge- 
mein an, dass sich das Ei zwischen den Wülsten der Schleimhaut 
festsetzt. Ich muss mich dieser Annahme anschliessen, und auch 
derjenigen, welche aussagt, dass wenn eine Befruchtung stattfindet, 
das Ei sich vergrössert und einerseits durch seine Volumszunahme, 
andererseits durch den Widerstand an der entgegengesetzten Wand 
in die weiche Schleimhaut tiefer eindrückt; die Wülste über das 
Ei hinübergreifen, sich über demselben schliessen und über ihm eine 
Decke, die Beflexa, bilden. Dass diese Anschauung, welche man nach 
dem Sturze der Einstülpungstheorie, und nachdem auch die Ansicht, 
dass das Ei in die Drüsen sich einsenke, gefallen war, aufstellte, — 
richtig ist, ergibt das Verhalten jener Theile, die oben als Beflexa 
und Decidua serotina bezeichnet wurden. 



150 Kundr.l. 

Eb ist schon bei der makroskopischen Beschreibung der Eihdl- 
len, der Dräsenuiündniigen an der sonst ziemlich glatten Ansseneeite 
der ReSeia Erwähnung gethan ; deutlich und zahlreich sind diese 
aber nnr an dem Uebergange der Geflexa auf die Vera, nnd das 
nicht allein auf der ÄnsBenfläche, sondern auf der dem Ei zugewen- 
deten, etwas rauheren Innenfläche. An mikroskopischen Präparaten 
Fig. 4. 




Darchscbnitt dnich die mütteTlichsn Eihüllen im 1. SchwangerBchaftsnio- 

iwt. VergrOiseinng etwa lOfacb. üt. BeQeis, D. v. Decidaa vera, 

D. a. Decidna seiotina. 

kann man sich nicht allein davon überzeugen, dass diese verzogenen, 
spalt form igen Lücken Drüsenmöndungen sind, sondern man siebt 
auch, dasE die Drüsen, die diesen Mündungen entsprechen, nicht qner 
sondern der Länge nach durch die Beflexa in die Tiefe der Schleim- 
haut, von weicher sich diese erhebt, vorlaufen. Aber auch höher 
hinauf, wo man makroskopisch keine Drüsenmündnngen sieht, in dem 



Untersuchungen Ober die Uterusschleimhaut. 151 

Über den Pol des Eies sich verdünnenden Antheil der Reflexa sieht 
mau mikroskopisch noch mit Epithel ausgekleidete ^ aber sehr ver- 
engte Kanäle. Aus dem Umstände allein, dass die Drusen an beiden 
Flächen der Beflexa münden und der Länge nach in ihr verlaufen, 
kann man die Bichtigkeit jener Ansicht über die Entstehung dieser 
Eihülle aus Wülsten der Schleimhaut, die mit ihren Kämmen ver- 
wachsen, erkennen. Wie und wann die Verwachsung der Kämme statt 
hat, zeigten die mir zu Gebote stehenden Uteri nicht. An allen bil- 
dete die Beflexa schon eine Membran, die keine Spur der früheren 
Trennung zeigte. Dass sich an den Drüsen der Beflexa ein mehr oder 
weniger gut erhaltenes Epithel vorfand, ist schon erwähnt worden. 
Im übrigen besteht die Beflexa aus demselben an grossen Zollen 
reichen Gewebe, wie die oberste Schichte der Vera. 

Ein weiterer Beweis für die angedeutete Entstehungsweise der 
Beflexa liegt in dem Verhalten der Serotina. Zunächst in der Aus- 
bildung der letzteren, welche zu Anfang der Gonception mit der der 
Vera gleichen Schritt hält, ihr dann aber in einer stärkeren Ent- 
wicklung des Inteiglandulargewebes der obersten Schichte etwas vor- 
eilt; ferner in dem Verhalten, dass die Drüsen wie an der Vera 
münden, nur dass sie verzogen erscheinen. 

Doch zeigt die Serotina an ihrer Oberfläche eine Verschieden- 
heit; sie ist nicht glatt wie die Vera, sondern uneben. Dass diese Un- 
ebenheit nicht durch das Haftenbleiben von Zotten des Chorions 
bewirkt ist, kann man schon mit der Lupe, ja mit freiem Auge gut 
erkennen. An mikroskopischen Schnitten sieht man aber mit Sicher- 
heit, dass die Unebenheiten spitz zulaufende, verschieden hohe Hervor- 
ragungen des Gewebes der Serotina sind, die wieder grubige Eindrücke 
zeigen. Eben solche seichte Grübchen finden sich auch an der Innen- 
fläche der Beflexa, die nicht so glatt wie die Aussenfläche erscheint. 

Zur Entscheidung der Frage über den Zusammenhang des Cho- 
rions mit Serotina und Beflexa stand mir leider kein gravider Uterus 
aus dem 1. Monate, sondern nur einer aus dem 2. Monate zur Ver- 
fügung. Dieser Uterus gehörte einer Frau an, die durch Verschüttung 
bei einer Erdgrabung an Zerreissung innerer Organe plötzlich ge- 
storben, ganz frisch und gut erhalten zur Untersuchung kam. 

Ich fand hier den Zusammenhang des Chorions mit den mütter- 
lichen Eihüllen sehr lose. Ein leiser Zug genügte, um die Chorionzotteii 
fast vollständig abzulösen, nur hie und da blieb ein Zöttchen hängen. 

Med. Jahrbücher. 1h73. U. 1 1 



152 Kiinürat. 

An Scbnittpräparaten sah man aber, dass der Zusammenhang ein 
doppelter ist. Einerseits waren die Zotten in den Grruben der Sero- 
tina, sowie an den Seiten ihrer Hervorragangen durch eine Binde- 
masse, die aus Schleim nnd abgestossenen Epithelien besteht, ange- 
klebt. (Eine zusammenhängende Decke normaler Epithelien war 
nirgends mehr vorhanden.) Andererseits hatten sich aber einzelne der 
Zöttchen schon in das Gewebe der Serotina selbst eingegraben, oder 
waren vielmehr von dieser umwuchert. Diese waren es auch, die beim 
Loslösen des Chorions an der Serotina haften blieben. Nur selten 
drangen die Zotten etwas tiefer in die offenen Mündungen der meist 
in schiefer Richtung die oberste Schleimhautschichte durchsetzenden 
Drüsen. Es besteht also jenes Verhältniss, wie es von den Autoren 
für Säugethiere und auch für den Menschen angenommen wurde, 
dass nämlich die Zotten tiefer in die Drüsen eindringen, in der That 
nicht. Der gleiche Zusammenhang mit dem Chorion, nur dass noch 
spärlichere Zöttchen im Gewebe eingegraben sind, besteht auch für 
die Beflexa. 

Da das Epithel zu dieser Entwicklungsperiode nur schwer zu 
erhalten ist, so lässt sich über das Fehlen desselben keine bestimmte 
Aussage machen. Wohl aber können wir angeben, dass wir an der 
D. Vera noch Oberflächenepithel gefunden haben. 

Was nun die Gefässe der Schleimhaut in diesen 3 Abschnitten 
anlangt, so sind sie, wie das makroskopische Bild schon ergibt, er- 
weitert, verlängert und reichen, wie in der normalen Schleimhaut, 
bis hart an die Oberfläche und in der Serotina selbst bis in ihre 
Hervorragungen. In der letzteren sahen wir übrigens Gefässe, welche 
durch ihre noch nicht gleichmässigen Lumina und ihre Sprossen an 
eine Neubildung denken Hessen. Auch die Eeflexa besitzt noch um 
diese Zeit Gefässe, die mit den Drüsen verlaufen. 

Im 2. und 3. Monat. 

Für diese Zeit lag uns ausser dem schon erwähnten Uterus 
aus dem 2. Schwangerschaftsmonate, der aber in einem einfachen 
Reflexasacke 2 Eier, jedes mit eigenem Chorion enthielt, ein Uterus 
vom Ende des 3. Monats vor. 

In beiden hatte bei der entsprechenden Vergrössorung des Ute- 
rus, und zwar sowohl Dickenzunahme seiner Wände als auch Erwei- 



Untersuchungen Über die Uterusschleimhaut. 153 

terung seines Cayurns^ das Ei noch keine solche Grösse, dass das- 
selbe die üterushöhle vollkommen erfüllte. In beiden fand sich — 
bei normalem Sitze des Eies an der hinteren Wand und etwas am 
Fundus — nach unten zu ein freier Eaum, der mit einer etwas trü- 
ben, schleimigen Flüssigkeit ausgefüllt war. Die Decidua vera war 
wieder gewulstet, gefaltet, ihre Oberfläche siebförmig und soweit das 
Ei den Wänden anlag, bis 4 Mm., wo sie frei war, bis 6 Mm. und 
darüber dick. Die Reflexa, die nur theil weise der Vera anlag, war 
gegen die ümschlagsstelle 2 Mm., sonst bis 1 Mm. dick, an ihrer 
Aussenfläche und beim Smonatlichen Eie auch an ihrer Innenfläche 
ziemlich glatt. Bei dem letzteren Eie waren nur an der Umschlags- 
steDe der Keflexa verzogene Drüsenmündungen und haftete sie schon 
fester an dem Chorion, dem der Amniossack vollkommen anlag, aber 
von ihm noch leicht trennbar war. 

Die Serotina war im 3. Monate an ihrer Oberfläche rauher, zot- 
tiger als im 2. und mit den Chorionzotten schon fester verwachsen, 
die nun nicht blos länger, sondern auch dichter verzweigt waren. 
In der übrigen Ausdehnung des Chorions, wo sich keine Placenta 
entwickelt, also in jenem Theil, der auch als Chorion laeve benannt wurde, 
sind die Chorionzotten spärlicher und zwar scheint dies in einem 
mit der Vergrösserung des Eies einhergehenden Auseinanderrücken 
begründet zu sein. 

In der Decidua vera machte sich eine bedeutende Vergrösserung 
der vielgestaltigen Zellen des Interglandulargewebes bemerklich, und 
war dieses in seinen oberen Schichten dichter, gleichmässiger, in 
seinen unteren Schichten fein porös und zarter. Durch die grosse 
Erweiterung der Drüsen in der unteren Schichte (0*25 — 0*30 Mm. 
Durchmesser) bis gegen den Fundus herab erlangen die Schnittprä- 
parate der Schleimhaut das Ansehen eines Maschenwerkes mit dik- 
keren Zwischenbalken (— 0*25) in den oberen, mit dünneren (0*05 
bis O'IO) in den unteren Schichten. Dabei sind die Drüsen häufig 
gegen die Mündungen, zu denen noch die trichterförmigen Grübchen 
führen, verengt, während ihre Fundusse, die beinahe parallel der 
Muskeloberfläche liegen, nicht erweitert sind. Die Epithelien sind 
zuweilen gut erhalten, zuweilen fehlen sie und findet man an ihrer 
Stelle eine aus feinen Körnchen bestehende Masse. Das Vorkommen 
von Blut in manchen Drüsenräumen scheint wohl nur eine krank- 

11* 




Dnrchschnitt darrh die Decidna ten aus 

dorn :), Monste. Vergraiserong 3&tach. 
DR Drüsen räume. 



hafte Erscheinung 7,a sein. 
Vom Flächen epithel war 
auf deinem der Schnitte 
mehr eine Spnr zn sehen ; 
ich konnte aber nicht 
ansschliessen , ob das 
nicht eine Folge der 
schlechtem Conservirnng 
der ganzen Leiche war. 

An der Serotina waren 
die Gewehefortsätze zwi- 
schen einzelne Zotten - 
b&schel, die wahrschein- 
lich schon denCotyledo- 
nen entsprechen, stärker 
entwickelt und tiefer in 
die oberste Schichte ein- 
gedrangen , respective 
mehr umwachsen. Die 
Bichtnng dieser Zotten 
war nnr selten znr Ober- 
fläche vertikal, häufiger 
hatten sie zu derselben 
nnr eine schiefe und aach 
parallele BichtDDg. Im- 
merhin aber waren noch 
TerhSltnissmässig wenig 
Zotten in dieser Weise 
fixirt; nndman sah auch 
hier, dass sie nicht tiefer 
in die Drfisen eindrangen, 
als bis in deren Mün- 
dnng. In den Drösen der 
Serotina, die sich in glei- 
cherweise verhielten wie 
die der Vera, fand man 
anch das Epithel znm 
Theil wohl erlialten, znm 



Dnlersuchungen Ober die Uterusschleimhaut 155 

Theil abgostossen nnd ausserdem feinköraige Massen ; ähnliche Mas- 
sen findet man auch zwischen den Chorionzotten. Auch in der Eeflexa 
waren die Zellen wie in der obersten Veraschichte des Interglandu- 
largewebes vergrössert, die Drüsen daselbst stark verengt, ja oft nur 
als schmale Spalten sichtbar und die Gefässe mit Ausnahme an der 
Umschlagsstelle in Verödung begriffen. 

Des innigen Zusammenhanges der Beflexa mit dem Ghorion ist 
schon gedacht worden. Während bei Anfertigung mikroskopischer 
Schnitte Chorion und Amnion leicht getrennt werden, haften Chorion 
und Beflexa fest aneinander, und zwar anscheinend dadurch, dass 
die beiden Membranen starker aneinander gepresst, die Chorion- 
zotten tiefer in die Reflexagewebe eingedrückt und von diesen um- 
schlossen werden. Die Verdünnung der Eeflexa lässt vermuthen, dass 
die Msisse des Eies schneller heranwachse als ihre eigene Masse. 
Ein Wachsthum aber auch dieser kann nicht in Abrede gestellt wer- 
den, wenn man ihre Grössenverhältnisse berücksichtigt. Auch lieferten 
die Beobachtung der Zellen sowie die Theilungsbilder der Kerne An- 
haltspunkte genug für eine solche Annahme. 

Vom 4. Monat bis zum Ende der Schwangerschaft. 

Der Untersuchung des Verhaltens der Uterusschleimhaut in die- 
ser Zeit lagen 9 Uteri zu Grunde, und zwar waren alle wohlefhalten 
zur UiTtersuchung gelangt. Davon waren 1 aus dem 4. Monate und 
je 2 aus den folgenden Monaten der Gravidität. r 

Ungefähr vom 4. Monate angefangen hat das Ei eine solche 
Grösse erreicht, dass es die Uterushöhle vollkommen ausfüllt. Es 
überflügelt in seiner Entwicklung gewissermassen den Uterus nicht 
nur, was die Zunahme der Höhle, sondern auch die Dickenzunahme 
der Wände betrifft, im Vergleich zu den ersten drei Monaten. Wäh- 
rend in diesen die Wände des Uterus nicht nur absolut, sondern auch 
relativ sehr bedeutend verdickt erscheinen, sind sie vom 4. Monate 
an nahezu so dünn wie normal; ja sie worden in den späteren Mona- 
ten noch dünner. 

Im 4. Monate lässt sich das Ei, soweit es nicht durch die Pia- 
centa an die Wand, resp. die Schleimhaut geheftet ist, frei aus der 
Uterushöhle heben. Die Eihülle dieses freien Antheils bildet eine 



fast ToUkomnien durchsichtige, farblose, dünne, an beiden Flächen 
glatte Hembran, die wieder ans drei Hanptlagem znsammen gesetzt 
ist, den beiden fötalen Eihällen, nämJicli dem AmDion and Chorioo, 
nnd der eigenüichen mütterlichen EihüUe, der Beflexa. 



Fig, 6. 



Chi mi^ 




Darchschnitt durch die gesammten Eihiillen, 35fBCh TergrOssert. A AmnioE, 

Ch ChorioD, Cht Chorionzotten, R Refleis, DV Dacidn» rer«, DR Drö- 

senraume, DM DrüsenmündiiDgeD, M Muscalaris. 

Die beiien ersten Schichten trennen sich noch leicht von einan- 
der; die Beflexa hingegen läaat sich schon sehr schwer und nicht 
vollkommen vom Chorion abziehen. Es haftet aber nm diese Zeit 
die ßeflexa noch nicht an der Vera ; welch letztere inzwischen ihr Aus- 
sehen wesentlich geändert hat. Wohl zeigt ihre Oberfläche noch das 
siebfOrmige Aussehen, sie ist aber glatt, nicht mehr gewulstet. Die 
Vera ist in ihrer ganzen Ausdehnung aaf eine l'S Mm. hohe Schichte. 
reducirt nnd zeigt auf dem Qaerschnitte eine oberste gleichm&ssige 
dichte membranartige Lage und darunter ein seh warn mig-lamellOses 
Gewebe, das insbesondere an ine Wasser gelegten Schnitten deutlich 
hervortritt. 



Untersuchungen über die Uterusschleimhaut. 157 

In dem 5. Monate lassen sich die EihüUen von der Vera nicht 
mehr abheben, Vera und ßeflexa sind stellenweise verklebt, ja in 
den späteren Monaten ist eine solche Trennung ohne Verletzung der 
einen oder anderen Membran nicht mehr möglich, sie sind endlich 
auf grosse Strecken fest verbunden. Die Vera wird dabei nicht nur 
dünner (bis 1-2 Mm.), sie ändert auch ihr Aussehen an der Ober- 
fläche. Die Grübchen werden ganz flach, scharfrandig begrenzt; ihr 
Querschnitt zeigt wieder eine obere, gleichmässig dichte, membran- 
artige und eine untere, schwammig-lamellöse Schichte. 

Fig. 7. 
Chx 

A ^^^ 

R 



D 




M 

Durchschnitt darch die gesammten Eihüllen aas dem 5. Monate. 

Bachstaben wie in Fig. 6. 

Nach dem 4. Monate haften auch Chorion und Amnion inniger 
aneinander, sind aber künstlich wie bis zum Ende der Schwanger- 
schaft leicht als durchsichtige, farblose Membranen darstellbar. Schwe- 
rer gelingt dieses mit der Reflexa; von dieser erhält man mit äusser- 
ster Mühe nur Bruchstücke. Wo man sie aber abgezogen hat, erscheint 
nun auch die äussere Fläche des Chorions vollkommen glatt. 

Die wesentlichste Aenderung hat das Chorion und die Schleim- 
haut an der Anheftungsstelle durch die Bildung der Placenta erfah- 
ren. Die Chorionzotten , die sich an diesem Pol, was ja schon vom 
2. Monate an beginnt, durch vielfaches Auswachsen der einzelnen 
Stämme zu ganzen Bäumchen stärker entwickeln, bilden nun einen 
flachkuchenförmigen, weichen, schwammig-filzigen Körper, der mit der 
unterliegenden Serotina so fest zusammenhängt, dass er sich immer 
mit ihrer obersten Schichte ablöst. Es ist also jetzt schon eine Pia- 



158 , Kundrat. 

centa gebildet und haften auch schon Placenta uterina (oberste Sero- 
tinaschichte) und foetalis (Chorionzotten) eng aneinander. 

Von der zweiten Hälfte der Gravidität an bis gegen das Ende 
der Schwangerschaft wird der Zusammenhang zwischen Placenta foe- 
talis und matema und auch der einzelnen Goiyledonen immer inni- 
ger und das Gewebe dichter. Im Ganzen zeigt aber die Serotina 
dasselbe Verhalten wie die Vera ; sie besitzt eine oberste membra- 
nöse, zwischen die einzelnen Cotyledonen sich fortsetzende Lage und 
darunter ein schwammig-lamellöses Stratum, das letztere wohl min- 
der hoch als in der Vera. Es sei hier noch ferner zu dem Verhal- 
ten des Uterus in diesen Monaten bemerkt, dass der Cervix nicht, 
wie Manche noch glauben, zur Kaumvergrösserung einbezogen wird, 
in so ferne man als Cervix den Theil bis zum Orificium uterinum 
rechnet. 

Dieses Verhalten der Eihäute, der üterusschleimhaut und der 
Placenta bleibt im Allgemeinen bis zur Geburt constant. Jedoch tritt 
im letzten Monate, in manchen Fällen schon früher, ja ausnahms- 
weise, wo es eben zu Abortus kommt, schon in der betreffenden 
Zeit eine Aenderung ein, die schon makroskopisch ins Auge fällt. 
Zunächst verlieren die Eihäute, Eeflexa mit eingerechnet, ihre Durch- 
sichtigkeit, werden weisslich, trübe, bekommen einen Stich ins blass- 
gelbliche. Dann tritt auch in der obersten Veraschichte eine Erblei- 
chung und ein immer mehr zunehmender gelblicher Farbenton hervor, 
welcher sich auch auf die tieferen, die schwammig-lamellösen Schich- 
ten derselben ausbreitet. Später und im geringeren Grade macht sich 
diese Veränderung auch an der Serotina geltend. Dieses Opakwerden 
der Eihäute kann man ja an allen ausgestossenen reifen Eiern sehen. 
An der Vera hatte ich es in höchster Entwicklung als blassgelblich 
graue Färbung gesehen und zwar in einem Falle, wo der Tod un- 
mittelbar vor der Geburt erfolgt sein mag (Embolie der Pulmonal- 
arterie durch einen Schenkelvenenthrombus), und in einem anderen 
Falle, wo die Frau während der schweren Geburt an Erschöpfung 
gestorben. 



In Bezug auf das Gewebe der mütterlichen EihüUen und ihrer 
Zusammensetzung untereinander wie mit den fötalen Hüllen kann 
ich weder Wink 1er noch auch Friedländer vollkommen beistim- 



UntersucliuDgen Ober die Uterasschleimhaut. ] 59 

men. Die Differenzen der Anschauung werden sich in Folgendem 
ergeben. 

Die Decidua vera hat mit dem 4. Monat, entsprechend ihrem 
makroskopisch veränderten Aussehen, auch in ihrer Structur eine we- 
sentliche Aenderung erfahren. Jene oberste, als gleichmässig dichte 
membranöse Lage geschilderte Schichte, die, wie die Grübchen an 
der Oberfläche und die Zusammenhangslosigkeit mit der Beflexa im 
4. Monat beweisen, sicher der Vera allein angehört, besteht — wie 
Friedländer mit Recht schildert — aus grossen (nach Friedlän- 
der epitheloiden) Zellen. Ihr den Pfiasterepithelien ähnliches 
Aussehen ist durch die bedeutende flächenhafte Ausbreitung ihres 
sehr zarten Protoplasmas und des deutlichen Hervortretens der Kerne 
bedingt. Und eben dieses Aussehen und die Grösse der Zellen hat 
einzelne Beobachter veranlasit, sie als Abkömmlinge bald der Drü- 
sen-, bald der Oberflächenepithelien hinzustellen. Allerdings sehen 
diese Zellen, wenn man sie namentlich an von gehärteten Präparaten 
entnommenen Schnitten betrachtet, für den ersten Anblick wie Epi- 
thelien aus. Von frischen oder in Conservirungsflüssigkeiten aufbe- 
wahrten Präparaten entnommen zeigen sie aber eine grössere Aehn- 
lichkeit mit jenen Zellen, wie man sie in manchen Myxomen und 
überhaupt bei jungem Bindegewebe findet. Namentlich an Präpara- 
ten vom 4.-8. Monat sieht man, dass diese Zellen nicht rundliche 
oder polygonale Platten, sondern spindelförmig oder verästigt sind. 
Späterhin überwiegt bei den verästigten Zellen der Zellleib über die 
Fortsätze, welche sich nach verschiedenen Ebenen ausbreiten. Zwi- 
schen den Fortsätzen findet man in den früheren Monaten zahlreiche, 
gegen Ende der Schwangerschaft spärlicher, runde, den farblosen 
Blutzellen ähnliche Körper. (Taf. I. Fig. IV.) 

Je mehr sich aber die Gravidität ihrem Ende nähert, desto 
mehr nimmt die Zahl der spindelförmigen Zellen ab, die der grossen 
verästigten Zellen zu, und werden ihre Fortsätze spärlicher und kür- 
zer, so dass sie nun den Pfiasterepithelien ähnlich sehen. In dieser 
ganzen Schichte findet man nur sehr wenig Spuren jenes feinen, blas- 
sen Fasemetzes der normalen Schleimhaut. Es hat meist das Aus- 
sehen, als wenn die Zellen durch eine Kittsubstanz, in der feine 
Körperchen eingestreut sind, zusammengehalten würden. 

Wir haben gesehen, dass in den oberen Schichten der Schleim- 
haut schon zur Zeit der Menstruation eine stärkere Zellwucherung 



160 Kundrat. 

und zwar Vermehniüg und Wachsthum stattfindet, die besonders nach 
der Conception jene in den unteren Schichten übertriflFfc. Diese Volums- 
zunahme der Zellen mit der geschilderten Gestaltsveränderung ver- 
bunden, schreitet im 3. und 4. Monat fort, so dass schon einzelne 
Zellen unter der Oberfläche diesen »epitheloiden* Charakter besitzen, 
also noch zu einer Zeit, wo die Drusen deutlich erkennbar, das Epi- 
thel in ihnen noch gut erhalten ist, und wo auch die Oberfläche ihr 
Epithel wenigstens theilweise in normaler Anordnung und Grestaltung 
besitzt. Hier also, wo die Grenzen des Interglandulargewebes einer- 
seits und die der Drusen und des Oberflächenepithels andererseits 
so deutlich gegeben sind, kann man sich leicht davon überzeugen, 
dass jene Zellen dem Interglandulargewebe angehören. Späterhin, wo 
unter dem Druck des wachsenden Eies und durch die Dehnung der 
in ihrer Entwicklung nicht gleichen Schritt haltenden Vera, deren 
oberste Schichte zu einem so gleichmässig dichten Stratum umge- 
wandelt wird, Oberflächen- und Drüsenepithel schwinden, die Drüsen- 
lumina unkenntlich werden, die Zellen mehr und mehr den epithe- 
loiden Charakter annehmen , ist es schwer, den Ursprung derselben 
zu ermitteln. 

Bei den Extrauterinschwangerschaften und in dem nicht schwan- 
geren Hörn eines Uterus bicornis und bilocularis nehmen die Zellen 
des Interglandulargewebes bei Erhaltung der Uterusdrüsen und ihrer 
Lumina den geschilderten eigenthümlichen Charakter an. 

Aber auch unter normalen Verhältnissen können wir an dieser, 
von Friedländer als grosse Zellschichte bezeichneten obersten 
Lage der Decidua vera, die Spuren der Drüsenlumina und ihrer Oeff- 
nungen erkennen und entscheiden, dass die grossen Zellen zwischen 
den Drüsen liegen. Die Mündungen sind vom 4. Monate an allerdings 
immer schwerer zu erkennen. Aber immerhin sieht man sie noch im 
4. Monat als kleine, schieffcrichterförmige Einbuchtungen, ebenso im 
weiteren Verlaufe als sehr schief gestellte' Spalten, die allerdings 
meist bis zur Berührung der Wände verengt sind. 

Die tiefere Schichte der Vera, die makroskopisch das schwam- 
mig-lamellöse Aussehen besitzt, zeigt auf Schnitten ein Maschenwerk 
mit meist rhombischen, in mehreren Etagen übereinander liegenden 
Lucken, deren Längsdurchmesser vom 5. Monat an den Höhendurch- 
messer bedeutend überwiegt und der Uteruswand parallel ist (vergl. 



hua^a Ober die Ulen 



161 



Fig. 8 SB). Die Balken des MascheDwerkes , die im 4. Monnt bis 
005 Um. and darüber dick sind, Terschm&chtigen sich mehr in den 
späteren Monaten der Gravidität, so dass sie bis 001 an Darob- 
messer besitzen. Diese Balken gehen nnmittelbar in das Qewebe der 
obersten Schichte, der Zellschichte der Vera über, nnd zwar sind sie 
in den oberen Lagen im Allgemeinen dicker als in den tieferen. 




Dass die Lücken ans den Dräsen auch wirklich lieivorgehen, 
beweist nicht mir die Entwickinng bis zum 5. Monat, von wo an 
der Status sich nicht wesentlich ändert, sondern anch der Inhalt 
nnd die Wandbekleidang dieser Räame. 

Friedländer gibt an, dass die Wände der Hoblränme mit 
zam Theil plattem, zam Theil cjlindriscbem, schOnen einschichtigen 
Epithel aoEgekleidet sind. Dieser Angabe kann ich nicht vullkoniinen 
beistimmen. Wir haben schon im 3. Monate gosphen, dass in ein- 
zelnen der erweiterten Drnsfin das Epithel z» äronde geht and an 
ihrer Stelle eine von feinen RJtmchen dnrchset7.te, wie schleimige Masae 
sieb findet. Dieses Verhalten greift nnn mit dem weiteren Vorrücken 
der Schwangerschaft, vom 3. Monat an, immer mehr um sich. Zu- 
nächst in den obersten Schichten, wo das Epithel Hchon im 4. Mo- 
nate nnr hie nnd da mehr in den Spalten %a Anden ist, dann aliHt 
auch in den tieferen DrüBenräomen, so dann gog>tn Ende dar tlchwan- 
gerschaft ein gnt erhaltenes Epithel znmeiat nor in den tiefsten La- 
gen zu finden ist. 



r 



162 Kundrat. 

Von gut erhaltenem Epithel zu der Punktmasse gibt es aber 
üebergänge. Die Epithelien, welche während der Menstruation und in 
der ersten Zeit nach der Conception höher als normal erscheinen, 
werden mit der Umgestaltung der Drüsenlumina zu den Hohlräumen 
kürzer, plumper, mehr und mehr abgeflacht, so dass sie allerdings 
gegen Ende der Schwangerschaft als ziemlich platte Zellen an den 
Wänden der Hohlräume und zum Theil abgelöst sich finden. Zugleich 
macht sich eine ganz eigenthümliche Veränderung der Epithelien gel- 
tend. Gerade, wo man die schon abgeplatteten Zellen an den Wänden 
der Hohlräume findet, sieht man zwischen diesen in Eeihen oder 
auch einzeln ganz eigenthümliche Gebilde zum Theil noch an den 
Wänden haften. Es sind dies glänzende, häufig walzenförmige Kör- 
per, die entweder ganz homogen sind , meist aber lichtere Kugeln im 
Innern erkennen lassen. Die grösseren von ihnen besitzen mehrere 
grössere und kleinere Kugeln , die kleineren meist je eine Kugel. 
Die reihenweise Anordnung gerade dieser kleinen Gebilde an den 
Eändern der Balken zwischen erhaltenen Epithelien legen wohl die 
Annahme einer Entstehung derselben aus den Epithelien der Drüsen- 
räume nahe. (Taf. I. Fig. VI.) 

Während nun an den Drüsen und ihren Epithelien diese Um- 
wandlung vor sich geht, zeigen die Fundustheile der Drüsen ein an- 
deres Verhalten. Schon bei der Menstruation und in den ersten 
Monaten der Schwangerschaft haben wir gesehen, dass die Drüsen- 
Fundus sich wenig oder gar nicht erweitern. Und so bleiben sie auch 
in den späteren Schwangerschaftsmonaten bis zur Geburt. Nur in ihrer 
Lage tritt eine Aenderung ein, indem vom 4. Monat an die nicht er- 
weiterten Fundusse der musculösen Uteruswand parallel liegen. 
In ihnen geht das Epithel nicht zu Grunde, nur erscheinen die Zel- 
len kürzer und breiter. 

Was nun das Interglandulargewebe zwischen den Balken des 
Maschenwerkes anlangt, so sehen wir, dass dieses aus ähnlichen 
Zellen besteht, wie die oberste Schichte, nur dass die Zellen hier 
meist längsgestreckt sind und gegen das Ende der Schwangerschaft 
nicht jene Vergrösserung und Umwandlung erfahren, wie die der obe- 
ren Schichte. (Taf. I. Fig. V.) 

Je tiefer man gegen die Muscularis kommt, desto mehr Binde- 
gewebsfasern findet man auch zwischen ihnen, die schliesslich mit 
jenen, welche die Muskelbündel umschliessen , sich verflachten. 



Uotersuchungen Ober die Uterusschleimhaut, lt>8 

Den Balken entlang verlaufen auch die Gefasse zu der oberen 
Schichte und von dieser zurück. Daher ist auch ihr Verlauf kein 
gerader. Die Gefässe erscheinen auch nicht mehr so weit wie früher 
und je näher dem Ende der Gravidität, desto sparsamer. 



Den Angaben, denen zufolge die Beflexa während dieses Zeit- 
raumes der Schwangerschaft schwindet, kann ich nur entgegen halten, 
dass man auch an dem ausgetragenen, ausgestossenen Ei eine solche 
findet. Der Grund für diese Annahme scheint nur darin gelegen zu 
sein, dass die sehr zarte Beflexa einerseits mit dem Chorion und 
andererseits mit der Vera verwächst. Verfolgt man aber die Ausbil- 
dung der Eihäute von Monat zu Monat, so erkennt man sehr leicht, 
dass eine Eeflexa immer besteht und dass das Gewebe, welches nach 
der Verwachsung mit der Vera die Aussenfläche des Chorions begrenzt, 
der Beflexa angehört. (Taf. I. Fig. I.) 

Wir haben gesehen, dass im 4. Monat die Eihäute der eigent- 
lichen Oberfläche der Vera anliegen, aber noch nicht mit ihr ver- 
wachsen sind. Macht man zu dieser Zeit Querschnitte durch sie, so 
sieht man, dass sich an der Aussenfläche des Chorions, dessen Zot- 
ten schon in grosseren Abständen stehen, eine Schichte von Zellen 
befindet, die denen der obersten Veraschicht gleichen. In dieser 
Schicht eingebettet liegen die Zotten, die an einzelnen Stellen spär- 
lich, an anderen reichlich verzweigt sind. In dieser Eeflexaschicht, 
die da dem Chorion aufliegt, flndet man weder Drüsen noch Gefässe. 
So verharrt auch die Beflexa bis zum Ende der Gravidität, nur dass 
sie eben vom 5. Monate an mit der Vera- Oberfläche verschmilzt. 
Aber immerhin lässt sich auch dann^ noch bei dem ganz gleichen 
mikroskopischen Bau beider Häute ihre Grenze bestimmen. Es bietet 
zunächst die Beflexa das Eigenthümliche, dass sie bei Färbungen 
des Präparats, ja schon in Chromsäure und doppelt chromsaurem Kali 
einen dunkleren Farbenton zeigt als die Vera. Dann sind die Zellen 
dieser überhaupt dichter gelagert und gegen die Aussenfläche abge- 
plattet. Ja an manchen Präparaten kann man stellenweise eine feine 
Trenuungslinie zwischen beiden Deciduen bemerken. Die Chorion- 
zotten sind aber nicht geschwunden und jene »kugeligen hellen 
Bäume*, die Friedländer in der angeblichen obersten Decidua- 
Bchichte sah, sind nichts weiter als die Chorion zotten. Die Art der 



164 Kund rat. 

Verbindung zwischen Reüexa und Vera ist eine ganz eigenthümliche. 
Bei dem fast vollständigen Mangel an fasrigen Elementen an beiden 
Berührungsflächen, kann man nur an eine Verklebung durch Inter- 
cellularsubstanz denken, die man ja auch für die Verbindung der 
einzelnen Elemente als gegeben beanspruchen muss. Dass hier keine- 
Verwachsung, sondern nur eine feste Verklebung beider Häute er- 
folgt, beweist auch die Markirungslinie der Flächen. Das Oberflächen- 
epithel fehlt aber immer beiden Membranen. Schon an den jungen 
Eiern yermissten wir es auf (der Aussenfläche) der Beflexa, sehen 
es aber noch an der Vera. Es verschwindet da erst vollkommen, 
sobald das Ei sich der Wand anlegt. Nur an einigen Präparaten 
eines im 5. Monate graviden Uterus, wo sich schon eine partielle 
Verbindung zwischen Vera und Reflexa vorfand, sahen wir doch stel- 
lenweise zwischen beiden eine dünne Lage theils feinkörniger, theils 
feinstreifiger Masse, die wir, da im Uebrigen keine Anzeichen einer 
etwa vorausgegangenen Blutung zu finden waren, nur als Beste des 
zu Grunde gegangenen Epithels deuten konnten. 

Was nun die Serotina anbelangt, wurde schon Eingangs dieses 
Kapitels erwähnt, dass man sie vom 5. Monate an ihres innigen ge- 
weblichen und fanctionellen Zusammenhangs wegen mit dem Ghorion, 
mit dem letzteren zusammen alsPlacenta auffassen muss. Wenn weiter 
dennocii von der Serotina die Bede ist, so gilt dies nur von jenem 
Theil der üterusschleimhaut, der unter der Placenta, und zwar zwi- 
schen ihr und der Muskulatur liegt. Die Serotina besitzt hier lamel- 
iGses Gewebe, aber in einer dünneren Lage als in der Vera. Dem 
entsprechend zeigen auch die Schnitte dieser Partie ein Fachwerk, 
resp. Maschenwerk mit wenigen Etagen übereinander. 

Was ihre Structur anlangt, sind die Befunde mit denen der Vera 
ganz gleich. Ja auch die Fundusantheile erhalten sich so wie in. 
dieser; sie laufen parallel zur Schleimhautfläche, sind nicht erwei- 
tert und mit Epithel ausgekleidet. Auch hier findet sich über dem 
Fachwerk der erweiterten Drüsenräume ein dichteres Stratum mit nur 
unregelmässigen feinen Spalten und Lücken. Aber diese Schichte 
lässt sich nicht getrennt darstellen ; sie ist durch Fortsätze^ die zwi- 
schen einzelne Zottenbäume und Gruppen der Cotyledonen bis zur 
halben Dicke der Placenta reichen, innigst verwebt. Es ist dies nur 
eine weitere Ausbildung jener Wucherung der obersten Schichte, die 
schon in den ersten zwei Monaten an der Serotinaoberfläche beginnt 



üntersDclumgen über die Utenisschleimiuint. li^ 

und ihr eben jenes nnebene, dann zottige Aussehen Terieiht. I'aes^ 
Ton fast aüen neneren Anatomen angegebene Yerhaltnissy das» «fi« 
Fortsätze der Serotina nirgends die untere Fläche des Chohons selbst 
erreichen, muss ich bestätigen. 

Das Gewebe der Serotina besitzt mehr des fasrigen Netzwerke;» 
als die übrige Decidna. Von Eesten des Oberflächenepithels zwischen 
den Zotten findet sich in den späteren Monaten sehr wenig. Auch 
das Drüsenepithel (mit Ausnahme des Fnndns) ist ganz geschwun- 
den ; man findet nnr im Zerfall begriffene Eeste desselben nnd jene 
glasigen Körper, die aber hier grosse Schollen bilden. 

Die grossen, feingekörnten und mit scharfbegrenzten grossen 
Kernen versehenen Zellen, von denen je mehrere zusammengehäuft 
oder gleichmässig yertheilt vorkommen, scheinen den Chorionzotten 
anzugehören, nnd zwar ihren jüngsten Sprossen mit denen sie die 
grösste Aehnlichkeit haben. Der lose Zusammenhang dieser Sprossen 
mit den ausgebildeten Zotten, auf denen sie sitzen und der nur selten 
gerade Verlauf der Zotton im Gewebe veranlasst, dass man diese 
Elemente in Schnitt- wie in Isolirungspräparaten mitten im Decidual- 
gewebe isolirt findet. 

üeber die wichtigsten Theile der Decidna serotina, über ihre Ge- 
fasse nämlich, und die Bildung der grossen Bluträume konnte ich 
keine genügende Aufklärung erhalten. Die besten Injectionen der 
Placenta (in situ) lassen immer noch die Möglichkeit nicht ausschlies- 
sen, dass die Masse in ausgedehnte Gewebsräume eindringt. Sonst 
allerdings stellte sich das Verhalten heraus, dass die Zotten frei in 
die Bluträume hineinragen, und da von keinem anderen Epithel als 
ihrem eigenen, bedeckt sind. 

Entsprechend der Ausbildung, welche die Gefösse der Schleim* 
haut an dieser Stelle in der obersten Schichte erfahren, sieht man 
in den Balken der Serotina zahlreiche mächtige Blutbahnen. 



Gegen das Ende der Schwangerschaft sahen wir in den Ei* 
häuten und der Schleimhaut eine Veränderung vor sich gehen, die 
sich makroskopisch als eine Trübung der ersteren und eine EntfÄr- 
bung der letzteren ins Gelbliche zu erkennen gab. Der mikrosko- 
pische Befund zeigt, dass die Zellen in den Eihäuten bis zum voll- 
ständigen Zerfall fettig degenerirt sind. Diese Degeneration beginnt 
in der Decidna mit dem letzten Monate der Schwangerschaft, in den 



ir>6 Kundrat. 

Eihäuten aber, wo er, wie gesagt, bis zum vollständigen Zerfall der 
Zellen fährt, schon früher. Eine genaue Zeitbestimmung des Beginnes 
dieser Metamorphose ist wohl aus dem Grunde nicht möglich, weil 
eben dieser Process in Fällen von Abortus auch schon im 5. Monate der 
Schwangerschaft gefunden wird, und somit, wenn in einem graviden 
Uterus die Metamorphose sich findet, nicht ausgesagt werden kann, 
ob es in diesem Falle bei Erhaltung des Lebens nicht zum Abortus 
gekommen wäre. In der Decidua betrifft die Verfettung vorzüglich 
die Elemente der grossen Zellschichte, im geringeren Grade jene der 
tieferen Schichte. An der Serotina ist sie ebenso ausgeprägt, und 
zwar in noch geringerem Grade als in der Decidua vera. Selbst jene 
Fälle von Abortus, in welchen diese Fettmetamorphose gefunden 
wird, lassen aber den Schluss nicht zu, dass diese es ist, die die 
Ausstossung veranlasst. 



Nachdem wir so die mütterlichen EihüUen bis zur Geburt in 
ihrem Zusammenhang und ihren Veränderungen verfolgt haben, tritt 
die Frage heran, ob auch jene oder wie viel von ihnen mit dem Eie 
ausgestossen werden. 

Es ist hinlänglich bekannt, wie mannigfach die Angaben über 
dieses Verhalten differiren. Es existirt aber ein reiches Material, das- 
selbe zu prüfen und zwar sind dies 1. die ausgestossenen Eier, die 
Nachgeburten, 2. die Uteri von Frauen, die während oder gleich 
nach der Geburt auf irgend eine Weise zu Grunde gehen. 

Die Nachgeburten zunächst zeigen uns zwei Theile: die Pla- 
centa und die ihr anhängenden Eihäute. 

Die Eihäute stellen eine V2~%M^- dicke Membran von weiss- 
ücher Farbe dar, die an der (dem Fötus zugekehrten) Innenfläche 
glatt und dicht, an der Aussenfläche aber weich, uneben, mit klei- 
nen gelblichen Gewebsfetzen besetzt ist. 

Sie bestehen nicht blos aus den fötalen Eihüllen, sondern auch 
aus der Reflexa und Resten der Decidua vera von verschiedener 
Dicke, und zwar für gewöhnlich aus der obersten Lage der letzte- 
ren oder ihrer ganzen Grosszellschichte. 

Zur Untersuchung lagen hier zunächst zwei Fälle vor. Ein 
Uterus bicornis einer Frau, die von der Geburt überrascht auf der 
Gasse an Metrorrhagie, und einer andern, die unmittelbar nach einer 



Ontersuchungen über die Dterussehleimhaut. 167 

Bchweren, dnrch Ennsthilfe yoUendeten Gebnrt starb. An der Innen- 
fläche des Uterus war in beiden Fällen eine weiche, gelbliche, zarte, 
gefaltete Membran, deren Oberfläche sehr flache, scharfrandige, be- 
grenzte Depressionen zeigte. Zwischen ihr nnd dem Muskellager lag 
ein lamellöses Gewebe, das im ersten Falle 1 Mm., im zweiten 2—3 
Mm. dick, also übermässig entwickelt war. 

Die mikroskopische Untersuchung ergab das bekannte Bild der 
Decidua vera, der aber stellenweise die oberste Lage der Zellschichte 
fehlte.. Die Depressionen entsprachen den durch Ablösen der einen 
Schichte eröffneten Spalträumen. 

In beiden Fällen fand sich am Fundus der Drusen das Epithel 
prachtvoll erhalten. 

Aber auch an Uteris von Frauen, die Stunden, ja Tage nach 
der Geburt gestorben waren, fanden sich Beste der Decidua. Aller- 
dings ist in den meisten Fällen das Bild nicht so klar wie in den 
beiden besprochenen, indem Blutgerinnsel, Exsudate die Decidnareste 
bedecken, bei deren Entfernung sie ganz oder theilweise zerstört wird. 

Auch an der Placentarstelle findet man, wo die Lösung der 
Placenta von selbst erfolgte, immer Beste der Schleimhaut. Aber an 
dieser Stelle ist meist die ganze dichtere obere Schichte der Decidua 
abgegangen und nur die weitmaschige untere Schichte geblieben, die 
zwischen der von Thromben starren und von diesen überragten Ge- 
fässstümpfen verdeckt wird. Zudem ist meist dieser Theil mit Blut 
infiltrirt und mit anhängenden Gerinnseln verfilzt. 

Erwähnt sei auch ferner, dass die meisten der Fetzen, die an 
der Innenwand der Uteri post partum gefunden und als Eihautreste 
gedeutet werden, keine solchen sind, sondern membranöse Fetzen der 
Decidua, die halb abgelöst am Uterus haften bleiben. Aber unzwei- 
felhaft gibt es Fälle, wo bei normaler Geburt Fetzen der Eiliäute 
der Uteruswand, resp. der Decidua anhaften bleiben und sich Tage 
ja Wochen lang erhalten. 

Die Fettmetamorphose, die gerade in den genannten Schichten 
überwiegt, mag wohl die Ursache der leichteren Loslösung sein. 

Von der Geburt bis zur Bestituirung der Sohleimliaat. 

In der ganzen ersten Woche nach der Geburt bleibt das Ausse- 
hen der Innenfläche des Uterus ein ziemlich gleiches. Man findet auf 

Med. Jahrbücher 1873. H. ü 



168 Kundrat. 

ihr zunächst eine mehr oder weniger dicke Schichte einer blutig- 
schleimigen oder, wie gegen das Ende der Woche, gelbröthlichen, 
dicklichen Flüssigkeit, unter ihr findet man nach vorsichtiger Ab- 
spülang derselben eine 1 — 2 Mm. dicke Schichte einer gelbröthlichen 
weichen Masse, die meist eine anregelmässige, maschige Oberfläche 
darbietet. Nnr die Placentarstelle zeigt einen unterschied in ihrer 
durch die thrombosirten Gefösse bedingten warzig-höckerigen Ober- 
fläche, auf der aber die analoge gelbröthliche Masse, allerdings in 
einer viel dünneren Schichte zu finden ist. 

Die mikroskopische Untersuchnng ergibt das bekannte Bild der 
Decidna, nnr dass meist die obere grosse Zellschichte fehlt, die ma- 
schige tiefere Schichte frei blossliegt und in der Weise verändert 
ist, dass die Drüsenränme meist mit Blut erfallt, die Gewebe mit 
Bandzellen infiltrirt, von Hämorrhagien durchsetzt und die Fettme- 
tamorphose in den der Decidna eigenthumlichen Zellen bedeutend 
stärker — bis in die tiefsten Schichten entwickelt ist. 

Es liegt somit in dieser Zeit das bindegewebige Stratum der 
Uterusschleimhaut bloss. 

Die eigenthühmlichen Zellen der Decidua sind in ihrer Ver- 
bindung gelockert, sie zerfallen, werden abgestossen und weggeführt. 
Und jene schleimig-blutige Masse, die zu dieser Zeit die Deciduareste 
deckt, besteht ausser aus Blut und Bundzellen, aus den abgelösten 
stark verfetteten Deciduazellen und ihren Besten, Fettkömchen, freien 
Kernen und einigen Epithelzellen. Die Zellenmasse in dieser Flüs- 
sigkeit ist eine sehr bedeutende, so dass eben durch diese bei der 
Abnahme des beigemengten Blutes die Flüssigkeit ihre gelbliche 
Farbe erhält. 

In der zweiten Woche nach der Geburt zeigt sich die Schichte 
auf der Innenfläche des Uterus schon sehr dünn und hat ein mehr 
granulirendes Aussehen angenommen, besitzt aber noch die exquisit 
gelbröthliche Färbung wie in der früheren Woche. Die Placentarstelle 
ist gleichfalls weniger uneben, ihre Thromben sind kleiner, derber, in*8 
Fahle entfärbt. Die schleimige Flüssigkeit weniger dicklich. 

Die mikroskopische Untersuchung zeigt nun, dass schon der 
grösste Theil der Decidua abgestossen und nur die tiefsten, stark 
mit Bundzellen infiltrirten Partien restiren, in denen man immerhin 
noch in Verfettung begriffene Deciduazellen findet. 



Untersuchungen über die üterusschleimhaut. 169 

Nnn liegen durch dieses Einschmelzen des Zwischengewebes die 
untersten Drüsenräume und die Fundusantheile der Drüsen bloss. 
Letztere allerdings, wie Friedländer auch bemerkt, nicht mehr so 
parallel der Muskelfläche, aber doch sehr schief. 

Trotz der noch nicht stattgehabten Epithelbildung an der Ober- 
fläche liegt diese doch nicht mehr in so ausgedehnter Strecke nackt 
zu Tage wie früher, indem die durch Einschmelzen des Gewebes frei 
gewordenen Drüsenfundus, die ja von Epithel ausgekleidet sind, nun 
theilweise die Oberfläche bilden. In diesen Drüsenresten geht aber 
nun schon eine Neubildung von Epithel vor sich. Man findet jetzt 
zahlreiche Theilungsbilder der Epithelzellen. 

In der dritten Woche nach der Geburt ist in manchen Fällen 
die Innenfläche des Uterus schon mit einer ganz zarten glatten Mem- 
bran bedeckt, auf der noch blassgelblicher, auch blutiger Schleim 
sich flndet. Nur die Placentarstelle ist noch den sehr kleinen ent- 
färbten Thromben entsprechend uneben, etwas warzig. Diese zarte 
Membran bietet aDerdings in situ eine gelbliche Färbung, was aber 
mehr durch das Durchschimmern der ins Gelbliche entfärbten Mus- 
kelschichten bedingt wird. Stellenweise aber ist sie ockergelb, braun- 
roth, ja schwarz pigmentirt. 

Die mikroskopische Untersuchung ergibt nun, dass der Muscu- 
laris ein an Bildungszellen reiches, zartes, bis 0*15 Mm. hohes Bin- 
degewebsstratum aufsitzt, das an der Oberfläche von einem zarten 
Epithel bedeckt ist, und in dem eingebettet sich kurze, buchtige 
Drüstti finden. Nur an der Placentarstelle war kein Oberflächenepi- 
thel zu finden. 

Ein solcher Befund ergab sich in zwei untersuchten Fällen. 
Andere dieser Zeit entsprechende Uteri waren noch denen aus der 
zweiten Woche ähnlich. Da aber doch diese Uteri post partum meist 
solchen Individuen entnommen wurden, die nicht eines gewaltsamen 
Todes, sondern an acuten Krankheiten, wie Pneumonie, Pericardi- 
tis, Meningitis etc. gestorben waren, so sprechen die erstgenannten 
Befunde dafür, dass unter normalen Verhältnissen es schon in der 
3. Woche nach der Geburt zu einer Bestitution kommen kann. 

Die weitere Entwicklung des Drüsenzwischengewebes, die dadurch 
bedingte Verlängerung und Streckung (Senkrechtstellung) der Drüsen 
schafft endlich die Schleimhaut zum normalen Zustande um. In einem 



170 Kundrat. 

Uterus von etwas über 5 Wochen nach der Geburt war die Schleim- 
haut schon 0*9 Mm. hoch, das Grundgewebe bis auf ein grösseres 
üeberwiegen von Eundzellen normal, die Drusen gestreckt, ihr Epi- 
thel 0*018 Mm. hoch, von normalem Aussehen. 

An der Placentarstelle scheint die Regeneration in allen Fällen 
langsamer zu gehen. 

Wenigstens in den beiden obenerwähnten Fällen aus der drit- 
ten Woche, dann einem aus der vierten Woche, wo die übrige junge 
Schleimhaut schon Oberflächenepithel zeigte, fand sich dieses an der 
Placentarstelle nicht. 

Wie langsam zuweilen (durch Krankheiten zurückgehalten) nicht 
nur die Evolution des Uterus im Ganzen, sondern auch die Restitution 
der Schleimhaut vor sich geht, zeigen die Fälle, wo Monate nach der 
Geburt die Innenschichte des Uterus ein granulirendes Aussehen, 
und dem entsprechend auch unter dem Mikroskop wesentlich ein Gra- 
uulationsgewebe, das selbst wieder meist in fettigem Zerfall begrif- 
fen ist, aber kein Oberflächen epithel, ja keine Drüsen zeigt. Solche 
Befunde lassen wohl daran denken, dass wenn es auch zur Heilung 
des Grundleidens kommt, denn doch die Uterusschleimhaut sich man- 
gelhaft regenerirt. Vielleicht gehören hieher die Befunde von Uteris 
älterer Frauen, wo man anstatt der Schleimhaut nur ein ziemlich 
dichtes Bindegewebsstratum ohne Drüsen, mit einzelnen kleinen Cysten 
findet. 

Ein fast constantes Zeichen für eine überstandene normale oder 
frühzeitige Geburt zeigt die Schleimhaut in dem Pigment, welches 
in Form von Körnern und Schollen, als gelbes, braunes und schwar- 
zes Pigment, meist frei im Gewebe gefunden wird. Solches Pigment 
findet man nach den menstruellen Vorgängen nicht, wohl deshalb, 
weil hier die Blutung aus den oberflächlichen Gefässen auf die Fläche 
stattfindet. 

Da es immerhin vorkommt, dass bei der Geburt sowohl spon- 
tan als namentlich bei schweren, durch Kunsthilfe vollendeten Ge- 
burten die ganze Decidua mit abgeht oder abgelöst wird, so fragt 
es sich, in welcher Weise da die Ausbildung der Schleimhaut erfolgt. 
Zunächst ist es wohl zu bezweifeln, dass an solchen Stellen eine 
vollkommene, Drüsen führende Schleimhaut gebildet wird. Das Bin- 
degewebslager kann sich wohl aus dem Bindegewebe zwischen dem 
innersten Muskelbündel, das Oberflächenepithel von der Nachbarschaft 



Untersuchungen über die Uterusschleimhaui. 171 

aus sich entwickeln, die Bildung der Drüsen müsste aber durch 
eine vollständige Neubildung von dem Oberfiächenepithel vor sich 
gehen. 

Ob eine solche Yollkommene Neubildung der Schleimhaut in tote 
erfolgen kann, muss dahin gestellt bleiben. 

Die Hüllen der Eier oder Fötusse, welche von dem 4. Monate 
ab geboren werden, besitzen schon alle die Bestandtheile derEihül- 
len reifer Früchte. Man findet neben der Placenta — Amnion, Ghorion, 
Reflexa und eine Schicht der Vera als durchscheinende Haut vereint. 

Im 3. und 4. Monate geborene Eier zeigen hingegen an der 
äusseren Fläche der Eeflexa keine Yeraschicht. 

An den Eiern der früheren Monate ist die Placenta deutlicher 
in Cotyledonen getheilt, die aber vom 5. Monate an, an ihrer Aussen- 
fläche eine dünne Lage Serotina als ein zartes Häutchen zeigen. 

An unreif geborenen Früchten ist die Fettmetamorphose selbst 
in sehr früher Zeit zu finden. 

Die Eihäute sind oft auch schon im 4. Monate, um welche Zeit 
sie unter normalen Verhältnissen nicht zu trennen sind, opac und trübe. 
Oft ist die Fettmetamorphose selbst an den im Uterus verbleibenden 
Deciduaantheilen im hohen Grade entwickelt. Zuweilen und nament- 
ich in den durch Traumen etc. veranlassten vorzeitigen Abgängen 
vermisst man dieselbe; die Eihäute erscheinen dann fast vollkommen 
durchsichtig, das Serotinahäutchen graulich, grauröthlich. 

Vom Bande der Placenta hängt oft streckenweise eine die äus- 
sere Fläche der Eihäute deckende, bis 2 Ctm. breite Membran, mit 
einem gezackten, wie gerissenen freien Eande, einer zottigen Aussen- 
und einer areolirten Innenfläche, welche — so weit sie nicht durch 
Blutung verdeckt ist — dieselbe Färbung zeigt wie die Serotina. An 
der Aussenfläche geht diese Membran an dem etwas überwallenden 
Rand der Placenta in die Serotina, an der Innenfläche hingegen in 
die Beflexa continuirlich über. Dabei sieht man, dass das areolirte 
Ansehen der Innenfläche sich auch über die ümschlagsstelle zur 
Beflexa und auf die Aussenfläche der letzteren fortsetzt, nur dass 
die Lücken hier länglich und verzogen sind. Diese Membran besteht 
aus einer obersten (— 4*5 Mm.) Lage der Decidua vera, wie sich 
das aus der Schilderung der Flächen ergibt, die einerseits in die 
Serotina» andererseits in die Beflexa übergeht. Die Entstehung dieser 
Membran erklärt sich aus dem Umstände, dass die Verbindung der 



172 Kundrat. 

Beflexa and Vera nntereinander an dieser Stelle, wie die Präparate 
selbst aus den späteren Monaten zeigen, eine nur sehr lose ist, ja 
wenigstens streckenweise vollkommen mangelt (Taf. I Fig. U.) Trotz- 
dem geht eine Spaltung in der obersten Decidua-Veralage auch an 
dieser Stelle vor sich. In Folge dessen wird man hier anstatt einer 
mit der Beflexa verbundenen eine sie nur deckende, aber von ihr 
freie Yeralage finden, die durch entsprechende Bisse als eine vom 
Placentarrande herabhängende Membran erscheint. 

Wie aus der gegebenen Schilderung hervorgeht, und wie auch 
die Uteri zeigen, bleibt auch nach Abortus die Decidua vera gröss- 
tentheils oder ganz (wie im 3. und 4. Monat) im Uterus zurück. 
Sie erfährt nach der Ausstossung des Eies eine gleiche Einschmel- 
zung wie nach einer normalen Geburt, nur dass bei dem vor 
der ersten Hälfte der Schwangerschaft stattgehabten Abortus die 
Einschmelzung minder tief nach aussen reicht und es schneller zur 
Bestitution einer normalen Schleimhaut kommt. 



Zieht man an Eiern vom 3. — 9. Monat das Ghorion in der 
Nähe der Placenta von der Beflexa ab, was wegen der grösseren 
Dicke der letzteren hier leichter möglich ist, so bemerkt man sehr 
feine, weisslich gelbe, manchmal verzweigte Fäden von der Aussen- 
fläche des Chorions sehr schief zur Innenfläche der Beflexa ziehen 
und mit dieser innig zasammenhängen. Diese Fäden, die nahe der 
Placenta dichter beisammenstehen und länger sind, entfernter von ihr 
aber spärlicher, kürzer und feiner werden, sind Chorionzotten, — früher 
als obliterirte Gefässe gedeutet. 

Die manchmal tagelang nach einem Abortus wie auch nach 
normalen Geburten abgehenden membranösen Gewebsstücke sind 
Stücke der Decidua oder zurückgehaltene Eihautfetzen , nur selten 
innere Muskellagen ; meist sind sie aber so sehr von Blut und Exsudat 
infiltrirt, imbibirt und auch durch Fäulniss gelockert, dass sie ma- 
kroskopisch, selbst oft mikroskopisch schwer zu erkennen sind. 

So leicht die Abgänge von Eiern vom 3. Monate in ihren ein- 
zelnen Theilen zu deuten sind, so ^schwer hält dieses oft mit den 
aus den beiden ersten Monaten. Nicht nur dass die Eier durch 
Blutungen in und zwischen ihren einzelnen Lagen sehr entstellt sind. 



Cntersachungen Ober die Uterosschleimhant. 173 

80 kommen aach durch Zagrundegehen des Embryo und einem wei- 
teren Wachsthum seiner Höllen oder einer überraschen Entwicklang 
dieser allein solche Missstaltungen vor, dass sie ohne Eenntniss der 
ganzen Seihe der Anomalien und des normalen Znstandes schwer zn 
erkennen sind. 

In den ersten Wochen nach einer Conception kommt es manch- 
mal zum Abgang von Säcken, die die (xrösse and Gestalt eines, der 
Zeit entsprechend erweiterten Uterascavams besitzen, also dreieckig sind, 
dabei vollkommen geschlossen oder an ihrer schmäleren and schärfe- 
ren Ecke eine anregelmässige Lücke mitgerissenen Bändern zeigen. Sie 
sind schwarzroth gefärbt, ihre Wandungen 3 — 4 Mm. dick, weich, 
succulent und tou Blut strotzend ; aussen rauh, feinzottig, innen ge- 
wulstet und siebförmig. Im Innern, meist an der Basis des Sackes, 
findet sich eine grössere oder kleinere Prominenz von gleichem 
schwarzrothem Ansehen, die, wie ein Einschnitt ergibt, ein zweites 
an der Wand des ersten sitzendes Säckchen darstellt, und mit blu- 
tiger trüber Flüssigkeit erfüllt ist, oder einen mehrere Millimeter 
langen, meist im Zugrundegehen begriffenen Embryo enthält. 

Es erweisen sich somit diese Säckchen als Eier, und zwar der 
grössere Sack als der der Decidua vera, die in einer beträchtlichen 
Dicke sammt dem Ei abgestossen wurde. Die ganze Vera erscheint 
in solchen Fällen in ihrer Entwicklung vorausgeeilt; auch findet man 
in dem Interglandulargewebe schon jene charakteristischen Zellen, 
wie in den letzten Monaten der Gravidität. Doch sind diese Zellen 
durch die Blutungen, welche das ganze Gewebe oft in ausgedehnten 
Strecken durchsetzen, auseinandergeworfen, zuweilen an den Bändern 
grosser Blutheerde oder ringsum kleine Heerde concentrisch ange- 
ordnet. 

Diese Form der Abortiv-Eier ist es wohl auch, die jene An- 
nahme, dass die Vera einen geschlossenen Sack bilde, hervorgerufen 
haben mag. Denn die engen Lücken, die in solchen Yerasäcken den 
Uterinostien der Tuben entsprechend zu finden sein sollten , sind 
immer, die Lücken des Ostium uterinum int. zuweilen durch Blut- 
coagula verschlossen. Ein solcher Verschluss ist aber schwer von 
einer wirklichen Verwachsung zu unterscheiden, indem die Vera selbst 
durch die Blutungen dasselbe schwarzrothe Ansehen und dieselbe 
Consistenz erlangt hat, wie das die Ostien verlegende Coagulum. 



174 KuDdrat. 

Diesdn Eiern am nächsten stehen solche, welche mit einem klei- 
neren oder grösseren Verafetzen, an dessen Bändern sie fixirt sind, 
abgehen. In allen den genannten Fällen ist die Vera in der oben an- 
gedeuteten Weise hypertrophirt und von Hämorrhagien durchsetzt. 

Daran reihen sich Eier aas den ersten beiden Monaten der 
Schwangerschaft, wo die fötalen Hüllen im Beflexasack eingeschlos- 
sen sind, an welchem weiterhin mehr oder minder breite membra- 
nöse Streifen der Vera — der üebergangsstelle entsprechend — hän- 
gen. Die Grösse solcher Eier ist eine sehr variable, 1. je nach der 
Zeit ihrer Entwickung und 2. je nach den pathologischen Processen, 
von welchen sie ergriffen sind: wie Ansammlung von seröser Flüssig- 
keit oder Blut innerhalb des Amnions, oder des Chorions, oder 
auch zwischen Ohorion und Beflexa; oft mit Zugrundegehen des 
Embryos und seiner Hüllen oder eines auffälligen Zurückbleibens in 
der Entwicklung des Embryos. — In den Fällen, wo diese Eier am 
wenigsten verändert sind, findet man sie von rundlicher oder ovaler 
Form bis hühnereigross — - im grössten Antheil der Peripherie von 
einer dickeren (1 — 2 Mm.), ziemlich glatten, grauröthlichen , meist 
blutig infiltrirten und imbibirten Membran bekleidet, die sich sehr 
nahe dem einen Pol zu einer an der Seite des Eies in Fetzen her- 
abhängenden Membran umschlägt, während oben an dem von 
ihr freigewordenen Pol die Chorionzotten frei zu Tage treten. In 
anderen Fällen sind die Chorionzotten daselbst durch Blutcoagnla so 
verklebt, dass sie dem Ei auch an diesem Pol eine kuppeiförmige 
Abrundung mit ziemlich glatter Oberfläche und bei mächtigerer Ent- 
wicklung des Blutcoagulums eine Birnform gaben. 

Auf dem Durchschnitt bietet das Coagulum mit den Chorion- 
zotten das Ansehen einer placentaartigen Bildung, welche Bedeutung 
ihr aber nach obigem nicht zukommt. 

In noch anderen Fällen sieht man an dem von der Beflexa über- 
kleideten oder an dem von dieser freien Pol, manchmal auch an 
beiden, zapfenförmige Bildungen, die immer durch Blutcoagnla ver- 
anlasst sind, welche in und an der Beflexa, und zwar an deren tief- 
stem Punkt sitzen. 

Die Zapfen am Beflexapol, die oft ziemlich lang sind, ja Ein- 
schnürungen zeigen können, die wohl vom Orific. int. uteri herrühren 
dürften, verdanken ihren Ursprung einer Ansammlung von Blut am 



Untersucbungen Über die Uterusschleirohaut 175 

tiefsten Pnnkt dieses Sackes, mit gleichzeitiger Ansdehnnng und In- 
filtration derBeflexa. Dieses Blut scheint aber nicht ans derBefleia 
zn stammen, indem man in solchen Fällen zwischen ihr nnd dem 
Chorion bis znr ehemaligen Anheftnngsstelle des Eies hinauf immer 
eine Schichte Extravasats trifft, die Eeflexa aber sonst mit Ausnahme 
der Stelle, wo der Zapfen aufsitzt, nicht von Blut durchsetzt' ist. 

Die Hämorrhagien entsteUen die Hüllen dieser Eier nicht blos 
in ihrer Form, sondom auch in ihrem übrigen Ansehen, was Dicke, 
Farbe, Consistenz anbelangt. Aber immerhin lässt sich doch an einem 
schmalen überhängenden Saum oder an ganzen anhängenden Vera- 
stücken die Bestimmung der beiden Pole und der Ausdehnung der 
Beflexa vornehmen. 

deberdies findet in den ersten beiden Monaten zunächst ein 
Abgang von Eiern ohne Beflexasack Statt. Dieser erfolgt sammt Theilen 
der Vera in Form blutig infiltrirter Membranen. Man hat daher in 
solchen Fällen nur das Chorionsäckchen mit seinem Inhalt, also eine 
allenthalben mit feinen Zotten gleichmässig besetzte zarte Blase 
vor sich. 



Der bekannten Thatsache der Entwicklung einer Decidua in dem 
nicht schwangeren Hom eines Uterus bilocularis oder bicornis, ferner 
im Uterus bei den Extrauterinschwangerschaften habe ich schliesslich 
noch Folgendes beizufügen: 

Es verhält sich die Entwicklung der Schleimhaut wie die eines 
im 3. Monate schwangeren einfachen Uterus bei normalem Sitz des 
Eies, soweit dieses eben nicht der Schleimhaut anliegt, und zwar 
gilt dies in Bücksicht auf das Aussehen, auf die Massenentwicklung, 
auf die Erweiterung der Drüsen und die Wucherung des Interglan- 
dulargewebes. Aber es zeigt sich ein Unterschied insofern, dass die 
Zellen des Interglandulargewebes mit der Dauer der Schwangerschaft 
der Norm entsprechend zu jenen »epitheloiden« Zellen umgewandelt 
werden, während die räumlichen Verhältnisse der Drüsen und des 
Interglandulargewebes sich nicht weiter ändern, keine Bildung jenes 
lamellösen Gewebes in den tieferen Schichten entsteht, und die 
Epithelien in den Drüsen nicht in so ausgedehnter Weise zu Grunde 
gehen. 



176 Kundral 

Der froher gegebene Nachweis, dass 

1. die Decidua keine epitheliale Bildung, sondern bindegewebiger 
Natur ist; 

2. dass die Chorionzotten in keinem nothwendigen, sondern höch- 
stens zufälligen Zusammenhang mit den Uterindrusen treten, 
indem sie nur mit der bindegewebigen Schichte der Serotina 
und zwar auch nur mit einer verhältnissmässig dünnen Schichte 
derselben in Oonnex stehen — 

erklärt wohl, wie es in den Fällen von Extrauterinschwangerschaft 
zur Festsetzung und Entwicklung eines Eies, zur Bildung einer Pla- 
centa kommen kann. 

Zum Schlüsse fühle ich mich veranlasst, Herrn Prof. Bei eher t 
in Berlin für die üeberlassung von drei üteris und mehreren Eiern 
aus den ersten Schwangerschaftswochen, dann dem Herrn Professor 
Späth und Herrn Dr. Chiari in Wien für die mir zur Verfügung 
gestellten Eier bestens zu danken. 



Erklärung der Abbildungen. 

Zu Tafel L 

Fig. L Durchschnitt der Eihüllen und Uterusinnenscliichte in ihrem 
natürlichen Zusammenhang, von dem Uterus einer vor der Ge- 
burt gestorbenen, durch den Kaiserschnitt (post mortem) ent- 
bundenen Frau. Vergrösserung Obj. 8 Ocul. 3 Hartnack. 

A Amnion J)V Decidua vera 

Ch Chorion DB, Drüsenräume 

R Eeflexa DI Drüseninhalt 

Z Zotten M Muscularis. 

Fig. n. Makroskopischer Querschnitt durch Placenta, Eihüllen und 
Wand desselben Uterus am Bande der Placenta. 
A Amnion Ch Chorion R Beflexa 

i>F Decidua vera Fl Placenta mmusculöse Uteruswand 
F Placenta. 

Fig. III. Makroskopischer Querschnitt von einer Stelle der Wand, ent- 
fernt von det Placenta; dieselbe Bezeichnung. 



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TJeber die Rück- und Neubildung von Blutgefässen 

im Knochen und Knorpel 



von 
C Heitzmann. 

(Mit 8 Tafeln Abbildungen.) 



Eückbildung der Blutgeftsse im normalen Knochen. 

Die compacte Substanz der Eöhrenknochen eines neugeborenen 
Hnndes ist ein aus soliden Bälkchen zusammengesetztes, entspre- 
chend der Längsaxe des Knochens in die Länge gezogenes, nnregel- 
mässiges Netzwerk, dessen Höhlen die Markränme darstellen. Die 
Breite je eines Bälkchens ist nähernngsweise so gross, wie der 
Durchmesser des angrenzenden Markraumes. Das Balkenwerk ist 
Knochengewebe. In demselben sieht man parallel angeordnete Ge- 
webszüge, welche bogenförmig aus einem Bälkchen in das andere 
übergehen, und ungleichmässig vertbeilte platte Knochenzellen, welche 
mit ihren Längsaxen ringsum die Markräume concentrisch angeord- 
net sind. In den Markräumen hingegen findet man die rundlichen 
Elemente des Markes, die »Markzellen ^ in dichter Anhäufung und 
meist central verlaufende, netzförmig angeordnete Blutgefässe. 

Im compacten Knochen eines etwa 6 Monate alten Hundes 
überwiegt die Masse des Knochengewebes jene des Markgewebes 
schon um ein Mehrfaches. Wir finden eine Anzahl von Markräumen, 
welche rundliche Elemente nebst mehreren Blutgefässen enthalten. 
Weit zahlreicher aber als Markräume sind die »Gefässkanäle*, das 
sind cylindrische oder ovale Röhren mit je 1 — 2 sehr langgestreck- 
ten Gefässen und länglichen, spindelförmigen Elementen. Je grösser 
übrigens der Querschnitt des Markraumes oder Gefässkanales, desto 
schmäler ist durchschnittlich die umgebende Knochenschicht und 



anlevßs&e im KjumIhs imd Knorpel. 1 79 

umgekehrt. IHe breftefiten Lamellenlag^ra entspredi^i den ^gstra 
Gefasskanälen. — Die Bhitgefiisse der MaitrixLme aaastomosireii 
dnrdi qner und sdiief Terlaafende Aeste mü jenen der G^ls€^m- 
nile ; ebeoBO die GefUsse der letzteren unter Lander, und jeden 
dieser G^tese ^tspncht auch eine yanable Men^e toh LiusielleiL 

In der Diaphjse des Schienbeines von einem etwas nber 1 
Jahr alten Hunde nbertrifft die Tora Enoch^g^w^i^ eing^noainiene 
Fläche das Areale der Geiasskanäle im linearen Durchmesser um 
das 6— 8-fadie. Der compacte Knochen besitzt hi^ nvr noch in 
unmittelbarer Nähe des coitralen Markrohres Itarkr&nme. Seine 
längs und schief verlaufenden Gefasskanäle w^^dea von breiten 
Lamellen -Sjstem^i eingerahmt, in welchen die KnochemseUei) in 
concentrischer Anordnung eingelagert sind. An manchen SteDen 
trifit man 2 kleinere, je Einem centralen Gefösskanale entsprechende 
Lamellen -Systeme Ton einer gemeinsamen Lage umgeben, deren 
Coutouren sidi jenen der Ersteren so anschmiegen, dass das ge- 
sammte Lamellen -System im Querschnitte die Biscuitform erhält. 
Die Lücken zwischen den einzelnen Systemen werden ausgefüllt 
Ton einer nicht lamellirten Knochenmasse (Schaltmasse), deren Zel* 
len etwas grösser sind als jene der Lamellen und unregelm&ssig 
angeordnet stehen. An solchen Zellen sind bisweilen die Territorien 
derselben scharf abgegrenzt. Auch in diese Schaltmasse hinein 
lassen sich am Querschnitte hie und da Gefösskanäle verfolgen, als 
Seitenäste der in der Längsaxe des Knochens stehenden Gefftsse. 

In der Ubia eines mehrere Jahre alten Hundes übertrifft; das 
Areale des Knochengewebes jenes der Gefässkanäle im linearen 
Durchmesser um das 12 — 15-fache. Die übrigens mächtigen Mark- 
räume sind nur in der Nähe des centralen Markrohres anzutreffen. 
In der übrigen Binde gibt es nur Gefässkanäle von schwankendem 
Kaliber, und zwar enthalten die grösseren derselben um das GefÜss- 
rohr herum noch netzförmiges Bindegewebe und Fettzellen. Die 
parallel der Längsaxe des Knochens aufigestellten LameUen-Systeroe 
gehören entweder einfachen, in deren Centrura verlaufenden Ge£tefl* 
kanälen an, oder es werden 2 — 3 schm&lere Lamellenlagen von 
einer gemeinsamen, mächtigen Lage umsänml An den äusseren 
Contour der Hauptlamellen schmiegen sich unmittelbar Schaltlamel* 
len an. Nicht lamellirte Scbaltsubstanz ist nur spärlich vorhanden» 
und an manchen Stellen begrenzen darin halbkreis- oder kreisför* 



180 Heilzmann. 

mige Gontouren von Zellterritorien einen buchtigen, kleinen Central- 
räum. — In die SchalÜamellen lassen sich ab und zu Gefässkanäle 
verfolgen. Man begegnet aber auch nicht selten Lamellen-Systemen 
deren Oentren nicht von solchen Kanälen, sondern von Knochen- 
zellen eingenommen sind, so dass je einem System-Querschnitte nur 
Eine centrale Knochenzelle entspricht. 

Die Tibia eines 8 — 10 Jahre alten Hundes bietet im Wesent- 
lichen dieselben Verhältnisse ; nur sind die vollständig soliden, also 
auch im Centrum knöchernen Lamellen -Systeme noch zahlreicher, 
als in dem vorher geschilderten Knochen. Das Hauptmarkrohr ist 
von einer gemeinsamen, lamellirten Knochenlage umsäumt; die zwi- 
schen Periost und Knochen eingeschaltete »osteoide* Lage hingegen 
finde ich nur streckenweise lamellirt. 

Der Oberschenkelknochen desselben Thieres besitzt eine breite, 
die Knochenrinde einhüllende Lamellenlage sowohl unter dem Periost^ 
wie an der Grenze des centralen Markrohres. Wo diese Lagen von 
Gefässkanälen senkrecht durchbrochen werden, sind letztere con staut 
mit schmalen, mehr oder weniger vollkommenen Lamellenhüllen 
versehen. 

Aus diesen Befunden ergibt sich, ganz abgesehen von den 
Wachsthumsverhältnissen des gesammten Knochens, dass das in 
den Markräumen aufgespeicherte Protoplasma Bildungs- 
materiale des Knochens ist. Die als »Markzellen* sowohl, 
wie als »Osteoblasten« bezeichneten Elemente werden zu Knochen- 
gewebe umgewandelt, und dadurch verbreitem sich die Lamellenlagen 
des Knochens und verschmälern sich gleichzeitig die Markräume. 

Die vom Inhalte des Markraumes erzeugten Lamellen-Systeme 
umschliessen Systeme von kleinerem Durchmesser, deren Bildung 
von den einzelnen Blutgefässen des ehemaligen Markraumes abhängt, 
und deren Centra eben die Gefässkanäle darstellen. 

Alle Lamellen-Systeme sind also Gefässbezirke, ge- 
schichtete Säulen, deren vorwiegende Längsrichtung dem Verlaufe 
der Blutgefässe in der Mitte der Säulen, entspricht. Aus der vor- 
wiegenden Längsrichtung finden allmälige Uebergänge Statt in die häu- 
fige schiefe und die seltenere quere. Ebenso ist die nicht lamellirte, 
knöcherne Schaltmasse eine von Blutgefässen abhängige Bildung. 



Blutgefässe im Knochen und Knorpel. 181 

Betrachten wir den Inhalt der Gefässkanäle bei starker Yer- 
grösseruug, so finden wir bei dem etwa 6 Monate alten Hnnde fol- 
genden Bau. 

Im Gefasskanale ziehen central oder excentrisch 1 — 2 Blutge- 
fässe von variablem Kaliber, ausgezeichnet durch einen sehr ge- 
streckten, geradlinigen Verlauf*). Die Gefässwand ist überwiegend 
häafig eine einfache, wie sie dem Capillarrohr zukömmt, und stel- 
lenweise mit leichten spindelförmigen Anschwellungen versehen. Das 
Eohr wird umgeben von einem hellen Saume, welcher von queren, 
feinen, grauen Zäckchen durchbrochen erscheint; diese Zäckchen 
verbinden die Gefässwand mit den benachbarten, zumeist in der 
Längsrichtung des Gefösskanals aufgestellten, spindelförmigen Ele- 
menten. Letztere begrenzen in einer einfachen platten Lage oder 
mehrfach geschichtet den perivasculären Baum, und sind unter ein- 
ander wieder durch kurze Ausläufer verbunden. Zwischen der 
Spindelzellenlage und der Enochenwand ist abermals ein heller 
Saum von feinen Ausläufern durchzogen, welche die directe Ver- 
bindung der Spindelzellen mit den Ausläufern der Enochenzellen, 
und eine indirecte mit der Gefässwand herstellen. 

In der über 1 Jahr alten Hunde -Tibia fand ich ähnliche 
Gefässkanäle ; ausserdem aber auch zahlreiche Kanäle, die strecken- 
weise oder in ihrer ganzen Länge kein anderes Gebilde aufwiesen 
als ein Capillarrohr. 

Diese Anordnung trifiPt; man um so häufiger, ein je älteres 
Thier man untersucht. Zwischen der Gefässwand und dem Knochen 
bleibt stets ein schmaler, heller Saum, quer durchbrochen von Aus- 
läufern der nächst benachbarten Knochenzellen, die sich in die 
Gefässwand einsenken. Der Saum fehlt nur bei strotzender Fül- 
lung des Gefässes mit Injectionsmasse. 

In der compacten Substanz der Böhrenknochen und des Schul- 
terblattes von Hunden, Katzen und Kaninchen verschiedenen — am 
häufigsten des mittleren und höheren — Lebensalters begegnete ich 
zahlreichen, sanduhrförmig verengerten sowohl, wie blind 
endigenden, zugespitzten Gefässkanälen. Die Diagnose war 



*) Mit den Gef&ssen habe ich einige Male Nerven ziehen sehen; 
meine Plräparationsmethode war jedoch der Darstellung von Nerven nicht 
günstig. 



182 Hcitzinann. 

am Knochengewebe mit Sicherheit möglich dadurch, dass man ober- 
nnd unterhalb des Gefässkanals auf Enochenlagen, respective Enochen- 
zellen einstellen konnte. Die nähere Untersuchung solcher Geföss- 
kanäle an Längsschnitten ergab, dass sie überwiegend häufig nur 
Ton Einem Gefässe ausgefüllt waren. 

Gegen die Spitze hin veränderte die Gefässwand ihren Charak- 
ter, indem sie sich verdickte, wie aus Spindelzellen zusammengesetzt 
erschien, zwischen welchen das Lumen sich rasch oder allmälig 
Verengerte, um schliesslich hart am Körper einer grösseren Spindel- 
zelle zu enden. (Taf. II. Fig. 1.) Im Lumen fanden sich noch ab 
und zu rothe Blutkörper, und ich sah wiederholt Injectionsmasse 
bis zur Spitze hin vorgedrungen. Jenes Element, welches die feine 
Gefässspitze abschloss, war eine Knochenzelle und im Verfolge 
der Gefässrichtung tauchten streckenweise ähnliche Bildungen auf, 
die von einander durch fein gekörnte oder homogene, glänzende 
Massen getrennt waren. 

Dasselbe Verhalten konnte auch an Querschnitten constatirt 
werden. Im Centrum eines Lamellen-Systemes (Taf. 11. Fig. 2) traf 
ich solide, blasse, feinkörnige Körper, die auf- oder abwärts ent- 
weder in quer durchschnittene Knochenhöhlen, oder aber in Gefäss- 
lichtungen übergingen. 

Alles bisher Gesagte zusammengehalten, lautet meine Schluss- 
folgerung : 

Das im Gefässkanale enthaltene Materiale wird im 
fortschreitenden Wachsthum des Knochens bis auf 
das Blutgefässrohr zu Knochengewebe umgewandelt. 
Schliesslich erfolgt auch die Umwandlung des Gefässes 
selbst zu Knochengewebe, indem das hohle Protoplasma 
der Gefässwand solid wird und sich darin Knochenzel- 
len und Kuochengrundsubstanz differenziren. 

Neubildung von Blutgefässen im entzündeten Knochen. 

Im künstlich zur Entzündung gebrachten Knochen findet reich- 
liche Neubildung von Blutgefässen Statt. Bevor ich aber mit der 
Schilderung dieses Vorganges beginne, muss ich an jene Substanz 
erinnern, deren Anwesenheit ich in normalen und entzündeten Knochen- 



Blutgefässe im Knochen und Knorpel. 183 

und Knorpelzellen nachgewiesen ^) und als das Materiale zur Bil- 
dung rother Blutkörper angesprochen hahe. Ich meine die häma- 
toblastische Substanz. 

Die Bildung von Blutgefässen mit capillärem Charakter ge- 
schieht im entzündeten Knochen aus den Elementen des entkalkten, 
nicht eingeschmolzenen Gewebes sowohl, wie in A.usschmelzungs- 
räumen aus Derivaten der Knochenzellen *). 

Den ersteren Vorgang habe ich an einer mit der Kneipzange am 
hinteren Bande verletzten Katzen-Scapula am 3. Tage der Entzün- 
dung, und an einer durch Anbohrung in der Mitte der Platte ver- 
letzten Hunde-Scapula am 4. Tage der Entzündung beobachtet. 

In der osteoiden Schicht des letztgenannten Knochens 
(Taf. n. Fig. 8) finde ich beträchtlich vergrösserte Höhlen in der 
Grundsubstanz erfüllt mit einfachen Zellen und glänzenden, gelb- 
lichen, homogenen Klümpchen und Scheibchen, — den Hämato- 
blasten (a). Einzelne dieser Klümpchen besitzen je eine Yacuole (b 
und in der Yacuole befindet sich eine variable Anzahl von Klümp- 
chen zum Theile derselben Substanz, zum Theile von blassem, fein- 
körnigen Protoplasma. Andere, gleichfalls Yacuolen-hältige Klümp- 
chen sind in die Länge gezogen, also schlauchförmig (c), und indem 
diese mit soliden oder hohlen gleichartigen Bildungen verschmelzen, 
und die Zwischenwände einzelner Nachbarhöhlen durchbrochen wer- 
den (d)j ist das Gefässrohr gegeben. 

Den Inhalt eines solchen Eohres bilden eine wolkig trübe, mit 
Goldchlorid sich violett färbende Substanz und Hämatoblasten , die 
zum Theile mit scharfen, zum Theile mit blassen und verwischten 



^) Studien am Knochen und Ejiorpel. Mediz. Jahrb. 1872. 

*) E. Yolkmann (Langenbeck's Arch. f. klin. Chirurgie, lY. Bd. 
1863) beschreibt eine Neubildung von Gefösskanälen in der compacten 
Substanz des Knochens bei „vasculärer Ostitis". Die von Y. geschilder- 
ten Yorgänge sind nicht identisch mit den von mir beobachteten, denn 
er sagt, dass bei jener Kanalisirung keine oder nur eine zufällige Bethei- 
ligung der „Knochenkörperchen" stattfinde, üeber die Gefössbildung 
selbst macht Y. keine Aussage. H. Lossen (Yirch. Archiv. Bd.LY. 1872) 
fahrt den Beweis, dass jene Kanalisirung wirklich von „Knochenkörper- 
chen** ausgehe, an Präparaten, die er von getrockneten Knochen gewon- 
nen hat. 

Med. Jahrbücher 1873. II. 13 



184 Heitzmann. 

Contouren versehen, oder in sehr kleine rundliche Körner zersplit- 
tert erscheinen. 

In der 3-tägig entzündeten Katzen-Scapnla finde ich im »ech- 
ten* Knochen, ausgehend vom Bande eines Aasschmelzangsranmes 
solide Gewebszüge, die längs der Knochenlamellen mehrere vergrös- 
serte, homogen und glänzend gewordene, spindelförmige Knochen- 
zellen verbinden. Häufig ist eine (dem Ansschmelzungsranme nächste) 
am stärksten vergrösserte Knochenzelle hohl, während die entfern- 
teren Zellen der Kette noch solid erscheinen. Endlich finde ich 
fertige, spitz endigende Röhren, deren in das Lumen ragende Sepi- 
mente an ihre Entwicklung mahnen. (Taf. U. Fig. 4.) 

Ein ganz ähnlicher Vorgang tritt in Ausschmelzungsräu- 
men des entzündeten Knochens auf, wie mich Präparate aus der 
erwähnten, 4-tägig entzündeten Hunde-Scapula, und aus einer ähn- 
lich verletzten Katzen-Scapula am 5. Tage der Entzündung gelehrt 
hal)en. Zunächst dem Knochenrande sieht man an Längsschnitten 
spindelförmige und zerklüftete Derivate der frei gewordenen Knochen- 
zellen. Dann folgt eine Schicht, in welcher die hämatoblastische 
Substanz ein Maschenwerk darstellt. Dasselbe entspricht den opti- 
schen Durchschnitten von Höhlen, die in Längsrichtung angeordnet, 
zum Theile von einander durch Querwände getrennt sind, zum Theile 
schon mit einander in offener Verbindung stehen (Taf. II. Fig. 5). 
Weiter weg vom Knochenrande treflFen wir fertige, unregelmässig 
buchtige Gefässschläuche (cc) und an deren Wänden stellenweise 
Leistchen, die üeberbleibsel des ehemaligen Fachwerkes. Den Inhalt 
der Höhlen und Röhren bilden wieder Hämatoblasten und'auch fer- 
tige rothe Blutkörper. 

Hier sind also aus dem Materiale einzelner Knochenzellen 
zunächst isolirte, mit Wänden versehene Hohlräume, und durch 
Communication dieser, Gefässschläuche hervorgegangen. Die Schläuche 
hängen anfangs mit älteren Blutbahnen nicht zusammen, obgleich 
sie rothe Blutkörper beherbergen können. Es unterliegt aber keiner 
Schwierigkeit sich vorzustellen, wie die Verbindung eventuell ein- 
treten wird, nachdem wir von neugebildeten, und speciell im ent- 
zündeten Knochen neugebildeten Blutgefässwänden wissen, dass die- 
selben Sprossen treiben (1. c. Taf. X. Fig. 11) und dass die Sprossen 
päter hohl werden. 



BlutgeRsse im Knochen und Knorpel. 185 

Nicht alles nengebildete Blut ist übrigens auch in Getäss- 
schläuche eingeschlossen. In den Ansschmelznngsränmen des entr 
zündeten Knochens liegen eine Anzahl rother Blntkdrper, die an 
den früher geschilderten Eigenthümlichkeiten als neugebildete za 
erkennen sind, theils zerstreut, theils in inselförmigen Gruppen in 
und zwischen den Derivaten der entzündeten Enochenzellen. Das 
fernere Schicksal solcher isolirter Blutkörper, die augenscheinlich 
niemals Objecto der Girculation werden, ist mir nicht bekannt. 



In den buchtigen Ausschmelzungsräumen einer mit dem Glnh- 
eisen verletzten und 8 Tage später herausgeschnittenen Tibia eines 
Hundes fand ich ausserordentlich zahlreich vielkernige Proto- 
plasmakOrper nicht nur in Buchten dicht am Knochenrande, son- 
dern auch vielfach zerstreut zwischen den — Markzellen ähnlichen 
— Gebilden grosser Bäume. Diese rundlichen und oblongen Körper 
bieten ein variables Detail. Es sind zum Theile grobkörnige, blasse 
Klumpen mit zahlreichen Kernen, letztere derart eingelagert, dass 
um jeden Kern herum ein schmaler, structurloser Saum erkennbar 
bleibt. Dann gibt es derlei Klumpen, die keine deutlich sichtbaren 
Kerne, an SteUe der letzteren aber glänzende, Kernkörperchen ähn- 
liche Gebilde aufweisen. 

Femer erscheinen Klumpen, anscheinend kernlos oder nur am 
Bande mit undeutlichen Kernen versehen, im Centrum jedoch etliche 
oder viele rothe Blutkörper tragend. Bisweilen endlich ist der 
ganze Klumpen von zahlreichen rothen Blutkörpem durchsetzt. 

Die Differenzirung in eine blasse, feingekömte und eine gelbe, 
blutbildende Substanz, welche in einzelnen Zellen des Knochens 
bereits nachgewiesen ist, hat hier in einer Summe von mit einan- 
der verschmolzenen Elementen Platz gegriffen. Die gelbe Substanz 
hat im Inneren des Klumpens zur Bildung rother Blutkörper Mate- 
rial gegeben (Taf. n. Fig. 6), und schliesst an manchen Stellen den 
Klumpen wie eine Schale ein. Aus neben einander, in einer bestimm- 
ten Bichtung gelagerten Klumpen geht durch Verschmelzung und 
Schwund der Zwischenwände ein mächtiger Gefassschlauch hervor, 
genau nach dem in allen Uebergängen zu verfolgenden Vorgänge, 
wie ich denselben bei einzelnen Zellen geschildert habe. Ein grosser 
Theil des im Schlauche eingeschlossenen Inhaltes (blasses Protoplasma 

i3* 



186 Heitzmann. 

and in diesem zerstreute Hämatoblasten) geht zu Grunde; nur die 
fertigen rothen Blutkörper bleiben erhalten. 

Die Wand des neuen Gefässrohres ist nicht selten auffallend 
dick und an ihrer Innenfläche liegen Hämatoblasten, ein Verhalten, 
welches im Längs- und Querschnitte des Bohres constatirt werden 
kann (Taf. III. Fig. 7). An die Aussenfläche der Gefässwand lagern 
sich halbkreis- oder kreisförmig spindelförmige Elemente an, deren 
Muskelnatur allerdings nicht sichergestellt erscheint^). 

Neubildung von Blutgefässen im Knorpel. 

a) Im normalen Knorpel. 

Nachdem ich festgestellt hatte, dass aus normalen Enorpel- 
zellen an jenen Stellen, wo eine Umbildung des Knorpelgewebes zu 
Knochengewebe stattfindet, rothe Blutkörper hervorgehen, war die 
nächste Aufgabe, an denselben Stellen der GeiässentwicMung nach- 
zuforschen. Meine Objecto waren die Oberschenkel • Condylen von 
Hunden und Kaninchen und ausserdem der Knorpelrand der Scapula- 
Platte von Katzen. 

Der hyaline Epiphysenknorpel junger Thiere ist bekanntlich 
von in die Länge gezogenen Markräumen durchsetzt, deren Inhalt 
nebst Blutgefässen — darunter Arterien — dicht aneinander gedrängte 
Elemente bilden, ähnlich jenen, welche die Markräume des Knochens 
erfüllen. Solche Bäume durchziehen auch den Hyalinknorpel am 
Bande der Scapula-Platte. 

Beim neugebomen Kaninchen fand ich im Kniegelenk-Epiphy- 
senknorpel des Oberschenkelbeines von einem centralen Markraume 
ausgehend ein radiär gestelltes Balkenwerk verkalkter Grundsub- 
stanz, dessen einzelne Balken je mehrere Knorpelzellen und deren 
kalkfreie Grnndsubstanz netzförmig umschlossen. Im gleichnamigen 
Knorpel eines 5-tägigen Hundes war noch keine Ablagerung von 
Kalk vorhanden ; dagegen im Knorpel eines 6-wöchentlichen Hundes 



*) Im Juli 1871 hat mir Herr Prof. Stricker ein Präparat von 
einer entzündeten Hornhaut — es ist mir nicht erinnerlich, ob vom Fro- 
sche oder vom Kaninchen — gezeigt, in welchem eine nengebildete 
Arterie mit Bestimmtheit diagnosticirbar gewesen ist. 



Blatgetisse im Knochen and Knorpel. 187 

ein halbmondförmiger Ealkkem, mit einer gegen die Diaphyse ge- 
richteten Concavität, dessen Balkenwerk von mehreren Markränmen 
der Epiphyse ausgingt). 

Innerhalb des Ealkgebietes erfolgen nun, ausgehend vom Mark- 
ranme, jene Metamorphosen, welche bei gleichzeitiger Ansschmelzang 
des Kalkgerüstes znr Umbildung der Knorpelzellen in Blut and Blut- 
gefässe einerseits und in Markzellen andererseits führen. 

Der Vorgang ist derselbe bei fortschreitender Entwicklung des 
Knochens am Bande des Diaphysen- (Intermediär-) Knorpels, dann 
zwischen Epiphyse und Gelenkknorpel und zwischen Knorpelrand und 
Knochenplatte der Scapula. 

Der centrale gelbe, glänzende Theil des Knorpelzellenleibes wan- 
delt sich zu einer Blutkörper-hältigen Blase um, die am häu- 
figsten die Kolbenform besitzt, mit einer peripher gestellten Auftrei- 
bung und einer central, gegen den Markraum gerichteten, meist 
soliden Spitze (Taf. HI. Fig. 9, 10 und 1. c. Taf. XI. Fig. 22). Ab 
und zu begegnet man auch Kölbchen mit einem hellen, blassge- 
kömten oder structurlosen Inhalte. 

Wenn sich mehrere leere oder bluthältige Kölbchen dicht an 
einander legen, entsteht die Form einer Blumenkohl-Rosette. Nach 
erfolgtem Durchbruche der Kalkwand zwischen zwei benachbarten 
Knorpelräumen lagern sich auch die spindelförmigen oder kolbigen 
Schläuche der benachbarten, vom Knochen entfernteren Knorpelzel- 
len an die früher gebildeten an ; die solide Spitze oder Wand der 
Ersteren wird später ausgehöhlt, und schliesslich ist ein buchtiges 
Gefässnetz vorhanden, das vom Haus aus fortiges, rothes Blut ent- 
hält. In weiterer Folge wird der Gefässinhalt Gegenstand des Blut- 
kreislaufes. 

bj Im entzündeten Knorpel. 

In einer Reihe von Versuchen, den Knorpel künstlich zur Ent- 
zündung zu bringen, habe ich die Verletzung in der Mitte eines 
Condyls gleichzeitig im Knorpel und Knochen; in einer anderen 



*) Die Bedeutung dieser Kalkablagerung war schon Heinr. Müll<ir 
bekannt. S. üeber die Entwicklung der Knochensubstanz. Zeitschr. für 
wissensch. Zoologie. IX. 1858. 



188 Heitzmann. 

Beihe nahe dem Lateralrande eines Oberschenkel - Condyls von 
Katzen nnd Kaninchen ausgeführt. In einer dritten Beihe endlich 
wurde der Knorpelrand der Scapnla-Platte gleichzeitig mit dieser 
verletzt. 

Bei centralen Gondyl-Wunden, wo Verkalkung der Grundsubstanz 
des Hyalinknorpels, später Ausschmelzung des verkalkten Knorpels 
erfolgte, trat Blut- und Gefässbildung in den Ausschmelzungsräumen 
so ein, wie in jenen des Knochens. Ebenso begegnete ich in diesen 
Ausschmelzungsräumen der insularen Blutbildung. 

Im entzündeten Knorpelrande der ScapularPlatte geschieht an 
jenen Stellen, wo der Ausschmelzung keine Verkalkung der Grund- 
substanz vorausgeht, die Blut- und Gefässbildung nach demselben 
Schema, wie im normalen Hyalinknorpel, mit dem Unterschiede, dass 
die Ausschmelzung der Knorpelgrundsubstanz rasch weite Strecken 
ergreift, die insulare und intravasculäre Blutbildung massenhafter, 
die Gefässbildung reicher ist. 

Nach Gondyl-Verletzungen an oder nahe den Seitenflächen hin- 
gegen, wo die Knorpelzellen im Normalzustande grobe Ausläufer be- 
sitzen, fand ich den Vorgang etwas anders. Hier sind bis zum 7. Tage 
der Entzündung aus einem Theile des Inhaltes der vergrösserten 
Knorpelhöhlen rothe Blutkörper in vorwiegend spindelförmigen Bäu- 
men entstanden ; von den Polen dieser Bäume ziehen durch die 
Grundsubstanz oder mitten durch Zellengruppen, solide Stränge, 
welche die Bluträume, respective deren Inhalt mit einander verbin- 
den. Solche Stränge kann man stellenweise bis an die Wand eines 
Blutgefässes hin verfolgen (Taf. UI. Fig. 11). Die anfangs soliden 
Stränge werden , wie mich andere Stellen belehrten , hohl ; an den 
Grenzen der spindelförmigen Räume differenziren sich aus der Sub- 
stanz, welche die Grundlage für rothe Blutkörper abgegeben hat, 
Wände, und so entstehen Schläuche, die streckenweise buchtige Er- 
weiterungen zeigen, erfüllt mit rothen Blutkörpern. 

Gegen das sehnige Gewebe hin trifft man eine Anzahl von lan- 
gen Strassen zwischen den einzelnen Faserzügen, welche von Ket- 
ten rother Blutkörper erfüllt sind, und in spindelförmige, bluthäl- 
tige Bäume münden. Augenscheinlich sind hier dieselben Bildun- 
gen vorhanden, wie im entzündeten Knorpel mit streifig gewordener 
Grundsubstanz. 



Blutgefässe im Knochen und Knorpel. 189 

c) Im nengebildeten Knorpel. 

Durch subcutane Fracturen der ünterschenkelknochen von Hun- 
den und Katzen kann man bekanntlich eine vom Periost ausgehende 
Neubildung hervorrufen, welche an wechselnd grossen Strecken den 
Charakter eines Knorpelgewebes mit hyaliner, streifiger oder faseri- 
ger Grundsubstanz aufweist. Der Bau dieses (rewebes stimmt bis 
auf die wechselnde Bildung der Grundsubstanz mit dem schon be- 
schriebenen Detail (1. c.) des normalen Knorpels überein. Es finden 
sich nämlich in den Höhlen der Grundsubstanz eingebettet grosse, 
blasse, vorwiegend einkernige Zellen vor, in deren Leib theils feine, 
theils grobe, glänzende Kömchen eingelagert sind. Dann trifft man 
in einzelnen Höhlen Klumpen einer gelblichen, structurlosen , von 
Yacuolen durchbrochenen Substanz, welche im Gentrum einer blas- 
sen Zelle liegt, oder letztere an ein^r peripherischen Stelle halb- 
mondförmig umschliesst. Endlich findet man in den Knorpelhöhlen 
glänzende gelbliche, von Yacuolen durchsetzte Klümpchen, die jedes- 
mal kleiner sind, als die blassen, mit deutlichen Kernen versehenen 
Zellen, und an manchen Stellen den Umfang rother Blutkörper nicht 
überschreiten. Klümpchen von der letztgenannten Grösse liegen in 
Gruppen zerstreut in entsprechend kleinen Höhlen der Grundsub- 
stanz, oder sie füllen, untermengt mit noch kleineren Körnern, ein- 
zelne grössere KnorpelhöhJen aus. 

Von der Peripherie der blassen Zellen gehen rundherum konische 
Zacken ab, welche den schmalen Saum zwischen Zellenleib und Grund- 
substanz radiär durchbrechen, und sich in letztere einsenken ; die 
Kerne dieser Zellen erscheinen gleichfalls zackig. Feinste Fortsätze 
sind endlich an jedem, noch so kleinen homogenen Klümpchen 
vorhanden, welches einzeln in einer Höhle der Grundsubstanz ruht. 

In dem neugebildeten Knorpelgewebe findet man durch breite 
Lagen des Gewebes von einander getrennte Nester, in welchen die 
Zellen weit reichlicher und in länglichen Zügen angeordnet, oder 
spindelförmig ausgezogen sind. 

In anderen solchen Nestern stehen Gruppen von mehreren Zel- 
len oder von mehrkemigen Protoplasmakörpern dicht beisammen, 
durch schmale Bälkchen der Grundsubstanz von einander getrennt, 
und diese Nester sind es, in welchen sich Blut- und Gefässbildung 
nachweisen lässt (Taf. IIL Fig. 12). 



190 Heitzmann. 

In dem 14-tägigen Callas der gebrochenen Tibia einer alten 
Katze kommen in einzelnen Nestern mohrkernige Protoplasmakörper 
vor, welche Blutkörperchen tragen, manche nur je Eines (a), andere 
deren Einige (b). Es gibt aber hier auch Enorpelhöhlen , die nur 
mit dicht zusammengedrängten rothen Blutkörpern von intensiv gel- 
ber Farbe erfüllt und peripher von einer Lage derselben Substanz, 
aus welcher die Blutkörper bestehen, umschlossen sind. Die Hülle 
zeigt am optischen Durchschnitte ab und zu spindelförmige Ver- 
dickungen. 

Solche Höhlen treten mit einander in Verbindung dadurch, dass 
zwischen ihnen zuerst die Grundsubstanz, dann die Grenzlage der 
Höhlenwand schwindet. Die Verbindungsstelle ist anfangs schmal, 
wodurch zwischen den einzelnen Höhlen halsförmige Einschnürungen 
entstehen (c), die sich später so ausgleichen, dass die Höhlen durch 
parallele Contouren mit einem buchtigen, mit Blut erfüllten Schlauche 
zusammenhängen (c, d). Eine Summe von derartigen kolbigen Bil- 
dungen gibt eine Bosette ähnlich jenen, welche in Ausschmelzungs- 
räumen des Normalknorpels vorkommen ; den Stiel der Bosette bildet 
ein fertiges, buchtiges oder cylindrisches Gefäss. 

Gleiche Bildungen finde ich im 19-tägigen Gallus der gebroche- 
nen Tibia eines erwachsenen Hundes. 

Mit der Gefassneubildung im Knorpel oder nachdem dieselbe 
eingeleitet ist, eifolgt Kalkablagerung in der Grundsubstanz des die 
Gefässherde umgebenden Knorpelgewobes, welche Ablagerung zur 
Umwandlung des Knorpelgewebes zu osteoidem führt. Von den Blut- 
gefässen geht die Ausschmelzung des Gewebes weiter; es entstehen 
mächtige, mit Gefässen und Markzellen erfüllte, buchtige Bäume, 
zwischen welchen ein Balkenwerk von osteoidem Gewebe übrig bleibt. 
An den Bruchflächen des Knochens kann man den Zusammenhang 
der buchtigen Ausschmelzungsräume des entzündeten, compacten 
Knochengewebes mit jenen des anstossenden, neugebildeten osteoiden 
Gewebes diroct verfolgen. 

Ueberblicken wir die Reihe der angeführten Thatsachen, so er- 
kennen wir eine, bei der Blut- und Gefassneubildung im Knochen- 
und Knorpelgewebe constant wiederkehrende Gesetzmässigkeit, und 
wir sehen andererseits eine Bestätigung der schon oft vertheidigten 
inselförmigen Blutbildung. 



Blutgefässe im Knochen und Knorpel. 191 

Th. Schwann*) hat in der Eeimhaut eines etwa 36 Stunden 
bebrüteten Hühnereies durch Verlängerung nach verschiedenen Kich- 
tungen hin sternförmig gewordene Zellen, die »Capillargefässzellen« 
beschrieben, und die Blutkörperchen als junge Zellen aufgefasst, die 
sich in der Höhle jener Gapillargefässzellen bilden. 

C. Rokitansky*) war bekannt, dass bei gewissen krankhaf- 
ten Vorgängen, zumal bei Krebsbildung in Zellen, die in einem 
schlauch- oder kolbenförmigen Auswachsen begriffen sind, Blut neu 
entsteht. Er hat das genannte Auswachsen als Gefässneubildung 
aufgefasst. Er hat auch die insulare Blutbildung beim Entzün- 
dungsprocesse dargethan. 

Die Frage der Gefassneubildung kam neuerlich in Fluss durch 
S. Stricker's Studien über den Bau und das Leben der 
capillaren Blutgefässe^), durch welche festgestellt wurde, dass 
das Capillarrohr hohles, mit einer Summe von Lebensäusserunge^ 
ausgestattetes Protoplasma sei. In denselben Studien ist ausge- 
sprochen, dass ein solider Faden, ein Ausläufer des Gefassrohres, 
nachträglich hohl wird. Eben daselbst ist eine Beobachtung am 
Froschlarvenschwanze niedergelegt von blutkörperhältigen Gefässen, 
welche an beiden Seiten blind in sehr feine Fortsätze ausliefen. 

E. Klein (Das mittlere Keimblatt in seinen Bezie- 
hungen zur Entwicklung der ersten Blutgefässe und 
Blutkörperchen im Hühnerembryo)*) endlich zeigt, dass in 
der ersten Hälfte des 2. Bruttages in der Keimscheibe des Hühner- 
Embryo einzelne Elemente des mittleren Keimblattes Vacuolen auf- 
weisen, und von der Protoplasmawand der Blasen, der ersten Anlage 
eines Gefassrohres, theils gefärbte, theils ungefärbte Zellen (Blut- 
körperchen) in den Innenraum der Blasen sich abschnüren. In ande- 
ren, zum Theile vielkemigen Zellen desselben Keimblattes erfolgt in 
deren Centrum endogene Bildung von Blutkörpem, während die 
Peripherie der Zelle zur Endothelwand des Gefassrohres wird. 



*) Mikroskopische Untersuchungen über die üebereinstimmung in 
der Struetur u. d. Wachsthnm der Thiere und Pflanzen. 1839. 
^) Handbuch d. allg. patholog. Anatomie. 1846. 
^) Sitzungsber. der Wiener Akad. d. Wissensch. 1865. 
*) Sitzungsber. d. Wiener Akad. d. Wissensch. 1871. 



192 Heitzmann. 

Mit diesen Beobachtungen über Blut- und Gefässbildung stehen 
nun die Meinigen in principiellem Einklänge. 

Lebendes Protoplasma, in dem als »hämatoblastisch« 
bezeichneten Zustande, ist das Materiale, aus welchem 
die rothen Blutkörper sowohl, wie die Gefässwand her- 
vorgehen. 



Erklärung der Abbildungen. 
Zu Taf. n. 

Fig. 1. Aus einem Flachschnitte des normalen Schulterblattes Yon 
einem jungen, erwachsenen Hunde. Umbildung des Blutge- 
fässes zu Knochengewebe. Holzessig-Präparat. Vergr. 800. 

Fig. 2. Aus einem Querschnitte der normalen, injicirten Tibia von 
einem jungen, erwachsenen Hunde. Das gemeinsame Lamel- 
len-System umschliesst 2 kleinere Lamellenlagen, deren Eine 
im Centrum a eine Knochen zelle besitzt, während die andere 
daselbst ein Blutgefäss aufweist. Chromsäure - Präparat. 
Vergr. 800. 

Fig. 3. Aus der osteoiden Schicht einer 4-tägig entzündeten Sca- 
pula-Platte vom Hunde, aa Höhlen mit gelben, glänzenden 
Klumpchen ; h und c vacuolenhältige und in die Länge 
gezogene hämatoblastische Substanz ; d Gefässschlauch, 
durch quere und schiefe Sepimente in Fächer getheilt, welche 
hohle Ausläufer besitzen. Chromsäure-Präparat. Vergr. 800. 

Fig. 4. Aus der Scapula-Platte einer Katze, am 3. Tage der Ent- 
zündung. Blind endigender Gefässschlauch, welcher in ein 
im Ausschmelzungsraume yerlaufendes Blutgefäss einmündet. 
Seine Spitzen ist von Vacuolen durchbrochene hämatoblastische 
Substanz, deren Hörner direct in die Gefässwand übergehen ; 
bei b ein Sepimentrest. Chrom säure-Präparat. Vergr. 800. 

Fig. 5. Aus der 4-tägig entzündeten Scapula-Platte von einem Hunde. 
Bei aa Grenze des Knochens gegen einen Ausschmelzungs- 
raum. In diesem liegen bluthältige Hohlräume, deren gelbe, 
glänzende Schale theils vollkommene, theils durchbrochene 
Sepimente erzeugt. Bei cc sind in der Entwicklung weiter 



^ 



Erklärung der Abbildungeo. 193 

vorgeschrittene Gefässschläuche mit Sepimentresten. Chrom- 
säure-Präparat. Vergr. 800. 
Fig. 6. Ans einer mit dem Glüheisen verletzten. Hunde -Tibia am 
8. Tage der Entzündung. Kleiner Ausschmelzungsraum, des- 
sen Inhalt peripher spindelförmige Elemente bilden, während 
central ein blasskömiger und rothe Blutkörper tragender 
Protoplasmaklumpen liegt. Chromsäure-Präpar. Vergr. 800. 

Zu Taf. in. 

Fig. 7. Aus einer mit dem Glüheisen verletzten Hunde -Tibia am 
8. Tage der Entzündung. Querdurchschnittener kleiner Aus- 
schmelzungsraum, welcher einen, von einer dicken, gelben, 
glänzenden Wand begrenzten, rothe Blutkörper führenden 
Gefässschlauch besitzt ; an der Innenfläche desselben liegen 
Hämatoblasten, an die Aussenfläche lagern sich spindelför- 
mige Elemente an, die zum Theile selbst wieder hohl und 
bluthältig sind. Mit Goldchlorid gefärbtes Chromsäure-Präp. 
Vergr. 800. 

Fig. 8. Aus derselben Tibia, nahe dem Bohrloche. Querschnitt 
eines Schlauches oder eines buchtigen Baumes, welcher aus 
3 grossen, mit einander verschmolzenen Protoplasmakörpern 
hervorgegangen ist. Central enthalten dieselben theilweise 
aus der Lage gerissene, rothe Blutkörper ; an der Periphe- 
rie sind noch die Kerne erkennbar. Die mehrschichtige 
Schale hängt vermittelst eines soliden Gewebszuges mit 
einem ähnlichen, kleineren Gebilde zusammen, und stellt 
die Grenze dar gegen die den Ausschmelzungsraum erfül- 
lenden Markelemente. Chromsäure-Präp. Vergr. 800. 

Fig. 9. Aus dem Kalkkeme des normalen Condyl. femoris von 
einem 6-wöchentlichen Hunde. An der Grenze des noch 
nicht ausgeschmolzenen Knorpels a sind buchtige Bäume, 
welche Hämatoblasten führende Kölbchen b enthalten, deren 
Spitzen c solid, oder in Höhlung begriffen erscheinen. Die 
Ausschmelzungsräume sind von Bälkchen verkalkter Knor- 
pelgrundsubstanz umsäumt. Frisches Präparat. Vergr. 800. 

Fig. 10. Aus dem Knorpelrande der normalen Scapula-Platte von einer 
jungen, kaum erwachsenen Katze. Bei a die gelben, glän- 
zenden, von Vacuolen durchbrochenen Elemente des Knor- 



1 94 H e Ux m a n n. ErU9niiig der AMHldimgen. 

pels. Bei b eine blnthältige, allseitig abgeschlossene Enor- 
pelhöhle ; bei c aus Enorpelhöhlen hervorgegangene Ans- 
schmelznngsränme mit blnthältigen Eölbchen. Frisches Prä- 
parat. Vergr. 800. 

Fig. 11. Abschnitt von der Kante eines durch Anbohrung mit dem 
spitzen Eisen verletzten äusseren Condyl. femor. einer Katze. 
7-tägige Entzündung. In der streifig gewordenen Grui^d- 
substanz liegen nebst Gruppen blasser Zellen spindelför- 
mige, bluthältige Bäume. Von dem bei a dargestellten 
Baume gehen solide Züge bb hämatoblastischer Substanz 
durch das Gewebe zu einzelnen Blutkörpem und von die- 
sen zur Wand des blnthältigen Gefassrohres c. Frisches 
Präparat. Vergr. 800. 

Fig. 12. Aus dem 14 Tage alten Knorpel-Gallus der gebrochenen 
Tibia einer Katze. Bei a Bildung von Kölbchen, deren In- 
halt zellige Elemente und vereinzelte rothe Blutkörper dar- 
stellen ; bei b eine ähnliche Bildung mit 3 Blutkörpern. 
Bei cc blind endigende bluthältige Gefassschläuche mit Ein- 
schnürungen; d ein fast cylindrischerGefässschlauch. Ghrom- 
säure-Präparat. Vergr. 800. 



^>$i38^3c^ 



Zur Lehre von der Embolie der Arteria centralis 

retinae 

von 

Lndwig Maathiier. 

(Hiezu Tafel IV.) 



Zur Lehre von der Embolie der Arteria centralis retinae erlaube 
ich mir hier einige Beiträge zu liefern. In Betreff des in Bede stehen- 
den Leidens muss ich im Allgemeinen bei der Yor Jahren ausgespro- 
chenen Ansicht bleiben, dass der deletäre Process im Auge, welcher 
zu den die Embolie der Netzhaut -Centralarterie charakterisirenden 
Veränderungen fuhrt, gar manches Bäthselhaffce darbietet, dass nur 
in den exquisiten Fällen wirklich Embolie der Centralarterie anzu- 
nehmen sei, in der grossem Mehrzahl der bezüglichen Erankheits- 
bilder aber ein anderes noch nicht erkanntes Leiden zu Grunde lie- 
gen dürfte. Auch die neueren experimentellen Untersuchungen Cohn- 
heim's über Embolie, sowie die erneuerten Angaben Wolfring^s 
und Leb er 's über den Gefässverlauf sind nicht geeignet, spedell 
über das Bild der Embolie der Arteria centralis retinae 
ein helleres Licht zu verbreiten. 

Eine der dunkelsten Erscheinungen in der Lehre unserer Em- 
bolie ist unstreitig die, dass in einzelnen der beschriebenen Fälle 
der dauernden Erblindung oder Herabsetzung des Sehvermögens eine 
vorübergehende voranging. 

Schnelleres^) 50jährige, wahrscheinlich an einer Krankheit 
der Aortenklappen leidende Patientin hatte 14 Tage, ehe Embolie 
der Centralarterie des rechten Auges eintrat, auf eben diesem Auge 



») Gräfe'ß Archiv VÜI. i. p. 27i. 



196 Hauthner. 

in wenigen Minuten das Sehvermögen verloren, so dass eine bren- 
nende Kerze nicht mehr erkannt wurde, am andern Tage aber war 
das Sehvermögen wieder derartig hergestellt, dass Patientin nicht 
weiter darauf achtete. 

Bei einem 46jährigen Landwirthe, welcher nach Knappes An- 
sicht mit einem Aneurysma der Carotis communis dextra behaftet 
war, hatte vor der Erblindung des rechten Auges durch Embolie 
dieses Auge sich schon früher einmal plötzlich verdunkelt in dem 
Maasse, dass nur noch grössere Gegenstände wahrgenommen werden 
konnten. Diese Störung hielt einige Tage an, um plötzlich wieder zu 
verschwinden *). 

V. Wecker^) erhielt von einem Kranken, bei welchem Embolie 
der linken Art. centr. retin. eingetreten war, die Mittheilung, dass 
ehe derselbe das Sehvermögen in seinem linken Auge gänzlich ver- 
lor, sich mehrere Male des Abends das Sehfeld plötzlich auf der 
linken Seite verdunkelt habe, dass aber, beim Beiben des Auges und 
der umgebenden Theile durch einige Momente, das Sehvermögen wie- 
der zurückkehrte und allmälig zur normalen Höhe sich hob. 

Ich will, um genau zu sein, noch erwähnen, dass Fano^^ in 
der Anamnese der Krankengeschichte einer Embolie der rechten Cen- 
tralarterie anführt, dass der Kranke 23 Jahre zuvor in Afrika mehr- 
mals sein Sehvermögen (es wird nicht bemerkt, ob blos auf Einem 
Auge) zeitweilig in der Art verlor, dass es nach Ablauf einiger 
Stunden sich immer wieder herstellte. 

In einem Falle eigener Beobachtung *) war ein 3 2jähriger Zim- 
mermann 4 Wochen zuvor, ehe er durch Embolie das Sehvermögen 
seines linken Auges für immer verlor, an dem nämlichen Auge plötz- 
lich für einige Minuten vollständig erblindet und brachte, als er sich 
2V2 Monate später wieder vorstellte, die Klage vor, dass er vor einigen 
Tagen auch an dem noch erhaltenen rechten Auge einen Anfall von 
vorübergehender, einige Minuten währender vollständiger Blindheit er- 
litten habe. Bei diesem Kranken hatte Primarius s e r Insufücienz 



1) Gr&fe's Archiv XIV. i. p. 212. 

*) Traitö des maladies du fond de Toeil etc. 1870 p. 150. 

*) Annales d'oculistique. 52. Bd. 240. 

*) Lehrbuch der Ophthalmoscopie p. 342. 



Einbolie der Art. centralis retinae. 197 

der BicQspidalis und leichte Stenose des Ostium venosnm sinistram 
constatirt. ' 

Schneller sagt über die YOröbergehende Erblindung: »Es hat 
die Hypothese ungemein Tiel Annehmbares, dass der Pfropf schon 
bei dem ersten Erblinden in die A. ophthalmica geschleudert, diese 
nur vorübergehend und unvollkommen verstopft habe, 14 Tage spä- 
ter durch den andrängenden Blutstrom weiter vorgedrängt, den Blut- 
lauf fast völlig aufgehQben habe« (p. 274). Beruht die Anfuhrung 
der Arteria ophthalmica nicht auf einem Druckfehler, dann ist 
die gegebene Erklärungsweise nicht leicht möglich. Ein so kleiner 
Pfropf, der in die Art. centralis fahren kann, ist nicht, im Stande 
die Art. ophthalmica vorübergehend und unvollkommen zu »verstop- 
fen«, eben so wenig ist anzunehmen, dass derselbe an irgend einer 
Stelle der Ophthalmica ruhig durch 14 Tage sitzen bleiben und dann 
erst wieder weiter befördert werden könnte. Soll es statt Ophthal- 
mica »Centralis retinae« heissen, dann gilt ein Theil derselben Be- 
denken. Es ist nicht leicht einzusehen, wo und wie der Pfropf durch 
14 Tage sass, sowie dass nicht nach dieser Zeit solche Veränderungen 
mit ihm vorgegangen wären, dass an einfache Weiterbeförderung 
nicht zu denken ist. 

Knapp lässt es für seinen Fall unentschieden, ob der vorüber- 
gehende Anfall von Schlechtsichtigkeit in einer »chorioidealen oder 
partiellen retinalen« Embolie seinen Grund hatte (p. 242). Was die 
von Knapp überhaupt aufgestellten Merkmale einer chorioidealen 
Emboüe anlangt, so möchte ich bemerken, dass die Embolie einer 
kurzen hinteren Giliararterie »wegen der ausserordentlich reichen 
Gefässanastomosen in der Aderhaut« — ich bediene michKnapp's 
eigener Worte — ein für die Aderhaut-Circulation vollkommen gleich- 
giltiges Ereigniss und von keinerlei Erscheinungen in der Aderhaut, 
noch viel weniger in der Netzhaut gefolgt und daher überhaupt 
nicht diagnosticirbar sein dürfte. Auch die Diagnose einer partiel- 
len Embolie, d. i. einer theilweisen Verstopfung des Stammes 
der Oentralschlagader ist mit Vorsicht aufzunehmen. Erfahrungsmäs- 
sig genügt eine sehr geringe continuirliche arterielle Blutzufuhr 
— ich erinnere an so manche Fälle von Neuritis optici und an die 
Ischämie der Betina im Stadium asphycticum der Cholera — um 
die Ernährung und Functionsfähigkeit der Netzhaut zu erhalten und 
selbst ein unterbrochener Blut6trom, wie er sich durch 'das Auftre- 



198 Mauthner. 

ten des Arterienpulses kundgibt, braucht nicht nothwendig Verdunk- 
lung des Sehfelds herbeizufähren ^). Auch kann man sich nicht 
vorstellen, dass ein Embolus frei im Lumen des Gefässes, bloss an 
einer Wand desselben angedrückt hafte, ohne von dem noch vorbei- 
strömenden Blute weiter fortgerissen zu werden, bis zu einer Stelle, 
wo er vollständig obtnrirt. Man müsste sich nur einen eigenthüm- 
lich durchbrochenen resistenten Pfropf vorstellen, der das Gefässlu- 
men erfüllt, durch dessen Lücken aber noch etwas Blut hindurch 
getrieben werden kann. 

V. Wecker deutet die der Embolie bisweilen vorhergehende Er- 
blindung nicht genauer. Er bezeichnet sie blos als eine Art Aura 
(une Sorte d'aura). 

Ich selbst erlaubte mif anlässlich meiner Beobachtung die Be- 
merkung (1. c. p. 351): »Mit dem Ophthalmoscop wurde noch nie- 
mals die Untersuchung während eines derartigen Anfalles vorgenom- 
men. Inder übrigen Zeit bot der Augengrund nichts Abnormes dar.* 
Indem ich dann auf die Möglichkeit eines arteriellen Gefässkrampfes 
unter gewissen Umstanden hinwies, führte ich weiter aus, dass die 
der Embolie vorangehenden zeitweiligen Erblindungen unerklärlich 
sind, weil hier kein vernünftiger Zusammenhang zwischen Gefäss- 
krampf und folgender Ffropfbildung aufzufinden, weil die Annahme 
einer vorübergehenden embolischen Verstopfung der 
Centralarterie, ebenso wie die einer zu jener Zeit schon beste- 
henden retrobulbären Neuritis unhaltbar, und noch unhaltbarer die 
Annahme sei, dass es sich unter solchen Umständen um eine be- 
schränkte Himembolie an den Ursprungsstellen des Nervus opticus 
handle. Ich schloss mit der Bemerkung, dass an dem rechten 
Auge unseres Patienten, welchem vielleicht gleichfalls vollständige 
Erblindung droht, keine Veränderung am Sehnerven, der Netzhaut 
oder im Gefasscaliber nachweisbar sei. 

Die Gunst des Zufalls hat mich nun eine Beobachtung machen 
lassen, welche das Eintreten vorübergehender vollständiger Erblin- 
dung, wie ich es der dauernden Erblindung in einem Falle von Em- 
bolie vorangehen sah, vollkommen erklärt und mich gleichzeitig zur 
Zurücknahme eines eben angeführten Ausspruchs nöthigt. 



*) S. 0. Becker in Gr&fc's Archiv XVm. i. p. J87. 



Embolie der Art. centralis retinae. 199 

Es war an einem Sommermorgen des Jahres 1870, als ein etwa 
60jähriger Herr mich mit der Klage aufsuchte, dass er seit dem 
Erwachen, etwa seit 1 Vs Standen an seinem linken Ange eine Yer- 
donklnng wahrnehme, die sich bald steigere, bald wieder zurückgehe. 
Da Patient durch das Tragen Yon Concavgläsem seine Myopie doca- 
mentirte, dachte ich vor Allem an Netzhautablösung. Indem ich eine 
oberflächliche Prüfung begann, zeigte sich zunächst, dass noch Fin- 
ger auf einen Fuss Entfernung gezählt wurden, aber während ich 
die Prüfung fortsetzte, nahm das Sehvermögen immer mehr ab, so 
dass nach ungefähr einer Minute nur noch quantitative Lichtempfln- 
düng vorhanden war. Als ich sofort die Augenspiegeluntersuchung 
vornahm, ersah ich, dass während meiner Prüfung totale Embolie 
der Arteria centralis retinae eingetreten war. Hatte noch Niemand 
ausser mir das Glück, unmittelbar nach eingetretener Embolie den 
Angengrund zu untersuchen, so war es doch andererseits ein Miss- 
geschick, dass ich nicht 1 oder 2 Minuten vorher die Spiegelunter- 
suchung begonnen. Es hätte sich dann die totale Embolie unter 
meinen Augen entwickelt. Der Spiegel zeigte Nichts als hochgradige 
Verdünnung der Arterien. Auf der Papille und etwa einen Papillen- 
durchmesser weit waren sie bei der Vergrösserung des aufrechten 
Bildes — das Auge bot M Vs <iar — noch als rothe Streifen sicht- 
bar, dann eine Strecke weit nur bei grösserer Aufmerksamkeit noch 
zu verfolgen, ihre peripherste Ausbreitung aber nicht zu sehen. Die 
Venen zeigten keine Veränderung im Vergleiche mit den venösen 
Gefässen des andern Auges, eben so wenig war eine Circulationsstö- 
rung in ihnen sichtbar, auch die Papille war nicht auffallend blasser 
als die gesunde. Wiewohl mir eine später folgende Beobachtung zu 
jener Zeit noch nicht bekannt war, so hielt ich eine Eröffnung der 
Bulbuskapsel und möglichst starke Herabsetzung des intraoculären 
Druckes für angezeigt, nicht etwa deshalb, um den collateralen Kreis- 
lauf zu beleben, sondern um wo möglich, da meiner Ansicht nach 
Nichts mehr zu verlieren war, den wie ich glaubte im Arterienrohr 
nun schon festsitzenden Mschen Pfropf durch vermehrte vis a tergo 
noch weiter hineinzutreiben und so vielleicht zu bewirken, dass er 
aus dem Stamm der Centralis in einen Ast derselben oder sich 
zersplitternd in einzelne Aeste fahre, wodurch doch wenigstens 
einzelne Aeste freigegeben, wenigstens einzelne Theile der 
Netzhaut vor Erblindung bewahrt werden könnten. 

Med. Jahrbücher 1873. IL 14 



200 Mauthoer. 

Als ich nach kurzer Zeit mit Assistent und Instrumenten zum 
Kranken angerückt kam, — war das centrale und periphere Sehen des 
embolisirten Auges wieder vollkommen normal und die Untersuchung 
mit dem Spiegel zeigte eine ganz normale arterielle und venöse Gro- 
fössausbreitung — als wenn Nichts vorgefallen wäre. Das Auge 
ist auch seitdem von jedem ähnlichen Anfalle verschont geblieben. 
Doch traten andere Symptome auf, die uns hier interessiren. Zu- 
nächst sei bemerkt, dass Patient, welcher bis dahin an keiner auf 
ein Herzleiden deutenden Beschwerde gelitten hatte, ein systolisches 
Geräusch an der Herzspitze aufwies. Einige Monate nach der Er- 
krankung des linken Auges traten in der rechten Körperhälfte 
Motilitäts- und Sensibilitätsstörungen auf. Erst wurde die rechte 
obere, dann die rechte untere Extremität »schwach«, ohne dass es 
zu wirklicher Lähmung gekommen wäre, gleichzeitig zeigte sich im 
Arm und Bein das Gefühl von Ameisenkriechen und Eingeschlafen- 
sein. Diese Erscheinungen nahmen wieder allmälig ab, sind aber 
überhaupt nicht gänzlich geschwunden, so dass z. B. wie ich vor 
einiger Zeit den Kranken klagen hörte, einzelne Pinger der rechten 
Hand die normale Sensibilität nicht wieder erlangten, die Berührung 
ein Gefühl wie bei Berührung eingeschlafener Glieder hervorruft. 
Auch über Herzklopfen und Kurzathmigkeit wird Beschwerde geführt. 

Wie ist dieser Fall in seinem ganzen Verlaufe zu deuten ? Durch 
ein Herzleiden ist die Quelle der Embolie gegeben. Es erfolgte vor- 
üb ergehende Embolie der linken Arteria centralis retinae und 
später Embolie kleiner Gefässäste in der linken Hälfte der Himbasis. 
Es muss nun erörtert werden, wie man sich die durch die angeführte 
Beobachtung unabweislich gewordene Thatsache einer vorübergehenden 
Embolie vorzustellen habe. Man bedenke, dass die Arteria centralis 
retinae ein ganz unansehnlicher Ast der Ophthalmica ist und dass 
es überhaupt Wunder nehmen muss, wenn ein Embolus die Bich- 
tung des Blutstroms in der Ophthalmica verlässt und in die Centra- 
lis wandert. Man muss sich in unserem Falle vorstellen, dass ein 
derartiger, etwa länglicher Pfropf mit seinem vorderen Ende in die 
Abgangsstelle der Centralis hineingetrieben, zu gross war, um ganz 
in die Arterie hineinzurücken ; dass der Blutstrom an diesem Embo- 
lus eine gewisse Bewegung des va-et-vient hervorrief (wodurch ne- 
ben demselben eine ganz ungenügende sehr geringe Blutmenge bald 
in etwas schwächerem, bald in etwas stärkerem Strahle vorbei in 



^mboiie der Art. centralis retinae. 201 

die Netzhaut strömte, daher der auftretende Nebel sich bald mehr 
verdichtete, bald etwas lichter ward) und dass endlich der Pfropf 
für den Augenblick mit seinem vorderen Ende in einer solchen 
Weise eingekeilt wurde, dass die arterielle Blutzufnhr zur Netzhaut voll- 
ständig oder nahezu vollständig aufgehoben, dadurch nahezu vollständige 
Blindheit gesetzt ward, während das hintere Ende noch frei in das 
Lumen der Ophthalmica hineinragte. Eine neu anstürzende Blutwelle 
konnte nun sehr wohl im Stande sein, den ganzen Embolus, dessen 
Spitze bloss in das kleine Gefäss hineingetrieben war, gleichsam 
herauszuwirbeln und im HauptgefUsse fortzutragen. Der Embolus blieb 
nicht» etwa im Stamme der Ophthalmica sitzen, er wurde vielmehr 
in einen der Endäste geworfen und dass er da keine weiteren Er- 
scheinungen hervorrief, ist wegen der zahlreichen arteriellen Anasto- 
mosen in der Haut überhaupt (Co hn he im) und der Endäste der 
Augenarterien insbesondere leicht verständlich. Die Erscheinungen» 
welche sich bei unserem Patienten nach der Embolie der linken 
Centralis, später in der rechten Körperhälfke zeigten, lassen sich 
am leichtesten und ungezwungensten durch Embolisirung einzelner 
kleiner Aeste des Basalbezirks (Heubner) der Hirnarterien und 
zwar gleichfalls der linken Seite erklären. Dass die durch solche 
Embolien gesetzten Störungen lange anhalten und einzelne derselben 
gar nicht verschwinden, ist aus dem Umstände, dass die Gefässe 
des Basalbezirks nach Heubner Endarterien im Cohnheim^schen 
Sinne darstellen, leicht zu erklären. 

Nach dieser vorliegenden Beobachtung zweifle ich nicht mehr, 
dass die bei dem früher erwähnten Zimmermann der bleibenden Em- 
bolie vorangehende Erblindung des linken, sowie die später folgende 
vorübergehende Amaurose des rechten Auges auf vorübergehender 
totaler Embolie der Arteria centralis retinae beruhte. Es ist auch 
begreiflicher Weise leider zu fürchten, dass wenn auch bisher stets 
nur die Erblindung Eines Auges durch Embolie beobachtet ist, sich 
über kurz oder lang die Gelegenheit bieten dürfte, die aufeinander 
folgende Erblindung beider Augen durch Embolie zu constatiren. 
Es sei noch schliesslich bemerkt, dass eine andere mechanische Er- 
klärung für das Verschwinden des Embolus nicht zu geben, nicht 
etwa daran zu denken ist, dass durch dessen Zersplitterung und das 
Forttreiben der Splitter in die Blutbahn der Betina die schädliche 
Wirkung hätte annullirt werden können. 



202 Mauthner. 

Wir haben im Eingange unseres Aufsatzes gesagt, dassCohn- 
heim's neuere Untersuchungen über Embolie^), sowie die erneuer- 
ten Angaben über den Gefässverlauf in der Netzhaut in die Special- 
lehre von der Embolie der Arteria centralis retinae keine Aufklärung 
bringen. Cohnheim nennt die Arteria centralis »von der Papilla 
nervi optici ab, d. i. jenseits der kleinen Verbindungen zwischen 
ihr und den Ciliararterien , welche hier den Nervus opticus durch- 
setzen*, eine »sehr vollkommene Endarterie* (pag. 72) und als Folge 
ihrer Embolie sollte demnach entweder ein nekrobiotischer Process 
oder eine blutige Infiltration (hämorrhagischer Infarct) der Netzhaut 
auftreten (pag. 70). Cohnheim führt auch zur Bekräftigung an : 
»Auch in der Retina sind weitaus in den meisten Fällen Blutungen 
nach Verstopfung der Centralarterie gesehen worden* (p. 75 u. 76) 
und an einer späteren Stelle (pag. 88), dass gewisse Verhältnisse, 
welche die Entstehung des rückläufigen Blutstroms erschweren, es 
mit sich bringen können, dass :^eine einfache Nekrose der Netzhaut 
auf die Embolie folgt, ohne alle Blutungen, die unter anderen Um- 
ständen so oft das Bild der Embolie der Art. centralis retinae com- 
pliciren.* Diesen Angaben gegenüber sei mir ausdrücklich hervorzu- 
heben gestattet, dass man nach Embolie des Stammes der Arteria 
centralis bisher weder Nekrose noch auch hämorrhagischen Infarct 
der Netzhaut beobachtet hat. Es sind allerdings in der erkrankten 
Netzhaut Blutungen gesehen worden ^) , aber diese haben nicht die 
entfernteste Aehnlichkeit mit C oh nheim's hämorrhagischem Infarcte. 
Nur in einem von Knappt) beschriebenen, als Embolie eines Astes 
der Centralis aufgefassten Falle waren Blutungen sichtbar, die 
Knapp für hämorrhagischen Infarct hält. Von einem Processe aber, 
der als Nekrose der Netzhaut hätte aufgefasst werden können, wurde 
nie etwas gesehen. Es muss auch bemerkt werden, dass es nicht, 
wie Cohnheim meint, auf der Hand liege (p. 87), dass für die Re- 
tina dieselben Ueberlegungen Geltung haben, wie für das G-ehim. 
In Folge des Einflusses des im Innern des Auges herrschenden 
Druckes auf die Circulation dürfte es in Betreff der Folgeerschei- 
nungen der Embolie, im Gegensatze zu Cohnheim 's Ansicht, von 
keinem Unterschiede sein, ob der Kranke nach der Embolie der Cen- 

*) Untersuchungen über dio. embolischen Processe. Berlin 1872. 
*) Siehe u. A. meine Ophthalmoscopie p. 340. 
') Archiv für Augen- u. Ohrenheilk. I, 1. p. 29. 



Emholie der Art. centralis retinae. 203 

tralarterie aufrecht bleibt oder auf dem Eücken liegt und dabei den 
Kopf nach hinten oder nach der einen oder anderen Seite gewendet 
hält; und was den Einfluss der Höhe des Druckes im Körpervenen- 
system anlangt} so hat bereits Leber (in seinen Bemerkungen über 
die Circulationsverhältnisse des Opticus und der Retina ^) hervorge- 
hoben, dass es ^^ nicht wahrscheinlich sei, dass der Druck in den 
Venen der Orbita eine Höhe erreicht, die den Augendruck erheblich 
übertrifft^ und dass daher ein rückläufiges Einströmen von Yenenblut 
in das Innere des Auges kaum stattfinden dürfte (pag. 35). Den 
Fall Knapp 's will Leber so erklären, dass nach Embolie eines 
Astes der Gentralarteiie zur Entstehung eines Infarcts nicht Blut ans 
der Orbita, sondern aus dem zunächst einmündenden Yenenaste der 
Netzhaut rückläufig einzuströmen braucht. So theoretisch richtig 
diese Erklärungsweise auch ist, so findet sie doch auf Knapp's Fall 
keine Anwendung, denn aus der beigegebenen Abbildung ist ersieht^ 
lieh, dass der Stamm der Vena centralis sich nicht innerhalb des 
Auges zusammensetzt und dass kein Yenenast da ist, aus dem eine 
rückläufige Blutbewegung sich hätte entwickeln können; auch sagt 
Knapp ausdrücklich: »Sehr merkwürdig war es, dass sich der Yer- 
lauf einiger derselben (der erweiterten und geschlängelten Yenen) 
nicht nach dem Sehnerven hin verfolgen liess und blos zwei sehr 
schmale Yerbindungen derselben mit anderen Yenen zu 
erkennen waren* (pag. 32). Es bleibt also selbst in Knappes Falle 
dahin gestellt, ob die Blutungen der Netzhaut als hämorrhagischer 
Infarct aufzufassen sind. 

Leber sucht auch die Erklärung dafür, warum nach Embolie der 
Centralis nicht Nekrose der Netzhaut eintritt. Er ist der Ansicht, 
dass die unmittelbare Nähe .der Choriocapillaris genügen müsse, um 
der Netzhaut so viel Ernährungsmaterial zuzuführen, dass keine Ne- 
krose entstehen kann (pag. 36). 

Wir wollten nur ausdrücklich darauf hinweisen, dass sich nach 
Embolie der Arteria centralis weder hämorrhagischer Lifarct noch Ne- 
krose der Netzhaut entwickelt, und ferner, dass in Gohnheim^s 
Untersuchungen, so werthvolle Aufschlüsse dieselben im Allgemeinen 
über das Wesen der Folgeerscheinungen der Embolie geben , für die 
Erklärung der Erscheinungen, die speciell nach Embolie der Arteria 



*) Gräfe's Archiv XVUI. t, p. Vo. 



204 Mauthner. 

centralis auftreten, für die Erklärung der eigentliümlichen Blu- 
tungen sowohl als der sonderbaren Netzhauttrübungen kein 
Anhaltspunkt zu finden ist. 

Ebenso sind Leber^s in dessen oben genannter Arbeit enthal- 
tene Bemerkungen über die Verbindung der retinalen und ciliaren 
Gefässe nur darnach angethan, um die im Gefolge der Centralis-Em- 
bolie hervortretenden Symptome, wenn möglich, noch weniger ver- 
ständlich zu machen, als sie es ohnehin schon sind. Bisher hat man 
der Anastomose des Scleralgefösskranzes mit der Arteria centralis die 
Wirkung zugeschrieben, dass durch collateralen Kreislauf wenigstens 
eine theilweise Einspritzung der Arteria centralis sich vnieder ent- 
wickeln könne und durch diese Annahme wurde wenigstens der ob- 
jective ophthalmoskopische Befund erklärt. So will ich z. B. die 
Angabe Enapp's^) anführen, d<iss in einem Falle von totaler Em- 
bolie der rechten Centralis 10 Tage nach Eintritt der Erkrankung die 
Arterien nicht mehr fadenförmig waren, sondern etwa V3 ^^s Kali- 
bers derjenigen des gesunden Auges wieder erlangt hatten und dass 
auf Fingerdruck mit grösster Leichtigkeit Arterienimpuls hervorge- 
rufen werden konnte. So will ich weiter die Beobachtung Pano's*) 
anführen, welcher nach plötzlicher Erblindung des rechten Auges 
die Gefasse der Netzhaut »filiformes« fand und hinzufügt: »quelques- 
uns paraissent möme vides de sang.« 9 Tage später heisst es: 
»Les vaisseaux rötiniens en partie remplis de sang« und 16 Tage 
nach der Erblindung, die (nach vorübergehender Besserung) dauernd 
blieb: »Les vaisseaux de la rötine sont remplis de sang.« Leber 
erklärt nun aber, dass man sich die in Bede stehenden Anastomo- 
sen zu ausgiebig vorgestellt habe, dass es sich nicht um Anastomo- 
sen gröberer Gefässe, sondern im Allgemeinen nur um capillare 
Verbindungen handle und dass, wenn man alle Thatsaohen zusammen 
halte, man nothwendig schliessen müsse, dass die Gefassverbindungen 
an der Eintrittsstelle des Opticus ungenügend seien, um bei Embolie 
der Centralarterie einen ausreichenden Collateralkreislauf zu erzeugen. 
Während Co hnh ei m die Arteria centralis erst jenseits ihrer Ver- 
bindungen mit den Ciliararterien als das Muster einer Endarterie 
hinstellt, erklärt Leber schlechtweg, dass »die Centralarterie nach 



*) Gräfc's Archiv XIV, i. p. 2ii. 

*) Annales d'oculistique 52. Bd. p. 240. 



Embolie der Art centralis retinae. 205 

Cohnheim's Bezeichnung als Endarterie zu bezeichnen sei, trotz- 
dem sich an der Ernährung der Papille und des anstossen- 
den Theiles derRetina auch die Ciliargefässe betheiligen.* 
Ist die Centralarterie wirklich eine solche Endarterie, dann muss man 
alle jene als Embolie der Centralis beschriebenen Fälle als solche strei- 
chen, in welchen eine nachträgliche, wenn auch vorübergehende theil- 
weise Füllung der Gefässs beschrieben wird, denn es ist thatsäch- 
lich nicht zu begreifen, auf welche Art unter solchen Umständen 
wieder Blut in das Gefässsystem der Netzhaut gelangen soll. Aber 
ich möchte darauf aufmerksam machen, dass gerade die pathologi- 
schen Fälle darauf hinweisen, dass der Zusammenhang zwischen 
ciliarem und retinalem Gefässsystem noch nicht vollständig ergrün- 
det ist. 

In dem Falle, welchen Knapp als Embolie eines Netzhautarte- 
rienastes beschreibt, muss, wenn es sich wirklich um Embolie han- 
delt, eine mächtige Anastomose zwischen einer Ciliararterie und dem 
betreffenden Betinalaste schon bestanden oder sich entwickelt haben, 
da zur Zeit, als Knapp den Fall sah, die embolisirte Arterie von 
der Chorioidea aus nahezu normal gespeist wurde. Das Entstehen 
dieses mächtigen CoUateralkreislaufes wurde aber von Knapp nicht 
direct beobachtet, dagegen liegt eine derartige Beobachtung von an- 
derer Seite, nämlich von Seiten Hock's*) vor. In einem Falle von 
Embolie der Centralarterie des linken Auges wurde gesehen, dass 
am 8. Tage nach der plötzlichen Erblindung von den ursprünglich 
fadenförmigen Arterien die nach oben verlaufende in der Nähe des 
oberen Papillenrandes plötzlich etwas dicker und in ihren Verzwei- 
gungen deutlicher wurde. Am 25. Tage der Erkrankung zeigt sich 
in den beiden Hauptstämmen der Arteria centralis auf der Papille 
das Blut zu »kleinen rothen Pünktchen* geronnen. Die nach oben 
verlaufende Arterie wird dagegen in der Nähe des obe- 
ren Papillarrandes plötzlich von beinahe normalem 
Kaliber und normaler Blutfällung. Auch wird bemerkt, dass 
die Circulation in der Peripherie sich wieder restituirt hatte, dass die 
gegen die Macula lutea verlaufenden Gefässe wieder constant gefüllt 
waren. Man muss es offen aussprechen, dass zur Erklärung der nach- 
träglichen Füllung der arteriellen Gefässe bei Embolie der Arteria 



*) Wiener med. Presse 1869 Nr. 4i. 



206 Uautbner. 

centralis der anatomische Befand der Capillaranastomosen an der 
Eintrittsstelle des Sehnerven nicht ausreichend sei. 



Ich habe mir die yoranstehenden Bemerkungen als Einleitung 
zu dem Bericht über nachfolgende zwei Fälle erlaubt, welche auch in 
Betreff des letzt berührten Punktes von Interesse sind. Der erste 
dieser beiden Fälle, ein ganz ausserordentlicher, wurde während mei- 
ner Abwesenheit von meinem Assistenten, Dr. Plenk, beobachtet. Ich 
hatte später selbst Gelegenheit, ihn zu prüfen. Ich gebe zunächst 
Dr. Plenk^s Aufschreibangen. 

»Der 58jährige Patient war in seinem 20. Lebensjahre lange 
krank gewesen, hatte später Gelenksrheamaüsmus überstanden und 
leidet seit langer Zeit an heftigem, meist einseitigem Kopfschmerz. 
Als er — - es sind etwa 4 Monate seitdem verflossen — sich eines 
Morgens erhob und seine Glieder gerade streckte, kam es ihm vor, 
als ziehe man ihm einen Tuchstreifen von der linken Schläfe aus 
über das linke Auge, so zwar, dass er noch gut gerade nach vor- 
wärts, aber nach links hin nichts mehr sah. Im Uebrigen befand er 
sich wohl. 14 Tage nach diesem Ereignisse verliess er früh Morgens 
das Bett, doch kaum stand er auf den Füssen, so stürzte er auch 
schon vom Schlage getroffen bewusstlos zu Boden. Nach einer halben 
Stunde kehrte das Bewusstsein wieder, doch konnte er die rechte 
Hand und den rechten Fuss nicht bewegen, das Sprechen war ge- 
hindert, die Sprache lallend, stotternd. Jedoch auch dieser Zustand 
währte nur eine halbe Stunde, so dass der ganze Insult in einer 
Stunde vollständig abgelaufen war. 8 Tage darauf kam ein ähnlicher 
Anfall, doch ohne dass das Bewusstsein verloren ging. Nur eine 
gewisse Schwere stellte sich in den rechten Extremitäten ein gleich- 
zeitig mit dem Gefühle, als ob Ameisen über dieselben kröchen. Das 
dauerte »einige Vaterunser lang*, verschwand daiin vollständig und 
kehrte nicht wieder. 

Patient suchte Hilfe wegen seines linken Auges. Seitdem vor 
4 Monaten ein Theil des Gesichtsfeldes erblindete, blieb der Zu- 
stand des Auges vollkommen unverändert. Die Prüfung des 
Sehvermögens ergibt: An beiden Augen Emmetropie und an beiden 
Augen die centrale Sehschärfe vollkommen gleich, bei- 
derseits 20/20. Das periphere Sehfeld vom Centrum des blinden 
Fleckes aus gemessen, zeigt Figur I. Erhalten ist im linken Auge 



Embolie der Art. centralis retinae. 207 

nur der rothschraffirte Bezirk, das übrige Sehfeld, schwarzschraffii-t, 
ist durch das des rechten Anges ergänzt. Die Einengung des 
letzteren nach innen unten ist, wie so häufig, Wirkung der Nase. 
Es ergibt sich also, dass im linken Auge die Fovea centralis 
noch normal fungirt, sowie auch, dass eine nächstgelegene Partie 
der Netzhaut, deren Ausdehnung — der Abstand zweier concentri- 
scher Kreise beträgt 10® — aus der Figur direct ersichtlich ist, ihre 
Leistungsfähigkeit beibehalten hat. 

Der Augenspiegel zeigt im rechten Auge nichts Abnormes. Im 
linken Auge ist die Papille blaugrün verfärbt, gefleckt, ihre Grenzen 
deutlich. Die Gefässe auffallend dünn, die Arterien mit weissen (auf 
der Papille weissgrünlichen) Streifen eingesäumt. Einen, resp. zwri 
Papillendurchmesser vom Bande der Papille sind die Arterien wegen 
ihres geringen Kalibers kaum mehr zu sehen und ähnlich verhalten 
sich die Venen. Ein Herzfehler ist nicht nachzuweisen.* 

So weit die Notizen Dr. Plenk^s. Ich glaube nicht, dass der 
Fall anders denn als Embolie zu deuten ist. Man denke an den plötz- 
lichen Ausfall des peripheren Sehfeldes, das charakteristische Aus- 
sehen der Gefässe, den apoplectischen Anfall, die vorübergehende 
rechtsseitige Lähmung. 

Habe ich schon früher^) einen Fall beschrieben, in welchem 
ein Auge mit atrophischem Sehnerven und »verdünnten* Netzhautge- 
fassen normale Sehschärfe darbot, so ist es doch eine unerhörte 
Beobachtung, dass ein Auge, in welchem das Centralgefässsystem 
der Betina vollkommen atrophirt ist, noch normale centrale Sehschärfe 
zeigt. Es war mir, als ich den Fall zu Gesicht bekam, natürlich be- 
sonders darum zu thun, die Gegend der Macula lutea genauer zu 
studieren. Leider verhinderte die sehr enge und durch Atropin sehr 
wenig erweiterbare Pupille eine vollkommen genaue Prüfung, aber so 
viel konnte ich constaiiren, dass in der Gegend der Macula 
lutea sich die von oben und unten heranstrebenden Ge- 
fässverzweigungen in der normalen Stärke zeigten, wenn 
es mir auch nicht möglich war, diese Gefässe bis zu ihrem Znsam- 
menhang mit den Central- oder anderen Gefässen zu verfolgen. Dass 
bei Embolisirung der Gentralarterie das centrale Sehvermögen voll- 
kommen intact blieb, kann ich mir nur so erklären, dass in dem 



*) Casnistik der Amaurose p. 36. 



208 Mauthner. 

vorliegenden Falle an der Macula lutea mächtige weite Ana- 
stomosen zwischen dem Ciliar- und Netzhautgefässsy- 
stem bestanden, so dass nach erfolgter Verstopfung der Central- 
arterie die Fovea centralis und die umgebenden Theile der Netzhaut 
unbehindert von den Arterien der Ghorioidea aus gespeist wurden. 
Dass auch die nächste Umgebung des Sehnerven noch functionirte, 
kann Leistung des Scleralgefässkranzes sein. 

Die Gehirnerscheinungen, welche bei unserm Kranken der Em- 
bolie der Art. centralis nachfolgten, verhalten sich analog wie in den 
an einem anderen Orte zusammengestellten Fällen ^). Auch bei un- 
serm Patienten müssen wir annehmen, dass der Embolie der linken 
Arteria centralis retinae Embolie der linken Arteria fossae Sjlvii 
nachfolgte und auch noch später eine embolische Verstopfung an 
einer Stelle der linken Gehirnhälfte stattfand. Bei dieser Gelegenheit 
muss ich darauf aufmerksam machen, dass falls es sich um dauernde 
Verstopfung der Art. fossae Sylvii handeln würde, die auftretenden 
Symptome unmöglich so rasch verschwinden könnten, wie in Land es- 
berg^s und dem vorgeführten Falle. Zwar ist nach Heubner's^) 
Untersuchungen, welche die vielfachsten innigen Communicationen 
der Verzweigungen der drei grossen Himarterien im Rindenbezirk 
feststellen, erklärlich, dass nach Embolie der Arteria fossae Sylvii 
Bewusstlosigkeit gar nicht eintritt (siehe Pagenstecher *s und 
Jackson 's speciell hierher gehörige Fälle) oder aber bald wieder 
schwindet. Aber nicht erklärlich ist das rasche Verschwinden der 
Lähmungserscheinungen und der Sprachstörungen, da die aus dem 
Basalbezirk der Art. fossae Sylvii entspringenden, den mittleren Theil 
des Streifenhügels und den Linsenkern versorgenden Gefässe Endar- 
terien sind (Heubner). 

Es liegt nahe anzunehmen (und auch Landesberg sprichtvon 
der Möglichkeit einer Lockerung und Wegschwemmung des Embolus), 
dass man es unter solchen Verhältnissen nur mit einer vorübergehen- 
den Embolie der Arteria fossae Sylvii zu thun hat, in der Art, wie 
wir uns die vorübergehende Embolie der Centralis vorstellen. Und 
wie es uns keine Sorge machte zu erklären, wie es komme, dass 
der aus der Centralis herausgerissene Embolus in der Blutbahn der 
Ophthalmica weitergetrieben ferner keinen Schaden anrichtet, so ge- 



1) Ibidem p. 40. 

*) Med. Centralblatt 1872 Nr. 52. 



Embolie der Art. centralis retinae. 209 

lingt es anch eine ähnliche Erklämngsweise für das weitere Schick- 
sal des Embolus der Arteria fossae Sylvii zu finden. Aus der letzte- 
ren herausgewirbelt kann er nur in die unmittelbar anstossende 
Arteria corporis .callosi geworfen werden. Nehmen wir nun an, dass 
er in dieser letzteren vor dem Abgang der Communicans anterior 
(resp. vor dem Verschmelzen beider Arteriae corp. callosi zu Einer) 
stecken bleibt, dann sitzt er im Circulus Willisii und ist vollkommen 
unschädlich gemacht. Ich halte diese Annahme für wahrscheinlicher, 
als die allerdings nicht absolut unmögliche, dass der Embolus in der 
Arteria fossae Sylvii selbst zersplittert wird und dass die Splitter in 
die im Bin den bezirk sich verzweigenden Aeste der Arterie wan- 
dern. In diesen wurden sie dann auch unschädlich stecken bleiben. 
Das Unwahrscheinliche dieser Erklärungsweise liegt jedoch darin, dass 
die Splitter des Embolus ausschliesslich in die Arterien des Bin- 
denbezirkes einwandern müssten und durchaus nicht in jene des 
Basalbezirkes gelangen dürften, denn Emboli, die in letzteren 
Gefässen stecken bleiben, müssen, wenn sie nicht vermöge ihrer 
Kleinheit bloss zu Capillarembolien Anlass geben, dauernde Stö- 
rungen hervorrufen. 

Ich schliesse mit der Vorführung eines Falles von Embolie 
einzelner Aeste der Arteria centralis retinae. Frl. X. be- 
merkte vor 5 Jahren, als sie 15 Jahre zählte, eines Morgens beim 
Waschen, dass ihr linkes Auge plötzlich erblindete. Es zeigte sich, 
dass sie auf demselben wirklich ihr Sehvermögen verloren hatte. 
Dieser Zustand dauerte aber nur eine halbe Stunde, dann kehrte das 
Sehvermögen plötzlich, aber nicht nach allen Bichtungen hin zurück 
und blieb nach der Angabe der Kranken von dieser Zeit an im 
Status quo. Patientin suchte damals bei Prof. Bothmund Hilfe, 
welcher die Diagnose auf Embolie einzelner Aeste der Centralis stellte. 
Ich selbst sah das Fräulein zum ersten Male am 24. Februar 1871, 
3 Jahre nach Eintritt der Erkrankung. Was das Sehvermögen des 
erkrankten linken Auges anlangt, so war bei der ersten Vorstellung die 
centrale Sehschärfe nahezu normal und von der des rechten Auges 
kaum verschieden. Es wurde linkerseits noch U, A, G, L von Nr. XX 
Snellen auf 20' erkannt, während das rechte Auge auch keine grössere 
Sehschärfe als 20/20 darbot. Ich will bemerken, dass das centrale Seh- 
vermögen in unserm Falle sichtlichen Schwankungen unterworfen ist 
und z. B. bei der letzten Prüfung am 14. Dec. 1872 nur 20/40 betrug. 



210 Maothoer. 

Die Ausdehnung des peripheren Sehfelds ist in Fig. II wiedergegeben. 
Im äusseren unteren Quadranten hat das Sehfeld eine voll- 
kommen normale Ausdehnung und in diesem ist auch die Lichtem- 
pfindung vollkommen normal; hier wird das weisse Quadrat des 
Förster^schen Perimeters ebenso deutlich gesehen, wie in dem ent- 
sprechenden Quadranten des anderen gesunden Auges. In der etwas 
dunkler schraffirten Zone, welche sich an diesen Sector nach oben 
anschliesst, wird zwar das weisse Quadrat auch noch, aber nur sehr 
undeutlich und in der am dunkelsten gefärbten Partie über dem 
blinden Fleck, von dessen Centrum aus das Sehfeld aufgenommen 
ist, noch die Bewegung des Schlittens, ein schwarzer Schatten, das 
weisse Quadrat aber nicht mehr wahrgenommen. Das übrige Seh- 
feld, schwarz schraffirt, fehlt vollständig, in der Zeichnung ist es durch 
das Gesichtsfeld des gesunden Auges ersetzt. 

Mit dem Augenspiegel zeigt sich ein ausgezeichnetes Bild. Die 
obere Hälfte, besonders aber der obere innere Quadrant der Papille 
des em nietropischen linken Auges ist rosaroth, die untere Hälfte ist 
blassgrün ohne Spur von Roth, die Lamina cribosa, sowie die Haupt- 
stämme der Centralgefässe, d. i. die Yereinlgungsstellen der auf dem 
Sehnerveneintritt verlaufenden Gefässäste sind nicht sichtbar. Man 
sieht, ausser kleineren Aesten, auf der Papille nach' innen und oben 
ziehend eine Arterie und eine begleitende Vene, ebenso nach aussen 
und oben eine Arterie und eine begleitende Vene, nach unten zwei 
Arterien und zwischen ihnen Ein venöses Gefäss. Nur die nach in- 
nen und oben gehende Arterie hat nicht bloss ein normales, 
sondern (wie aus dem Vergleiche mit der begleitenden Vene zu er- 
sehen ist) ein übernormales Kaliber, das nach aussen und oben 
ziehende arterielle Gefäss zeigt den halben Durchmesser des erstge- 
nannten, die zwei nach unten streichenden Arterien präsentiren sich 
selbst im aufrechten Bilde nur als ein paar dünne rothe Streifen. 
Das Kaliber der Venen verhält sich gerade entgegengesetzt, als das 
der begleitenden Arterien. Den geringsten Durchmesser hat die nach 
innen oben gehende Vene, sie hat einen etwas geringeren 
Durchmesser als die begleitende Arterie; die nach aussen oben 
ziehende Vene ist breiter als die erste und um Vieles breiter als die 
nebenliegende Arterie, die zwischen den zwei äusserst dünnen nach 
unten ziehenden Arterien rückkehrende Vene endlich ist hoch- 
gradig erweitert. In der Netzhaut ist keine Veränderung nachwiöisbar 



Embolie der Art. centialis retioae. 211 

Das oplithalmoscopische Bild und der Gang der Erblindung ist 
80 zu deuten, dass durch einen Embolus der Hauptstamm der Art. 
centralis retinae des linken Auges zunächst vollständig verstopft 
wurde, dass dann, nach einer halben Stunde, der Embolus vorrückte 
und zersplittert in einzelne Aeste der Arterie fuhr, den nach 
oben innen gehenden Zweig vollkommen freilassend. In diesen 
allein stürzt nun aus dem Hauptstamme alles Blut, das sämmtliche 
Verzweigungen der Centralis zu versorgen hatte, daher die Erweite- 
rung dieses Gefässes und in Folge der mächtigen vis a tergo der 
rasche Abfluss des Blutes durch die Vene, die an Durchmesser 
nicht zugenommen hat. Die starke Füllung der anderen Venen spricht, 
da ein rückläufiges Einströmen des Blutes aus der Orbita nicht an- 
genommen werden kann, dafür, dass auch in den entsprechenden 
Arterien noch Blut circulirt, dass aber die vis a tergo besonders in 
der von unten aufsteigenden Vene wesentlich verringert ist. 

Der Umstand, dass die nach oben und innen gehende Arterie 
von der Embolie frei blieb, erklärt uns ganz trefflich, dass das Seh- 
feld im äusseren unteren Quadranten intact blieb, erklärt uns 
aber gar nicht, wie so noch die Fovea centralis und ein zwischen 
ihr und der Papille liegender Theil der Netzhaut fungirt. Die Auf- 
klärung findet man jedoch, wenn man die betreffenden zunächst nach 
oben und unten und dann nach aussen über und unter der Macula 
hinziehenden Arterien verfolgt. Da gewahrt man, dass das haardünne 
untere Gefäss nach einem Verlauf von einigen Papillendurchmessem ein 
normales Kaliber annimmt, einen deutlichen weissen Beflexstreifen in 
der Mitte zeigt und dass dessen gegen die Macula lutea strebenden 
Aeste ein vollkommen normales Kaliber haben. Ebenso sind die von 
der nach oben und aussen ziehenden Arterie zum gelben Fleck ab- 
gegebenen Aeste von solchen normalen Kalibers nicht zu unterschei- 
den. Auch hier muss also (und an der unteren so sehr verdünnten 
Arterie ist das Phänomen äusserst frappant) Blut aus Chorioidealge- 
fässen in die Netzhaut überfiiessen. Das gut pigmentirte Chorioideal- 
epithel liess die Stromagefässe der Chorioidea nirgends hervortreten 
und auch an der Stelle der auffallenden Erweiterung der unteren 
Arterie liess sich durchaus kein anastomosirendes Gefäss entdecken. 
Die treibende Kraft des Herzens ist wegen der Umwege, welche das 
Blut durch das Netz der Aderhautgefässe machen muss, in den von 
der Chorioidea gespeisten arteriellen Betinalästeu bedeutend abge- 



212 Hauthner. EmboHe der Art. centralis retinae. 

schwächt, daher die VerringernDg der vis a tergo, die Erweiterung 
der Venen. 

Es scheint auch, dass die Fovea centralis, der ans s erste 
Posten des ernährten Grebietes, nicht mehr gleichmässig ernährt 
wird, woraus ich mir die Schwankungen im centralen Sehvermögen 
erkläre. 

Doch ist die Prognose sowohl in diesem Falle, als in dem 
vorangehenden (von totaler Embolie mit Erhaltung des centralen 
Sehvermögens) in Betreff der Erhaltung des Status quo als voll- 
kommen günstig zu bezeichnen. 

In letzterem Falle verzeichnet Dr. Plenk keinen Herzfehler. In 
jenem des Fräuleins X. interessirte es mich besonders, ob eine Quelle 
für den Embolus noch jetzt aufgefunden werden könnte. Professor 
Bembold hatte die Gute die Untersuchung vorzunehmen, konnte 
aber, 5 Jahre nach eingetretener Embolie, weder am Herzen noch 
an den Gefössen eine Anomalie constatiren. 

Ich glaube, dass die zwei zuletzt berichteten Fälle gleichfalls 
ihre Stimme laut dafür erheben, es mögen die Untersuchungen über 
den Gefässverlauf in Netz- und Aderhaut nicht als abgeschlossen 
betrachtet werden. 



*.-«,c>«a^o j 




x 




Beiträge zur Eenntniss der permanenten Extension 
und zur Behandlung der Verschiebungen bei Kno- 
chenbrüchen an den Extremitäten 

Ton 
Dr. Hofmokl, 

Priyat-Docenten fOr Chirurgie an der Universität in ^ien. 



YerkürzuDgen nach EDOclienbrüchen kommen zumal bei Schief- 
und complicirten Brächen so häafig vor, dass die Aufgabe dieselben 
zu heben , am einen vollständigen Erfolg in der Behandlung zu er- 
zielen, gewiss zu einem der wichtigsten Kapitel der chirurgischen 
Therapie gehört. Die verschiedenen Methoden, die heutzutage zu dem 
Behufe in Anwendung gebracht werden, haben noch stets nicht jene 
Vollkommenheit erreicht, dass daran nichts zu ändern wäre. Wohl 
ist es im Allgemeinen richtig, dass man in der Chirurgie sich mög- 
lichst der einfachsten Instrumente und Bandagen bedienen soll, wenn 
dieselben überhaupt ausgebreitete Anwendung finden sollen, doch 
darf dieser Grundsatz nicht etwa auf Kosten der Unzweckmässigkeit 
gelten, da sonst ein solches Werkzeug bloss für den Chirurgen ein- 
fach in der Anwendungsweise ist, dem Kranken jedoch oft nicht den 
vollkommenen Erfolg bringt; daher man sich stets fragen sollte, 
welche Yerbandweise für den Kranken, was den Heilerfolg anlangt, 
die zweckmässigste, nicht aber welche die einfachste ist. Hierin 
herrscht in der Verkürzungsfrage nach Knochenbrüchen noch ziemlich 
getheilte Meinung. 

Extension behufs Ausgleichung der Verkürzung ist so ziemlich 
die harmonische Parole Aller, doch das Wann und Wie ist zumeist 
der strittige Punkt. 



216 HofmokL 

grösseren Diastase der Bruchstücke, bewirkt durch Muskelzug oder 
Intraposition von Weichtheilen. Die erstere Art der Verschiebung 
lässt sich, nur etwas hochgradiger, durch einen einfachen Contentiv- 
oder starren Verband nur schwer, letztere gar nicht heben, so dass 
hier, wenn man sich nicht bloss mit einer knöchernen Verwachsung 
der Knochenbruchstücke, unbekümmert um die spätere Verkürzung 
oder Verkrümmung der Extremität begnügen will, die permanente 
Extension durch eine bestimmte Zeit in allen ihren verschiedenen 
Anwendungsweisen in ihre YoUen Eechte tritt. 

Das »Wann soll eine permanente Extension angewendet wer- 
den?* kann nicht für alle Fälle bestimmt beantwortet werden, doch 
so viel lässt sich aussagen, dass in den meisten Fällen dieselbe 
sogleich nach erfolgtem Bruch von den Kranken weniger gut ver- 
tragen wird. Der Grund liegt in der bedeutenden Eeizbarkeit der 
verletzten Weichgebilde und der dadurch bedingten reflectorischen 
schmerzhaften Contraction der Muskeln; man bemerkt auch oft, dass 
die Fiebererscheinungen sich bei sogleich angewandter Extension 
steigern, beim Nachlasse derselben sich sogleich wieder vermindern. 
Vertragen wird daher eine permanente Extension in der Eegel besser 
nach Ablauf der ersten Beizerscheinungen, was beim einfachen Schief- 
bruch am 10. — 14. Tage eintritt, bei complicirten in der Zeit, wo 
die Knochen- und Weichtheilwunden bereits im vollen Granulations- 
zustande sich befinden und jede Extension schmerzlos ist, also in 
5 — 6 Wochen, zuweilen auch noch später. 

Nur in jenen Fällen, wo spitze Knochenbruchstücke durch ihre 
Verschiebung einen gefährlichen und schmerzhaften Druck gegen grös- 
sere Gefässe oder Nerven oder die Haut selbst ausüben, muss die 
Extension gleich in Anwendung gezogen werden. 

Die Sorge nicht früh genug extendiren zu müssen, ist daher 
eine unnöthige, indem dieselbe während der beginnenden Callusbil- 
düng gewöhnlich sehr gut vertragen, die stärksten Extensionen dem 
Krauken kaum Schmerz verursachen und der Erfolg in der Begel ein 
sehr günstiger ist; besonders gilt dies bei complicirten Brüchen, wo 
die Verbindung lange weich und nachgiebig bleibt und daher nach 
3—10 Wochen ausgeführte Extensionen von den besten Erfolgen 
begleitet sind. » 

Bei Intraposition von Weichtheilen oder eines dritten Knochen- 
bruchstückes nützt, um gute Coaptation der Bruchstüche zu erzie- 



Verschiebungen bei Knochenbrachen. 217 

len, eine blosse Extension oft; nur wenig oder gar nichts ; in diesen 
Fällen ist es nöthig, sobald die Diagnose feststeht, sogleich in tiefer 
Narkose des Kranken zuerst eine richtige Rednction, sei es durch 
Circumdüction, darch seitliche Verschiebang oder durch blossen ge- 
genseitigen Druck auf die Bruchstücke vorzunehmen und hierauf erst, 
in dieser richtigen Lage, durch permanente Extension, jedoch stets 
unterstützt noch durch einen Contentiwerband, und zwar in solchen 
Fällen am besten durch einen leicht abnehmbaren Kapsel- oder 
Schienenverband, dieselbe zu erhalten trachten. Geschieht dies nicht, 
so wird durch bloss angewandte Extension oft Gleichenlftnge der 
Extremität, aber keine knöcherne Verbindung an der Bruchstelle er- 
zielt, ein Uebelstand, welcher zu spät bemerkt, nur sehr schwer 
durch Manipulation, höchstens nur noch auf blutigem Wege zu besei- 
tigen ist, wenn nicht der Kranke eine Pseudarthrose zurückbehal- 
ten soll. 

In welchen Fällen von Knochenbrüchen wird die permanente 
Extension angewendet, in welchen kann man sie entbehren und in 
welcher Weise kann dieselbe zweckentsprechend ausgeführt werden? 

Um diese Fragen kürz und übersichtlich zu beantworten, glaube 
ich am sichersten zu gehen, wenn ich in der weiteren Auseinander- 
setzung systematisch die einzelnen Extremitätsabschnitte durchgehe* 

An der Hand, wo die Knochen oberflächlich gelagert und die 
Muskelkräfte mehr symmetrisch um die Knochen sich gruppiren, 
femer wo wie bei den Mittelhandknochen die vorhandenen benach- 
barten ganzen Mittelhandknochen natürliche Barrieren gegen eine 
Dislocation bilden, kommen Verschiebungen der Bruchstücke verhält- 
nissmässig selten vor und sind vorkommenden Falls durch einen ein- 
fachen Schienenverband aus Holz, Guttapercha, Blech, Gyps, Wasser- 
glas oder Pappe nach richtig vorgenommener Einrichtung mittelst 
entsprechend wirkenden Druckes an der Bruchstelle selbst durch an- 
gebrachte kleine Leinwandlonguetten oder Wattapolster gewöhnlich 
ziemlich leicht isu heben, nur muss der Druck massig sein und der 
Verband bei jedem Wechsel genau angelegt werden, da gerade hier, 
wo die Knochen nur dünne Weichtheilschichten decken, Dmckbrand 
leicht zu bewirken ist. 

Am schwierigsten ist in normaler Lage zu erhalten ein von 
innen unten nach oben aussen gehender Bchiefbruch des oberen 

16* 



218 Hofmokl. 

Endes des Mittelhandknochens des Daumens, wo das obere kleinere 
Bruchstück mit den beiden darüberliegenden Phalangen wie bei der 
Laxation der Basalphalanx des Daumens durch die Extensoren nach 
auf und aussen gezogen wird; aber auch in diesen Fällen lässt sich 
nach sorgfältiger Einrichtung und genau angelegtem Schienenver- 
bande die Verschiebung meist noch ohne Anwendung von permanen- 
ter Extension heben und eine Heilung bewirken. 

An sämmtlichen anderen Mittelhandknochen kommen meist nur 
leichtere Winkelstellungen der Bruchstücke vor, die denn auch durch 
einen Schienenverband zu heben sind. 

Was den Vorderarm anlangt, so kommen hier Verschiebungen 
nach Schiefbrüchen häufig genug vor und sind dieselben meist ge- 
ringeren Grades. Bei einem schiefen Kadiusbruche ist eine Verschie- 
bung des unteren kleinen Bruchstückes nach der Dorsalseite, selten 
gegen die Volarfläche, Regel, doch ist dieselbe verhältnissmässig ge- 
ring und kann durch einfache Flügelschien enverbände immer gelie- 
hen werden. Man versuchte auch hier die permanente Extension auf 
die bekannte Weise auszuführen, dass man dieselbe durch die gegen 
die Ulnarseite frei herabhängende Hand des kranken Vorderarms, 
während der letztere zwischen Pro- und Supination in einem Schie- 
nenverbaude lag, vollzog, doch ist derselbe selbst bei den stärksten 
Verschiebungen nicht nöthig, für den Kranken schmerzhaft und kann 
durch einen gut passenden Flügelschienenverband mit seitlich an der 
Bruchstelle eingelegten kleinen graduirten Compressen aus Leinwand 
ganz gut ausgeglichen werden, nur dürfen diese Compressen nicht zu 
dünn sein, damit sie wirklich durch Druck und Gegendruck auf die ver- 
schobenen Bruchstücke eine richtige Wirkung erzielen. Auch in diesen 
Fällen ist nicht gerathen, sogleich einen starren Verband anzulegen, 
da gerade geringe Verschiebungen, die jedoch bei diesem Bruche 
eine bedeutende Difformität und Functionsstörung der Hand verur- 
sachen können, und daher wohl zu beachten sind, sich am wenigsten 
durch sogleich angelegte starre Verbände ausgleichen lassen. Ver- 
schiebungen der Bruchstücke gegen den Zwischenknochenraum kön- 
nen nur durch Druck mittelst Longuetten aus Leinwand, Kork und 
Guttapercha in den Zwischenknochenraum selbst am besten ausge- 
glichen werden. 

Auch bei complicirten Brüchen beider Vorderarmknochen mit 
Verschiebung der Bruchstücke ist ein permanenter Zug höchst selten 



Yerschiebangen bei KDOchenbrflrhea. 219 

nöthig, da der Mnskelkrampf bald nachlässt und die Brnchstücke 
sich dann gewöhnlich dnrch zweckentsprechend angelegten durch- 
brochenen Seitenschienen- oder in 2 Halbkapseln getheilten starren 
Verband so günstig lagern lassen, dass eine knöcherne Verwachsung 
zn Stande kommt. 

Anf die Erzielung einer ganz vollständigen gleichen Länge mit 
der gesunden Seite wird schliesslich hier nicht so viel Gewicht ge- 
legt als an der unteren Extremität, wenn nur keine Winkelstellung 
oder Pseudarthrose zu Stande kommt. 

Die Function des Vorderarms wie der Hand bleibt in der Regel 
nach erzielter Heilung relativ gut, nur ist man nicht immer im 
Stande, wo eine übermässige Callusbildung sich eingestellt, die theil- 
weise oder gänzliche Verwachsung beider Vorderarmknochen an der 
Bruchstelle zu verhindern, wodurch dann die Pro- und Supination 
entweder ganz verloren geht oder sich theilweise noch erhält. 

Die grössten Verschiebungen an der oberen Extremität kommen 
am häufigsten am Oberarm vor und zwar im untersten Drittheil 
zumeist als Querbrüche unmittelbar über den Condjlen oder im Ge- 
lenkskörper selbst, oder als ausgeprägte Schiefbrüche im oberen Drit- 
theil in der Gegend unter- oder oberhalb der Insertionsstelle des 
Deltamuskels. 

Im ersteren Falle kommt man gewöhnlich, da man es hier zu- 
meist mit Querbrüchen zu thun hat, durch Extension in der Narkose, 
Einrichtung und Fixirung der Extremität in einer im Ellbogen im 
rechten Winkel gebeugten Stellung, durch einen sogleich in zwei 
Halbkapseln zu zerlegenden starren Verband aus, da hier durch die 
einmal eingetretene Beugung im Ellbogengelenke, andererseits durch 
das Anstemmen querer Bruchstücke eine weitere Verschiebung unter 
einem gut angelegten starren Verbände nicht so leicht möglich er- 
scheint. 

Betrifft hingegen ein Schiefbruch das obere Drittheil des Ober- 
armknochens und geht die Bruchlinie noch unter der Insertionsstelle des 
Deltamuskels schief von unten aussen nach innen oben, — dann kommt 
die schwierige Aufgabe zu lösen, nicht bloss die Verkürzung auszu- 
gleichen, sondern auch die Abweichung des oberen Bruchstückes 
nach aussen oben, zu bemeistem» ansonst keine genaue Berührung 
der Bruchstücke stattfindet und leicht Pseudarthrose eintreten kann. 



220 BofmokL 

Solche Schiefbrfiche habe ich am wenigeteD ^t heilen sehen in 
starren Verbänden, and mehrere Haie konnte man eich äbenengen, 
vie unter dem sorgfältigst öfters angelegten Gjpsverbande eine knö- 
cherne Vereintgang nicht zo Stande kam und erst dnrch Anwendung 
eines permanenten Exten sionsTerbau des mit gleichzeitigem Drack anf 
das abweichende obere fimchstäck eine solide Verwachsung einge- 
treten ist. 

Freilich sind diese Fälle im Ganzen selten, gerade deshalb mnss 
man ihnen am so mehr Anfmerksamkeit schenken. Die Aufgabe, die 
man hier zu erfüllen bat, ist durch combinirt wirkende Kräfte von 
Zag und Omck die gleiche Länge der Extremität mit der gesunden 
Seite and eine genaue Bernhning der Brncbstücke zu bewirken, die 
man auf folgende einfache Weise stets erreicht hatte. 
Fig. 1. 




Die kranke Extremität wird bei eingehaltener Bfickenlage des 

Eranken vom Stamme fast im rechten Winkel abgezogen und mit 

- im Ellbogengelenke gebeugtem Vorderarm möglichst bequem und ho- 

lizontal in den hier näher beschriebenen einfachen Eztensionsappa- 

rat gelagert. 



Verschiebungen bei Knochenbrüchen* 221 

Der Apparat (siehe Fig. 1) ein gewöhnliches dem Watt man na- 
schen Eztensionsbrett analoges bei IVs^oll dickes, viereckiges Brett, 
an welchem eina Ecke abgestutzt und gut mit Bosshaar, oder Leder 
gefuttert ist. Auf dieses Brett^ welches ziemlich schwer sein soll, 
werden nun aus Pappe, jedesmal der Länge und Grösse der Extremität 
entsprechend, zwei für sich getrennte, in der Ellbogengelenksgegend 
einen freien dreieckigen Baum lassende, halbrinn enförmig geformte 
Schienen {a u. b) mit wenigen Drahtstiften angenagelt. Die vordere für 
den Vorderarm bestimmte Schiene b ist flügeiförmig zugeschnitten, um 
den Vorderarm zwischen Pro- und Supination zu erhalten , und wird 
in ihrer Mitte mit Einem starken Drahtstifte so angenagelt, dass sie 
noch drehbar ist; die obere ist einfach haJbrinnenförmig an den 
Enden entsprechend schief abgestutzt und durch mehrere Drahtstifte 
fix angenagelt. Die Drehbarkeit der vorderen Schiene wird durch 
später auszuführende permanente Extension leicht erklärlich. Unter 
die beiden Pappschienen werden noch vor dem Annageln derselben 
je zwei, zwei Finger breite Leinenbinden zur Befestigung der Extre- 
mität auf den Schienen mit angebracht. Die zwei oberen Bänder sind 
mit ebenso breiten einfachen Schnallen versehen, um dadurch den 
nöthigen Druck auf das obere abweichende Bruchstück um so genauer 
ausüben zu können. Die zwei unteren Bänder werden einfach ge- 
knüpft. 

Die beiden Pappschienen werden nun so mit Watte und Lein- 
wand gefüttert, dass die Extremität bequem darauf gelagert ist, 
jedoch mit dem ganzen Ellbogengelenke frei Hegt, ohne das Exten- 
sionsbrett selbst zu berühren. 

An der entgegengesetzten Seite von dem abgestutzten Ende des 
Brettes ist am Bette selbst oder ausserhalb desselben eine Bolle 
angebracht, über welche nun mittelst des Crosbyshen-Heftpflaster- 
zugverbandes die Extension durch Gewichte am unteren Bruchstück des 
Oberarms auf die sonst gewöhnliche Weise ausgeführt wird. Damit 
das Extensionsbrett einen Gegenhalt hat, muss man dasselbe nach 
aussen zu durch einfache Streckbretter so fixiren, dass es über diese 
Grenze nicht hinaus kann. 

Um das stete Ausweichen des oberen Bruchstückes nach aussen 
und oben zu verhindern und ein genaues Anliegen der Knochen* 
bmchflächen zu bewirken, wird nun auf dasselbe, nachdem die Ex- 
tremität früher, um jedes Oedem zu verhindern, mit einer Bollbinde 



222 Hofmokl. 

von den Fingern bis zur Achselfalte eingewickelt ist, noch durch eine 
zweite sehr wenig gefutterte halbrinnenförmige Pappschiene (c) mit- 
telst der schon früher angeführten Schnallenbänder der n6thige Druck 
permanent ausgeübt, und so allen Bedingungen, die zu erfüllen wa- 
ren, entsprochen. 

Die hier gezeichnete Figur zeigt den Verband, wie er in Wirk- 
lichkeit in Ausführung gebracht wurde. Der Apparat ist höchst ein- 
fach, überall leicht herzustellen und für jedes Alter und rechts und 
links gleich verwendbar, da man das Brett nur umzukehren und die 
Pappschienen auf der entgegengesetzten Seite zu befestigen braucht. 

Der Einwand, dass der Druck am Thorax nicht vertragen wird, 
ist nicht richtig, da in den Fällen, in denen diese Extension ange- 
wandt, nie über ähnliche Beschwerden von Seite der Kranken ge- 
klagt wurde; andererseits lässt sich schon a priori sagen, dass dieser 
Druck nicht so stark sein kann, weil einerseits die Reibungswider- 
stände des ganzen Kückens des Kranken hier Contracxtension leisten, 
andererseits der Kranke bei Extension mittelst Gewichte stets durch 
ein geringes Zurückweichen mit dem Oberkörper ganz leicht eine 
Zeit lang ausruhen kann. Dass jedoch dieser Verband gute Dienste 
thut, habe ich mich in mehreren desperaten Schiefbrüchen des Ober- 
armes im oberen Drittheile bei älteren Leuten, wo früher durch 
4—6 Wochen alle möglichen starren und Schienenverbände in den 
verschiedensten Stellungen des Oberarms zum Stamme angewandt 
wurden, zur Evidenz überzeugt. 

Der Hauptvortheil liegt hier darin, dass man nebst Zug, durch 
die obere Pappschiene mit den Schnallenbinden auch stets einen 
nach Bedarf zu regulirenden entsprechenden Druck auf das obere 
Bruchstück auszuüben im Stande ist, und dadurch die genaueste 
Coaptation bezweckt. Ist dann nach einigen Wochen , wie es in den 
Fällen war, die ich Gelegenheit zu beobachten hatte, hinlängliche 
Festigkeit eingetreten, so dass eine fernere Verschiebung nicht mehr 
möglich erscheint, dann ist ein fixer Verband zur vollständigen Con- 
solidirung ganz angezeigt. 

In der Weise , wie der Verband hier beschrieben wurde, ist er 
hauptsächlicch bei einfachen Schiefbrüchen ohne Verletzung der 
Weichtheile von aussen angewendet worden ; ich zweifle jedoch nicht, 
dass man ihn mit einer entsprechenden Modification auch nöthigen- 
falls bei complicirten Schiefbrüchen des Oberarms anwenden könnte. 



Yerscfaiebungen bei KnocheDbrQchen. 228 

Häufiger als hier beobachtet man an der unteren Extremität 
Verschiebungen nach Knochenbrüchen, und zwar am Oberschenkel 
häufiger als am Unterschenkel. 

Ein höchst wichtiger und für die Behandlung schwieriger Kno- 
chenbruch ist der Knöchelbruch mit Verschiebung der Bruchstücke 
und Dislocation des Eusses nach der Seite. Wenn auch in vielen 
Fällen diese Verschiebung nur Geringes beträgt, so ist doch die 
Heilung in einer so fehlerhaften Stellung für die spätere Function 
des Fusses gewöhnlich eine ganz unvollkommene und solche Kranke 
können dann, trotz nur geringer sichtbarer Difformität, auf ihren Fuss 
nur sehr schwer oder gar nicht auftreten. Der Grund liegt einmal in 
dem oftmaligen Mitergriffensein des Sprunggelenkes derselben Seite, 
öfters aber in einer durch die fehlerhafte Stellung des Fusses zum 
Unterschenkel geschaffenen Prädisposition zur Ausbildung eines Platt- 
respective Klumpfusses und der damit in Verbindung stehenden ganz 
ungleichen abnormen Belastung des Fusses. Solche Kranke müssen 
dann oft mehrere Jahre hindurch Schwefelthermen anwenden, und 
ausserdem einen Stützapparat tragen, wenn sie mit einem Stock ohne 
Schmerz gehen wollen. 

Ich habe oft Gelegenheit gehabt derart geheilte Kranke in das 
reichhaltige poliklinische Ambulatorium meines hochverehrten Lehrers 
Prof. V. Dumreicher kommen zu sehen und muss hier zugleich be- 
merken, dass fast die meisten dieser Fälle angeblich gleich von An- 
fang mit starren Verbänden behandelt worden sind. 

Ich glaube, dass hier ein starrer Verband sogleich angelegt 
durchaus nicht angezeigt erscheint, gerade deshalb nicht, weil die 
Verschiebung oft nur klein ist und eine solche Difformität noch 
dazu durch die Geschwulst maskirt unter einem sogleich angelegten 
starren Verbände sehr leicht übersehen werden kann und vielleicht 
erst , nachdem eine feste Verbindung eingetreten ist, oft schon zu 
spät erkannt wird. 

In solchen Fällen eignet sich, wenn man sicher gehen will, für 
die erste Zeit entschieden besser ein einfacher Lagerungsverband in 
einem Petit^schen Blechstiefel mit der Modification, dass man nach 
Ablauf der Geschwulst zuerst ein allmäliges aber genaues Bedresse- 
ment der verschobenen Bruchstücke vornimmt, und dann erst zur 
Anlegung eines starren Verbandes schreitet. 



224 Hofmokl. 

Der gebrochene Unterschenkel wird in einem bis etwas über 
das Knie reichenden gut gepolsterten Petit'schen Blechstiefel bequem 
gelagert, hierauf der Fuss am Fnsstheil des Stiefels dnrch breite 
Heftpflasterbinden genau befestigt. Zwei Zoll beiläufig über der Bruch- 
stelle kommt nun senkrecht auf die Längsaxe des Unterschenkels 
wirkend ein Zug durch Flanellbinden entsprechend der Verschie- 
bung (bei Plattfussstellung wirkt der Zug auf den Unterschen- 
kel nach aussen, bei Elumpfussstellung nach innen) angebracht. 
Derselbe wird so ausgeführt, dass man bei 3 Zoll breite Flanell- 
binden nimmt, dieselben an der erwähnten Stelle des Unterschenkels 
über eine zusammengelegte Gompresse führt und sie dann an den 
einen Seitentheil des Steigbügels, der aus Holz sein muss, befestigt. 
Die beiden Seitentheile des Steigbügels stützen sich unten am Fuss- 
brett und oben an den Oberschenkel, besser noch an die seitlichen 
Flächen des Knies, welche Stellen man durch mehrere eingelegte 
Compressen gehörig vor Druck schützt. Um auch auf das kleinere 
untere Bruchstück im entgegengesetzten Sinne des oberen Zuges 
günstig einzuwirken, kann man dies durch schmal zusammengelegte 
Compresseneinlagen zwischen dem entsprechenden Fussrand und dem 
Seitenyorsprung des blechernen Fussbrettes ganz yortheilhaft erzielen, 
was man dann unter Einem bei der Lagerung des Fusses gleich 
thun mu^s, um auch diese Einlagen mit durch die Heftpflasterbin- 
den befestigen zu können. 

Die hölzernen federnden Seitentheile des Steigbügels einerseits, 
die Flauellbinden anderseits üben durch ihre Elasticität einen hin- 
reichend starken, dabei aber sanften Zug aus, dass die kleinste wie 
die grösste fehlerhafte Stellung des Fusses und Dislocation der 
Bruchstücke in wenigen Tagen schon, ohne dabei dem Kranken 
Schmerz zu verursachen, ausgeglichen wird. Dass dabei auch auf 
die Fussstellung selbst sehr viel Bücksicht genommen werden und 
je nach Bedarf derselbe durch schiefe Ebenen, die man sich aus 
Compressen zusammenlegt, theils in starke Pro- theils Supination 
gebracht werden muss, ist leicht ersichtlich. Durch Einlegen von 
dick zusammengelegten Compressen zwischen den Unterschenkel und 
den Steigbügel, an der dem Zuge günstigen Seite, wird jedenfalls 
der Zug auch theilweise durch Druck unterstützt und das leichtere 
Zurückweichen des entsprechenden Bruchstückes beim geringen Nach- 
lassen der Binden verhindert. Der Verband ist einfach, muss jedoch 



TerschieboDgen bd KaochenbrOchen. 225 

Überwacht imd die Züge anfangs jeden, dann jeden 2. oder 8. Tag 
etwas fester gemacht werden. 

Innerhalb 14—21 Tage tritt gewöhnlich bei einem einfachen 
Euochenbrach nnd einem sonst gesunden Individaum eine schon so 
feste Vereinigung der Bruchstücke in der richtigen SteUung ein, dass 
bei ruhiger Lage keine Verschiebung eintritt, und dieser Zeitpunkt 
scheint mir erst der geeignete zur Anlegung eines genau anliegen- 
den starren Verbandes. Nur in Fällen, wo der Kranke sehr unruhig 
(Delirium potatorum), ist ein geschlossener respective gefensterter 
GypsYerband am Platze, doch in diesen Fällen ist es stets rathsam, 
denselben sogleich in Halbkapseln zu theilen, um ihn dann, sobald die 
Unruhe des Kranken vorüber ist, bald wegzunehmen und um wo 
möglich noch bei weichem Callus die noch etwa vorhandene Diffor- 
mität auf die früher angegebene Weise durch Zug und Gegenzug 
genau zu heben, was auch gewöhnlich gelingt, nur darf damit nicht 
zu lange gesäumt werden, da sich mit der Verknöcherungsperiode 
des Callus auch die Schwierigkeit dieser Bichtigstellung steigert. Als 
geeignete Zeit dazu erscheint bei einfachen Knochenbrüchen die 
2. bis 3. Woche, bei complicirten bietet noch die 6. bis 10. Woche 
Zeit genug, um das ausführen zu können. 

Bei stärkeren Verschiebungen nach Schiefbrüchen im unteren 
Drittheil des Unterschenkels oder über demselben kommt man in der 
Kegel durch einfache Gontentiv- oder starre Verbände nicht zum Ziel 
und hier nun tritt vorzüglich der permanente Eztensionsverband, un- 
terstützt durch Druck und zwei wechselseitig seitlich wirkende Fla- 
nellbindenzüge an die Seitentheile des Steigbügels in seine vollen 
Rechte. 

Behitiv am schwierigsten zu heben sind die Verschiebungen 
am Oberschenkel. 

Die meiste Mühe und Geduld in der Behandlung erfordern die- 
jenigen Brüche, die das unterste oder oberste Drittheil des Ober- 
schenkels betreffen und schief von vom und unten nach rück- und 
aufwärts verlaufen. 

Bei Fällen ersterer Art ist besonders in erster Zeit durch die 
Stellung des unteren Bruchstückes in Folge der Contraction der 
Gastrocnemii nach rückwärts gegen die Fossa poplitea, die Lage- 
rung, noch weniger die Extension in gestreckter Stellung möglich, 
und hier kommt die Aufgabe zuerst durch Lagerung in möglichvt 



226 Hofmokl. 

im Knie gebeugter Stellung die Brnchstücke wie am meisten zu 
nähern, hierauf in der 2. oder 3. Woche durch eine leichte Exten- 
sion zuerst in gebeugte, dann in einem allmäligen Uebergange in 
gestreckte Stellung des Kniegelenkes übergehend die Verkürzung zu 
heben. Nur in dieser Weise, unterstützt noch dazu durch leichten 
Druck auf die Bruchenden von oben und unten durch Schienen, 
gelang es in mehreren Fällen solche schwierige Brüche ohne nach- 
trägliche Kniecontractur, als auch ohne wesentliche Verkürzung zur 
Heilung zu bringen. 

Die Extension wurde in solchen Fällen folgendermassen ausge- 
führt: Man lagerte zuerst die gebrochene Extremität im Hüft- und 
Kniegelenke im rechten Winkel flectirt auf zwei mit den Hypote- 
nusen aufeinander gelegte sicher zusammen gebundene und dadurch 
zu einem rechteckigen Polster umgewandelte Couper^sche Kissen, 
das Fussende wurde hierauf an die Kissen mittelst daselbst ange- 
nähter Binden befestigt, während am oberen Epiphysenende des Un- 
terschenkels mittelst eines breiten weichen Gurtes in vertikaler Rich- 
tung durch ein einfaches, über dem Bette angebrachtes Galgenge- 
stelle sammt Eolle, der Zug durch Gewichte ausgeübt wurde. Unter- 
stützt wurde derselbe noch durch zwei mit Watte gut gepolsterte 
Schienen, von denen die eine auf das untere Bruchstück von der 
Kniekehlengegend aus, die andere an der vorderen Seite des unteren 
Endes des oberen Bruchstückes durch leichten Druck mittelst elasti- 
scher Binden auf die genaue Beposition einwirken sollten. 

Bemerkt muss werden, dass eine stärkere permanente Extension 
in gebeugter Stellung durch den ungünstigen Angriffspunkt in der 
Kniekehlengegend nicht immer längere Zeit gut vertragen wurde, 
und oft musste dann dieselbe kurze Zeit unterbrochen werden, falls 
sie dem Kranken nicht zu lästig oder gar unerträglich werden 
sollte. War einmal nach 4—5 Wochen ein gewisser Grad von Con- 
solidation eingetreten, dann überging man zuerst in allmälige Strek- 
kung und extendirte hierauf noch mittelst Gewichte , um den Best 
der Verkürzung auszugleichen. In diesem Stadium fand selten ein 
abermaliges Zurückweichen des unteren Bruckstückes nach rückwärts 
statt, da der Krampf in den Fussstreckem bis dorthin aufgehört 
und die bereits eingetretene Consolidation der Bruchstücke unter 
einander dies verhinderte. Zuletzt erst wurde, wenn keine Verschie- 
bung mehr möglich war, ein leichter starrer Verband in gestreckter 



VerschiebUDgen bei KnochenbrQcheD. 227 

Stellung der Extremität angelegt und bis zur vollständigen Consoli- 
dation des Callus liegen gelassen. 

Die Schiefbrüche im obersten Drittheile des Oberschenkels, 
jedoch noch unter dem Trochanter minor sind wegen der bedeuten- 
den Kürze des oberen Bruchstückes und der geringen Möglichkeit 
auf die Stellung desselben zum unteren durch angewandten Druck von 
aussen, bei der gewöhnlichen Abweichung desselben nach vom oben 
und aussen, wenn die Bruchlinie die früher erwähnte war — ebenso 
schwierig in der Behandlung. 

Die einfache permanente Extension bei gehörig eingehaltener 
Abduction und Elevation des unteren längeren Bruchstückes führt 
nicht immer zum Ziele und auch hier bewährt sich nebst Extension 
der wechselseitig angebrachte Druck auf die Bruchenden , ausgeübt 
durch zwei bei 1V2 Zoll hohe und 3 Zoll breite, keilförmig zusam- 
mengelegte Leinwandcompressen, welche mit ihrem dickeren keilför- 
migen Ende auf die abweichenden Bruchenden aufgelegt, mittelst 
starker darüber gelegter, etwas ausgehöhlter Pappschienen und Schnal- 
lenbinden zusammengehalten werden. Diese einfache, in der Anwen- 
dung jedoch sehr exact auszuführende Methode führt zu sehr gün- 
stigen Besultaten und wird von Prof. v. Dumreicher sehr gern in 
schwierigen Dislocationen, zum allmäligen Eedressement der Bruch- 
stücke, in ziemlich ausgedehntem Maassstabe mit sehr günstigem 
Erfolge angewendet. 

Die Schief brüche , welche die Mitte des Oberschenkels treffen 
oder über derselben vorkommen, sind — falls keine Intraposition der 
Weichtheile vorhanden, für welch letztere die früher erwähnten Grund- 
sätze allgemein Geltung haben, — verhältnissmässig leichter in der 
Behandlung ; doch auch hier kommt man oft mit der einfachen Ex- 
tension nicht aus und muss ebenfaUs zu dem schon früher erwähnten 
unterstützenden Druck durch seitlich angelegte Schienen greifen. 

Schenkelhalsbrüche mit bedeutender Verschiebung bedürfen meist 
nur einer Fixirung der Extremität in der normalen Lage, so dass 
die Auswärtsrollung verhindert wird, und massige Heftpflasterexten- 
sion ohne Anwendung irgend eines Hilfsapparates. Die zweckmäs- 
sigste und einfachste Fixirung der Extremität in normaler Lage ist 
die durch zwei schwere, bis gegen das Knie reichende schmale, bei 
4 Zoll hohe und ebenso breite Sandsäcke, zwischen welchen dann 
die kranke Extremität gelagert wird (England). 



228 Hofmokl. 

Diese Grundsätze haben auch ihre Geltung für complicirte Ober* 
Schenkelbrüche, mit der Modification, dass man entsprechend der 
Verletzung der Weichtheile den Verband darnach zu richten hat und 
die Extension sowohl als das Bedressement der Bruchstücke erst für 
die Zeit aufbewahrt, wo bereits die Wunden granuliren und alle 
Eeiz- und Fiebererscheinungen gewichen sind. 

In welcher Weise die Extension an der unteren Extremität aus- 
zuführen ist, will ich hier nun näher besprechen. 

Vielfach sind heutzutage die Methoden in der Ausführung einer 
permanenten Extension. Ohne mich nun weiter in eine eingehende 
Kritik dieser Methoden, von denen jede gewiss ihre Licht- und Schat- 
tenseiten hat, einzulassen, will ich nur Folgendes im Allgemeinen 
bemerken. 

Seitdem die Extension hauptsächlich mit Heftpflaster, Leim, 
CoUodium ausgeführt wird, hat sich ihre Anwendungsweise sehr be- 
deutend vereinfacht. Da jedoch ausser Extension bei einem £no- 
chenbruch noch stets andere Bedingungen zu erfüllen sind, nämlich 
zu verhindern die gegenseitige Drehung der Bruchstücke um ihre 
Längsachse, und möglichst zu begünstigen die genaue Berührung 
der Knochenbruchflächen, so ist stets noch dazu ein Apparat noth- 
wendig, der dem Abhilfe leistet. 

Dass eine solche Vorrichtung, bestehend in einer einfachen 
Suspension, oder im freien Hingleiten auf Holzprismen vermittelt 
durch einen Gypsverband, oder endlich in Lagerung und Extension 
zwischen zwei Sandsäcken, nicht in allen Fällen vollständig ihren 
Zweck erfüllt, davon habe ich mich öfters überzeugt und daraus die 
Erfahrung gemacht, dass bei Knochenbrüchen an der unteren Extre- 
mität diese Extensionsverbände die wirksamsten und in allen Fällen 
anwendbar sind, wo die gebrochene Extremität auf eine unterbro- 
chene, jede seitliche Verschiebung jedoch verhindernde solide Unter- 
lagsschiene- bequem und sicher gelagert werden kann. Eine solide 
Schiene gewährt auch den Vortheil, dass auf ihr mittelst elastischer 
Binden durch Zug und Pappschienen sehr bequem auch ein seit- 
licher Druck auf die Bruchstücke ausgeübt werden kann, was zu- 
weilen sehr wichtig erscheint. 

Dass eine solche Vorrichtung nicht ganz einfach construirt sein 
kann, das liegt in der Sache selbst. Ein solcher Apparat muss vor 
allem leicht und in jedem Bette, das eine Matratze oder Strohsack 



¥m<iielNm« bei Kiiadicabrach«. 229 

hat, beqnem nnd ohne Eonstige Yorrichtongen angewendet werden 
können; er darf nicht zu thener, mnss leicht herzasteilen sein nnd 
nicht bloas für ein gewisses IndindoDm, Eondern für jedes Älter 
und jede OrOsse berechnet sein, dann glanbe ich ist ein solcher 
Apparat nicbt zq complicirt zo nennen, voransgeGetzt daas er allen 
Anfordemngen, die ein Extension st erband zn erföUen hat, vollkom- 
men entspricht. 

Um die Beibongswiderstände bei der Extension möglichst za 
vemngeni, ist das System der Suspension nnd das Rollen- oder R&- 
dersystem jedenfalls das zweckmässigste. Das erstere, welches frei- 
lich fast aUe Beibnngswidergt^de beseitigt, schien mir der kranken 
Extremit&t eine zd wenig sichere Lagerung zn geben nnd verlangte 
nach meiner Berechsong einen grösseren Hilfsapparat als das Boll- 
system, daher ich mich dem letzteren zuwandte nnd nach demselben 
einen Exten sionsapparat constniirte, der znr permanenten Extension bei 
Ober- wie Unterschenkelbrürhen in verschiedener Höhe nnd in jedem 
Alter, das zarte Kiudesalter ansgenommen, angewendet werden kann. 

Fig. i. 




Der Apparat (siehe Fig. 2), welcher nach dem Principe des 
V. Dnmreicher'achen Eisenbahnapparates constrnirt ist. ist — die 
Bfider, die Seitenatangen nnd einige Schranben ausgenommen — sonst 
ganz ans hartem Holz gebant nnd besteht ans einem 93 Ctm. langen, 
25 Ctm. breiten nnd Vi Ctm. dicken I'ntprlags breite (n), einer 
viertheiltgen , im Ganzen 89 Ctm. langen (das oberste erste Stück 



230 Hofmokl. 

misst 13, das zweite 9, das dritte 40, das vierte 27 Ctm.), oben 
(ohne Eehlung gemessen) 14 Ctm., unten 11 Ctm. breiten, an den 
LäDgsrändern 4 Ctm. dicken Unterlagsschiene (b) mit einem leicht 
abnehmbaren 27 Ctm. hohen, 11 Ctm. breiten, V/2 ^^^* dicken 
Fossbrett; femer ans 4 mit je 2 Metallrädem von 3 Ctm. Durch- 
messer versehenen Holzachsen (3 Ctm. breit, IV^ Ctm. dick) und 
zwei seitlich in der Kehlung der Schiene laufenden, unterbrochenen, 
ungleich langen (das längere Stück beträgt 61 Ctm., das kürzere 
20 Ctm.) von V» ^^^' ^ Durchmesser haltenden runden Stahlstä- 
ben (c). Die seitlich am Lagerungsbrette (a) angebrachten abnehm- 
baren Drahtstäbe (d) dienen nur dazu, um das zufällige Emporheben 
des Apparates vom ünterlagsbrette zu verhindern. Die seitlichen Ver- 
schiebungen werden durch zwei seitlich am ünterlagsbrette ange- 
brachte 2 — 3 Linien hohe und 2 Ctm. breite einfache Holzleisten 
verhindert. Die einzelnen Stücke der Schiene können beliebig zusam- 
mengehalten werden durch die seitlich an denselben angebrachten 
Schraubenkloben f, in denen sich die seitlichen Stahlstäbe bewegen. 

Die geringe Höhe des Apparates macht es möglich, dass man 
denselben ohne jede weitere Vorrichtung in jedem sonst für Exten- 
sionen geeigneten Bette anwenden kann. Bei zu starkem Einsinken 
der Mati'atze legt man am besten zwischen Strohsack und Matratze 
ein so grosses Brett, dass das Becken und die unteren Extremitäten 
bequem aufruhen können. 

Bei Betten, wo die Matratze auf gut gespanntem Drahtgeflechte 
oder Segeltuch (England) aufruht, bedarf man dieser Unterlage nicht. 
Unter das Becken des Kranken legt man ein gewöhnliches Eoss- 
haarkissen, oder ein Häckerlingkissen, das mehrfach in Leinwand 
eingeschlagen ist und nun kann der Apparat sogleich in Anwendung 
gebracht werden. 

Die mannigfache Verwendbarkeit besteht in folgenden Eigen- 
schaften desselben. 

Die Viertheilung desselben und die in der Fussbrettgegend an- 
gebrachten viereckigen Löcher in der Unterlagsschiene, die leichte 
Verstellbarkeit der Axen (siehe Fig. 2 bei g) ermöglichen durch die 
verschiedene Versetzung des Fussbrettes einerseits und die gänzliche 
Eliminirung eines oder zweier Stücke andererseits, dass man die Länge 
des Apparates ganz beliebig ändern kann. 



Verschiebungen bei Knocbenbrücbcn. 231 

Der Apparat arbeitet mit nur geriugen Beibungswiderständen, 
da er bloss die Beibnng zwischen den Bädern und dem Brette zu 
überwinden hat, — an der Bruchstelle geht stets das untere Stück 
der Schiene von dem oberen frei weg, während die einzelnen Theile 
des oberen und unteren Schienenstückes durch die seitlich ange- 
brachten Stahlstäbe mittelst Schrauben unter einander fest zusam- 
mengehalten werden. 

Will man die Schiene als einfache Lagerungsschiene benutzen, 
dann braucht man nur sämmtliche oder mehrere Theile derselben 
durch die zwei längeren Stahlstäbe derselben festzustellen. 

Die Anwendungsweise des Apparates ist folgende: 

Nachdem das Bett möglichst eben und wenig nachgiebig her- 
gerichtet ist, lagert man den Kranken mit etwas durch ein Bosshaar- 
kissen erhöhtem Becken bequem hin und schiebt nun hierauf den, 
nach der Bruchstelle entsprechend zusammengefügten und gut mit 
Watte und Leinwand gefütterten Extensionsapparat unter die ge- 
brochene Extremität. Der Fuss wird mittelst der Bindenschlinge, 
die vom Heftpflaster - Extensionsverbande herrührt, und mit einem 
Cravatentuche an das Fussbrett genau fixirt, die Bruchstücke be- 
festigt man entsprechend entweder mit 2—3 breiten Flanellbinden 
oder ebenso vielen Cravatentüchem an die Unterlagsschiene. Auch 
breite Heftpflasterstreifen leisten bei der Befestigung der gebroche- 
nen Extremität an die Unterlagsschiene ausgezeichnete Dienste. 

Hierauf wird auf die gewöhnliche Weise mittelst Gewichte ex- 
tendirt. Die Contraextension wird ausgeführt entweder durch breite 
Gummischläuche oder schmal zusammengelegte Leinwand, die über 
das Perinäum laufen und am oberen Bettende festgemacht werden. 
Ein&n zweiten contraextendirenden Stützpunkt verschafPt man dem 
Kranken auf die Weise, dass man ihn mit seiner gesunden unteren 
Extremität sich anstemmen lässt an einen bei 6 Zoll im Durchmesser 
haltenden, am unteren Bettende durch ein Streckbrett fixirten Holz- 
würfel, den man früher mehrmals in Leinwand einschlägt. 

Seitliche im entgegengesetzten Sinne auf die Bruchstücke wir- 
kende Züge oder ein regulirender Druck von oben mittelst Papp- 
schienen oder Binden können durch die Möglichkeit des Anlegens 
eines hölzernen Steigbügels als durch die Festigkeit der Unterlags- 
schiene ganz gut ausgeführt werden. 

UeJ. Jahrbücher 1873. II. 16 



232 Hofniokl. 

Die Unterbrechung der Schiene und die Möglichkeit der Fest- 
stellung der Stücke in jeder beliebigen Entfernung macht ihn eben 
so geeignet für complicirte Brüche des Ober- und Unterschenkels 
mit und ohne Ausübung der Extension. Die leichte Zerlegbarkeit in 
Stücke macht ihn für den Transport sehr geeignet. 

Der Preis desselben beläuft sich jetzt auf 20 fl.; er dürfte 
jedoch künftighin auch noch billiger herzustellen sein. Ausgeführt 
hat ihn nach meiner Angabe Herr Etuifabrikant E Sterins und Herr 
Instrumentenmacher Thürriegl in Wien, bei welch' letzterem der- 
selbe auch zu bekommen ist. 



-40fr- 



Ein Fall von Melanämie 

von 
Dr. S. von Basch 

Privat-Docenten an der Wiener Universität. 



Der nachfolgende Fall von Melanämie kann wohl nicht wesent- 
lich zur Erweiterung unserer Kenntnisse des bezüglichen Processes, 
soweit sie die durch anatomische Untersuchungen aufzudeckenden 
Vorgänge betrifft, beitragen, denn der Kranke, um den es sich han- 
delt, erfreut sich dermalen eines relativen Wohlbefindens. Wenn ich 
nun trotzdem denselben hier mittheile, so geschieht dies zunächst 
deshalb, weil leichte Fälle von Melanämie in der Literatur sich äus- 
serst selten verzeichnet vorfinden; die wesentlichste Veranlassung 
hiezu boten aber mehrere im Verlaufe der Erkrankung auftretende 
Erscheinungen höchst eigenthümlicher Art. 

Der Patient ist ein 32jähriger Arzt, der im Banate — einer 
ausgesprochenen Malariagegend — seine Praxis ausübt. Ausser eini- 
gen Anfallen von leichtem Muskelrheumatismus war derselbe bis 
zum Jahre 1868 gesund. In diesem Jahre bekam er einen Anfall 
von Intermittens , der sehr rasch durch Chinin coupirt wurde. Im 
darauffolgenden Jahre wiederholte sich derselbe in gleicher Weise 
wie im verflossenen, aber schon in den nächstfolgenden Jahren 1870 
und 1871 zeigten sich die Anfälle häufiger, dauerten auch jedesmal 
längere Zeit, hatten aber dafür an Intensität eingebüsst. In den Mo- 
naten März, April und Mai d. J. 1872 mehrten sich die Anfälle, so 
zwar, dass dieselben nur durch Pausen von 10—12 Tagen unterbro- 
chen wurden, also fast continuirlich währten. Der Typus der Pa- 
roxysmen blieb sich nicht gleich. 

16* 



234 Basel». 

Die Anfangs Mai 1872 auftretenden Anfälle waren einmal von 
einer Cruralneuralgie, ein zweites Mal von Schmerzen in den Nacken- 
und ßückenmuskeln begleitet und beide, die Cruralneuralgie sowohl 
als auch die Muskelschmerzen schwanden zugleich mit den Intermit- 
tensanfallen auf kräftige Chinindosen. 

Gegen Ende des Monats Juni 1872 gesellte sich zu den bis- 
herigen Beschwerden eine neue. Patient fühlte nämlich in der Urethra, 
namentlich der Fossa navicularis ein eigenthümliches Brennen, das 
sich während der Harnentleerung steigerte. Dabei kam es dem 
Pat. vor als ob sich die Blase nicht ganz vollständig entleerte. Zu 
dem erwähnten Brennen in der Urethra gesellten sich im Verlaufe 
weniger Tage ziehende Schmerzen an der Symphyse. 14 T^ge unge- 
fähr, nachdem dieser Zustand begonnen und ununterbrochen ange- 
dauert, stellte sich gleichzeitig mit heftigen allgemeinen Gelenks- 
schmerzen ein Fieber ein, das sich durch volle 3 Tage auf gleicher 
ziemlich bedeutender Intensität erhielt. Unter Kaltwasserbehandlung 
— Einwicklung in feuchte Tücher — und Gebrauch kräftiger Chinin- 
dosen .wurden Fieber sowohl als Gelenksschmerzen coupirt. 

Die vorerwähnten Erscheinungen dauerten unterdessen fort, ja 
JPat., durch die letzte Erkrankung ängstlicher geworden, fing an die- 
selben mit grosser Aufmerksamkeit zu beobachten und konnte bald 
constaüren^dass sich in dem zeitlichen Auftreten, namentlich aber 
in dem zeitlichen Anschwellen der Schmerzen ein ganz ausgespro- 
chener Typus geltend mache. Die Schmerzen begannen nämlich im 
Laufe des Vormittags, stiegen allmälig an und erreichten ungefähr 
zwischen 4 — 5 Uhr Nachmittags ihre grösste Intensität. Der im 
Laufe des Tages entleerte Harn bot mit Ausnahme einer hie und 
da bemerklichen, von leichten Schleimflocken herrührenden wolkigen 
Trübung kein abnormes Aussehen; aber der des Nachmittags zur 
Zeit der Akme der Schmerzen entleerte Harn sah schon, während er 
im Strahle abfloss, milchig trübe aus und in der Euhe setzte sich 
in demselben ein reichliches, schmutzig weisses Sediment ab, das sich 
laut der vom Pat. vorgenommenen Untersuchung nach Zusatz von 
Essigsäure löste. 

Diesem seinen Leiden gegenüber verhielt sich Pat. therapeutisch 
vollständig exspectativ. Die erwähnten Zustände dauerten auch un- 
unterbrochen und ungeschwächt fort, nur hie und da sollen die typi- 



Eje Fj£1 \<im Xfirnjouf. 2S5 

scheo Entleeransn^ii des sedunentirteiideii Hanis oud di« Sduneneu 
nach starken Chinindoseii, aber ancli spontan ausgeblieben sein« 

Anfangs Aognst kam. PaL, der zugleich an hartnackiger Ter> 
stopfong laborirte, anf den Batii einiger Aerzte nach Marienbad nnd 
fing daselbst an den Erenzbmnnen in massigen Dosen zu trinken« 
Die unmittelbar hierauf sich einstellende Wirkung war insofern eine 
ungünstige, als bei rermehiter Hamsecretion die enrihnten Schmer- 
zen nicht nur nicht nachliessen, sondern eher sich Terst&rkten und 
dass nach wie Tor reichliches Sediment typisch auftrat. 

Erst nach dieser IGsswirkung — 3 Tage nach Beginn seiner 
Cur — stellte sich mir Pak ror. Das Aussehen desselben war ein 
ausgesprochen kachektisches, durch die Percussion liess sich eine 
deutliche TergrOsserung der Leber und Müz nachweisen, die sonsti- 
gen Percussions- und Auscultationsergebnisse waren normal. 

Die angeführten anamnestischen Daten zusammengehalten mit 
dem objecÜTen Befunde der Milzrergrösserung machten es wahr- 
scheinlich, dass die gesammten tjpischen Erscheinungen als Ausdruck 
einer — allerdings nicht nSher definirbarer — Emährungsstörong 
zu betrachten seien, yon der man sonst annimmt, dass sie einer yor- 
handenen Malariakachexie und hSufig auftretenden Intermittensan- 
fallen zu Grunde liege. Der durch die Blasen- und Urethralschmenen 
auf das mögliche Vorhandensein eines Blasensteines gelenkte Ver- 
dacht war schon vorher durch die genaue Untersuchung gediegener 
Fachmänner beseitigt worden. 

Uebereinstimmend mit der Art und Weise, wie ich den Fall 
auffasste, glaubte ich nun, dass bei der Behandlung der Schwerpunkt 
vor Allem in die Bekämpfung der unzweifelhaft vorhandenen Malaria- 
disposition zu verlegen sei und ich rieth deshalb einen durch lange 
Zeit fortzusetzenden Grebrauch von Chinin an. Von einem Fortge- 
brauch des Krenzbrunnens stand ich, nicht allein geleitet durch den 
momentan auftretenden ungünstigen Erfolg, sondern vor Allem des- 
halb ab, weil ich mehrfach die Erfahrung gemacht hatte, dass nach 
Gebrauch des Marienbader Kreuz- oder Ferdinandsbrunnens sowie auch 
der Budolfsqnelle ^) chronische Blasenkatarrhe und Blenuorrhoen der 



*) Diese Angabe widerspricht, wie ich wohl wein«, den bekannten 
über die vortreflfliche inverl&ssige Heilwirkung der Marienbadt^r Budtxlf«!^ 
quelle bei chronischen Blasen- und rrethraleiitxüiidttn)^>n , kh uiiiimi »ie 



236 Basch. 

Uretbra sich verschlimmern, ja manchmal einen ganz acuten Charakter 
annehmen, und weil mir bei der vorhandenen Malariadisposition, bei 
welcher bekanntlich der Körper auf Schädlichkeiten verschiedenster 
Art mit Anfällen von Intermittens reagirt, in dieser Hinsicht die 
höchste Vorsicht geboten schien. 

Dagegen schien mir der Gebrauch GO2 hältiger Bäder indicirt 
mit Bucksichtnahme auf die bekannten Untersuchungsresultate von 
Eöhrig und Zuntz, denen zufolge bBi Bädern, welche Stoffe ent- 
halten, die als Hautreize wirken, die OAufnahme und C02Aus8chei- 
düng zunimmt, und jene von Röhrig, denen zufolge die Hautperspi- 
ration nach warmen Bädern vermehrt wird; denn es Hess sich eines- 
theils hoffen, dass ein lebhafterer Stoffwechsel den Malariapro cess 
günstig beeinflussen werde, anderntheils lag die Möglichkeit vor, 
dass bei stärkerer Hautperspiration die Harnabsonderung vermindert 
werden konnte. 

Der Erfolg der eingeschlagenen Behandlung war ein relativ gün- 
stiger, denn die typischen Neuralgien sowohl als das typische Ham- 
sediment blieben — was früher nur höchst selten vorkam — jetzt 
öfter aus, ja es vergingen oft mehrere Tage, ohne dass eine Spur 
von Sediment im Harne nachzuweisen war. Ich muss hier bemerken, 
dass ich bestimmte Angaben über die Medication deshalb nicht ma- 
chen kann, weil der Kranke die Chinindosen nicht nur nach Grut- 
dünken änderte, sondern den Gebrauch des Chinins oft grundlos 
ganz sistirte. 

Der von mir vermuthete Zusammenhang der oben beschriebenen 
Erscheinungen mit der lutermittenskachexie erhielt eine wesentliche 
Stütze durch die Resultate der mikroskopischen Untersuchung, der 
ich — ungefähr 8 Tage nachdem Pat. sich mir vorgestellt hatte — 
den Harn und das Blut unterzog. Zu der Zeit, als ich den Harn 
zum ersten Male mit dem Mikroskope prüfte, war derselbe vollstän- 
dig frei vom weissen Sedimente, zeigte jedoch einen spärlichen röth- 
lichen Bodensatz , der sich als aus Harnsäurekrystallen bestehend 
erwies. Ausser diesen und vereinzelt vorkommenden Krystallen von 
oxalsaurem Kalk fand ich zu meinem Erstaunen blasse Schollen — 



aber nichtsdestoweniger aufrecht erhalten, wenn ich auch zugebe, dass 
chronische ürethralblennorrhöen nach Gebrauch der Rudolfsquelle manch- 
mal gebessert, ja selbst geheilt werden. 



Ein Fall von Mclanäinie. 237 

von denen einige beiläufig die Gestalt und Grösse von Zellen hatten, 
die meisten aber viel grösser waren nnd anregelmässige Formen von 
Bruchstücken darboten — die mehr weniger dicht von dunkelbräun- 
lichem feinkörnigem Pigment erfüllt waren. 

Ich habe die betreffenden Präparate Herrn Professor Jaksch 
aus Prag, der sich für den Fall interessirte, demonstrirt. 

Selbstverständlich veranlasste mich dieser Befund, zu untersu- 
chen, ob nicht auch im Blute dieselben Pigment enthaltenden Kör- 
per nachzuweisen seien, pie erste Blutprobe, die ich der Hand des 
Pat. entnahm , zeigte keine Spur von demselben, weitere Blutproben 
dagegen überzeugten mich in vollstem Maasse davon, dass auch im 
Blute dieselben hyalinen, Pigment führenden Schollen und zellen- 
ähnlichen Gebilde, wie ich sie vorher im Harne gesehen, vorhan- 
den seien. 

Einige Tage später hatte ich auch Gelegenheit einen Harn mi- 
kroskopisch zu untersuchen, in dem das eingangs erwähnte Sediment 
reichlich sich vorfand. Es bestand dasselbe aus nadeiförmigen theils 
isolirten, theils zu Rosetten angehäuften Erystallen, ganz entsprechend 
jenen Krystallformen , wie sie für den krystallisirten zweibasisch- 
phosphorsauren Kalk angegeben werden ^). Bemerkt muss werden, 
dass der sedimenthältige Harn deutlich sauer reagirte. 

Nach dem mikroskopischen Befunde war das Bestehen einer 
Melanämia vera für den in Bede stehenden FaU nicht abzuwei- 
sen und nach dem, was eine Reihe von Autoren wie Meckel, 
Virchow, Heschl, Planer, Duchek, Frerichs, Grohe und 
Beckmann über die Aetiologie dieses Processes aussagen, musste 
nicht nur der Zusammenhang desselben mit der bestehenden Mala- 
riakachexie als erwiesen angenommen werden, es war auch das vor 
dem Pigmentbefund allenfalls zu bezweifelnde Bestehen der letzteren 
sichergestellt. Hiemit erhielt aber auch zugleich die Annahme, dass 
das typische Auftreten von bestimmten Sedimenten im Harn, sowie 



^) HaBsal (on a frequent occurence of phosphate of lime in the 
crystalline form in human urine; the Lancet 1860) machte auf dieses Se- 
diment aufmerksam, dem er eine noch grössere pathologische Bedeutung 
zuschreibt als der Ausscheidung von Tripelphosphaten. Auch gibt er an, 
das» der betreffende Harn bei der Entleerung in der Gegend des Blasen- 
halses und der Urethra schmerzt. 



238 Itascli. 

die typischen Blasen- und Urethralschmerzen als Folgezustände der 
Intermittenskachexie zu betrachten seien, eine wesentliche Stütze. 
Abgesehen hievon spricht auch zu Gunsten dieser Annahme nament- 
lich insoweit dieselbe die typische Blasen- und ürethralneuralgie 
betrifft, eine Reihe ähnlicher in der Literatur verzeichneten Fälle- 
Nach Angaben über typisches Auftreten von Harnsedimenten, speciell 
von krystall- phosphorsaurem Kalk suchte ich in der Literatur ver- 
gebens. 

Der geschilderte Befund von Pigmeqj; reiht sich an einige von 
Frerichs und Planer beschriebenen an, die wirklichen, unzweifel- 
haft als solche zu deutenden Pigmentzellen, wie sie Yirchow, 
Heschl, Grohe gesehen haben, kamen mir in vorliegendem Falle 
nicht zur Anschauung. Für die so vielfach ventilirte und bis jetzt 
noch nicht zur vollen Entscheidung gelangte Frage « an welcher 
Stelle und in welcher Weise die Pigmentbildung vor sich gehe, kann 
die von mir gemachte einfache Beobachtung selbstverständlich keine 
Anhaltspunkte bieten. 

Als wichtig möchte ich nur das Vorkommen von Pigment im 
frischgelassenen Harn deshalb hervorheben, weil in allen bis jetzt 
beobachteten Fällen, wo Pigment im Harn gefunden wurde, letzterer 
V immer Eiweiss enthielt, während im vorliegenden Falle der pigment- 
haltige Harn keine Spur von Eiweiss zeigte. Was die Quelle betrifft, 
der in unserem Falle das Pigment im Harne entstammt, so kann 
faglich nur das Blut als solche bezeichnet werden. Hiefar spricht, 
— da die Abstammung derselben von etwa in der Blase vorhande- 
nen Neugebilden aus Gründen geläugnet werden muss, die schon 
dem blossen Aussehen zu entnehmen waren — zunächst der Um- 
stand, dass die Pigmentkörper im frischgelassenen Harn zu beob- 
achten waren, vor Allem aber die ausgesprochene Gleichheit der 
Formen, unter denen letztere im Blute und Harn erscheinen. Ob 
die im Harne vorfindlichen Pigmentschollen den Blutkreislauf inner- 
halb der Nieren verlassen oder aus den Blutgefässen der Blase aus- 
treten, lässt sich begreiflicherweise durch die blosse Ansicht der 
betreffenden Körper nicht entscheiden, es sprechen aber für das 
Erste die bekannten Nierenbefunde bei Melanämie. Schliesslich 
muss ich noch als besonders bemerkenswerth hervorheben, dass im 
Harne neben den Pigmentkörpern keine dem Blute angehörigen 
Formbestandtheile nachzuweisen waren, eine Thatsache, die jeden- 



Eid FaU tod MeUnämie. 239 

falls auffallend erscheint, wenn man hiebe! des ümstandes gedenkt, 
dass die Pigmentschollen nach ungefährer Schätzung manchmal 2 — 6 
Mal grosser sind als ein farbloses Blutkörperchen. 

Ueber den weiteren Verlauf bin ich noch im Stande mitzuthei- 
len, dass der Zustand des Kranken während seines Aufenthaltes in 
Marienbad insofern gebessert wurde, als die typischen Erscheinun- 
gen nach ungefähr drei Wochen nicht mehr täglich, sondern 
in langen, einige Tage währenden Intermissionen auftraten. Von 
Marienbad ging der Kranke nach Meran; die Nachrichten, die ich 
von da erhielt, lauteten sehr günstig. Die typischen Erscheinungen 
hatten aufgehört, das Körpergewicht zugenommen. Vor seiner Bück- 
reise in die Heimath, d. i. nach einem zweimonatlichen Aufenthalte 
in Meran, stellte sieb Fat. mir wieder vor. Ich untersuchte wieder 
Blut und Harn und fand, trotzdem Aussehen und Allgemeinbefinden 
wesentlich gebessert waren, dieselben Pigmentkörper in anscheinend 
unveränderter Gestalt, Grösse und Anzahl. Kaum in seine Heimath 
zurückgekehrt, bekam Pat. wieder einen frischen Anfall von Inter- 
mittens und all' die eingangs geschilderten Zustände und Erschei- 
nungen machten sich wieder bemerkbar. Pat. wird, wie er mir mit- 
theilt, demzufolge sein Domicil wechseln, hoffend, dass wenn jene 
Schädlichkeiten gemieden werden, die die Intermittenskachexie unter- 
halten und fortwährend Nachschübe von Intermittens veranlassen, 
auch — wie dies doch factisch Monate lang der Fall war •— die 
Folgezustände sich bessern, ja vielleicht ganz verschwinden werden. 



Experimentelle Untersuchungen über die Physio- 
logie der Gallenabsonderung 



von 



Dr. A. Röhrig, 

prakt. Arzt in Bad Kreuznach. 



Methode. 



Ich habe meine Untersuchungen nur an Hunden und Kaninchen 
angestellt, die bis zur vollständigen Lähmung curarisirt waren. ]^ach 
wiederholten Versuchen mit Opiumtinctur, Chloroform und Chloral- 
hydrat, welches letztere sich bei Injection in die Blutmasse beson- 
ders eignet, um eine schnelle Betäubung zu erzielen, kam ich immer 
wieder auf das Curare zurück, da ich für jene Mittel nicht dieselbe 
Indifferenz auf die Gallensecretion constatiren konnte. Andererseits 
gewährt die in Folge der Curarisation nöthig gewordene Tracheoto- 
mie und Einleitung der künstlichen Respiration den Vortheil, die für 
die Absonderung durchaus nicht gleichgiltigen Unregelmässigkeiten 
der Athmung zu eliminiren, letztere vielmehr nach einem bestimmten 
Modus zu reguliren und willkürlich abzuändern. 

Behufs Anlegung der Gallenfistel wurden die Bauchdecken in 
der Linea alba vom Processus xiphoideus abwärts bis über den Na- 
bel hinaus durchtrennt, die Leber an ihrer unteren Fläche durch 
vorsichtiges Einlegen der Hände von einem Assistenten sanft empor- 
gehoben, worauf durch einen leichten Zug am Duodenum das ganze 
Gebiet der verzweigten Gallengänge deutlich zur Anschauung gebracht 
und die Kanüle eingebunden werden konnte. 

In den ersten Versuchen wurde das Vorrücken der Gallensäule in 
einem horizontalen Glasrohr nach einer auf dem Glase befestigten Milli- 
meterscala abgelesen und die Zeit, in welcher das Vorrücken erfolgte, 



Physiologie der Gallenabsonderun^. 241 

nach den Tactschlägen des Metronoms notirt. — Diese Methode 
bringt aber viele üebelstände mit sich. Das Abflussrohr muss hori- 
zontal liegen, weil sonst die schwankenden Niveauverhältnisse die 
ausserordentlich zarten Gallengänge beeinflussen. Ferner muss das 
Eohr bei reger Secretion häufig entleert werden. Ich zog es daher 
vor, die Geschwindigkeit der Absonderung nach der Tropfenbildung 
zu berechnen; ich gab dem Ausflussrohr ein knieförmig nach unten 
geneigtes Ansatzstück, welches durch einen möglichst eng ausgezo- 
genen vertikalen Arm die Galle in kleinen Tröpfchen abfliessen Hess. 
Dieses Ansatzstück war mit der Kanüle durch ein langes Eautschuk- 
rohr verbunden und überdies in einer entsprechenden Höhe festge- 
klemmt. So war die Ausflussöflfnung von den Athembewegungen un- 
abhängig und hiemit die Niveauverhältnisse für die ganze Versuchs- 
dauer gegeben. 

Nachdem das Kniestück fixirt worden war, presste ich die 
Gallenblase, füllte dadurch das ganze Böhrensystem bis an die Aus- 
flussöflfnung, und sperrte den Ductus cyst. durch eine kleine Klemm- 
pincette ab, so dass nur die direct der Leber entstammte Galle 
abtropfen konnte. 

Untersuchung. 

Ich habe zunächst das Abträufeln, der Galle an curarisirten Ka- 
ninchen und Hunden unter sonst normalen Verhältnissen stunden- 
lang beobachtet, und fand stets eine ganz allmälige Abnahme der 
Geschwindigkeit und eine damit einhergehende allmälig zunehmende 
Concentration der Gallenflüssigkeit selbst. 

Protokoll 1. Ein grosses, curarisirtes, schwarzes Kaninchen 
entleerte bei künstlicher Bespiration und unterbundenem Ductus cyst. 
aus einer in den Ductus choledochus eingebundenen Kanäle unmit- 
telbar nach der Operation je 1 Tropfen nach 8, d^nn nach 9, 8, 
8, 9, 9, 9, 9, 9, 10, 10, 11, 11, 11, 11, 11, 11, 11, 12, 12, 12, 
11, 11, 11, 12, 12, 11, 12, 11, 11, 11, 11, 12, 11, 11, 11, 11, 
11, 11, 11, 11, 11, 11, 11, 11, 11, 11, 11, 11, 12, 11, 11, 11, 
11, 11, 11, 10, 11, 11, 11, 12, 11, 11, 12, 11, 11, 11, 12, 12, 
11, 11, 11, 12, 12, 12, 12, 12, 12, 12, 12, 12, 13, 12, 13, 13, 
13, 13, 13, 13, 13, 13, 12, 13, 12, 12, 12, 12, 12, 13, 12, 13, 



242 Röhrtg. 

13, 13, 12, 13, 13, 13, 13, 13, 13, 13, 13, 13, 13, 14, 13, 14, 

14, 14, 14, 14, 14, 13, 14, 14, 14, 14, 14, 14, 14, 15, 14, 14, 
14, 14, 14, 14, 14, 15, 15, 15, 15, 15, 15, 14, 15, 15, 15, 15, 

16, 15, 15, 16, 16, 15, 16, 16, 16, 15, 16, 16, 17, 16, 17, 16, 

17, 16, 17, 16, 17, 16, 17, 16 Secunden. 

Das Thier erholt sich, macht einige schwache Befreiungsver- 
suche, die Galle tröpfelt schneller, nach je 14, 11, 9, 13, 9, 6, 14 
Metronomschlägen, bis endlich nach erneuten stärkeren Bewegungen 
die weitere Beobachtung eingestellt werden muss. Die zuletzt secer- 
nirte Galle war intensiver tingirt und hatte eine klebrige, faden- 
ziehende Beschaffenheit angenommen. 

Mein Hauptaugenmerk richtete sich nun auf die Beziehungen 
der Secretionsgeschwindigkeit zur Blutvertheilung. Ich wiederholte 
und ergänzte daher die Versuche, welche in dieser Richtung schon 
vielfach angestellt wurden und lasse hier die Aufzeichnungen, welche 
dabei gemacht wurden, sowie die Additionalsätze, welche sich dabei 
ergaben, der Beihe nach folgen. 

Compression der Vena portae oder Arteria hepatica 
oder beider zugleich. Gomprimirte ich das Lig. hepat-duode- 
nale mit einer gut schliessenden Elemmpincette, so folgte sofortiger 
Stillstand der vorher sehr lebhaften Gallenabsonderung. Hatte die 
Compression einige Minuten nicht überdauert, so erholte sich die 
Leber langsam wieder; bei längerer Dauer der Abklemmung aber 
gingen die Thiere bald zu Grunde, ohne dass es zu einer neuen 
Tropfenbildung gekommen wäre. Wurde der vereinigte Pfortaderast 
(nach Schiff *) sorgfältig präparirt und mit Ausschluss der Le- 
berarterie möglichst dicht an der Leber abgeschnürt, so trat zwar 
stets eine bedeutende Verminderung der Gallensecretion ein, es kam 
aber nie zu jener completen Sistirung, wie wir sie nach der Elimi- 
nirung des vereinigten arteriellen und venösen Zuflusses gesehen 
haben. 

Ein Kaninchen, welches vor dem Verschlusse der Pfortader noch 
alle 23 — 25 Pendelschwingungen 1 Tropfen Galle producirt hatte, bot 
während derselben nur noch eine Geschwindigkeit 48, 77, 70. 



^) M. Schiff: Ueber das Verhältniss der Circulation zur Gallenbil- 
dung. Schweizerische Zcitsch. f. Heilk. Bd. I. 1862, S. i— 51. 



Physiologie der Gallenabsonderung. 248 

Ein Hund mit einer Secretion von 30 bot während der Abschlies- 
snng des präparirten Pfortaderstammes nur noch 80, 92. Nach 
Wiedereröffnung der gehemmten Blutbahn stellte sich langsam das 
frühere Verhältniss wieder her. 

Die Unterbindung der Arteria hepatica allein ist nur in einem 
Falle versucht worden, wobei sich aber nur eine geringe Verlang- 
samung constatiren liess. 

Die Versuche zeigten also — in üebereinstimmung mit den An- 
gaben der meisten anderen Autoren auf diesem Gebiete — dass die 
Erhaltung des Pfortaderkreislaufs die hauptsächlichste, aber nicht die 
einzige Bedingung für die Fortdauer des Gallenausflusses abgibt, son- 
dern dass dieser eine Zeit hindurch andauert, wenn die Blutzufahr 
zur Leber nur durch die Leberarterie stattfindet. 

Vers chliessung der Brustaorta unmittelbar üb er ihrem 
Durchtritt durch die Zwerchfellschenkel. 

Protokoll 2a. Curarisirter Hund mit einer Secretionsgeschwin- 
digkeit von 7, 6, 7, 7, 6, 7, 7, 7, 6. Unmittelbar nach Unterbin- ^ 
düng der Brustaorta sank sie schnell auf 30, 31, 30, 36, 47, 46, 
54, 58, 59 und erlosch nunmehr plötzlich mit dem Verscheiden des 
Thieres. 

Protokoll 2 b. Ein anderer Versuch, welcher in derselben 
Weise mit einem curarisirten Kaninchen angestellt wurde, hatte einen 
analogen Erfolg. Vor dem Zuschnüren der Ligatur fielen die Gallen- 
tropfen noch alle 3, 3, 3, 3, 4. 3, 3, 4, 3, 3, 4, 4, 4, 4, 4 Pen- 
delschläge, vom Moment der Abschnürung an verlangsamte sich die 
Secretion sofort auf 36, 41, 46, 49, 46, 52, 54, um nun definitiv 
stille zu stehen. Das Leben des Thieres war mit dem letzten Trop- 
fen erstorben. 

Nicht so gleichmässige Resultate gelang es mir durch die digi- 
tale Compression der Aorta an derselben Stelle zu erzielen. 

Da meine Ligaturen bei der Section durch kräftige Druck- 
spritzen' geprüft worden sind, muss ich annehmen , dass der unglei- 
che Effect der Digitalcompression dem mangelhaften Verschluss des 
Gefässes zuzuschreiben ist. In der That handelt es sich, nament- 
lich wenn man es nicht mit einer sehr lebhaften Secretion zu thun 
hat, stets um eine über mehrere Minuten hinaus ausgedehnte Com- 



244 Röhrig. 

pression, eine Aufgabe, die vollständig zu lösen der aufgelegte Fin- 
ger nicht gut im Stande ist. 

Der Umstand, dass die Verschliessung der Brustaorta anfanglich 
nur eine starke Verlangsamung der Secretion nach sich gezogen hatte, 
während eigentlich ein sofortiges vollständiges Erlöschen jierselben 
zu erwarten gewesen wäre, weckt übrigens die Vermuthung, dass 
auch durch die Ligatur die arterielle Blutzufuhr nicht absolut auf- 
gehoben wird und hier von Seiten der Art. intercostales noch Col- 
lateraläste in Betracht kommen dürften. 

Verschliessung der Aorta unterhalb des Abganges 
der Arteria coeliaca. Die exacte Unterbindung bewirkt eine ge- 
ringe Beschleunigung der Gallensecretion, ein Einfluss, der sich bei 
Wahl einer tieferen Unterbindungsstelle mehr und mehr abschwächte. 
Bei einem Kaninchen mit einer Secretionsgeschwindigkeit von 8 — 9 
— 10 stieg die letztere während der Compression auf 6 — 5 — 5 — 3 
— 3— an. Bei einem Hunde fiel das Intervall zwischen 2 Tropfen 
von 60 auf 50 Secunden. 

Verschliessung der Cava ascendens. Man ist leicht ge- 
neigt. Unterbin dungs versuche an grossen Gefässstämmen, weil sie das 
Leben des Thieres mehr oder weniger gefährden, bis an das Ende 
des Experimentes zu verschieben, nachdem man das Versuchsobject 
schon zu anderen Zwecken genügend ausgenützt; allein die dann 
meist schon fast erstorbene oder wenigstens sehr unregelmässige Se- 
cretion trübt die Reinheit des Versuchs. So kam es, dass ich Anfangs 
nur schwankende Erfolge erzielen konnte. Später, wo ich weniger eng- 
herzig war und die sofortige Eröffnung des Thorax am frischen Thiere 
nicht mehr scheute, und mich auch ausschliesslich der Ligatur be- 
diente, erhielt ich einstimmigere Resultate. In den nachfolgend mit- 
getheilten, an Hunden angestellten Versuchen legte ich bei geöffnetem 
Thorax um die Vena cava ascendens eine lose Fadenschlinge und 
suchte zuerst durch Zuziehen derselben das Lumen der Vene ein- 
zuengen, SQ dass noch eine schmale bläulich durchscheinende Blut 
welle aus der Leber zum Herzen passiren konnte. 

Protokoll 3. Curarisirter Hund; unvollkommene Ligatur: 5, 
6, 6, 6, 6, 7, 7, 6, 7, 7, 7, 7, 8, 8, 9, 9, 9, 10, 10, 10, 11, 
13, 12, 13, 15, 16, 17, 18, 18, 22, 23, 29, 29, 30, 32. ünmit- 



Physiologie der Gallenabsonderung. 245 

telbar nach Lösung der Schlinge: 25, 29, 22, 21, 22, 20, 16, 12, 
12, 12, 7, 6, 8, 12, 7, 4, 5, 4, 6, 4, 4, 5, 4, 4, 3, 2, 3, 3, 3, 

3, 3, 3, 4, 4, 4, 4, 4, 4. 

Beim ementen, ganz unter denselben Bedingungen angestellten 
Versuch, wo die Nonnalsecretion stets tropfenweise alle 4 Secunden 
erfolgt war, ergab sich während der partiellen Compression folgendes 
Zahlenverhältniss : 1 Tropfen in 4, 4, 5, 5, 4, 5, 5, 5, 4, 6, 5, 5, 
6, 6, 6, 6, 6, 7, 8, 8, 8, 8, 9, 9, 9, 10, 10, 9, 11, 12, 13, 14, 
16, 15, 16, 17, 18, 18, 18, 19, 20, 22, 24, 26, 26, 29. Un- 
mittelbar nach Lösung der Schlinge 29, 29, 30, 12, 11,6, 4, 6,5, 

4, 6, 4, 4, 4. Nun wurde die Vena cava ascendens durch eine 
straife Ligatur vollständig verschlossen. Es trat eine sehr bedeu- 
tende Verlangsamung und bald Stillstand ein. 

Protokoll. 4. Kleiner weisser Pudel, curarisirt. Secretionsge- 
schwindigkeit 26, 20, 21, 22, 21, 22, 22, 22, 22. Sobald nach 
Eröffnung des Thorax die Vena cava ascend. durch eine Schlinge 
total abgeschnürt war, fiel der erste Tropfen nach 67, der zweite 
nach 131 Tactschlägen , ein dritter Tropfen schien sich formiren zu 
wollen, war aber bei weiteren 500 Pendelschlägen noch nicht so weit 
gewachsen, dass er zum Fall kam. Das Thier aber, dessen Herzcon- 
tractionen allmälig schwächer und seltener geworden waren, war eben 
verschieden, die Herzthätigkeit erloschen. Die Leber hatte während 
dieser Procedur ein tief cyanotisches Aussehen angenommen und war 
bedeutend vergrössert worden. 

Vergleichen wir die Resultate der Unterbindung der Hohlvene 
mit denen, welche wir durch Compression der Aorta unterhalb der 
Arter. coeliaca erlangt haben, so sehen wir, dass beide Methoden 
durchaus in entgegengesetzter Richtung auf die Lebersecretion ein- 
wirken. Da es sich aber in beiden Fällen um eine Drucksteigerung 
im Capillargebiet der Leber handelt, so gelangen wir zu dem Schlüsse, 
dass die Gallenbildung nicht allein von der Höhe des 
Capillardrucks in der Leber abhängig ist. Es wird uns 
vielmehr die Vermuthung nahe gelegt, dass es auch auf die Strömung 
und Beschaffenheit des Blutes ankommt. 

Das Verhalten der Gallensecretion unmittelbar nach Wiederher- 
stellung des normalen Blutlaufs nach partieller Verschliessung der 
Vena cav. inf. kann diese Vermuthung nur unterstutzen. Es zeigt 



246 R Ohr ig. 

sich, (lass sich die Gallenbildang nur erst ganz langsam wieder von 
der Störung erholt. 

Wassereinspritzang and Blatentziehung. Durch diese 
Versuche habe ich zu den bereits von Bänke und Heidenhain ge- 
wonnenen Resultaten nur weniges hinzuzufügen, und das wird sich aus 
den Protokollen ergeben. 

Protokoll 5 a. Einem grossen geschäckten Jagdhunde wurde 
ein Aderlass von 240 C. C. Blut an der Art. carot. gemacht; die 
Gallenausflussgeschwindigkeit, die vor dem Eingriff regelmässig zwi- 
schen 11 — 13 geschwankt hatte, sank sofort auf Abstände von 36, 
46, 34, 54, 56, 125. Damit war aber auch die Gallons ecretion yoU- 
ständig abgebrochen und konnte nur durch die allmälige Injection 
von Wasser in eine Mesenterialvene vorübergehend wieder belebt 
werden. Sofort nach der Injection fielen die Tropfen nach 4, 6, 9, 
11, 49, 35, 102 Secunden. Länger hielt die Wirkung der Wasser- 
einspritzung nicht vor; die Absonderung war und blieb nunmehr 
erloschen. 

Protokoll 5 b. Ganz congruente Resultate lieferte dasselbe 
Experiment, welches an einem kleinem weissen Bologneser Hündchen 
ausgeführt wurde. Ein Aderlass von 50 G. C. Mtr. Blut an der linken 
Cruralis brachte die Secretion von 42 auf 47, 58, 60, 63, 69, 94, 
120 herab. Mit dem Fallen des letzten Tropfens wurde dem Hünd- 
chen die gleiche Quantität (50 C. C. Mtr.) warmes Wasser durch eine 
Mesenterialvene beigebracht; der nächste Tropfen fiel nach 10, die 
anderen nach 36, 50, 94, der letzte nach 100 und einigen Secunden. 
Yerhältnissmässig geringere Injectionen habe ich bei verschiedenen 
Thieren auch ohne vorausgegangene Aderlässe gemacht und gleich- 
falls Beschleunigung gefunden. 

Die Injection von Wasser in den Darmkanal vermehrt 
die Gallensecretion nachhaltiger als die Injection in die Blutgefässe. 

Protokoll 6. Bei einem sehr grossen, mit einer Choledochus- 
fistel versehenen, curarisirten Hund, dessen Gallenabsonderung sich 
allmälig derart erschöpft hatte, dass nur noch alle 105 Metronom- 
schläge 1 Tropfen fiel, spritzte ich 540 C. C. Mtr. lauwarmen Was- 
sers in den Dünndarm. Schon 3 Minuten nachher hatte sich die 
Secretion erstaunlich gebessert, so dass die Zahlen 29, 30, 29, 21, 



Physiologie der Gallenabsondernng. 247 

20, 19, 17, 17, 17, 19, 19, 21, 21, 22, 28, 30, 30, 30, 34, 84 
36, 35, 39, 44, 42, 41, 46, 46, 46, 46, 48, 49, 47, 57, 52, 57] 
60, 72, 73, 102, 121, 140, 121, 98, 209 notirt wurden. Von nun 
an stockte jegliche Secretion, bis eine erneute Injection von kaltem 
Wasser in eine andere Darmpartie die Galle wieder zum Fliessen 
brachte; nur bedurfte es gegen 10 Minuten, bis die Sache in Grang 
kam, aber die Leber secernirte diesmal über Vz Stunde länger als 
nach der ersten Injection, obwohl dieselbe Wasserquantität applicirt 
worden war. 

Ganz in derselben Weise stellte sich das Yerhältniss bei Ka- 
ninchen heraus. 

Protokoll 7. Ein kleines Albinokaninchen hatte nach wieder- 
holten Maltraitirungen durch andere Experimente eine Secretionsge- 
schwindigkeit von 98. Diese Trägheit der Leberfunction bestimmte 
mich ihm 50 C. Cmtr. warmes Wasser durch den Dünndarm zu geben. 

5 Minuten später rannen die Tropfen schon nach 50, 24, 20 
Pendelschlägen, nach weiteren 5 Min. 24, 24, 



5 


» 


26, 42, 


5 


» 


38, 42, 


10 


» 


42—54, 


5 


» 


54 89, 


25 


» 


89 92, 


18 


» 


106—189. Damit war die Gal- 



lenabsonderung erloschen. 

Protokoll 8. 15 C. C. Mtr. warmes Wasser einem Kaninchen 
sehr langsam in die Vena jugul. extern, iiyicirt, bewirkten zwar eine 
verhältnissmässig acutere Steigerang der Gallenausscheidung; sie 
überdauerte aber nur einige Secunden den Act der Injection. Die 
Secretion, bei welcher vorher stationär auf 60 Secunden 1 Tropfen 
gekommen war, besserte sich sofort, und zwar 12 Secunden lang 
derart, dass fast alle Secunden Ein Tropfen zum Fall kam; dann 
fielen noch weitere 6 Tropfen in 1 — 2 Minuten und damit war auch 
die Gesammtwirkung erloschen. 

Die Injectionen einer bestimmten Gallenportion durch das Darm- 
rohr hatten kaum einen besseren Erfolg, als die Einverleibung der 
gleichen Wassermengen. 

Med. Jahrbücher. 1873. 11. 17 



248 Röhriir- 

Es liegt klar anf der Hand, dass eine durch Injection indiffe- 
renter Flüssigkeiten, gleichviel ob sie dem Dann- oder dem Venen- 
system gilt, hergestellte Gallenabsonderung, so lebhaft sie auch 
quantitativ in die Erscheinung tritt, qualitativ doch wesentlich von 
der Normalsecretion abweichen könnte. 

In der That ergab es sich, dass die bei träger Secretion 
viscidere, klebrige Beschaffenheit des Secrets nach Wasserinjection 
klar und dünnflüssig wurde, und dass die bräunliche, bei Herbivoren 
grünliche Färbung allmälig einer mehr wässrigen, farblosen Flüssig- 
keit Platz machte. 

Beizung der Schleimhaut des Darmkanals. Ich habe 
der Eeihe nach die Schleimhaut der Mundhöhle, die Zunge und den 
Magen, Duodenum, Dünndarm und Dickdarm, von innen und aussen, 
das Peritonäum viscerale und parietale mechanisch, chemisch (be- 
sonders Essigsäure und Ammoniak) durch starke und schwache 
elektrische Ströme gereizt, ohne jemals mit Bestimmtheit einen 
Wechsel in der Ausflussgeschwindigkeit wahrnehmen zu können. Ja 
nicht einmal das tiefe Einstechen der Elektroden in das Leberparen- 
chym selbst hatte in meinen Versuchen und entgegen den Anga- 
ben Pflüger 's den geringsten Einfluss auf seine Absonderungs- 
grösse. Zwar schien in einzelnen Versuchen das Bestreichen der 
Zungenoberfläche mit verdünnter Ammoniakflüssigkeit und das Quet- 
schen derselben mit einer Pincette die Galle momentan etwas reich- 
licher ausfliessen zu machen; indessen lehrten eine noch grössere 
Zahl von Wiederholungen desselben Versuches, dass ein solcher Ein- 
fluss nicht constant sei, dass man es in den spärlichen Fällen mit 
jenen zufälligen Schwankungen der Absonderung zu thun haben 
konnte, wie sie zwar nicht häufig, aber doch hie und da vorkommen. 
Mit besonderer Aufmerksamkeit namentlich habe ich die Schleimhaut 
des Zwölffingerdarms allerlei Eeizen unterworfen; ich habe abwech- 
selnd Essigsäure, verdünnte Salzsäure, Schwefelsäure darauf gebracht, 
ohne jemals nur den geringsten Erfolg zu erzielen. 

DerContact der Därme mit der atmosphärischenLuft 
schien mir ziemlich regelmässig eine schnell vorübergehende Ver- 
stärkung der Gallenbilderung nach sich zu ziehen. Ich hatte näm- 
lich die Gewohnheit, nach Präparation der Gallengänge und Einbin- 
den der Kanüle die Bauchhöhle durch Elemmpincetten wieder zu 



Physiologie der Gallenabsonderung. 249 

verschliessen. Eröffnete ich dann zum Behnf meiner Compressions- 
versuche oder in der Absicht, die Lagerung der Kanäle zu control- 
liren, die Bauchhöhle, so sah ich fast regelmässig schon allein durch 
den Eröffnungsact eine Beschleunigung der Ausflussgeschwindigkeit, 
welche sofort einer compensatorischen Betardation unmittelbar nach 
Zurückbringen der Gedärme in die Bauchhöhle und Wiederverschlies- 
sung der Bauchdecken Platz machte. 

Ich konnte indessen trotz der vielfachen Wiederholung der Ver- 
suche nicht der Zweifel los werden, dass hier mechanische Ursachen 
mit im Spiele seien. 

Einfluss der Verdauung auf die Gallensecretion. Ich 
kann in dieser Bichtung zu dem bereits Bekannten nur ein Proto- 
koll von Interesse mittheilen. 

Protokoll 9. Einem grossen Metzgerhunde, der vor dem Ver- 
suche gut gefuttert worden war, wurde der Magen vollständig ent- 
leert; gleich darauf hörte der Gallenabfluss auf. 

Protokoll 10. Ich injicirte einem hungernden Hunde den flüs- 
sigen Inhalt des Magens und Dünndarms eines mehrere Stunden vor- 
her gefütterten Hundes in das Duodenum und in den Magen, und 
zwar bediente ich mich hierbei nicht des reinen Speisebreis, sondern 
gewann daraus eine 40 C. C. Mtr. betragende, durch Auspressen er- 
langte Flüssigkeit. Schon 10 Minuten nach der Injection begann die 
Galle zu fliessen, und zwar fielen die Tropfen in Abständen von 78, 
54, 49, 50, 51, 36, 32, 31, 34, 29, 17, 18, 19, 17, 12, 16, 11, 
17, 18. 10, 11, 9, 15, 14, 12, 11, 11, 9, 9, 9, 9, 9, 9, 10, 10, 
10, 10, 16, 17, 10, 9, 12, 9, 9, 9, 10, 13, 13, 13, 9, 10, 10, 
10, 12, 18, 17, 17, 18, 18, 19, 11, 9, 10, 13, 21, 11, 18, 21, 
34, 76, 76, 94, 95, 148, 105, 213 Secunden. 

Ein Vergleichung der bezüglichen Tabellen mit den früheren 
lehrt uns, um wie viel wirksamer der Chylus gegenüber der Wasser- 
injection ist. Wir sehen bei kleinerer Dosis eine länger dauernde 
Wirkung. Ueberdies war die GaUe consistenter und dunkler tingirt, 
als die durch Wasserinjection hervorgerufene. 

Beziehungen vermehrter Darmsecretion zur Gallen- 
absonderung. 

Protokoll 11. Ein Dachshund, welcher schon beim Aufbinden 
und während der nöthigen operativen Vorbereitungen häufige Darm- 

47* 



250 Röhrig. 

entleerungen gehabt, schied anfangs Secunde für Secunde, dann je 
1 Tropfen in 2, 1, 2, 2, 1, 1, 2, 1, 1, 1, 1, 2, 2, 2, 2, 2, 1, 2, 
2, 2, 2, 2, 2, 2, 2, 2, 2, 1, 2, 1, 2, 2, 2, 2, 3, 2, 2, 2, 1, 2, 
2, 2, 2, 2, 2, 3, 2, 2, 3, 3, 3, 4, 3, 3, 3, 4, 3, 3, 3, 3, 4, 3, 
2, 2, 3, 2, 3, 3, 4, 3 Secunden aus. 

Aehnliche Fälle derartiger, neben der Diarrhöe in so hohem 
Grade gesteigerter Gallenbildung sind mir öfter vorgekommen. 

Ich wendete mich daher zunächst zu der Frage nach der Wir- 
kung der sogenannten Abführmittel auf die Gallense- 
cretion. 

Es wird angenommen , dass die Abführmittel die peristaltisch^n 
Darmbewegungen mehr oder weniger anregen ; aber damit ist ihre Wir- 
kung als Purgantia noch nicht erklärt. Die Peristaltik kann sich zwar 
zur schnelleren Fortbewegung des wässrigen Darminhalts nützlich erwei- 
sen, aber es muss, soll sie häufige Stühle ausscheiden, vorerst die auszu- 
scheidende Flüssigkeit gegeben sein. Bekanntlich hat Liebig*) sich auch 
auf diese Frage eingelassen und dieselbe zu lOsen geglaubt, indem er die 
Theorie aufstellte, dass die purgirende Wirkung bei den Mittelsalzen da- 
durch zu Stande komme, dass dieselben auf endosmotischem Wege in die 
Gefässe übertreten und dafür eine bestimmte Menge Wasser aus dem 
Blut in den Darm transsudirt werde. Während nun unter gewöhnlichen 
Verhältnissen der zum Blut-Eiweiss gehende Wasserstrom den entgegen- 
gesetzten bedeutend überwiegt, so soll bei Anwesenheit grösserer Mengen 
eines Salzes von hohem endosmotischen Aequivalent, wie Bittersalz, der 
Wasserstrom aus dem Blut in den Darm erheblich zunehmen. Indes- 
sen hat sich die Theorie nicht zu halten vermocht. Ihr wurde nament- 
lich zuerst von Aubert*) lebhaft widersprochen. Aubert fand, dass 
die abführende Wirkung der Mittelsalze in keinerlei Verhältniss zu ihrem 
endosmotischen Aequivalent stehe, da verdünnte Lösungen eben so wie 
concentrirte wirkten. In keinem Falle waren durch die bisherigen Discus- 
sionen über die Wirkungen der Abführmittel deren Beziehungen zurGal- 
lensecretion klar gelegt. 

a) CrotonÖl. Schon geringe Dosen davon in den Dünndarm 
oder in den Magen eingeführt üben nach einigen Stunden eine leb- 
hafte Wirkung auf die secernirende Function der Leber, selbst unter 
den ungünstigsten Umständen. Da es sich indessen bei Vivisectionen, 



*) Liebig, die Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur u. Phy- 
siologie. Braunschweig. 

*) Aubert, Zeitsch. f. rat. Med. F. Bd. IL S. 225. 



Physiologie der Gallenabsonderung. 251 

zumal wenn sie so gefahrliche Eingriffe wie Curarisation, Einleitung 
der künstlichen Bespiration, Laparotomie, Eröffnung der Brusthöhle 
voraussetzen, gewöhnlich um prägnante, schnelle Erfolge handelt, so 
habe ich mich in der Begel zu unverhältnissmässig starken Dosen 
verstiegen und den grösseren Hunden bis zu Einem Theelöffel reinen 
oder mit gleichen Theilen Olivenöl vermischten Crotonöls in den 
Darmkanal eingespritzt. 

Protokoll 12. Ein grosser Jagdhund, welcher 18 Stunden 
ohne Nahrung geblieben war, liess 3 Stunden lang nach eingelegter 
Choledochuskanüle auch nicht die Spur von einer Gallenausscheidung 
erblicken. Nun spritzte ich ihm zuerst 18 Tropfen Crotonöl mit glei- 
chen Theilen Oleum olivarum in Magen und Darm; schon nach V2 
Stunde, nachdem der Darm allmälig dunkelroth injicirt worden war, 
begann eine Absonderung, welche im Anfang noch unregelmässig 
und stossweise erfolgte, allmälig aber und nach Verlauf einer wei- 
teren halben Stunde zu einem continuirlichen , lebhaften Ausfluss 
überging, so dass alle 6 Pendelschläge Ein Tropfen sehr viscider, 
zäher, dunkelbrauner Galle entleert wurde. Die Gallensecretion hielt 
nunmehr mit gleicher Lebhaftigkeit über 2 Stunden bis zum Tode 
des Thieres an. Erst kurz vor dem Verscheiden erfolgte die erste 
breiige Stuhlentleerung. 

Protokoll 13. Grosser Fleischerhund, kein Gallenabfluss; ein 
Theelöffel reinen Crotonöls in den Dünndarm gespritzt; nach einer 
halben Stunde begann die Galle zu tropfen, IV2 Stunden nach Ap- 
plication des Mittels kam nach je 3 Pendelschlägen 1 Tropfen. Das 
Thier starb an einem verunglückten Injectionsversuche in eine Vene. 

Bei anderen Versuchen, welche ich mit Crotonöl angestellt hatte, 
trat hie und da eine Flüssigkeit von so klebriger, syrupöser Con- 
sistenz auf, dass von einer Tropfenzählung gar nicht mehr die Bede 
sein konnte, sondern das Secret in lange Fäden gezogen unablässig 
aus der Kanüle herabrann. Unter solchen Umständen fehlte natürlich 
jeder Anhalt zur genaueren Abschätzung der Ausscheidung und die 
Versuche konnten nur noch dadurch nutzbar gemacht werden, dass 
100—200 C. C. Mtr. warmes Wasser in den Darmkanal eingeführt 
wurden, worauf die Flüssigkeit innerhalb 15 Minuten zur Tropfenform 
zurückkehrte und in sehr lebhaftem Tempo träufelte. 



252 Röhr ig. 

Indem ich nnn verschiedene Abfährmittel der Beihe nach durch- 
ging, stellte es sich heraas, dass jedes derselben, bevor es jene par- 
girende Wirkung entwickelte, Mher die Gallenabsonderung gestei- 
gert hatte. 

b) Coloquinthen. Nach dem Crotonöl erscheinen die Goloquin- 
then und dann die Jalapa als die stärksten Cholagoga. 

Protokoll 14. Eine Lösung von 0*4 Grm. Extracti Colo- 
cynthidis in 7*5 Grm. Aqu. destill. gelOst und auf Einmal in den 
Dünndarm eines jungen weissen nüchternen Pudels gebracht, ver- 
mochte die vollständig sistirte Gallensecretion nach 1 Stunde 15 Min. 
allmälig wieder wachzurufen. Die ersten Tropfen fielen 2^ Uhr 45 M. 
nach 65, 48, 42, 32, 31, 32, 34, 30 Pendelschlägen. 3 Uhr: 29, 
30, 28, 30, 27, 26. 3 Uhr 15 Min.: 18, 20, 19, 20, 18. 3 Uhr 
30 Min.: 12, 9, 10, 11, 12. 3 Uhr 45 Min.: 6, 1, 1, 3, 2, 3, 6, 
7, 8, 6, 3, 1, 1, 2, 2, 2, 3, 6, 2, 4, 6, 6. 4 ühr: 30, 67, 72, 
90. 5 Uhr: es wird keine Galle mehr abgesondert. 

Die Wirkung trat also nach Goloquinthen kaum später auf und 
war ebenfalls im Stande eine erstaunliche Lebhaftigkeit zu vermit- 
teln ; sie verlief nur nicht mit der Nachhaltigkeit, wie wir dies nach 
Application selbst kleiner Dosen Crotonöls gesehen haben. 

0) Jalapa. 

Protokoll 15. Jalapa (sapo jalapin gr. 10) in einer Lösung von 
200 Grm. Spiritus vini rectific. wurde zur Injection in den Darm 
verwandt, und zwar bei einem jungen Wachtelhund, welcher eine 
Ausflussgeschwindigkeit von 80—90 darbot. Die Acme der Wirkung 
war etwa 2V2 Stunden nach stattgehabter Anwendung des Mittels, 
wo 18—20 Metronomschläge auf den Tropfen kamen; ihr folgte 
jedoch ein rascher Abfall und IV4 Stunden später, also 3Vi Stun- 
den nach der Injection, war von einer Gallenbildung nichts mehr 
wahrzunehmen. 

Auf gleicher Höhe der Wirkung mit der Jalapa steht die 

d) Aloe. Ein an einem Hunde damit angestelltes Experiment 
ergab ungefähr dieselben Verhältnisse. 

Protokoll 16. Ein graues kleines Kaninchen lieferte nach Ein- 
leitung der künstlichen Eespiration und Anlegung der Choledochus- 
fistel mit unterbundenem Ductus cyst. noch einige Tropfen Galle, 
worauf aber der Ausfluss aufhörte. Nach 30 Minuten wurden dann 



Physiologie der Gallenabsonderüng. 253 

auf Einmal per Dünndarm 3 Grrm. Aloe in 7*5 Grrm. Wasser gege- 
ben. 1 Stunde 10 Min. später Wiederbeginn der Absonderung mit 
einer Greschwindigkeit von 79— -77. Eine Stunde später, also 2 Stun- 
den 10 Min. nach der Gabe: Höhepunkt der Absonderung 26—13, 
fast unmittelbar danach schneller Abfall und nach einer weiteren 
Stunde vollständiges Erlöschen der Secretion. 

e) Eheum. Zunächst an die Aloe schliesst sich die Wirkung 
der Senna und des Bheum, welche in ungefähr gleichem Maasse 
begünstigend auf die Gallenproduction einwirken. Diese Mittel als 
Infusa vermögen nur in grossen Dosen die gänzlich darnieder lie- 
gende Leberthätigkeit, und zwar in viel geringerem Maasse, als die 
früher genannten anzuregen, wirken aber doch bei Weitem nachhal- 
tiger und energischer auf die noch schwach secemirende Druse ein, 
als die gleichen Mengen Wasser, gleichviel ob Kaninchen oder Hunde 
zum Versuch ausgewählt werden. 

Protokoll 17. Bei einem schwarzen Pintsch mit spärlicher 
Ausscheidung kamen 92 Metronomtacte auf Einen Tropfen Galle. Ich 
brauchte zu meinen Versuchen eine schnellere Absonderung und in- 
jicirte ihm ein Infusum Rad. Ehei von 150*0 Grm. aus 15*0 Grm. 
in das Duodenum. Eine Stunde 20 Minuten später war der Darm 
allmälig viel blutreicher geworden, und jetzt begann auch die Gallen- 
secretion allmälig anzusteigen , so dass die Tropfen in folgenden 
Zeiträumen entleert wurden : Je Ein Tropfen in 64, 55, 46 47, 47, 
42, 39, 36, 36, 36, 27, 28, 28, 27, 29, 31, 32, 28, 30, 29, 30, 
28, 27, 31, 29, 29, 27, 27, 24, 26, 24, 23, 25, 29, 20, 19, 17, 
14, 10, 11, 11, 17, 11, 10, 19, 15, 11, 11, 12, 11, 9, 9, 9, 9, 
9, 10, 14, 13, 14, 10, 11, 9, 11, 11, 10, 10, 10, 9, 13, 9, 13, 
16, 21, 20, 18, 21, 19, 20, 21, 21, 21, 24, 26, 27, 30, 29, 32, 
32, 32, 32, 32, 36, 33, 34, 39, 35, 35, 36, 34, 36, 36, 36, 36, 
34, 31, 39, 40, 40, 21, 39, 40, 46, 42, 45, 46, 46, 48, 47, 
54, 50, 53, 54, 53, 56, 55, 59, 58, 58, 60, 63, 67, 69, 63, 64, 
64, 64, 64, 64, 70, 79, 76, 59, 76, 73, 75, 74, 79, 82, 78, 82, 
84, 82, 82, 82, 83, 79, 94, 80, 82, 83, 86, 99, 92, 93, 94, 94, 
94, 96, 102, 114, 126, 140, 206 Secunden; dies war der letzte 
noch ausfliessende Gallentropfen gewesen. 

Wir haben es hier mit einer im Erlöschen begriffenen Gallen- 
absonderung zu thun, welche durch die Einwirkung des Rhabarber- 



1 



254 Röhrig. 

Infusnms eine allmälig merkliche Beschlennigang erfahr and nher 
3 Standen in einer sehr lebhaften Weise verlängert wurde. Die vier- 
fache Dosis warmen Wassers hat anter denselben Umstanden kaum 
eine aaf 2 Stunden anhaltende Wirkung geübt. 

f) Senna. Mit der Senna habe ich denselben Versuch an einem 
grossen Hund polnischer Bace gemacht, dessen Gallenproduction, 
nachdem sie zuvor äusserst lebhaft gewesen war, im weiteren Ver- 
laufe des Experimentes allmälig auf eine Geschwindigkeit von 60 
herabsank, um auf dieser Höhe 40 Minuten lang consequent zu ver- 
harren. Da ich auch hier zur Einleitung anderer Versuchsbedingun- 
gen einer regeren Ausflussgeschwindigkeit bedurfte, so gab ich ein 
warmes Sennes-Infusum von 15-0 auf 150*0 Grm. Colatur durch den 
Dünndarm. Die Gallensecretion verblieb 85 Minuten unbeeinflusst, hob 
sich aber dann langsam und langte nach Verlauf 1 Stunde 5 Min. 
von der Einspritzung ab gerechnet, bei einer Geschwindigkeit von 
4— 5 an, ein Zustand, der freilich nur kurz persistirte, um einem sehr 
langsamen Zurücksinken Platz zu machen, das ^/i Stunden nach 
der Gabe zur wirklichen Sistirung geworden war. 

g) Bittersalz. Noch schwächer als Bheum und Senna scheinen 
die abführenden Mittelsalze auf die Leber einzuwirken. 

Protokoll 18. Einem jungen Schäferhunde, dessen Secretion 
im Verlauf anderweitiger Experimente auf 98 — 96 heruntergekom- 
men war, injicirte ich 50 C. C. Mtr. einer gesättigten Lösung von 
schwefelsaurer Magnesia in den Darmkanal. 

1 Uhr 5 Min. (Zeitpunkt der Injection) durchschnittlich 98, 96 



1 


» 


15 


» 


96 


1 


Uhr 


25 Min. 


98 


1 


» 


35 


» 


82 


1 


» 


45 » 


72 


1 


» 


55 


» 


69 


2 


» 


5 , 


69, 60 


2 


» 


15 


» 


58 


2 


» 


25 » 


54 


2 


» 


35 


» 


34 


2 


» 


45 ^ 


39 


3 


» 


— 


» 


45 


3 


» 


15 , 


56 


4 


» 


30 


» 


76 


5 


» 


— » 


116 


5 


» 


5 


» 


Absondei 


runsr sisi 


iirt. 







h) Calomel. Mit grossen Gaben Calomel (20 Gran für einen 
Hund) gelingt es nur selten, den vollständig sistirten Gallenausfluss 
von Neuem anzuregen, obwohl das genannte Arzneimittel im Stande 
ist, die nur geschwächte Gallenproduction in einer gewissen Weise zu 



Physiologie der Gallenabsondening. 255 

verbessern. Bekanntlich spielt das Galomel als Beförderungsmittel 
der Gallenabsondernng schon längere Zeit eine grosse Bolle; dage- 
gen hatte ihm Scott ^) diese Bedentang wieder abgesprochen und 
meinte sogar den experimentellen Nachweis liefern zn können, dass 
es die in der Zeiteinheit abgesonderte Galle vermindere. 

Ich sah in zwei correspondirenden Fällen zuverlässig, wie die 
vollständig sistirte Gallenbildung durch Einführung von einer Emul- 
sion von 20 Gran Calomel in den Darm nach Verlauf von 2 Stunden 
wieder derart hergestellt wurde, dass alle 120 — 130 Pendelschläge 
Ein Tropfen ausfloss; 1 Stunde später betrug die Secretion in dem 
einen 85, in dem anderen 79, eine Geschwindigkeit, welche nach 
30 Minuten wieder zurückging und nach abermals 35 Minuten ganz 
eingeschlafen war. Galt es hingegen bloss der Beschleunigung einer 
bereits noch bestehenden Secretion, so erwies sich das Galomel zu- 
verlässiger; es lieferte dann annähernd dieselben Besultate, wie ich 
sie bereits für die schwefelsaure Magnesia des Ausführlichen ausein- 
andergesetzt habe. 

i) Bioiniisöl. Den schwächsten Einfluss auf die secemirende 
Function der Leber übt unter den von mir versuchten Körpern das 
Bicinusöl, obwohl ein solcher durchaus nicht zu verkennen ist. 
Ich theile ein dahin bezügliches Protokoll mit. 

Protokoll 19. Ein junger weisser Spitz bietet nach kunstge- 
rechter Anlegung der Choledochusflstel eine Secretionsgeschwindig- 
keit von 74. Nun wurden 6 Unzen Olei Bicini durch den Dünndarm 
verabreicht. Nach 1 Stunde 10 Min. begann der Ausfluss, ging sehr 
langsam in die Höhe, um nach weiteren 45 Minuten bei »48* auf 
seinem Höhepunkte anzulangen, auf dem er circa 30 Minuten ver- 
blieb, um dann sehr rasch abzunehmen. Die nächsten Tropfen fielen 
bei 48, 55, 55, 54, 52, 67, 61, 89, 90, 99, 105, 121, 142, 196, 
228 und der ganze Absonderungsprocess war erschöpft. 

Nach der eben mitgetheilten Wirkungsweise der verschiedenen 
abführenden Arzneimittel auf die Leberthätigkeit kann es keinem 
Zweifel mehr unterliegen, dass dieselben auch die Gallenbildung an- 
regen. Diesem Effect ging immer eine beträchtliche Hyperämie des 
Darms voraus. 



*) Scott, Arch. of med. T. I. p. 209. 



256 Röhrig. 

Wenn ich daher früher angegeben habe, dass eine eigentliche 
reflectorische Erregung der Secretion vom Darmkanal ans durch me- 
chanische, chemische und elektrische Beize nicht zu constatiren ist, 
so mnss ich jetzt hinzufügen, dass es trotzdem gewisse Stoffe gibt, 
die auf den Darm angewandt eine gallentreibende Wirkung haben, 
eine Wirkung, bei der so lange, als wir über den Zusammenhang 
der Erscheinungen nichts Näheres wissen, die Möglichkeit sie als 
Beflex aufzufassen nicht ausgeschlossen werden kann. 

Andererseits könnte man sich vorstellen, dass die genannten 
Substanzen erst dadurch zur Wirkung gelangten, dass sie vom Darm 
aus allmälig in hinreichender Menge resorbirt und dem Blute beige- 
mischt entweder durch directe Wirkung auf die Gefäjsse oder durch 
Erregung des Gefässnervencentrums jene Erschlaffang der Gefässmüs- 
kulatur vermittelten ^). 

Es müsste dann in beiden Fällen die directe Injection unserer 
Cholagoga in das Venensystem dieselbe Wirkung, vielleicht noch ra- 
scher veranlassen, als ihre Anwendung auf die Darmschleimhaut. 

Als ich das erste Mal einem kleinen Dachshund 45*0 G. C. Mtr. 
einer 25^ igen schwefelsauren Magnesialösung in die Vena jugularis 
injicirte, erfolgte sofort der Tod des Thieres. Ein so überraschendes 
Besultat musste zu einer häufigeren Wiederholung des Versuches 
auffordern; indessen so häufig das Experiment an Hunden und Ka- 
ninchen angestellt wurde, trat immer wieder derselbe rapide tödtliche 
Ausgang auf. 

Ja es veranlassten kleinere Dosen (8'20 C. Cmtr.) derselben 
Concentration , auch bei Injection in die Intestinalgefässe einen 
tödtlichen Ausgang. Die gelegentlich manchen Versuchen vorausge- 
schickte Eröffnung des Brustkorbes lehrte, dass es sich hier um einen 
der Injection unmittelbar folgenden Herzstillstand handelte. 

Jedenfalls musste die schwefelsaure Magnesia als ein ungeeignetes 
Mittel zur Entscheidung der Frage, ob direct in das Blut übergeführte 
Abführmittel die Gallensecretion zu vermehren im Stande seien, ver- 



^) Dass fast alle Metallsalze binnen wenig Standen vom Darm aus 
in die Galle überzugehen pflegen, hat uns E.Wichert (über den üeber- 
gang von Metallsalzen in die Galle. Dorpat 1860) und ebenso M Osler 
(Archiv für patholog. Anatomie Band XIII. S. 29) auf das Bestimmteste 
erwiesen. 



Physiologie der Gallenabsonderung. 257 

lassen werden. Ich wählte daher zunächst Senna nnd Bheum. An 
zwei Hunden wurde das eine Mal durch Einspritzung von 300 C. G. 
eines gut filtrirten Infusum Sennae, das andere Mal durch Injection 
derselben Quantität eines Infusum Bad. Bhei der oben angegebe- 
nen Goncentration in eine Mesenterialvene studirt. Der übereinstim- 
mende Erfolg war beide Male eine stark vermehrte Gallensecretion, 
welche unmittelbar mit der Injection aufbrat. Die Wirkungsdauer 
aber betrug im ersten Fall das Vierfache, im zweiten Fall das Sechs- 
fache einer nach Injection von gleichen Theilen Wasser vermittelten 
Beschleunigungf. 

Durchschneidung der Nervi splanchnici. Sollte nun un- 
sere Annahme, dass Hyperämie der Darm- und Lebergefässe einer 
gesteigerten Leberthätigkeit entspreche, die Probe bestehen, so dürfte 
die Durchschneidung des Nervus splanchnicus nur begünstigend auf 
die Gallenausscheidung einwirken. 

Protokoll 20. Meinen ersten Versuch machte ich an einem 
sehr grossen Fleischerhund, dessen Secretion in Folge von mehr- 
stündigen anderweitigen Experimenten aufgehört hatte. Unmittelbar 
nach Durchschneidung der beiden Nervi splanchnici begann die 
Gallenausscheidung von Neuem ; der erste Tropfen fiel nach 10, die 
folgenden nach 12, 10, 13, 18, 12, 10, 14, 18, 60, 63 Pendel- 
schlägen, um nunmehr zu sistiren zugleich mit dem Absterben des 
bereits sehr erschöpften Thieres. 

Protokoll 21. Zum zweiten Versuche wurde ein frischer nüch- 
terner, kleiner Bologneser Hund verwandt, welcher anfangs eine 
überaus schwache Absonderungsgeschwindigkeit darbot, dann 25 Mi- 
nuten lang gar keine Gallenausscheidung erkennen Hess. Nach Durch- 
schneidung des rechten Nerv, splanchnicus bei seiner DurchtrittssteUe 
durch die Zwerchfellschenkel kehrte die Gallenabsonderung wieder 
zurück und zwar mit 48 Pendelschlägen per Tropfen. Als so 4—5 
Tropfen gefallen waren, wurde der linke Nerv, splanchn. durch- 
schnitten; nun fielen die Tropfen in folgenden Absätzen : 40, 35, 37, 
35, 36, 34, 32, 31, 30, 29, 27, 65, 34, 34, 32, 60, 41, 31, 44, 
44, 47, 47, 58, 60, 53, 69, 94, 120 Metronomschlägen. Weiter 
reichte der Einfluss der Nervendurchschneidung nicht; die Leber 
hatte für immer abzusondern aufgehört. 



1 



258 Röbrig 

Vagi sympathici. lieber Beziehnngen der Vagi (sympathici) 
znr Gallenabsondening habe ich durch meine Versuche keinen Anf- 
schluRS erhalten kOnnen. Weder Dnrchschneidang noch Beizung der 
Stampfe waren von merklichen Aendemngen begleitet. 

Von der Prüfong der Beziehungen des Bückenmarks zur Leber- 
function war hingegen um so eher ein Erfolg zu erwarten, als vermuthet 
wird, dass die Unterleibsgefässe ausser den Bahnen der Nervi splanchn. 
noch durch andere Nervenstämme mit den vasomotorischen Oentren 
in Verbindung stehen. Danach waren sowohl auf die Durchschnei- 
dung, als auch auf die künstliche Erregung des Bückenmarks 
gewisse Aendemngen der Gallenabsonderung zu erwarten. Wir be- 
ginnen mit dem ersteren Eingriff, mit der Durchschneidung. 

Abtrennung des Halsmarkes. 

Protokoll 21. Ein mittelgrosses schwarzes Kaninchen hatte 
eine Ausflussgeschwindigkeit von 68 — 69; unmittelbar nach der 
Bückenmarksdurchschneidung erfuhr die Absonderung eine sofortige 
erhebliche Beschleunigung; die einzelnen Tropfen flössen in 1, 3, 3, 
2, 3, 4, 6, 10, 9, 10, 8, 6, 5, 6, 7, 9, 8, 9, 14, 21, 22, 26, 23, 
24, 28, 30, 31, 40, 41, 39, 58, 59, 58, 60, 63, 66, 67, 78, 96, 
107, 160, 180 Pendelschwingungen und der Gallenausfluss erstarb 
nunmehr mit dem Thiere. 

Protokoll 22. Aehnlich gestaltete sich das VerhäJtniss bei 
einem kleinen grauen curarisirten Kaninchen. Vor Durchschneidung 
des Bückenmarks betrug die Gallenbildung 1 Tropfen auf 68 — 70 
Pendelschläge; kurz nachher 1 Tropfen auf 6, 9, 10, 12, 13, 14, 
15, 13, 15, 15, 16, 12, 17, 17, 16, 25, 17, 16, 16, 16, 16, 16, 
15, 16, 17, 16, 17, 19, 17, 18, 20, 22, 26, 32, 23, 22, 17, 19, 
24, 26, 30, 30, 24, 46, 54, 80 Metronomtacte ; es fielen noch spä- 
ter einige Tropfen, wurden aber nicht genau notirt. 

Protokoll 23. In einem dritten Fall hatte ich es mit einem 
Kaninchen zu thun, welches nach mannigfachen Compressionsversu- 
chen seine Secretionsfähigkeit eingebüsst hatte. Es galt dieselbe 
durch Bückenmarksdurchschneidung wieder in Gang zu bringen. 
Wirklich fielen unmittelbar nach der Trennung der MeduUa noch 
2 Tropfen, der erste nach 37, der zweite nach 30 Tacteu und damit 
war das Thier verschieden. 



Physiologie der Gallenabsonderung. 259 

Die Wirkung auf den Verlauf der Gallenabsonderung bleibt aber 
aus, sobald die Unterleibsgefässe z. B. durch die Darreichung kräf- 
tiger Drastika schon vor der Operation zur Erschlaffung gebracht 
worden sind. Ich habe dies zweimal an Kaninchen und einmal an 
einem jungen Pudel constatirt. In allen 8 Fällen wurde zuerst nach 
Darreichung von grossen Dosen Crotonöl eine Beschleunigung der 
Absonderung abgewartet und dann das Bückenmark vom Gehirn ab- 
gelöst. Ich gebe hier nur den an dem Hunde yorgenommenen Ver- 
such wieder. 

Protokoll 24. Das Thier hatte nach der Präparation der Gal- 
lengänge eine Secretion von 90. Dieselbe stieg aber nach Verabrei- 
chung von 17 Tropfen Crotonöl im Verlauf von 50 Minuten auf 
18 — 20, um gegen 1 Stunde 20 Minuten auf diesen Zahlen zu per- 
sistiren. Die Bückenmarksdurchschneidung zog eine rapide Verlang- 
samung nach sich. Der schon vor der Operation äusserst hyperä- 
mische Darm schien an Blutreichthum verloren zu haben. 

Beizung des Bückenmarks. Heidenhain wählte zu sei- 
nen Versuchen die elektrische Beizmethode; er stach nämlich 
die Elektroden in den Hals- oder Bückentheil des sonst intacten 
Marks bei einem gegenseitigen Abstand der Nadeln von 3 — 4 Wir- 
belhöhen. 

Ich bediente mich zunächst der gebräuchlichen Hilfsmittel, um 
das intacte Bückenmark auf reflectorischem Wege oder durch Vergif- 
tung des Blutes zu erregen. 

Protokoll 25. Ein schon seit 4 Stunden in Verdauung begrif- 
fener grosser Jagdhund bot nach Curarisation und Herstellung der 
Choledochusfistel bei unterbundenem Ductus cysticus eine verhält- 
nissmässig gute Absonderung, so dass 10—12 Pendelschwingungen 
auf den Tropfen kamen. Nun wurde der linke Nervus cruralis 
an die Elektroden gelegt und gereizt. Erst nach 33 Pendelschlägen 
fiel der nächste Tropfen, ein Zeitpunkt, mit dem die Beizung sofort 
abgebrochen wurde. Kurz nachher ergab die Zählung 7, 7, 9, 10, 
12. Bei erneuter Beizung desselben Nerven fiel der nächste Tropfen 
nach 35 Pendeltacten. Unmittelbar nach der Beizung zählte ich 7, 
10, 13. 

Protokoll 26. Ein grosses graues Kaninchen lieferte kurz vor 
der Beizung des linken Nerv, cruralis alle 41— 42 Metronomschläge 



260 ROhrig. 

I Tropfen Qalle; während der diesmal länger ausgedehnten elektri- 
schen Beiznng verlängerten sich die Zeiträume langsam auf 44, 52, 
69 Metronomschwingungen. Unmittelbar nach Beendigung der Erre- 
gung fielen die Tropfen in 65, 36, 34, 32 Schlägen. 

Wurde nunmehr anstatt des Nerv, cruralis der Nervusischia- 
dicus auf die Elektroden gelegt, so entstand bei Oefifnung des 
Schlüssels eine sofortige Verlangsamung auf 98, 56, 66. 

Nach der Schliessung 38, 32, 30, 30, 32. 

Protokoll 27. Ein anderes ausgewachsenes männliches Kanin- 
chen, dessen Gallenproduction nach mehrfachen Versuchen ins Stocken 
gekommen war, erhielt zu ihrer Belebung 10 Tropfen Groton öl durch 
den Dünndarm. Als der Darm allmälig eine fast blaurothe Färbung 
angenommen hatte und sich die Ausflussgeschwindigkeit auf 10 bis 

II gebessert, wurde das centrale Ende des durchschnittenen Nerr. 
ischiadicus elektrisch gereizt, was auf die Gallenausscheidung sofort 
die Wirkung der Verlangsamung ausübte, so dass nur auf 10, 18, 
24, 47 Schläge 1 Tropfen Galle kam, während sie sich sofort nach 
beendigter Reizung wieder auf 27, 12, 11, 9, 8, 7 erholte. 

Athmungssuspension. In allen Fällen, wo mit Athmnngs- 
suspension an Kaninchen oder Hunden kürzere oder längere Zeit gear- 
beitet wurde, und ich habe solcher Versuche mehr als hundert gemacht, 
fehlte die Herabsetzung der Absonderungsgrösse niemals. Nur im Laufe 
längerer Beobachtung stellte sich heraus, dass man es hier mit 
complicirteren Verhältnissen zu thun hatte, als uns bisher aufgestos- 
sen waren. Während nämlich in einer grossen Anzahl von Fällen eine 
enorme Verlangsamung erfolgte, mussten bei anderen Experimenten 
nothwendig drei Stadien unterschieden werden. Die unmittelbare 
Folge der ausgesetzten Athmuug war zuerst in allen Versuchen eine 
allmälig oder plötzlich verminderte Ausflussgeschwindigkeit ; ihr folgte 
in den meisten Fällen eine über das Normale hinausgehende Be- 
schleunigung des Secretionsprocesses und zum Schluss trat dann ge- 
wöhnlich eine neue Betardation der Gallenproduction auf, welche den 
Uebergang in absolute Sistirung derselben machte. 

Zur Veranschaulichung dieser Verhältnisse will ich einige der 
hier einschlägigen Protokolle mittheilen. 

Protokoll 27. Ein kleines Kaninchen hatte eine Secretions- 
geschwindigkeit von 4, 4, 5, 6, 5. Während der eine Minute lang 



Physiologie der Gallenabsonderung. 261 

ausgesetzten Athmuiig träufelte die Galle in 33, 17, 56 Metronom- 
schlägen und unmittelbar nach wieder eingeleiteter Bespiration in 
folgendem Tempo: 7, 7, 4, 8, 4, 4, 4. 

Hierauf Athmungssuspension von 75 Secundendauer 24, 14, 12, 
3, 3, 45 Secunden per Tropfen. 

Nach Wiederaufnahme der Athmung 27, 16, 4, 4. 

Protokoll 28. Ein grosses graues Kaninchen hat eine Secre- 
tion von 3, 3, 3, 4, 3. Athmungsuspension 9, 10, 11, 1, 2, 2, 3, 
5, 10, 21. 

Nach derselben 2 Tropfen in 1 Secunde, dann die übrigen in 
2, 3, 8, 4 Pendelschlägen. 

Ein sehr grosser Fleischerhund liefert unter normalen Verhält- 
nissen alle 4 Metronomschläge 1 Tropfen Galle. 

Athmungssuspension I: 4, 5, 6, 10, 13, 14, 29, 16, 7, 6, 6, 
9,45, 60. Nachher 42, 10, 17 10, 11, 9, 9, 8, 4, 6, 4, 3, 4. 

Athmungssuspension 11 (V2 Stunde später eingeleitet, nachdem 
sich eine Constanz von 6 — 7 hergestellt hatte): 7, 12, 16, 17, 26, 
9, 8, 5, 4, 17, 30, 46, 58. Nachher 17, 9, 8, 7, 7, 7, 7. 

Ausserdem habe ich noch eine Eeihe von Fällen beobachtet, wo 
anstatt der genannten drei Stadien bei selbst bis zum Ersticken aus- 
gedehnter Athmungssuspension nur eine Einmalige erhebliche Verlang- 
samung, resp. vollständige Sistirung der Gallenproduction die einzige 
Folge war. 

Es fragt sich, wie sind diese regelmässig verlaufenden Secre- 
tionsschwankungen nach eingestellter Athmung zu expliciren? 

Wenn wir bedenken, dass das dyspnoische Blut zuerst durch 
seine Beizwirkung auf das vasomotorische Centrum eine periphere 
Contraction der kleinen Arterien auch im Bereich der Unterleibshöhle 
veranlasst, so wird uns das Auftreten der Erstverlangsamung der 
Gallenabsonderung kaum überraschen. Um dem Einwurfe, dass die ver- 
langsamte Absonderung während der Athmungssuspension durch den 
Wegfall der Aspiration des Pfortaderblutes hervorgebracht sein konnte 
zu begegnen, braucht man nur vor Beginn des Versuches den Thorax 
zu eröffnen und damit dessen Saugkraft aufzuheben ; man sieht dann 
ganz dasselbe Verhalten eintreten, wie vorher. Schwieriger ist die 
Erklärung des zweiten Stadiums der durch Athmungsaussetzung be- 
wirkten Secretionsbeschleunigung. 



262 Köhrip. 

Zur BeantwortoDg dieser Frage wurden die nachfolgenden Yer- 
Sache so eingeleitet, dass gleichzeitig mit der Beohachtong der in 
Folge von Athmnngsaossetznng veränderten Gallenmengen die Be- 
stimmung des jeweiligen Blatdmckes combinirt wnrde. Thatsächlich 
stellte sich aach heraus, da^s, wie der Anfangsrerlangsamong ein 
erhebliches Ansteigen des Blutdruckes in der Carotis entsprach, so- 
fort mit der wachsenden Secretionsgrösse ein Absinken des Druckes 
einherging, ein Absinken, welches während der Endverlangsamung 
im dritten Stadium noch weiter fortschritt, so dass sich der mittlere 
arterielle Druck am Ende des Versuches unter dem Ausgangs- 
punkte befand. 

Mit dieser Beobachtung war auch für das zweite Stadium, für 
die plötzliche Beschleunigung der secemirten Gallenmenge ein Ver- 
ständniss angebahnt. Denn wenn der Blutdruckserhöhung eine Yer- 
langsamung des Gallenabflusses folgt, so war mit dem Abfalle des 
Druckes eine Beschleunigung zu erwarten. 

Für die Erklärung des Zusammenhanges zwischen länger ausge- 
dehnter Athmungsunterbrechung und Endverlangsamung der Gallen- 
bildung gab der Umstand, dass diese Verlangsamung in der Begel 
mit einem hochgradigen djspnoischen Zustande zusammenfiel, An- 
haltspunkte. 

Dies fuhrt uns zurück zu dem schon früher ausgesprochenen 
Satze, dass die Gallensecretion in der Leber nicht allein von der 
Quantität des sie in der Zeiteinheit durchströmenden Blutes abhän- 
gig ist, sondern ebensowohl von der Qualität des Blutes. 

Da wo die bis zum Absterben des Thieres fortgesetzte Bespi- 
rationsunterbrechung nicht deutlich von jenen erwähnten drei Schwan- 
kungen der Absonderungsgeschwindigkeit gefolgt ist, sondern die- 
selbe mit einer ausschliesslichen Verlangsamung oder Sistirung ver- 
bunden ist, kann meiner Ansicht nach nur von einer Verschmelzung 
des Anfangs- und Endstadiums die Bede sein. Da diese Art von 
ßeizwirkung besonders bei schwächlichen, durch viele vorausgeschickte 
Versuche erschöpften Thieren mit langsamer Secretion einzutreten 
pflegte, so lag es nahe anzunehmen, dass jene Versuchsobjecte schon 
im Stadium der Arteriencontraction von einer so hochgradigen Ver- 
änderung des Blutes überrascht werden, dass die Wirkung der Arte- 
rienerweiterung nicht mehr zum Ausdruck kam. 



Pbjaologie der Gaüenateoiideniiig. 263 

Ich theile über die Congmenz von Blutdruck und Gallenabflnss 
ans meinen zahlreichen Anfzeichnnngen nur einen Fall mit, da die 
übrigen dem einen ähnlich sind. 

Protokoll 28. Ein grosser Fleischerhnnd wird cnrarisirt nnd 
nach Einleitung der künstlichen Bespiration die Carotis an der lin- 
ken Seite, sowie die Gallengänge präparirt, der Dnctns cysticus 
dnrch Elemmpincetten verschlossen , der Duct choledochns mit der 
Kanüle, die Arteria carotis mit dem Kymographion in Verbindung 
gesetzt. Die AnfangssecretLon, welche sich V/2 Minuten lang con- 
stant auf 4 erhalten hat, wird sofort benützt, um den Effect der 
Athmungsusspension zu constatiren. Die fallenden Tropfen werden 
jeder Zeit auf der Curve markirt. 




Erklärung der Curve. 

Es wurden nur mittlere Drucke geschrieben. Das Uhrwerk wurde 
aber nur ausgelöst, so oft ein Tropfen fiel. 

Die Curve ist von rechts nach links eu lesen. 

Unmittelbar nach Wiedereinleitung der Athmung stieg der Blut- 
druck nur erst sehr langsam zur normalen Höhe empor; eben so 
kehrte die Absonderungsgeschwindigkeit nur ganz allmälig zur Norm 
zurück, sie stieg auf 40, dann 12, 18, 12, 13, 12, 9, 10, 10, 9, 
10, 9, 8, 11, 10, 11, 10, 11, 10, 9, 7, 9, 8, 7, 7, 

Der Darm war zu Ende der ausgesetzten Athmung blauschwarz 
geworden, am blossliegenden Magen wurden, so lange der Blutdruck 
anstieg, sehr starke spastische Contractionen beobachtet, welche sich 

Med. JahrbOcher. 187». U. 18 



^64 Robrig. 

mit dessen Abfall lösten and gegen Ende desselben einem vollstän- 
digen atonischen Zustande Platz machten. 

Was zunächst die Annahme betrifft, dass das Stadium der An- 
fangsverlangsamuiig nach Athmungssuspension von der gleichzeitigen 
Arteriencontraction herrühre, so findet sie ausser in dem damit an- 
steigenden Blutdruck^) eine nachdruckliche Bestätigung in der That- 
sache, dass jene Verminderung der Gallenproduction ausbleibt, sobald 
die Verbindung der vasomotorischen Nerven der ünterleibsgefasse 
mit dem verlängerten Mark unterbrochen ist, also sobald nach Durch- 
schnei düng des letzteren das Gefässsystem der Eingeweide zur dau- 
ernden Erweiterung gebracht ist. Eine unter diesen Verhältnissen in 
Scene gesetzte Athmungsaussetzung bleibt dann ohne allen Erfolg. 

Protokoll 29. Es wurde einem kleinen Kaninchen mit offener 
Brust- und Bauchhöhle, welches so lange der Halstheil seines Enk- 
kenmarks noch intact war, eine Ausflussgeschwindigkeit von 70 hatte, 
das Eückenmark durchtrennt; die Geschwindigkeit stieg auf: 6, 8, 
11, 11, 10, 12, 11, 10, 11, 12, 13, 12, 12, 12, 12. 

Wurde nun die Athmung zum ersten Male ausgesetzt, so ging 
die Tropfenbildung unbeirrt in dem gewohnten Tempo weiter; ich 
zählte: 12, 13, 12, 11, 12, 13. 

Während der Athmung: 12, 13, 10, 14, 15, 15, 16. 

Athmungssuspension n (1 Minute lang): 15, 16, 15, 16, 17. 
Nachher: 17,. 16, 17, 18, 17, 21. 
Athmungssuspension III: 15, 17, 14, 18, 17, 14, 18. 
Nachher: 17, 18. 

Athmungssuspension IV: 14, 13, 14, 15, 17. 
Nachher: 24, 26, 30, 30. 
Athmungssuspension V: 23, 25, 23, 24. 
Nachher: 23, 24, 24, 26, 46, 58, 80; das Thier stirbt, die 
Tropfenbildung erlosch mit dem letzten Herzschlag. 



^) Die Congmenz der Blutdrucksteigerung und Verminderung der 
Gallensecretion ist schon von zwei Schülern Heidenhain "'s (Kube und 
Szostakowski) festgestellt worden. Im üebrigen stellen sich zwischen 
den Angaben Heidenhai n""» und meinen eigenen so thatsächliche Diffe- 
renzen heraus, dass eine Discussion darüber erst dann möglich werden 
dürfte, wenn festgestellt sein wird, auf welcher Seite die Beobachtungs- 
fehler liegen. 



Physiologie der Galienabsondening. 265 

Der Einwurf, dass die ausgeführten Schwankungen der Gallen- 
bildung nach Bückenmarksreizung oder Hückenmarkslähmung die 
Folge von gleichzeitiger Erregung oder Lähmung der von derselben 
Stelle ausgehenden Yagusfasern seien, kann nach unseren Erhebun- 
gen von der Indifferenz jenes Nerven för die Gallensecretion nicht 
mehr aufrecht erhalten werden. Indessen suchte ich jenem Bedenken 
noch dadurch entgegenzutreten, dass ich an verschiedenen Thieren 
die Athmungssuspension bei durchschnittenem N. vagi wirken Hess. 

Ich theile auch hiefür einen in mehrfacher Hinsicht interes- 
santen Versuch ausführlich mit. 

Protokoll 30.. Ein kleiner Schäferhund mit Choledochusfistel 
hat eine Secretionsgeschwindigkeit von 10, 11, 13, 12, 15, 12. 
Hierauf wurde die Athmung fast 5 Minuten lang ausgesetzt und 
das Verhalten des Blutdruckes während dessen controlirt. Die Trop- 
fen fielen in Pausen von 15, 16, 15, 15, 16, 17, 21, 26, 39, 44, 
96. Erst beim 6. Tropfen fing der Blutdruck an zu steigen, beim 
8. und 9. Tropfen schlug der Schreiber schon über die Trommel 
hinaus und konnte der Blutdruck nur noch schätzungsweise ange- 
geben werden; er war von 110 auf über 200 Mm. gestiegen. 

Bei Wiederaufnahme der Athmung: 40, 38, 34, 24, 18, 16, 
14, 16, 14, 14, 14, 10, 13, 12. Sofort werden beide N. vagi durch- 
trennt. Die nunmehrige Secretion beträgt: 10, 16, 16, 13, 15, 14, 
12, 13, 12, 16. 

Hierauf Athmungssuspension 11: 16, 13, 14, 13, 14, 20, 24, 
42, 62. Dieselbe späte aber sichere Verlangsamung, wie sie die erste 
Bespirationsunterbrechung vor Durchschneidung der N. vagi zur Folge 
gehabt. Der Blutdruck stieg mit dem 5. Tropfen, erreichte zwar 
nicht genau dieselbe Höhe wie vorher, hatte aber mit der Zahl 62 
seinen Höhepunkt erreicht und fiel nun ebenso schnell mit der wie- 
der aufgenommenen Athmung zum früheren Stand zurück, im glei- 
chen Schritt mit der aümälig beschleunigten Secretion der Galle, 
welche erst 32, dann 28, 23, 13, 12, 10, 15 zahlen liess. 

Ausser der Athmungssuspension stehen uns für die Blutdruck- 
steigerung in einigen Alkaloiden sehr energische Mittel zu Gebote. 
Ich wählte von diesen das Strychnin aus, weil nach den ünter- 

18* 



266 Röbrig. 

snchnngen Sigm. Mayer's^) sichergestellt worden, dass das strych- 
ninhältige Blnt durch eine vom vasomotorischen Centmm ansgehende 
Erregung eine kolossale Steigerung des Blutdruckes hervorruft, wel- 
che ebenfalls auf einer Hemmung des Blutabflusses, auf einer Ver- 
engerung der kleinen peripheren Arterien beruht. 

Protokoll 31. Kleiner Affenpintsch, curarisirt; Gallensecretion 
von 17 — 19. 1 Uhr 35 Min. Injection von 0'8 C. Cmtr. einer halb- 
procentigen Lösung von schwefelsaurem Strychnin in die Vena jugul. 
Der Blutdruck steigt schon nach 40 Secunden sehr steil an ; in 
gleichen Proportionen nimmt die Gallenabsonderung allmalig ab: 
ühr 36 Min. 28 

, 38 » 32-34 

» 40 :, 68-76 

^ 45 » 142 

» 50 » 164—198 

9 DO ■p ^lO 

2 » — » 294 j der Blutdruck hat den Höhepunkt erreicht 

2 » 7 » 294 j und behauptet sich 6 Minuten auf diesem 

hohen Stand, um nun langsam wieder abzufallen. 

2 » 11 , 243 

2 , 15 :, 221 

2 » 19 » 180 

2 :, 22 » 116 

2 :, 24 :, 102 

2 :, 28 » 109 

2 :, 30 » 54, 52, 50 

2 » 35 » 34, 36, 64. Damit hat der arterielle Druck sei- 
nen normalen Stand wieder erreicht. 

2 , 40 » 64, 137, 128; Sistirung derGallenproduction, 
das Thier stirbt. 

Wir beobachten also auch hier dieselbe Reihenfolge der Erschei- 
nungen, wie wir sie bisher aus allen Versuchsmethoden gewonnen 
haben : eine auf Arteriencontraction beruhende regelmässige Blutdruck- 
steigerung, zusammenfallend mit der in gleichem VerhäJtniss vor- 
schreitenden Abschwächung der Leberfunction. Auf den Höhepunkt 



*) Sigm. Mayer, üeber die Einwirkung des Strychnins auf das 
vasomotorische Nervencentrum. Diese Jahrbücher 1871. 



Physiologie der Gallenabsonderung. 267 

des Blntdruckes fällt die grösste Yerlangsamnug der Gallenabsonde- 
rung. In gleichem Schiitt mit der folgenden Arterienerweiterung 
senkt sich der Blutdruck und hebt sich die Secretion. Der Abfall der 
Strychninwirkung nach verhältnissmässig kurzer Zeit beruht wohl auf 
der bekannten Eigenschaft des Strychnins, auf welche zuerst Bos en- 
thaP) aufmerksam gemacht hat, aUmälig zu verrauchen. Dass sich 
an der Erhöhung des Blutdruckes auch die kleinen Unterleibsarterien 
durch allgemeine Contraction betheiligen, bestätigt auch hier die In- 
spection des Darmes und des Mesenteriums. Beide zeigen eine mit 
der abnehmenden Secretionsgeschwindigkeit steigende Blässe, welche 
der Zunahme der träufelnden Gallenmengen entspricht und mit dem 
abfallenden Seitendruck wieder verschwindet. Ganz im nämlichen 
Sinne spricht sich die Strychninwirkung im folgenden Versuche aus. 

Protokoll 32. Ein schwarzer Pintsch bietet eine permanente 
Ausflussgeschwindigkeit von 27. Es wird ihm 0*8 C. Cmtr. einer 
halbprocentigen schwefelsauren Strychninlösung in die Jugularvene 
injicirt. Der Blutdruck steigt 30 Secunden nach der Injection steil 
an, um sich über 8 Minuten auf der höchsten Höhe zu behaupten, 
dann aber fast ebenso schnell als er gestiegen wieder niederzufallen 
und zuletzt noch einige Zeit unter dem Ausgangspunkte zu verweilen. 
Die Secretion verlangsamt sich gleich nach der Strychningabe auf 
66, 67, 69, 140, 194 (Höhepunkt des arteriellen Blutdruckes), 174, 
118, 85, 58, 50, 44, 39, 30, 20, 206. Das Thier stirbt. 



Aus allen Versuchen, welche ich bisher besprochen habe, scheint 
es nun übereinstimmend hervorzugehen, dass die Quantität der aus 
den Gallengefässen curarisirter Hunde und Kaninchen ausströmenden 
Flüssigkeit abhängig ist: 

I. von dem Blutreichthum der Baucheingeweide; 
n. von der Beschaffenheit des Blutes. 

Schmulewitsch^) hat im Ludwig'schen Laboratorium den 
Versuch gemacht, künstlich einen Strom von defibriuirtem Hundeblut 



*) Comptes rend. 1867. 

^) Schmulewitsch, sächsisch, akadem. Sitzungsbericht 1869. 



268 Röhrig. 

durch die Leber eines eben getOdteten Kaninchens zn leiten, um die 
Drüse zur Gallensecretion zu vermögen nnd daraus den Beweis ge- 
liefert, dass die Leber zn denjenigen Organen zähle, welche vom 
Körper getrennt ihre Functionen noch fortsetzen können. 

Ich habe aus nunmehr, begreiflichen Gründen die Versuche wie- 
derholt. 

Protokoll 33. Ein Dachshund wurde in der gewöhnlichen 
Weise curarisirt, nach Eröflnung der Bauchhöhle der Duct. cysticus 
unterbunden und eine Kanüle nebst Ansatzrohr in den Duct. chole- 
dochus eingebunden. Alsbald wurde durch die linke Art. carotis so 
viel Blut abgelassen als überhaupt ausfloss, das venöse Blut zugleich 
mit dem nunmehr erfolgenden Act der Auslösung der Leber aus ihren 
Bändern und Gefässverbindungen aufgefangen. Die jetzt frei heraus- 
präparirte Leber wurde in eine Porzellanschale so gelegt, dass die 
Gallengänge mit der Kanüle und die Pfortader nach oben gerich- 
tet waren. Das defibrinirte'Blut (2 Pfund) wurde zunächst filtrirt 
und in eine Wolff *sche Flasche gegossen, welche einerseits mit einem 
Druckapparat, anderseits mit der Pfortader durch Kautschukschläuche 
verbunden war. 

Der Druck, unter dem das Blut die Leber durchströmte, belief 
sich auf 3 — 4 Cmtr. Hg.; die eventuell während dieser Procedur 
gebildeten Gallenmengen sollten durch das Maass an dem nicht ganz 
bis zu Ende gefüllten, horizontal fixirten Glasrohr, bei beträchtliche- 
rer Gallenergi essung auch nach Tropfen bestimmt werden. Es stellte 
sich nun heraus, dass beim ersten Durchleiten des Blutes die colla- 
birte Leber stark geschwellt wurde, und die Gallensäule in der Glas- 
röhre über 1 Zoll weit vorrückte.^ Beim zweiten Versuch, dieselbe 
Blutmenge aus der Wölfischen Flasche abermals durch die Leber 
zu treiben, geschah das Vorrücken schon viel langsamer, und noch 
viel träger bei der dritten Wiederholung derselben Procedur. Bei 
der vierten Probe war keine Vorrückung der Gallensäule mehr zu 
bemerken. Ich erhöhte den Druck von 3 Cmtr. auf 6 Cmtr.; nun 
rückte die Säule von Neuem vor; die mittlerweile bis zum Ende an- 
gefüllte Kanüle liess schnell hintereinander 3 Tropfen abfallen. 

Unser Versuch beweist indessen noch nicht, dass es sich hier 
um eine wirkliche Gallensecretion handelt. Es wäre möglich, dass 
die in den Gallenwegen bereits vor dem Experiment vorhanden ge- 



Physiologie der Gailenabsonderung. 269 

wesene GaUenflüssigkeit znm Vorrücken luid Austreten veranlasst 
wurde. Diess angenommen müsste die Durchleitnng einet gleichen 
Quantität indifferenter wässriger Flüssigkeit, z. B. einer schwachen 
Kochsalzlösung den Gallenausfiuss unter denselben Verhältnissen zu 
steigern im Stande sein. 

Protokoll 34. Ein junger Jagdhund wie in dem vorigen Falle 
(32) präparirt, nur dass ich diessmal anstatt Blut die gleiche Quan- 
tität einer Iprocentigen Kochsalzlösung zur Injectionsflüssigkeit ver- 
wandte. Auch diessmal schwoll die Leber beim Durchleiten der 
Flüssigkeit stark auf, wurde bald blass und endlich ganz ausgewa- 
schen, ohne dass sich jedoch auch nur die geringste Spur von einem 
Vorrücken der Gallensäule hätte bemerken lassen. 

Diese beiden Versuche sind wohl geeignet, die Angaben von 
Schmulewitsch zu unterstützen. Doch will ich selbst auf zwei 
Versuche hin mir keine Schlussfolgerung erlauben, namentlich in 
Bücksicht auf den Umstand, dass am lebenden Hunde im Hunger- 
zustande jede Gallenbildung untergraben ist. 

Zur Fortsetzung dieser wichtigen Versuche fehlte es mir aber 
dermalen an Zeit. 

Zum Schlüsse will ich noch der Anschauungen HeidenhainV\ 
gedenken, nach welchen auch die Contractilitäi der Gallengefässe auf 
den Gallenabfluss wirken. 

Ich kann diese Annahme vorläufig weder unterstützen noch be- 
kämpfen. Haben die feinen Gallengefässe wirklich Muskelfasern, dann 
muss man wohl daran denken, dass sie alle Schwankungen durch- 
machen, welchen die Blutgefässe unterzogen werden. Ich sehe aber 
bis jetzt keinen Weg, um die Wirkung der Gallen- und Blutgefass- 
verengerung scharf auseinander zu halten. 



Die voran mitgetheilten Untersuchungen sind im Laufe des letz- 
ten Wintersemesters in Wien im Laboratorium des Herrn Professor 
Stricker ausgeführt worden, für dessen freundliche Unterstützung 
ich ihm nun den wärmsten Dank ausspreche. 



^) Studien d. physiolog. Instit. zu Breslau. IV. Heft. 

-40fr— 



270 Rohrig. 

Nachtrag. 

Neben den schon angefahrten, die'Gallenbildang heeinflnssenden 
medicamentösen Stoffen haben mich noch zwei andere beschäftigt, 
welche die Gallenbereitung stören, den Gallenansflnss erniedrigen. 
Es sind dies das essigsaure Bleiozyd und das kohlensaure Natron. 

Die- Erfahrung der Aerzte, dass das essigsaure Blei einen 
tonischen Einfiuss auf die peripheren Blutgefässe auszuüben scheine 
und sich deshalb besonders bei Hämoptoe der Fhthysiker nützlich 
erweise, leitete mich darauf hin, auch dieses Mittel zu prüfen. In der 
That veränderte das essigsaure Blei die Gallenabsonderung sehr we- 
sentlich und brachte es eine Herabsetzung derselben zu Stande, wel- 
che mit einer deutlichen Blässe des Darmes verbunden war. Der 
gleiche Effect trat stets ein, gleichviel ob der gelöste Bleiessig in 
das Blut oder in den Darmkanal eingespritzt wurde, wie aus folgen- 
den Protokollen klar ersichtlich ist. 

Protokoll 35. Ein kleiner Dachshund hatte eine Secretion 
von 10—11. Um 1 Uhr wurden ihm 4 Unzen warmen Wassers, in 
welchem 0'6 Grm. Plumbi acetici gelöst waren, in den Dünndarm 
gespritzt. 

Uhr 3 Min. 21, 22 
, 10 » 34 
, 15 » 39, 41 
> 30 , 51 
» 45 , 50, 46 
, 55 » 40, 41 
2 , 5 , 36, 31 
2 ^ 25 , 12, n, 14. 
Hierauf Injection von 4*0 C. Cmtr. einer 0*09 Grm. enthal- 
tenden Lösung von Plumbi acetici in die Vena jugul. ext. sinistr. 
2 Uhr 26 Min. 6, 4, 3, 3 (Wasserwirkung), 31, 34 
2 :, 35 :, 37, 39 
2 » 40 :, 42, 49 

2 » 50 , 69, 70 

3 » - ^ 52, 50 
3 „ 10 , 49, -47 
8 * 20 . 40- ä6 



Physiologie der Gallenabsondening. 271 

3 Uhr SO Min. 26—21 

4 , - > 16, 14. 

Die erste Beobachtung, dass die Einverleibung von kohlen- 
saurem Natron die Gall^nsecretion bedeutend herabsetze, rührt von 
Nasse her. Nasse hat seine Eesultate an Gallenfistelhunden ge- 
wonnen, welche frei herumliefen und an ihnen nach Einfuhrung von 
grossen Dosen kohlensauren Natrons mit der Nahrung eine mehr- 
tägige Verminderung der Gallenausscheiduiig durch Massbestimmung 
der taglich ausfliessenden Gallenmengen constatirt. 

Meine an Kaninchen und Hunden angestellten Experimente zeig- 
ten, dass es auf einige Stunden die Leberfunction herabzusetzen 
vermocht. Dass auch hier Blutreichthum und Absonderungsgrösse 
gleichen Schritt halten, lehrt der blosse Augenschein; der Gastro- 
intestinaltractus befindet sich während der Wirkungsdauer des koh- 
lensauren Natrons im Zustande der Anämie, seine Gefässe im Con- 
tractionszustande. 

Protokoll 35. Ein grosser Fleischerhund bot eine Secretion 
von 10—12 dar. 12 Uhr 30 Min. werden ihm 40 C. Cmtr. einer 
erwärmten Sprocentigen Lösung von kohlensaurem Natron in den 
Dünndarm eingespritzt. Unmittelbar nach Injection: 1, 1, 1, 3, 4, 
6, 9, G, 6, 6, 10, 13 (Anfangsbeschleunigung durch Wasser -Re- 
sorption). 

12 Uhr 35 Min. 20, 18, 19, 20 

12 , 40 , 32, 56, 69, 58 

12 , 55 » 68, 70, 78, 80, 99, 101. 

Um 12 Uhr 55 Min. werden demselben Hunde aufs Neue 40 
C. Cmtr. derselben Lösung durch den Dünndarm beigebracht. Die 
Secretion stieg zuerst auf 9, 7, 6, 4, 3, 2, 5 Schläge (Wasserwir- 
kung), um nunmehr rasch zu sinken. 

5 Minuten nach Injection: 28, 29, 39, 40, 46, 58. 

1 Uhr 10 Min. 140, 200 Schläge; vollständiger StiUstand der 
Secretion durch 45 Minuten ; Einspritzung von 60 0. Cmtr. warmen 
Wassers in den Darm. 

5 Minuten später: 88, 42, 39. 

2 Uhr 10 Min. 27, 32, 13, 20, 17, 18, 22, 21, 10, 11, 18, 
17, 14, 10, 12, 10, 9. 



272 Ronrig. 

2 Uhr 30 Min. erneute Lijection von 50 C. Cmtr. warmer koh- 
lensaurer Natronlösung per duodenum. Unmittelbar danach 4, 6, 4, 

5, 7, 10. 

10 Min. später 22, 30, 30, 37, 58, 102. Noch 5 Min. später 
vollständiger Stillstand. Nach Verlauf dieses Zeitraumes erholt sich 
die Secretion langsam von selbst wieder ; sie beträgt 3 Uhr 40 Min. 
80, 3 Uhr 50 Min. 40, 4 Uhr 28, 4 Uhr 30 Min. 12, 11, 9, 6, 

6, 6, 4, 3, 11, 12, 6, 4, 3 Schläge. 

4 Uhr 45 Min. werden abermals 50 C. Cmtr. 5procentiger 
Natronlösung durch den Dünndarm verabreicht: 1, 1, 3, 6 ; dann 
Betardation: 4 Uhr 50 Min. 16, 17, 21, 19, 20, 25, 25, 23, 27. 

4 » 55 > 27, 21, 31, 28, 40. 

5 , — > 34, 28, 29. 

5 , 5 > 22, 18, 16, 16, 17, 16, 16, 16 — 

ein Stand, auf welchem die Gallenproduction nunmehr dauernd ste- 
hen bleibt. Eine abermals wiederholte Einspritzung erwies sich end- 
lich vollständig wirkungslos. 

Protokoll 36. Mittelgrosser Hund; Secretion 14—16. 50 C. 
Cmtr. erwärmter 4procentiger kohlensaurer Natronlösung in eine 
starke Mesenterialvene eingespritzt. Unmittelbar darauf: 6, 3, 1, 1, 
9, 6, 40, 63, 68, 130, 206 Schläge per Tropfen und damit Still- 
stand der Secretion durch 20 Minuten, dann allmälige Erholung der 
Leberfunction. 

Diese Proben constatiren erstlich, dass das kohlensaure Natron 
sowohl durch den Darm der Blutmasse zugeführt, als auch bei di- 
recter Injection in dieselbe ein zuverlässiges Mittel ist, um die Le- 
berthätigkeit herabzusetzen; femer dass seine Wirkung vom Darm 
ans zwar langsamer, aber dafür desto nachhaltiger vermittelt wird, 
als nach directer Mittheilung durch das Blut. 



Opium. Ich erlaube mir, des praktischen Interesses wegen, 
auf die Stellung, welche das Opium zur Gallenbildung einnimmt, 
hinzuweisen. 

Protokoll 33. Ich habe einem grossen schwarzen Pudel, des- 
sen Secretion nach 2 Stunden Beobachtung auf 62 heruntergekom- 
men war, 1*6 C. Cmtr. Trae. Thebaicae in die Vena jugul. injicirt. 



2 


» 45 


2 


» 55 


3 


> — 


3 


» 5 


3 


, 15 


3 


> 25 



Physiologie der Gallenabsondenuig. 273 

Die Ausflussgeschwiiidigkeit stieg zusehends; sie betrug unmittelbar 
nach beendeter Einspritzung: 

2 ühr 40 Min. 57, 57, 59, 59, 50, 48, 48, 49 

> 45, 43, 44 

> 42, 34 

> 26, 25, 24 

> 33—49 
» 48, 50 
» 69, 70, 72. 

Um eine abermalige Yerbessening der GaUenansscheidung zu er- 
zielen, entschloss ich mich zur Injection einer grösseren Menge von 
4*8 G. Gmtr. und zwar diesmal in den Darm. Nach einer Stunde 
war die Secretion gestiegen, persistirte eine Stunde lang auf diesem 
Stand, um dann rasch zur ursprunglichen Geschwindigkeit zurück- 
zukehren. 

Alle diese Belege deuten darauf hin, dass das Opium als ein 
die peripheren Gefasse paralysirendes Mittel beschleunigend auf den 
Absonderungsmodus einwirkt; sie liefern aber auch gleichzeitig den 
Beweis, dass das Opium an sich als Antidiarrhoicum durchaus Nichts 
zur Behinderung der dem Durchfall zu Grunde liegenden übermäs- 
sigen Secretion beiträgt, sondern dass es sich als stopfendes Mittel 
durchaus nur in dem Sinne bewährt, als es sich durch Hemmung 
der peristaltischen Bewegung der Fortbewegung des Darminhaltes 
hinderlich erweist. 



■vQ'OO'O'O' 



üeber das Scapolarkrachen. 

Von Dr. Ercole Galvagnl, Primararzt in Bologna ^). 



unter diesem Namen wird ein besonderes, meines Wissens noch 
nicht beschriebenes, Geräusch verstanden, welches in einigen Fällen 
wahrnehmbar ist, wenn man die Handfläche auf die Schalterblatt- 
gegend bringt, und hänfig auch für das Ohr in einiger Entfemnng, 
während das Individuum mit dem Schulterblatte die abwechselnde 
Bewegung des Hebens und Senkens ausfuhrt. Ich machte mich an 
das Studium dieses eigenthümlichen Phänomens im Anfange des 
verflossenen Jahres 1872, als ich im Haupt-Spitale einem Falle 
veralteter Pleuritis, mit bedeutender Einsenkung des Thorax, begeg- 
nete ; und ich hatte das Glück, die Richtigkeit meiner ersten Hypothese 
an einem zweiten Individuum bewahrheiten zu können, das eben- 
falls an veralteter Pleuritis litt und später starb. Als fast zur 
gleichen Zeit in dasselbe Spital ein Mädchen kam, welches zwar 
am Näherinn enkrampfe litt, jedoch dasselbe Geräusch zeigte, ver- 
suchte ich die Auslegung des Factums auf denselben Gesichtspunkt 
zurückzufuhren, und thue es nun mit um so grösserer Ueberzeugung, 
als die schliesslich an besagtem Individuum ausgeführte Necroscopie 
mir einige Zweifel, die noch geblieben waren, aufgeklärt hat. 

Der chronologischen Ordnung folgend, die mir im gegebenen 
Falle für die Erklärung auch die zweckmässigste scheint, werde ich 
vorerst die beiden Fälle erzählen, auf welche keine Einwendung 
fallen kann, um dann mit jenem zu schliessen, welcher eine Discussion 
zulässt, und zu dessen Stütze alle jene Erwägungen auseinanderge- 
setzt werden, welche dazu dienen, ihn den andern, bezüglich der 



^.) Uebersetzung aus dem Italienischen von Dr. Guido v. Probizer. 



Ueber das Scapularkrachen. 275 

Auslegung .des Phänomens womit ich mich beschäftige, näher zu 
bringen. 

I. FaU. 

Verunstaltung des linken Thorax durch vorhergegangene 

Pleuritis, Scapularkrachen. 

Silvio Marescalchi aus Bologna, 29 Jahre alt, Blasin^trnment- 
spieler; sein Vater und vier Bruder des ersteren starben an Lun- 
gensucht. Er selbst hatte einmal an Schanker und Tripper gelitten. 

Mit 19 Jahren unserer Armee als Bandist eingereiht, befiel 
ihn nach vier Jahren eine linkseitige Pleuritis mit «erösem Exsudat, 
die ihn zwei Monate im Spitale hielt, und wegen welcher er dann, 
zur Wiederherstellung seiner Gesundheit, auf Urlaub nach Hause 
geschickt wurde. Während der äusserst langen ßeconvalescenz 
bemerkte er eines Tages ein Geräusch, welches durch Bewegung 
der linken Schulter erzeugt wurde, ein Geräusch, dessen Intensität 
sich allmälig steigerte. Endlich (1868) aus der Miliz verabschiedet, 
nahm er nach einiger Zeit seinen Beruf als Spieler wieder auf, 
schlug jedoch die Pauken, und blieb so in ziemlich gutem Gesund- 
heitsstand, ohne bedeutende Beschwerden, ausser einem leichten 
Grade von Husten ohne Auswurf, welcher im Gefolge der Pleu- 
ritis geblieben war, und bis zum Jahre 1870 dauerte. Nunmehr be- 
findet er sich wohl. 

Als er sich im Anfange des Jahres 1872 im Spitale als Am- 
bulant vorstellte, um mich wegen des schon angedeuteten Geräusches 
zu Bathe zu ziehen, fand ich die linke Thorax-Hälfte fast ganz 
unbeweglich und in der Super- und Sub-clavicular- Gegend stark 
eingesunken; die äussere Extremität des Schlüsselbeines tiefer und 
vorspringender als zur Rechten, den vordem und untern Theil des 
Brustkastens von der 8. Bippe bis zum Bippenbogen einen der Rich- 
tung der Rippen entsprechenden Vorsprung bildend, welcher Vorsprung 
gegen die Verbindungsknorpeln der letzten Rippen hin hervorstehender 
war. Schliesslich erschien das linke Schulterblatt, besonders an 
seinem untern Theile, wie vom Thorax losgelöst, so dass man leicht 
die Finger von unten nach aufwärts darunter schieben konnte ; das 
Rückgrat in der Dorsal-Gegend leicht eingebogen, mit der Gonvexität 
zur Linken, und mit dem Höhepunkt der Beugung auf dem Livell 



276 Galvagni. 

einer, etwa drei Fingerbreiten unterhalb der nntem Ecke des linken 
Schulterblattes (welches niederer war als das rechte) gezogenen 
Linie. Die Bippenbogen hatten nicht mehr ihre normale Krümmung, 
sondern bildeten einen stumpfen Winkel, der mit einer Linie corre- 
spondirte, welche von der Bückenwand der Achsel ausgehend, sich 
schräg nach abwärts und vorne neigte. Bei der Percussion, zur 
Linken leicht gedämpfter Schall, gegen rückwärts und abwärts mehr 
markirt. Bei der Auscultation in einigen Stellen kein Athem, in 
anderen unbestimmt, mit ungewissem Schleimrasseln an der Lungen- 
spitze sowohl vorne als rückwärts. Der rechte Thorax zeigte bei 
der physikalischen Untersuchung keine Anomalie. 

Während der Patient das Schulterblatt von unten nach aufwärts 
und von innen nach aussen und umgekehrt bewegt, und selbst den 
Arm unbeweglich hält, bemerkt man, dass die untere Ecke des 
Schulterblattes sich eng an den Thoraxtheil anschliesst und so die 
Neigung seiner Fläche einigermassen verändert, zugleich hört man 
auch in der Entfernung ein Krachen, und nimmt beim Tasten einen 
rauhen Fremitus wahr, wie von zwei höckerigen Ebenen, die auf 
einander streifen, und ist diese Tastempfindung am höchsten in der 
Gegend der unteren Ecke des Schulterblattes. Im Ganzen ist das 
Geräusch demjenigen sehr ähnlich, welches ein Pferd macht, wenn 
es Hafer frisst. Der Patient scheint eine gewisse Fertigkeit im 
Hervorbringen des Geräusches erlangt zu haben, und zeigt sogar 
Wohlgefallen daran. 

Die erste Idee, die sich mir aufdrängte, war die, dass, indem 
der Patient durch die vorgeschrittene Pleuritis eine sehr erhebliche 
Verunstaltung des Thorax, mit Atrophie der zum Athmen dienenden 
Musculatur, erlitten hatte, es sich — mit Eücksicht auf die lange 
ünbeweglichkeit desselben — ereignet habe, dass die untere Ecke 
des Schulterblattes und seine unebene Vorderfläche fast nackt über 
die Bippen gleite; daher also die Bildung des geschilderten Geräusches. 
Ich verstand sicherlich nicht die ganze anatomisch-pathologische 
Beschaffenheit, welche die Basis der Phänomens bildete, doch kam 
ich ihr sehr nahe, wie aus dem folgenden Falle, den ich bald 
darauf beobachtete, erhellt. 



Ueber das Scapularkrachen. 277 

U. Fall. 

Verunstaltung des linken Thorax in Folge vorhergegan- 
gener Pleuritis; Scapularkrachen; Tumor albus am linken 

Knie; Lungensucht; Tod. 

Eafaele Busacchi aus Gesso (Provinz von Bologna) 30 Jahre 
alt» war bis zum 27. Lebensjahre stets gesund, wurde aber um 
diese Zeit, angeblich nachdem er schwitzend in kalter Luft gearbeitet 
hatte, von einem stechenden Schmerz im linken Thorax befallen; 
dessenungeachtet fuhr er noch einen Monat in seiner Arbeit fort^ 
war aber schliesslich gezwungen, mit Fieber und schwerer Dyspnoe 
in das Spital zu treten, wo er nahe zwei Monate blieb, und es 
angeblich hergestellt verliess. Di« Diagnose wurde auf linkseitigen 
pleuritischen Erguss gestellt; die Medication bestand in einem 
Vesicatorium am Thorax, und Jod-Kali innerlich gegeben. Darauf 
erkrankte er an Tumor albus am rechten Ellbogen, weshalb ihm 
der Arm im oberen Drittel amputirt wurde. — Er trat in meine 
Abtheilung, am 16. Februar 1872, wegen einer Geschwulst am 
linken Knie, welche für artritisch gehalten wurde. 

Durch die Anamnesis zur Untersuchung der Organe des Thorax 
bewogen, fiel mir sogleich eine erhebliche Verunstaltung der linken 
Seite auf. In der Gedankenrichtung, in welcher ich mich im Augen- 
blicke über den Eapport zwischen Verunstaltung des Thorax und 
Scapularkrachen befand, suchte und fand ich auch, als ich dem 
Kranken die früher angedeutenden Bewegungen des Schulterblattes 
ausführen Hess, mit Gefühl und Gehör dasselbe Geräusch, nur mit 
etwas geringerer Intensität. — Am 20. März wurde der Kranke 
auf die chirurgische Abtheilung des Professors Massaren ti gebracht, 
wo er am 19. August starb. Diese Mittheilungen, sowie den necro- 
scopischen Bericht, erhielt ich von den chirurgischen Assistenten 
Dr. Marcello Putti und Dr. Luigi Medini, auf schriftlichem 
Wege, indem ich damals von Bologna abwesend war. 

Necroscopie. Grosse Decubitus-Wunden, eine auf dem rechten 
Trochanter, die andere auf dem Kreuzbein, mit Blosslegung der 
Knochen. FungÖse Artritis des linken Knies, mit einer ziemlichen 
Menge von Pus in der Gelenkshöhle, Zerstörung der Knorpeln epiphi- 
säre Ostitis und Eitergang im innem Condylus des Oberschenkel- 
Knochens. Im Thorax beiderseitige pleuritische Verwachsungen, fester 



278 Galvagni. 

zur Linken, wo dicke Pseudomembranen und Stränge alten Datums 
bestanden; Cavemen an den Lungenspitzen. — Nichts Bemerkens- 
werthes im Herzen und in den Eingeweiden des Unterleibes. — 
Sämmtliche Muskeln an der Oberfläche der Dorsal-Gegend erscheinen 
blass und atrophisch. Nachdem das linke Schulterblatt aufgehoben 
ist, bemerkt man einen grossen Schleimbeutel, von unregelmässig 
ovaler Form, mit dem grössten Durchmesser von 7 — 8 Centimeter, 
der eine viscöse und durchsichtige Flüssigkeit enthält, und dessen 
unterer Rand bis zu etwa zwei Fingerbreiten ober der untern Ecke 
des Schulterblattes reicht. Dieser Beutel befindet sich zwischen dem 
Muse, infrascapularis, der äusserst atrophisch ist, so dass die Vor- 
derfläche des Schulterblattes fast blossliegt, und dem Muse, serratns 
major, der ebenfalls im höchsten Grade atrophisch ist, und sogar 
an einem Punkte, welcher dem Mittelpunkt des gedachten Beutels 
entspricht, einen unregelmässigen Substanzverlust zeigt; am Grunde 
sieht man zwei Bippen (die 5. und 6.) auf einer Strecke von 
3— 4Centim. blossliegen, ihre Farbe ist grau-röthlich, die Oberfläche 
rauh, das Knochengewebe erweicht, so dass man eine dünne Sonde 
hineinstossen konnte. Solchen Beschädigungen begegnete man am 
rechten, mit dem amputirten Arme correspondirenden Schulterblatte 
nicht. 

Durch diesen Befand Hesse sich das Scapularkrachen in dem 
gegebenen Falle erklären. 

Merkwürdig ist die Form der Corrosion der Knochenoberflächen, 
auf welche das Schulterblatt die grösste Eeibung ausübt, welche in 
Anbetracht des Mangels an entzündlichen Producten, nur eine Art 
von Atrophie durch Compression sein kann; jener sehr analog, die 
sich im Knochengewebe durch die Nähe von aneurysmatischen 
Tumoren bildet ^). ' 

Die Existenz eines Schleimbeutels an diesem Orte ist leicht 
begreiflich, nachdem uns die Erfahrung gelehrt hat, dass sich zn- 



^) Man weiss, dass die Knochen durch den Contact mit einem 
Aneurysma anfangs den Abdruck seiner äussern Formen annehmen, dann 
verschwindet ihr Periost, das Parenehym ist blossgelegt und dieses wird 
durch eine Veränderung sui generis zerstört, ohne eine Spur von Caries 
oder Necrosis zu zeigen, ohne Veränderung der nahen Theile und ohne Sup- 
puration. Manchmal verbindet sich jedoch noch eine wirkliche Caries damit. 

(Nölaton.) 



Oeber das Scapularkrachen. 279 

fällige Schleimbentel in was immer far einem Punkte des muscnlären 
nnd cntanen Systems bilden, wo, wegen dazn gekommener anormaler 
Ursachen ein nngewöhnliches Anfeinanderreiben statthat. 

In Erinnerung der Arbeit von Professor Concato: »Ueber 
diagnostisch-physische Zeichen bei der beginnenden Lungentubercu- 
lose* — »Ebdomadario clinico, 1863« — in der er unter Anderem 
von der unilateralen Atrophie der Stemo-cleido-mastoidei spricht, 
als einer Folge der verminderten Beweglichkeit des Thorax auf der 
der Lungenspitze, auf welcher zuerst der Prozess beginnt, entsprechen- 
den Seite, wollte ich in mehreren Lungensüchtigen meiner Abtheilung 
untersuchen, ob man im Allgemeinen durch Atrophie des muscn- 
lären Bespirations-Apparates zum Phänomen des Krachens gelange. 
In der That begegnete ich ihm einige Male, jedoch unter der Form 
eines ganz leichten Fremitus, der mit dem Gefühl, aber nicht in 
der Entfernung mit dem Gehör wahrnehmbar war, auf der Seite, 
wo die Läsion vorgeschrittener, häufiger jedoch gleichmässig auf 
beiden Schulterblättern, und einmal sogar auf der entgegengesetzten 
Seite, wesshalb es hier vielleicht einzig die Wirkung der Beibung 
der beiden ungleichen Flächen, der vorderen des Schulterblattes 
nnd des Brustkastens ist, welche Beibung durch die Denutrition der 
zwischenliegenden Muskeln (haben sie nun einen örtlichen oder einen 
allgemeinen Entstehungsgrund) möglich wird. 

Ich komme nun zur Beschreibung des anderen angekündigten 
Falles, bei welchem es allerdings schien, als hätte das besprochene 
Phänomen einen ganz verschiedenen Ursprung. 

m. FaU. 

Näherinnenkrampf, Scapularkrachen. 

Baffaella Bighi aus Bologna, 22 Jahre alt, Handschuhnäherin, 
war als Kind immer gesund, und wurde blos im 12. Jahre, nach 
einem Spaziergange auf den Hügeln im Sommer, von einer Paralysis 
des rechten Facialis befallen, von welcher sie jedoch nach etwa 
zwanzig Sitzungen mit dem Inductions-Apparat nnd fünf oder sechs 
Dampfbädern genas. Im 14. Jahre trat die Menstruation ein, welche 
sich etwa durch ein Jahr, wenngleich karg, regelmässig wiederholte 
als dann die Patientin, menstruirend, in den Beno-Canal tauchte, 
hörte die Menstroation plötzlich auf, ohne Beschwerden hervorzurufen, 

Mtd. JahrbOcher 1873. IL 19 



280 Galvagni. 

und nur einen leichten Grad von Lencorrhöe zurücklassend, um 
nicht mehr auf diesen Funkt zurückzukommen, füge ich hinzu, dass 
die Menstrua im Jahre 1871 wiederkehrten, und nun regelmässig, 
doch immer karg, eintraten. — Eines Morgens, im Winter 1868, 
gewahrte sie mit Erstaunen, als sie sich an ihre Arbeit als Hand- 
schuhnäherin machte, dass ihr die Nadel aus der Hand fiel, so oft 
sie sie einsetzen wollte, und empfand überdiess ein Gefühl der 
Staarheit in der Hand beim Herausziehen, sowie, wenn sie die Arbeit 
fortsetzte, Müdigkeit und ein schmerzliches Gefühl längs der Aussen- 
seite des Armes, bis zur Schulterspitze und zum Halse, und manch- 
mal selbst an der untern Ecke des Schulterblattes. Die Wiederholung 
dieser Erscheinungen zwang sie das Nähen ganz zu unterlassen. 
Vier oder fünf Wochen darauf, wie sie sagt, gewahrte sie, 
als sie eines Tages wie gewöhnlich Wasser schöpfte, mit dem Ohr 
ein starkes Geräusch an der rechten Schulter ohne irgend welchen 
Schmerz. Davon sowie durch die Störung, welche sie am Arbeiten 
hinderte, erschreckt, wandte sie sich an einen Arzt, welcher mehrere 
Kuren versuchte; aber die einzige, welche Besserung, ja sogar 
temporäre Genesung vom Krämpfe auf fünf Monate herbeiführte, 
war die Anbringung eines Vesicatoriums auf der Scapular-Gegend, 
jedoch fahr das Krachen stets unverändert fort. 

Im Sommer 1871, wo sie sich auf der Ambulanz-Klinik des 
Professors Concato vorstellte, wurde sie vom Assistenten Dr. 
Giovanni Marchi, daselbst einer elektrischen Kur mit dem In- 
ductionsapparat unterworfen, welcher, indem er die verschiedenen 
Muskeln des rechten oberen Gliedes und der Schulter faradisirte, 
einen hervorragenden Grad von Atrophie der Muskulatur der Scapu- 
lar-Gegend entdeckte, obgleich die einzelnen Muskeln unter der 
Wirkung des Stromes auf normale Weise reagirten. Die Sitzungen 
waren etwa dreissig, und erwuchs weder für die Hand, noch bezüg- 
lich des Geräusches ein Vortheil daraus, nur erreichte man die 
theilweise Wiederherstellung der Nutrition der Muskulatur. Am 
16. Februar trat sie in meine Abtheilung des Haupt-Spitals. 

Status praesens. Ihr Gesundheitsstand ist vortrefflich, keine 
Spur einer Lungenkrankheit; sie ist von kräftiger Constitution und 
wohl genährt. Die Phänomene des Näherinnenkrampfes und das 
Scapularkrachen dauern fort. Bei Aufforderung sich im Nähen zu 
versuchen, bemerkt man, dass sich im Momente des Durchstechens 



' Cder das Scapidaitncben. 281 

des Gewebes mit der Nadel die beiden letzten Finger der rechten 
Hand ausstrecken, und es scheint dem mittleren nicht za gelingen, 
die Nadel vorwärtsznschieben. Die Inspection der Scapalar-Gegend 
zeigt die früher constatirte Atrophie der Mnsknlatnr nur im schwäch* 
sten Grade; die intercostalen Zwischenräume sind auf beiden Seiten 
etwas niedergedrückt. Empfindlichkeit der Haut und Motilität des 
Gliedes vollkommen normal; kein schmerzhafter Punkt, weder am 
Laufe der dicken Nervenstämme , noch auf dem Bückgrat. Die 
Betastung lässt keine Anomalie auf der rückwärtigen Fläche des 
Schulterblattes bemerken, noch auf jenem Theile der vorderen, welche 
der Untersuchung durch die Finger zugänglich ist, die sowohl auf 
der gesunden als auf der kranken Seite, in Anbetracht der Dichte 
des subcutanen Fettpolsters, nicht tief zwischen die unteren Ecken 
des Schulterblattes und den Brustkasten eindringen. Alle Bewegungen 
der Schulter werden regelmässig und anscheinend mit derselben 
Kraft wie auf der gesunden Seite ausgeführt. Bei ausgedehnton 
abwechselnden Bewegungen des Hebens und Senkens des rechton 
Armes nach aussen und oben, mit dem entsprechenden Gleiten dos 
Schulterblattes, hört man auch in grosser Entfernung das Krachen, 
und constatirt durch das Gefühl die grösste Intensität an der 
untern Ecke dieses Knochens. Wenn man dieselben Bewegungen, 
jedoch mit vorwärts gehaltenem Arme, ausführen lässt, so ist das 
Geräusch minder stark, und bleibt endlich ganz aus, sobald mau 
den rechten Arm sehr stark nach links halten lässt. 

Am Tage nach ihrem Eintritte, die Nutzlosigkeit der sdion 
versuchten Faradisation einsehend, und durch den früher mit dem 
Vesicatorium erzielten, temporären Erfolg ermuthigt, entsclilosfl ich 
mich, dieselbe Medication von Neuem anzuwenden, und lioHS in der 
That auf der innem Armfläche ein Vesicatorium anbringen, und 
am 4. März ein zweites auf der Scapular-Gegend; wobei ich don 
Gebrauch der Hand zum Nähen untersagte. Am 19. März trat «io 
aus dem Spitale, und kehrte nach Utägiger Ruhezeit zu tliror 
Arbeit als Handschuhnäherin zurück, welche sie gegotiwärtig noch 
fortsetzt, wie ich mich selbst vor einigen Tagen über/iiMignn konnio. 
Nur empfindet sie manches Mal einen gewissen Grud von Mndlg:knlt 
im Arme und in der Schulter, besonders wenn sie an den Hand- 
schuhen mit der Maschine arbeitet. 

Hätte ich an diesem Mädchen das Phänomen doN KrurlionN 



282 GaUagui. 

vor den andern Fällen, oder bevor mir die Controle einer Necroscopie 
zur Verfügung stand, beobachtet, so wäre ich in der Wahl der 
verschiedenen Auslegungsarten, die sich mir darboten, verlegen 
gewesen; allein bei dem Stande der Dinge, -— bei der Anologie 
des Phänomens mit den der besprochenen Fälle, sowohl in Bezug 
auf die Modalitäten, als auf den Sitz des Geräusches lag es nahe 
dasselbe auch nun mehr auf analoge Ursachen zurückzuführen. Es 
ist allerdings wahr, dass die physikalische Untersuchung hier jede 
Wahrscheinlichkeit einer vorhergegangenen Pleuritis ausgeschlossen 
hat, noch sich Verunstaltungen des Thorax zeigten; doch lehrt uns 
andererseits die Anamnesis, dass das Geräusch von der Kranken 
einige Wochen nach dem Auftreten des Krampfes bemerkt wurde; 
ein Umstand, welchem man einen gewissen Werth nicht absprechen 
kann. 

Fragen wir uns nun, ob sich zwischen dem Näherinnenkrampf 
und dem Scapularkrachen ein ursächlicher Zusammenhang denken lässt. 

Um auf eine solche Frage zu antworten, stellte ich mir bereits 
die folgenden Aufgaben: 1. Ist der Schreiberkrampf (dem natürlich 
der Näherinnenkrampf gleichzustellen) immer auf die Muskeln der 
Hand und des Vorderarmes beschränkt, oder kann sich manchmal 
die Affection auf andere Muskeln des oberen Gliedes, mit Inbegriff 
der Schulter, erstrecken? — 2. Die letztere Thatsache zugegeben, 
erzeugen sich in den afficirten Muskeln solche Veränderungen, aus 
welchen man das Bestehen des scapulären Krachens erklären könnte. 

Die medizinische Literatur gab mir einige Daten an die Hand, 
welche mich in den Stand setzen mich der Lösung des Problems 
zu nähern. 

Duchenne, welcher in seiner Praxis viele verschiedenartige 
Fälle von Schreiberkrampf analysirte, hat in dieser vorübergehenden 
Störung, welche sich bloss während der Ausführung gewisser will- 
kürlicher und instinctiver Bewegungen zeigt, mehrere Unterschiede 
zu bemerken geglaubt, und zeigten sich zwar bald fortwährende 
schmerzhafte Zusammenziehungen, bald periodische Contractionen 
oder Zittern, bald endlich eine Paralysis, daher der von ihm diesem 
Krankheit gegebene Name Spasma functionalis et Paralysis. 
Charakteristisch für die paralytische Form ist es, dass während der 
Muskelfunction ein Gefühl der äussersten Müdigkeit eintritt, die 



Ueber das 8capularkrachen. 288 

Feder der Hand entfällt , nnd das Glied wie angenagelt auf dem 
Tische bleibt, ohne dass sich die Finger zu bewegen vermögen. In 
einem Falle empfand einer seiner Kranken Ermüdung in der Schulter, 
auf dem Livell der Scapulargegend, und hier hält er dafür, dass die 
Krankheit ihren Sitz im Musculus subspinosus habe ^). Die Affection 
beschränkt sich also, nach diesem Autor, nicht auf die Muskeln der 
Hand und des Vorderarmes, sondern kann auch in sehr verschiedenen 
Begionen wohnen, und stimmen darin auch andere Beobachter überein. 

Doch diese Annahme würde nur wenig zur Erläuterung meines 
Falles dienen, wenn die Meinung Duchenne's (1861) über die 
pathologische Anatomie des Schreiberkrampfes richtig wäre, dass 
nämlich diese Krankheit keine materielle Spur ihrer Existenz zurück- 
lasse 2). Dagegen wurde in der Folge von Anderen beobachtet, dass, 
wenn die Krankheit alt ist, musculäre Atrophie nicht nur der Mus* 
kein, welche direct beim Schreiben betheiligt sind, sondern auch jener 
des Armes eintreten kann^). 

Indem nun beim Schreiberkrampfe selbst die scapulären Mus- 
keln ergriffen werden können, und mehr noch Atrophie in den 
afficirten Muskeln eintreten kann, so ist eine Abhängigkeit des 
Krachens vom Krämpfe immerhin denkbar. 

Der Einwand, dass bei dem Mädchen alle Bewegungen der 
Schulter und des Armes normalmässig stattfanden, spricht nicht 
absolut gegen die Atrophie des Infrascapularis und grandentatus, 
da sie ebenfalls trefflich von Marescalchi ausgeführt wurden, 
ebenso vonBusacchi, bei welch letzterem wir schon die Bestätigung 
der Necroscopie hatten. 

Der Einwand ferner, dass in dem letzt erwähnten Falle die 
Krankheitsdauer zu kurz war, um musculäre Atrophie in solchem 
Grade eintreten zu lassen, hat auch keinen absoluten Werth, da die 
Kranke, aus einem Gedächtnissirrthum die Daten einander etwas näher 
gerückt haben könnte. 



*) Duchenne. De T Electrisation localis^e. Paris 1861, pag. 928 
ü. folg. — In der letzten Ausgabe von 1872 findet sich nicht mehr über 
die angefahrten Punkte. 

*) Logo citato. 

*) Jaccoüdi, Traitd de Pathologie interne. 



284 GalTagni. Ueber das Scapularkrachen. 

So sehr ich übrigens glaube, dass der Fall, in welchem nns 
die Necroscopie zu Hilfe kam, die Ursache des Scapularkrachens 
klar gelegt hat, so sehr bin ich auch überzeugt, dass meine Yer- 
muthungen über den letzterwähnten Fall nichts als Vermuthungen 
sind. Vielleicht werden weitere Beobachtungen Aufklarung bringen. 

Bologna, 24. Jänner 1873. 



Beitrage zur Eenntniss des Muskelkrebses 

von 
C. Weil. 

(Hierzu Tafel V.) 
(Aus dem Institute fOr experimentelle Pathologie in Wien.) 



Es kamen mir im Laufe der letzten Monate fünf Tnmoren der 
Zange znr Untersnchnng, die von Billroth als Carcinome diagno- 
sticirt nnd exstirpirt wurden. Zerznpfangspräparate ans den peripheren 
Partien der derben Tnmoren Hessen mannigfach veränderte Muskel- 
fasern erkennen. 

Eine Gruppe von Fasern zeichnete sich durch eine ungewöhn- 
liche Menge von Muskelkemen aus, deren Form, Grösse und An- 
ordnung vielfach verschieden war. Es fanden sich rundlich^ eiför- 
mige, stäbchenförmige, manchmal eingeschnürte oder durch querüber 
laufende Marken in zwei Abschnitte getheilte Kerne von variabler 
Grösse; sie lagen femer entweder einzeln, unregelmässig vertheilt, 
meist unmittelbar unter dem Sarcolemma, oder in langen Beihen, 
manchmal auch in Haufen angeordnet in allen Tiefen der Muskel- 
substanz. Viele Kerne waren von einer verschieden breiten feinkör- 
nigen Zone umgeben, während man an vielen kaum eine Spur hievon 
entdecken konnte. Die Menge der in einer Faser vorhandenen Muskel- 
keme schwankte ebenfaUs, von der Norm bis zu dem Grade, dass 
die contractile Substanz von ihnen nahezu vollständig substitoirt war. 

Eine andere Gruppe von Fasern zeichnete sich besonders durch 
Veränderungen der contractilen Substanz aus. Zunächst sah ich solche 
von dem Aussehen der in Fig. 1 a abgebildeten Formen. Die cou- 

Med JahrbUrber ihlA. lil. 20 



286 Weil. 

tractile Substanz an der die Querstreifung noch recht deutlich wahr- 
nehmbar ist, erscheint hier durch verschieden tief greifende Ein- 
schnürungen in ungleich grosse, unregelmässig geformte bucklige 
Massen abgetheilt, die je einen oder mehrere grosse Kerne mit Kem- 
körperchen beherbergen. Die Kerne liegen meist in dem prominirenden 
peripheren Theile des Buckels. Fasern, bei denen diese Einschnürungen 
regelmässig der Quere nach vorhanden sind, gewinnen das Ansehen 
von Arterien, wie diess bei der Muskelentzündung von Janovitsch 
Tschainski*) beschrieben wurde. 

Neben den jetzt beschriebenen fand ich Fasern von dem Aus- 
sehen der in Fig. 1. b. c. abgebildeten. Diese unterschieden sich von 
den vorigen durch deutlichere Begrenzung der einzelnen Buckeln, so 
wie dadurch, dass die den Kern umgebende Substanz an einzelnen 
Stellen undeutliche, an anderen gar keine Querstreifung beobachten 
liess, so dass einzelne Buckeln für sich betrachtet das Aussehen eines 
kernhaltigen Protoplasmuklumpens gewannen. Weiterhin sah ich Pasern, 
die mehr oder weniger vollständig in Fibrillen zerlegt waren, zwischen 
denen sich Muskelkeme von verschiedener Grösse und Form meist 
in sehr grosser Anzahl befanden. Solche Fasern sahen, wenn ein 
Theil noch cylindrisch und ziemlich unverändert war, einem Pinsel 
gleich, dessen Haarbüschel von zahlreichen Muskelkernen durchsetzt 
war. Der aufgefranste Theil hätte, wenn der Zusammenhang mit der 
noch als solcher erkennbaren Muskelfaser aufgehoben gewesen wäre, 
als Bindegewebszug mit vielen Bindegewebskörperchen imponiren 
können. 

Hie und da fanden sich auch sehr breite und dünne Fasern mit 
sehr grossen Muskelkemen, bei denen die Querstreifung nur ganz 
undeutlich, ähnlich wie bei den in Fig. 1. b c abgebildeten erkennbar 
war; an einzelnen meist in regelmässigen Abständen von einander 
entfernten Stellen war die Faser so dünn, dass ein geringer Druck oder 
Zug genügte um sie in grosse, einen oder mehrere rundliche Kerne 
tragende Platten zu zerlegen, die ohne Zusammenhang gesehen für 
grosse Platten epithelien hätten angesehen werden können. Es fanden 
sich auch an vielen Präparaten neben solchen Fasern ähnliche isolirte 



*) Ueber die entzündlichen Veränderungen der Muskelfasern. Stu- 
dien aus dem Institute für experiment. Pathologie in Wien 1869. 



Beiträge zur Kenntniss des Muskelkrebses 287 

Platten, über deren Abstammnog man nur dann etwas Bestimmtes 
aassagen konnte, wenn an ihnen Sparen von Qaerstreifang wahrnehm- 
bar waren. 

Bei den ersten zwei von mir nntersachten Fällen konnte ich auch 
die von Neamann, Popper, 0. Weber, Waldeyer a. a. beschrie- 
benen Maskelzellenschläache isoliren. Ich sah in diesen Schlänchen 
neben deatlich qaergestreiften, mehr oder weniger veränderten Maskel- 
stücken zellige Gebilde von epithelartigem Aassehen in verschiedener 
Weise aiigeordnet. Während in der Mehrzahl der Fälle die Schläuche 
mit verschieden aassehenden, ganz wirr durcheinander liegenden Gebil- 
den angefüllt waren, konnte ich an einzelnen eine gewisse Begelmäs- 
sigkeit in der Anordnung der bezeichneten Inhaltskörper beobachten. 
Es waren einmal die epithelartigen Gebilde so an der Innenseite des 
Sarcolemmas angeordnet, dass sie einen axialen Kanal begrenzten: an 
einzelnen Stellen fand ich an der Aussenseite der Zellen anliegende 
kleine Muskelstückchen und von ihnen mehr oder weniger deutlich ab- 
gegrenzt. In einzelnen Fällen hatten die Inhaltszellen Cylinderform und 
Sassen der Wand des Schlauches meist schief auf, ebenfalls einen un- 
gleich weiten Kanal begrenzend. 

In einem der untersuchten Fälle sah ich Muskelfasern, die in ihrem 
Innern — unregelmässig geformten rothen Blutkörperchen der Säuge- 
tiiiere vergleichbare — Körperchen enthielten. Diese Körperchen zeich- 
neten sich durch structurlosen Bau, starken Glanz und gebliche Färbung 
aus; ihre Grösse kam der eines rothen Blutkörperchens des Menschen 
gleich oder abertraf sie noch; ihre Form war sehr verschieden, es kamen 
randliche und vieleckige vor; sie lagen einzeln oder in Beihen, oder 
in Häufchen angeordnet, überall von quergestreifter Substanz umgeben. 
Manchmal sah ich sie in grössere Klumpen einer eben so ausse- 
henden Substanz übergehen, die, wie ich mich durch genaue Un- 
tersuchung mit den Imm. Syst. 10. und 15. Hartnack überzeugen 
konnte, ebenfalls überall von quergestreifter Substanz umgeben waren. 
(C. Heitzmann ^) sah am entzündeten Knochen ebenso aussehende 
Klumpen und bezeichnete sie als Hämatoblasten. In Fig. 2. a ist eine 
diese Körper enthaltende Muskelfaser abgebildet.) 



^) Stadien am Knochen und Knorp^ von C. Heitzmann. Med. 
Jahrbücher 1872, S. 347. 

20* 



288 Weil. 

Das Studium feiner Durchschnitte von verschiedenen Stellen, 
der in Chromsäure erhärteten Greschwülste, gewährte vielfache Auf- 
schlüsse, sowohl über die Genese wie auch über die Anordnung der 
verschiedenen, den Tumor constituirenden Gewebselemente. 

In Fig. 3 ist ein Präparat abgebildet, an dem man bei a eine 
schief getroffene Muskelfaser sieht, deren peripher gelegener Antheil 
an seineu Längsstreifen noch als Muskel erkennbar ist, während an 
dem spitz zulaufenden Ende die contractile Substanz von zwei grossen 
epithelähnlichen Zellkörpern substituirt ist; bei b ist ein noch wenig 
verändertes Muskelstück zu sehen, mitten unter epithelartigen Bil- 
dungen, welche durch ihre Farbe und durch Spuren von Streifung 
ihre Abkunft vom Muskel erschliessen lassen. 

In einem der untersuchten Tumoren fanden sich sehr grosse Riff- 
Zellen in grosser Menge, die sich ganz besonders dadurch auszeichneten, 
dass der centrale, um den grossen stachligen Kern gelegene Theil durch 
Färbung und Streifung an Muskel mahnte, während der periphere Theil 
farblos, nur von feinen Körnchen und radiär verlaufenden Speichen durch- 
setzt war. Das Aussehen des centralen Theiles legte die Yermuthung, 
dass diese Gebilde aus Muskeln hervorgehen, um so näher, als ich 
sie auch in Muskelzellenschläuchen angetroffen habe. In Fig. 4 ist 
eine solche Zelle abgebildet. 

Ich glaube auch Anhaltspunkte zur Yermuthung zu haben, dass 
viele Krebsknoten durch Umwandlung aus Muskelbundeln hervor- 
gehen. Bei Betrachtung von Präparaten, wie ich eines in Fig. 5 
abbilden Hess, konnte ich mich dieses Gedankens kaum erwehren. 
Der bei b abgebildete Knoten besteht aus noch quergestreiften Muu- 
kelstückchen und mehreren verschieden grossen epithelartigen Gebil- 
den, die mehr oder weniger den Charakter der Muskelsubstanz an 
sich tragen. Vergleicht man dieses Bild mit dem ron Fig. 8, so 
wird man zugeben müssen, dass zwischen den hier noch deutUch 
erkennbaren Muskelstücken und den in Fig. 5 abgebildeten Zellen- 
gruppen nur Phasen-Unterschiede zu vermuthen sind. 

In Fig. 6 ist die Hälfte eines Knotens abgebildet, dessen äus- 
sere Begrenzung durch einen sehr gut als solchen erkennbaren Mus- 
kelzug gebildet ist, während sein centraler Autheil aus wenig oder 
sehr bedeutend veränderten Muskelstücken und aus epithelartigen 
Zellen besteht. 



Beiträge kur Kenntniss dss Muskelkre ses. 289 

In Fig. 7 ist ein Querschnitt eines Drüsenschlauches abgebil- 
det, der sich dadurch auszeichnet, dass dem peripheren Ende meh- 
rerer den Schlauch zusammensetzender Zellen Gewebsstückchen auf- 
sitzen, welche man durch Form, Färbung und Streifung als Muskel- 
reste erkennt. In einzelnen den Drüsenschlauch zusammensetzenden 
Zellen kann man auch noch Körperchen wahrnehmen, die denjenigen, 
welche man an den in Verwandlung zu epithelartigen Gebilden be- 
griffenen Muskeln zu beobachten pflegt, gleichen, und so liegt auch 
hier die Yermuthung nahe, dass dieser Drusenschlauch aus Muskel 
hervorgegangen, zumal wie schon oben erwähnt, eine solche Um- 
wandlung aus Isolationspräparaten mit grosser Wahrscheinlichkeit 
erschlossen werden konnte. 

Es wäre nur noch die Annahme möglich, dass die Drnsenzellen 
in einen Sarcolemmaschlauch hineingewuchert waren, und die Mus- 
kelsubstanz bis auf die kleinen Beste zum Schwunde gebracht hat- 
ten; doch wird diese Annahme durch die Regelmässigkeit der An- 
ordnung dieser Muskelfacetten, sowie dadurch, dass in den einzel- 
nen Zellen noch kleine, Muskelstückchen höchst ähnliche Körperchen 
vorhanden sind, wie auch durch die anderen schon oben beschrie- 
benen Beobachtungen nicht sehr plausibel gemacht. Ich sah auch 
an Querschnitten einzelner Muskelbündel, deren Fasern die schon 
vielfach besprochenen Veränderungen in verschiedenem Grade beob- 
achten Hessen, eine solche Anordnung der einzelnen Fasern, dass 
das quer getroffene Bündel einem quer getroffenen Drüsenschlaucho 
sehr ähnlich' sah. 

Aus allen diesen Beobachtungen glaube ich schliessen zu dürfen, 
dass so manche von den in den untersuchten Tumoren vorgekom- 
menen Drüsenschläuchen aus einzelnen Muskelfasern, oder auch aus 
Faserbündeln hervorgegangen sind. 

Höchst lehrreich waren auch Präparate, wie ich eines in Fig. 8 
abbilden liess. Einige der quer oder schief getroffenen Fasern Hessen 
noch deutlich den Charakter des Muskels erkennen, andere beherbergten 
einen oder zwei grosse verschieden geformte Kerne, ohne irgend eine 
andere Veränderung wahrnehmen zu lassen ; noch andere wie die 
bei a und b, zeigten den rothen Blutkörperchen des Menschen zur 
Verwechslung ähnliche Gebilde; bei noch anderen war die Querstrei- 
fung undeutlich, und die bei c und d abgebildeten hatten ganz das 
Aussehen von Epithelzellen. 



290 Weil. 

Wenn ich nun die Besnltate meiner Beobachtungen zusammen- 
fasse, so ergibt sich die naheliegende Yermuthung, dass eine Anzahl 
der den Mnskelkrebs zusammensetzenden Krebszellen, Erebsknoten 
und Drusenschläuche, aus dem Muskel hervorgehe. 

Der Vorgang scheint sich in der Weise zu gestalten, dass eine 
Vermehrung der Muskelkerne durch Theilung stattfindet und die um den 
Kern angf'sammelte Protoplasmamasse zunimmt; dass die contractile 
Substanz ihre Structur ändert, indem sie ihre Streifung verliert, einem 
jungen Protoplasma ähnlich wird, und sich endlich in verschieden 
grosse , einen oder mehrere Kerne beherbergende epithelähnliche 
Zellgebilde abfurcht. Es ergab sich weiter, dass in vereinzelten Fällen 
rothen Blutkörperchen ähnlich Grebilde im Innern der Muskelsubstanz 
vorkommen, und es gewann den Anschein, als ob analog dem bei der 
Entzündung der Knochen von 0. Heitzmann beschriebenen Vorgange 
sich auch beim Muskelcarcinome Blut aus der Muskelsubstanz bilden 
könne. 

Was die Literatur des behandelten Gegenstandes betrifft, ver- 
weise ich auf die umfangreichen Literatur-Verzeichnisse von Pop- 
per und Waldeyer, und werde nur der in letzter Zeit auf dem 
einsclüägigen Gebiete erschienenen Arbeiten erwähnen. 

Volkmann ^) behauptet gegenüber den Angaben von 0. Weber, 
Popper, Neumann u. a., dass die Muskelkörperchen an der Bil- 
dung von Garcinomzellen keinen Theil haben, und dass die in den 
sogenannten Muskelzellenschläuchen vorkommenden Krebszellen von 
Bindegewebszellen abstammen. Durch die massenhafte Wucherung 
der Bindegewebszellen soll der Muskel ähnlich dem Vorgange bei 
Knochen caries usurirt werden. 

Was die Angabe Volkmann 's betriflPt, er habe keine Verän- 
derungen an den Muskelkörperchen wahrnehmen können (abgesehen 
von einer leichten Vermehrung), so stehen diesem negativen Resul- 
tate, das aus Untersuchung eines einzigen Falles gewonnen wnrde 
die positiven Angaben einer Anzahl anerkannter Forscher entgegen. 
Die zweite Angabe stützt Volk mann mit der Beobachtung des Zu- 
sammenhanges der in den Muskelzellenschläuchen angesammelten 
Krebszellen, mit solchen ausserhalb des Schlauches gelegenen. Nun 
kann aber doch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden, dass 



^) Virchow's Archiv Bd. 50. 










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* Von TT* 

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j>^ Lan g^ ei:^ beck's AwWt Jahrj?. Is73i. 
,) Virclmo^'a Arthiv Bd. &«. 

5] Lehjrl>iieli d. jÄtholog, Hi^toloffi«, 



Untersuchungen über die putride Mection 

von 
Dr. Gesaaldo Clemenfi and Dr. George Tliin. 

(Aas dem Institute fOr experimcntcile Patholog^ie in 'Wien.) 

Die Mittheilnngen, welche Davaine der Pariser Academie de 
m^decine in der Sitzung vom 17. September 1872 über die Wirkung 
faulen Blutes auf Kaninchen gemacht hat, veranlassten uns dessen 
Angaben zu prüfen. 

Davaine behauptete, dass kleine Mengen faulen Blutes unter 
die Haut eines Kaninchens gebracht , eine Ki'ankheit hervorrufe, 
welche zumeist nach wenigen Tagen zu einem tödtlichen Ausgange 
führe. Ein Tropfen Blutes des solchermassen getödteten Thieres 
(erste Generation) wirke auf ein zweites Kaninchen noch intensiver 
als das faule Blut, und zwar steigere sich die Intensität mit dem 
Fortimpfen von Thier zu Thier, so dass endlich Dosen von einem 
Hundert Millionstel Tropfen hinreichen, um ein Kaninchen zu inficiren ; 
oder kurz ausgedrückt, die Fähigkeit des Blutes zu inficiren werde mit 
der Transmission durch ein neues Thier gesteigert. Davaine hat seine 
Versuche bis zur 24. Generation fortgeführt und auch in den letzten 
Generationen immer noch die schon in früheren Generationen gefun- 
dene ganz enorme Ansteckungsfähigkeit nicht verringert gefunden. 
Wenn sich auch Davaine darauf stützt, dass die Steigerung der 
Infectionsfähigkeit der Säfte mit der Transmission schon Magen die 
bekannt war, dass dieser Satz ferner im Jahre 1866 von Gore und 
Felz öffentlich ausgesprochen, dann von Sanderson und Klein 
bestätigt wurde und seine Angaben auch seither von anderen fran- 



Untersuchungen Qber die putride lofection. 293 

zösischen Forschern theilweise Bestätigung gefunden haben, so schien 
uns eine Wiederholung dieser wichtigen Versuche immer noch an- 
gezeigt. 

Unsere Experimente haben keine wesentlich neuen Gesichts- 
punkte zu Tage gefördert. Dennoch glauben wir unsere Protokolle 
der Oeffentlichkeit übergeben zu dürfen, weil erstens diese an und 
für sich unwahrscheinlich klingenden Angaben einer Unterstützung 
durch neue Versuchs -Protokolle noch sehr bedürfen, und weil wir 
zweitens, wenn auch nicht viel, aber immerhin etwas zur Klärung 
der Sachlage beitragen können. 

Die Kaninchen, welche wir für unsere Versuche verwendet ha- 
ben, waren in einem aus Brettern und Drahtgittern hergestellten 
Stalle unter günstigen Bedingungen untergebracht. Der Stall befindet 
sich wohl in der Nähe des Leichendepots der pathologisch-anatomi- 
schen Anstalt, steht aber in einem mehrere hundert Quadratklafter 
grossen Gartenraume unter freiem Himmel, an eine Mauer gelehnt, 
welche nicht zur Anstalt gehört. 

Die geimpften Thiere wurden mit je einem Halshande aus 
Kupferdraht versehen, an welchem eine mit einer Nummer versehene 
Blechmarke hing. 

Nach jeder Impfung wurde die Markennummer protokollirt, 
Dosis und Blutsorte verzeichnet. Im Stalle selbst wurden in ver- 
schiedenen Abtheilungen gesunde und kranke Thiere planlos zusam- 
men gesperrt. 

Alle Injectionen wurden mit Stachelspritzen unter die Nacken- 
haut gemacht. Doch besassen wir eine Anzahl Spritzen, so dass in 
den meisten Fällen die Injectionen mit gesundem frischem Blute 
mit Vorrichtungen ausgeführt werden konnten, welche mit den kran- 
ken Stoffen in keinerlei Berührung kamen. 

Die Verdünnungen wurden nach der Methode der Homöopathen 
gemacht, und zwar so, dass wir die verlangte Dosis auf einen Theil- 
strich unserer calibrirten Spritze rechneten. Bei allen Gaben, welche 
nicht mehr als 0*08 Gramm, betrugen, war die geimpfte Flüssig- 
keitsmenge 008. Die Dosis 0*08, die kleinste, welche wir mit der 
Spritze genau messen konnten, entspricht noch reinem Blute. 0008 
war schon mit dem zehnfachen, 0*0008 mit dem hundertfachen 
Wasser gemengt u. s. f. 



294 Clemenii UDd Thin. 

Das Blut wurde zum Theil von solchen lebenden Thieren ent- 
nommen, welche nach der Impfung schon auffällige Krankheits- 
Symptome boten, oder von Leichen von in Folge der Infection ge- 
storbenen Kaninchen. 

Da wir uns mit der {[rankheit der geimpften Thiere nicht näher 
befasst haben, so können wir den Symptomen -Complex auch nicht 
genugsam schildern. Wir wollen daher nur in Kürze angeben, dass die 
Thiere nicht frassen, auffallend ruhig am Platze blieben, dann 
dyspnoisch athmeten, sich gern nach einer Seite neigten und gegen 
das Ende zu häufig Krämpfe bekamen. In diesem Endstadium pfleg- 
ten wir die Thiere zum Weiterimpfen zu benutzen. 

Das Blut der kranken Thiere zeigte unter dem Mikroskope 
zahlreiche grössere und kleinere, rundliche oder unregelmässig be- 
grenzte Kömchen, die farblosen Blutkörper häufig auffallend gross 
und massig vermehrt. Das Blut gerann unter dem Mikroskope 
häufig sehr rasch, so dass sich die bekannten, aus Fäden und Körn- 
chen zusammengesetzten Plaques zeigten. 

Wir haben im Ganzen 123 Kaninchen, 6 Meerschweinchen und 
2 Hunde in den Versuch gezogen. 

Die Versuche mit den Hunden können wir nur flüchtig erwähnen. 
Das erste Thier bekam 0*8 Cub. Cent, faulen Ochsenblutes unter 
die Haut gespritzt. Die geimpfte Stelle schwoll an, war augenschein- 
lich schmerzhaft. Das Thier fieberte massig, (Vormittags 38. bis 
38-50 Nachmittags 39-60 bis 40-20) und starb am 6. Tage nach 
der Impfung. Die Section ergab keine bemerkenswerthe krankhafte 
Veränderung. 

Vom Blute des gestorbenen Thieres wurde 0*8 Cub. Cent, einem 
zweiten Hunde geimpft. Dieses Thier war am ersten Tage sehr 
niedergeschlagen, zeigte nur sehr geringe Temperatur-Erhöhung von 
38-4 auf 39-, frass aber schon am zweiten Tage, und liess am 
dritten Tage bereits keine Spur von Unwohlsein merken. Zwanzig 
Tage später bekam dasselbe Thier 1-6 Cub. Cent, Blut eines kranken 
Kaninchen 3. achter Generation. Es boten sich ähnliche Erscheinungen 
wie früher, das Thier erholte sich wieder und wurde nach etwa 
zwei Monaten zu anderen Zwecken verwendet. 



Untersuchungen Ober die putride Infection. 



295 



Wir geben in der folgenden Tabelle zunächst eine Uebersicht 
aller von nns an Kaninchen ausgeführten Versuche. 

Tabelle L 





Blut-Sorte 


Zahl 


Ge- 
stor- 
ben 


Le- 
bend 


Ge- 

sammt- 

Zahl 


Ge- 
stor- 
ben 


Le- 
bend 




Gesundes ^^^^^ ; ; ; 

Faules 

/Kein .... 
Gekocht . . . 

Durchgangs- KKhol bei 
f handelt . . 
\ Destillirt . . 


2 
25 



4 


2 
21 


27 
23 

73 


4 
11 

54 


23 
12 

19 




23 


11 


12 




49 
11 

8 

3 
2 


37 
9 

8 





12 
2 



3 
2 








Sa. 




123 


68 


55 



Tabelle n. 
Impfung mit dem Blute gesunder Thiere. 



Dosis in 
Cub. Cent. 



Zahl 
der Thiere 



Gestorben 
nach der Lnpfung 



Am Leben geblieben 

und zu anderen Zwecken 

verwendet 



0-4 



0-16 



8 





am 5. Tage 
am 3. Tage 
am 9. Tage 
am 20. Tage 



0-08 



13 







1 am 20. Tage 
1 am 21. Tage 
1 am 22. Tage 
1 am 24. Tage 



1 am 20. Tage 
1 am 20. Tage 
1 am 28. Tage 
1 am 39. Tage 
wurden vom 14. Tage 
ab successive zu ande- 
ren Zwecken verwendet 



27 



21 



296 



C lerne Uli and Tbin. 



Es ergiebt sich ans der Tabelle I., dass die Sterblichkeit bei 
den Thieren, welche mit Darchgangsblat geimpft wurden 72*5, bei 
den mit fanlem Blnte 47*8, bei den mit gesundem Blute 15 Percent 
betrug. 

Da während der ganzen Dauer unserer Yer^iuchszeit keine Woche 
verging, ohne dass von den vorräthigen angeblich gesunden Kaninchen 
eines oder zwei gestorben wären, so ist ein Todesfall, der am 20. 
Tage nach der Impfdng mit gesundem Blute eintrat, nicht leicht als 
eine Folge der Impfung anzusehen. Auch war bei zweien von den 
drei anderen Todesfällen eine Spritze verwendet worden, welche vor- 
her zu Injectiouen mit faulem Blute gebraucht war. Wir glauben 
aber im Interesse der Vorsicht zu handeln, wenn wir diese Fälle 
dennoch einstellen, und annehmen, dass die Sterblichkeit auch bei 
den mit gesundem Blute geimpften 15^ betrug. 

Tabellen!. 
Faules Blut. 



Nr. 



Zahl der 
Thiere 



Dosis 
in Cub. Cent. 



Gestorben nach Lebend u.zu anderen 



der Impfung 



Zwecken verwendet 



1 
2 
3 
4 
5 
6 
7 

8 

9 

10 
11 

12 

13 
14 
15 
16 



8 



0-4 



0-24 



016 



008 



Zahl 



2 
2 
2 
2 

3 



11 



Zahl 



000008 



2 
12 



19 
14 



23 
24 

19 



25 

19 



Uiitersucbungeii über die putriiie lufertion. 



297 



Tabelle III. 



Nr. 



Zahl der 
Thiere 



Dosis 
in Cub. Cent. 



Gestorben nach 
der Impfung 



Lebend u. zu anderen 
Zwecken verwendet 



17 

18 
19 
20 
21 

22 
23 



Transport 
0000008 



0-0000008 



000000008 



Zahl 




Zahl 


9 




7 


^^ 




1 


1 


9 


3 


2 


12 




8 




12 




11 



25 

25 
25 

19 



Wenn wir Tabelle in. mit ü. vergleichen, so ergiebt sich zu- 
nächst ein auffallender Unterschied bei den mit grossenDosen (0*4 C. 0.) 
geimpften Thieren, indem bei einer solchen Dosis faulen Blutes von 
7 Thieren 5 gestorben sind, bei der gleichen Dosis gesunden Blutes 
von 4 Thieren alle am Leben geblieben sind. Auffallend ist femer, 
dass 2 Thiere mit 000000008 C. 0. faulen Blutes geimpft ge- 
storben sind, während die Sterblichkeit bei den grösseren Dosen viel 
geringer war. 

Wir müssen bei dieser Gelegenheit eines besonderen Umstandes 
erwähnen. Bei den meisten Thieren, welche nach der Impfung mit 
Durchgangsblut gestorben sind, war eine ausgebreitete Infiltration 
der Haut und des Unterhaut- Zellgewebes von der Eintrittsstelle 
ausgehend wahrzunehmen. Ein solches Infiltrat fehlte bei denjeni- 
gen, welche mit gesundem Blute geimpft wurden, und fehlte auch 
bei denjenigen, welche sehr kleine Dosen faulen Blutes bekamen. 
Es ist desswegen der Verdacht, dass sich einzelne Thiere im Stalle 
gegenseitig inficirt hätten, nicht ganz auszuschliessen. Jedenfalls 
müssen wir zugestehen, dass unsere Versuche in dieser Beziehung 
mangelhait sind. 

An der folgenden Tabelle IV. fällt auf, dass die Zahl der am 
Leben gebliebenen Thiere zumeist theils den Anfangs -Generationen, 
theils den Impfungen mit sehr geringen Dosen angehören. 



298 



C lementi und Thin. 



Tabelle IV. 
Darchgangsblat. 



■"■"■ 


Zahl 




Gestorben 


Lebend nnd zn 


Ge- 


~ 


Nr. 


der 


Dosis in Gramm. 


nach der 


anderen Zwek- 


nera- 






Thiere 




Impfang 


ken verwendet 


tion 










Zahl jamTage 


Zahl 


amTage 






1 




/ 








20 


2 




2 


4 


016 






3 


20 


2 




3 












20 


2 




4 




( 


1 


4 






2 




5 








3 






3 




6 








2 






4 




7 


5 


0-08 


5 


3 






4 




8 








2 






8 




9 




( 




5 






9 




10 








4 






5 




11 




j 




3 






5 




12 




l 




3 






5 




13 
14 


8 


0016 / 


7 


4 

4 


1 




5 
2 




15 




1 




2 






8 




16 




r 




3 






8 




17 




\ 








20 


2 




18 




- 




3 






6 




19 
20 


4 


0008 


4 


4 
2 






6 
8 




21 




( 




4 






11 




22 




/ 




10 






3 




23 




l 




3 






6 




24 
25 


6 


0-0008 / 


6 


4 
3 






6 




26 




1 




4 










27 








3 






11 




28 








5 










29 








6 










30 
31 


6 


000008 / 


6 


4 
5 










32 




1 




5 






10 




33 




' 




2 






12 





UnlersuchungfD über die putride iDfec.tion. 



299 



Tabelle IV. 



Nr. 



Zahl 

der 

Thiere 



Dosis in Gramm. 



Gestorben 
nach der 
Impfung 



Lebend nnd zu 
anderen Zwek- 
ken verwendet 



Ge- 
nera- 
tion 



34 
35 
36 
37 
38 
39 
40 
41 
42 

43 

44 

45 

46 

47 
48 

49 



9 



0000008 



1 
1 



0-00000008 



0000000008 



0-0000000008 



0-00000000008 



0-000000000008 



Zahl amTage 



2 
4 
4 



2 
2 



2 



Zahl 



5 
3 



36 



amTage 

10 

29 



6 

28 



30 



13 



20 
20 

20 



12 

12 

13 

13 

8 

2 

2 

2 

2 

6 
6 

9 

9 

9 
7 



Man kann sich aber der Thatsache nicht verschliessen , dass 
von 23 Thieren, welche von 0-08 — 0-00008 Grm. Durchgangsblutes 
späterer Generationen bekommen haben, nicht eines am Leben blieb, 
dass nur eines von ihnen den 10. Tag, eines den 6. Tag und vier 
den 5. Tag erlebt haben. 

Dass es sich nicht um eine zufällige Sterblichkeit handelt, 
geht daraus hervor, dass in dieser letztgenannten Beihe ausnahmslos 
Infiltrationen an der £instichsstelle gefunden wurden. Von der Dosis 
0*000008 Cub. Cent, abwärts nimmt die Sterblichkeit bereits in 
auffälliger Weise ab. Da aber auch hier unsere Versuche nicht als 
ausreichend angesehen werden können, so wollen wir von diesen 
ganz abstrahireu. 



300 Clementt und Thi 

Wir entnehmen daher ans unseren Yersuchen, dass die Sterb- 
lichkeit bei den mit Dnrchgangsblut geimpften Thieren auffallend 
grösser war als bei den mit faulem Blute geimpften , und dass eine 
Dosis von nähernngsweise 1 Decimilligramme Durchgangsblut noch 
hinreicht um ein Kaninchen zu tödten. Wenn wir ferner bedenken, 
dass wir in diesen Versuchen auch Thiere der 12. Krankheitsgene- 
ration nützten, so l&sst sich daraus der weitere Schluss ableiten, dass 
das krankmachende Agens in den kranken Thieren bedeutend ver- 
mehrt worden sein muss. Denn bei den Dosen, die wir geimpft 
haben, kämen selbst unter der Annahme, dass nur das Blut und 
nicht auch die Säfte zur Verdünnung des Impfstoffes beigetragen 
haben auf die 12. Generation Bruchtheile von Grammen, die mit 
50 — 60 Nullen geschrieben werden müssten. Unsere Versuche sind 
aber schon bei Bruchtheilen, die mit 9 Nullen geschrieben werden, 
negativ ausgefallen. 

Da man den gegebenen Definitionen entsprechend die im faulen 
Blute vorhandenen schädlichen Substanzen als Miasmen, die von Thier 
zu Thier übertragenen und in den Thieren vervielfältigten Substanzen 
aber als Contagien bezeichnet, so ergibt sich aus den Versuchen, dass 
hier ein Miasma zu einem Contagium geworden ist. 

lieber die Natur des Miasma und Contagium, um welche es sich 
hier handelt, wollen wir uns keine Aussage erlauben. Wir haben in 
dieser Beziehung zu wenig untersucht. Doch haben wir einige Ex- 
perimente angestellt um die Frage einzuengen und über diese Ex- 
perimente wollen wir noch Bericht erstatten. 

Onimus hat behauptet, dass das betreffende Gift nicht diffnn- 
dirbar ist. Wir haben uns um diese Frage zu prüfen einen Dialyseur 
aus Pergamentpapier gemacht, und das Blut gestorbener und kranker 
lebender Thiere in Wasser diffundiren lassen (s. Tabelle V.). 

Wir wollen aus unseren Versuchen nicht den Schluss ziehen, dass 
das Gift diffundiren kann. Es ist wohl möglich, dass durch das Perga- 
mentpapier fäulnissfähige Körper durchgegangen sind, welche ausser- 
halb des Papiers erst in Fäulniss geriethen. Wohl aber lässt sich 
aus unseren Versuchen entnehmen, dass der Schluss, das Gift könne 
nicht diffundiren, nicht begründet sei. 



Uiitersucliimgen über die putride Infertion. 



301 



Tabelle V. 

Das Blut gestorbener oder kranker Thiere wurde durch Pergament- 
Papier dialysirt, und Ton dem, was nach 24 Stunden durchgegangen 
war, in den angegebenen Dosen eingespritzt. 



Nr. 



Zahl 

der 

Thiere 



Dosis 
in Cub. Cent. 



Gestorben nach 
der Impfung 



Lebend und zu 
anderen Zwek- 
ken verwendet 



Gene- 
ration 



1 

3 

4 

5 
6 

7 
B 



0-8 



0-4 



016 



Zahl 



am Tage 

4 

5 

4 

2 

15 
2 

3 
3 



Zahl 



8 

10 
10 
12 

9 

8 

8 
8 



Tabelle VI. 



Nr. 



Zahl I 
der 
Thiere 



2 
3 

4 
5 

6 
7 
8 
9 

10| 
11 



Dosis 



0-8 



0-24' 



016 



008 



Gestorben 
nach der 
Impfung 



Lebend und zu 
anderen Zwek- 
ken verwendet 



Zahl 
1 



amTage 
4 

3 

4 



Med. iabriocher 1873. III. 



4 
4 
4 
2 
4 



Zahl 



42 



Ge- 
nera- 
tion 



20 



8 

9 
9 

9 
11 

8 
8 
8 
8 
9 
9 



Fütrat 



» 



nur gekocht 
nicht filtrirt 
Fütrat 

» 
Coagulum 



FUtrat 



21 



302 Clrmenli un«! Thin. 

Wir haben ferner Blutproben kranker Tliiere gekocht und filtrirt, 
und dann sowohl das Filtrat, als auch das in Wasser suspendirte 
Coagulum injicirt. DieVersuchs-Besultate sind aus der vorstehenden 
Tabelle VI. zu entnehmen. 

Es ergiebt sich hieraus das überraschende Resultat, dass die 
schädliche Substanz durch Kochen nicht zerstört wird. A.ndererseits 
haben wir das Blut kranker Thiere mehrere Tage hindurch in Al- 
kohol aufbewahrt, und dann das im Wasser gewaschene Coagulum 
eingespritzt. Drei mit solchen Substanzen geimpfte Thiere sind am 
Leben geblieben. Endlich haben wir auch krankes Blut destillirt und 
mit dem Destillat zwei Thiere geimpft, welche beide am Leben ge- 
blieben sind. 

Aus unsern Sectionsbefunden haben wir das wichtigste Moment, 
das ist die Nacken-Ltifiltration , bereits heiTorgehoben. Die mikro- 
skopische Untersuchung des L[)filtrats ergab neben den Eiterkörperti 
zahllose kleine Körperchen zum Theil denen ähnlich, welche wir auch 
im Blute (neben den als abgerissene Stücke farbloser Blutkörper 
angesprochenen Körpern) angetroffen haben. Wir wollen aber auch 
hier in eine Bestimmung der Natur dieser Körnchen nicht eingehen. 

In einer Anzahl von Fällen haben wir beträchtliche Schwellung 
der Peyerischen Plaques, in einem Falle auch Geschwüre auf den- 
selben angetroffen. Li zwei Fällen endlich waren pleuritische Exsu- 
date vorhanden. 

Wir legen übrigens unseren Sectionsbefunden vorläufig nur 
geringen Werth bei. Zur Erforschung des Wesens der Krank- 
heit sind sie auch viel zu mangelhaft. Unser Augenmerk war der 
Hauptsache nur darauf gerichtet, ob die Angaben über die er- 
höhte Giftigkeit des transmittirten Blutes überhaupt zu acceptireii 
sind, und in dieser Beziehung müssen wir uns, gestützt auf die 
vorausgehenden Mittheilungen, den Vertretern dieser Angabe an- 
schliessen. 



Im Anhange geben wir noch ein Verzeichniss unserer an Meer- 
schweinchen angestellten Versuche. ? 



Untersuchungen über putride Infection. 



303 



Tabelle VH. 



■ 


Zahl 




Gestorben 


Am Le- 


Ge- 




Nr. 


der 


Dosis 


nach der 


ben ge- 


nera- 






Thiere 




Impfung 


blieben 


tion 




1 
2 




0-32 
0-32 


am 2. Tage 
> 4. , 




1 
1 


[Faules Ochsenblat 


3 




008 


» 6. » 


— — 


2 


jBlut von Thier Nr. 1 


4 




008 


» ö. » 


— 


2 


) lOStnnden nach d. Tode 


5 




Halb- 








Blut aus d. Ohr d. Thier. 




tropfen 


. 7. . 




2 


' Nr. 1, 2 Tage vor dem 


6 


1 


» 


» "• » 


"""" 


2 


iTode entnommen 



21 



Studien zur chirurgischen Pathologie der Bewe- 
gungsorgane. 



Von 
Dr. Ed. Albert 

Privat- Doceiit an dbr Universität in Wien. 



I. 

Veber die Capaeität der Gelenksräame bei versebiedenen 

Lagen der Gelenke. 

Noch heutzutage knüpft Jeder, der an das Studinm der Gelenks- 
krankheiten herantritt, an die Versuche von Bonnet an. Nachdem 
ich dieselben schon früher wiederholt hatte, um die schönen Erschei- 
nungen, die dabei zu Tage treten, selbst zu sehen, und namentlich 
um die treffliche darauf fussende Arbeit von Dittel über Coxitis 
zu studieren, veranlassten mich neuerdings die Ansichten meines 
Lehrers v. Dumreicher, die im Punkte der Coxitis von den heut- 
zutage allgemein verbreiteten in mancher Beziehung erheblich abwei- 
chen, die Sache noch einmal aufzugreifen. Nach manchen anliegenden 
Besprechungen mit meinem Lehrer stellte ich mir zunächst die Frage, 
welchen Druckverhältnissen ein flussiges Exsudat im Gelenke unter- 
worfen sei. Mit anderen Worten gesagt suchte ich mir das klar zu 
machen, was man in Bezug auf eine vorhandene Gelenksentzundung den 
articulären oder intraarticulären Druck zu nennen pflegt. Wenn man 
diesen Gegenstand experimentell angreifen will, so ist von vornherein 
ersichtlich, dass man die einzelnen Componenten, als deren Besulti- 
rende der articuläre Druck erscheint, gesondert untersuchen und 
messen muss. Als solche treten auf: 1. der Exsudationsdruck. 2. die 
Widerstände der Kapsel, 3. die Widerstände der umgebenden Theile 
oder des Gejenksbettes, 4. der Muskelzug. Von diesen Punkten wählte 
ich zunächst den 3. als Gegenstand der Arbeit und theile im Folgen- 
den mit, was ich zu dem bereits Bekannten hinzuzufügen habe, spä- 
teren Mittheilungen das vorbehaltend, was die andern Punkte betrifft. 



CapaciUt der (lelenksrHame bei verschied. Lagen. 305 

Es ist längst bekannt, dass wenn man in ein Gelenk Flüssig- 
keit einspritzt und die Höhle desselben mit einem Messrohre yerbin* 
det, die Flüssigkeit, die in das letztere dringt, bei yerschiedenen 
Stellungen des Gelenkes in ihrer Höhe schwankt. Wenn man das 
Gelenk einige Mal nacheinander in dieselbe Lage bringt, so kehrt die 
Flüssigkeit immer zu demselben oder nahezu demselben Stande zurück. 
Es tritt hierin eine solche Begelmässigkeit auf, dass es werth ist, 
die Stände der Flüssigkeit bei yerschiedenen Lagen zu notiren. Man 
kann alsdann der leichten Uebersichtlichkeit halber die Zahlen durch 
eine Curye graphisch darstellen. 

Die Vorrichtung, deren ich mich bediente, bestand im Folgen- 
den: Es wurde die Pfanne eines Gelenkes durchbohrt und in das 
Bohrloch eine T-förmigo Metallcanule mit Schraubenwindungen einge- 
bracht. In dem queren Schenkel des T befindet sich genau der Ein- 
mündung des vertikalen Schenkels gegenüber eine Oeffuung in der 
Wand, die mit einer kleinen Schraube oder einem Stöpsel verschliess- 
bar ist. Wenn man nämlich die Canüle, nachdem mit einem Bohrer 
yorgearbeitet wurde, bis ins Gelenk hineinbohrt, so verstopfen Kno- 
chen- und Knorpelsplitter die Canüle, und da kann man durch die 
genannte Oeffnung eine Sonde einfahren, welche die Canüle reinigt. 
An jedes Ende des horizontalen Schenkels der Canüle ist ein Kaut- 
schukschlauch gestülpt. Der eine derselben nimmt die Spritze auf, 
welche das Gelenk mit Kochsalzlösung V^t^ ^^^> ^^^ andere führt 
zu einem Manometerrohre und ist in denselben eine zweite T-förmige 
Canüle eingeschaltet, die mit einem Hahn am untern Ende des ver- 
tikalen Schenkels verschli essbar ist. Wenn nun Flüssigkeit in das 
eine Kautschukrohr gespritzt wird, so dringt sie zunächst in das 
Manometerrohr und wenn sie einen bestimmten Stand erreicht hat, 
wird mit einer Klemme der zum Manometer fährende Schlauch jen- 
seits der eingeschalteten T-canüle abgesperrt. 

Während mit dem Einspritzen fortgefahren wird, comprimirt 
man mit dem Finger den Schlauch zwischen dem Gelenk und der 
T-canüle, so dass das Gelenk sich füllen kann, und wenn man mit 
dem Comprimiren nachlässt, fliesst die Lösung durch die Canüle ab 
und das Gelenk wird so ausgespült. Hierauf sperrt man den Hahn 

und klemmt zwischen dem Gelenk und der T-canüle ab. Dann kann 

« 

die Flüssigkeit nur ins Gelenk dringen, füllt dasselbe und daä Gelenk 
stellt sich in die constante Lage, die Mittellage, die Bonn et 'sehe 



306 Albert. 

Lage. Dann hört das Einspritzen auf and der zur Spritze führende 
Schlanch wird abgesperrt Das eingeschaltete T-Stäck dient dazu, um 
in jedem Momente Flüssigkeit bald aus dem Gelenke, bald aus dem 
Messrohre abfliessen lassen zu können. 

Wenn man beispielsweise einen Versuch in dieser Weise voll- 
endet hat, bei dem die grösstmdglichste Füllung der Kapsel ange- 
wendet wurde, so kann man sofort einen Versuch unter anderen 
Bedingungen anstellen. Man kann nämlich aus dem Gelenke etwas 
Flüssigkeit herauslassen und dann manche Verhältnisse prüfen, wenn 
die Flüssigkeitsmenge eine geringere geworden ist. Man kann über- 
dies in jedem Momente Luftblasen bequem entfernen. Und was das 
wichtigste ist, man kann den Stand im Manometerrohre reguliren 
unabhängig von der Flüssigkeit im Gelenke. Diess ist darum gebo- 
ten, weil nur bei einer bestimmten Höhe der Flüssigkeit in dem- 
selben der Versuch vollkommen gelingt. Wenn man nämlich das 
Gelenk aus seiner Bonn et* sehen Lage bringt, mehrere Ablesungen 
macht und wieder zu derselben zurückkehrt, so ist dann in der 
Begel der Stand der Flüssigkeit um etwas geringer, als er in dieser 
Lage früher war. Trifft man aber schon im Beginn die nothwendige 
Höhe des Standes im Manometerrohre, so bleibt der Stand bei der 
Bonnet'schen Lage constant. Offenbar muss man einen gewissen Druck 
der Flüssigkeitssäule im Spiele haben, der vom Manometer zurück 
auf das Gelenk wirkt, um die Erschlaffung der Kapsel zu corrigiren. 
Wenn man diese Höhe getroffen hat, was nur durch Probiren gefun- 
den werden kann, sind die Lesungen gut verwendbar. Das wäre der 
eine Punkt. 

Der andere betrifft die Bestimmung der verschiedenen Lagen 
des Gelenkes. Wer mit dem heutigen Stand der Gelenksmechanik 
vertraut ist, der weiss, dass von einer streng geometrischen Durch- 
führung dieses Punktes nicht die Bede sein kann. Wir können keine 
Messungen geben, nur Schätzungen vermögen wir auszuführen. Um 
diese Schätzungen so bequem als möglich und so genau als erfor- 
derlich zu machen, bediente ich mich folgender Hilfsmittel: Ich 
brachte einen Transporteur an den einen der articulirenden Knochen 
so an, dass die Basis desselben mit einer bestimmten Linie an dem 
Knochen zusammenfiel; im Mittelpunkte des Transporteurs war eine 
auf die Ebene dieses letzteren senkrecht stehende Axe, auf welcher 
ein beweglicher Zeiger sich drehte; an das untere Ende des Zeigers 



Capacität der Geleoksräiime bei verschied. Lagen. 



307 



war ein Faden mit einem Oewicht befestigt. Am oberen Ende des 
Zeigers war unterhalb seiner Spitze ein Loch mit einem in der 
Längsaxe des Zeigers befindlichen Faden ; am die Lesung so genau 
als möglich zu machen, wurde dieser Faden, wenn er an den Thei- 
lungsstrichen des Transporteurs mit dem Zeiger vorbeiging, durch 
einen Miniaturtubus betrachtet, der am Zeiger selbst befestigt war. 
Welchen Werth nun diese Lesung hat, erklärt Fig. I. 




Denken wir uns die Axen der beiden articulirenden Knochen durch 
OA und OB dargestellt, die Drehungsaxe auf der Papierebene in 
senkrecht gestellt und den Transporteur mit seiner Basis mn in der 
Axe OB gestellt, q das Gewichtchen, das den in o auf einer eben- 
falls auf die Papierebene senkrecht gestellten Axe drehbar aufge- 
hängten Zeiger balancirt, so ist aus einem einfachen geometrischen 
Grunde « = a% wenn die Bewegungen in der Papierebene gesche- 
hen. Das wäre also nur bei einem reinen Chamiergelenke giltig. 

Wenn aber die Axe des sich bewegenden Extremitätenabschnit- 
tes, also OB, nicht in der Papierebene sich fortbewegt, sondern aus 
ihr heraustritt, so hat man beispielsweise das Problem vor sich, 
die Projection des abgelesenen Winkels auf die frühere Ebene zu 
finden, wenn man angeben will, um wie viel die Bewegung in dem 
Sinne der ursprünglichen Ebene (z. B. der Sagittalebene) vorgeschrit- 
ten ist. Nach einer einfachen Construction findet man die Formel: 

cos «' = cos a cos d 
wenn a* den Winkel in der Projection, a den abgelesenen Winke) 



308 Albert 

and S den Winkel bedeutet, um den sich die wirkliche Bewegnngs- 
ebene gegen die Projectionsebene verschoben hat. Man könnte also 
durch Angabe des Winkels d jedesmal finden , welches der wahre 
Winkel sei, der im Sinne der Beugung und Streckung zurückgelegt 
worden ist. Da wir aber im Leben gewohnt sind, die combinirte Be- 
wegung zu messen, so sprechen wir wie Ton einer einfachen Beugung 
und Streckung, wenn auch gleichzeitig eine andere Bewegung mit 
stattgefunden hat, und wir können uns mit diesem Grade der Ge- 
nauigkeit begnügen, vorausgesetzt, dass die andere gleichzeitige Be- 
wegung nicht einen grossen Umfang besitzt. 

Den Gang des Versuches selbst anlangend, habe ich nur zu 
bemerken, dass ich zunächst mehrere Gehilfen brauchte. Der eine las 
am Manometerrohre ab, der andere gab die Winkel an, der dritte 
bewegte die Extremität, der vierte notirte und ich selbst besorgte 
meist das Einspritzen und das Beguliren der Flüssigkeit. Wenn das 
Gelenk sich in die Bonnet'sche Lage gestellt hatte und nicht weiter 
eingespritzt werden konnte, dann wurde die Lage fixirt, die Commu- 
nication zum Messrohre geöffnet und in dieser Lage abgelesen. 

In der Regel steigt die Flüssigkeit sofort, wie man die Klem- 
men abnimmt, um Einiges in die Höhe, trotzdem dass die Extremität 
in ihrer Sichtung gehalten wird ; durch das Einspritzen spannt man 
nämlich die Kapsel so an, dass sie selbst in der Bonnet'schen Lage 
etwas heraustreibt. Die Höhe wird nun notirt und die Bewegung 
nach einer Bichtung langsam ausgeführt, wobei nach je 10^, die 
zurückgelegt wurden, abgelesen wird. 

Nachdem die Bewegung in (Uesem Sinne bis zu einer Grenze 
oder gar bis zum Maximum ausgeführt worden, kehrt man zur Bonnet- 
schen Lage zurück. Zeigt sich der Stand der Flüssigkeit so gross, 
wie er das erste Mal in dieser Lage war, dann wird die Bewegung 
in einer anderen Bichtung fortgesetzt, also z. B. wenn früher in die 
Streckung gegangen wurde, wird jetzt durch die Bonnet^sche Lage 
zurück zur Beugung übergegangen. Der Versuch kann einige Mal 
wiederholt werden. Die Lesungen weichen nun in der Kegel in ein- 
zelnen Ziffern um etwas ab, nie im Ganzen und Grossen. Die Schuld 
daran trägt zumeist das mangelhafte Ablesen der Grade. Hätte ich 
eine absolut vollkommene Methode des Ablesens der Grade angewen- 
det, so hätten die Lesungen identische Ziffern ergeben. Bei sehr 
vorsichtigem Arbeiten ereignete sich oft, dass zwei Lesungen hinter 



CapacitSt der Gelenksräiime bei versrhieij Lagen» 309 

einander und dann noch einige spätere so genau übereinstimmten, 
dass die Differenzen nnr in Millimetern sich bewegten. Wenn es sich 
um genauere physiologische oder anatomische Verhältnisse handeln 
wurde, so lohnte sich gewiss die Mühe, eine Vorrichtung anzuwen- 
den, wobei man die jedesmalige Lage des Gelenkes mit voller Schärfe 
bestimmen könnte. Man würde dann bei jedem Versuche constatiren 
können, dass einer jeden Lage des Gelenkes eine constante Höhe 
der Flüssigkeit im Manometerrohre entspreche, während bei meinen 
Vorrichtungen dies nur in glücklicheren Fällen in einem so scharfen 
Ausmasse der Fall war. 

Ich hatte ursprünglich die Absicht, das Messrohr mit einer 
Schreibevorrichtung zu versehen, um eine Volumscurve zu schreiben. 
Aber die Schwankungen sind so gross, dass ich entweder eine Bie- 
sentrommel hätte anbringen müssen, oder hätte das Kaliber des 
Messrohres ein ungeheures sein müssen. Das erstere war bei dem 
Eymographion, das mir in Stricker*s pathologischem Institute zur 
Verfügung stehen konnte, unmöglich; das andere nnzweckmässig, weil 
Curven von minimaler Krümmung — wenigstens um die Mittellage 
herum — ausgefallen wären. Ich construirte also die Curven durch 
Auftragen der Ziffemwerthe auf ein Papier. Die Abscissen bedeuten 
die Winkel, wobei die Bonnet'sche Lage den Nullpunkt bildet; die 
Ordinaten geben die Höhen der Flüssigkeit an. Von jedem Gelenke 
besitze ich eine grosse Anzahl von Curven verzeichnet. Jede einzelne 
Curve ist nur nach übereinstimmenden Lesungen aufgetragen, reprä- 
sentirt also mehrere Lesungen. Und aus mehreren übereinstimmenden 
Curven construire ich wiederum eine Durchschnittscurve, die in den 
angeschlossenen Zeichnungen mitgetheilt ist. Für die praktischen 
Zwecke, die ich im Auge hatte, schien mir dieser Grad der Genauig- 
keit zureichend zu sein. Die specielle Ausführung für die einzelnen 
Gelenke, die nun folgt, gibt überdies manchen Beleg, dass ich noch 
auf andere Controllmittel. bedacht war. 

Ich halte im Folgenden eine gewisse Ordnung vom Einfacheren 
zum Complicirteren ein und fange daher mit jenem Gelenke an, wel- 
ches dem Charnier am meisten sich nähert, mit dem oberen Sprung- 
beingelenk. 

1. Sprunggelenk. Die Füllung geschah durch Anbohrung des 
einen Knöchels ; der Fuss wurde auf eine horizontale Unterlage in der 
natürlichen Stütze auf den Ballen, die Ferse und den Aussenrand an- 



310 Albert. 

genagelt; eine mit der vorderen Schienbeinkante parallele Gerade diente 
als Bestimmungslinie der jenv eiligen Lage des Gelenkes; der Transpor- 
teur also so befestigt, dass der Zeiger auf OO^' zeigte, wenn er mit 
dieser Linie parallel fiel. Die Maximalinjection des Gelenkes ausge- 
führt, wurde dann die Tibia leicht in die Plantar- und Dorsalflexion 
gebracht und bei je 10® Vorrückung der Stand im Manometer ab- 
gelesen. Die Curve hat im Allgemeinen die Figur Nr. III. 

Um den Einiiuss, den das Andrücken der Tibia an die Flüs- 
sigkeit ausüben muss, auszuschliessen, wurden andere Lesungen so 
unternommen, dass die Tibia nach unten hing; die Fusssohle, am 
Brette befestigt, schaute also nach oben und die Dorsal- und Plan- 
tarexcursionen wurden also an der hängenden Tibia vorgenommen. 
Der Unterschied der Lesungen war kein bemerkenswerther. 

2. Kniegelenk. Anbohrung durch die Patella. Als Bestim- 
mungslinie die vordere Kante der Tibia. 

Strengen Anforderungen gemäss sollte man im Kniegelenke die 
Flexionsbewegnng und die Rotationsbewegung gesondert untersuchen. 
Wenn man aber das Bonnet*sche Experiment einige Mal hinterein- 
ander ansieht, so bemerkt man, dass die Curve, die der Unterschen- 
kel beim Gang in die Bonnet'sche Lage im Haume beschreibt, so 
constant ausfällt, dass die Abhängigkeit der beiden Bewegungsmodi 
von einander in jeder Phase der Bewegung noch weit anschaulicher 
hervortritt, als an dem nur mit normaler Synoviamenge gefüllten 
Gelenke. Es schien mir daher werthvoUer die Quantitäten der Flüs- 
sigkeit zu notiren, die in das Gelenk dringen, wenn es in die Bon- 
net'sche Lage geht — wie es Deutsch gethan — ; die Quantitä- 
ten zu notiren, die aus dem Gelenke entweichen, wenn man aus der 
Bonnet'schen Lage in eine andere übergeht, reicht aber auch voll- 
kommen aus; denn der Vergleich der auf die letztere Art gewon- 
nenen Zahlen mit den Delitsch'schen zeigt, dass die Curve» 
parallel sind. Es genügt eine kleine Uebung im Manipuliren, um 
durch den Druck der Hand keine Störung hervorzubringen , und 
man überzeugt sich, dass in der That die Anordnung der Kapsel- 
fasern und die.Construction des Gelenkes in beiden Fällen den Gang 
des Unterschenkels vorschreibt, ob man füllt, oder sanft entleert. 
Da weiter der Ascensionswinkel der Spirale hier ein sehr geringer 
ist, 80 gibt die Lesung der Winkel keinen grossen Fehler; die Pro- 



Capacitäl der Gclenksrüumc bei verschied. La^en. 311 

jection der Spirale und diese selbst sind in dem Pankte and für 
unseren Zweck nicht viel abweichend. 

Ein Blick auf die Cunre des Kniegelenkes zeigt sofort das be- 
trächtliche Ansteigen derselben gegen die Beugung hin und ich 
verweise nur auf den Vergleich mit deii Zahlen von Deutsch, die 
dasselbe Besultat ergeben. 

3. Ellbogengelenk. Eingang in's Gelenk durch*s Olecra- 
non; der bewegte Theil der Oberarm. 

Es wurden nur die zwischen Ulna und Trochlea stattfindenden 
Bewegungen berücksichtigt und die spiralige Bewegung vernachläs- 
sigt, so als ob die Bewegungen in einer Ebene stattfinden würden. 
Die Curve zeigt Symmetrie, so dass die Gapacität des Gelenkes so 
wohl gegen die Beugung als auch gegen die Streckung hin fast 
gleichermassen abnimmt. 

4. Badiocarpalgelenk. Eingebohrt wnrde durch don 
oberhalb ses Gelenkes abgesägten Radius. 

Das Badiocarpalgelenk wurde in zweifacher Richtung geprüft ; 
1. wurden Beuge- und Streckbewegungen, 2. Ab- und Adductions- 
bewegungen vorgenommen und der Einfluss beider notirt; eine Curve 
zu zeichnen, die die Veränderung der Gelenkscapacität beider Bewe- 
gung des Carpus auf der Obei-fläche seines Excursionskegels ersichtlich 
macht, unterliess ich aus dem einfachen Grunde, weil das Badio- 
carpalgelenk in praktischer Beziehung zu wenig in Betracht kommt. 

5. Schultergelenk. Eingegangen wurde durch die Pfanne 
unterhalb der resecirten Spina scapulae. 

Bezüglich des Schultergelenkes hätte es den strengeren Auffas- 
sungen der Gelenksmechanik entsprochen, von der pathologischen 
Mittellage auszugehen und von hier aus einerseits den Einfluss der 
Rotation, andererseits jenen der Circumduction des Humerus auf 
seinen Excursionskegel festzustellen. Graphisch hätte der letztere Ein- 
fluss dadurch dargestellt werden können, dass man die Höhe der 
Flüssigkeitssäule bei der Bonnet'schen Lage als den Radius eines 
Kreises benützt hätte, der den Durchschnitt des Excursionskegels 
vorgestellt hätte, lieber dem Umfange dieses Kreises hätte man die 
Werthe auf den verlängerten Radien auftragen können, die von 10" 
zu 10" der Circumduction erhalten worden wären, so dass die Vo- 
lumscurve um den Kreis herum geschrieben worden wäre. 



812 Albert. 

Die Rotation wurde auch in diesem Sinne geprüft, bezüglich 
der anderen Bewegungen aber yon der obigen Forderung abgegan- 
gen und die Lage des senkrecht herabhängenden Armes zum Aus- 
gangspunkt genommen. Da bei dieser Lage die Kapselfasem nicht 
torquirt sind, so eignet sich dieselbe ganz gut dazu, an jene Be- 
trachtungs- und Ausdrucksweise anzuknüpfen, die am Krankenbett 
gebräuchlich ist. Es ist in der Zeichnung sowohl eine solche Curve 
mitgetheilt, die bei rein frontaler Abduction von dieser Lage aus 
erbalten wird, als auch eine solche, die man gewinnt, wenn mit der 
Abduction eine Supination yerbunden wird. 

6. Hüftgelenk. Anbohrung durch. den Schambeinast, was sich 
unter allen Fällen am besten bewährte. 

Am Hüftgelenke wurde zunächst der Einfluss der Rotation in 
der BonneVschen Lage geprüft. In zweiter Reihe wurde jener der 
Beuge- und Streckbewegung versucht, und zwar so, dass diese Be- 
wegungen rein ausgeführt wurden, dann aber auch so, dass der von 
sich selbst sich ergebende Grad der Rotation, der auch bei normaler 
Beugung stattfindet, beibehalten wurde. Controlirt wurde das Aus- 
mass dieser Rotation dadurch, dass man den Oberschenkel in recht- 
winklige Beugung zum Stamme brachte und ihn sich selbst zurück- 
bewegen liess, so dass die Kapsel sich selbst wieder abwickelte. 
Es zeigte sich, dass die Curye übereinstimmte, ob man den Ober- 
schenkel — der unter dem Trochanter amputirt und von Muskeln 
befreit war — mit der geringsten Kraft in die Beugung hinaufschob 
oder ob man ihn aus dieser zurückfallen liess. Betreffs der Ab- und 
Adductionsbewegungen wurde das Becken aufgehängt und so gestellt, 
dass der Schenkel bei Bonnef scher Lage gegen das Becken senk- 
recht herabhing; dann wurde das untere Ende des Knochenstumpfes 
an einer senkrechten Ebene vorbei in die Ab- und Adductionsstel- 
lung geschoben. 

Wenn man die mitgetheilten Curven für etwas mehr halten 
wollte als für eine übersichtliche Darstellung zum grössten Theil be- 
kannter oder leicht abstrahirbarer Dinge, so würde man sie über- 
schätzen. Ich beanspruche für sie kein anderes Verdienst, als das 
eben angedeuteite. Gleichwohl halte ich es aber für angezeigt, eine 
Discussion derselben anzuschliessen, weil sich Gesichtspunkte gewin- 
nen lassen, von denen aus ich in der Folge einige Betrachtungen 
anstellen werde. 



zzzd 



Capadtäl der (ideoksriante bei Terschie<l. üigrn. 313 

Es ist ersichtlich und allgemein bekannt, dass die Bonnet^sche 
Lage jene ist, bei welcher die Detorsioii der Kapselfasem derart 
ausfallt, dass der Kapselraum ein Maximum ist Dittel hat vor 
Jahren den zutreffenden Vergleich gemacht, man habe sich die Ent- 
stehung der Bonnet^schen Lage so Torzustelleu, als ob in einen tor-> 
quirteu Sack Steine hineingeschüttet würden. Man könnte das Bild 
noch dadurch vielleicht anschaulicher machen, wenn man sagen würde, 
der torquirte Sack habe keine gleichmässige Textur, sondern hie und 
da festere Spangen, dort wieder nachgiebigere Ausbuchtungen. Im- 
mer muss man das Bild einer Ab- und Aufwicklung des Schlauches 
festhalten, den die Gelenkskapsel darstellt Da durch Eindringen der 
Flüssigkeit zwischen die articulirenden Flächen der Gelenkscontact 
aufgehoben wird, so kann man in der That von einer Veränderung 
der Gapacität sprechen. Würde die Stellung des kranken Gelenkes 
rein davon abhängen» wie viel Exsudat dasselbe fasst, so könnte 
man aus der beobachteten Stellung im Allgemeinen sofort an der 
Ourve ablesen, welche Menge Exsudates im Gelenke sein müsse, 
und folgerichtig schliessen, welche Distanzyerhältnisse der articuliren- 
den Flächen und ConfigurationsYerhältnisse der Kapsel vorhanden 
seien, vorausgesetzt, dass die Gurven derart construirt wären, dass 
die Ordinaten nicht in absoluten Werthen nach Centimetern, sondern 
in aliquoten Theilen des Capacitätsmaximums aufgetragen wären — 
um die individuellen Verschiedenheiten auszuschliessen. 

Wenn nun auch die obige Voraussetzung nicht zutrifft, so muss 
andererseits doch nur zugegeben werden, dass die Menge des Exsu- 
dates und der Grad der Detorsion der Kapsel auf die Stellung des 
Gelenkes einen Einfluss ausüben kann, und dass mithin bei der 
Berechnung der Einflüsse auch dieser für sich erhoben werden muss. 
Insoferne als wir kein anderes Mittel besitzen, die Torsion oder De- 
torsion der Kapselt'asern überhaupt schnell zu bezeichnen, dürften 
diese Curven als bequeme Ausdrucksweisen einigen darstellenden 
Werth haben. Vorausgesetzt, dass die Hilfsmittel den möglichsten 
Grad der Vollkommenheit hätten, würde man auf diesem Wege eine 
Darstellung geben können, die mit der Eleganz der Formel für die 
räumliche Lage des Gelenkes auch die Einfachheit der. Curve für die 
Gapacität verbände. Da jedoch in Bücksicht auf die Pathologie der 
Gelenke die Schlüsse, die sich aus den mechanischen Verhältnissen 
derselben ableiten Hessen, beständig dadurch alterirt werden, dass 



314 Albert. 

im Verlaufe der Entzündung sofort auch Texturveränderungren und 
somit Veränderungen der Festigkeitsverhältnisse der Kapsel auftreten 
können, so schien n^ir der von mir beobachtete Grad der Genauig- 
keit hinreichend, um die Betrachtungen daran zu knüpfen, zu denen 
uns der Stand der gegenwärtigen Kenntnisse berethtigt. Wenn wir 
nämlich die Gelenksflüssigkeit in's Auge fassen, so zeigt die Betrach- 
tung der Curven zunächst, dass von der Mittellage aus nach jeder 
Bichtung hin die Spannung derselben continuirlich zunimmt, dass 
also die Mittellage wirklich das Minimum der Spannung repräsentirt. 
Ferner zeigt sich, dass um die Mittellagen herum die Curven weniger 
steil aufsteigen, als in den extremeren Lagen. Endlich dass es eine 
Summe von Lagen bei jedem Gelenke gibt, an die eine gleichwer- 
üiige Spannung gebunden ist; — lauter Sätze, die aus blosser Er- 
wägung hervorgehen, die aber doch durch den Versuch anschaulich 
gemacht und detaiUirt sind. 

Für die /experimentelle Untersuchung der Secretions- und Be- 
sorptionsverhältnisse in den Gelenken sind aber diese Daten darum 
nothwendig, weil einerseits jede Steigerung des Widerstandes von 
Seite der Kapsel dem Exsudationsdruck entgegenwirkt, während jede 
Herabminderung desselben die Besorption begünstigen kann. Es ist 
klar, dass dann in zweiter Linie auch die Therapie dieser Verhält- 
nisse sich bemächtigen kann. Für diese zwei Bedürfnisse geben die 
Curven eine leichte üebersicht. 

Was aber aus den Curven nicht herausgelesen werden kann, 
das sind die Momente, die in jeder Phase der Bewegung die Ver- 
änderung der Capacität bestimmen; anders gesagt, die Art und 
Weise, wie sich die Kapsel detorquirt. 

Das alles zu detailliren kann einer späteren Mittheilung vorb^e- 
halten bleiben. Vorderhand ist nur hervorzuheben, dass wie es aus 
der Sache selbst folgt, in jedem Moment eine Summe von compli- 
cirten Detorsionsmomenten einwirkt, welche durch die verschiedenen 
Becessus noch vermehrt wird. 

Wie übrigens in praktischer Beziehung die Daten, die aus den 
Curven fliessen, mitunter benützt werden könnten, möge ein Beispiel 
zeigen. Busch benützt den Umstand, dass bei Schultergelenksent- 
zündung der Arm nicht vom Stamme abgezogen gehalten wird, als 
ein Argument, um zu deduciren, dass die pathognomische Stellang 
der Gelenke von den mechanischen Verhältnissen der Kapselbänder 



CapaciUil der Gelenksraume bei verschied. La^en. 315 

abhänge. Er meint, dass man die beim Hüft-, Knie- und Ellbogen- 
gelenke notorisch eingehaltene Stellang des Gelenkes geradezu be- 
weise, dass nur die mechanischen Verhältnisse des Bandapparates die 
Stellung bedinge; denn, fragt er weiter, warum sehen wir nicht, dass 
bei Schultergelenksentzündungen der Arm vom Stamme weit abge- 
zogen, der Bonnet'schen Lage entsprechend, gehalten werde? 

Wenn wir auf diesen Einwurf eingehen, so ist yor Allem ein- 
zuwenden, dass die pathologische Mittellage nicht allein aus dem 
Vorhandensein eines festen Verstärkungsbandes an einer Seite des 
Gelenkes heransresultire , sondern aus der Detorsion aller Eapsel- 
fasem. Wenn ein Gelenk, wie das Kniegelenk beispielsweise, an sei- 
ner Bengeseite straffe Züge von Verstärkungsbändern besitzt, so ist 
es klar, dass die Mittellage nach dieser Seite hin ausfallen werde, 
weil diese Bandmassen weniger nachgeben, als die anderen. Aber 
auch das Fuss- und das Badio-Carpalgelenk besitzen eine genaue, 
constante Mittellage, nur dass sie von starken Bandmassen nach 
einer Seite hin nicht bestimmt wird, sondern als Maximum der De- 
torsion aller Kapselfasem nicht von vornherein so leicht bestimmbar 
ist, wie beim Ellbogen-, Hüft- und Kniegelenk. 

Weiter aber hat das Schultergelenk ja ein starkes Band, das 
Langer geradezu als Ligam. Suspensorium humeri bezeichnete, wel- 
ches zumeist die pathologische Mittellage bestimmt. Die Anführung 
des Schultergelenkes würde also eher gegen Busch sprechen. Ein- 
leuchtender Weise ! Das Schnltergelenk hat ja ein Verstärkungsband ; 
also müsste das Schultergelenk in der pathologischen Mittellage ge- 
halten werden, wenn es entzündet ist. Wenn es nicht so gehalten 
wird, scheint also die Theorie nicht haltbar zu sein. Und doch hat 
die Bnsch'sche Ansicht in diesem Punkte eher eine Stütze. Wenn 
man nämlich bedenkt, dass bei herabhängender Lage des Humerus 
die Kapselfasem nahezu parallel gelagert sind, so ist diese Lage als 
eine solche aufzufassen, welche in Bücksicht auf den in Frage stehen- 
den Punkt der Bonnefschen Mittellage zunächst kommt, d. h. als 
eine Lage, welche nebst der pathologischen Mittellage den nächst 
geringen Grad der Kapseltorsion einhält. Wenn man aus der herab- 
hängenden Lage in die Bonnet'sche übergeht, so kommt es bekannt- 
lich darauf an, ob man den Oberarm stricte in der Frontalebene 
bewegt, oder eine Supination mit einhergehen lässt; im ersteren Fall 
sind die Differenzen grösser als im letzteren. Die beigefügten Cur- 



316 Alben. 

ven geben Beispiele davon. Wenn im Kapselraume wirklich eine 
Maximalexsndation stattfindet, dann uiösste, yoransgesetzt, dass nur 
die mechanischen Kräfte der Kapsel zur Geltung kommen, die Bon- 
nefsche Lage herauskommen; in dieser Lage wird eben der Kopf 
von dem Yerstdrkungsbande sogar abgehebelt. Nnn ist es nnwahr- 
scheinlich, dass alle Schnltergelenksentzündungen mit einer Maximal* 
exsndation einhergehen; dann ist aber der Unterschied der Spannung 
zwischen der Bonnet'schen Lage und der herabhängenden Lage ganz 
klein; in der letzteren sind die Fasern auch parallel angeordnet und 
erst die Maximalexsudation würde den Kopf vom Verstärknngsbande 
abbebeln, d. h. die Bonnet'sche Lage hervorbringen. Der Sachver- 
halt spricht also gerade am Schultergelenke ganz entschieden dafür, 
das^ die mechanischen Kräfte der Kapsel zu berücksichtigen sind! 



II> 

Beiträge zur Kenntniss der Colitis. 

A. Die cozalgisohe Situation. 

Die Frage, durch welchen Mechanismus das entzündete Hüft- 
gelenk in seine bestimmte Stellung gebracht und darin fixirt wird, 
ist heute noch unerledigt. Es genügt, um die verschiedenen Meinungen 
vorzuführen, nur einige neuere Autoren zu citiren. Hüter sagt in 
seiner Klinik der Gelenkskrankheiten S. 615 u ff. „Die Stellung, 
welche der Oberschenkel demnach unter der maximalen Füllung der 
Kapsel an der Leiche einnimmt, entspricht sehr genau derjenigen, 
welche der Oberschenkel bei beginnender Coxitis einzunehmen pflegt... 
Doch darf man den Exsudationsdruck, unter welchem die Synovia 
aus der entzündeten Synovialis abgesondert wird,^ nicht mit dem 
Druck der Injectionsspritze vergleichen; und wenn es dem letzteren 
noch nicht einmal gelingt, das Gewicht der Extremität zu überwin- 
den, so können wir uns von jenem Exsudationsdruck noch weniger 
vorstellen , dass er gewaltsam das Gelenk in die perverse Stellung 
hinein zwingt. Vielmehr spielt hier der Wille des Kranken auch 
eine Bolle. Er stellt darch die Anstrengungen seiner Muskeln das 
Gelenk in diejenige Stellung, welche keinen Abschnitt der entzündeten 
Synovialis einer excessiven Spannung aussetzt.^ 



Beitrüge zur K^imlmss der Colitis 817 

Busch (Langenbeck's Archiv Bd. IV. u. XIV.) druckt sich an 
verschiedenen Stellen der angefahrten zwei Abhandlungen so aus, 
dass er als der entschiedenste und der geistvollste Anhänger der 
mechanischen Theorie angesehen werden muss. »Den besten Beweis, 
dass die Muskulatur mit dieser Stellungsänderung ursprünglich nichts 
KU thun hat, geben die seltenen sehr acuten Hüftgelenksentzundungen 
des kindlichen Alters, in welchen binnen wenigen Tagen der 
Oberschenkel sich zum Becken in einen starren Winkel stellt. Wird 
ein solches Kind tief chloroformirt, so dass die Muskulatur voll- 
ständig erschlafft ist, so ändert sich nichts destoweniger die Stellung 
des Hüftgelenkes nicht im geringsten. Wird nun mit sanfter Gewalt 
das Gelenk gerade gestreckt und immobilisirt, so erwacht das Kind 
aus der Narkose zuweilen vollständig schmerzfrei. Wenn also das 
Kind in der gebeugten Lage die heftigsten Schmerzen hatte und in 
der gestreckten keine empfindet, so kann die Beugung nich angenom- 
men sein um dem Schmerz zu entgehen.^ .... Und an einer anderen 
Stelle: »Schon der Bandapparat allein genügt um die Stellung zu 
erklären, welche das Bein einnimmt, wenn eine pK^tzliche Vermeh- 
rung der Masse in der Gelenkhöhle eintritt; unterstützend für die 
Entstehung dieser Stellung kann aber auch der Zug der Muskeln 
wirken, welche über das entzündete Gelenk laufen.* 

Pitha (Pitha-Billroth's Handbuch IV. Band) gibt folgende Er- 
klärung: »Das erste auffallende Symptom der Colitis ist die krank- 
hafte Contraction der Muskehi, welche als Reflex des Qelenksreizes 

auf die letzteren aufzufassen ist Die Haltung des Gelenkes ist 

in diosem Stadium nicht allein wegen der rigiden Spannung der in 
Beizungscontractur starrenden Muskeln» sondern auch wegen der ent- 
zündlichen Anschwellung der Gewebe * 

Volkmann (Pitha -Bilb-oth's Handbuch Band U. 2. Abthlg.) 
äussert sich, nachdem er die Gründe, die für die Beflextheorie und 
für die mechanische Theorie sprechen, gegen einander abgewogen 
hatte, in sehr reservirter Weise: »Indessen hat doch auch die Be- 
flextheorie mancheriei schwache Seiten, und erscheint es unmöglich» 
die Bonnet*8chen Experimente ganz über Bord zu werfen, wie es von 
einigen älteren Chirurgen geschehen ist. Am wahrscheinlichsten ist 
es daher, dass es sich hier um viel compliciriere Verhältnisse ban- 
delt, als man bis jetzt übersehen kann.« 

Med. Jahrbflcber. 1K73. iU. it 



318 Albert 

Die Durchsicht dieser and ähnlicher Stellen zeigt, dass die ganze 
Reihe der Möglichkeiten, an die überhaupt gedacht werden konnte, 
von den Ghirnrgen erschöpft ist, nm die Sache zu erklären; die 
»rein mechanische Wirkung des Bandapparates* (Busch), »die Be- 
flexcontractur* (Pitha), »der Wille* und »der Instinkt* (Pitha und 
Huter), »die unterstützende Wirkung der Muskeln* (Busch u. Hüter). 
Es wurde auch schon versucht, nicht nur zu entscheiden, ob der Band- 
apparat allein oder die Muskulatur allein oder endlich beide zugleich 
die coxalgische Situation bewirken, sondern es wurde auch yersucht 
den entfernteren Vorgang, die Art des Impulses auf die Muskeln 
zu statuiren; ja Pitha gab sogar an, welche Muskeln speciell die 
in Contractur starrenden seien. 

Die Basis, auf welcher die Erklärungen überhaupt gegründet 
sind, ist hergestellt: 

1. durch ein anatomisches Baisonnement, 

2. durch den Bonnet'schen Versuch, 

3. durch die klinische Beobachtung, 

4. durch den Obductionsbefund. 

Wie wenig das anatomische Baisonnement allein zu erweisen 
vermag, geht namentlich aus der Vergleichung der Pitha 'sehen 
Ideen mit jenen Busches hervor. Im Wege einer rein anatomischen 
Betrachtung gelangt der eine zu dem Schlüsse, die Bandmassen 
seien das bedingende Moment der pathognomischen Stellung, wäh- 
rend der andere mittelst desselben Untersuchungsbehelfes die Stel- 
lung aus der Muskelwirkung ableitet. 

Der Bonnet'sche Versuch lehrt, dass in der That eine bestimmte 
künstliche Füllung der Gelenkkapsel mit Flüssigkeit dem Gelenke 
eine bestimmte Stellung gibt, aber er kläri; uns gar nicht auf, warum 
das Becken mitgeht; denn an der Leiche geht das Becken nur dann 
mit, wenn das Gelenk ad maximum gefüllt wird; er klärt uns gar 
nicht darüber auf, warum bei manchen Coxitiden die Stellung des 
Oberschenkels im Sinne der Beugung weit über die Bonnef sehe mitt- 
lere Lage hinaus eingenommen wird; er klärt uns nicht auf, warum 
manche Coxitiden mit EinwärtsroUung, Adduction beginnen. 

Aber auch die klinische Beobachtung und der Obductionsbefund 
geben uns unzulängliche Aufschlüsse. In Bücksicht auf die erste 
haben wir vor uns das Bäthsel, dass die tiefe Narkose einmal die 
Fixiruiig des Gelenkes aufhebt, ein andermal nicht; dass die in 



Beiträge zur Kenntniss der Colitis. 319 

Narkose ausgefahrte Streckung einmal die Entzündnng steigert, in 
vielen anderen Fällen von den wohlthätigsten Folgen begleitet ist. 
Die klinische Beobachtung zeigt uns manchmal wirkliche Krämpfe 
der Muskulatur, manchmal lässt sich gar nicht durchfahlen, dass 
irgend ein Muskel gespannt wäre. 

Nach allem dem scheint mir am richtigsten das gesagt zu sein, 
was Volkmann darüber geäussert, dass wir mit »viel complicirte- 
ren Verhältnissen zu thun haben, als man bis jetzt übersehen kann.* 

Um in der Deutung der Erscheinungen vorwärts zu kommen, 
erscheint es daher wünschenswerth, dass wir die Untersuchungsbehelfe 
vermehren und dass wir die Untersuchung detailliren. In Bezug darauf 
ist besonders der Punkt hervorzuheben, dass die Verhältnisse eines 
Gelenkes nicht ohne weiteres auf das andere zu übertragen seien. Es 
genügt darauf hinzuweisen, dass die zwei freiesten Gelenke, das 
Schulter- und Hüftgelenk die starrste Fixation aufweisen. Die Ver- 
mehrung der Untersuchungsbehelfe aber kann wesentlich nur im Ex- 
perimente liegen. Ich will diessmal nur einige klinische und ana- 
tomische Beobachtungen mittheilen, die mir für die Frage nicht ohne 
Belang zu sein scheinen. 

Vor allem scheint es mir geboten, voraus zu betonen, dass man 
zwischen dem Entstehen der coxaJgischen Situation und ihrer Fixi- 
rung (Mitgehen des Beckens) unterscheiden möge. Die Fixirung des 
Beckens kann im Allgemeinen bedingt sein: 

1. durch Texturveränderung der Muskeln, Schrumpfen der Ge- 
webe, Anheftungen des Schenkels an das Becken, 

2. durch maximale Füllung der Kapsel, indem die pralle Kapsel 
eine starre Verbindung zwischen Oberschenkel und Becken 
herstellt (das beweist der Versuch am Gadaver), 

3. durch Muskelaction. 

Die bei weitem grösste Mehrzahl der Fälle wird unter Nr. 3. 
zu subsummiren sein. 

Das Entstehen der coxalgischen Situation ist eine zweite Frage, 
die für sich abgehandelt werden mag und auf die ich weiter zurück 
komme. Vorher aber beschreibe ich kurz einige Beispiele dieser 
Fixirung unter Gesichtspunkten, die ich weiter verwerthen werde. 
Ich habe, unterstützt durch meinen Freund Nicoladoni, auf der 
Klinik und im Ambulatorium meines Lehrers und Vorstandes Prof.. 



320 AUert. 

V. Dumreicher zahlreiche Notizen darüber gemacht und theile nur 
einige Fälle mit, weil sich sehr viele anter einander gleichen. 

I. Beobachtung. 
D. I. 3 J. alt, erkrankte vor etwa 8 Monaten an Coxitis ohne 
besondere Veranlassung. Flexion 120®, Abduction undAuswärtsroilung. 
Seine Veränderung in der Stellung des Trochanters, keine Verkürzung. 
Untersuchung der passiven Bewegungen: Bei geringen Beugungs- 
versachen geht das Becken nicht mit. Bei stärkerer Flexion spannt 
sich die Muskulatur auf der Bückseite des Oberschenkels in kurz 
aufeinander folgenden, sich steigernden Intentionen an. Beugt man 
das Knie, so hört die Spannung auf und man kann die freie Flexion 
in der Hüfte um mehrere Grade vermehren. (Vgl. Hüter's Ausein- 
andersetzungen über polyarthrodiale Muskeln.) 

Durch Ablenken der Aufmerksamkeit gelingt es die angedeutete 
Anspannung dieser Muskelgruppe zu eliminiren. Ganz dasselbe Ver- 
halten zeigen die Extensoren bei Streckung. Bei ruhiger Führung 
des Oberschenkels ist die freie Abduction innerhalb eines Spielraumes 
von 6^—8* möglich; bei rauherer Führung spielt sofort die Adduc- 
torengruppe. Die Muskelbewegungen sind in ihrer Form und Inten- 
sität bei diesen Versuchen verschieden. Es sind abwechselnd rasch 
eintretende starre Fixirungen oder undulirende leichte Contraction. 
Als das Kind durch freundliches Zureden zutraulich geworden war, 
konnte man die Streckung um 80® vermehren, ohne dass das Becken 
mitging. Bei jeder schnelleren Bewegung aber die man vornahm, 
spannten sich die Muskeln an, und bei der Beugung insbesondere 
die Muskulatur der vorderen Bauchwand, um das Becken vorne 
zu heben. 

n. Beobachtung. 

S. I. 6V2 J« alter Knabe, schwächlich, blass. Beginn der 
Krankheit vor V? Jahre ohne bekannte Veranlassung. Schmerz anfangs 
an der Bückseite des Gelenkes; später in der Fossa ileo-pectinea; 
seit 14 Tagen auch an der Innenseite des Knies. Flexion 160®, 
Abduction 20®, AuswärtsroUung so stark, dass der Trochanter um 
mehr als 1" nach hinten steht. Geringe Verkürzung. 

Untersuchung der passiven Bewegungen: Bei nicht unterstützter 
Extremität fortwährendes Spiel der Extensoren und Adductoren; 
bei Unterstützung der Extremität Ruhezustand derselben., und nur 



Beiträge zur Kenntaiss der Colitis v 321 

die Sehne des Gracills springt mehr hervor und ist die Spannung 
dieses Muskels grösser als auf der anderen Seite. Bei Druck auf 
die schmerzhafte vordere Gegend des Gelenkes spannen sich theils 
die Extensoreil, theils die Adductoren, wobei eine ßegelmässigkeit 
wahrzunehmen ist. Im Umfange von etwa 2(fi kann der Oberschenkel 
bei vorsichtiger Führung gebeugt und gestreckt werden, ohne dass 
das Becken mitgeht. Bei ruckweisen, unvorbereitet treffenden Bewe- 
gungen gegen die Streckung hin treten kurze feste Contractionen 
des Extensor crur. und Tensor fusciae latae auf. Ab- und Adduction 
nicht in geringsten Umfange frei auszuführen möglich. Bei Abduction 
namentlich spannt sich alsogleich der Gracilis unter deutlichem Vor- 
springen seiner Sehne an. 

Bei Adduction geht das Becken unter allen Umständen mit; 
aber keine Muskelgruppe kann aufgefunden werden, welche in Action 
treten würde. 

Rotation in geringem Umfange möglich; geht man über das 
Mass der unbehinderten Bewegung hinaus, so treten vielseitige, nicht 
zu sichtende Contractionen der äusserlich verfolgbaren Mnskelgmp- 
pen auf. 

IV. Beobachtung. 

W. W. 14 J. alt. Coxitis sin. 

Am 14. Jänner wurde der Kranke schnell und leicht bei der 
Abendvisite narkotisirt und vor dem Auditorium untersucht Im 
Aufregungsstadium bewegte er nur die rechte untere Extremität, die 
linke kranke wurde absolut ruhig gehalten. In voller Narkose war 
die Flexion ad maximum ohne Mitbewegung des Beckens möglich, 
ebenso die Bollung und Abziehung. In die Strecklage sank die Ex- 
tremität von selbst nicht zurück und Versuche die Streckung herbei- 
zuführen, führten i^asche kaum controllirbare Contractionen von meh- 
reren Muskelgruppen herbei. 

Das Erwachen langsam. Bevor Patient die Augen öffnet, hin 
und wieder leichte fibrilläre Zuckungen im Extensor cruris und 
Tensor fasciae latae, doch bleibt die Streckstellung unverändert. 
Patient, wenn auch schläfrig und unbesinnlich, gibt doch Antworten. 
Zuckungen im Gracilis, Zuckungen im Extensor cruris; im Gracilis 
häufiger. Beiragt, ob er sich dieser Zuckungen bewusst sei, bejaht 
Patient die Frage, schnell lünzufügend, »er könne nicht dafür, es 



322 Albert. 

geschehe so.* Patient gibt Schmerz in der Fossa ileo-pectinea und 
am innern Eniecondylas an. Frage: »Bei welcher Stellang des Glie- 
des fahlen Sie den Schmerz nicht?« 

Patient bringt den anderen, den gesonden Schenkel in eine 
Stellang, welche der pathognomischen aaf der kranken Seite ent- 
spricht, verweilt aber gleichwohl mit der kranken Extremität in ge- 
streckter Stellang. Aaf die Aafforderang, sich so za legen, dass er 
keine Schmerzen fahle, geht er mit beiden Oberschenkeln zngleich 
in die Bengestellang über; der Aafforderang, in die gestreckte Lage 
überzagehen, folgt er anter Mitbewegang des Beckens nach. 

XI. Beobachtnng. 
B. E., 3 J. alter blonder Knabe mit dünner Eaat. Seit vier 
Wochen Schmerz and Hinken. Als Ursache wird ein mathmasslicher 
Fall angegeben. 

Bei üntersachang der passiven Bewegangen stellt sich heraas, 
dass Flexion, Extension^ Ab- and Addaction and Bollnng nach In- 
nen wie nach Anssen nar anter Mitbewegang des Beckens ansführ- 
bar war. Bei keiner von diesen Bewegangen spannte sich eine 
äassere Maskelgrappe an. Der Oberschenkel wird vom Kinde vom 
Beginn der Krankheit an in der Beagang, Addaction and Einwärts- 
rollang gehalten. 

Xn. Beobachtung. 
ü. L., 2 Vi Jahre alter, blasser, schwächlicher Knabe, fiel vor 
3 Wochen zu Boden. Hinkt seitdem. Keine Verkürzung. Stellung 
in leichter Flexion und Abduction. Bei der Untersuchung der pas- 
siven Bewegungen anfangs heftige Fixation bei jedem Versuche, die 
Stellung passiv zu ändern. Im weiteren Verlauf der Untersuchung 
und besonders bei stark fixirtem Becken sind alle Excursionen im 
geringen Umfange ohne Mitbewegung möglich. Am weitesten gelingt 
es die Beugung auszuführen; bei jeder Streckung, selbst bei der 
Zurückführung aus der über die pathognomische hinaus frei ausge- 
führten Bewegung fahren sofort die Extensores cruris auf. Gegen 
die Adduction wirkt eclatant der Gracilis. 

XIV. Beobachtung. 
P. J. 16 J. altes Mädchen. Coxitis d. seit 4 Monaten. Typische 
Stellung in Beugung mit AuswärtsroUung, Abduction und Auswärts- 



Beiträge zur Kenntniss der Coxilis. 323 

rollnng. Bei Bewusstsein der Kranken unter keiner Bedingung freie 
Bewegung möglich; bei passiver Streckung keine Muskelspannung 
wahrnehmbar. In Chloroformnarkose bleibt die Stellung starr und 
lässt sich mit ziemlicher Gewalt nicht im Mindesten ändern. (Schmer- 
zen schwanden in diesem Falle sofort auf Extension mit 6 Pfund.) 

XVI. Beobachtung. 
S. J. 17 J. alt. Colitis d. seit 1 Jahre. Verkürzung, Botation 
nach Aussen, sehr geringe Beugung, Parallelstand der Extremitäten. 
Ausgenommen die Einwärtsrollung alle passiven Bewegungen frei 
möglich, activ nur unter Mitgehen des Beckens. 

XIX. Beobachtung. 
M. P. 3 J. alt. Coxitis d. seit 5 Monaten. Geringe Verkürzung 
nachweisbar. Die Extremität in Parallelstellung bei höchst geringer 
Beugung. Die erste Untersuchung zeigt Mitbewegung des Beckens bei 
allen Bewegungen. Auf Zureden lässt das Eind die Beugung und 
Zurückstreckung in einem Umfange von 50^ frei vornehmen. Jede 
andere Bewegung gehindert. 

XX. Beobachtung. 

P. I. 4 J. alt, fiel vor 8 Monaten, hinkte und lag später im 
' Bette unter ärztlicher Behandlung (mit der Diagnose »freiwilliges 

Hinken*) bei gebeugtem und etwas abducirtem Gliede. Später durch 
3 Monate freie Bewegung; vor 3 Monaten abermals Fall und Hin- 
ken. Flexionsstellung bei 130^. Geringe Abduction; keine nach weis- 
>- bare Verkürzung. Beugen und Strecken in geringem Umfange bald 

> frei möglich, bald nur unter Mitgang des Beckens ausführbar. Bei 

Ablenken der Aufmerksamkeit diese Bewegungen im weiteren Um- 
fange möglich. Starres Gelenk unter Anspannen des Graeilis und 
Tensor fasciae 1. bei Ab- und Adduction. Wenn das Eind, das gut 
!:• genährt und sehr munter war, mit den Füssen strampfte, so ging 

das Becken nicht mit, wenn diese Bewegungen von geringem Um- 
iN' fange waren, wohl aber wenn es weiter ausholte. In der Narkose 

^: viel weitere Excursionen möglich; die Beugung und Streckung nur 

gegen den Schluss hin gehemmt, ebenso die übrigen Bewegungen. 
Beim Erwachen aus der Narkose kein Schmerz. Auf Druck war vor 
der Narkose nur leichte Schmerzhaftigkeit hinten am Trochauter 
und Halse vorhanden. 



r.- 



324 Albert. 

XXm. Beobachtung. 

B. I. 8 J. alter Knabe leidet an Coxitis seit 4 Jahren nnd 
wurde schon auf anderen Spitalsabtheilnngen behandelt (unter an* 
derem auch 1 Jahr lang im Gypsverbande gelagert) und so weit 
geheilt, dass er ohne Hinken gehen konnte. Erst seit 2 Monaten 
trat Becidive ein und entwickelte sich zunehmend folgende Stellung: 
Beugung fast 90®, Abduction 45®, geringe BoUung nach aussen. 
Heftiger Widerstand gegen jede Bewegung; nicht die geringste 
Excursion frei mOglich ; dabei heftiges Muskelspiel selbst in der 
ruhigen Lage, wenn die Lendenwirbelsäule auf der Unterlage aufliegt 
und der Schenkel mithin fast vertikal und nach aussen absteht. 
In der Narkose zeigte sich im 1. Stadium, da die Aufmerksamkeit 
des Kranken auf das Chloroform abgelenkt war, die Möglichkeit 
freie Bewegungen von geringem Umfange auszufuhren ; stärkere Fixi- 
rung und regelloses Spiel der langen Schenkelmnskel im Aufregungs- 
stadium; vollständig freie Beugung, unbehinderte Abduction und 
Auswärtsrollung, aber gehemmte Streckung, Adduction und Einwärts* 
roUung gegen den Schluss dieser Bewegungen. Subcutane Trennung 
des M. sartorius, der sehr straff gespannt war, ermöglichte die 
Streckung noch etwas weiter zu führen. 



Die angeführten Beispiele berechtigen zu einigen Betrachtungen. 
Vorerst heben wir hervor, dass sie sehr viele specielle Fälle illustri* 
reu. Es sind darin die häufigsten typischen Fälle der Coxitis mit 
Adduction und Auswärtsrollung vertreten, dann die mit Einwärts- 
rollung, dann auch seltenere Fälle wie Nr. 16 und 19. 

Was die Dauer des Krankheitsprocesses betrifft, so finden wir 
Beispiele von sehr kurzer und Beispiele von sehr langer Dauer. In 
Bücksicht endlich auf das YerLalten in der Narkose solche Fälle, 
wo die Fixirung des Beckens gar nicht oder zum Theil aufgehoben 
wird, und Fälle, wo die Fixirung vollständig aufhört. Jene Fälle, 
bei denen nicht einmal in der Narkose die Fixirung des Gelenkes 
verschwindet, fallen nicht ins Bereich der Betrachtung. Den übrigen 
entnimmt man vor Allem, dass in der Begel, wie es schon Andern 
bekannt war, kleine, schonend ausgeführte Bewegungen frei vorge- 
nommen werden können ; dass ferner nicht alle Bewegungsrichtungen 
in gleichem Maasse dieses Phänomen aufweisen; dass die. Beugung 



Beiträge zur KenjitDias der Colitis. 325 

in der Begel am weitesten, die Znrückstredcung schon geringer 
die freie Bewegung gestattet; — dass die Stärke des Widerstandes 
weder dem Umfange der physiologischen Bewegangsamplitad^, noch 
der Yolnmscarve entspricht; — dass die Möglichkeit, freie Bewegun- 
gen auszufahren, durch Willenseinfluss von Seite des Kranken her- 
vorgebracht wird; — dass die Hemmung der Bewegung in der Begel 
schon vor einer gchmerzempfindung eintritt nnd nur manchmal 
eine solche vorangeht; — daas mitunter durch Druck auf die schmerz- 
hafte Stelle dieselben Muskeln in Wirksamkeit versetzt werden, die 
sonst durch Bewegung ohne Schmerzäusserung oder mit Schmerz- 
äusserung in Wirksamkeit versetzt werden; — dass bald constante 
Muskelgruppen mit Pxäcision eingreifen, bald eine planlosere Action 
zum Vorschein kommt; — dass auch Muskeln engagirt werden, die 
das Hüftgelenk gar nidit bewegen, wenn das Fixiren statt finden 
soll, d. h. dass statt oder vielleicht nebst einer fühlbaren Action 
der Hüftmuskeln weit entfernte, ganz differenten Bewegungen die- 
nende Muskelgruppen wirksam werden. 

Wir finden uns also complicirten Verhältnissen gegenüber und 
die einfache klinische Analyse ist nicht im Stande, das verworrene 
Phänomen zu erklären. Was immerhin denkbar wäre, die Quantität 
des Exsudates, den Zustand der Knochen, aus der Action der Mus- 
kulatur zu erkennen, das ist uns hier unmöglich. 

Aber auch die Analogie versagt uns ihre Stutze. Am Kniege- 
lenk sind wir im Stande, die Quantität des Exsudates, die Verhält- 
nisse der Knochen, die Action der Muskeln und aus deren verschie- 
denen Verhältnissen vielleicht Segeln zu abstrahiren, zu controliren. 
Wer bürgt uns dafür, dass am Hüftgelenke dieselben Verhällaiisse 
gelten, wie am Kniegelenk; ganz abgesehen davon, dass der Bau 
der beiden Gelenke ein ganz anderer ist, kommt hier zunächst der 
Umstand hauptsächlich in Eechnung, dass das Hüftgelenk am be- 
weglichen Gebilde des Beckens angebracht ist. 

Gleichwohl können wir folgendes Baisonnement anstellen: Die 
Fixirung des Beckens und die pathognomische Stellung kann nicht 
einfach als das Besultat der G^sammtwirkung aller das Hüftgelenk 
bewegenden Muskeln abgeleitet werden, wie es Pitha thut, der aus 
den Massen der Muskeln und ihrer Zugrichtung anatomisch dedu- 
cii-t, dass durch eine gleichzeitige Wirkung aller Muskeln die Stel- 
lung im Sinne der an Masse überwiegenden herausresultiren müsse. 



326 Albeft. 

Wir müsseD annehmen, dass die Fixirang in den einzelnen Fällen 
verschiedenen Mnskelgmppen übertragen sei, da ja die Hindemisse 
der Bewegung bei den verschiedensten Stellungen nach Bichtung 
und Umfang sich wechselnd zeigen. 

Wir müssen aus der Beobachtung der Thatsachen folgern, dass 
nicht eine absolute Fixirung des Gelenkes durch sämmüiche Mus- 
keln derselben statt haben müsse, sondern dass die Fixirung einem 
gewissen Bedürfnisse sich accommodire. Das geht am deutlichsten 
hervor aus dem Umstände, dass durch den Willen des Kranken die 
Fixirung vermehrt und vermindert werden kann. Der Kranke berech- 
net. Wenn er sieht, dass man geringe Excursionen macht, dann gibt 
er nach; wenn man sich nur anstellt, brüske passive Bewegungen 
auszuführen, so engagirt er sofort noch disponible Muskelgruppen. 
Macht er selbst Bewegungen, so lernt er den Umfang kennen, in 
welchem er das Qelenk frei bewegen kann und dieser Umfang kann 
ein ganz anderer sein als derjenige, den er dem prüfenden Arzte 
entgegenbringt, von dem er im Voraus nicht weiss, nach welcher 
Bichtung und mit welcher Intensität er die passive Bewegung aus- 
fuhren wird, und gegen den er sich daher sicherzustellen sucht. 
* Wenn in einem gegebenen Falle die Bewegung nach einer Seite 
schon mechanisch behindert ist, beispielsweise also die Streckung 
wegen Schrumpfung des Lig. ileo-femorale, dann ist es wahrschein- 
lich, dass der Kranke, um die Streckung zu hemmen, gar keine 
oder sehr wenig Muskelkräfte, die sonst das Hüftgelenk bewegen, 
in Wirksamkeit setzt. 

Wahrscheinlich ist es mir aus dem Grunde, weil ich in älteren 
Fällen nie eine Anspannung der Beugemuskulatur wahrnehmen konnte. 
Es machte mir die Präcision, mit welcher der Kranke sofort die Len- 
denwirbelsäule lördotisch vorkrümmt, immer den Eindruck, der Kranke 
gäbe zu verstehen, dass er die Extremität mit einem Kunstgriff ge- 
rade zu . strecken verstehe, ohne erst die Beugemuskeln anzustrengen. 

Mit dem Fortschritte der Krankheit können die mechanischen 
Momente so überwiegend werden, dass eine Muskelaction nur im 
geringsten Mass nothwendig ist; es resultirt eine Ankylose daraus. 
In anderen Fällen, bei Kapselzerstörung wird die Fixirung von den 
Muskeln zunächst zu tragen sein. 

Wenn wir also in dem ganzen Wirken der Muskulatur sehen, 
dass sie jedesmal einem Calcül entspringe, dass sie eine berechnete 



Beiträge zur Kenutniss der Coxitis. 327 

sei nnd als solche eine Empfindung in Berechnung ziehen müsse, 
so fragt es sich, welcher Art denn diese Empfindung sein könnte, 
die den Kranken veranlasst, das Gelenk zu fixiren. Dass in vielen 
Fällen, vielleicht in den allermeisten, der Schmerz die Hauptrolle 
spiele, ist nicht nur aus den directen Aussagen der Kranken zu 
entnehmen, sondern auch aus dem Umstände, dass mitunter, wenn 
der Schmerz heftig ist, förmliche Fixirungsexcesse vorkommen — 
Krämpfe. 

Gleichwohl kann aber auch ein anderes Gefahl die Fixirung 
veranlassen. Denken wir uns durch massenhafte Exsudation in's 
Gelenk die Articulationsflächen von einander entfernt, daher auch 
die Ansatzpunkte der Hüftgelenksmuskeln verrückt , so muss das 
Muskelgefühl uns die labile Situation des Gelenkes zum Bewusstsein 
bringen und immerhin wäre es denkbar, dass das Muskelgefühl die 
Fixirung zu veranlassen mithilft. 

Die Fixirung des Hüftgelenkes bei Entzündung desselben — 
und selbstverständlich gilt dasselbe bezüglich der anderen Gelenke 
— findet, in dieser Weise aufgefasst, Analoga bei anderen Zuständen. 
Zunächst bei periarticulären Abscessen. Ich habe in allerletzter Zeit 
Gelegenheit gehabt eine Vereiterung des Hiacus zu beobachten, bei 
welcher die pathognomische Stellung der Coxitis und eine vollstän- 
dige starre Fixation des Beckens gegen jede Art von Bewegung 
vorhanden war. Der Abscess wurde eröffnet, die Bewegungen wurden 
nicht freier und die Section des an Erschöpfung verstorbenen Kranken 
zeigte, dass das Hüftgelenk neben einer lebhafteren Injection der 
Synovialis keine Spur einer Entzündung aufwies. Die Fixirung aber 
war viele Wochen früher vorhanden, zu einer Zeit, wo der Abscess 
noch gar nicht in die Nähe des Gelenkes gekommen war, sondern 
oben im Becken an der Resistenz vermuthet wurde. Leisrink fahrt 
in seiner Abhandlung über Besection des Hüftgelenkes Fälle an, wo 
periarticuläre Abscesse ebenfalls die Coxitis vortäuschten. Auch 
theüweise Fixirungen des Hüftgelenkes bei Abscessen in der Um- 
gebung desselben kommen in verschiedener Weise vor. 

So lag bei uns ein 20jähriges Mädchen, welches an käsiger 
Vereiterung der Inguinaldrüsen litt. Gerade die passive Beugung 
des Oberschenkels erzeugte Mitbewegung des Beckens in constanter 
Weise, ebenfalls die Ab- und Adduction, letztere in wechselnder 
Weise. 



328 Albert 

Es ist nicht erst nothwendig, auf die maunigfaltigen Fixinmgen 
hinzuweisen, welche die Kranken den Eörperabschnitten geben, deren 
Bewegung Schmerz verursachen würde. Das Neigen des Kopfes nach 
der verrenkten Seite bei Schultergelenksluxation, das flache Athmen 
bei Bippenfractur, die in Folge oberflächlicher entzündlicher Processe 
entstandenen dontracturen der Fusswurzel u. dgl. fallen alle unter 
diese Rubrik. 

Dass die Fixirnng mitunter in Krämpfe ausartet, ist nichts dem 
Gelenke eigenthümliches. Man findet bei empfindlichen Personen wäh- 
rend des Verbindens einmal willkürliches Fixiren, ein andermal 
Krämpfe auch in Zuständen, die mit dem Gelenke Nichts zu thun 
haben. 

Wenn wir auch nach dem Zustand der Muskelmasse selbst 
fragen, so kann weder der Zustand des ruhenden Muskels noch der 
tetanische Zustand vorliegen. Es ist ein Spannungszustand, über den 
wir bisher keine genaueren Kenntnisse haben. In der überaus gröss- 
ten Mehrzahl der Fälle macht er sich auch im Schlafe geltend und 
lässt in der Begel nur in der tiefsten Narkose naqh. 

Wir bemerken auch anderwärts Zustände ähnlicher Art. Ich 
habe eine grössere Anzahl von Plattfüssen mit Contracturen gesehen, 
bei welchen die starke Spannung nach einer 12— 24stündigen Buhe 
verschwand, aber nach längerem Herumgehen wieder eintrat. In 
einem anderen Fall dieser Art war die Spannung des Ext. hallncis 
und Ext. digitor. communis noch von einer mittelmässigen Gewalt 
der Hand zu überwinden. Vielleicht sind auch die hysterischen 
Contracturen und die Zustände der contracten Muskeln bei nervösen 
Coxalgien derselben Art 

Wenden wir uns zu der zweiten Frage, nach dem Entstehen 
der coxalgischen Situation, so können wir nicht anders als zunächst 
an das Leichenexperiment anknüpfen. Wir wissen freilich nicht, zu 
welcher Zeit sich die coxalgische Situation zu entwickeln beginnt. 
Es wird allgemein anerkannt, dass die Melurzahl der Coxitiden oste- 
alen, femoralen Ursprungs sei. Da entsteht sofort die Frage, ob die 
coxalgische Situation nicht etwa schon in dem Momente einzutreten 
sich anschickt, wo die Entzündung im Knochen beginnt, oder ob 
sie erst beginnt, wenn im Gelenke selbst Exsudation auftritt. Dass 
sie gewiss eintritt, wenn im Gelenke die Entzündung vorhanden ist, 



1 



Beiträge zur Kenntniss der Coxilis. 329 

das wissen wir. Und mit diesem Punkte müssen wir beginnen. Die 
Möglichkeiten, welchen wir uns bei Ueberlegung dieser Frage gegen- 
über befinden, sind folgende: 

1. Die Füllung der Kapsel allein gibt der Extremität die Stellung, 
genau nach derselben Weise, wie die Injection der Kapsel am 
CadaYer der Extremität eine dem jeweiligen Quantum der Flüs^ 
sigkeit entsprechende Stellung anweist. Dies immerhin nnter 
der Voraussetzung, dass die entzündete Kapsel ihre physikali- 
schen Eigenschaften ändern und somit auch eine Abweichung 
von der Stellung am Cadaver veranlassen kann. — Die Muskeln 
fixiren dann blos die angenommene Stellung oder fixiren sie gar 
nicht, wenn das mechanische Moment allein genügt (maximale 
Exsudation). 

2. Die Muskulatur allein bringt in Folge einer Empfindung (durch 
Eeflex oder Willensaction) die pathognomische Stellung hervor. 

3. Beide Wirkungen combiniren sich. 

Was den ersten Fall betrifft, so schliesst er sich am inmgsten 
an das Cadaverexperiment an und wird durch jene Fälle gestützt, 
wobei sehr raschem Verlaufe der Krankheit die Stellung auch in der 
tiefsten Narkose beibehalten wird. Er lässt nur folgende Bedenken zu: 

Am Cadaver überwindet der Spritzendrack das Gewicht der 
Extremität nicht, man muss in eine Beugestellung übergehen, um 
die Flüssigkeit eindringen zu lassen. Um also an das Leichenexpe- 
riment anzuknüpfen, müsste immerhin eine primäre Muskel Wirkung 
angenommen werden, welche die Füllung der Kapsel gestattet; denn 
um die Eingangs citirten Worte Hüter's zu gebrauchen, »können wir 
uns von dem Exsudationsdruck noch weniger (als von dem Spritzen- 
druck) vorstellen, dass er das Gelenk in die perverse Stellung hinem 
bringt* 

Dieser Einwand berührt die eigentliche Frage. Nach allem 
müssen wir uns vorstellen, dass im normalen Zustande bei Buhelage 
eines Gelenkes von den Muskeln aus keine Spannung auf den Inhalt 
des Gelenkes ausgeübt wird ; die Muskeln verhalten sich in der 
Buhe wie weiche Massen. Wie sollen wir uns die Sache nun vor- 
stellen, wenn plötzlich in der Kapsel eine Entzündung entsteht und 
der Gelenksraum für die stattfindende Exsudatiou vergrössert werden 
soll? Nur wenn die Exsudation ohne Empfindung und ohne Bück- 
wirkuug auf die Muskulatur stattfinden würde, könnten wir die Idee 



330 Albert. 

eines rein mechanischen Vorganges acceptiren. Immerhin bliebe das 
Bäthsel zu l^sen, wie der Exsndationsdmck das Gewicht der Extre- 
mität überwindet. 

Denken wir nns die zwei Articulationsflächen dnrch eine dünne 
Schichte SynoTia von einander getrennt und das Gelenk in Buhe, 
d. h. die Lage der articnlirenden Knochen constant; so kann eine 
Vermehrung des Inhaltes nur erfolgen, wenn die Exsudation die 
Kapsel ausdehnen kann, d. h. wenn der Exsudationsdruck grösser 
ist, als der physikalische Widerstand der Kapsel. Geben wir weiter 
zu, dass der Exsudationsdruck die schwachen Partien der Kapsel 
wirklich ausdehnt; nie können wir uns denken, dass der Exsudations- 
druck die Stärke des Bertinischen Bandes überwindet, um es vom 
Kopfe abzuheben. Wenn wir es aber durch eine Beugebewegung 
erschlaffen, also die Lage des Knochens ändern, dann hann die Flüs- 
sigkeit zwischen ihm und dem Kopfe eindringen und als unzusam- 
mendrückbare Masse diese Lage festhalten, wenn die Kapsel an 
einer Stelle nicht reisst oder nicht nachgiebt. Es muss also immer, 
um ein Eindringen der Flüssigkeit unter das Bertinische Band bei 
unverletzter Kapsel denkbar zu machen, der Exsudationsdruck entwe- 
der grösser gesetzt werden, als das Gewicht der Extremität, welches 
das Bertinische Band an den Kopf andrückt; oder es muss eine 
primäre Beugung durch Muskelwirkung angenommen werden, welche 
das Bertinische Band abspannt. Das erstere ist wohl nicht denkbar. 
Um den Kopf vom Bertinischen Bande also nach rückwärts zu brin- 
gen, müsste die Flüssigkeit folgende Hebelwirkung leisten: Der Kopf 
bis zum Ansätze des Bertinischen Bandes am Schenkel ist der kür- 
zere, die ganze Extremität von da ab ist der längere Arm eines 
Hebels, dessen Drehpunkt der Ansatz des Bandes bildet. Den kür- 
zeren Arm müsste die Flüssigkeit niederdrücken, um den anderen zu 
heben. Das ist nicht annehmbar. Wir sind gezwungen, da die Mög- 
lichkeit des soeben Gesagten nicht vorhanden ist, anzunehmen, dass 
im Gegentheil entweder die Exsudation in schon zufallig vorhande- 
ner Beugung, im Schlafe z. B. beginnt, oder dass ein nicht näher 
zu bestimmendes Gefühl den Kranken drängt, die Beugestellung ein- 
zunehmen. So injiciren wir auch am Cadaver die Kapsel schwer, 
wenn die ganze Extremität vorhanden ist. Ist sie hoch oben ampu- 
tirt, dann überwindet der Spritzendruck das Gewicht des Stumpfes 
leicht und bringt ihn in die Bonnet'schc Lage. 



Beiträge zur K-enatuiss der Cüxitis. 331 

Die rein mechanische Theorie lässt noch andere Bedenken auf- 
kommen; sie nimmt an, dass das Gelenk nur den mechanischen 
Verhältnissen der Kapsel sich accommodire. Sie schliesst die Nerven- 
einflüsse von vornherein aus oder ignorirt sie wenigstens ohne jeden 
Grund dazu. Da aber die Existenz der Nerven in der Synovialis 
erwiesen ist, da ihre Endigungen in der Intima erst eben durch 
Nicoladoni aufgefunden wurden, so müsste sie annehmen, dass 
diese Nerven sich ganz passiv verhalten. Wir wissen aber, dass hef- 
tige Goxitiden mit Krämpfen auftreten und können daher a m^jori 
ad minus nur schliessen, dass ihre Eolle unmöglich eine ganz pas- 
sive sein könne. Die rein mechanische Theorie lässt aber auch die 
Fälle ganz unerklärt, in welchen eine primäre Adduction und Ein- 
wärtsrollung stattfindet und nimmt selbst für die Fälle, die mit Ab- 
duction und Auswärtsrollung verlaufen, nur den Bandapparat an. 
Nun können wir uns aber nicht für a priori überzeugt halten, dass 
die perverse Stellung und Fixation nur von dem Zustande der me- 
chanischen Kräfte in der Kapsel abhängen müsse. Denn auch 
der Process am Knochen, sei es an der Pfanne oder am Schen- 
kel, kann — von vornherein muss das wenigstens als möglich, 
ja als erwägenswerth zugegeben werden — massgebend sein für die 
Lage und die Fixation des Gelenkes, wenn nicht anders, so doch 
schon durch Schmerzvermittlung. 

Busch's Argument, dass die sanfte Streckung in der Narkose, 
die so oft den Schmerz behebt, deutlich beweise, dass die Beugung 
des Schenkels nicht eines Schmerzes wegen eingehalten wird, krankt 
an der Schwäche, dass es mit einer in ihrer Wesenheit unbekanur 
ten Thatsache rechnet. Wer weiss denn überhaupt, was man durch 
die Streckung Alles angerichtet hat? 

Man muss aber naturgemäss auch nach positiven Gründen 
fragen, welche für die gegentheilige Ansicht sprechen. Ich habe 
selbst nur zwei Beobachtungen frischer Fälle, welche eine Betheiü- 
gung der Muskeln erweisen. 

Ein 20jähriger Mann wurde bei uns an Caries proc. mastoid. 
behandelt. Nach einigen Wochen der Behandlung trat plötzlich unter 
Schmerzen coxalgische Situation des rechten Hüftgelenkes auf: Beu- 
gung, Abduction, Auswärtsrollung, Mitgehen des Beckens. Wenige 
Tage später trat plötzlich Meningitis ein und der Kranke erlag 
dem rapiden Verlauf derselben in drei Tagen. Sofort nach dem Tode. 



332 Albert. 

sab Ich den Kranken. Die Extremität lag normal, das Crelenk 
war frei beweglich. Bei der Section fand sich nnn die Synovialis 
des rechten Hüftgelenkes stark geröthet; die sogenannte Gelenkdrnse 
wenig geschweUt. Die mikroskopische üntersnchnng zeigte zellige 
Infiltration der Litima — Katarrh. Der Fall bedarf keiner weiteren 
Erkläning. 

Bei einem zweiten Kranken, der an einer inneren Abtheilung 
an Typhus yerstorben war, war Metastase im rechten Hüftgelenk 
aufgetreten; die Extremität war im Leben gebeugt, adducirt und 
etwas nach einwärts gerollt. Im Gelenke fand man ganz wenig Eiter, 
so dass die Kapsel nicht in jenem Grade ausgebaucht war, wie man 
sie bei maximaler Füllung beim Experimente findet; die Knochen und 
Knorpel an Dimensionen nicht verändert, die Synovialis in keinem 
bemerken 8 werthen Grade geschwellt; das Gelenk am Cadaver voll- 
kommen beweglich und kein mechanisches Hindemiss war aufzufinden. 
Nun ist aus dem Bonnet'schen Experimente bekannt, dass der Ober- 
schenkel durch die Einspritzung constant nur in die AuswartsroUung, 
Abduction und Beugung gebracht werden kann. Er beschreibt hiebei 
eine Curve, deren Projection auf eine Ebene ich mehrmals zeichnete 
und die immer constant ausfölH. Es musste bei dem Falle ein an- 
derer Moment die Stellung bewirkt haben. Man könnte diesem zweiten 
Falle gegenüber einwenden, dass er nicht rein sei, da bei dem 
Typhuskranken aussergewöhnliche, vom Typhusprocesse abhängige 
Muskelwirknngen gewaltsam dem mechanischen Momente entgegen- 
gewirkt haben. Aber es gibt zahlreiche Fälle von Coxitis und mein 
Lehrer v. Dumreicher, der in Wien, einem klassischen Boden für 
Coxitis, seit 30 Jahren eine ziemliche Anzahl von Coxitis gesehen 
hat, betont immer, dass die Zahl der Coxitiden mit dieser Primär- 
stellung häufiger ist, als man in der Begel annimmt, — es gibt 
zahlreiche Fälle, sage ich, für welche das mechanische Moment keine 
Erklärung gibt. Leider bekam ich ausser jenem Typhusfnlle keinen 
anderen frischen bei der Section zur Ansicht, um über den Zustand 
des Grelenkes Aufklärung zu gewinnen. 

Es hat Busch an die Anfahrung eines Sectionsfalles die Be- 
merkung geknüpft, dass die in diesem Falle gefundene Schwellung 
des Gewebes im Grunde der Pfanne offenbar, als Volumszunahme 
des Gelenkinhaltes wirkend, mechanisch die perverse Stellung bewirkt 
hat. Diesem Argutnente gegenüber führe ich nur meinen ersten Fall 



1 



Beiträge zur K«nntnis8 der Colitis. 333 

all. Nach dem Tode ist sofort die Stellung der Extremität in die 
normale zurückgegangen, wiewohl die Schwellung noch bei der 
Section constatirt werden konnte. Und was für mich von grossem 
Gewicht, die Extremität war in einer so starken Beugung, dass im 
Hinblick auf das Experiment das Gelenk eine ansehnliche Menge 
Exsudates hätte enthalten müssen. 

Wenn diese Beobachtungen und die angeführten Argumente ent- 
schieden dafür sprechen, dass eine Betheiligung der Muskulatur 
beim Entstehen der coxalgischen Situation angenommen werden müsse, 
80 folgt daraus noch immer nicht, dass der mechanische Moment 
ganz und gar ausser Betracht komme. Sowie einerseits eine Muskel- 
wirkung angenommen wurde, um das Lig. Bertini abzuspannen , so 
wird anderseits zugegeben, dass unter gegebenen Verhältnissen die 
Betorsion der Kapsel als Folge der eingeleiteten Exsudation auf die 
Muskelaction bestimmend wirken könne. Wir haben es bei der Frage 
der Fixation schon als wahrscheinlich hingestellt, dass die mechani- 
schen Kräfte und die Muskelkräfte sich in die Arbeit theilen. 

Wir können hier derselben Anschauung Baum £reben. Wir kön- 
nen es als wahrscheinlich annehmen, dass die zunehmende Exsudation 
eine Detorsion der Kapsel veranlasst, dass aber der Exsudations- 
druck nicht ausreicht und dass in Folge dessen Störungen eintreten, 
welche auf dem Wege der Empfindung die Muskulatur veranlassen 
einzugreifen, um die Detorsion zu ermöglichen. 

Nach dem Zellen-, Gefäss- und Nervenreichthum, welchen die 
Synovialis aufweist, zu schliessen, würden wir uns einer ungeheuren 
Vemachlässung der pathologischen Vorgänge zeihen müssen, wenn 
wir die Kapsel einfach als physikalische Masse betrachten würden. 
Jene Theorie, die die Einflussnahme dieser Gebilde offen lässt, scheint 
jedenfalls weniger zu prl^udiciren. 

Alles in Allem stelle ich mir also die Sache so vor: Die ein- 
fachste exsudative Colitis beansprucht eine primäre Muskelwirkung, 
das ist die allen Coxitiden gemeinsame Beugung. Mit der Zunahme 
der Exsudation und der Veränderung des Gelenkes treten Empfindun- 
gen auf, — Schmerz, Spannung, Unsicherheit des Muskelgefühls — 
welche eine dem jeweiligen Zustande entsprechende Stellung und 
Fixirung des Gelenkes auslösen. In diese Arbeit theilen sich die me- 
chanischen Kräfte und die Muskelkräfte. Die Muskelkräfte sind ver- 

Ue«l. Jahrbilclier. iS7:i UI. 23 



334 Albert. 

schiedenen Gruppen entlehnt. Suclit man den Status quo zu ändern, 
werden auch entlegenere Gruppen engagirt. Von Reflexbewegung im 
strengen Sinne sehen wir nichts an diesen Muskelactionen. 

Was die Annahme eines Reflexvorgahges betrifft, so befestigte 
sie sich wohl durch die Beobachtung jener Fälle, in denen es zu 
wirklichen Krämpfen kommt. Die Abwesenheit des Willenseinflusses 
dabei mochte bei der Bildung dieser Vorstellung den Ausschlag ge- 
geben haben. Wenn man aber an die einfachen Fälle denkt, und 
um diese handelt es sich, so sieht man eigentlich doch nur, dass 
das Gelenk allmälig in eine bestimmte Stellung geräth und darin in 
verschiedenem Grade fixirt wird. 

Wenn man sonst einen Reflexvorgang statuiren will, so handelt 
es sich in erster Linie darum, zu constatiren, dass der Act unter 
Ausschluss des Willens geschehe, und in zweiter Linie zu finden, 
welches das Centrum und die Bahnen des Reflexes sind. Es ist 
dieser Weg bei der in Verhandlung stehenden Frage von den Chirur- 
gen nicht berührt worden und nur der allgemeine Eindruck, den der 
Vorgang darbietet, war für die Aufstellung des Satzes massgebend. 

Immerhin zugebend, dass im Gebiete der Gelenksnerven Reflex- 
vorgänge aufgefunden werden können die sich bei Coxitis geltend 
machen, glaube ich nur betonen zu müssen, dass wir keinen Grund 
haben, einen Reflexvorgang annehmen zu müssen, gar kein positives 
Substrat zu dieser Unterstellung finden. Wenn ein Mensch mit frisch 
luxirtem Oberarm den Kopf gegen die verletzte Seite neigt, wenn 
ein Kranker mit Eiterung in der Kniekehle das Gelenk beugt und 
unbeweglich hält, so ist es noch Niemanden beigefallen, von einem 
Reflexvorgange zu reden, ebensowenig als Jemand von einer Reflex- 
hemmung spricht, wenn ein kleines Kind die gebrochene Extremität 
ruhig hält. Dass bei Fracturen Krämpfe der Muskeln eintreten, das 
würde uns doch nicht berechtigen, zu sagen, dass die vor dem 
Krämpfe eingehaltene Lage durch eine Reflexaction der Muskeln 
bedingt war, — weil Reflexkrampf eingetreten ist. Die Möglichkeit 
wahrer Reflexbewegung auf Reizung der Gelenksnerven hin also im- 
mer zugebend, halten wir im Ganzen die Muskelthätigkeit bei Fixi- 
rung des Gelenkes für eine ursprünglich gewollte; im Verlaufe der 
Krankheit spielt sich der Vorgang automatisch ab. Ein Vorgang, 
der einmal eingeleitet ist, spielt sich in unserem Organismus so oft 



Albert. Beitrüge zur Keonlniss der Coxiilis. 835 

mechanisch ab, wie alle die bekannten psychologischen Beobachtungen 
vom mechanischen Glavierspielen u. dgl. zur Genüge nachweisen ! 
Das würde anf ein Terrain führen, das die Sphäre unseres Gegen- 
standes weit überragt. 

Uns muss die Frage interessiren, was einem concreten Falle 
gegenüber zu denken ist. Das Vorausgeschickte wird zur Genüge dar- 
gethan haben , dass wir eben zu wenig wissen, um einen vorliegen- 
den Fall zu beurtheilen. Ist ja die Frage, warum eine Verkürzung 
vorhanden ist, im speciellen Falle oft nicht zu entscheiden ; wer ver- 
mag zu sagen, ob in einem gegebenen Falle Pfannenwanderung oder 
Halsschwund oder beide zugleich die Verkürzung bedingen? Wenn 
wir an das Wissen auch noch die Frage stellen, den Zustand der 
Kapsel, der Muskulatur zu sagen, das Krankheitsbild zu entwirren, 
so müssen wir gestehen, dass wir vor einem harten Problem stehen. 

Eines Umstandes ist noch zu erwähnen. Eine gewisse Zahl von 
Coxitiden ist periarticulären Ursprungs. Bevor noch ein Abscess sich 
gebildet hat, wird schon die Fixirung des Gelenkes eingeleitet. In 
diesen Fällen könnte man allerdings daran denken, dass die Mus- 
keln nicht in dem sonstigen Zustande begriffen sind, sondern in 
einem Zustande von Entzündung, und dass sie zu starren Massen 
werden, welche vom Willen nicht weiter beeinflusst werden können. 
Man denke nur an den entzündeten Kopfhicker. Da wir nicht be- 
stimmen können, ob in einem speciellen Falle die periarticulären Ge- 
webe oder das Gelenk oder beide ergriffen sind, so wird die Frage 
nach dem Zustande der tiefen Theile noch complicirter. 



B. Die Extension bei Coxitis. 

Nicht so bald hat eine therapeutische Massregel in wenig Jahren 
so viel Terrain erobert, als es der Eztensionsmethode bei Gelenks- 
entzündungen gelungen ist. Man kann höchstens noch an der An- 
wendung starrer Verbände ein gleich günstiges Schicksal beobachtet 
haben. Wenn man aber bedenkt, dass schon eine der ersten Stimmen, 
die sich über die Erfolge vernehmen Hessen (Czerny, Wiener med. 
Wochenschrift 1869, Nr. 33 ff.) dahin lautete, dass an dem Ver- 
laufe der Krankheit durch die Extensionsmethode bei Coxitis kaum 
etwas gebessert wird; wenn man eine der letzten Stimmen, jene 



336 Albert. 

Busch's (Langenbeck's Archiv Bd. XIV.) sich vernehmen hört, 
dass die sanfte Streckung in der Narkose die Extension bei weitem 
äbertrifPt, so wird man veranlasst zu fragen, ob denn in der That 
die Vorzüge dieser Methode so gross seien, als ihre so allgemeine 
Anwendung vermuthen Hesse. 

Auf der Klinik v. Dum reich er's wurde diese Methode einige 
Zeit hindurch versucht, ich darf es mittheilen mit Zweifeln und unter 
Besorgnissen von Seiten des Vorstandes, der aus mancherlei Erwä- 
gungen von der besonderen Wirksamkeit dieser Methode nicht so 
viel erwartete, als man seinerzeit sich vielfach versprach. Ich wurde 
von V. D umreich er aufgefordert, eine grössere Zahl von Fällen von 
Colitis auf die Keserveabtheilung aufzunehmen, um diese Fälle ohne 
Extension zu behandeln und den Vergleich anzustellen; habe daher 
Gelegenheit gehabt, mancherlei Beobachtung zu machen und wurde 
zu mancherlei Erwägungen und Vergleichen hiedurch veranlasst. Ich 
will gar keinen Satz daraus ableiten, wenn ich sage, dass es uns 
ohne Extension mindestens ebenso gut gehe, wie mit ihr und viel- 
leicht besser; denn um einen haltbaren Satz aufzustellen, müsste 
man Eiesenzahlen haben, in welchen auf beiden Seiten des statisti- 
schen Vergleiches die Besonderheiten der Fälle verschwinden, oder 
man müsste nur ganz genau gekannte ähnliche Fälle wenn auch in 
geringerer Zahl vergleichen. Da uns aber so ziemlich jeder höhere 
Grad der Genauigkeit in der Beobachtung der Fälle abgeht, so wäre 
nur auf ersterem Wege vorläufig, wie schon Czerny betonte, ein 
Eesultat zu erlangen. Mein Lehrer v. Dumreicher hob öfters in 
den klinischen Vorlesungen hervor, dass es an der Zeit wäre, eine 
Statistik über die Extensionmethode in grossen Zahlen zu erheben, 
was allerdings nur durch eine Gomit^arbeit geschehen könnte. Ich 
will also die schliesslicheti Erfolge der Methode nicht besonders in 
Betracht ziehen. Worauf ich aber eingehen will, das sind die Vor- 
aussetzungen, welche diese Methode entweder annehmbar, oder ver- 
werflich oder einer, nur auf gewisse Fälle und gewisse Epochen 
der Krankheit zu beschränkenden Wirksamkeit fähig erscheinen lassen 
könnten. 

Die Thatsache, dass man an entzündeten Gelenken Usurflächen 
der in Gontact stehenden Knochen findet, ist unzweideutig. Wenn 
die Extension im Stande ist, den wechselseitigen Druck der entzün- 



Beiträge zur Kenntniss der Colitis. 337 

deten Knochen aufeinander aufzuheben, dann hat sie unbedingt et- 
was geleistet, was angestrebt werden muss. 

Ob der Entzündungsprocess dadurch aufhört, oder wenigstens 
günstiger verlauft, das kann von Vornherein nicht entschieden werden 
und müsste erst einer «genauen Prüfung unterzogen werden. Wenn die 
£xtensionsmethode aber die obige Voraussetzung erfüllt, dann könnte 
man ihr eine, ernste Berechtigung zur Prüfung auch dieses Punktes 
nicht absprechen. 

Aber die Extensionsmethode sollte noch etwas Anderes leisten. 
Hüter brachte die Thatsache vor, dass das Kniegelenk distractibel 
sei, dass man durch Zug am Unterschenkel den Flüssigkeitsstand in 
einem mit dem Gelenk in Verbindung stehenden Manometer herab- 
setzen kann, dass man also durch »Distraction* den Gelenksraum 
vergrössem und sohin die Spannung der darin angesammelten Flüs- 
sigkeit vermindern kann. Ich weiss nicht, in wie ferne Andere diese 
Hüter^sche Angabe verwertheten und auch auf das Hüftgelenk 
übertrugen. Hüter selbst hat im ersten Bande seiner Klinik der 
Gelenkskrankheiten §. 153 und §. 154 gesagt, »dass der Funda- 
mentalversuch (der obige) für das Kniegelenk und für ähnlich con- 
struirte oder durch entzündliche Erweichung der Bänder ähnlich 
locker gewordene Gelenke beweise, dass die permanente Extension 
die Gelenkflächen etwas von einander entfernt, die Gelenkhöhle ver- 
grössert und den Druck in derselben »sinken* macht .... * 
Und weiter: »Die obigen Bemerkungen über die eigenthümlichste 
seiner Wirkung, über die Verminderung des Druckes in der 
Sjnovialhöhle, geben den wichtigsten Anhaltspunkt für die Kritik der 
Anwendbarkeit der Distractionsmethode.* 

Busch hat in dem angezogenen Aufsatze diesen Fundamental- 
versuch Hüter 's auf Grund eines anatomischen Raisonnements 
kritisirt und seine Geltung gar nicht anerkannt. Ich habe mich an 
der Leiche überzeugt, dass Hüter ein Versuchsfehler unterlaufen 
sein musste und berichte sofort über meine Erfahrungen. Im zweiten 
Bande der Klinik der Gelenkkrankheiten sagt Hüter allerdiiigs §. 456: 
»Nach neuen Untersuchungen, welche ich von Herrn Dr. Weiden- 
müller an Leichen in Betreff der Wirkungen der permanenten Ex- 
tension oder Distraction des Kniegelenkes anstellen Hess, wäre auch 
von diesem Verfahren etwas für die Resorption des Exsudates zu 
hoffen; und zwar deshalb, weil bestimmte Mechanismen der Distrac- 



838 Albert. 

tion, 80 paradox es auch lauten mag, den Druck im Gelenke ver- 
mehren.* 

In der That klärt Hüter (Klinik der Gelenkkrankheiten S. 519) 
bei dem Abschnitte über das Kniegelenk den Umstand auf. Wenn 
man nämlich an der Leiche den Extensionsverband so anlegt, wie 
am Lebenden, so wird an der Haut ein Zug ausgeübt, mittelst des- 
sen oben die Kapsel von der Haut comprimirt wird, und der Druck 
im Gelenke steigt. In Folge dieses Umstandes meint Hüter, dass 
die allgemein üblichen Binden- und Hefbpflaster-Extensionsverbände 
»ihrer distrahirenden Qualität entkleidet werden* und sagt: »Will 
man eine ernsthafte Distraction der Gelenke, und besonders des 
Kniegelenkes, etwa bei frisch entzündlicher Beizung, bei beginnender 
Eiterung zur Verminderung des inneren Gelenkdruckes erzielen, so 
muss das durch das Zurückgreifen auf die alten Schnürstrümpfe ge- 
schehen, welche die Gegend der Malleolen genau umfassen und den 
Zug des exteudirenden Gewichts auf die Knochen übeii;ragen. Ganz 
sicher ist freilich auch der Schnürstrumpf nicht, weil er immer noch 
an einer grossen ;nautfläche angreift; um den Zug möglichst auf 
den Knochen zu concentriren und dabei doch die Haut vor allzu 
hohem Druck an der Angriffsstelle des Zuges zu sichern, müsste 
man einen mit Luft gefüllten Kautschukring um die Malleolen legen, 
welcher sich ihren Prominenzen genau adaptirte.* 

Ich kenne die Dissertation Weiden mü Her 's nicht, in welcher 
die Versuche, die Hüter anstellen liess, publicirt werden sollten; 
da aber Hüter sagt, er theile das Wichtigste daraus mit, und da 
auch die citirte Stelle den Gedankengang Hüter 's klar legt, so 
halte ich es für angezeigt, meine eigenen Versuche in Kurzem mit- 
zutheilen, weil ich auch die nachfolgenden verbesserten Versuche 
Hut er 's nach dem obigen Citate für unrichtig halte. 

Ich muss vor Allem betonen, dass jede Extensionsweise, welche 
die Stellung des Gelenkes verändert, nicht giltig ist. Wenn man 
an der Leiche, sei es an der ganzen noch mit Haut bedeckten Ex- 
tremität, sei es am Knochen direct, einen Zug anbringt, der die 
Stellung des injicirten Gelenkes ändert; dann tritt einfach das ein, 
womit ich mich im I. Artikel beschäftige: es steigt oder fällt die 
Säule im Manometerrohre, je nachdem man sich der Bonnet'schen 
Lage genähert oder sich von ihr entfernt hat. Man distrahirt in 
solcher Weise das Gelenk gar nicht, sondern man bewegt es 



iAai^ 



Beiträge zur Kenntniss der Colitis. 339 

einfach. Man kann diesen Fehler sehr gut controlliren , indem 
man an dem Unterschenkel, an dem der Zug angebracht ist, auf 
einer Schnnr ein Gewichtchen herabhängen lässt; man merkt sofort, 
dass in dem Augenblicke, wo man mit der Extension beginnt, das 
Gewichtchen gehoben wird, d. h. man nähert sich der Strecklage 
und dann hat es nicht im entferntesten etwas »paradoxes* an sich, 
dass die Flüssigkeit steigt. Hiemach ist es mir wahrscheinlich, dass 
Hüter das Wesen der Distraction und Extension übersehen hat. 
Das injicirte Gelenk ist nie in vollkommener Streckung; hängt man 
ein bedeutenderes Gewicht an, so wird es wohl noch mehr der 
Streckung entgegengebracht und dann steigt einfach die Flüssigkeit 
im Bohre darum, weil gegen die extreme Lage hin die Gapacität 
des Gelenksraumes geringer wird. Es ist einleuchtend, dass wenn 
Exsudat im Gelenke ist — abgesehen von Hydrarthrose — durch 
jedweden Zug, den man am Unterschenkel anbringt, auch durch 
den projectirten, an den Malleolen angebrachten, ja durch einen der 
direct am Knochen angebracht wäre, nur die Stellung des Gelenkes 
geändert wird; die Extension wirkt vornehmlich wie eine langsame 
Streckung und nicht wie Distraction. (Nur nebenbei bemerke ich, 
dass beim Versuche an der Leiche selbst die Anspannung der 
Achillessehne Flüssigkeit aus dem Gelenke austreibt; warum, ist klar, 
Die Flüssigkeit hebt die Kapsel von der Hinterfläche der Condylen 
ab, sohin auch die Muskulatur; spannt man nun die Achillessehne 
an , so drückt die Muskulatur die Kapsel an die Condylen und treibt 
von da die Flüssigkeit weg.) Was vom Kniegelenk in dieser Bezie- 
hung gilt, gilt auch vom Hüftgelenke. Jede Art unserer gewohnten 
Extensionen bewirkt an dem injicirten Gelenke der Leiche nur das, 
dass die Kapsel in dem oder jenem Sinne torquirt wird, und dass 
die Gapacität des Gelenkes vermehrt oder vermindert wird, was 
schon im Artikel I. behandelt wurde. 

Soll der Versuch uns über Distraction aufklären, so muss jeder 
Einfluss der Torsion ausgeschlossen werden; es darf also zunächst 
der extendirte Theil nun keine andere Bewegung machen, als die in 
seiner Axe. 

Das kann nun beispielweise an der Tibia nicht dadurch erreicht 
werden, dass man an den Knochen eine Schnur unmittelbar anbringt, 
die dann über eine Eolle läuft; dann wären Schwankungen beim 
Anbringen des Gewichtes unvermeidlich. Man muss beispielsweise, 



340 Albert. 

wie ich es that, an die Tibia eiueu Eisenstab in der Axe des Knochens 
anbringen, der durch das Loch einer festgestellten Platte lauft, und 
erst an diesen Stab darf die Schnur mit den Gewichten angebracht 
werden; dann kann die Tibia keine seitlichen Bewegungen machen. 
Wenn man in dieser Weise den extendirten, durch Festnageln den 
anderen articulirenden Knochen in derselben Lage hält, dann kann 
man erst die Distraction prüfen. Vor allem ist es zweckmässig die 
Gelenke auf Distraction zu prüfen, wenn ihre Fasern detorquirt sind, 
also in der Bonnet'schen Lage. Es zeigt sich, dass in dieser 
Lage die Gelenke nicht distractibel sind, d. h. der Stand 
der -Flüssigkeit im Manometer bleibt unverändert, oder er ändert sich 
nur im Sinne der Capacitätsverminderung. 

Das ist auch leicht begreiflich. Wenn wir uns ein Gelenk sche- 
matisiren, so möge in der beiliegenden Figur ab den Contour des 
Durchschnittes der Pfanne, a'b' jenen des Durchschnittes des Kopfes, 
aa* und bb' den Contour der Kapsel bedeuten. Injicirt man das Ge- 
lenk, so entfernt sich erstlich der Kopf „. jj 
von der Pfanne und zweitens werden die 
Kapselfasern bogenförmig ausgedehnt. 
Durch beide Momente wird die Bonnet- 
sche Lage bestimmt. So lange als sich 
noch Flüssigkeit in's Gelenk injiciren 
lässt, wirkt eines oder das andere Mo- 
ment, beide im Sinne der Vermehrung 
der Capacität des Gelenksraumes. Geht 
keine Flüssigkeit mehr ins Gelenk, so ist 
es ein Zeichen, dass beide Factoren derart ihren Einfluss engagirt haben, 
dass das Resultat ein Maximum bildet. Denn wollte man die Kapsel- 
fasem noch mehr ausdehnen, so würden sie den Kopf der Pfanne nähern 
und umgekehrt wollte man den Kopf von der Kapsel entfernen, um 
dadurch einen grösseren Eaum zu verschaffen, so würde die seitliche 
Ausbuchtung der Kapsel, also auch, die Capacität vermindert; mit 
einem Worte: die Bonnet^sche Lage erweist sich als ein Capacitäts- 
maximum und jede Aenderung, jede Extension muss den Gelenksraum 
nur vermindern. 

Ganz anders verhält sich die Sache, wenn man einen Extensions- 
versuch macht, sobald im Gelenke die Flüssigkeitsraenge nicht ein 




Beiträge zur Kenntniss der Colitis. 341 

Maximum bildet. Das natürliche selbstbewirkte Maximum ist nicht 
im Spiel; man kann nicht von vornherein sagen, ob die Entfernung 
des Kopfes von der Pfanne den Gelenksraum mehr erweitert, als die 
gleichzeitige Anspannung der bogenförmig ausgedehnten Fasern auf 
ihre Chorda ihn vermindert, oder umgekehrt. Fragt man aber den 
Versuch, so zeigt sich das überraschende Resultat , dass wenn die 
Flüssigkeitsmenge im Gelenke unter dem Maximum ist, die Extension 
im Hüftgelenke ganz wohl ein Sinken der Flüssigkeit im Mano- 
meter bewirkt, vorausgesetzt, dass man in der Axe des Trochanters 
den Zug anbringt, im Schultergelenke aber den Druck im (relenke 
steigert. Eine einfache Erwägung erklärt dieses Verhältniss ganz 
einfach. Die Pfanne der Scapula ist flach, die Kapsel des Schulter- 
gelenkes ist sehr weit. Wenn man nun den Oberarmkopf von der 
Pfanne entfernt, so wird allerdings durch dieses Moment im Gelenke 
Eaum geschafft; aber die Kapsel ist unverhältnissmässig weit und 
durch denselben Zug werden die Kapselfasern, die bogenförmig aus- 
gedehnt waren auf ihre Chorda zurückgespannt und dadurch der 
Gf'lenksraum vermindert, zumal durch den Zug aus dem vorderen 
Recessus Flüssigkeit ausgetrieben und der Zug auch hauptsächlich 
die hintere, unter den Auswärtsrollern liegende, nachgiebigste und 
am leichtesten auszuspannende Partie der Kapsel anspannt. Dieser 
zweite Factor fällt grösser aus, daher in toto eine Verminderung 
der Capacität' des Gelenksraums eintritt. Am Hüftgelenke liegen 
die Verhältnisse ganz anders. Hier ist der Kopf gross, die Pfanne sehr 
tief, man zieht den Kopf aus einer zum grossen Theil starren Höhle 
heraus, denn die Gelenkskapsel ist wenig weit. Das .Zurückziehen des 
Kopfes von der Pfanne, als ein der Vermehrung der Capacität des Ge- 
lenksraumes günstiger Factor, fällt schwerer in dieWagschale, alsdas 
Zurückgehen der Kapselfasem auf ihre Chorda, und so fällt das 
Resultat für die Vermehrung der Capacität günstig aus. Uin einen, 
allerdings entfernten Vergleich anzustellen, verhält es sich beim 
Hüftgelenke etwa so, wie beim Zurückziehen eines Spritzenstempels; 
am Schultergelenke so, wie wenn man einen langen elastischen 
Schlauch, der durch Flüssigkeit ausgedehnt war, anspannen würde. 
Was die übrigen Gelenke betrifft, so kann durch Extension gar keine 
bedeutende Veränderung der Capacität und mithin der Spannung der 
Flüssigkeit bewirkt werden. Ich habe übrigens weiter unten am 
Schlüsse des Artikels um auch über das Mass der Capacitätsände- 



342 Albert. 

rang ein« Mittheilung zu machen, einige Beispiele von Extensions- 
versuchen an Gadavern. 

So viel steht fest, dass durch die übliche Extensionsmethode 
keine Herabsetzung des intraarticulären Druckes erzielt werden kann, 
jenen Zustand des Gelenkes, der im Experimente nachgeahmt wird, 
und jene Methoden des Zuges, die in der üblichen Anwendung stehen, 
vorausgesetzt. Im Gegentheil man hat seit der ganzen Reihe von 
Jahren, im Glauben den Druck herabzusetzen, ihn nur vermehrt. Ob 
das einen günstigen oder ungünstigen Einfluss habe, das ist nicht 
leicht nm Voraus zu bestimmen. Man sagte allgemein die Herab- 
setzung des Druckes sei günstig. 

Busch hinwiederum, der die Unhaltbarkeit der Aufstellung, als 
ob der intraarticuläre Druck durch Zug vermindert würde, anatomisch 
deducirt und ganz richtig bemerkt, der Zug müsste in der Eichtung 
des Trochanters ausgeübt werden, glaubt in der Vermehrung des 
Druckes ein Heilmittel zu finden, indem dadurch die Rückbildung 
der entzündlichen Vegetation angebahnt werde. Was das Zweckmässige 
sei, wissen wir also nicht und es ist nur zu constatiren, dass die 
Voraussetzungen, auf welchen die Extensionsbehandlung bei Coxitis 
exsudativa beruht, heute so unsicher sind, wie nur möglich. 

Es gesellt sich zu dem, was über den intraarticulären Druck 
gesagt wurde, noch eine andere Frage. Sollen wir die Torsion der 
Kapsel, die durch die Extension bewirkt wird, als gleichgiltig, zweck- 
mässig oder schädlich für das Gewebe der Kapsel halten? Denken 
wir auch gar nicht an die Langwierigkeit des Leidens in Folge 
jener Verletzungen der Gelenke, die wir Distorsion nennen, da wir 
ihr ganzes Wesen nicht genau kennen ; immer müsste es im Voraus 
bedenklich erscheinen, ein entzündetes Gewebe zu zerren. 

Es wird kaum einem Arzte einfallen, bei einem Panaritium 
tendinosum der Fingerbeugersehnen , den Finger gewaltsam in die 
Streckstellung bringen zu wollen. So glaube ich sollten wir bei der 
entzündeten Hüftgelenkskapsel erst positive und sichere Daten haben, 
dass die Retorsion derselben aus ihrer aufgerollten Lage in der 
pathognomischen Stellung in eine andere nützlich sei, bevor wir uns 
bestimmen lassen sollten, das zu unternehmen, was wir anderwärts 
vermeiden. Wer bürgt uns dafür, dass wir nicht etwa eine gutartig 
exsudative Form der Gelenksentzündung in eine eitrige verwandeln? 



Beiträge zur Kenntniss der Colitis 348 

Während alle diese Bedenken nur in Eücksicht auf die exsu- 
dative Form der Goxiüs Anwendung finden, müssen unsere Betrach- 
tungen eine andere Wendung nehmen, wenn es sich um die typische 
Form der femoralen Coxitis des Kiddesalters handelt. Denken wir uns 
die Kränkelt im Beginne, einen osteomyelitischen Herd im Schenkel- 
kopfe und allerdings den Anfang des consecutiven Leidens im Ge- 
lenke schon vorhanden , so ist in Bezug anf den osteomyelitischen 
Herd im Schenkelkopfe allerdings nicht einzusehen, dass der Zag, 
der am Oberschenkel ausgeübt wird , auf den Herd selbst von Ein- 
fluss sein könnte. 

Ich lasse über diese Form von Leiden V ol kmann selbst sprechen. 
(Pitha-Billroth Bd. ü. Abth. 2. S. 528): Nachdem er die häu- 
figere Form der chronischen Gelenksleiden synovitischen Ursprungs 
geschildert, sagt er: »Hingegen zeichnen sich die selteneren Fälle, 
in welchen die Entzündung und Garies der knöchernen Gelenkenden 
die primäre Störung war und erst secundär zu Erkrankung der 
weichen Theile des Gelenkes fährte, häufig durch die Schwere und 
die Ausdehnung der Erkrankung des Knochengewebes aus. Die 
Wirkungen des Druckes treten alsdann viel weniger hervor; auch am 
Knochen frisst die Ulceration willkürlich und eigensinnig, wie sie es 
sonst zu thun pflegt, um sich. Die schwersten Fälle der fungösen 
oder malacischen Garies sind meist primäre Osteopathien, namentlich 
an Hand- und Fusswurzel, und es ist hier nichts häufiger, als dass 
man, wie Bonnet hervorhob bei ganz intacten Knorpeln und kaum 
entzündeten Gelenkshäuten die Knochen selbst bereits ganz in rothe 
fieischartige Massen umgewandelt findet.^ 

Diese Schilderung, dem leichter zugänglichen Befände an der 
Hand- und Fusswurzel entnommen und auf das Hüftgelenk übertragen, 
hat allerdings für das letztere nur die Geltung der Analogie. Aber 
zugegeben, die Analogie hätte ihre vollkommene Bichtigkeit, so 
müssen wir fragen, ob denn Jemand im Stande sei, bei der »eigen- 
sinnigen und willkürlichen Art,^ wie die Ulceration am Knochen 
frisst, im gegebenen Falle zu sagen, in welcher Sichtung und mit 
welcher Kraft der Zug anzubringen sei, um die leidenden Partien 
zu entlasten? 

Strenge genommen hätten wir nur bei der dritten Form der 
Goxitis, bei der Pfannencoxitis oder Beckencoxitis, sei es in dem 



344 Albert. 

prägnanteren Sinne dieses Wortes, wieBlasins diese Form anfTasst, 
sei ea in dem weiteren Sinne Erich sen's eine wirklich feste Indication, 
den Kopf von der Pfanne abzuziehen. Da wäre eine unbestritten 
klar liegende Anzeige, nnd unser Handeln hätte den Charakter der 
Sicherheit, wenn wir nur im Stande wären diese Form des Leidens 
sofort zu diagnosticiren. Man muss aber gestehen, dass uns sichere 
Anhaltspunkte, die Pfannencoxitis von den beiden anderen, und diese 
wiederum! von einander zu unterscheiden, so ziemlich abgehen. Wie 
wenig aber unsere Kenntnisse sichergestellt sind, geht nicht nur 
daraus hervor, dass wir nicht in der Lage sind, die Diagnose sicher 
zu stellen, sondern dass wir ungeachtet der Besections- und der 
Soctionsbefunde, die uns doch zu Gebote standen, nicht einmal noch 
das wissen, ob die synoviale oder die osteale Form der Goxitis der 
Zahl nach überwiegt. »Die Gelenkentzündungen der Hüfte sind im 
kindlichen Alter in überwiegender Mehrzahl primär osteale Entzün- 
dungen. Dieser Satz verdient an die Spitze jeder Erörterung über 
die Goxitis gestellt zu werden;* sagt Hüter (Klinik d. Gelenkkr. 
S. 605). 

B 1 a s i u s hingegen und V o 1 k m a u n halten die synovialen 
Formen der chronischen Gelenksentzündung für häufiger. Blasius 
schätzt das Yerhältniss der Häufigkeit der ostealen zu jener der 
synovialen Formen auf 1:3. Dass dieses Yerhältniss vorerst klar 
gestellt werden muss, ist für die Zweckmässigkeit der Extensions- 
methode eine Lebensfrage, da ja nach Volkmaun's Schilderung, die 
wir oben citirt haben, einerseits die Einflüsse des Druckes von weit 
geringerer Bedeutung sind, andererseits das cousecutive Leiden im 
Gelenk von höchst geringer Intensität ist, wenn der Process ostealen 
Ursprungs war. 

Wenn aber, wie aus dem Gesagten hervorgeht, aus der Art 
oder Form der Ooxitifr eine bestimmte Indication zur Anwendung 
der Extension nicht leicht abgeleitet werden kann, so kann es doch 
im Verlaufe jeder Goxitis vielleicht doch ein Stadium geben, in 
welchem die Extension eine allerdings gerechtfertigte Massnahme 
bilden würde. Sobald nämlich die Verhältnisse des Gelenkes derart 
verändert sind, dass die Knochen, von keiner Flüssi'gkeitsschichte 
mehr getrennt, auf einander unmittelbar drücken, so ist die Herab- 
setzung dieses Druckes jedenfalls ein Moment, welches an und für 
sich nur günstig wirken kann. 



i 



Beiträge zur Keiitttniss iler Colitis. 84«^ 

Das ist die zweite klare Anzeige, wo die Distraciion günstige 
Wirkung Itat. Dass man aber das Ziel im Wege der üblichen Dis- 
tractionsmetliode nicht erreicht hat, das hat Busch in einer Jedem 
einleuchtenden Weise gezeigt, indem er hervorhob, dass der Zug 
eigentlich in der Axe des Trochanters Statt finden müsste. Noch 
klarer, scheint mir, hat y. D umreich er in seinen Vorlesungen seit 
jeher betont, dass, wenn man dem Druck entgegen wirken wollte, 
man jedenfalls in zwei Richtungen den Zug einwirken lassen müsste. 
Die Muskulatur die vom Becken zum Oberschenkel geht, wirkt in 
zwei Componenten: die eine zieht den Oberschenkel hinauf, die 
andere medianwärts. Die eine Componente äussert ihre Wirkung in 
dem Hinaufziehen des Trochanters, so dass endlich der Hals hori« 
zontal gestellt wird, oder dass gar der Trochanter noch über das 
Niveau des Kopfes gestellt wird. Die andere Componente Iftsst sich 
in ihrer Wirkung an jenen Fällen demonstriren , wo neben einem 
theilweisen Schwund des Kopfes eine Verkürzung des Halses oder 
gar ein Verschwinden desselben bei der Besection gefanden wird. 
In einer gewissen Gruppe von Fällen, wird also jedenfalls dieses 
doppelte Verhältniss derart Statt haben, dasa die Distraction in beiden 
Bichtungen den Anforderungen einer strengen Anzeige entsprechen 
würde. W^enn wir aber unsere Erfahrungen im Hörsaale und am 
Krankenbette fragen, so müssen wir doch gestehen, dass bei einem 
vorliegenden Fall durch Erhebung des Befundes jedenfalls nur die 
Frage in der Begel entschieden wird, ob die Knochen mitleiden 
oder nicht. Ist der Trochanter höher und mehr medialwärts gestellt, 
so können wir eigentlich nur behaupten, dass die Knochen mitleiden. 
Wie viel von der Verkür^^ung der Horizontalstellung des Halses, wie 
viel der Ffannenwanderung zuzurechnen sei , das vermögen wir 
schlechterdings gar nicht anzugeben. 

Wenn sich alle diese Bedenken vorzugsweise im Bereiche der 
mechanischen Verhältnisse des Gelenkes bewegen, so tritt uns mit 
dem ersten Schritte ins Gebiet der anatomischen und histologischen 
Verhältnisse eine vielleicht noch grössere Zahl von Bedenken entgegen. 
Ich stimme Volkmann bei, wenn er sagt: »Der ungemein chroni- 
sche Verlauf, die stetige Verschlimmerung, die eminente Neigung 
zu Bücklälleu und die grosse Schwierigkeit der Ausheilung, beweisen 
an und für sich noch nichts für die dyskrasische Natur der Krankheit, 
sondern sind zu einem grossen Theüe schon durch die unguns^tigen 



340 Alben. 

auatomischen Verhältnisse bedingt, in welchen sich die Gelenke bei 
eintretenden intensiveren Entzündungen befinden. Hieher gehören 
namentlich die grosse Disposition der Synovialmembranen zur Eiter- 
bildung und die gleichzeitige Unmöglichkeit des Eiterabflusses; die 
Leichtigkeit, mit der sich bei.pnrulenten Gelenksergüssen Ernährnngs- 
Störungen an den Knorpeln entwickeln; die nachtheiligen Wirkungen 
des Druckes, den die Gelenkenden in solchen Fällen auf einander 
ausüben ; die fortwährenden Zerrungen, denen das entzündete Kapsel- 
band bei den geringsten Bewegungen ausgesetzt ist; vorzüglich aber 
die Schwierigkeit, mit welcher bei dem so complexen Baue des Ap- 
parates und der grossen Ausdehnung der Gelenkshöhle eine vollstän- 
dige Obliteration und Yemarbung des Gelenkes erfolgt. Die Ver- 
hältnisse sind also auch hier wieder sehr ähnlich wie beim Auge, 
bei dem die Ursache der Chronizität der Processe und der Leichtig- 
keit der Becidive ebenfalls zu einem wesentlichen Theile in dem 
eigenthümlichen Baue dieses Organes liegen, obwohl sie von den 
Alten vielmehr in dyskrasischen Verhältnissen gesucht wurden.« — 
Diese Stelle aus der anschaulichen und im Ganzen fast erschöpfen- 
den Darstellung Volkmann *s würde mich a priori gegen jeden 
Schematismus in der Therapie stimmen, und mir erscheint es ge- 
radezu sonderbar, dass ein so meisterhafter Schilderer der Krankheit 
zu gleicher Zeit der Protector einer Methode ist, die in ihrer Natur 
schon einseitig ist und nur ein Moment in Erwägung zieht, die in 
ihrer Anwendung aber zu einem schablonenmässigen Verfahren in 
der Praxis geführt hat, das die allerstrengste Kritik herausfordert. 
Von allem, was die Eztensionsmethode für sich anführt, bleibt nnr 
eines fest: sie versucht das Glied in die Normalstellung zu brin- 
gen. Wenn sie nicht glaubwürdig erweisen kann, dass sie dabei 
nicht schadet, dann hat diese Methode die spartanische Tajgetoslogik 
zur Grundlage: entweder gerades Glied — oder va banque! Ich 
will dieses in einigen Zügen anschaulich machen. In der angezoge- 
nen Stelle führt Volk mann an, wie die Behinderung des Eiterab- 
flusses bei Gelenksleiden schädlich wirke. Bei einer Besection des 
Hüftgelenkes, die v. Dumreicher ausführte — es war die Eiten- 
sionsmethode angewendet worden — zeigte sich beim Durchtrennen 
der Weichtheile, dass um das Gelenk herum eine grosse Abscess- 
höhle war. Der eingeführte Finger fand das Gelenk geschlossen und 
schon drängte sich die Vorstellung auf, dass es sich um einen peri- 



Reilräge zur Kenntoiss der Colitis. 347 

aiiicnlärtin Abscess handle. Als nun das Gelenk in die Bengelage 
gebracht wurde, stürzte Eiter ans dem Gelenke nach und der Finger 
fand von unten her sofort 'die rauhe Knochenstelle am Kopfe. Hier-, 
wirkte doch die Streckstellung nicht günstig. 

In der Sammlung klinischer Vorträge Nr. 51 schildert Yolk- 
matn das häufige Vorkommen der Caries sicca am Hüftgelenke: 
^Trockene und relativ sparsame Granulationen, die von dem Periost 
des Schenkelhalses und der Umschlagstelle der Synovialkapsel kom- 
men, wachsen fressend in den Knochen hinein und zerstören Schen- 
kelhals und Schenkelkopf, wie in gleichem Masse die Pfanne. Oft 
bleibt am grossen Trochanter nur ein kleiner buchtig-zackiger Stumpf 
vom Schenkelhalse stehen; der Best des Halses und der Schenkel- 
kopf fehlen ganz .... Das Gelenk ist frühzeitig bewegungslos 
fixirt, die Gelenkgegend nicht geschwollen .... Die Kinder 
laufen hinkend umher, sind vielleicht während des ganzen Verlaufs 
der Krankheit nicht einmal bettlägerig gewesen «... Werden 
sie zuletzt wegen zunehmender Verkunung oder Winkelstellung des 
Beins zur Untersuchung vorgeführt, so zeigt es sich, dass das Hüft- 
gelenk völlig zerstört ist und schwere Knochendefecte vorliegen, ob- 
wohl es in den exquisiten Fällen niemals zur Eiterung und zum 
Aufbruch gekommen war. Andere Male kommt es allerdings zuletzt 
zur Bildung einer Fistel. Aber das Gelenk ist fast völlig obliterirt, 
es handelt sich nur um eine sehr begrenzte, partielle Gelenkeite- 
rung . . . . « 

Nun denke man sich auf einer chirurgischen Abtheilung ein 
Kind mit einer beginnenden exsudativen Coxitis, ein anderes mit der 
geschilderten sogen. Caries sicca im Beginne, beide nebeneinander 
mit Extension behandelt, wie man es thatsächlich sah und sieht; 
wie unendlich verschieden die Voraussetzungen des einen und des 
anderen Falles und welcher Schematismus in der Behandlung! 

Das, was wir beispielsweise am Kniegelenke sehen, das Hesse 
allerdings die Distractionsmethode im Grossen und Ganzen vielleicht 
weniger bedenklich erscheinen. Ich habe viele Beispiele gesehen, 
wo bei geringem Exsudat im Gelenke, grosser seitlicher Beweglich- 
keit, Tendenz zur Subluxation der Tibia nach rückwärts und nach 
aussen der Zug gut vertragen wurde. Wenn in solchen Fällen kein 
Reiben vorhanden ist, diagnosticiren wir in der Regel eine chconi- 



348 An.ei(. 

sclie granulöse Synovltis ; denu die Knochen sind nicht aufgetrieben, 
der Bandapparat ist gelockert, die Kapsel verdickt, die Exsndation 
gering, und es wäre vielleicht Schwarzseherei, wollte man in der 
Correction der Stellung eine grosse Beleidigung des so beschaffenen 
Gelenkes sehen. 

Ja wir haben Fälle gesehen, wo die Extension ausserordentlich 
gut vertragen wurde, wo sie sich besser erwies, als jedes andere 
Verfahren. Namentlich ein Fall bleibt mir unvergesslich , wo bei 
einem 16jährigen Mädchen sofort nach Anwendung der Extension 
die Schmerzen wie mit einem Schlage aufhörten und mit dem Aus- 
setzen derselben wieder unerträglich wurden, so dass wieder zur 
Gewichtsbehandlung zurückgegriffen werden musste. Der Fall heilte 
gleichwohl nicht aus, aber so viel hat man sehen können, dass nach 
der Zerrung des Gewebes durch die Extension wochenlang keine 
Reaction von bösem Charakter auftrat. Wenn wir im Stande wären, 
am Hüftgelenke den pathologisch - anatomischen Befund mit einer 
solchen Wahrscheinlichkeit zu diagnosticiren , wie am Kniegelenke; 
ich würde nicht zögern, sofort wenn der heftige Schmerz auf Druck 
der Knochen gegen einander deutet, die Extension in der Eichtung 
des Trochanters anzuwenden. Aber man darf, wie ich früher sagte, 
auch hier die Verhältnisse des einen Gelenkes auf das andere nicht 
übertragen. Schlagend wird dieses bewiesen dadurch, dass wir am 
Kniegelenk nie das sehen, was am Hüftgelenk, wie nämlich nach 
Wochen, nach wenigen Monaten Kopf und Hals des Schenkels voll- 
ständig verschwunden ist. 

Schon seit einer langen Beihe von Jahren bestätigt man allseitig 
die Beobachtung, dass am Hüfligelenk die Goxitis in der Kegel rasch 
ausheilt, sobald Luxation eingetreten ist. Böser hat gemeint, man ^ 
solle sich diesem heilsamen Vorgange nicht widersetzen , und ich 
glaube, dieser Gedanke ist klar gedacht. Klar ist es, dass die Cor- 
rection der Stellung noch immer durch Einrichtung der secundären 
Luxation erreicht werden kann, und wenn die Ausheilung nicht er- 
folgt war, kann die Resection noch immer und noch leichter vorge- 
nommen werden. Erst wenn es statistisch erwiesen ist, dass die 
Distraction oder ein anderes Verfahren in Zukunft in ihren Resulta- 
ten quoad vitam der Naturausheilung überlegen ist, dann würden die 
Bedenken schwinden, von denen ich einige angeführt habe. 



Beiträge zur Kenntniss der Coxitis. ^ 849 

Mit Vergnügen las ich, wie Volk mann in seinem oben citirten 
Vortrage über Resectionen mit gesperrter Schrift den Satz hervorhebt, 
dass bei Kindern Caries heilen kann; mit Befriedigung nahm ich 
wahr, dass auch er in puncto der Resection der Hüfte die Indicationen 
einschränkt, darum weil er jedes Jahr mehr und mehr die Erfahrung 
macht,, dass die Ausheilung bei Kindern spontan erfolgen kann. 
Denn dieser Satz ist einer der Hauptsätze der alten Wiener chirur- 
gischen Schule und wird diese Erfahrung seit Decennien hierzulande 
gelehrt, und schon ganze Generationen von Aerzten befolgen sie auch. 

Busch, der das eigentliche Wesen der Gewichtsbehandlung 
am richtigsten beurtheilt hat, findet ihre Wirkung in dem Wechsel 
der Contactpunkte. Gewiss reicht in vielen Fällen die Entlastung 
der gedrückten Punkte aus, um den Process günstiger zu gestalten. 
Gewiss aber ist es ein risquantes Verfahren, den einen Punkt zu 
entlasten und irgend einen anderen Punkt, den man nicht kennt, 
anzugreifen, dort beispielsweise die Granulationen zerrt, die Adhä- 
sionen lockert, den Eiter an einem anderen Punkte absperrt, den 
Druck auf vielleicht noch weniger tolerante Partien überträgt. Auch 
unter der Voraussetzung Busch's scheint mir für die Coxitis der 
»Wechsel der Contactpunkte« ein unbestimmtes Verfahren, ein Ver- 
fahren ohne sichere Indication, ein Rechnen mit mehreren unbekannten 
Grössen. Bei anderen Gelenken kann man schon etwas auf s Spiel setzen, 
wie wir es ja in der chirurgischen Praxis nur zu oft thun ; die Coxitis 
kann durch keine Amputation geheilt werden und auch die Resection 
hat nur als Versuch der Lebensrettung zu gelten. Darum müssten 
wir, denke ich, bevor es zu diesem Versuche kommt, und damit es 
um so seltener zu ihm komme, bei den frühen Stadien des Leidens 
mit strengerer Kritik der Eingriffe zu Werke gehen. Diese Kritik 
des Extensionsverfahrens bezüglich der Coxitis anzuregen und andere 
Stimmen sich vernehmen zu lassen, ist der Zweck dieser Zeilen ge- 
wesen. 



Med. Jahrbücher 1878. 111. 24 



350 



m. 
Pcriartievlire Abseesse. 

Das Wort »periartical&r* hat bald einen tröstenden, bald einen 
furchterregenden Sinn. Wenn das Leiden am Gelenke entsteht, so 
tröstet man sich, dass das Leiden nur periarticulär sei; schreitet 
ein Abscess gegen ein Gelenk vor, so befürchtet man die Gefahr 
des Gelenksdnrchbraches nnd sagt, der Abscess sei schon periarti- 
culär geworden. Diese zweideutige Wichtigkeit erhält das Wort im 
häufigen Gebrauche. 

Es fragt sich, ob die peharticulären Abseesse ein über diesen 
praktischen Punkt hinausreichendes Interesse darbieten. Wenn man 
an die Arbeiten Henke's und König's denkt, so muss man sich 
von den periarticulären Abscessen miinches Interessante versprechen. 
Gerade am Gelenke treten die Beziehungen des Bindegewebes zur 
Bewegung in der entwickeltsten Weise zu Geltung; denn hier muss 
die Anordnung des Bindegewebes ganz bestimmte Ausmasse, Formen 
und Beziehungen einhalten, um sich dem Umfange und der Richtung 
der im Gelenke ausgeführten Bewegungen zu accommo.diren. Und so 
sehen wir auch am Gelenke die reichste Gliederung bindegewebiger 
Gebilde : neben den lockersten Massen straffe Faserzüge als Verstär- 
kungsbänder; das Fett zu Ventilvorrichtungen verwendet; die binde- 
gewebige Masche so häufig zu einem synovialen Schleimbeutel ent- 
wickelt. Dazu kommt überdiess an den centralsten Gelenken der 
Extremitäten, am Schulter- und Hüftgelenk der Zusammenhang des 
periarticulären Bindegewebes mit jenem des Rumpfes und des Halses, 
der bewirkt, dass pathologische Vorkommnisse an dem einen sofort 
das andere bedrohen. Endlich gesellt sich in anatomischer Beziehung 
noch an manchen Gelenken die Nähe der grossen Gefässstämme und 
mächtiger Nerven sowie der Lymphdrüsen, um von vorneherein mannig- 
faltige Beziehungen erwarten zu lassen. 

Auch der pathologischen Beobachtung bieten sich manche Punkte 
dar. Der Tumor albus (im strengen Sinne des Wortes als Fibroma 
periarticulare Virchow) die periarticulären Abseesse der Tuberculosen 
und Scrophulösen, die multiplen pyämischen Metastasen am Gelenke 
herum, die gichtischen Ablagerungen daselbst lassen annehmen, dass 
gerade das periarticulare Gewebe irgend welche Summe von Bedin- 



1 



Penarticuläre Abscesse. 351 

gangen in sich trägt, am bestimmten Formen von Krankheit zar 
Grundlage za dienen, die in einem anderen Bindegewebe nicht za 
constatiren, aber zar Stande noch anbekannt sind. 

Dem Kliniker wird endlich der periarticaläre Abscess hanptsäch- 
lieh daram Interesse abgewinnen, weil in manchen Fällen die Diffe- 
rentialdiagnose zwischen einem solchen and einer Gelenksentzündung 
im höchsten Grade schwierig ist. 

Es wäre hiemach ein mannigfaltiges Interesse, was sich an die 
Behandlang des Stoffes knüpft und doch kann die Besprechung nur 
eine fragmentarische sein. Der Umfang desselben ist eben ein gar 
zu unbestimmter. Streng genommen sollte man nämlich nur jene 
Abscesse berücksichtigen, die wirklich periarticulär sind, d. h. die 
einen unmittelbaren Contact mit der Gelenkskapsel besitzen. Sofort 
aber entsteht die Frage, ob man nur jene Abscesse hieher rechnen 
solle, die in autochthoner Weise hier entstehen, odei" im weiteren 
Verlaufe periarticulär werden. 

Die nachfolgenden Zeilen geben einen Compromiss der verschie- 
denen Interessen, die sich an den Gegenstand knüpfen. Vor Allem 
ist die Diagnostik der periarticulären Abscesse zu erwähnen. 

Wenn eine Flüssigkeitsansammlung' die Contooi'en der ausge- 
dehnten Gelenkskapsel einhält, wenn das Gelenk eine bestimmte, 
dieser Menge im Ganzen entsprechende Stellung einnimmt und wenn 
es in dieser Stellung starr gehalten wird, so diagnostlcirt man ein 
intracapsuläres Exsudat. Diese allgemeine Regel reicht für einfache 
Fälle aus. Ist der Fall zweifelhaft, dann ist an den zugänglichen Ge- 
lenken noch ein Merkmal von Wichtigkeit, welches man aus dem ersten 
Artikel ableiten kann: Die Spannung der Flüssigkeit muss mit 
der Lageveränderung des Gelenkes in der Form variiren, 
wie sie durch die Volamscurve angegeben ist. Dieses Merk- 
mal wird noch wichtiger sein in jenen Fällen, wo neben einem Erguas 
im Gelenk zngleich ein periarticulärer Abscess vorhanden ist; dann 
wird die Spannung der beiden Flüssigkeiten, weil jede von einem 
anderen Momente bedingt, auch verschiedenartig variircn, wenn das 
Gelenk in verschiedene Lagen gebracht wird. Näheres auszuführen 
kann nur einer späteren Zeit vorbehalten sein. 

Als zweiter allgemeiner Punkt drängt sich der Einfluss des 
periartieulärea AbBcesses auf die Umgebung auf, zunächst also auf 

24 ♦ 



852 Albert. 

das Qplenk. Einem SectionsprotokoUe vom 9. December 1851 ent- 
nehme ich: 

»Ein kleiner am äusseren Bnnde des Ligam. patell. sin. befindli- 
cher Eiterherd führte, indem er sich unter der Haut ausdehnte, durch 
die Fascia in die obersten Theile des M. tib. ant., und M. ext. 
digit comm. Der Schleimbeutel unter dem Lig. patell. etwas ausge- 
dehnt, mit einer röthlichen Flüssigkeit erfüllt, seine Wandungen 
stark injicirt, dunkelroth. Im Kniegelenke viel durchsichtige, dicke 
Synovia* . . . • 

Es hat in diesem Falle die Nähe des Abscesses eine stärkere 
Secretion der Synovia im Kniegelenke veranlasst, während die be- 
nachbarte Synovialhöhle des Schleimbeutels unter dem Kniescheiben- 
bande schon ausgedehnt, ihre Wand injicirt und ihr Inhalt röth- 
lich ist. 

Dass ein periarticulärer Abscess auch ohne Durchbruch ins 
Gelenk oder vor demselben im letzteren Eiterung erzeugen kann, 
illustrirt folgendes Beispiel: »Prot. v. 7. Febr. 1852. Das subcutane 
Zellgewebe etwas unterhalb des inneren Knorrens der Tibia nach 
Imien vom Kniescheibenbande theils mit gelbem theüs mit röth- 
lichem dicken Eiter infiltrirt, leicht zerreisslich und zerfallend, und 
von dieser Stelle aus erstreckte sich längs der mit dicken, gelb- 
lichen Gerinnseln ausgefüllten Venen der Haut über der Kniekehle 
und der Innenfläche des Oberschenkels die gleiche Infiltration des 
Zellstoffes und' Injection der Venenscheide. Im Ejiiegelenke etwa 
1 Unze schmutzig rothbraunen Eiters; die Kapsel aufgelockert, ziemlich 
injicirt.« 

In vielen Fällen von Pyämie sieht man eitrige Metastase im 
Gelenke und im Zellgewebe um dasselbe Gelenk, ohne Communication 
der beiden Eiterhöhlen. Ob die eine Metastase in ähnlicher Weise 
die Eiterung in der Nähe erzeugt oder ob bei dem metastatischen 
Process an beiden Orten zugleich der Eiter sich bildet, innerhalb 
und ausserhalb der Kapsel, ist nicht leicht zu entscheiden. Wahr- 
scheinlicher ist das letztere, weil man bei Pyämien einerseits articuläre 
andererseits periarticuläre Abscesse findet und bei Vorhandensein der 
letzteren sehr oft das Gelenk ganz intact ist. 

Ein ganz eigenthümlicher Einfluss chronischer Eiterungen in der 
Nähe der Gelenke zeigt sich in der knorpeligen Ankylose des letzteren. 
Volkmann hat vor Jahren (1857) darauf aufmerksam gemacht. 



Peri^irticuläre Abscesse 35S 

Die Thatsache war übrigens Rokitansky schon früher bekannt. 
Ich finde in einem Protokolle vom 18. October 1853 Folgendes: 

»Der linke Schenkelkopf durch Anwachsiing seines ganzen Knor- 
pelüberzuges an den der Pfanne unbeweglich verbunden. Der Knorpel 
selbst gelblichweiss, faserig, sehr zähe und elastisch, Spuren von 
Knochensubstanz enthaltend.* 

Es handelte sich um ein 37jähriges Weib, welches auf unserer 
Klinik lag und an einem grossen, den M.iliacus int., einen Th eil dos 
Beckens und des Oberschenkels durchziehenden Abscesse gestorben war. 

Ein zweites Prot, vom 30. Oct. 1853 besagt: 

»Der linke Oberschenkel in seinem oberen Drittel von zahlreichen 
Abscessen durchsetzt, welche durch mit Schwielen ausgekleidete Gänge 
communicirten. Der Schenkelkopf durch Verwachsung seines Knorpel- 
überzuges mit dem der Pfanne vollkommen unbeweglich; an der 
unteren Seite des Schenhelhalses und an der inneren des Oberschenkel- 
knochens eine 2—3 Linien lange Lage von Osteophyten ausgebreitet. 
Im M. psoas sin. noch innerhalb der Beckenhöhle eine Fortsetzung 
des genannten Abscesses gelagert und ebenso im Darmbein mehn*re 
mit Eiter erfüllte Höhlen.* — Auch in seinem Werke erwähnt 
Rokitansky kurz die knorpelige Ankylose. 

Einen dritten allgemeinen Gesichtspunkt bildet die Stellung; 
welche die Gelenke mitunter während der Dauer einer poriarticulären 
Entzündung einnehmen. Dass es in der Regel jene Stellung ist, bei 
welcher der Schmerz am erträglichsten ist, das lehrt die einfachste 
Beobachtung. Es zeigen sich hierin mannigfaltige, der künftigen Auf- 
merksamkeit nicht unwürdige Verhältnisse, die ganz besonders in 
Bezug auf die Frage interessiren, wann und unter welchen Bedingun- 
gen die pt'rverse Stellung zu einer dauernden wird. Es zeigt nämlich 
die Erfahrung, dass mitunter ganz oberflächliche Eiterungen zu einer 
Stellung des Gliedes führen, die später nur auf orthopädischem oder 
gar operativem Wege beseitigt werden kann, während anderseits tiefe 
Zerstörungen oft die Stellung des Gelenkes gar nicht beeinflussen. Von 
diesem Gesichtspunkte aus sind besonders aber jene Fälle bemerkens- 
werth, bei welchen die perverse Stellung spontan wieder zurückgeht. 

Nun zu den einzelnen Gelenken. 

1. Schultergelenk. Die grossen, gefährlichen Abscesse, welche 
von der Innenseite des Oberarmes durch den grossen Bindegewebs- 
spalt, der die Nerven und Gelasse durchlässt, gegen den Hals hinauf 



354 Albert. 

wandern, und umgekehrt, und die schon Yelpean schOn beschrieben 
hatte, können nur an einer kleinen Stelle periarticalär werden, dort, 
wo die Schalterkapsel von den Muskeln unbedeckt bleibt. Hingegen 
kommen hier wesentlich jene Abscesse in Betracht, welche an der 
Aussenseite des Gelenkes unter dem M. delt. liegen. Sie sind in der 
Begel metastatischer Natur, ich habe sie bei Pyämie, beim Paerperal- 
process, bei Pneumonie am Lebenden beobachtet und in zahlreichen 
Sectionsbefunden Yorgefunden. Einmal sind sie sicherlich Empyeme 
der Bursa subdeltoidea, ein andermal um Gelenk herum entstanden 
ohne dass man die Existenz der Bursa subdelt. in den Fällen hätte 
nachweisen können. Sie wölben den Deltoides stark hervor und werden 
oft für Eiterungen im Gelenke, zumal bei Metastasen, gehalten. Wer 
aber nur einigemal das Schultergelenk injicirt hat, weiss, dass die 
grösste Menge der Flüssigkeit nicht im Stande ist die Kapsel an 
der Aussenseite des Gelenkes auszudehnen; diese dehnt sich nach ' 
rückwärts und gegen die Achselhöhle zu aus. Genau so muss es 
bei einer Metastase in's Gelenk sein. Wo man also den ^Deltoides 
durch einen raschen Erguss heryorgewölbt sieht, darf man nie an- 
nehmen, dass es sich um eine Ansammlung im Gelenke handelt. 
Ich bemerke dies darum, weil in einem Hauptwerke, wie Hüter's 
Klinik der Gelenkkrankheiten ist, dieser Punkt nicht erwähnt ist. 
Würde das Gelenk zerstört sein, dann könnte vielleich der Deltoides 
heryorgewölbt sein; dann hat man aber schon andere Zeichen. Als 
interessantes Beispiel führe ich folgenden auf v. Dumreicher's Klinik 
beobachteten Fall an: 

Bei einem 53jährigen Mann, der an Albuminurie leidet, entstan- 
den vor zwei Jahren leichte Schmerzhaftigkeit der rechten Schulter- 
gegend, zugleich ein Gefühl der Spannung in der ganzen oberen 
Extremität, so dass Patient, der früher immer auf der rechten Schulter 
zu liegen gewohnt war, diese Lieblingslage aufgeben musste, und 
anderseits besonders Morgens, wenn er an die Arbeit ging, erst nach 
einer geraumen Weile die Extremität einüben musste. Genau vor 
einem Jahre fühlte er einige Tage lang heftigen Schmerz in der 
rechten Begio deltoidea, worauf sich dort eine kleine Geschwulst 
bildete, die allmälig wuchs. Vor 3 Monaten entstand unterhalb dieser 
eine zweite kleinere. — Man fand bei der Aufnahme die ganze regio 
deltoidea kugelförmig hervorgewölbt; die Geschwulst fluctuirend und 
deutlich von durchfühlbaren Muskelfasern bedeckt, beim activen An- 



Periarticuläre Abscesse. 855 

spannen des Deltoides sich praller anfühlend und schmerzhaft. Die 
Grenzen der Geschwulst sind deutlich die Bänder und der Ansatz 
des Deltoides. unterhalb dieser Geschwulst und einwärts von ihr 
gegen den Biceps hin, aber weiter von der Richtung seiner Sehne 
entfernt, eine zweite, kleinere, oberflächlich unter der Haut gelegene, 
weichere, fluctuirende, mit der ersteren communicirend. In der Achsel- 
höhle tritt auf Druck auf die erste Geschwulst eine rundliche, elasti- 
sche Wölbung hervor. Der Oberarmkopf bei passiven Bewegungen 
deutlich auf der Pfanne gleitend und von ihr nicht abziehbar, beim 
Versuche des Abziehens nicht die geringste Veränderung in der 
Spannung der Geschwulst. Unter dem Processus coracoideus nichts 
Abnormes. Die Sache war klar. Trotzdem dass in der Achselhöhle 
eine elastische Vorwölbung war, konnte die Flüssigkeit dem Gelenke 
nicht angehören; weil bei einer so beträchtlichen Menge Flüssigkeit 
im Gelenke der Kopf geschlottert haben und sich der Pfanne unter 
Anspannung der Flüssigkeit hätte abziehen lassen müssen, weil ferner 
der der Bicepssehne folgende Kecessus des Gelenkes hätte gefallt 
sein müssen, während der unterste Thoil der Geschwulst hier weiter 
vom Biceps entfernt war; weil endlich der vordere Kecessus unter 
dem Rabenschnabelfortsatz nicht ausgedehnt und auf Druck nicht 
füllbar war. Es lag eine Vereiterung der Bursa subdeltoidea vor mit 
Eitersenkung nach ab- und einwärts : Die Geschwulst, mit dem Messer 
an der untersten Stelle eröffnet, entleerte 3 Pfund Eiter. Der Patient 
starb nach 6 Wochen an Erschöpfunsr. Nekroskopie: »Vor der am 
Oberarme offenen Wunde führen fistulöse Gänge nach oben zu und 
über das Gelenk, wo der Schleimbeutel ausgedehnt und mit einge- 
dicktem Eiter erfüllt war, die Spitze des Proc. coracoid. und der 
äusserste Band des Acromion rauh anzufühlen; die Kapsel nirgend 
eröffnet, ihre innere Fläche injicirt, Synovia klar, gelblich weiss. 
(Morbus Brightii, dilatatio ventriculi d. cordis etc.) 

Interessant in mehrfacher Beziehung ist folgender Fall von einem 
colossalen periarticulären Abscesse: Eine 30jährige Frau, die am 
8. Mai 1871 regelmässig geboren hatte, kam am 10. Juni 1872 mit 
folgendem Status praesens auf unsere Klinik: Um das linke Schulter- 
gelenk herum und zwar nach vorne, hinten und unten zu eine sehr 
bedeutende, bis an die Mammillarlinie vorne, bis an den medialen 
Band der Scapula hinten und an der inneren Thoraxwand, die innere 
und obere Wand der Achselhöhle her vorwölbend, 4 Zoll unter die 



356 Atbert. 

Achselfalte reichend, eiue sehr deutlich schwappende von stellenweise 
gerötheter Haut bedeckte, schmerzhafte Geschwulst. Das Acromialende 
der Clavicula deutlich herauszufühlen; die Deltoidesgegend nicht 
vorgewölbt; aber die Geschwulst unterhalb des Deltoides an der 
nahezu ganzen Peripherie des Oberarms bis zu seinem unteren Drittel 
sich fortsetzend. Das Acromion von der Spina scapulae getrennt, so 
dass man das losgetrennte Stück, 1 Zoll lang, ganz frei hin und 
her bewegen konnte. Die passiven Bewegungen des Gelenkes sehr 
beschränkt, aber nur im Sinne der Hindernisse, die die Geschwnlst 
darbietet; während derselben ein Eeiben bemerklich; der Oberarm 
abducirt gehalten. Patientin blass, mager, stark fiebernd; keine Lnn- 
genspitzenerkrankung physikalisch nachweisbar. Den Fragen über 
eine stattgefundene Verletzung, welche aus objectiven Daten und 
nach manchen Anhaltspunkten aus den Privatumständen efschlossen 
werden musste, setzte Patientin ein beharrliches Schweigen entgegen. 
Es wurden am 12. Juni zwei Incisionen, eine an der Hinterseite 
des Oberarmes eine auf der Schulterhöhe gemacht und zwei Mass 
eines dünnen übelriechenden Eiters entleert. Grosse Erleichterung. 
Die Abscesswandungen legten sich sehr bald an, die Secretion wurde 
vermindert und man wartete getrost auf eine Besserung des Allge- 
meinbefindens, um allenfalls eine Entfernung des losen Stückes, 
eventuell eine Resection des Schultergelenkes vorzunehmen, da das 
Reiben bei den Bewegungen des Oberarmes auf Nekrose des Gelenkes 
hindeutete. Da bekam die Patientin am 19. Juni einen Schüttelfrost, 
dem mehrere andere in den nächsten Tagen folgten, ohne dass man 
jedoch in der Lunge, in der Pleurahöhle oder anderwärts Zeichen 
von Metastasirung nachweisen konnte. Die Eiterung wurde profuser, 
der Eiter schlechter, die Kräfte geringer, und am 2. Juli starb die 
Kranke. 

Bei der Nekroskopie fand man: »Von den äusseren Incisions- 
öffnungen aus erstreckt sich eine vom verjauchenden Gewebe ausge- 
kleidete, mit Jauche erfüllte Höhle rückwärts vor und hinter der 
Scapula und ihren Muskeln bis an ihre Spitze hinab, vorne zwischen 
dem grossen und kleinen Brustmuskel bis an die Mammillarlinie. In 
diesen Jaucheherd ragen frei hinein das äusserste, 1 Zoll lange 
Acromialende von der rauhen Spina scapulae quer abgesetzt , das 
rauhe Acromialende der Clavicula, die knorpeleutblössten rauhen 
Geleukflächen ; an der inneren Seite liegt ausserdem auf 3 Zoll weit 



Periarliculäre Äbscesse. 357 

vom Periost entblösst der Humerus bloss. Die Kapsel des Gelenkes 
bis auf wenige Keste an der vorderen Peripherie des Acetabulums 
ganz fehlend. (Keine Metastasen.) 

Es war also im höchsten Grade wahrscheinlich, dass ein Trau- 
ma, welches die Patientin verschwiegen hatte, das Acromion abbrach, 
dass durch Nekrose desselben Eiterung und endlich Durchbruch ins 
Gelenk mit Vereiterung der Kapsel und Nekrotisirung der Gelenk- 
enden stattgefunden. Der operative Eingriff hätte also mit der Ent- 
fernung des losea Stückes in einer Totalresection des Gelenkes, 
eines Theiles der Spina scapulae und des acromialen Endes der 
Clavicula bestehen müssen. 

Die Mehrzahl der periarticulären Äbscesse am Schultergelenke 
entsteht in Folge von Nekrosen des Acromion, des Proc. coracoides 
der Clavicula und da der Durchbruch ins Gelenk häufig genug ist, 
so erscheinen Äbscesse dieser Art sehr berücksichtigenswerth. 

2. Das Ellbogengelenk. Die hier vorkommenden periarticu- 
lären Äbscesse sind hauptsächlich zweierlei: entweder aus Vereiterung 
der Cubitaldrüsen hervorgegangen, also an der Innenseite des Hu- 
merus; oder es sind eigenthümliche ganz typische Äbscesse über 
dem äusseren Oberarmknorren und dem Badiohumeralgelenke. Ich 
habe von den letzteren circa 6 Fälle gesehen sämmtlich bei Leuten 
mit Lungenspitzenkatarrhen oder Dämpfungen und tuberculösen Ha- 
bitus spontan entstanden und ihrem ganzen- Aussehen so typisch, 
wie die später anzuführenden perisynovialen Äbscesse an der Innen- 
seite des Kniegelenkes bei denselben Bedingungen. Das Gelenk wurde 
bei diesen Abscessen starr rechtwinklig gehalten, wohl einerseits 
des Abscesses, anderseits des gleichzeitigen geringen Ergusses ins 
Gelenk wegen. In allen Fällen heilten die eröffneten Äbscesse zu, 
die Exsudation im Gelenke schwang aber nicht und konnte noch 
nach Monaten constatirt werden. Den Endansgang kenne ich bei 
keinem von diesen Fällen. 

Diese Äbscesse zeichneten sich durch einen subacuten Verlauf 
aus und machen sofort durch eine massige Schmerzhaftigkeit, Röthe 
und Prallheit einen ganz anderen Eindruck als die schlaffen, schmerz- 
losen Äbscesse, die bei Phthisikern und bei an multipler Gelenks- 
caries Leidenden nebst anderwärts auch ganz vorzugsweise gerne 
am Ellbogen spontan auftreten, wenn die Krauken ihrem Ende sich 
nähern, und erzeugen auch keine Gelenksfisteln. 



358 Albert. 

Bei scrophulösen Kindern sind diese Abscesse an der Kadialseite 
des Gelenkes nahezu ausnahmslos von Caries des Gelenkes erfolgt, 
anch wenn sie ziemlich acnt auftreten nnd haben in der Beziehung 
ein Analogon mit dem nm's Fassgelenk ähnlich antretenden. 

Eine weitere Gnippe der periarticnlären Abscesse am Ellbogen- 
gelenke bilden diejenigen, welche an der Bengeseite der Gelenke als 
Metastasen bei Pyämie vollkommen perisynovial auftreten. Es sind 
flache, manchmal symmetrisch auf beiden Seiton vorkommende, linien- 
dicke Eiteransammlungen. Secundär kann bei Periostitis des obersten 
ülnaabschnittes, bei Phlegmone, nach Erysipel die Gegend des Ge- 
lenkes so schwellen, dass die Frage, ob der Erguss dem Gelenke 
angehöre, ernstlich auftauchen kann, wenn grosses Oedem der Haut 
vorhanden ist und die Ausbuchtungen der Kapsel neben dem Olecra- 
non maskirt sein könnten. Wer viel Gelenke injicirt hat, gewinnt 
ein sicheres Augenmass betreffs einer Dimension, nämlich der Ver- 
breiterung des Gelenkes vom Olecranon gegen die Beugefalte; bei 
Erguss in's Gelenk ist durch Abheben der Kapsel von derTrochlea 
und der Eminentia capitata dieser Durchmesser des Gelenkes charak- 
teristisch verlängert. Zweitens zeigt sich, wie ich am Lebenden 
beobachtet habe, bei massenhafter Exsudation ins Gelenk sehr bald 
eine seitliche Beweglichkeit, so dass ihre Existenz die Betheiligong 
des Gelenkes nachweist. Die Beweglichkeit im Sinne der Beugung 
und Streckung ist bei- dieser Form activ und passiv auffallend ver- 
ringert. 

3. Das Handgelenk. Neben den m etastatischen , in der Eegel 
geringen Eiteransammlungen sowohl an dor Beugeseite als auch an 
der Streckseite des Gelenkes, die den anatomischen Verhältnissen 
nach peritendinös sind, könnten keine periarticulären Abscesse am 
Handgelenke namhaft gemacht .wereen , die ein selbstständiges In- 
teresse oder eine diagnostische Schwierigkeit verursachen würden. 
Exsudationen, die auf das Badiocarpalgelenk beschränkt sind und 
die Kapsel ad maximum fällen, kommen im Ganzen selten vor; ich 
habe deren einige beobachtet, letzthin auch einen Hydrops dieses 
Gelenkes, der durch. Compression geheilt wurde; und sie sind durch 
das strenge Einhalten des Contours, den der injicirte Gelenksraum 
darbietet, sofort zu erkennen. Die grösseren acuten oder chronischen 
Ergüsse in die Sehnenscheiden haben anderseits so genau umschrie- 
bene Merkmale, dass eine Verwechslung nicht statt haben kann, und 



Periarticulare Abscesse. 359 

80 bietet nns die Gegend des Handgelenkes gar kein Interesse. Um 
so mannigfaltiger sind die periarticolären Abscesse am 

4. Hüftgelenk. Der Ursprung der periarticulären Abscesse am 
Hüftgelenk ist sehr mannigfaltig und es gibt kaum ein Organ am 
und im Becken, das nicht den Sitz einer bis an das Hüftgelenk 
reichenden Eiterung abgeben könnte. Die Ostitis und Periostitis des 
Kreuz-, Darm-, Scham-, Sitzbeines, auf dem bekannten Wege des 
Psoasabscesses auch die Wirbelsäule, beim Weibe die Parametritis 
in ihren höchst verschiedenen Formen, die subserösen Beckenfleg- 
monen, die Psoasabscesse, die Iliacusabscesse , die Vereiterung der 
Inguinaldrüsen, von unten her besonders die Processe am obersten 
Tlieile des Femur sind die häufigsten Ausgangspunkte der bis ans 
Hüftgelenk reichenden, es umspülenden, die Kapsel durchbrechenden 
und sehr oft rasch eine secundäre Luxation herbeiführenden Eiterun- 
gen und die verschiedenen Wege, die sie in den Bindegswebsräumen 
nehmen, dürften eine lohnende Untersuchung bilden. Wir haben schon 
oben bemerkt, dass sich an viele dieser Abscesse das Interesse der 
knorpeligen Ankylose knüpft, wie es Volkmann zuerst hervorge- 
hoben; andererseits ist durch sie für die Diagnose der Coxitis eine 
Schwierigkeit geschaffen, die um so grösser ist, als die Frage der 
Besection an den Chirurgen treten kann. Wenn es sich z. B. um 
einen Fall handelt, wo die Entstehung des Abscesses höher oben im 
Becken constatirt werden konnte, wo das Fc^chreiten gegen das 
Gelenk beobachtet wurde, wo der Durchbruch ins Gelenk an plötzlich 
eingetretenen Allgemeinerscheinungen, an einer Veränderung des 
Localbefundes erkannt werden konnte, wird im Ganzen und Grossen 
die Diagnose keine besondere Schwierigkeit haben. Den wichtigsten 
Anhaltspunkt wird die Messung des Abstandes von der Spina aut. iliaca 
bilden. So haben wir einen Fall beobachtet, wo auf eine grosse 
Anstrengung Schmerz in der Hüftgelenksgegend und im Becken auftrat, 
wo das Femur in der coxalgischen Situation mit Beugung — und 
allerdings geringer Abduction und Auswärtsrollung gehalten wurde, 
wo nach keiner Seite hin Beweglichkeit sich zeigte, wo selbst in der 
Narkose gegen die Streckung, Einwärtsrollung und Abduction ein 
bedeutender Widerstand gesetzt wurde, wo aber die Länge der Ex- 
tremität unverändert blieb. Eine ausgesprochene Resistenz im Becken 
gegen den Darmbeinteller hin Hess von vornherein vermuthen, es ent- 
wickle sich ein Beckenabscess. Man konnte später eine Fluctuation 



360 Albert. 

oberhalb und noch später unterhalb des Poupart'schen Bandes con- 
statiren. Die Extremität war immer gleich lang. Die Section wies 
auch nach, dass es sich um keiniß Coxitis gehandelt hatte. Die Psoitis 
konnte man in dem Falle ausschliessen, weil die Beugung des Ober- 
schenkels behindert war. Die Coxitis darum, weil es undenkbar ge- 
wesen wiire, dass bei vorhandener Eiterung keine Dimensionsverän- 
dening Statt haben sollte. Es handelte sich um einen Abscess, der 
den Iliacus zerstört und das Darmbein blosgelegt hatte und nahezu 
das ganze Hüftgelenk umspülte, ohne dessen Kapsel durchzubrechen. 

Viel grössere Schwierigkeiten geben einzelne Fälle, wo die Ei- 
terung hoch oben vom Oberschenkel selbst angeht. Dir Nekrosen des 
Trochanters haben in der Eegel ihre constanten Aufbruchstell en an 
der Aussenseite des oberen Oberschenkeldrittels, lassen das Hüftge- 
lenk frei und sind auf den ersten Anblick durch die unbehinderte 
Beweglichkeit, durch die normale Stellung und die gewöhnliche 
Stelle, wo der Eiter sich hinsenkt oder wo er durchbricht, erkennen. 
Man vergleiche aber den folgenden Befund: »Die linke untere Ex- 
tremität im Kniegelenke gebeugt, nach Aussen gerollt, ziemlich starr 
in dieser Lage festgehalten; im oberen Drittel des 1. Oberschenkels 
an der Innenseite desselben eine gegen IV2Z0II lange, V2 Zoll weit 
klaffende Schnittwunde, aus welcher sich jauchige Flüssigkeit entleert. 
In der Umgebung des linken Oberschenkels zwischen der Muskulatur 
ausgebreitete Jaucheherde, welche durch die angegebene Oeffnung 
nach Aussen eröffnet, einerseits gegen die Symphyse sich erstreckt, 
andererseits des Hüftgelenk, ohne dasselbe zu beeinträchtigen, um- 
spülen. Der grosse Trochanter rauh, missfärbig, desgleichen die 
innere Seite des Oberschenkels.« 

In diesem Falle war auch die Beweglichkeit behindert und nur 
die Messung hat den Ausschlag gegeben. Nicht aber beim nach- 
folgenden Falle: »Die linke untere Extremität um mehr als IV2Z0U 
verkürzt, etwas nach Aussen gerollt, am Hüftgelenke in weiter Um- 
grenzung stark geschwollen, etwas oberhalb der Trochantergegend 
eine längliche missfärfeige Schnittwunde, aus welcher sich etwas 
grünlicher dicker Eiter ergoss. Die Weichtheile hier von zahlreichen 
und ausgedehnten Schwielen durchzogen, zwischen welchen in vielen 
und ziemlich gi'ossen Höhlungen grünlich brauner dünner stinkender 
Eiter angesammelt war. Die Wandungen dieser Höhlen buchtig, mit 
einer flockigen grünlich gelben Substanz bekleidet. Die Gelenkskapsel 



Periarticuläre Absr.esse. 361 

normal. Der Schenkelkopf und die Pfanne gleichfalls, jedoch die 
Insertion sstelle des Halses an den Schenkelknochen derart verrückt, 
dass dieselbe statt nach innen und unten vom grossen Trochanter 
nach vorne und unten von demselben sich inserirte, daher der kleine 
Trochanter unmittelbar unter den Rand des Schenkelkopfes zu stehen 
kam, dieser fest auf ihm auflag und somit der Oberschenkelknochen 
um den vierten Theil eines Kreises um seine Axe nach Aussen 
gedreht und an dieser Stellung mit dem vormals losgebrochenen 
Schenkelhälse verwachsen und unregelmässig vernarbt war. Gleich 
unter der Spitze des Troch. major fanden sich von seiner vorderen 
(ehemals inneren) Wand mehrere erbsengrose Sequester losgelöst und 
das daran stossende Gewebe des Knochens eitrig infiltrirt und weiss- 
lieh rauh.* 

In diesem Falle war neben der allerdings etwas beschränkten 
Beweglichkeit des Gelenkes hauptsächlich das Allgemeinbefinden des 
Kranken, der gar nicht fieberte, für die Diagnose entscheidend; 
denn Stellung und Verkürzung des Beines hätten unzweifelhaft auf 
Colitis hingewiesen. Bezüglich der Schwierigkeiten erinnert der Fall 
an jenen von Volk mann, wo durch Torsion des Schenkelknochens 
eine coxalgische Stellung imitirt war. Diagnostisch interessant sind 
besonders jene Fälle, wo periarticulärer Abscess und Coxitis zugleich 
diagnosticirt werden können. So beobachtete ich bei einem 14jährigen, 
der Onanie ina höchsten Grade ergebenen und herabgekommen on 
Knaben einen spontan entstandenen Abscess von Kopfgrösse an der 
Aussenseite des rechten Oberschenkels und um den Trochanter. 
Beweglichkeit des Hüftgelenkes vollständig. Der Abscess wurde er- 
öffnet und heilte rasch zu. Einige Monate darauf trat auf der anderen 
Seite ein ganz vollkommen ähnlicher Abscess auf, aber diesmal war 
die Extremität gebeugt, abducirt und auswärts gerollt, gegen jeden 
Bewegungsversuch wurde der energischeste Widerstand geleistet; kein 
Knieschmerz, keine Verkürzung; das* Allgemeinbefinden vollkommen 
normal. Der Abscess wurde eröffnet, heilte nach wenigen Wochen zu ; 
das Gelenk wurde, in derl^arkose geprüft, vollkommen ankylotisch. 
Es war hier zweifellos eine adhäsive Coxitis mit knorpeliger Ankylo- 
sirung eingetreten. Von höchstem Interesse sind jene Fälle, wo eine 
Entzündung der Bursa mucosa des Ueopsoas eintritt. So lange die 
Entzündung eine quere durch die Psoassehne eingeschnürte Geschwulst 
bietet, ist die Dififerentialdiagnose zwischen der Psoitis durch die 



862 * Albert. 

Form der Schwellung und ihr Hervortreten beim Streckversuche, 
zwischen der Coxitis durch die nahezu unbehinderte Bewegung ganz 
besonders im Sinne der Beugung und den Mangel der Verkürzung 
gesichert. Bricht die Geschwulst auf und entleert sich jener mit 
synovialähnlicher Flüssigkeit gemengte Eiter, so wird die Besorgniss, 
es sei das Hüftgelenk vereitert noch grösser; die untersuchende Sonde 
wird allerdings auf keinen weichen oder rauhen Knochen stossen, 
das entscheidet aber nicht; denn bei Coxitis braucht die Sonde 
gerade nicht auf die kranke Enochenpartie zu dringen, und umgekehrt 
kann wie ich von einem Sectionsbefunde her weiss, der horizontale Ast 
des Schambeins nach Eiterung der Bursa mucosa an einer umschrie- 
benen Stelle nekrotisch werden, ohne dass die Knochen des Hüft- 
gelenkes zerstört wären. Ist die Communication zwischen dieser Bursa 
und dem Hüftgelenke nicht offen, so kann die Eiterung desselben 
ausbleiben, wie v. Dumreicher vor Jahren an einem Fall beob- 
achtete, wo der colossale daraus entstandene Abscess nach lethal 
gestellter Prognose dennoch heilte und die Function des Hüftgelenkes 
gar nicht beeinträchtigt war. 

5. Das Kniegelenk. So leicht es scheinen würde bei der 
oberflächlichen Lage des Gelenkes die Differentialdiagnose zwischen 
einer extra- und intraarticulären Eiterung in jedem Falle sicherzu- 
stellen, so schwierig kann es im gegebenen Falle sein, zu entscheiden, 
woher die Eiterung ihren Ursprung genommen, wie der folgende 
höchst interessante Fall zeigt. Ein 40jähriger Taglöhner bekam einen 
Messerstich ins linke Knie von der Innenseite her und kam 8 Tage 
später zu uns. Das Kniegelenk war vorne kugelförmig geschwollen, 
so dass die seitlichen Ausbuchtungen der Patella neben der Kapsel 
nicht vorsprangen. Die Patella tanzte auf einer Flüssigkeitsschichte. 
Nach oben zu, über den oberen Recessus weit hinaus deutliche 
Fluctuation. Aus der äusseren Wunde entleerte sich Eiter, dessen 
Menge bei Druck auf die obere Geschwulst zunahm. Es wurde Durch- 
bruch des Eiters aus dem Gelenk an der gewöhnlichen Durchbruch- 
stelle oben diagnosticirt und der Oberschenkel amputirt. 

Die Untersuchung ergab das merkwürdige Resultat, dass die 
Stichwunde, die bis an die mit Synovialis überzogene Partie des 
inneren Condylus gedrungen war, hier vernarbte, dass die Eite- 
rung um die Kapsel herum stattfand und von hinten her ins Gelenk 



Periarticuläre Abscesse. 363 

gedrungen war. Im Gelenke fand sich etwas Eiter mit viel Synovia 
gemischt, die Durchbruchstelle für einen Catheter durchgängig, die 
ganze Umgebung des Grelenkes sehr ödematös und der obere Be- 
cessus intact. 

In anderer Beziehung interessant ist ein perisynovialer Abscess 
vorne am Gelenke. Er entstand bei einem 26jährigen mit Infiltration 
der Lungenspitzen behafteten Manne vor Monaten. Er stellte eine 
länglichrundliche, ziemlich scharf umschriebene hühnereigrosse Ge- 
schwulst, die die Patella zum kleinen Theile deckte und vollkommen 
schmerzlos war. Beim Druck auf die Geschwulst ein deutliches Eeiben. 
Ich vermuthete einen abnormen Präpatellarschleimbeutel, da mir das 
Eeiben für Vorhandensein von Eeiskörpern zu sprechen schien. Doch 
■war die Begrenzung nicht so scharf, wie bei Schleimbeuteln und 
dann war nebst der abnormen Form auch noch das Anfühlen der 
Geschwulst ein ganz anderes, als jenes, wenn im Schleimbeutel 
dessen Wände verdickt sein müssten, Eeiskörper vorhanden sind. 
Prof. von D umreich er diagnosticirte auch einen chronischen Abscess 
und die Entleerung eines dünnen, ungewöhnlich grosse Flocken ent- 
haltenden Eiters bestätigte die Diagnose. Durch den Eeiz trat aber 
nun in dem lockeren, weitmaschigen Zellgewebe ringsum die Patella 
herum eine solche Eiterung auf, dass im Verlaufe von 8 Tagen 
7 kleine Incisionen nothwendig wurden. Weder das Kniegelenk selbst, 
noch die Bursa praepatellaris litten darunter und der Kranke wurde 
geheilt. 

Eine ganz besondere Form von perisynovialen Abscessen beob- 
achtete ich bei mehreren scrophulösen Kindern an der Innenseite 
des Gelenkes, dem inneren Condylus entsprechend. Es waren spontan 
entstandene Abscesse von Tauben- bis Hühnereigrosse, ohne beson- 
dere Schmerzhaftigkeit und Entzündungserscheinungen in der Haut 
und ohne Erguss im Gelenke. Alle wurden eröffnet und heilten un- 
gemein langwierig, aber das Gelenk litt nicht mit. 

Eine andere Gruppe bilden jene Abscesse in der Kniekehle, 
die wir auf die hier oft vorkommenden Lymphdrüsen beziehen müssen. 
Es entsteht eine circumscripte kleine Geschwulst in der Kniekehle 
tief unter der Fascie — das Knie wird in starrer Beugung gehalten. 
Nach und nach wird die circumscripte Geschwulst diffuser, die Haut, 
ödematös, geröthet und endlich fühlt man Fluctuation meist oben 
an dör Wade zuerst. Durch die gemachte Incisionsöffnung gelangt 



364 Albert 

man in eine überraschend grosse Höhle und sofort wird die Bewe- 
gung des Gelenkes freier. Die Heilung erfolgte in allen Fällen, die 
ich sah, anstandslos. Im ersten Augenblick könnte man, so lange 
die Geschwulst ganz circumscript ist, an den Schleimbeutel des 
Semimembranosus denken. Der weitere Verlauf klärt bald auf und 
man kann füglich nur an die Drüsen denken. 

Endlich wären Ergüsse in den oberen Recessus bei jenen Kindern, 
wo dieser mit dem Gelenke nicht in Communication steht, als eine 
Erscheinung zu erwähnen, die mit einem Abscesse verwechselt werden 
könnte da das Gelenk frei ist. Ich habe drei solche Fälle gesehen 
und sah auch die Heilung dieser Hygrome auf Druck erfolgen. 

Das üeberraschendste erlebten wir im Gebiete der Abscesse vor 
einigen Monaten. Es war bei einem 3jährigen blassen Mädchen seit 
einigen Monaten eine nussgrosse schmerzlose, scharf begrenzte elasti- 
sche Geschwulst im untersten Ende des Bectus femoris herange- 
wachsen, die sich mit der Sehne desselben verschieben liess und 
über welcher man beim Berühren das Gefühl als ob Fasern darübcT 
zögen, hatte. Es wurde ein Neugebilde in der Substanz des Qua- 
driceps diagnosticirt und da man den oberen Becessus des Gelenkes 
beim Herausschälen verletzen könnte, mit der grössten Genauigkeit 
präparirt, um scharf an die Grenze des Gebildes zu kommen. Die 
Kectusfasern und einige Fasern seiner Sehne wurden sehr vorsichtig 
gespalten und auf einmal entleerte sich Eiter. Der Abscess sass 
mitten im Muskel und die mikroskopische Untersuchung konnte im 
Eiter keine Spuren von einem Entozoon etwa auffinden, an das mau 
hätte denken können. Die Höhle heilte ohne Anstand zu. 

6. Das Sprunggelenk. Nebst dem Ellbogengelenke ist es bei 
scrophulösen Kindern am häufigsten das Sprunggelenk, wo ein augen- 
scheinlich periarticulärer Abscess, an dem einen oder anderen Knöchel 
nur der Anfang einer kaum aufzuhaltenden Caries bildet. Nur selten 
gelang es mir hier Abscesse von besserer Vorbedeutung und glück- 
licher Bedeutung zu sehen. 

Ein ebenso seltenes Vorkommniss ist ein entzündlicher, Hydrops 
von grossem Umfange, wie man beispielsweise am Kniegelenke um- 
gekehrt häufig findet und da dieser von der Ansammlung der Flüssigkeit 
im Gelenke das anschaulichste Bild gibt, so muss im Interesse der 
Differentialdiagnose zwischen intra- und extraarticulären Plüssigkeits- 
ausammlungen am Sprunggelenke auf das Bild hingewiesen werden, 



Periarticuläre Abscesse. 365 

welches er darbietet. Die Geschwulst betrifft alle Seiten des Gelenkes, 
und wölbt sich nach oben und nach unten zu spindelförmig sich 
verjüngend, die Knöchel freilassend vorne in zwei Wülsten vor, 
welche durch die Sehne des Extensor digitorum communis einge- 
schnürt sind. Rückwärts bildet sie ebenfalls zwei jedoch viel kleinere 
Wulste zu beiden Seiten der Achillessehne. Fasst man den Fuss, 
so kann man das Sprungbein hinaufdrückend eine Anspannung aller 
Wülste hervorbringen; bewegt man den Fuss hin und her, zugleich 
pronirend und supinirend, so nimmt man den Anschlag des Sprung- 
beJns gegen die Malleolen wahr, — das von Franzosen gelegentlich 
der Fibulafractur angegebene »bruit du choc malleolaire«. 

Sind nur zu beiden Seiten der Achillessehne Wülste vorhanden, 
so denkt man an Periostitis oder Caries des oberen Theiles des 
Fersenhakens. Sind nur vorne Wülste vorhanden, so denkt man an 
Ganglien der dorsalen Muskeln und muss nach diesen Eichtungen 
hin untersuchen. Ist rückwärts nur ein Wulst, so denke man an ein 
Ganglion der Scheide der Peronäi oder des Tibialis posticus. Die 
Hydropsien ganzer Sehnenscheiden um das Sprunggelenk aber sind 
an ihrer langen wurstförmigen Gestalt, die der Ausdehnung der 
Sehnenscheide entspricht, gleich erkennbar! Auch einem anderen 
Zustande gegenüber hat man Acht zu geben. Bei Caries des Chopart*- 
schen Gelenkes entstehen oft Eitersenkungen nach oben und lagern 
sich vor dem Sprunggelenke aber dann nie unter den Sehnen, sondern 
man fühlt die Schwappung vor den dorsalen Sehnen. Da in der Begel 
die Schwellung aller Weichtheile auch rückwärts der Knöchel vor- 
handen ist, so ist dieses Zeichen von Wichtigkeit, wenn man ent- 
scheiden will, ob das Sprunggelenk intact ist. Man wird nach diesen 
Angaben einen Abscess, der in der Umgebung des Sprunggelenkes sich 
erstreckt, nicht verkennen können und ich habe mich darauf einge- 
lassen, weil die differentielle Diagnostik, die Hüter §. 365 über 
dieseu Punkt gibt, unvollständig durchgeführt ist. 



Versuchsbeispiele zur S. 341. 

\ . Das fiüffcgelenk einer frischen Leiche ad maximum injicirt, der Ober- 
schenkel knapp über dem Kniegelenke amputirt, oberhalb dieser Stelle 
von der Streckseite zur Beugeseite durchbohrt, durch das Bohrloch 

eine Schnur durchgezogen, die in der Verlängerung der Oberschenkelaxe 
Med. Jahrbücher 1873. UI. 25 



366 AlbeiU 

über ein Rad lauft; am Ende der Schnur die Schale einer Wage. 
Wenn man ein Gewicht von ü Pfund anhängt, kleine Schwankung 
im Manometerrohre, die kleiner sind, als jene Schwankungen, welche 
man erha.lt, wenn das Gelenk um 5® gestreckt oder gebeugt wird, 
ersichtlich sind diese Schwankungen vom Erzittern der Schnur her- 
zuleiten, wenn das Gewicht angehängt wird. Das Hinzufügen eines 
Gewichtes von 5 Pfund, von 10 Pfund ändert nichts. 

2. Das Kniegelenk ad maximum injicirt, die Tibia amputirt, in dieselbe 
ein Eisenstab befestigt, der durch das Loch einer feststehenden Platte 
lauft, am Ende des Stabes lauft eine Schnur über die Rolle. Anhän- 
gen von 5, von 40, von i5 Pfund gibt keine grösseren Schwankungen 
als im Bereiche eines Centimeters. 

3. Das Hüftgelenk ad maximum injicirt, in den Trochanter ein eiserner 
Stab in der Richtung des Trochanters eingebohrt. Platte, Rolle und 
Gewichte wie früher. Die Flüssigkeit im Manometerrohre steigt bis 
um 5 Centimeter. 

4. Das Schultergclenk ad maximum injicirt und mittelst Annageins der 
Scapula so befestigt, dass der Oberarm horizontal steht. Der eiserne 
Stab, Platte, Rolle und Gewichte wie oben. Die Flüssigkeit steigt 
bis 5, 6 Centimeter. Ebenso steigt die Flüssigkeit, wenn ein Quantum 
aus der Gelenkshöhle ausgelassen und dann in verschiedenen Lagen 
extendirt wird. 

5. Das Hüftgelenk ad maximum gefüllt, in den Trochanter seiner Axe 
parallel ein Stab eingebohrt. Platte, Rolle, Gewichte wie oben. Lässt 
man nun etwas von der Flüssigkeit ab, so bewirkt das Gewicht, auch 
ein viel kleineres, ein Sinken der Flüssigkeit um 3, 4, 5 Centimeter. 
(Die bei allen Versuchen gebrauchte Röhre war so kalibrirt, dass ein 
Centimeter Höhe Vi Cubikcentimeter Inhalt anzeigt.) 



Erklärung der Tafeln VI. und VH 

Der tiefste Punkt jeder Curve bedeutet die Bonnet'sche Lage des 
Gelenkes. Die Ordinaten hängen vom Kalibei der Röhre und der GrOsse 
des Individuums ab. 

Fig. i. Fussgelenk. Gegen a hin die Dorsal-, gegen h hin die Plantar- 
flcxion. 

Fig. t. Ellbogengelenk. Gegen e hin die Streckung, gegen d die Beugung. 

Fig. 3. Kniegelenk. Gegen e die Streckung, gegen / die Beugung. 

Fig 4. u. 5. Handgelenk. Gegen g die Volar-, gegen h die Dorsalbewegung; 
gegen i die Ulnar-, gegen k die Radialflezion. 



Taf.TI. 




LithAnat-rAppd > Comp Wien 



Erklärung der Tafeln. 367 

Fig. 6, 7, 8 das Schnltergelenk. 

6. Die Bewegung von der herabhängenden Lage aus in l gegen m in 
der Frontalebene, von der herabliängenden Lage in n aus gegen o 
in der Frontalebene bei gleichzeitiger Sapinationsbewegnng des 
Oberarms. 

7. Die Pronation gegen p, die Snpination gegen q 

8. Die Bewegung des herabhängenden Annes in der Sagittalebene 
nach hinten gegen «, nach vorne gegen r. 

Fig. 9, iO, 11 das Hüftgelenk. 

9. Die Bengebewegong gegen t^ die Streckung gegen u, als Bestim- 
mungslinie eine Gerade von der Spitze des Trochanters gegen den 
Femoransatz des äusseren Seitenbandes. 

iO. Pronation gegen v, Supination gegen x, Bestimmungslinie die 

Axe des Trochanters. 
i1. Adduction gegen y, Abduction gegen z von der Bonnet'schen 

Lage aus bei vertical aufgehängtem Oberschenkel. Bestimmungslinie 

die obige von der Spitze des Trochanters gegen den Ansatz des 

Seitenbandes. 



r '•*«£>»-•» 



25* 



Zur Eenntniss der infectiosen Froducte acuter 

Eützündimgen. 

Von Prof. Dr. J. Bardon-8ander80ii. 

(Auszug aus einer am 13. Mai 1873 der „Royal medical aud chirur- 
glcal Society^ in London vorgelegten Abhandlung.) 



Die vorliegende Abhandlung hat den Zweck hervorzuheben, dass 
1. die Exsudationsflüssigkeit aller suppurativen Entzündungen giftige 
oder infectiöse Eigenschaften äussert, wenn dieselbe in das circoli- 
rende Blut, eine seröse Höhle oder in das subcutane Bindegewebe 
eingeführt wird. Diese infectiosen Eigenschaften manifestiren sich 
nach zwei Richtungen, indem sie einmal eine Steigerung der Tem- 
peratur, welche unmittelbar aus der Gegenwart des giftigen Agens 
im circulirenden Blute resultirt, hervonufen, — und 2. secondäre 
Entzündungen, welche in Bezug auf die anatomischen Charaktere an 
die Pyämie der Chirurgen erinnern. 

Als secundäre Entzündung bezeichnet der Verfasser nicht nur 
diesen acuten Process, sondern auch die später sich entwickelnden 
chronischen Erkrankungen der inneren Organe, welche in anatomi- 
scher Beziehung mit der Tuberculose identisch sind. 

In Bezug auf den acuten Process, der von Pyrexie und hoch- 
gradiger Entzündung begleitet ist, kann gezeigt werden, dass wir 
es mit septischer Zersetzung zu thun haben ; nicht allein durch den 
Umstand, dass Bacterien in den Entzündungsherden sowie im Blute 
angetroffen werden, sondern auch durch die vollkommene Identität 
der Symptome mit denen der Septicämie. Es ist bis nun nicht er- 
wiesen, ob in der chronischen Infection das Lrritans von derselben 



Infectiöse Producte acuter Entzündungen. 369 

•Natur sei; denn, obgleich zwischen der septicämischen Infection des 
höchsten Grades und dem langsamen Process der Tuberculosis alle 
Abstufungen existiren, beweisen diese Abstufungen an und für sich 
nicht, dass die beiden Processe von derselben materiellen Ursache 
abhängen. 

Die Abhandlung zerfällt in eine Einleitung und zwei Abschnitte. 
Der erste dieser Abschnitte enthält eine üebersicht der früheren Be- 
obachtungen des Autors. In dem zweiten findet sich die Auseinan- 
dersetzung einer Reihe von Experimenten, welche Dr. Kleinr im 
Frühjahr 1872 im Laboratorium des »Brown Institution* zu London 
ausgeführt hat. 

Einleitung. 

Nach einigen vorläufigen Bemerkungen über das Wesen der Ent- 
zündung überhaupt, fährt der Yerf. fort: 

Ich habe in einer Reihe von Experimenten in den Jahren 1867 
und 1868 eine Seite der Frage der phlegmonösen Infection mit eini- 
ger Ausführlichkeit behandelt (Report of the medical officer of the 
Privy Council 1867 and 1868), und habe daselbst gefunden, dass 
die durch Einführung reizender Substanzen unter die Haut oder in 
die Peritonealhöhle erzeugten localen Entzündungen zweierlei be- 
stimmte Erkrankungen nach sich ziehen, und zwar: 1. eine chroni- 
sche Erkrankung, welche in jeder Beziehung die anatomischen 
Charaktere der Tuberculosis aufweist und in Hypertrophie bestimm- 
ter Gewebe besteht, welche damals als lymphatisch bezeichnet wor- 
den waren; — und 2. eine acute Erkrankung, welche in ihren Grund- 
charakteren der Pyämie entspricht, von der Bildung metastatischer 
Abscesse begleitet ist und in der Regel letal endigt, entweder sehr 
rasch durch intensive Peritonitis, oder langsamer durch die Forma- 
tion infectiöser Abscesse und Knoten, die nicht allein von Entzün- 
dung des Peritoneum, sondern auch anderer seröser Häute beglei- 
tet sind. 

Beide diese Erkrankungen scheinen von einer und derselben 
Quelle, d. i. demselben primär-infectiösen Herd herstammenden In- 
fection zu entspringen und nicht selten entwickeln sie sich gleich- 
zeitig in demselben Thiere. 

Diese Thatsachen gewähren indess nicht genügenden Grund, 
diese beiden krankhaften Processe als identisch zu erklären, indem 



370 BurdoD-Sanderson. 

trotz ihrer innigen Beziehung zu einander, die Verschiedenheit der- 
selben nicht leicht übersehen werden kann. 

Vor allem ist es die Thatsache, dass jede der beiden Erkran- 
kungen unabhängig von einander je nach der Willkür des Experi- 
mentators erzeugt werden kann. Ich habe früher gezeigt (Edinburgh 
medical Journal, October 1870), dass nach Injection einer sehr klei- 
nen Quantität der einer vergrösserten und indurirten Lymphdrüse 
eines tuberculisirten, d. i. chronisch inficirten Meerschweinchens ent- 
nommenen Materie in die Pleuralhöhle eines anderen Meerschwein- 
chens der Fall eintreten kann, dass wohl einige Zeit nach der In- 
jection keinerlei bemerkbare constitutionelle Störung und nur ein so 
geringer localer Effect bewirkt wird, dass in dem binnen 2 oder 
3 Wochen nach der Inoculirung getödteten Thiere keine Spur einer 
Läsion weder in der Pleura noch sonst wo aufgefunden werden kann, 
dass aber endlich die Thiere chronisch inficirt, d. i. tuberculös wer- 
den. Ein entscheidender Grund die beiden Processe als verschieden 
zu betrachten, liegt in der Verschiedenartigkeit ihrer Entwicklung. 
Die acute Erkrankung erreicht ihren Höhepunkt kurze Zeit nach der 
Iiifection und associirt sich in ihrem Vorschreiten mit der primären 
Entzündung, die an der Stelle, an welcher das infectiöse Agens ein- 
geführt worden war, hervorgerufen wurde. Die chronische Erkran- 
kung zeigt, wenn sie nicht complicirt und modificirt ist, durch Ver- 
mengung mit der acuten Erkrankung einen so graduellen Verlauf, 
dass ihrem Auftreten so zu sagen ein Stadium des Latentseins vor- 
herzugehen scheint. Nicht als ob man annehmen könnte, dass die 
Wirkung der infectiösen Materie in Wirklichkeit latent ist, sondern 
dass die frühesten Veränderungen so unbedeutend sind, dass sie 
leicht unbeachtet bleiben können. 

Die gegenwärtigen Untersuchungen setzen mich in die Lage, 
das wirkliche Verhältniss dieser beiden Processe viel bestimmter 
aufzustellen als dies früher möglich gewesen. Diese Untersuchungen 
unterscheiden sich von den oben erwähnten in zwei wichtigen Be- 
ziehungen. Erstlich war die zur Erregung der primären Entzündung 
verwendete Materie das Product eines acuten Processes, und zwei- 
tens (was wichtiger ist) war die Quantität der verwendeten Materie 
10 und 20 Mal grösser. In Folge dessen waren die Resultate so zu 
sagen eher pyämischer als tuberculöser Natur. Die Thiere erschie- 
nen gleich von Anfang an deutlich afficirt, schienen an ausgeprägter 



Infectiöse Producte acuter Entzündungen. 371 

constitutioneller Störung zu leiden und starben unter oder in Folge 
intensiver Entzündung der serösen Häute. 

Der Vergleich der Läsionen dieser Thiere mit denen der obigen 
lehrt, dass in den acuten Fällen, vorausgesetzt dass die Thiere lange 
genug gelebt, zerstreute Knötchen in den Ein ge weiden der Brust- 
nnd Bauchhöhle anzutreffen sind, welche alsbald den Charakter von 
Abscessen annehmen und dieselbe oder auf alle Fälle eine sehr ähn- 
liche Verbreitung als die miliaren Knötchen des chronischen Pro- 
cesses aufweisen. Sie unterscheiden sich indessen von diesen in man- 
cherlei Beziehung, wie in Aussehen, Grösse, Dauer und in den 
Veränderungen, die sie eingehen. Anstatt langsam zu wachsen, gleich 
Neubildungen, welche durch Monate in dem Zustande des Vascula- 
risirtseins verharren und eventuell durch langsam vorschreitende Ver- 
käsung in ihrem Centrum absterben, verzweigen sie sich rasch, 
sind weich von Anfang an und nehmen eventuell den Charakter von 
Abscessen an. 

Wir müssen uns übrigens gegen die Annahme verwahren, dass 
irgend welche nachweisbare wesentliche Differenz bestehe in der 
Structur der rasch wachsenden und eiternden Knoten einerseits und 
in den langsam wachsenden verkäsenden Granulationen anderseits, 
indem beide der Hypertrophie präexistirender Gewebstheile ihren 
Ursprung verdanken. Der Unterschied derselben besteht nicht sowohl 
in der Entstehungsweise oder Structur, sondern in der Dauer und 
dem Wachsthum. Die einen wachsen als wären sie ein Theil des 
Gewebes, von dem sie entspringen, bis in Folge des Ueberhandneli- 
mens ihrer dichtgelagerten Elemente die im Centrum gelegenen Ab- 
schnitte ihre Blutversorgung verlieren, während die anderen selbst 
der Sitz eines acuten Entzündungsprocesses werden. 

In einem Berichte über die feinere Pathologie des Contagium 
(Report of the niedical offic. of the Privy Council 1870) habe ich 
im Allgemeinen die Gründe auseinandergesetzt , welche mich zur 
Annahme bestimmten, dass die Materia morbi oder das Conta- 
gium der contagiösen Krankheiten in den infectiösen Flüssigkeiten 
nicht chemisch gelöst sei. Der directe Beweis für diese An- 
nahme ging ans Experimenten hervor, welche bewiesen, dass in 
einigen Fällen, in welchen die infectiöse Wirkung über allen Zweifel 
erhaben war, das toxische Agens undiffundirbar und folglich ungelöst 
war. Ich bin ferner in dem zweiton Abschnitte derselben Abliand- 



872 Bardon-SaDderson. 

lang ZU dem Schlosse gelangt, dass im Falle wir annehmen dürfen, 
dass das infectiöse Agens geformter Natur ist, es wahrscheinlich der 
Gmppe von Körpern angehört, die ich damals als Mikrozymae be- 
zeichnete, nnd die ich als identisch mit der Zooglea von Cohn, den 
Mikrococci von Ha Hier und den verschiedenen, von den Antoren 
als Bacterien und Vibrionen bezeichneten Formen anerkannte. 

In Bezng auf diese Organismen wurden in den weiter unten 
mitzutheilenden Untersuchungen zwei neue und höchst wichtige That- 
sachen aufgefunden. Es wurde gezeigt: 1. dass die Exsudaüonsflüs- 
sigkeiten aller beobachteten acuten infectiösen Entzündungen reich- 
lich Mikrozymae enthalten und 2. dass dieselben Formen auch im 
Blute der inficirten Tbiere angetroffen werden und ein constanter Be- 
gleiter aller acuten infectiösen Eiterungen sind. 

Die genauen Details dieser Thatsachen werden weiter unten an- 
geführt werden. Es wird indessen nicht überflüssig sein, gegenwärtig 
gewisse Ausdrücke zu erklären, die wir für die in den Exsudations- 
flüssigkeiten vorkommenden Organismen gebraucht haben ; diese Aus- 
drücke sind „Colonie", „Bacterienfaden*', ^dumb-bell'', „Kette". 

Den Ausdruck „Colonie", zuerst von Hallier angewandt, ge- 
brauchen wir zur Bezeichnung einer Gruppe von deutlich contourir- 
ten Mycrozymen, in welcher die einzelnen Individuen in einer durch- 
sichtigen Grund- oder Zwischensubstanz eingebettet sind. „Bacterien- 
faden" ist einfach eine Gruppe von Stäbchen, die in einer Linie an 
einander gereiht sind. Ein „dumb-bell'' besteht aus zwei durch eine 
Brücke einer einhüllenden Substanz mit einander verbundenen Kugel- 
bacterien. Eine „Kette" besteht aus einer Gruppe in einer Linie 
aneinander gereihter dumb-bell. Zwischenformen zwischen dumb-bell 
und Stäbchen können varicöse Stäbchen genannt werden. Wir fanden 
diese Bezeichnungen praktischer als die von den Morphologen ange- 
wandten specifischen Namen, als Zooglea für Colonie, Bacterium 
varicosum für dumb-bell, Bacterium termo für Stäbchen u. s. w. 

Obgleich das Yerhältniss dieser einzelnen Formen zu einander 
mit Genauigkeit nicht festgestellt werden kann, so lassen sich die- 
selben dennoch, je nach den Umständen, unter denen sie auftreten, 
in 2 Gruppen unterbringen, die, welches auch immer ihre morpho- 
logische Bedeutung sein mag, in pathologischer Hinsicht von Interesse 
sind. Von diesen beiden Gruppen ist das Stäbchen der Typus des 
einen, das dumb-bell der der anderen. 



Infectiöse Producte acuter Eotztindungea. 373 

Die Flüssigkeiten, in denen die Entwicklung von Mikrozymen 
mit ausserordentlicher Raschheit vor sich geht, wie in dem EÄudate 
intensiver infectiöser Peritonitis, sind einzelne Stäbchen anzutreffen, 
die ungewöhnlich kurz sind, nicht länger als Viooo ^ines Millimeter. 
In dem Eiter subcutaner infectiöser Abscesse, sowie in dem Exsu- 
date von Peritonitis, die mehrere Wochen gedauert, sind kaum Stäb- 
chen anzutreffen; die vorherrschenden Formen sind Kugelbacterien 
dumb-bell und Ketten. 

' Die Beobachtungen an Exsudationsflüssigkeiten haben meine 
früheren Aussagen (siehe Report 1870) in Betreff der Mikrozymen 
des gewöhnlichen Trinkwassers vollkommen bestätigt, dass nämlich 
dieselben weder aus Pilzen entspringen, noch in solche sich umwan- 
deln. In keinem einzigen Falle wurde irgend eine Form eines Mycel 
bildenden Pilzes in den unzählbaren, mit Mikrozymen bevölkerten 
Flüssigkeiten, die der Untersuchung unterzogen wurden, aufgefunden. 

IL Abschnitt. 

Im Jahre 1867 hat der Verf. mehrere Experimente unternom- 
men, um den nach Inoculirung pyämischer und septicämischer Flüs- 
sigkeiten hervorgebrachten Effect mit dem zu vergleichen, der nach 
Insertion minimaler Quantitäten chronisch indurirter Lymphdrüsen 
oder anderer Producte der chronischen Infection erhalten wurde. 

Von diesen Experimenten geben wir eine kurze üebersicht. 

Am 23. August 1867 wurden 3 Meerschweinchen und 1 kleiner 
Hund mit einer kleinen Quantität einer aus dem Sprunggelenke eines 
an Pyämie leidenden Mannes entnommenen purulenten Flüssigkeit 
subcutan inoculirt. Eines dieser Meerschweinchen wurde 15 Tage 
nach der Inoculirung getödtet (dasselbe war anscheinend moribund). 
An der Stelle, an der die Inoculirung vorgenommen worden war, 
befand sich ein fast 2 Zoll messender Abscess, käsigen Eiter ent- 
haltend. Zwei Brustdrüsen stark geschwellt, auf ihrer Schnittfläx^he 
theils rahmähnlicher, theils käsiger Eiter. Auf der convexen Ober- 
fläche des rechten und mittleren Leberlappens zerstreute stecknadel- 
kopfgrosse harte Knötchen. Milz bedeutend vergrössert; 5 oder 6 
über die convexe Oberfläche erhabene Knoten. Sowohl die Knoten 
der Leber als auch die der Milz haben den Charakter von Absces- 
sen: sie enthalten innerhalb einer derben Kapsel Eiter, der von dem 



374 BurdoD-Sandersnn. 

der snbcntanen Abscesse nicht unterscheidbar ist. Lnnge sowie sub- 
cutan^ Lymphdrüsen gesund. 

Das 2. Meerschweinchen starb 20 Tage nach der Inoculirung. 
An der Inoculirungsstelle ein grosser Abscess; ebenso ein Abscess 
über dem rechten Musculus glutaeus, innerhalb einer dünnen Kapsel 
rahmähnlichen Eiter enthaltend. Ein dritter Abscess befand sich 
zwischen einem Intercostalmuskel und der Pleura; derselbe ragte in 
die Pleurahöhle vor. Unter den subcutanen Lymphdrüsen sind nur 
die Inguinaldrüsen einer Seite etwas vergrössert. Auf der Oberfläche 
des unteren linken Lungenlappens ein fester Knoten, der sowie das 
umgebende Lungengewebe ausserordentlich hyperämisch war. Dem 
Knoten entsprechend war die Pleura pulmonalis mit Pseudomembra- 
nen bedeckt. Ausserdem mehrere Knötchen von derberer Consistenz, 
die über die Pleura pulmon. hervorragten; vier solche im oberen, 
einer im unteren und eine andere Gruppe nächst dem äusseren Rande 
des unteren Lappens der rechten Lunge. Eines dieser Knötchen, 
grösser als die übrigen, enthielt rahm ähnlichen Eiter in seinem Cen- 
trum. Auf der convexen Oberfläche der Leber waren Knötchen, denen 
des 1. Meerschweinchens ähnlich. Milz vergrössert. 

Der Hund starb 49 Tage nach der Lioculirung im Zustande 
äusserster Erschöpfung. Die Inoculirungsstelle nicht auffindbar. Die 
subcutanen Lymphdrüsen normal. Die Leber zeigt an ihrer convexen 
Oberfläche miliare harte Knötchen. Milz bedeutend vergrössert, enthält 
Gruppen grauer Knötchen in bedeutender Anzahl; dieselbe (Milz) mit 
der vorderen Bauchwand, dem Omentum und Zwerchfell durch Pseudo- 
membranen verwachsen. 

Mit dem Eiter des an der Inoculirungsstelle befindlichen Ab- 
scesses eines der obigen Meerschweinchen wurden zwei Meerschwein- 
chen inoculirt. Beide diese Thiere starben innerhalb 48 Stunden nach 
der Inoculirung. Mit dem Eiter der Inoculirungsstelle eines dieser 
letzteren Meerschweinchen wurden zwei fernere Meerschweinchen in- 
ficiiii. Das eine lebte einen Monat, das andere 45 Tage. Beide zeig- 
ten multiple subcutane Abscesse; das letztere hatte ausserdem in 
der rechten Lunge Knoten und Plaques lobulärer Verdichtung mit 
pleuralen Adhäsionen. 

Am 15. December 1867 wurden 4 Meerschweinchen mit puru- 
lenter Flüssigkeit des Kniegelenkes eines au Pyämie verstorbenen 
Menschen subcutan inoculirt. 



Infecliöse Produr.te acuter Entzündungen. 375 

Meerschweinchen Nr. 1 starb am 21. Tage nach der Inoculi- 
rung. An der Inoculirungsstelle ein eiterndes Geschwür, in seiner 
Umgebung mehrere Abscesse. Die Scapulardrusen derselben Seite 
vergrössert, Eiter enthaltend. Die übrigen subcutanen Lymphdrüsen 
sowie die inneren Organe normal. 

Nr. 2, das an zwei Stellen inoculirt worden war, starb nach 
22 Tagen. An beiden Inoculirungsstellen Geschwüre. In ihrer Um- 
gebung zahlreiche zerstreute kleine subcutane Abscesse. Der mitt- 
lere linke Lungenlappen enthält in seiner Tiefe einen 2 Linien im 
Durchmesser haltenden harten Knoten. In der Milz subseröse Knöt- 
chen. Die übrigen Organe normal. 

Nr. 3 starb am. 26. Tage nach der Inoculirung. Geschwür an 
der Inoculirungsstelle. "Von derselben erstreckt sich ein y^ Zoll 
langer harter Strang zu einem 5 Linien im Durchmesser haltenden 
Abscesse, der im unmittelbaren Zusammenhange mit der Scapular- 
drüse steht. Die Drüse selbst erweicht, enthält rahmähnlichen Eiter. 
(Der Zustand der inneren Organe unbekannt.) 

Nr. 4 starb am 27. Tage nach der Inoculirung. An der In- 
oculirungsstelle ein grosser und ein kleiner Abscess. Die Scapular- 
drüse derselben Seite vergrössert und erweicht. Die inneren Organe 
normal. 

Am 7. Februar 1871 wurde Eiter eines in der Nähe des Ell- 
bogengelenkes eines an Pyämie leidenden Mädchens befindlichen Ab- 
scesses in die Peritonealhöhle mehrerer Meerschweinchen injicirt. 
(Das Mädchen war am kleinen Finger der Hand operirt worden.) 
Der zur Inoculirung verwendete Eiter war aus dem zu diesem Zwecke 
geöffneten Abscesse in geglühten Glasröhrchen gesammelt worden. 

9 Wochen nach der Inoculirung starben zwei dieser Meer- 
schweinchen. An der Inoculirungsstelle leichte Induration in der 
Bauchwand. Scapular- und Inguinaldrüsen etwas vergrössert. Das 
die rechten Inguinaldrüsen umgebende Gewebe hyperämisch, enthält 
zahlreiche kleine Abscesse, eine Gruppe von kleinen Abscessen den 
inneren Leistenring umgebend. In der Peritonealhöhle reichlich blu- 
tig-seröses Exsudat, in demselben zahlreiche lebhaft sich bewegende 
Bacterien Stäbchen. Omentum mit zahlreichen Knötchen besetzt; Cen- 
trum tendineum ebenfalls einige Knötchen enthaltend. Leber 35 Grra. 
schwer, sehr blass, einige purulente Knötchen enthaltend. Milz be- 



376 BurdoD-Sanderson. 

deutend vergrösseri Pericardiales und pleurales Exsudat. Gruppen 
grauer trüber Knötchen durch die Substanz beider Lungen gleich- 
massig vertheilt. 

ni. Abschnitt. 

(Experimente, ausgeführt i. J. 1872 von Dr. E. Klein.) 
Es wurde eben im II. Abschnitte erwähnt, dass das peritoneale 
Exsudat eines mit minimaler Quantität pyämischen Eiters inoculirten 
Meerschweinchens reichlich Bacterienstäbe enthielt. Dieses Besnltat 
rief eine wichtige Frage hervor. Die Gegenwart von Mikrozymen konnte 
nämlich entweder charakteristisch für den pyämischen Process sein, 
oder blos von der Intensität der Peritonitis abhängen, um der Ent- 
scheidung dieser Frage näher zu kommen, wurde in mehreren Ex- 
perimenten intensive Peritonitis durch Injection heftig wirkender 
chemischer Eeize — wie verdünntes Ammoniak, concentrirte Lö- 
sung von Jod in Jodwasserstoifsäure — in die Peritonealhöhle er- 
regt. In Bezug auf das Ammoniak wurde durch Kochen und Ab- 
kühlen der Flüssigkeit als auch der zu verwendenden Instrumente 
Verunreinigung ausgeschlossen; in Bezug auf die Jodlösung war 
dieses natürlich überflüssig. In jedem Falle zeigte sich, dass die 
von 23 — 48 Stunden nach der Injection gesammelte Exsudations- 
flüssigkeit Bacterien enthielt. Hieraus schien hervorzugehen, dass 
die Gegenwart dieser Organismen im Exsudate nicht von der Natur 
der entzündungserregenden Flüssigkeit, sondern von der Intensität 
der Entzündung selbst abhängt. 

Die im Folgenden zu erwähnenden Versuche können in zwei 
Eeihen abgetheilt werden; die eine derselben umfasst Experimente, 
in denen die Flüssigkeiten acuter infectiöser Entzündungen zur In- 
oculirung verwendet wurden und folglich die hervorgerufene Erkran- 
kung ihrer Intensität und Virulenz nach als Septicämie angesprochen 
werden kann. In der anderen Beihe der Experimente waren die Resul- 
tate denen im vorigen Abschnitte angeführten ähnlich. 

In der hier folgenden Tabelle sind eine Anzahl von der ersten 
Reihe angehörigen Experimenten sammt ihren Resultaten übersicht- 
lich zusammengestellt: 

Erklärung der Tabelle. 

In den ersten 8 Colonnen sind die Umstände angeführt, die 
sich auf die Einführung der reizenden Flüssigkeiten beziehen ; in der 



ir Xqjeotion verwendet wurde. 




4 «. 5 



6 



Peritonitis; der seröse Uebersn{f des Matfens und des D«r- 
perämisch. Blutiges Exsudat in der PeritonealhShle ; das- 
rffilltmit Stäbchen, einseinen dumb-bells, Ketten n.Coloniea. 
utplasma feinkörnijf, die Körnchen in lebhafter nitteroder 
ing, 

P Peritonitis; das milchige Exsudat dicht erfüllt mit klei- 
Ibchen. 



8 



9 
lOu. 11 

12 

18 u. 14 



16 



16 



16, 17 
n. 18 




Peritonitis; ausgebreitete Adh&sioneB der Eingeweide und 
membranen auf der Oberflaehe derselben. Intensire Pleu- 
nfeotiöse Knötchen (Abscesse) im Peritoneum und den 
lingeweiden. Reichliches seröses Peritoneal» und Pleural- 
t, dicht erffillt mit Stäbchen. Der Eiter der pyämischen 
en der Leber enthält Stäbchen, dnmb-bells und Ketten, 
^ebrig, enthält sahireiche kleine Stäbchen. 

ere zeigen bald nach der Injection Collapsus. Inten sire Po- 
ls. Das Exsudat dicht erffillt mit Stäbchen verschiedener 



^.Peritonitis und Pleuritis; Pseudomembranen auf den Baach- 
"^ usteingeweiden. Atelectase beider Lungen. Periearditis. 

Les und peritoneales Exsudat dicht erffillt mit kleinen 

»n. 

das Thier durch mehrere Stunden die Symptome acuter 
)n C^'&B^P'®' darauf Collapsus mit Erbrechen und Durch- 
arbot, erholte sich dasselbe rasch. 

ere neigten kurse Zeit nach der Injection Collapsus. In- 
I Peritonitis ; klares gelbliches riscides Exsudat, dicht erffillt 
ir kleinen Stäbchen. 

»fuud derselbe. 

Peritonitis: riscides Exsudat, dicht erffillt mit kleinen 
en. 

ein nach Krämpfen, Collapsus mit Erbrechen und Dnrch- 
sritonitis und hämorrhagische Gastro-enteritis. 

Peritonitis; eiterige Pseudomembranen auf der serösen 
iehe der ßauoheingeweide. Yiscides Exsudat, dicht erffillt 
hr kleinen Stäbchen. Mesenterialdrfisen rergrössert und 
ht, ein Abschnitt derselben enthält einen Abseess, deren 
nit Bacterienstäben erffillt ist. 

• Peritonitis ; Exsudat dicht erffillt mit kleinen Stäbchen ; 
^ Formen schwer erkennbar. 

Peritonitis mit Adhäsionen. Infectiöse Knötchen im Omen- 
en Mesenterialdrfisen und den fibrigen Baucheingeweiden, 
keales Exsudat Tiscid, dicht erffillt mit Stäbchen, die eben- 
teichlich im Eiter der infectiösen Knötchen su finden sind. 

(iere seigten Collapsus kurse Zeit nach der Injection. All- 
iie Peritonitis; intensiTO Hyperämie des serösen Deber<n- 
•r Bancheingeweide; Tiscides Exsudat, dicht erffillt mit 
len. 

I Erscheinungen während des Lebens und nach dem Tode 
i Nr. 12. 

Idem. 

Idem. 

Idem. 

Idem. 

e Symptome ausserordentlich markirt; die pathologisch en 
derungen sehr ausgesprochen, 

Idem. 

Idem. 

»nsive Peritonitis. Seröse Oberfläche des Magens und Dar- 
Hit eiterigen Pseudomembranen bedeckt. Omentum sehr 
iLmisch, ao eiaselnen Stellen fast gangränös. Intonslve 
•enteritis des gansen Darmtraetus. Pleuritis mit blutigem 
lat. Blut Tiscid, enthält sehr sahlreiehe sehr kleine Baete- 
äbchen. 



Infectiöse Producte acuter EntzQndungeo. 377 

letzten ist das Resultat angegeben in Bezug auf den Zustand der 
serösen Membranen» des Exsudates, der inneren Organe und des Blu- 
tes. Die als Beiz benützten Flüssigkeiten waren in allen Fällen Ex- 
sudationsflüssigkeiten ; dieselben wurden fast in allen Fällen alsogleich 
nach ihrer Entfernung aus dem noch lebenden Thiere injicirt. In 
18 von den 27 Experimenten wurden seröse Exsudate, in 4 die 
Flüssigkeit änbcntaner Eiterungen angewandt, in 3 die Flüssigkeit 
erweichter infectiöser Knoten und Lymphdrüsen. In einem Falle 
wurde Blut eines inficirten Thieres und in einem anderen Falle der 
blutige Inhalt eines iufectiös entzündeten Uterus. Alle diese Flüssig- 
keiten waren von Haus aus mit Bacterien erfüllt, d. i. zur Zeit als 
sie dem lebenden Thiere entnommen wurden. In der 4. Colonne sind 
die Versuchsthiere mit Ziffern bezeichnet; die arabischen Ziffern be- 
ziehen sich auf Meerschweinchen, die römischen auf Katzen und 
Hunde. Die 5. Colonne zeigt die Dauer der Krankheit an; in den 
meisten Fällen wurden die Thiere in articulo getödtet, damit das 
Blut und die Exsudationsflüssigkeiten im frischen Zustande unter- 
sucht würden. In einigen wenigen Fällen wurde die Section unmit» 
telbar nach dem natürlich eingetretenen Tode ausgeführt. In der 
6. Colonne finden sich 4 Fälle, in denen die infectiöse Flüssigkeit 
durch die Vena jugularis eingeführt wurde, in den übrigen Fällen 
durch die Peritonealhöhle. Die Quantität der angewandten infectiösen 
Flüssigkeit schwankte zwischen 3 Minimis und 24. 

Obgleich die angewandten Flüssigkeiten ähnlich waren, indem 
alle das Product acuter infectiöser Entzündungen waren, so waren 
dennoch die Resultate in Bezug auf Intensität ungleich. Von den 
27 Versuchsthieren starben 20 innerhalb 24 Stunden; die mittlere 
Dauer der Krankheit war 13 Stunden; die übrigen lebten verschie- 
den lang zwischen 2 und 16 Tagen. Dass das letale Ende in die- 
sen Fällen so weit hinausgeschoben erscheint, kann nicht irgend 
welcher Besonderheit in den einzelnen Experimenten zugeschrieben 
werden, indem wie die Tabelle zeigt, in anderen Thieren, die zur 
selben Zeit mit derselben Materie inficirt worden waren, ein solches 
Hinausgeschobensein nicht stattfand. Diese Thatsachen illustriren 
vielmehr, wie wir noch anderwärts sehen werden, ein allgemeines 
Princip, nämlich: dass ein Thier, das den ersten Ausbruch des in- 
fectiösen Fiebers überlebt, viele Tage vorübergehen sieht, bevor es 
durch die folgende secundäre Entzündung erschöpft ist. 



878 BurdOD-SaodersoB. 

Von den 20 Thieren, die 24 Standen nach der Injection erla- 
gen, war die excitirende Flässigkeit 17 Meerschweinchen in die Pe- 
ritonealhöhle, 2 Meerschweinchen nnd einem Hnnde in die Jugnlar- 
vene eingeführt worden; in den letztgenannten SThieren waren die 
Zeichen der Entzündung der serösen Häate ebenso ausgeprägt als 
in den ersten. Alle Thiere hatten intensive Peritonitis und bei den 
2 Meerschweinchen, die in die Jugnlarvene injicirt worden waren, 
war die Peritonitis gerade so intensiv als in den anderen Thieren. 
In dem Hunde, in welchem der Process ebenso rasch war, war be- 
sonders zu bemerken, dass die Veränderungen mehr ausgeprägt wa- 
ren, als in den Thieren derselben Species, die mit derselben Flüs- 
sigkeit direct ins Peritoneum injicirt worden waren. 

Hieraus folgt, dass, obgleich die locale Wirkung der irritirenden 
Flässigkeit nicht als unbedeutend bezeichnet werden kann, dieselbe 
nicht die massgebende Ursache der Intensität der Peritonitis ist. 
Dieser Schluss wird ausserdem durch die Beobachtung unterstützt, 
dass die Pleura und das Pericardium oft ebenso intensiv afficirt waren 
nach Injection in die Peritonealhöhle als das Peritoneum selbst. 

Die Thatsache, dass in allen rapiden Fällen von acuter Infection 
intensive Peritonitis vorhanden ist, könnte zu dem Schlüsse Anlass 
geben, dass die Peritonitis die unmittelbare Ursache des Todes sei. 
Ein solcher Schluss wäre jedoch grundlos und wahrscheinlich irrig. 
Die Symptome, die wir im Hunde als die eines intensiven infectiösen 
Fiebers erkennen , nämlich : Collapsus begleitet von Erbrechen und 
Durchfall, zeigten sich so frühzeitig in allen FäUen und besonders 
in den in die Jugularis injicirten Thieren, dass es schwer hält, 
dieselbe als von der Peritonitis abhängig zu betrachten. Die Schnel- 
ligkeit und Vollständigkeit der Erholung, welche in manchen Fällen 
(z. B. im Hunde Nr. I.) nach Collapsus von einiger Dauer eintrat, 
gewährt ausserdem Grund, den Collapsus selbst mit seinem beglei- 
tenden Phänomen als von der directen Wirkung des infectiösen Agens 
abhängig zu erachten. 

In allen rapiden Fällen hatte das peritoneale Exsudat dieselben 
Charaktere: es war viscid und coagulirte unvollständig oder gar nicht; 
es enthielt eine relativ geringe Zahl von jungen Zellen, das Plasma 
zeigte unter dem Mikroskop eine zitternde Bewegung, welche bei 
starker Vergrösserung als durch die Gegenwart dicht gelagerter 
winziger Stäbchen bedingt sich erwies. Ausserdem waren lebhaft 



lofectiüse Producle acuter EnlzüDiiuii^'en. 379 

sich bewegende grössere Stäbchen, nicht grösser als Vsoo Millimeter 
vorhanden. In den sehr rapiden Fällen waren dumb-bells meist ab- 
wesend, sie erschienen jedoch, wenn die Peritonitis lange genug 
dauerte, oder wenn die Flüssigkeit im Brütofen autbewahrt wurde. 
In allen acuten infectiösen Fällen der Tabelle, in denen das Blut 
untersucht worden war, zeigte dasselbe mikroskopische Erscheinun- 
gen, welche ganz charakteristisch waren: das Plasma zeigte mehr 
oder minder deutlich die zitternde Bewegung von Körnchen und ent- 
hielt kurze Stäbchen; die farblosen Blutkörperchen erschienen zuwei- 
len mit Stäbchen geladen; die färbigen Blutkörperchen waren in 
ausgesprochener Weise klebrig und das Blut im Ganzen von bemer- 
kenswerther Viscidität. 

Die Symptome während des Lebens und die Veränderungen bei 
der Section in den acut inficirten, in weniger als 24 Stunden unter- 
liegenden Thieren sind sehr verschieden. In Meerschweinchen tritt 
Collapsus rasch nach der Injection ein, gleichviel ob die Injection 
in die Vene oder in die Peritonealhöhle vorgenommen wurde. Der- 
selbe äussert sich in Herabminderung der Temperatur und der Mo- 
tilität. Nach dem Tode ist intensive Entzündung des Peritoneums zu 
finden. Bei Hunden und Katzen sind die Symptome ausgesprochener. 
In einigen wenigen Fällen verfällt das Thier kurze Zeit nach der 
Injection in den Zustand des Collapsus, häufiger jedoch vergehen 
1 oder 2 Stunden, ehe irgend ein bemerkbarer Effect auftritt. Zu 
den am frühesten bemerkbaren Erscheinungen zählen Schüttelfröste 
und Muskelzuckungen, welche während der 2. oder 3. Stunde auf- 
treten. 

Messungen im Bectum zeigen, dass die Temperatur von Anfang 
an steigt. Das Eintreten von Collapsus ist durch die schnelle Herab- 
minderung der Motilität gekennzeichnet. Diese ist begleitet von Brech- 
bewegungen und wirklichem Erbrechen, dem bald Durchfall folgt. 
Sobald die festen Magencontenta entleert worden, wird eine zähe 
grünlich - gelbliche Flüssigkeit erbrochen. Die Diarrhöe ist zuerst 
scheinbar von Tenesmus begleitet, später wird sie colliquativ. Die 
Darmentleerungen sind schleimig, fiockig und mehr oder minder blu- 
tig. Wenige Stunden vor dem Tode beginnt die Temperatur zu sin- 
ken, zuweilen bis unter die Norm. 

Die Acme der Temperatnrsteigerung entspricht dem Zeitpunkte, 
in welchem Erbrechen und Durchfall ihre grösste Heftigkeit erreichen. 



380 Burdon-Saaderson. 

Die wichtigsten Veränderungen nach dem Tode sind folgende: 
Intensive Mnco-enteritis bestimmter Abschnitte des Darmes; in den 
Fällen, in denen die Wirknng der infectiösen Flüssigkeit spät auf- 
trat, kann der ganze Darmtractus afficirt sein. Gewöhnlich ist das 
Duodenum und Bectum am meisten afficirt. Die Schleimhaut des 
Duodenum ist gleichmässig und intensiv geröthet, sein Lumen von 
mehr oder weniger bluthältigem zähem Schleim erfallt, welcher zu- 
sammenhängende Fetzen abgelösten Epithels enthält. Der Zustand 
des Bectums ist ein ähnlicher, die Böthung der Schleimhaut ebenso 
intensiv, der Inhalt bluthältiger. Das Ileum nimmt in der Begel 
nur wenig, das Jejunum gar nicht Theil an den genannten Verände- 
rungen. Die Peyer'schen Plaques sind zuweilen vergrössert. Das 
Peritoneum ist in den intensiveren und besonders in den länger 
dauernden Fällen stets hyperämisch; die Hyperämie ist intensiv; 
im Mesenterium und besonders dem Omentum finden sich Hämor- 
rhagien. Die Charaktere des Exsudates wurden oben angeführt. 

Die eben erwähnten Erscheinungen entsprechen ziemlich wenn 
nicht ganz genau denen der septischen Infection beim Hunde, d, i. 
denen, welche nach Injection putrider Substanzen in das Venensystem 
des Hundes auftreten; es ist nur nöthig an die Besultate zu erin- 
nern, die Bergmann in seinen bekannten Experimenten erlangt hat 
(Das putride Gift und die putride Intoxication, Dorpat 1868, p. 14). 
Unsere Angaben stimmen mit denen Bergmannes in Bücksicht auf 
die Schleimhaut des Darmes ziemlich genau überein, nur hat Berg- 
mann in der Begel keine Peritonitis beobachtet. Er gibt an, dass 
die Mesenterialgefasse mit Blut erfüllt und dass Sugillationen im 
Omentum und Mesenterium zu finden waren; aber nur in 2 Fällen 
sah er das Peritoneum allgemein entzündet; da war das Exsudat 
schmutzig-braun und sehr reichlich. Es ist hieraus wahrscheinlich, 
dass in vielen anderen Fällen der Zustand des Peritoneums nicht 
genau beobachtet wurde, indem es kaum wahrscheinlich ist, dass 
wenn das Peritoneum als Begel normal ist, dasselbe in den zwei 
genannten Fällen so intensiv afficirt sein soll. Es ist leichter anzu- 
nehmen, dass die geringe Quantität des Exsudates, die sich gewöhn- 
lich vorfindet, tibersehen wurde. 

Dass, wie oben angedeutet, in der That die Erscheinungen der 
septischen Infection innig verwandt sind mit denen der acuten phleg- 
monösen Infection, wird durch das folgende Experiment bestätigt, 



lofectiose Producte acuter EntzOntlnn^en. B81 

in welchem Meerschweinchen mit Exsudationsflüssigkeit injicirt wur- 
den, die durch 6 Tage im Brütofen aufbewahrt worden war. Esgoht 
daraus hervor, dass die Resultate, die durch eine solche Flüssigkeit 
im putriden Zustande hervorgerufen werden, nicht unterschieden wer- 
den können von denen, die es hervorruft, wenn man im frischen 
Zustande injicirt. 

Am 14. März wurde purulente Flüssigkeit, die der Milz eines 
Meerschweinchens entnommen und mit y^ % Kochsalzlösung verdünnt 
seit dem 8. März einer Temperatur von 40® C. ausgesetzt worden 
war, in die Peritonealhöhle zweier Meerschweinchen injicirt. Die 
Menge der injicirten Flüssigkeit war je 6 Minima. Beide Thiere wa- 
ren moribund am 16. März. Das eine Meerschweinchen hatte inten- 
sive Peritonitis; das peritoneale Exsudat war viscid. An der vorderen 
Hälfte des Stammes subcutanes Oedem, die Blutgefässe dieser Bc- 
gion durch stagnirtes Blut ausgedehnt; jenseits dieser Region waren 
die Blutgefässe auffallend leer. Das peritoneale Exsudat sowolil als 
auch das subcutane Oedem war erfüllt von Bacterien. Dieselben 
Formen waren auch reichlich im Blute vorhanden. Das andere Meer- 
schweinchen zeigte mit Ausnahme des subcutanen Oedoms dieselben 
Erscheinungen wie das erste. Das Blut und die Exsudationsflüssig- 
keit zeigten die ebenerwähnten Charaktere. 

n. Reihe. 

Wir kommen nun zu der zweiten Reihe von Experimenten. In 
diesen waren die angewandten Flüssigkeiten Producte langsam vor- 
schreitender Entzündungen ; die durch erweichende infectiose Knoten 
und Vereiterung vorher infiltrirten Gewebes charakterisirt sind. In 
den 8 Gruppen von Experimenten, welche als Beispiele angefühi-t wer- 
den sollen, war das zu injicirende Material der an chronischer Tu- 
berculose erkrankten und im Zustande der Erweichung befindlichen 
Lunge von Menschen oder Thiercn entnommen worden. Die so in- 
ficirten Thiere lieferten wieder das Material zur Infection anderer 
Thiere, indem die purulente Flüssigkeit pyämischer Knoten oder 
Lymphdrüsen verwendet wurde. 

I. Am 22. December starb im Thierspitale ein Hund in Folge 
von Phthisis pulmonum. Der Zustand der Lunge und der Pleura war 
folgender: Die Oberfläche der Lunge zeigt mehrere harte, mit der 
Pleura costalis verwachsene Knoten, einer derselben V2 Zoll im 

Med. JahrbOcber i873. IIL 26 



382 BttrilnnSnndersoo. 

Durchmesser. Alle diese Knoten erweicht im Centrnm, das umgebende 
Lungenj,'ewehe mit grauen und gelben Tuberkelknoten infiltrirt. Der 
grOsste Theil der Lunge luftleer. Die Pleurahöhle enthält mehrere 
Unzen eines klaren Exsudates. 

Von dem Exsudate wurden je wenige Minima 5 Meerschwein- 
chen in die Peritonealhöhle injicirt; 3 anderen Meerschweinchen 
^ wurde die gleiche Quantität der purulenten Flüssigkeit der oben er- 
wähnten erweichten Lungenknoten injicirt. Die Thiere wurden resp. 
15, 23, 28, 34, 59, 66, 69 und 69 Tage nach der Inj ection secirt. 
Alle zeigten durchwegs dieselben Läsionen: die serösen Häute waren 
entzündet, in den serösen Höhlen eine variable Menge Exsudat, das 
mit Bacterien erfüllt war; in den meisten Fällen ausgebreitete Ad- 
häsionen der Bauchorgane an die Bauch wand; die inneren Organe 
enthielten Infectionsknoten, welche wie bereits erwähnt wurde, aussen 
fest, innen erweicht waren; der Eiter derselben enthielt constant 
reichlich Mikrozymen, sowohl in Formen von Stäbchen als auch 
dumb-bells und Ketten. Die letzteren Formen überwiegten in jenen 
Thieren, die am längsten gelebt. In jenen Flüssigkeiten, in denen 
die letzteren Formen im frischen Zustande nicht oder nur in sehr 
beschränkter Anzahl vorhanden waren, trat eine ungemeine Vermeh- 
rung derselben ein, wenn die Flüssigkeit, die natürlich unter den 
grössten Cautelen gesammelt worden war, durch 24 Stunden und 
länger im Brütofen einer Temperatur von circa 39 ^ C. ausgesetzt 
wurde, während die Zahl der Stäbchen in entsprechender Weise sich 
verminderte. Diese Thatsache wurde übrigens häufig in Infections- 
flüssigkeiten im Allgemeinen beobachtet, wenn sie der Züchtung 
ausgesetzt wurden. 

Der Gegensatz zwischen den in diesen Experimenten beobach- 
teten und den in chronisch-infectiösen Entzündungen (Tuberculosis) 
gewonnenen Eesultaten ist sehr auffällig. In jenen sind alle Läsio- 
-nen das Product eines acuten Processes. Dieses kann ohne Weiteres 
aus ihrem anatomischen Charakter abgeleitet werden. Wir haben 
jedoch einen noch viel triftigeren Grund für diese Behauptung, in- 
dem in jenen Thieren, welche nach Ablauf von 14 Tagen starben 
die Abscesse in den inneren Organen bereits vollkommen entwickelt 
waren und ausserdem der Zustand der serösen Häute in keinem 
wesentlichen Punkte sich unterschied von dem, der in den Thieren 
zu beobachten war, welche 40, 50 oder 60 Tage überlebtea. 



InfecUuse Producte acuter EnlzUmiungeD. 383 

II. Zu einer andere« Gruppe von Experimenten derselben Art 
wurden 6 Meerschweinchen angewendet, von denen 3 subcutan, 3 in 
die Bauchhöhle je wenige Minima purulenter Flüssigkeit der phthisi- 
schen Lunge eines Menschen injicirt wurden. 

Die drei ersten Thiere lebten ungefähr 3 Wochen länger als die 
drei anderen. In allen war der anatomische Zustand der inneren 
Organe sowie der Charakter der Entzündungsflüssigkeiten derselbe 
wie in den Thieren der ersten Gruppe. 

III. Zuletzt wurden 5 Meerschweinchen mit purulenter Flüssig- 
keit der phthisischen Lunge eines Affen durch die Bauchhöhle injicirt. 
Die Thiere wurden zwischen 30 und 43 Tagen nach der Injection 
secirt. Die Ergebnisse der Section waren dieselben wie in den 
Experimenten der früheren Gruppen. 



20 



Untersuchungen über den Bau der Sehnen 

Ton 
Arnold Spina, stnd. med. 
(Aui dem Institute fOr experimeiitelle Pathologie in Wien.) 
(Hierzu Tafel VIII.) 



Die Arbeiten, zu welchen Eanvier's Untersuchungen über 
den Bau der Sehne neuerdings den Anstoss gegeben haben, gestat- 
ten, so weit sie bis heute bekannt geworden sind, immer noch kei- 
nen klaren Einblick in die Beziehungen zwischen den Zellen, elasti- 
schen Fasern und den eigentlichen Bindegewebsbündeln der Sehnen. 

Eanvier's Vorstellung, dass zwischen den Sehnenbündeln 
Röhren verlaufen, welche aus eingerollten Zellen zusammengesetzt 
sind, wurde von Gütorbock^), BolP) und Anderen dahin berich- 
tigt, dass die Zellen keine Bohren bilden. 

Boirs Angabe^), die Zellen der Sehne trügen eigenthümliche, 
firstartige Verdickungen, welche er mit dem Namen »elastische Strei- 
fen* belegte, rief ferner neuen Widerspruch hervor. 

Während Török*), Adickes S), Bruce«), Renaut^) und 
Flemming^) übereinstimmend erklären, die elastischen Streifen 



*) Centralblatt i870, Nr. 3, 

^) Archiv für mikroskop. Anatomie 1870. 

») 1. c. 

*) Würzburger Verhandlungen III. 

*) Inaugur.-Dissertat. Göttingen 1872. 

') Quarterly Jonrnal of microsc. XII. 

') Archives de Physiologie 1872. 

8) Virchow's Archiv 1872. 



Ueber den Bau der Sehnen. 385 

seien dürcfa Knickung oder Faltnng des Zellleibes nach Einwirkung 
von Essigsäure entstanden und hiemit Kunstproducte, räumt Pon- 
fick^) diesen Gebilden ein constantes normales Vorkommen ein, in- 
dem er stereometrisch den Beweis für die Coincidenz der elastischen 
Streifen und der schmalen Seitenflächen der leichtgewölbten Sehnen- 
körperchen zu liefern trachtet. 

Eine weitergehende Erklärung gibt Ciaccio^), nach ihm sind 
Streifen und Zellleib keine morphologische Einheit mehr, und der 
erstere ein künstliches Erzeugniss der durch Säuren in Falten geleg- 
ten zarten Sehnenscheiden. Gerlach^) und Grünhagen ^) hinge- 
gen ergehen sich in Wort und Bild in einer BolTs Untersuchungen 
im Wesentlichen bestätigenden Weise. 

Diese noch bestehenden Meinungsverschiedenheiten, sowie der 
Umstand, dass ich zur Schlichtung derselben einiges beizutragen in 
der Lage bin, veranlassen mich die Besultate meiner eigenen Unter- 
suchungen zu publiciren. Indem ich mich dieser Aufgabe unterziehe, 
verschiebe ich die Darlegung all' jener Angaben, welche ich bestä- 
tige oder widerlege, auf den Schluss der Abhandlung, weil ich mich 
dann nach Anführung einiger von mir gewonnenen Erfahrangeu mit 
grösserem Erfolge auf das Bekannte beziehen kann. 

Methode. 

Hat man eine dünne, einem eben getödteten Thiere entnom- 
mene Sehne auf 5 — 10 Minuten in eine V2 % Chlorgoldlösung, 
darauf in schwach angesäuertes Wasser gebracht und der £inwi];;kung 
des Lichtes bis zur Yiolettfärbung ausgesetzt, so ist dieselbe schnitt- 
und zupffäbig geworden. Die Controle der auf diese Weise gewon- 
nenen Präparate durch solche, welche frischen Sehnen entlehnt wor- 
den sind, spricht zu Gunsten der Methode, da mit Ausnahme der 
Differenzirung in der Farbe, die Topographie, namentlich wenn die 
quellende Wirkung des sauer gemachten Wassers eben nur im anta- 
gonistischen Verhältnisse zu der adstringirenden der Chlorgoldlösung 
gestanden, in Nichts gestört erscheint. 

*) Centralblatt i872, Nr. 8. 

^) Memorie deU' Acad. di Bologna III. 

") Sitzungsberichte der Societät in Erlangen. 

^) Archiv für mikroskop. Anatomie 4873. 



386 Spina. 

Dieser Methodn ist die Silberpräparation nicht ganz ebenbürtig. 
Die letztere kann in doppelter Weise znr Anwendung gelangen; man 
wendet entweder lege artis SilberlÖsnng an, oder man bestreicht 
eine noch in ihrer Scheide liegende Sehne gleichmässig mit dem 
Lapisstifte, wäscht dieselbe in Wasser ans und überlässt sie der 
Lichteinwirkung. Ich gab bei meinen Untersuchungen, besonders dann, 
wenn ich Schnittpräparate anfertigen wollte, dem Lapisstifte den Vor- 
zug, weil die zu färbende Sehne von grösserem Dickendurchmesser 
sein darf, als im Silberbade, das, wenn die Färbung gelingen soll, 
nur bei sehr dünnen Sehnen oder Sehnenstückchen in Grebrauch ge- 
zogen werden kann. Die zum Schneiden nöthige Härte erlangen die 
mit Silber geförbten Sehnen nach V2 — Itägigem Liegen in ver- 
dünntem Alkohol, aus welchem sie in Oel- Wachs eingebettet und 
geschnitten werden können. 

Eine dritte nicht zu entbehrende Tinctionsmethode ist die Fär- 
bung mit Garminammoniak oder Picrocarmin. Die Handhabung dieser 
Färbemittel brauche ich im Allgemeinen nicht zu erörtern, nur sei 
erwähnt, dass das jeweilige Aussehen der mit Carmin behandelten 
Sehnenfibrillen ein Gradmesser für die Aciditat oder Alkalescenz der 
angewandten Carminlösung ist. 

Ich habe die Sehnen des Hundes, der Batte, des Kaninchens 
und des Menschen und zwar sowohl die stärkeren, wie die schwächeren 
und das Centrum tendineum der Batte und des Kaninchens untersucht. 
Die Altersperioden der untersuchten Sehnen liegen zwischen dem 
Anfange des letzten Drittels des intrauterinären Lebens und dem 
81. Lebensjahre (Menschliche Sehnen). 

Die Tendo Achillis wurde in die Untersuchungen nicht ein- 
bezogen, 

I, Embryonale Sehnen. 

a) Längsschnitte. 

Bringt man einige Bündel einer in Gold gefärbten Sehne eines 
6 Centimeter langen Kanin chenembryos, nachdem man sie in Glycerin 
aufgehellt hat, unter das Mikroskop, so lassen sich an ihnen violette 
und farblose längliche Felder unterscheiden, die hinter und neben 
einander alterniren. Ist die Vergrösserung genügend stark (Hartnak, 
Ocul. 8, Obj. 8) so erkennt man, dass während die farblosen Bänder 
längs gestreift erscheinen, die goldgefärbten aus regelmässig liiuter 



üeber den Bau der Sehnen. 387 

einander liegenden und so Reihen bildenden Zellen von ungleicher 
Grösse und Form bestehen. (Fig. I.) Die grössten derselben haben 
zuweilen die Kreisform, die übrigens durch dicht anliegende, benach- 
barte Gebilde etwas eckig gedrückt oder gekerbt erscheinen kann. 
Die kleineren Zellen bilden in der Flächen ansieht längliche, mit den 
Längsseiten parallel zu den Sehneubündeln verlaufende Rechtecke, 
die successive schmäler werdend, eine Convergenz der beiden Längs- 
seiten der Zellenreihen herbeiführen. Die Goldfärbung erstreckt sich 
nicht auf die ganze Zelle in gleicher Weise. Das Protoplasma, in 
dessen dem Kerne anliegenden Antheilen zahlreiche, tief violett ge- 
färbte Körnchen liegen, nimmt eine näherungsweise violette Farbe an; 
der in der Regel excentrische Kern bleibt ungefärbt und hebt sich 
so von dem übrigen Zellleibe als ein elliptisches, gekörntes Gebilde 
deutlich ab. Die weissen Streifen zeigen einen deutlichen fibrillären 
Bau, der seinen Ausdruck in zarten mit den Zellenreihen parallel 
laufenden Linien findet, welche auf Zusatz von Säuren oder Alkalien 
zum Schwunde gebracht werden können. 

Zerzupft man dieselbe Schnur in möglichst feine Fädchen, so 
weist das mikroskopische Bild dann zahlreiche Veränderungen auf. 
Die Bindegewebsbündel sind anfgefasert, die Zellenreihen gesprengt. 
Manche Zellen haben sich von den anliegenden Fibrillenbündeln 
vollkommen gelöst, andere kleben noch mit einem kleinen Theile 
ihres Körpers denselben an, noch andere bilden mit zwei oder mehreren 
anderen zusammengesetzte Bruchstücke einer Zellenreihe. An aufge- 
faserten Bündeln bemerkt manian beiden Längsseiten der Zellreihe kurze, 
etwas zugespitzte, wie Dornen hervorstehende Fädchen (Fig. EL). Da 
sich dieselben an in Chlorgold gebadeten Sehnen dunkelviolett färben, 
sind sie auch dann ohne besondere Mühe wahrzunehmen, wenn sie ihre 
Spitzen dem Beschauer zukehren. Stärkere Vergrösserungen (Hartnack 
Ocul. 8, Obj. 10) lassen erkennen, dass diese Fortsätze aus Fasern eiit- 
springen, welche wie eine Leiter angeordnet mitdenBindegewebsbündeln 
theils parallel, theils zu ihnen quer verlaufen.- In je einer Masche 
der tief violett gefärbten Leiter liegt je eine Zelle; sind die Zellen 
durch das Zupfen ausgefallen, dann lässt sich ihre frühere Lagerung 
an den eigenthümlichen Zeichnungen des Bündels sozusagen ablesen. 
Diese tiefviolett gefärbten Längs- und Querfäden machen denselben 
Eindruck, wie die Kittsubstanzen der Kpithelien. Da dieser Ausdruck 
nicht nothwendig etwas anderes präjudicirt, als dass er sich auf eine 



888 S p i« a. 

Substanz bezieht, welche Zellen mnringt, er aber ansserdem am 
meisten dazu geeignet ist, die Verhältnisse ^a versinnlichen, so will 
ich vorläufig denselben auch for die Sehne anwenden. Die früher 
erwähnten dornartigen Fortsätze erscheinen demnach wie Bruchstücke 
zerzupfter Kittsnbstanzen. Doch liegt die Sache hier nicht so einfach 
wie bid den Epithelien. Bei den letzteren werden je zwei Zellen 
immer nur durch einen Faden getrennt. In der Sehne hingegen 
erscheint jede Zelle der Längsreihe als von einem ringsum geson- 
derten duiikL'lvi')lotten Faden umgeben (Fig. III. a.) Jede Sprosse 
der Leiter ist in diesem Falle doppelt. (Fig. IL a.) Je zwei benach- 
barte Sprossen können mit einander verschmelzen, und die Präparate 
Zeigen alle Uebergange der Verschmelzung bis zur einfachen Sprosse. 

Nicht aller Orten gestalten sich die Verhältnisse auf gleiche 
Weise. Es liegen die Kittsubstanzringe entweder nicht unmittelbar 
an dem blassgefärbton Zellleibe an, sondern es bleibt zwischen beiden 
eine schmale Zone übrig, oder es fehlen die Fäden bald vollkommen, 
bald erscheinen sie nur auf einen Theil des Zellumfanges beschränkt. 
Der umstand, dass jene Sehnen, welche der Goldeinwirkung durch 
etwas längere Zeit ausgesetzt waren, die Grenzfädon als ununter- 
broclieno (in einer p]bene an das Bild einer Leiter mahnende) Längs- 
und Quei streifen aufweisen, legt die Annahme nahe, dass das Fehlen 
der Kittsubstanzen in einer mangelhaften Einwirkung des Färbe- 
mittels beruh p. 

Aehnlichor Bilder wird man an Silberpraparaten gewahr. Da nach 
ßilberimprägnation das Protoplasma zumeist ungefärbt bleibt, und 
die dasselbe umreifenden Gebilde ein mehr oder weniger tiefes 
Braun annehmen, wird das Lagerungsverhäitniss der Zellen und 
Kiitsubstanzen ein viel anschaulicheres. Es gibt jedoch auch Zellen, 
welche ganz deutlich von Silber gebräunt werden, so dass dieselben 
von den anliegenden Kittsubstanzen kaum zu unterscheiden sind. 

Carmiu färbt in jener Concentration, in welcher die Zellkerne 
sich leicht tiugiren, die Zellenringe schwach, roth. 

b. Querschnitte. 

Bevor ich zur Beschreibung der Querschnittbilder schreite, halte 
ich es für gerathen, auf Folgendes aufmerksam zu machen. Man 
kann schon mit unbewaffnetem Auge die Ueberzeugung gewinnen, 
dass nicht alle Theile eines und desselben Sehnenstückchens vom 



Ueber den Baa der Sehnen. 889 

Chlorgold gleichgefärbt erscheinen. Diese Farbenunterschiede fallen 
schon in einer und derselben Höhe der Sehnenbündel auf. Bald sind 
es die peripheren, bald die centralen Theile, welche in ungleicher 
Farbe sich deutlich absetzen. Weitere Untersuchungen werden geltend 
machen , dass verschiedene Entwicklungsstadien sich verschieden 
färben. Aus diesem Grunde erscheint die Vorsicht vonnöthen, immer 
nur gleichgefärbte Sehnenpartien auf Längs- und Querschnitten zu 
untersuchen. 

Möglichst senkrecht auf die Verlaufsrichtung der Sehne geführte 
Schnitte zeigen einen viel complicirteren Bau, als diess die Längs- 
ansichten errathen lassen. (Fig. IV.) 

Den ungleich gefärbten länglichen Feldern des Längsschnittes 
correspondiren ungleich gefärbte kleinere, rundlich oder polygonal 
begrentzte, welche sich zu einem zierlichen Bilde an einander legen. 
Innerhalb der gefärbten Flächen sieht man häufig je einen mächtigen, 
zart granulirten rundlichen Kern ; diese müssen daher als Querschnitte 
der Zellenreihen angesehen werden. Die farblosen Flächen können 
ferner nur als Querschnitte der Bindegewebsbündel angesehen werden, 
eine Annahme, welche in der zarten Punktirung der Flächen und in dem 
Verschwinden der ersteren nach Zusatz von Essigsäure ihre Bestäti- 
gung findet. Das Lagerungsverhältniss der gefärbten und ungefärbten 
Flächen ist zuweilen alternirend, zuweilen wird die Symmetrie durch 
zwei oder mehrere, unmittelbar neben einander gelagerte, gleichge- 
färbte Flächen aufgehoben. 

Es ergibt sich aus solchen Schnitten zunächst, dass die Zellen 
in diesem Stadium keine Platten sind, sondern kurze dicke Prismen, 
wie sie Güterbock geschildert^) und abgebildet hat. 

Wenn die Goldfärbung intensiver ist, dann bemerkt man auf 
Querschnitten, dass dem schwach gefärbten Protoplasma nach Aussen 
zu ein dunkeltingirter Streif anliegt (Fig. IV. a), der, das Proto- 
plasma umschlingend, viele zarte Fortsätze aussendet, welche sich 
verzweigen und mit den von einer anderen benachbarten Zelle 
Busgesandten Fortsätze anastomosiren. War der Schnitt von einer 
grösseren Dicke, so bekommt man beim Eingehen in seine ver- 
schiedenen Ebenen die wechselvollsten Bilder zu Gesichte. Eine 



^) CentrAlblatt 1S70 Nr. 3. und Med. Jahrbücher i87i. 



390 Spina. 

quergetroflfene Zelle, die in einer bestimmten Ebene zwei oder drei- 
strahlig war, weist in einer tieferen 4—5 Strahlen auf, und eine 
violstrahlige wird strahlenärmer ; ein Feld, das sich in oberen Ebenen 
als durchschnittenes Bindegewebsbündel darbot, wird bei tieferer 
Einstellung durch eine quergetroffene Zellreihe abgelöst. 

Die unmittelbar aus der Umrandung der Zelle stammenden 
Fortsätze (Strahlen erster Ordnung) lassen sich durch die Stellschraube 
bei starker Vergrösserung (Hartnack: Obj. 10) als Durchschnitte 
dünner Bänder erkennen. Die Ausläufer dieser Bänder hingegen — 
Strahlen zweiter Ordnung — zeigen keine merkliche Ausdehnung in 
die Tiefe und müsssen daher als Fäden gedeutet werden. Manche 
der sternartigen Zeichnungen wurden beim Schneiden ihres centralen, 
protoplasmatischen Antheils beraubt; sie lassen dann im Centrum 
eine Lücke erkennen, welche von dem die Strahlen ausschickenden 
Eeife umrandet wird. Die Umrandung ist in einzelnen Ebenen bald 
vollständig, bald unvollständig. 

Auf Querschnitten durch ungefärbte Sehnen erscheinen die 
sternartigen Zeichnungen als helle, das mattere Bindegewebe durch- 
setzende Netzwerke, welche selbst an dünnsten Schnitten kaum zu 
entwirren sind, da die Differenzirung in Kern, Protoplasma und 
Sternarme nicht vorhanden ist. Deutlicher werden diese Querschnitts- 
bilder nach Behandlung mit Essigsäure. Das Protoplasma hat sich 
dann nicht selten von dem dasselbe umgebenden Ringe durch Schrum- 
pfung abgelöst, die Sternarme bekommen besonders nach längerer 
Einwirkung der Säure ein streifiges Aussehen, erscheinen aber selbst 
nach mehrtägigem Maceriren in verdünnter Salzsäure vollständig 
erhalten. 

Silbernitrat bewirkt ebenso klare Ansichten wie Chlorgold; es 
kann nur dadurch eine Modification der Bilder herbeiführen, dass 
es — wie schon bei der Betrachtung der Längsschnitte erwähnt 
wurde — hie und da das Protoplasma oder, stärker angewandt, 
das fibrilläre Gewebe bräunt. Endlich bieten auch Carminfärbungeu 
lehrreiche Bilder. Ich sah an einem schwach gefärbten Schnitte die 
Zellkerne und das Bindegewebe roth tingirt; zwischen den sehr, 
dünnen Bindegewebsbündeln und dem matten, den Kern einhüllen- 
den Protoplasma war eine glänzende, ungefärbte Substanz eingelagert. 
Andere Schnitte zeigten das Protoplasma schwach oder gar nicht, 
Korne, Bindegewebe und Steruarmo aber deutlich roth gefärbt. 



lieber den Bau der Sehnen. 39 1 

II. Zweites Entwicklnngsstaditun. 

a) Längsschnitte. 

Dünne Längsschnitte durch goldgefarbte Sehnen neugeborener 
oder ein bis zwei Monate alter Kaninchen zeigen wieder die früher 
erwähnten gefärbten und ungefärbten Felder; in den ersteren er- 
kennen wir die Zellreihen, in den letzteren die längsgetroffenen 
Bindegewebsbündel, welche ausser der Vergrösserung ihres Dicken- 
durchmessers von den früher geschilderten nicht wesentlich abweichen; 
die Zellen hingegen zeigen nicht unbedeutende Veränderungen, in 
Bezug auf Grösse, Form und Lagerungsverhältniss. Die Zellenreihen 
sind schmäler und länger geworden, und zwar beruht ihre grössere 
Länge auf dem Längerwerden ihrer Glieder, und auf einer Zunahme 
der Zahl derselben. 

Die einzelnen Zellen werden auch in diesem Stadium von der 
früher mit einer Leiter verglichenen, tiefviolett gefärbten Substanz 
umgeben (Fig. V.), aber die Maschen sind länger und schmäler. 
Indem sich die ganze Eeihe nach beiden Polen verschmächtigt um 
mit einer Spitze zu endigen — convergiren die seitlichen Längsantheilo 
der Leiter und vereinigen sich dann an beiden Polen zu je einem 
Faden, den wir als terminalen bezeichnen wollen (Fig. VL a). Die 
Zellen selbst sind in der Mitte der Keihe am breitesten und zwar 
stellen sie hier rechteckige Prismen von Dominosteinform vor. Gegen 
die beiden Pole der Reihe hin werden sie schmäler und kürzer aber 
in der Weise, dass sie noch immer längliche Prismen bilden. Der 
üebergang bis zu jener Stelle, an der das Rendezvous der Leiter- 
längsttheilung erfolgt, geht ganz allmälig vor sich. Manche der 
Zellreihen enthalten nur zwei, andere zehn und noch mehr Glieder. 

Complicirter werden die Verhältnisse, wenn zwei oder mehrere 
Zellenreihen sich theilweise berühren (Fig. VI. b). Man kann solche 
Stellen an dickeren Schnitten leicht zu Gesichte bekommen; man 
nimmt dann wahr, dass eine Zellenreihe, einem in die Tiefe ziehenden 
Biudegewebsbündel folgend, in unmittelbare Nähe einer anderen 
gelangt. Die gefärbten Querleisten der einen Reihe gehen dann zu- 
weilen ohne Unterbrechung in die der anderen Zellenreihe über, ferner 
biegt oft ein seitlicher Längöfaden von der einen Zellenreihe ab und 
wird zur Längsseite der anderen, oder der gelärbte terminale Faden 
einer Zellkette legt sich iinuiittt^ibar au die Längsseite einer über 



992 Spina. 

ihr laufenden anderen Zellenreihe. Es ist oft nothwendig znr Ein- 
sichtnahme dieser Verhältnisse dickere, stärker tingirte Schnitte zu 
untersuchen, dieselben in verdünnter Salzsäure quellen zu machen 
und wieder dem Lichte auszusetzen. Das Protoplasma erscheint nach 
der Einwirkung der Säure wie angenagt und verblasst, die fibrilläre 
Structur der Bindegewebsbündel verstrichen und von den zwischen 
zwei oder mehreren Zellenreihen hinziehenden, braunen Fäden durch- 
brochen. Zum Studium der topographischen Verhältnisse anderer 
Sehnengebilde ist diese Procedur nicht geeignet, da die destruirende 
und modellirende Wirkung der Säure zahlreiche beirrende Bilder 
veranlasst. Man hat es aber zum Theile in der Hand, die durch 
Quellung gesetzten Dislocationen der Gewebstheile zu controliren, 
wenn man den Zusatz der Säure nach Bedeckung des Objects mit 
dem Deckgläschen und unter mikroskopischer Beobachtung vornimmt. 

Trotz alledem stellen sich nach der Säurewirkung nicht selten 
Bilder ein, deren wahre Natur selbst bei den besten Gautelen kaum 
zu erschliessen ist. So findet man Zellreihen, die dadurch, dass einer 
der Längsfäden stellenweise von ihnen sich entfernt, eine Strecke 
weit der longitudinalen Einfassung entbehren. (Fig. V. a.) Ferner 
kommt es zuweilen vor, dass einer der abbiegenden Fäden quer 
über f^ine benachbarte Zellenreihe zieht, um sich in einer höheren 
oder tieferen Ebene mit den Kittleisten einer anderen Zellenreihe zu 
verbinden. 

Nicht selten tragen die Zellen einer Beihe auch an ihren grOssten 
Flächen violettgefärbte Leistchen, welche in der Hegel parallel zu 
den Längsseiten der Zellen verlaufen. Diese Leistchen verschmelzen 
an anderen Beihen unter einander zu langen Fasern und ziehen dann 
in Form median gelegener Fäden über die Zellenreihe. (Fig. VL c.) 
Sie treten hiebei, so oft sie eine Querleiste zu übersetzen haben, 
mit ihr in Zusammenhang. Die Bezeichnung j^medianer Faden* kann 
übrigens nicht wortstreng auf alle diese Gebilde bezogen worden, 
da nicht selten ein medianer Faden mehr oder weniger diagonal 
über die Zellenreihe zieht. (Fig. VI. d.) 

Der Zusammenhang dieser medianen Fäden mit den Querleisten, 
der Widerstand gegen die Einwirkung von Säuren, und das gleiche 
Verhalten der medianen wie der lateralen und transversalen Fäden 
auf Gold und Silber spricht für die physiologische und histologische 
Identität dieser Gebilde. 



Was die Qestalt der Zelleij betrifft, ao kommen ansser deu 
ection geachilderten Formen gedmngene Spindeln und Teräatigte Kör- 
per vor. IiD letzteren Falle konnte ich keine deutlichen Eittf^den 
beobachten. Endlich gibt es Zellen, welche von deutlichen Eittfäden 
nmfasst werden, nach beiden Seiten hin aber sehr Karte, violettge- 
fflrbte Forteätie tragen, welche darcb AnaEtomosen äusserst zarte 
and engmaschige Netze bilden. 

Die Zellenreihen verlaufen in diesem Stadium nicht mehr gerad- 
Unig, sie beschreiben vielmehr, wie ein in leichte Spiralen gedrehtes 
Bändchen weite Windungen. Je milder die Einwirkung der beim 
Färben mit Gold nicht zn vermeidenden Wirknng der Essigsäure 
erfolgte, desto weiter die Spiralen; es lässt sich daher nicht aus- 
Bcblieasen, dass der mehrfach gewundene Verlauf der Zellenkette ein 
künstliches Erzeugniss sei. Uebevdies verlaufen die Zellenreihen an 
Silberpräparaten, welche bekanntlich ohne Zabilfenabme einer Quel- 
InngsflüEsigkeit gewonnen werden, schief und nicht spiralig gedreht. 

Zor Ergänzung der nach diesen Methoden gewonnenen Bilder, 
dient die Untersuchung des frischen, ungefärbten Sehnengewebes; 
doch gelangen die Verhältnisse erst dann zur genügenden Deutlich- 
keit, wenn man das Bindegewebe zum Quellen gebracht hat. Die 
Zellenreihen und die leiterartigen Fäden treten dann als glashelle 
Gebilde hervor. Die Leiterwerke, welche tich an solchen Präparateu 
wie verdickte Zellenränder ausnehmen, sind es namentlich, welche 
diese Eigenschaft im hohen Grade für sich in Anspruch nehmen 
können. Sie lassen sich aus diesem Grande an vielen Stellen als 
nicht anterbrochene Fiiden weit verfolgen. 

b) Querschnitte. 

Quersclmitte goldgefärbter Sehnen dieses Stadiums bieten Fol- 
gendes: Der Querschnitt der Zellen ist vieleckig, der Kern tritt nicht 
mehr in der früheren Deutlichkeit hervor, der Biugfaden schmiegt 
eich dem Zellleibe an und schickt zaliireichu hinge FiirUätte aiu, 
die sich auch hier als Längsschnitte zart&r, schmaler B&ndi 
weisen. Durch Anastomosen benaclibarter Fortsätze eot6KJ> 
grosse Maschen, welche von dem qui-i^ri'tmtl't^neD nogtAI 
Bindegewebe ausgefüllt werden. ^ 



£ 



394 Spina. 

Wird ein etwas dickerer Querschnitt mit Essigsäure behandelt, 
60 zerfällt derselbe in dünne Scheibchen, so dass aus dem einen 
dickeren Querschnitte eine Anzahl über einander liegender dünnerer 
Querschnitte entstehen. Jedes dieser Scheibchen kann durch Umstül- 
pung, indem ein Stück der kurzen und longitudinalen Grenzfläche 
des Scheibchens nach oben gewendet und der Ebene des Gesichts- 
feldes parallel zu liegen kommt — sogenannte Donders^schen Bänder 
bilden. Ein Donders'sches Band kann sich femer durch die Wirkung 
der Säure abermals in zarte, kurze Fibrillenbändchen theilen. 

Ein Donders'sches Band ist demzufolge ein Längsschnitt, dessen 
Breite der Dicke eines solchen Scheibchens, nicht aber der Dicke 
des ursprünglichen Querschnittes entspricht. Die Betrachtung der 
Donders'schen Bänder und der Scheibchen in Carmin gefärbter Prä- 
parate ergibt folgendes : An den ersteren nimmt man die verschieden- 
artigsten Bruchstücke von Zellenreihen und ihren Kittföden wahr. 
Ausserdem kommen Bruchstücke von geschlängelten, nicht gefärbten, 
zuweilen verzweigten Fäden vor, welche sich parallel zum Verlaufe 
der Fibrillen erstrecken. Die Untersuchung der Scheibchen (von 
denen Fig. Vn. eines darstellt), bestätigt den Befund an Querschnitten 
goldgefärbter Sehnen. Gerade an diesen Präparaten lassen sich die 
scheinbaren Zellfortsätze als von einer die Zelle umhüllenden Schichte 
ausgehende zarte Membranen und Fäden erkennen. 

III. Entwicklungsstadium. 

a) Längsschnitte. 
Wir gelangen nun zu jenem Stadium der Entwicklung, welches 
ich an mehrere Jahre alten Hunden, Kaninchen und an alten Menschen 
gefunden habe. Zur Färbung von Sehnen dieser Entwicklungsstufe 
bediente ich mich vorzugsweise dos Carmins, da Gold und Silber- 
präparate weniger deutliche Bilder lieferten. Ich ging bei der Färbung 
nach der von Bau vi er angegebenen Methode, die Sehnen im flxirtcn 
Zustande zu färben und zu untersuchen, vor. Die Präparate erschienen 
im fixirten Zustande durch ungleich lange parallel zur Längsachse 
der Sehnenbündel hinziehende, tief gefärbte Streifen in ungefärbte 
Längsfelder getheilt. Wurde die Sehne aus ihrer Fixirung gelöst und 
durch Essigsäure quellen gemacht, dann konnte man sich überzeugen, 
dass die Streifen Längsschnitte von eigenthümlichen bandartigen 
Gebilden sind, welche aus zarten roth gefärbten isolirten oder ver- 



Ueber den Bau der Sehnen. 395 

schmolzonen Platten zusammengesetzt sind. Wenn die Säure länger 
gewirkt hatte, nahmen die Bänder einen geschlängelten Verlauf an 
und krümmten sich rinnenartig ein. 

Man kann zwei Arten dieser Bänder unterscheiden. Die einen 
sind deutlich gestreift und zwar der Länge und der Breite nach, 
bald schmal, bald breit, die anderen hingegen schmal, glatt, aber 
von grösserem Glänze (Fig. VIH. — X. führen uns einige Bänder der 
ersteren Art vor). Die Streifiing verläuft sowohl der Länge als der 
Quere nach so, dass das Baiid in längliche, viereckige Felder getheilt 
wird. Die Längsstreifen befinden sich, wenn das Band nicht sehr 
breit ist (Fig. X.), meistens nur am Rande derselben ; an breiteren 
Bändern hingegen (Fig. IX.) sieht man je zwei bis drei solcher 
Streifen auch in den mittleren Bandtheilen. Diese Fasern oder Streifen 
wiederholen bald die Krümmungen des Bandes, bald verlaufen sie 
in selbstständigen, von den Krümmungen des Bandes unabhängigen 
Windungen. (Fig. IX a.) Die Längsstreifen convergiren bald an den 
Polen der Bänder und verlaufen endlich, zu einem selbstständigen 
terminalen Faden vereint (Fig. X. a, Fig. XI. a), im Bindegewebe 
weiter; bald trennen sie sich, ohne den Pol erreicht zu haben, vom 
Bande los (Fig. IX, Fig. X. c) und bilden durch Anastomosen mit 
Fäden analoger Art weitmaschige, das Bindegewebe durchsetzende 
Netze. 

Die Zahl der Querfasern ist sehr variabel; an vielen Bändern 
fehlen sie vollkommen (Fig. IX.), während andere Bänder durch sie 
in eine Reihe länglicher Vierecke getheilt werden. (Fig. VIII, Fig. X.) 
Die Structur dieser Vierecke legt die Annahme, dass die Bänder 
aus den früher beschriebenen Zellenreihen hervorgegangen sind, sehr 
nahe. Man nimmt nämlich innerhalb solcher Rechtecke nicht selten 
einen deutlichen, tief roth gefärbten Kern wahr. (Fig. X, b.) Dem- 
zufolge sind die Quer- und Längsstreifen als Reste des früher be- 
schriebenen leiterartigen Gebildes aufzufassen, was auch in ihrem 
Verhalten nach Gold- und Silberfärbung — durch erstere färben 
sie sich violett, durch letztere braun — in der Resistenz nach Ein- 
wirkung von Säuren und ihrem Glänze seine Begründung findet. 

Die Bänder der zweiten Art sind von geringer Breite. Die 
Querstreifen gehen ihnen vollkommen ab, und die Längsstreifen sind 
entweder auch nicht, oder nur als marginale Verdickungen an denselben 
wahrzunehmen. (Fig. XI.) Auch von den Polen dieser Bänder gehen 



396 Spina. 

Netz« bildende Fäden ab. Band and Faden sind stark glänzend and 
widerstehen der Einwirkung der Essigsäure. 

Glatte and gestreifte Bänder stehen entweder durch Neben- 
einanderlagern oder durch anastomosirende Fäden in Verbindung. 
Ein breites gestreiftes Band theilt sich oft in zwei schmälere gestreifte, 
von einander divergirende Bänder, welche aber mit jenem durch 
Längsfäden im Zusammenhange erhalten werden. 

Ausser den von den Bändern abgehenden Fasern kommen noch 
längere oder kürzere selbstständige Fäden vor (Fig. X. d.), welche 
parallel zu den Fibrillen verlaufen und sich gegen Beagentien und 
Licht wie die Längs- und Querfasern des Bandes verhalten: Diess, 
so wie ihr gewundener Verlauf, und das an vielen dieser Fäden, 
(insbesondere an Donders'schen Bändern), wahrzunehmende Bruch- 
ende macht es wahrscheinlich, dass diese Fäden Bruchstücke von 
mit Bändern zusammenhängenden Fasern sind. 

Längsschnitte von Sehnen dieses Stadiums zeigten nach Zusatz 
einer Säure die von den Autoren viel besprochenen Quellungsbauschen. 
Die Querschnitte der oblongen Gebilde, welche nicht quellen und 
durch Einschnürung der gequollenen Massen diese Bauschen bewirken, 
sind entweder drehrund und in diesem Falle von Bändern ausgehende 
Fasern, oder eUiptisch und dann von glatten Bändern herrührend. 

b) Querschnitte. 

Die Untersuchungen quergeschnittener Sehnen dieser Alters- 
periode ergeben, dass die Durchmesser der Bindegewebsbündelquer- 
schnitte grösser sind als die vorher beschriebenen Entwicklungsstufen 
und wieder durch sternförmige Bilder abgegrenzt werden, deren Centra 
aber nunmehr verdünnt, nur als Durchschnitte breiter oder schmaler 
(Fig. Vn. b) Bänder erscheinen. 

Die Strahlen erster Ordnung sind, wie früher, nichts als die 
schmalen Flächen niederer Sehnenscheiden. 

Dickere Sehnen, quergeschnitten, bringen die mehrere Sehnen- 
bündel umscheidenden, Blutgefässe enthaltenden Querfaserzüge zur 
Anschauung. Die letzteren erscheinen auf Querschnitten längsgetroffen ; 
m dieselben hinein lassen sich nicht quellende Fasern und Bänder 
verfolgen. 



Ueber den Bau der Sehnen. 397 

Ich will es nanmehr yersnchen die auf Längs- and Querschnitten 
gewonnenen Bilder aufeinander zn beziehen und die hieraus gewonnenen 
Vorstellungen mit den Angaben der Autoren vergleichen. Die Centra 
der auf Querschnitten sichtbaren sternförmigen Figuren sind zweifellos 
Querschnitte der an Längsschnitten gesehenen Zellenreihen. Der 
Umstand, dass die Zellen sowohl auf Quer- als auch auf Längs- 
schnitten von tiefer gefärbten Ringen umgeben erscheinen, spricht 
femer dafür, dass die Ringe Durchschnitte von Zellhüllen oder Scheiden 
sind, Yon welchen aus die quer durch die Sehne ziehenden Strahlen 
ausgehen. Da diese Strahlen sehr dünn und schmal sind, so können 
sie auf Längsschnitten nicht anders, denn als isolirte im Gewebe 
zerstreute, zarte kurze Fädchen oder gar nur punktförmig erscheinen, 
— Bilder, die man in der That auf Längsschnitten häufig genug sieht. 

Aus meiner Darstellung ergibt sich femer, dass die Hüllen 
und ihre Fortsätze die erste Anlage des elastischen Gewebes bilden. 
Ich bestätige hier offenbar Angaben, welche schon früher, allerdings 
im Sinne der Schwanns'schen Zellenlehre gemacht wurden. So hat 
Valentin^) die elastischen Fasern als ein Product der seitlichen 
Zellwandungen oder einer »Circumpositionssubstanz* zwischen den 
Zellen angesehen. Deutlicher spricht sich hierüber Donders^) aus. 
Unter Erbringung zahlreicher Beweise befürwortet er ebenfalls die Ab- 
leitung der elastischen Fasem von Zellen, und zwar den damaligen 
Anschauungen gemäss, Yon der Membran derselben. Er stützt seine 
Aussage auf eine Reihe von Verändemngen, welche durchzumachen 
nur die Zellmembran das Vermögen besitze, und welche ihm auch 
bei der Genese der elastischen Fasem platzzugreifen scheinen. 

Johannes Müller ^) und Reichert*) bezeichnen die Inter- 
cellularsubstanz als bindege websbildend, die Zellen hingegen als 
Bildner elastischer Fasern, so dass diese sich zum Bindegewebe eben 
so verhalten sollen, wie die Zellen des Knorpels zur Grundsubstanz 
desselben. Im Gegensätze zu diesen Anschauungen leitete He nie ^) 
bei dem Aufbaue seiner Kemfasertheorie einen Theil des elastischen 



») Müller'B Archiv 1840. 

^) Zeitschrift für wissenscbaftl. Zoologie Bd. m. 

») Müller'ß Archiv 1839. 

•) Mülle r'fl Archiv 1852. 

^) Allgemeine Anatomie. 

Med. Jahrbücher. 1K73. Hl. 27 



398 Svina. 

Gewebes (Valentin's horizontal aufgereihtes Epithel, Pnrkinje's 
Formatio grannlosa und Gerber^s variköser Zellstoff) von Kernen 
ab, welche in einander schmelzen sollen. Bekämpft wurde diese An- 
schauung Yon Yirchow in Gemeinschaft mit Donders, welche 
beide der Meinung waren, dass die durch Acidum aceticum darstell- 
baren Faseni nicht aus der Verlängerung von Kernen, sondern aus 
der Verschmelzung faserartig auswachsender oder sternförmiger Zellen 
hervorgehen. 

Es scheint mir, dass meine Darstellung diese Discussion in 
manchen Stücken aufzuklären geeignet ist. Indem sich die Zellen 
sammt ihren Hüllen abplatten und die letzteren in elastische Bänder 
übergehen, ist es begreiflich, dass man in diesen Bändern auch 
noch Kerne finden kann; und in der That sind die von Henle ^) 
abgebildeten Kemfasern durchaus den Gebilden analog, welche ich 
als schmale gestreifte Bänder beschrieben habe. Andererseits ist es 
verständlich, dass man in den zu Bändern abgeplatteten Zellenreihen 
die Zellen nicht leicht wieder erkennt. 

Die Frage, ob das Protoplasma ganz und gar in elastisches 
Gewebe übergeht, oder ob innerhalb der abgeplatteten Hüllen noch 
Beste von lebender Materie ül^rig bleiben, muss ich unentschieden 
lassen. Ich behaupte nur, dass die elastische Substanz zu- 
nächst an der Oberfläche der Zellen gebildet wird. 

Unter den einschlägigen Untersuchungen der Gegenwart ist 
zunächst BolTs ^) Angabe über ein von ihm neu entdecktes Gebilde 
,den elastischen Streifen^ zu berücksichtigen — der, wie Török^) 
erwähnt, von Henle schon früher gesehen und als Kunstproduct 
gedeutet wurde. 

Die von mir an Längsschnitten von Goldpräparaten beschrie- 
benen dunkel violetten Binge und die aus ihnen hervorgehenden 
lateralen Fasern entsprechen den von Boll beschriebenen elastischen 
Streifen. 

Ich muss aber meiner Darstellung entsprechend die Angabe 
BolTs dahin erweitern, dass es nicht nur laterale und mediane, 
sondern auch zu beiden quer verlaufende elastische Streifen gibt. 



*) Allgemeine Anatomie. 
») 1. c. 
») 1. c. 



Üeber ilen Bau der Sehnen. 399 

E& ergibt sich ferner aus meiner Darstellnng, dass die Streifen 
ursprünglich keine selbstständigen (xebilde, sondern Bestandtheile 
der Zellscheide sind. Sobald sich die Zellen zn Platten amgestalten, 
werden aas den Zellhüllen Bänder, an welchen die Längsstreifen 
als Fasern, die Qnerstreifen aber als quere Abtheilnngen der Platten 
sichtbar bleiben. 

Boll bezeichnet femer den Schwund der hyalinen Sehnenzellen 
zu faserartigen Gebilden als Endmetamorphose derselben. Indem er 
sich zweimal auf Fig. 6 seiner Abbildungen bezieht, zeigt er durch 
die Erklärung dieser Abbildung zunächst, dass er nur die schmalen 
Seitenflächen der Bänder gesehen, und sie als Fasern ausgesprochen 
habe. Seine Angaben sind aber sonst auch nicht zutreffend, da er 
einerseits angibt, dass die Zellen zu Fasern schwinden und anderer- 
seits, dass sie als Sehnenscheide'n persi stiren. 

Boll gibt endlich als maidmale Zahl der einer ZeUe zukom- 
menden elastischen Streifen die Zahl drei an — zwei laterale Streifen 
und ein medianer, — während andere nur einen oder zwei besitzen 
sollen. Ich muss auch diese Angabe dahin erweitem, dass an einzelnen 
Zellreihen ausser den lateralen zwei bis drei mediane Fasern vor- 
kommen. 

In Betreff der Sehnenscheiden und die das Bindegewebe beim 
Quellen einschnürenden Gebilde bleiben noch folgende Angaben zu 
berücksichtigen : 

Mit den ersteren beschäftigt sich eine in jüngster Zeit der 
Oeffentlichkeit übergebene Arbeit von Gru en h agen *). Der Verfasser 
beschreibt flügelartige Membranen, welche den Zellen anhaftend, die 
Umscheidung der Bündel vermitteln sollen. Die Angabe über den 
Zusammenhang derselben mit Zellen bringt meine Anschauung der 
Gruenhagen's sehr nahe. 

Eine weitere Angabe über die die Bindegewebsbündel umhül- 
lenden Scheiden — macht Heidenhain *). Er beschreibt eine nach 
Holzessigmaceration auf Bindegewebsbündebi der Blase auftretende 
Querstreifang, die er auf Scheiden der Bindegewebsbündel zurückführt. 



*) Archiv für mikrosk. Anatomie 1873. 

«) Studien I. Heft. 

27 



400 Spina. Deber den Bau der Sehnen. 

Die Angaben über die Qaellangsbauschon hat B oll erschöpfend 
behandelt. Seine eigene Anschannng hierüber ist übrigens schon von 
Flemming ^) widerlegt. 

Schliesslich sei noch einer Arbeit von Oskar Hertwig^) 
erwähnt. Ich glaube die Resultate meiner Untersachungen von Sehnen 
mit denen Hertwig*s am Netzknorpel, an dem der Verfasser des 
Nachweis zu liefern trachtet, dass das elastische Gewebe den Netz- 
knorpels auf der Oberfläche des Protoplasmas gebildet warde, in 
wesentlichen Punkten als einander bestätigend ansehen zu dürfen. 



*) Virchow's Archiv 1873. 

*) Archiv für mikrosk. Anat. 1873. 



Erklairong der Abbildungen. 

Fig. t. Längsschnitt einer in Gold gefärbten Sehne eines 6 Ctm. langen 

Kanin chenembryo. 
Fig. n. Dieselbe Sehne zerzupft; a domartige Fortsätze. 
Fig. in. Eine Zellenreihe aus Fig. I. (vergl. pag. 388). 
Fig. rV. Querschnitt durch dieselbe Sehne. 
Fig. y. Eine Zellenreihe mit medialem und lateralem Faden von der Sehne 

eines neugeborenen Kaninchens. (Goldpräparat). 
Fig. VI. Zellenreihe derselben Sehne. Uebergang des terminalen Fadens 

einer Reihe auf eine andere. 
Fig. Vn. Querschnitte derselben Reihe. 
Fig. 8) 9, 10 und 11. Aus Sehnen alter Individuen (vergleiche pag. 395 

und 396). 



Untersuchungen über die Nerven aus der Knie- 
gelenkskapsel des Kaninchens 

von 
Dr. Carl Nicoladoni. 

(Aus dem Institute fUr experimentelle Pathologie in Wien.) 
Hierzu Tafel IX. 



Mancherlei klinische Beobachtungen drängen dazu sich genaue- 
ren Aufschluss zu verschaffen über das anatomische Verhalten und 
die physiologischen Leistungen der in die Gelenkskapsel eindringen- 
den Nerven. Es genügt, nur auf wenige Erscheinungen aufmerksam 
zu machen, um die darauf abzielenden Fragen anzudeuten. 

Vor allem der Schmerz, der bei manchen Formen der Gelenks- 
entzündung (ich meine hier nur Varietäten eigentlicher Synovitis) zu 
ungewöhnlicher Höhe gesteigert werden kann; die stürmischen Erschei- 
nungen , die Ohnmacht mit allen sie begleitenden , das ganze Gefäss- 
nervensystem interessirenden Vorgängen, wenn urplötzlich ein Gelenks- 
körper unter vehementer Anspannung der Synovialmembran sich einge- 
klemmt hat; die eigenthümlichen, in erster Instanz doch von dem Gelenke 
ausgehenden Erregungen der benachbarten Muskulatur, wenn ein in 
ihrer Tiefe befindliches Gelenk sich entzündet hat; das Zustandekommen 
der eigenartigen Gelenksfixationen im Gefolge der Synovitis grösserer 
Gelenke und deren in gewissen Fällen vollständiger Lösung bei tie- 
fer Chloroformnarkose; endlich die ganze Gruppe jener Gelenksaffec- 
tionen, die in neuerer Zeit durch Brodie, Stromeyer, Esmarch 
und Wernher geradezu als »nervöse* von den übrigen Gelenks- 

Med. Jahrbücher 1873. IV. *8 



402 Nieoladonl. 

krankheiten abgesondert und mit dem Namen von Gelenksneurosen 
belegt wurden, so dass wir sonderbarer Weise jetzt schon von einer 
in den Gelenksnerven localisirten Erkrankung sprechen, ohne über 
die Ausbreitung dieses Abschnittes des Nervensystems etwas Beson- 
deres zu wissen. 

Ich habe vorerst allein das Kniegelenk des Kaninchens der Unter- 
suchung unterworfen, weil dieses in seiner weiten Sjnovialfläche und 
wegen des meist überall transparenten Kapselbandes das günstigste 
Object für eine Behandlung mitGoldehlorid abzugeben schien. Ich habe 
nun die verschiedensten Begionen dieses Gelenkes durchsucht und dabei 
gefunden, dass keine vortheilhafber sei, als die über die hintere 
Fläche des Condylus internus ausgespannte Kapsel. Die seitlich von 
dem Ligam. patellae und. von der Patella selbst gelegenen Partien 
sind wohl sehr zart und durchsichtig und gewähren überdies noch 
eine grosse, auf einmal zu durchmusternde Fläche, aber aus ihnen, 
sowie aus der vor den beiden Ligam. lateral, gelegenen und über 
der hinteren Seite des Condylus ext. hingespannten Membran habe 
ich eine so geringe Ausbeute erhalten, dass ich es späterhin ganz 
aufgegeben habe, mich mit diesen Stellen eingehender zu befassen. 

^ohl zieht nach innen von der Patella ein ziemlich ansehnlicher 
Nervenstamm vom Cruralis herkommend in Begleitung von Gefässen 
herunter; aber er begibt sich sehr bald, ohne früher an die umlie- 
gende durchsichtig dünne Synovialmembran etwas abgegeben zu 
haben, in die der Tibia benachbarten Kapselpartien, die reich mit 
Fettlagem ausgestattet sind, so dass eine bei solcher Untersuchung 
unumgänglich nothwendige einfache Behandlung des Objcctes dadurch 
sehr erschwert und die Durchsicht der Theile beeinträchtigt wird. 
Ueber der dem Condylus ext. nach hinten zu anliegenden Kapsel- 
Fläche kann man wohl regelmässig ein Stämmchen weniger Nerven- 
fäden verfolgen, deren spärliche Verbreitung jedoch wieder sehr bald 
unter denselben Fettausfüllungen wie in dem ersten Falle verläuft. 

Der über dem C. internus weggespannte Antheil der hinteren 
Kapselpartie hingegen ist gleichmässig dünn, besitzt ein ziemlich 
ausgedehntes^ von Fettanhäufungen nicht unterbrochenes Areal, auf 
welchem vorzüglich die vom Tib. post. herrührenden Gelenksnerven 
einfliessen und reichlich versorgen. Dieses Areal ist es allein, aus der 
die Resultate meiner über Gelenksnerven augestellten Untersuchungen 
crewonnen wurden. 



Nerven der Knirgelenkskapsel des Kaninchens. 403 

Die Methode, welche ich, nach vielen anderen vergeblichen Ua- 
tersuchungen, die mir alle nur partielle Färbungen ergaben, jetzt an- 
wende, besteht in Folgendem: 

Die enucleirte und enthäutete hintere Extremität eines eben ge- 
tödteten Kaninchens wird bei halber Beugestellung des Kniegelenkes 
auf einer Unterlage fixirt, darauf die an der hinteren Oberschenkelseite 
gelegenen biarthrodialen Muskeln durch einen Medianschuitt getrennt, 
so dass der N. ischiad. sich rein präsentirt. Die so gespaltenen Muskeln 
werden noch weiter gegen die Lig. lateral, des Gelenkes zu abprä- 
parirt, bis die hintere Gelenksgegend nur mehr von dem Gastrocne- 
mius, der beim Kaninchen allein die hohe Schichte der Wadenmus- 
kulatur ausmacht, bedeckt erscheint. Der zwischen seine beiden Bäuche 
sich einsenkende Nerv, poplitaeus wird nun in eine Nadel gefasst 
und seitwärts über dem Condylus externus hinweg abgezogen, wo- 
durch die zwischen beide Bäuche eingeschobene bindegewebige In- 
tersection, in welcher der zu verfolgende Gelenksnerv verläuft, an- 
gespannt wird und sich so leichter von dem inneren Muskelbauche 
des Gastrocnemius abgrenzen lässt. Dieser wird etwas unterhalb des 
Kniegelenkes quer durchtrennt, der dadurch gebildete centrale Mus- 
kelstumpf in die Pinzette gefasst und sorgfältig von der tiefen 
Schichte der Unterschenkelmuskulatur abgelöst. Durch dieses Vor- 
dringen von unten her kommt man gerade auf das Kapselband und 
kann nun mit flach unter dem noch immer sauft angespannten Mus- 
kelstumpfe hin geführten Zügen eines kleinen schwachen Messerchens 
die ganze Ausbreitung der Gelenksmembran über dem Condylus int. 
frei legen und gleichzeitig beobachten, wie der in dem oben erwähn- 
ten seitlich gespannten Septum eingebettete Gelenksnerv über die 
mehr gegen den Cond. intern, zu gelegene Vena poplitaea hinüber 
ziehend in das Gelenksband eintritt. 

Ist dies einmal gethan, so begiesse ich die hintere Fläche der 
Gelenkskapsel mit etlichen Tropfen einer 0*5 ^ Goldchloridlösung, 
um so das Gelenksband zu steifen und für die spätere Herausnahme 
geschickter zu machen, indem ich dadurch einer sehr misslichen 
Eigenschaft desselben, nämlich sich bei Unterlassung dieses Manö- 
vers mittelst der zähen Synovia zu einem unentwirrbaren Knäuel 
zusammenzufalten, in einer sehr förderlichen Weise begegne. Hat das 
Goldchlorid etwa 10' eingewirkt, so umschneide ich die zu untersu- 
chende Partie mit kurzen und behutsamen Scherenschlägen, wobei 

«8* 



404 Niroladoni. 

insbesondere zu achten ist, dass das Gelenk nicht bewegt nnd das 
Kapselband in keiner Weise gezerrt werde. Das so ausgeschnittene 
Stück wird mit seiner äusseren Fläche auf ein stärker gewölbtes 
Uhrglas gelegt und nun mit frischer 0*5 ^ Goldchloridlösung auf 
seiner inneren Fläche aus massiger Höhe herab Übergossen, um das 
Eiweisshäutchen, welches das Chlormetall aus der Synovia niederschlägt, 
sogleich von der Innenfläche der Membran abzuspülen ; wartet man 
hingegen, bis es nöthig wird, dieses mit Pinselstrichen wegzufegen, 
so werden damit die feinen Bilder im Endothel der Intima leicht 
gefährdet. So bleibt das Präparat noch etwa 10' der Einwirkung der 
Lösung ausgesetzt, bis es durchaus eine sattgelbe Färbung angenom- 
men hat. Hierauf wird es mit Löschpapier leicht getrocknet und 
etwa 24 Stunden lang in schwach mit Essigsäure versetztem Wasser 
dem Lichte ausgesetzt. Endlich wird der Ausschnitt von den noch 
anhaftenden dickeren Randtheilen befreit und stets mit der Intima- 
fläche nach aufwärts schauend in verdünntes Glycerin eingeschlossen. 

Wartet man noch einige Tage, so hat sich der im Anfange 
noch ganz transparente Grund zart rosig gefärbt, während alles was 
zur Nerven Verbreitung gehört eine dunkel violette bis schwarze Fär- 
bung angenommen hat. Marksubstanz und Axencylinder färben sich 
gleich, der ganze Faden tritt auf der ebenen gleichmässig rothen 
Membran auf das schärfste hervor. Seine Scheide ist sehr zart und 
bis in die letzten Verzweigungen hinein, mit den von Innen anlie- 
genden Kernen in so anschaulicher Weise sichtbar, dass ein solches 
Stück Gelenksmembran schon für das Studium markhältiger Nerven - 
faden allein die belehrendsten Bilder liefert. 

Die vielfachen Theilungen und Verzweigungen der nach einem 
ganz einfachen Typus angeordneten Nervenfäden, die dunkelroth 
gefärbten Arterien, Venen und Capillaren verleihen dem Präparate die 
ganze Schönheit gelungener Injectionsobjecte. Dazu kommen noch 
die eigenthümlichen, später noch zu beschreibenden netzigen Aus- 
breitungen der Nerven, welche nach Anordnung und Habitus den 
Laubkronen vergleichbar sich den letzten markhältigen Fäden anschlies- 
sen, und so dem betreffenden Abschnitte der Gelenksmembran ein auf 
den ersten Anblick kenntliches charakteristisches Ansehen verleihen. 
Vergleiche Fig. 1. Tafel IX. 

In je einer solchen Membran findet man zumeist ein, seltener 
zwei und noch seltener drei Netvenstämmchen von der Peripherie 



Nerven der Kuiegelenkäkapsel des KanlDcheus. 405 

her eindringen. Mit der Zunahme ihrer Zahl nimmt ihre Mächtigkeit 
ab, nnd ist die letztere in Anbetracht des zu versorgenden Gebietes 
nie eine bedeutende. Wenn drei Stämmchen vorhanden sind, so ist 
eines besonders schmächtig und geht rasch der Endausbreitung ent- 
gegen. 

Mit den gröberen Nervenstämmen verlaufen gewöhnlich die Ve- 
nen und zwar zumeist ihrer zwei, den begleitenden Nerv stets zwi- 
schen sich fassend. Die zu demselben Gefässsystem gehörende Arterie 
dringt dann von unten nach oben aus der Medianlinie des Gelenkes 
in die Membran ein und hat daher in ihrem gröberen Stamme 
eine auf den Verlauf der Nervenbündel und der Venen quer stehende 
Richtung. 

Die Nervenfäden dringen als Bündel markhaltiger Fasern in die 
Membran ein und gelangen als solche in ihre verschiedenen Ver* 
breitungsbezirke. An den meisten Präparaten fällt es auf, dass ein 
ziemlich mächtiges, zuweilen auch zwei etwas schmächtigere Bündel 
über den Condylus internus hin keine Verbreitung finden; sondern 
gleich in der Medianlinie nach aufwärts ziehen, um, wie es scheint, 
das umgrenzende und mit dem Gelenksbande verschmelzende Periost 
der hinteren Oberschenkelfläche zu versorgen. Was jedoch abgesehen 
von dieser Abzweigung übrig bleibt, gehört der Gelenkskapsel und 
zwar speciell zumeist dem über den Condylus internus hingespannten 
Abschnitte an. 

Jugendliche Thiere ergaben folgende Verhältnisse: 

Es hat das auf den ersten Anblick sich einigermassen unzu- 
länglich ausnehmende Bündel einen im Ganzen weitläufigen Verbrei- 
tungsbezirk, so dass ein Präparat an welchem die Färbung gut 
gelungen ist, und das ein hinreichend grosses Areal umfasst doch 
in seiner Totalität, den Eindruck einer reichlichen Versorgung mit 
nervösen Gebilden macht. Dieses wird durch vielfache Theilungen 
einzelner Nervenfäden erreicht. 

Es trifft sich an vielen Stellen, dass eine einzige ziemlich dicke 
Faser längere Zeit in ihrer Schwann'schen Scheide einfach verläuft, 
dann bei einfacher Scheide doppelt wird, bis endlich beide Fäden 
mit gesonderter Hülle sich voneinander trennen. Jede derselben 
wiederholt diesen Vorgang unter geringen Modificationen einmal 
oder mehrere Male, bis endlich gegen die letzten Verästelungen 
hin nicht selten Dreitheilungen stattfinden. Dabei bleiben die Fasern 



406 Nicoladonl. 

immer noch markhältig und behalten auch ihre Seh wann 'sehe 
Scheide bei. 

Was die Lage der Nervenfäden in der Gelenkskapsel anbelangt, 
so ist sie am Rande des Präparates der Anssenfläche näher, bald 
jedoch tauchen sie in die Tiefe, dringen im weiteren Verlaufe immer 
mehr nach innen vor, um endlich der Intima der Gelenksmembran 
ungemein nahe zu rücken. 

Ich habe diesem Punkte gleich von Anfang her ein besonderes 
Augenmerk geschenkt, weil Hueter in seiner »Klinik der Gelenks- 
krankheiten^ aussagt, dass man Nerven in der Adventitia, d. h. im 
fibrösen Antheile der Gelenksmembran gesehen, jedoch bis zur In- 
tima hin noch nicht verfolgt habe. Ich habe nun von im Allgemei- 
nen mittelgrossen Thieren Präparate bekommen, in welchen die mark- 
hältigen Fasern entweder nur mehr von einer äusserst zarten, fein 
gestreiften Faserlage bedeckt und nur hie und da von einem der 
Intima angehörenden Capillarrohre übersprungen wurden, oder nur 
mehr von dem Endothel der Intima selbst bedeckt waren. Ja ich 
habe in Präparaten, die ich durch Abpinselung von dem durch das 
Goldchlorid erzeugten Niederschlage gereinigt habe, Bilder erhalten, 
in welchen die Nerven ganz oberflächlich lagen. 

Es war aber dies ein Ergebniss des noch zu groben Präpara- 
tionsvorganges, bei welchem es leicht geschehen konnte, dass hie 
und da durch den fegenden Pinsel das Endothel mitgenommen 
wurde ; denn an den so dargestellten Objeeten hörten die der In- 
tima eingelagerten markhältigen Nervenfäden nach einer mehi'fachen 
Spaltung in ganz schroffer Weise, wie abgetrennt auf, so dass es 
mir an ihnen nie gelungen ist, jene feineren Verhältnisse aufzudek- 
ken, wie sie sich in den später zu beschreibenden Endigungen der 
Gelenksnerven darstellen. 

Es war mir jedoch gestattet, an einem Objecte, an dem mir 
die Goldfärbung nicht über die gröbere Verzweigung hinaus gelun- 
gen war, bei dem ich jedoch die Abpinselung unterlassen habe und 
welches durch die alleinige Einwirkung der verdünnten Essigsäure 
das sogenannte Endothel in sehr scharf ausgeprägten Contouren 
zeigte, eine ganz unzweifelhafte Einlagerung markhältiger Fasern im 
Bereiche der Intima zu constatiren, wobei sie nur von einer einzigen 
Lage, der meist ovalen zelligen Elemente der Intima bedeckt waren. 
Auch lässt sich an Stellen, wo eine reine Goldfärbung der Nerven- 



Nerven der Kniegeleukskapsel des KaDinchens. 407 

auflösung im Endothel gelungen ist, der noch im Bereich der in- 
nersten Lage der Synovialmembran verlaufende zugehörige mark- 
hältige Faden hie und da über ein Capillarrohr gelagert erkennen, 
ein Verhalten, das bei der Intima nicht auffällig ist, da hier Capil« 
laren in verschiedenen Lagen vorkommen. 

Die einzelnen Nervenfäden selbst besitzen eine variable Dicke. 
An den Hanptstämmchen sind sie stattliche Marksäulen, welche durch 
ihre Theilung wohl an Umfang verlieren, nie jedoch im adäquaten 
Verhältnisse, so dass die Querschnitte der Zweige zusammen stets 
ein grösseres Areale ergeben, als der Querschnitt des Stammfadens, 
ein Verhältniss, das besonders da auffallend ist, wo entweder die 
beiden Aestchen eine Zeit lang knapp neben einander in gemein- 
schaftlicher Scheide verlaufen, oder da wo eine Dreitheilung statt- 
findet 

Die Vertheilung der Nerven macht sich im Allgemeinen so, 
dass von einem Hanptstämmchen links und rechts dickere und dün- 
nere Fäden sich ablösen, um die zu beiden Seiten des Stammes lie- 
genden Territorien zu versorgen; abweichend davon geschieht es 
aber nicht selten, dass von einem Seitenfaden eine durch dichoto- 
mische Theilung entstandene Abzweigung späterer Ordnung nach der 
entgegengesetzten Seite des Mutterstammes hinüberzieht, um in 
einem Bezirke seine Endausbreitung zu finden, die man aus einer 
viel näheren Quelle versorgt halten würde. 



In Bezug auf die letzten Nervenausbreitungen habe ich dreierlei 
Modalitäten gefunden: 

1. Endausbreitungen im Gebiete der Adventitia und der Intima, 

2. Gefässnerven, 

3. Pacini'sche Eörperchen. 

A. Bervenausbreitongen in der Intima und Adventitia. 

Die markhältigen Nervenfäden, welche im Bereiche der Intima 
gefunden werden, lassen sich daselbst bis zu eigenthümlichen Aus- 
breitungen verfolgen. Das Häufigste ist wohl, dass eine markhältige 
Faser mit einem Conus abschliesst, aus dessen Spitze sich ein einfach 
contourirter, dunkelviolet bis schwara gefärbter Faden (Fig. 2 Taf. IX) 



408 Nicoladooi. 

fortsetzt, um auf eine Gruppe Endothelzellen hinzuziehen. Bis dahin 
behält der Faden seine Schwann'sche Scheide bei, über deren wei- 
teres Schicksal und Verhalten zur Endausbreitung ich aber nichts 
Genaueres ermitteln konnte. Jeder dieser Fäden geht continuirlich 
in ein dunkel violet bis schwarz gefärbtes Netzwerk über, dessen 
einzelne Maschen die zelligen Elemente der Intima umfangen. 

Dieses Netzwerk hat nun an verschiedenen Stellen wieder seine 
besonderen Eigenthümlichkeiten. Manchesmal ist es schön und weit- 
läufig ausgebreitet und besitzt nebst einer stattlichen Flächenaus- 
dehnung auch noch eine bedeutende Tiefendimension, so dass es 
wegen des wirren Durcheinanders von Fäden und Maschen den 
Anschein eines Knäuels erhält. Es zeigt sich nämlich bei successiver 
Handhabung der Stellschraube, dass bei oberflächlichster Einstellung, 
höchste zellige Gebilde der Intima umspinnende Fäden deutlich ge- 
sehen werden, dass diese bei tieferem Stande der Linse tiefer 
gelegenen Fäden Platz machen, mit denen die ersteren in unmittel- 
barem Zusammenhange stehen. Dabei ist noch zu bemerken, dass 
bei höchster Einstellung die ganze Gruppe der Fäden mit den 
eingeschlossenen Endothelzellen sich von der umgebenden Intima- 
fläche gleichsam wie ein gesondertes Gebilde abhebt, um ein weniges 
höher liegt als die benachbarte Fläche, so dass man von dieser 
eigenthümlichen Endausbreitung den Eindruck eines aus der Intima 
hervorragenden Hügels empfängt. 

Die Ausdehnung eines solchen Gebildes in die Fläche ist ver- 
schieden. Bald löst sich ein einziger Faden in ein kleines Maschen- 
werk auf; bald wird die Ausbreitung dadurch grösser, dass ein sich 
gleichfaUs blos an die Intima-Oberfläche haltendes Gebilde bei schma- 
lem Querdurchmesser sehr stark in die Länge zieht. — Wenn es 
aber in die Tiefe steigt und den Eindruck eines Knäuels zu machen 
anfängt, dann hat es auch stets eine mehrfach grössere Flächen- 
ausdehnung gewonnen. 

Bei einer solchen Ausdehnung wird aber selten blos eine zu- 
tretende Nervenfaser gesehen; meist existiren für die Versorgung 
eines solchen Knäuels 2—3 marklose Fäden, die entweder aus einem 
Conus entspringen, oder aus mehreren markhältigen Zweigen her- 
kommen. In dem letzteren Falle können die markhältigen Mutter- 
stämmchen aus einem Stamme entspringen, oder von versclüedenen 



Nerven der Kiiiegeleukskapsel iles Kaninchens. 409 

Seiten herantreten. An einem Präparate, das Anfangs nur unvoll- 
kommene Färbung zeigte, später aber nachdunkelte, zogen zu einem 
Netze 8 Fäden, welche theils knapp vor der netzigen Ausbreitung 
marklos wurden, theils in weiterer Entfernung von ihr als marklose 
Fäden sich von dem Stamme abtrennten. An einer anderen Stelle 
desselben Präparates zählte ich noch mehrere Fäden, welche von 
allen Seiten her sich an die Endausbreitung mit ihren marklosen 
Wurzeln herandrängten, und sämmtliche zu einem aus 3 gesonderten 
markhältigen Fäden bestehenden Stamme gehörten. 

Die Mitte zwischen diesen zusammengesetzten und den oben 
beschriebenen einfachsten Formationen halten jene BiLier, wo ein 
konisch abgeschlossener markhältiger Faden 2 oder 3 blasse Fasern 
ausschickt, welche in übereinander gelagerten Schichten zusammen- 
hängende Netze bilden, deren höchstes wieder in der Fläche der 
Intima gelegen ist. 

Was nun /diese Netze selbst anbelangt, so sind die Fäden, aus 
denen sie gewoben sind, wieder verschieden. Sie sind entweder sehr 
dünn, stellenweise wie punktirt und besitzen zumeist an ihren Ver- 
einigungspunkten knotige Anschwellungen. An den dichteren und 
zusammengesetzteren Netzwerken sind sie jedoch nicht gleich breit. 

Schon der aus dem konischen Markende austretende Nervenfa- 
den zeigt sich stellenweise knotig verdickt, ja an beschränkten Stellen 
schwillt er wieder durch eine spindelförmige Anlagerung einer schwä- 
cher gefärbten Substanz so auf, dass er den Eindruck macht, als 
hätte er auf eine kleine Strecke hin wieder einen kurzen üniguss 
von Mark erhalten. Ebenso knorrig und unregelmässig knotig sind 
die Fäden an den complicirteren Maschenwerken und nur an Stellen, 
wo in den Lücken die eingeschlossenen zelligen Elemente der Intima 
sich deutlicher abheben, gewinnen sie wieder das Ansehen zarter, 
punktirter Rahmen. 

Die klaren, kleinen Bildchen finden sich gern in dem Verlaufe 
eines sehr oberflächlich gelegenen markhältigen Fadens. Bei diesen 
kommt es nämlich vor, dass plötzlich aus dem lang gestreckten Ver- 
laufe desselben ein einfach contourirter, feiner, sehr dunkel gefärbter 
Faden in fast senkrechter Bichtung herausbricht, um sich alsbald 
in ein zartes Netzwerk aufzulösen, dessen Schlingen sich in einer 
dem Nerven fast unmittelbar an- und überliegenden Endothelgruppe 
befinden. 



410 Nicoladoni. 

Hat aber einmal das nervöse Maschenwerk eine grössere A^ns- 
breitung erlangt, so sind die einzelnen Schlingen aus Fäden gebil- 
det, welche dicke, oft unförmliche Anschwellungen zeigen, ja manch- 
mal fliessen die von verschiedenen Seiten herkommenden Fäden, an- 
statt sich zu einer Masche zu vereinigen, in einer unregelmässigen 
Plaque zusammen, zum Unterschiede von den klar gezeichneten Bil- 
dern, wo kleinere Anschwellungen nur an den Ejiotenpunkten des 
Netzes auftreten. 

Auffallend ist das Verhalten des Axencylinders an manchen 
Stellen, wo er noch eine Schwann^sche Scheide besitzt, also bevor 
er in sein Netzwerk eintritt. Um den Axencylinder und innerhalb 
der Scheide lagern sich nämlich meist krümlige Massen unregelmäs- 
sig vertheilt herum, mit welchen der meist median gelegene Axen- 
faden durch kurze seitliche Sprossen zusammenhängt, oder es lockert 
sich der ganze Axencylinder in einen unregelmässigen schwarz ge- 
färbten Zug auf, aus welchem heraus erst ein einfacher Faden tritt, 
der weiteihin in jene oben beschriebenen Gebilde eingeht. 

Die Färbung dieser Netze ist durchweg eine sehr dunkel vio- 
lette, ja schwarze, von derselben Nuance, wie die des eintretenden 
Axencylinders ; nur da, wo sich Netzfäden zu breiteren Plaques ver- 
dicken, zeigen letztere eine hellere Färbung und eine fein punktirte 
und gestreifte Zeichnung. 

Die Form der Ausbreitungen ist selbst wieder eine verschie- 
dene. Die vorherrschende ist die rundliche, besonders bei den mit- 
telgrossen. Grosse, complicirtere Gebilde sind bald rund, bald mehr 
in die Länge gezogen. Anderseits sind sie derart zusammengesetzt, 
dass aus einem rundlichen Gebilde ein schmales Netzwerk sich ent- 
wickelt, das sich zuletzt wieder in ein mehr rundliches verbreitert. 
Dabei sind nicht alle vollständig geschlossen, sondern es lösen sich 
an ihren Grenzen feine Sprossen, besonders gern von den langge- 
streckten Netzen ab, die kürzer oder länger sein und wieder secun- 
däre Sprösslinge tragen können, welche letzteren sich meist an den 
Contour der äussersten Endothelzellen anschmiegend mit einer knopf- 
förmigen Anschwellung aufhören. 

Die bis jetzt beschriebenen Gebilde sind theils der Fläche der 
Intima eingelagert, theils liegen sie unter dem oberflächlichsten Ca- 
pillarnetze, so dass sie nur von einer einfachen Fndothellage be- 
deckt werden. 



Nerven der Kuiegelenkskapsel des Kaninchens. 411 

Ganz analoge Gebilde finden sich in der Adventitia. Auch 
hier schliessen die markhältigen Nerven mit einem Conus ab, der 
seinen einfach contourirten Axencylinder absendet; auch hier lösen 
sich die Fäden zu einem Netzwerke auf, in dessen Maschen zellige 
Elemente eingelagert sind (Fig. 3). 

Nur sind hier aller Orten die Ausbreitungen kleiner und von 
dem oben erwähnten einfacheren Paradigma; niemals werden hier 
so ansehnliche Netzwerke getroffen wie in der Intima. 

An den Gelenken völlig ausgewachsener Thiere habe ich dann, 
wenn das fibröse Verstärkungslager der Gelenkskapsel schon dick 
und mächtig war, die deutliche Darstellung der netzförmigen End- 
ausbreitungen in der Adventitia vermisst und anstatt ihrer den nur 
durch einen kurzen einfachen Faden fortgesetzten markhältigen Co- 
nus von der welligen Anordnung der Bindegewebsfasern in weitem 
Eahmen umfasst werden gesehen, so dass dadurch entweder eine 
einzelne Nervenfaser ihren formalen Abschluss fand, oder zwei oder 
drei durch Theilung entstandene zusammengehörige Nervenfasern zu 
einem in sich abgeschlossenen Ganzen vereinigt wurden, umgeben 
von den analogen zelligen Gebilden, wie in jenen Gelenken, wo die 
noch vorhandene Durchsichtigkeit die Ansicht der Bestandtheile auch 
in der tieferen Schichte der Adventitia vollständig frei liess. 



Es sind noch die Beziehungen der markhältigen Stämmchen zu 
den Ausbreitungen iu der Adventitia und in der Intima zu erörtern. 

Von den mannigfachen Modificationen , unter welchen Intima 
und Adventitia von denselben Nervenstämmen versorgt werden, will 
ich nur folgende erwähnen. So gibt es markhältige Fasern, die be- 
vor sie sich in ihre Endausbreitungen auflösen, in etliche markhäl- 
tige Fasern theilen, von denen ein Stämmchen in eine der Intima 
angehörende Ausbreitung zieht, während die fibrigen successive in 
immer tiefere Schichten der Adventitia hinuntersteigen. Oder ein 
etwas langgestreckter Nerv, der der Oberfläche etwas näher liegt, 
schickt einen kurzen, feinen, marklosen Faden zu einer kleinen In- 
timaausbreitung und geht dann zur Adventitia. 

Ein anderes Mal trifft man einzelne markhältige Nervenfädon, 
deren Verbreitung nur der Adventitia angehören. Oder endlich ein 
einfacher markhältiger Faden, der durch Theilung die Adventitia 
bedacht hat, endigt zuletzt hoch oben an der Intima. 



41 2 Nicoladonl. 

B. OeflUsnerven. 

Eine Anordnung, welche als ein vasomotorischer Nervenapparat 
angesprochen werden konnte, traf ich nur einmal in einem sehr 
günstigen Präparate. Es entsprang aus einem in der Adventitia 
gelegenen markhaltigen Nervenfaden unter rechtwinkliger Abzweigung 
ein einfach contourirter zarter Faden, der sich bald in ein kleines 
längliches Netz mit langgezogenen Maschen auflöste. Aus diesem 
heraus war der blasse Achsen C3'linder weiter hin bis zu einer feinen 
Arterie zu verfolgen, neben welcher er eine Zeit lang im flachen 
Bogen entlang lief, um endlich auf ihr eine feine mit knotigen An- 
Schwellungen versehene netzige Ausbreitung zu bilden, deren Fäden 
mit den am Arterienrande deutlichst sichtbaren Muskelkemen der 
Gefässmedia in demselben Focus gesehen werden konnten (Fig. 4). 
Dieselbe markhältige Faser, welche den eben besprochenen blassen 
Nerven abgab, hatte schon früher einen Seitenzweig abgeschickt, 
der mit seiner Endausbreitung unter dem oberflächlichem Capillar- 
Stratum abschloss. 

Ferner sah ich ein einziges Mal einen feinen blassen Faden, 
der von einem markhaltigen Nerven her continuirlich verfolgt werden 
konnte, auf einem langgestreckten Capillarrohre immer dünner wer- 
dend verlaufen, bis er sich weiterhin dem Auge völlig entzog. 

C. Facinische Körperchen. 

Nebst diesen nervösen Apparaten finden sich noch Pacinische 
Körperchen. Ihr Vorkommen an den Gelenksnerven war schon durch 
Bau her (München 1867) bekannt gemacht worden. Sie finden sich 
an sehr jungen Thieren so gut, wie an vollkommen ausgewachsenen. 
Diese Körperchen sind immer Nachbarn der gröberen Nervenbündel, 
indem sich aus diesen sehr bald nach ihrem Eintritte in die Gelenks- 
membran einfache markhältige Nervenfaden losmachen, um bald nach 
ihrer Abtrennung in ein concentrisch geschichtetes meist länglich 
ovales Körperchen einzutreten, und dort an dem anderen Pole des 
Ovals mit einer knopflförmigen Anschwellung zu enden. Die Wandung 
selbst ist zart, nur von wenigen concentrischen Bindegewebslagen 
gebildet, und enthält meist mehrere in jungen Thieren selbst viele 
zellige Elemente. Zuweilen theilt sich ein Nerv und jeder der so 
entstandenen Zweige wird durch ein Pacini*sches Körperchen abge- 
schlossen. 



Nerven der KDiegeleukskapsel de? Kaninrlicns. 413 

Die Körperchen sind von verschiedener Länge. Im Allgemeinen 
sind sie viel kleiner, als die im Mesenterium der Katze. Nur selten trifft 
man ein sehr lang gestrecktes, welches in der Längenausdehnung 
die gewöhnlichen Dimensionen um ein mehrfaches übertrifPt. In diesem 
Falle hat es eine wellige Form, so dass die in seinem Innern ein- 
geschlossene Nervenfaser geschlängelte Windungen machen muss. 

Als einen merkwürdigen Befund muss ich noch erwähnen, dass 
ich an einem ausgezeichneten Präparate von einem jugendlichen Thiere 
ein Pacini'sches Körperchen von langgestrecktem Baue sah, in dessen 
noch mit vielen zelligen Elementen erfüllter concentrisch geschichteter 
Wandung, seinem freien Pole entsprechend, ein feines, längliches, 
aus wenigen Maschen gebildetes Netz ganz dunkel gefärbter, einfach 
contourirter und äusserst zarter Fäden enthalten war, das einerseits 
dem Knopfe des im Pacini^schen Körperchen enthaltenen Nerven sehr 
nahe lag, anderseits aber einen feinen langen Axencylinder empfing, 
der sich bis zu seinem Ursprünge aus einem kurzen markhaltigen 
Nervenstämmchen zurückverfolgen Hess. Aus diesem entsprang jener 
feine Faden gleichzeitig mit einem anderen schon oben erwähnten, 
welcher auf einem langgestreckten Capillarrohre entlang fortlief. Auf 
seinem Wege zum Pacini*schen Körperchen hatte der erstere feine 
marklose Faden eine auffallend dicke, geschichtete Schwann'sche 
Scheide, die mit viel Kernen besetzt war und die ununterbrochen in 
die concentrische Wandung des Vater'schen Gebildes überging. 



Aus dem Ganzen lässt sich folgendes Resumä ziehen: 

1. Am Kniegelenke des Kaninchens existiren gewisse Stellen, welche 
vorzugsweise mit Nerven versorgt werden. 

2. Die ein Nervenstämmchen zusammensetzenden markhaltigen Fä- 
den theilen sich als solche in vielfacher Weise. 

3. Die letzten Zweige finden ihren Abschluss in discreten, netz- 
förmigen Ausbreitungen des Axencylinders, welche theils dem 
dichter gestellten Endothel der Intim a, theils Anhäufungen zel- 
liger Gebilde der Adventitia eingelagert sind. 

4. Ein kleiner Theil der Nerven tritt in eine nähere Beziehung zu 
den Gefässen. 

5. Der Best endlich betheiligt sich an der Bildung Pacini'scher 
Körperchen. 



414 



Erklärung der Abbildungen. 

l'ip. 1. Verthciluiig der Nerven in dem über die hintere Fläche des Con- 
dylns intern, ausgespanntem Antheile der Gelenksmembran. Reichliche 
Nervenverzweigung. — aaa Nervenstämmchen — b Arterie — cec Ve- 
nen — dddd Einfache Nervenfäden, die sich mehrfach theilen, bevor 
sie von den hier nur angedeuteten Endausbreitungen — e — abge- 
schlossen werden — f Pacini'sche Körperchen. — Ger. Vergrössemng. 

Fig. t. Feine Endausbreitung in der Intima der Synovialmembran. Ein 
Nervenfaden a theilt sich in 4 markhältige Fasern, welche den 
Conus b bilden, aus dessen Spitze der feine Axencylinder weiter 
geht, um in die Endansbreitung einzudringen. Capillarrohr c und 
d liegt unter den Nerven. — Vergr. Hartnack Oc. 3. Syst. 8. 

Fig. 3. Ausbreitung in der Adventitia; zwei Nerven a und b treten ein, 
aus dem Conus von a treten zwei Axencylinder, welche weiter in 
ihre Endausbreitung eingehen — b ein Axencylinder, der bis zu 
einem markhältigen Faden zurück verfolgt werden kann und in 
seiner weiteren Auflösung mit der Endausbreitung von a zusam- 
menhängt. Die Partie d des Präparates ist höher gelagert als die 
Partie c. Das Capillarrohr c geht über die Endausbreitung von a. 
Vergr. Hartn. -y,. 

Fig. 4. a eine einfache Faser — b kleine Endausbreitungen in der Ad- 
ventitia — c ein blasser Faden, der früher ein der Adventitia des 
Gelenkes angehöriges Netz bildet, bevor er sich auf eine kleine 
Arterie legt, um auf ihr eine feine Ausbreitung d zu bilden, deren 
Fäden gleichzeitig mit den Muskelkernen der Gefässmedia einge- 
stellt werden — e f feine Ausbreitung in der Intima der Synovialis. 
Vergr. Haitn. V^. 



Beitrage zur Eenntniss des Baues nnd der Yer- 
richtimg der Blase und Hanurohre. 



Von Dr. Gostav Jorir. 



Als ich mich eiDem speciellen Stndinm der Erkrankungen des 
Hamapparates zuwendete, mnsste mein erstes Streben darauf gerich- 
tet sein, mir ein möglichst genaues Bild der anatomischen Verhält- 
nisse dieser Theile in ihrem gesunden, wie kranken Zustande zu ver- 
schaffen. 

Es zeigte sich dabei bald, dass viele wesentliche Punkte theils 
streitig, theils ungenügend erörtert sind — ich erinnere nur an den 
Streit über den Verschluss der Blase, an den Mangel aller eingehen- 
den Angaben über Form und Lagever&nderung dieses Organes und 
der Harnröhre u. s. w. u. s. w. Es ist diese Thatsache um so 
merkwürdiger, als keines der im Innern des Körpers liegenden Or^ 
gano, von ältester Zeit her, so vielen chirurgischen Kingriffen aus- 
gesetzt war, als die Blase und gerade für diese derartige genaue 
Angaben von eminenter Bedeutung sind. 

Wir finden denn auch viele hervorragende Arbeiten über dieses 
Thema von Männern, die Chirurgen und nicht Anatomen vom Fache 
waren, nnd manches Lückenhafte und Fehlerhafte mag sich vielleicht 
eben auch aus diesem Umstände erklären. 

Auch mich führte die Chirurgie zu den Untersuchungen» deren 
Resultat ich hiermit veröffentliche. Sollte darin der Pilettantismus 
nicht zu sehr zum Vorschein kommen« so danke ich dies nur der Qüte 
meines Lehrers Hrn. Professor Langer, unter dea;$eu Anleitung der 



4ir> jiiiii^. 

gröbste Theil dieser Arbeiten gemaolit wurde, für dessen aufopfernde 
Güte ich meinen wärmsten Dank an dieser Stelle auszudrücken nicht 
unterlassen kann. 

I. 
liskslatir der Hase. 

Will man eine einigermassen richtige Vorstellung haben über 
die Art und Weise, wie Füllung und Entleerung der Blase vor sich 
geht, welche Lage- und Formveränderungen dieses Organ und der 
Anfangstheil der Harnröhre dabei erleidet; will man ferner sich klar 
werden, in welcher Weise ganz geringe Veränderungen an der üeber- 
gangsstelle der Blase zur Urethra hinreichen, um den freiwilligen 
Entleerungen des Harnes ganz unübersteigbare Hindernisse in den 
Weg zu legen, so muss man vor allem den Muskelapparat, der diese 
Entleerungen bewirkt, kennen. 

So viele Autoren sich auch mit ihm beschäftigt haben, so gibt 
es deren doch kaum zwei, die mit ihren diesbezüglichen Ansichten 
vollkommen übereinstimmen. Wenn auch ihre Angaben sich in Man- 
chem begegnen, so weichen diese doch wieder in Hauptpunkten von 
einander ab, derart, dass ein Versuch, sie vergleichend nebeneinan- 
der zu stellen, nicht so leicht gelingt, zugleich aber auch zeigt, 
dass über diesen Gegenstand noch kein endgiltiges Urtheil gespro- 
chen ist. 

Wirklich bietet aber auch die Untersuchung dieser Muskulatur 
inannigfache Schwierigkeiten. Ein bedeutender Aufwand an Zeit und 
Geduld wird zur vollkommenen Präparation erfordert und grosse in- 
dividuelle Verschiedenheiten, sowie der Wechsel der Erscheinung, 
welche gefüllte und leere, atrophische und hypertrophische Blasen 
zeigen, thun ihr Möglichstes, um einer richtigen Erkenntniss verwir- 
rend in den Weg zu treten. 

Diese Verschiedenheiten geben schon innerhalb der Grenze des 
Kormalen verhältnissmässig bedeutende Abweichungen, sowohl was 
die Stärke als auch die Bichtung der einzelnen Muskelbündel betrifft. 
Haben sie aber einmal diese Grenze überschritten, so werden die- 
selben so mannigfach, dass schon eine genaue Bekanntschaft mit 
dem Normalen erfordert wird, um sich halbwegs zurechtzufinden. 

So kommt es, dass ein Theil der Autoren, welchen es nicht 
gelingen wollte, ein bestimmtes System dafür zu entdecken, eine 



Rfiträge zur Konntuiss tler Blase und HarnrOhre. 417 

systematische Anordnung der Bündel rundweg lengnet nnd einfach 
von einem sich über die ganze Blasenwand erstreckenden Netzwerke 
spricht, während der andere Theil wieder im entgegengesetzten Ex« 
treme zahlreiche der Lage nnd Richtung nach verschiedene Schich- 
ten unterscheidet. 

Ich will hier die Hauptansichten mit ihren Vertretern in ge- 
drängter Kürze folgen lassen. 

Als Netzwerk ohne bestimmten Verlauf beschreibt sie Lien- 
taud') und Sabatier^) und in neuester Zeit auch Aebj^). 

Zwei Lagen von Bündeln, äussere gerade und innere schiefe, 
beschreiben Du verney*), Huschke^), Cruveilhier®), Guthrie''), 
Haller«), Mekel»), Arnoldi«), Luschka^»), Hyrtl«), Henle»») 
und Obersteiner**). 

Drei Lagen werden schon von Galen ^^) angenommen, und 
zwar gerade, schiefe und runde, während Riebet*®), Ellis **), 



^) M^m. de TAcad. 1753, p. 99. 

^) Tractato completo d'Anatomia del Sabatier, 1787, p. 46. 

*) Bau des menschl. Körpers von Ch. R. Acby. H.Lief. 1869 p. 581 

*) Oeuvres anat. Duverney. Paria 1761. IL 

^) Soemering's Lehre von den Eingeweiden; umgearbeitet von 

Huschke. 1844, p. 332. 

•) Trait^ compl. d' Anatomie. Cruveilhier. Paris 1777. 

'') On the Anatomy and diseases of the urinany organs and sezaal 
Organs J. Guthrie, 1843. 

^) Elementa physiologiae corporis humani Hall er. Tom. VII. Ber- 

nae 1765, p. 316—319. 

') Handbuch der menschlichen Anatomie von Mekel. Halle und 
Berlin 1820. 

*®) Handbuch der Anatomie des Menschen. Arnold. 1847, 2. Bd. 

4. Abth. p. 199. 

^^) Anatomie des menschl. Beckens von Luschka. 1864, p. 233. 

**) Lehrbuch d. Anatomie des Menschen von J. Hyrtl. lK55,p. 549. 

^^) Handbuch der systematischen Anatomie des Menschen J. Henle. 
1864, n. Bd. p. 329. 

^^) Harnblase und Uretbrae von Oberst ein er in Stricker's Lehre 
von den Geweben. 1870. UL Lief. p. 520. 

^*) De usu partium libr. V. cap. XI. 

'•) Trait^ practique d'Anatomie medico-chirurgicale. Birhet 1866. 
3. Edit. p. 763. 

^"O An account ef the urinary and certain of the generation organes 
of the human body. Viner EUis. Iiond. Med. chir. Trans. XXXIX. p. 328. 
Mod. JahrbUcber. 1873. IV. 29 



418 Juri^. 

Barkow^) und v. Schmidt*) eine äussere Längs-, eine mittlere 
Inreis- und innere netzförmige Schichte beschreiben; — vier Lagen 
gibt A. Sabatier') an, gerade, ovale, circuläre und innen wieder 
Längsbundeln ; — endlich gar sieben Schichten Tettigrew *), er 
beschreibt von aussen nach innen gehend Längsbündel, schwach- 
schiefe, sehr schiefe oder quere (als mittelste Schichte), schiefe, 
schwach-schiefe und wieder Längsbündel (als innerste Schichte). 

Da sich diese sieben Schichten an allen vier Seiten der Blase 
wiederholen sollen, so unterscheidet er sie auch nach dieser ihrer 
Lage und sagt jedes dieser Bündel bildet eine mehr weniger ge- 
streckte 8. Figur, derart, dass die Kreuzung der 8 auf die entspre- 
chende, das Ende der beiden Schlingen aber auf die entgegengesetzte 
Seite falle. 

Man sieht welch' enorme Combination von Verschlingungen und 
Kreuzungen diese in sieben verschiedenen Richtungen von je vier 
Seiten verlaufenden 8. ergeben müssten. — Ausser diesen verschie- 
denen Ansichten über die allgemeine Anordnung müssen wir noch 
einiger über den Schliessmuskol und des Trigonum gedenken. 

Guthrie, Lieutaudund Barkow leugnen die Existenz eines 
Blasen-Schliessmuskels; Letzterer spricht von elastischen Kreisfasem, 
die den Blaseiihals umgeben und deren stärkere Entwicklung Ver- 
anlassung geben könne zu glauben, dass man es mit Muskeln zu 
thun habe. 

Haller und Charles BelP) beschreiben ihn als nicht voll- 
kommen kreisförmig. Bell sagt, seine grösste Stärke ist, an der 
hinteren Wand, gegen vorne verschmächtiget und verliert er sich 
im Gewebe der Blase. Beinahe alle neueren Autoren, nehmen aber 



^) Untersuchungen über die Harnblase des Menschen v. Barkow. 
Breslau 1858. 

*) De vesicae urinariae coUo non extante etc. v. Schmid. Inang.- 
Dissertat. Dorpat 1859. 

') Recherches anatomiques et physiologiques sur les appareils mus- 
culairs correspondants ä la vescie et ^ la prostate dans les deux sexes. 
A. Sabatier. Paris 1864. 

*) üeber die Muskelanordnung der Harnblase etc. J. B.Tettigrew. 
Philos. Trane, of the Royal Society of London 1867. Vol. 157, Part. I. 

^) A Treatise on the Diseases of the TJretra, Vesica urinaiia, Prostata 
and Rectum. Ch. Bell. 3. Edit. London 1822. 



J 



Beiträge zur Kenntaiss der Blase und HamrOhre. 419 

einen muskulösen Bing an, so Koelliker, Weber, Krause, Hyrtl, 
He nie, Huschke, Arnold, Mekel, Luschka, Uf feimann n. s.w. 
u. s. w. Doch sind sie uneinig über seine physiologische Wirksam* 
keit. Huschke legt wenig Gewicht auf sein Wirken als Schliess- 
muskel und behauptet, wenn die Pars membranacea eingeschnitten 
werde, fliesse der Harn von selbst ab. Luschka gibt an, seine 
grösste Dicke sei 0-7 Centim., er reiche^ 1*5 Centim. in die Blase, 
etwas tiefer in die Harnröhre hinein und habe durch eine Art klo- 
nischen Krampfes die letzten Tropfen auszutreiben. Henle^) schei- 
dete aber die zunächst des Blasenausganges befindlichen Kreisfasem 
von denen des eigentlichen Schliessmuskels und sagt mit Eecht, 
dass Ersteren obiges Geschäft zukomme, letztere aber beim Verschlusse 
der Blase thäthig sind. 

lieber das Trigonum ist verhältnissmässig weniger geschrieben 
worden. Morgani ^) und Santorini ^) sagen, es entstehe durch 
dicke runde Muskelstränge, welche von der inneren Mündung der 
Ureteren kommend na'ch abwärts gehen und vereint im Colliculus 
seminalis enden. Zu diesem Hügel lässt auch Bark ow seinen Mus- 
culus interuretricus treten, während Lieutaud^), der dem Trigonum 
seinen Namen gab, sagt, dass dasselbe schon im mittleren Lappen 
der Prostata endige und hiermit Charles Bell übereinstimmt. 

BelP) nimmt aber einen eigenen Ureter en-Muskel an, dazu 
dienend, die schiefe Stellung der Harnleiter zu erhalten. 

Luschka lässt das Trigonum aus den Längsbündeln der Ure- 
teren entstehen, die dann theils bogenförmig von der Mündung des 
Einen zu der des Anderen ziehen, theils nach vorne conve1*girend sich 
mit dem Sphincter verbinden. 

Nicht ganz verständlich ist He nie in seinen diessbozüglichen 
Angaben. Nach ihm geht das Trigonum aus einer Fortsetzung der 
Fasern des Schliessmuskels hervor, und die Bündel seines horizon- 
talen Schenkels gehen in die Längsschichte der Harnloitor über, er 



*) Seite 332—333. 

^) Adversaria i. r. q. Adversaria HI. Aninrndvorn. XIIL 
^) Observationes anat. cap. X. sec. XXI. 
*) mm. de racad. 1757, p. 13, 

^) Account of the MuscleH of tho Urctom and i\\f\v tftt^i'U ou the 
irritable states of the Bladdcr. C]\. Bell. Mrd. chir. (rnUK. voK IIL 1811 



lässt abor ans diosor Schicht«' anch äia Längsbündel des abstei^nden 
Astes entstehen. Tettigrew endlich will anch hier seine sieben 
Schichten wiedererkennen, nnd glanbt der horizontale Schenkel sei 
aus einer theilweisen Obliteration der Ureteren entstanden, nnd die 
wichtigste Verrichtung des Trigonnms sei, den CoUiculns seminalis, 
welcher bei Rahe der Blase deren Hanptverschlnss bilde, bei Beginn 
der Contraction zn heben tind dadurch dem Harne den Austritt zu 
gestatten. 

Trotz aller dieser verschiedenen Angaben lässt sich durch gründ- 
liche Untersuchung einer grösseren Anzahl von Blasen eine bestimmte 
immer wiederkehrende Gesetzmässigkeit in der Anordnung der Mus- 
kulatur nicht verkennen. 

Diese Anordnung und die Art und Weise, wie sie einerseits 
die Entleerung der Blase bewirkt, andererseits wieder behindert, 
d. h. zum Verschlusse der vier Oe£fnungen derselben dient, soll das 
Hauptziel der gegenwärtigen Urtersuchung sein. 

Da eine dieser Oeifnungen, die gegen den ürachus, sich schon 
während des Embryonal -Lebens dauernd schliesst und überhaupt 
diese Verhältnisse sich bei Embryonen viel leichter überschauen lassen, 
so wollen wir mit der Entwicklung der Harnblase beginnen. 

Bekanntlich entwickelt sich die Allantois aus 2 soliden Höckern 
der vorderen Bauchwand, die verschmelzend eine Ausstülpung des 
Enddarnies aufnehmen, welche sich immer mehr vergrössert und 
endlich die gestielte Allantoisblase bildet — die Blase selbst hat 
uns hier wenig zu beschäftigen, wohl aber ihr Stiel, der von der 
vorderen Mastdarmwand ausgehend bis zur Nabelöffnung verläuft. 

Man stellt sich nun gewöhnlich die Bildung der Harnblase so 
vor, dass im 2. Monate dieser Stiel in seiner Mitte erweitert werde 
und dadurch drei Abtheilungen bilde, deren , oberste dem Urachus, 
die mittlere der Blase, die unterste aber der Urethra entspreche. 
Derartige Abtheilungen lassen sich aber Ende des 2. Monates noch 
nicht erkennen. Der ganze Stiel umschliesst vom Nabelringe bis zur 
Verbindungsseite mit dem Genitalstrange einen spindelförmigen Gang. 
Zu Anfang des 3. Monates ist diese Sonderung eher zu erkennen, 
und ihre Deutlichkeit nimmt mit dem Wachsthume immer mehr zu, 
doch erreicht sie ihre volle Entwicklung, wenigstens was die Grenze 
zwischen Blase und Urethra betrifft, erst mit der Pubertät. Die ge- 
naue Scheidung dieser einzelnen Organe kommt dadurch zu Stande, 



Beilrage zur Kennlniss der Blase und Harnröhre. 421 

dass der mittlere Theil des Stieles sich anverhäitnissmässig erwei- 
tert, während die beiden Enden nnr sehr wenig an Dicke, dafür 
aber, besonders das obere, in Folge des Höherrückens des Nabels 
und des tieferen Standes der Blase, an Länge zunehmen. Der mitt- 
lere Abschnitt vermag mit diesem Längswachsthume um so weniger 
Schritt zu halten, als er in Folge einer später zu erwähnenden Ab- 
schnümng seine trichterförmigen Uebergänge verliert und die beiden 
anderen Abschnitte dadurch auf seine Kosten verlängert werden. 

Anfangs des 3. Embryonalmonats ist der Urachus bei seinem 
Eintritte in die Bauchhöhle mit den beiden vor ihm liegenden Na- 
belarterien zu einem Strange vereint, seine Wände sind von läng- 
lichen Zellen gebildet, an denen sich noch keine bestimmte Anord- 
nung erkennen lässt, sein Lumen äusserst gering und oft nur durch 
eine Anhäufung von kleinen rundlichen Zellen, die stärkere Färbung 
annehmen, erkennbar. Mit dem Eintritte in die Bauchhöhle verdicken 
sich die Wände und mancher Schnitt zeigt schon ganz deutlich in 
der Mitte des Stranges ein kleines rundes Lumen, das mit Zellen 
ausgekleidet ist. 

Wenige Schnitte unter dem Nabel und man kann bei einem 
senkrecht auf die Urachusaxe geführten Schnitt folgendes Bild fin- 
den. Der Urachus der früher nahezu um ein Drittel dünner als eine 
Umbilicalarterie war, übertrifft diese nun beinahe um das Doppelte. 
Sein Durchschnitt gibt ein Oval, dessen Längsaxe nach den Seiten 
sieht; das Lumen erscheint nicht mehr kreisrund, sondern ist nach 
vorne zu in die Länge gezogen und aus der Mitte des Stranges 
gegen die vordere Bauchwand gerückt, hinter dem ürachuslumen, 
beiläufig im Gentrum findet sich eine zum grössten Theile mit kleinen 
rundlichen Zellen ausgefüllte Querspalte, die sich später als erste 
Andeutung des Blasenlumens erweist. Beide Lumina sind von einem 
Saume länglicher Bindegewebszellen umschlossen, denen zunächst 
deutlich erkennbare Muskelzellen folgen, die nach innen der Quere, 
nach aussen aber mehr der Länge nach angeordnet sind. 

Bei den folgenden Schnitten ist das Lumen des Urachus ver- 
schwunden, das der Blase erweitert sich bedeutend und ist meist 
noch ungefaltet. Die umgebenden Wände zeigen bei Picro-Carmin- 
Färbung gelbe Streifchen, die mehr weniger einem Kreissegmente 
entsprechend das Lumen umgeben und aus Muskelzellcn gebildet sind. 
Unterhalb des Eintrittes der Ureteren verengt sich wieder das Lu- 



422 Jari& 

men, und eiiie bestimmte Oewebsanordnang der Wände lässt sich 
nicht mehr erkennen. Erst kurz Tor der Yereinigong mit den Gän- 
gen des Genitalstranges zeigen sich wieder nach vorne nnd aussen 
liegende Mnskelbündel, welche den durch diese Yereinigang als 
Urethra charakterisirten Kanal halbmondförmig umgeben. 

Gegen Ende des dritten -Monats werden die Bilder schon viel 
deutlicher. Im Querschnitte zeigt sich das Lumen des Urachns un- 
mittelbar unterhalb des Nabels ziemlich klein, nahezu vollkommen 
rund und mit kleinen Zellen ausgekleidet, auf welche ein verästeltes 
Bindegewebe und auf dieses ein mehr der Länge nach angeordnetes 
folgt; diese Anordnung bleibt durch 8 — 10 Schnitte nach abwärts. 
Erst jetzt nimmt der Strang etwas an Dicke zu und es zeigen sich 
zwischen der äusseren Bindegewebsschichte Querschnitte von zarten 
Muskelbändelchen und zahlreichen Gefässen. Die Dicke wächst nun 
rasch und damit ändert sich auch seine ganze Erscheinung. Das 
Lumen des Urachus ist nicht mehr kreisrund, sondern mehr weniger 
einer Längsrichtung nach getroffen und nach vorn aus dem Mittel- 
punkte des Schnittes geruckt; zu dessen Seiten finden sich einzelne 
Durchschnitte von Längsmuskelbündeln, weiter nach aussen und 
hinter denselben aber Querbündel, die von der Seite nach rückwärts 
ziehend sich hinter dem Lumen theils durchkreuzen, theils um das- 
selbe biegen und zur anderen Seite gehen. 

Ein, höchstens zwei Schnitte tiefer und das Lumen des Urachus 
erscheint wieder kreisrund und weniger stark nach vorn geruckt, die 
Anordnung der Muskelbundel ist sich so ziemlich gleich geblieben, 
nur haben die Querbundel, besonders die rückwärtigen, an Stärke 
und Zahl bedeutend zugenommen und es finden sich schon einzelne 
Längs- und sehr zarte Querbündel, die vor dem Urachuslumen lie- 
gen. In den nächstfolgenden Schnitten, deren Umfang sich rasch 
vergrössert, tritt das Lumen noch mehr ins Gentrum zurück und die 
vorderen Querbundel wachsen derart an Zahl und Mächtigkeit, dass 
sie endlich die rückwärtigen an Stärke übertreffen. Diese sind we- 
niger dicht aneinander gereiht nnd entfernen sich, indem sie gros- 
sere Halbkreise beschreiben, mehr vom Urachuslumen. Indem sich 
nun die vorderen und hinteren Querbündel an den Seiten durch- 
kreuzen und einzelne Nebenzweige abgeben, bilden sie ein Netzwerk 
zwischen dem sich einzelne im Querschnitte getroffene Muskelbündel 
finden, doch ist hier die Zahl derselben immer sehr klein; um so 



Beiträge zur Kenntniss der Blase und Harnröhre. 423 

bedeutender wird sie aber an der Aussenseite, derart, dass das gan^e 
Netz von Längsbandeln umgeben erscheint. 

Die nun rasch folgende Eröffnung der Blase zeigt, dass die 
Yorhergegangenen Schnitte die Kuppe ihres Scheitels getroffen hat- 
ten. Das Lichte der Blase vergrössert sich nun wieder bis in die 
Gegend der Ureterenmündung und ist von Wänden umgeben, an 
denen man ganz deutlich eine äussere stärkere und eine innere viel 
schwächere Schichte von Längsbündeln, zwischen ihnen aber eine 
von mehr weniger halbkreisförmig verlaufenden Querbnndeln unter- 
scheiden kann. Endlich folgt zu innerst auf einem Saum von Binde- 
gewebe ein mehrfach geschichtetes Epithel. 

Je mehr man sich der Oeffnung der Ureteren nähert, um so 
spärlicher werden die inneren Längsfasem, bis sie endlich an der 
hinteren Wand gänzlich verschwinden; die Querbündel bilden immer 
kürzere Kreis-Segmente, die äusseren Längsbündel aber häufen sich 
an der vorderen und hinteren Wand als mächtige Schichte an. 

Trifft man endlich auf die Mündung der Ureteren, so sieht man, 
kommt ein etwas längeres Stück ihres Kanals in den Schnitt, dass 
einzelne Querbündel sowohl von der Seiten- als von der Hinterwand 
der Blase auf die Ureteren übergehen und hier als Längsbündel 
verlaufen. 

Die Quermuskeln der Blase verlieren tiefer nach abwärts den 
Charakter von Bündeln und treten als dicht gereihte, zarte Fasern 
mit wenig dazwischenliegendem Bindegewebe auf. Aussen sind aber 
an der vorderen und hinteren Wand noch starke Längsbündel zu 
finden, doch auch diese verschwinden zuletzt. Die Blase hat sich 
zur Urethra verengt, die von einem ganz deutlichen Muskelringe um- 
geben ist, der nur nach hinten durch die Einschaltung des Genital- 
stranges (Prostata, Vagina), in welchem seine Fasern büschelförmig 
aufgelöst eintreten, unterbrochen wird. 

Fassen wir diesen Befund in Kürze zusammen, so sehen wir, 
dass mit dem Ende des 3. Monates sich der Urachus schon bedeutend 
verlängert hat, und der U ebergang desselben in die Blase nicht mehr 
allmälig, sondern plötzlich stattfindet, so dass der Urachus, kaum 
dass er sich etwas verdickt hat, auch schon in den Scheitel der 
Blase eintritt. Er läuft ein Stück weit in dessen Wand von vom 
nach hinten und wird von Muskelbögen umsponnen, die anfanglich 
mehr nach hinten, dann aber in grösserer Zahl nach vorne sehen. 



424 Juri(<. 

Die Blase geht nach unten noch ohne bestimmte Grenze in die Harn- 
röhre über, doch lässt ihre Wand schon deutlich eine innere nnd 
äussere Längs- und mittlere Ringmnskelschichte unterscheiden. 

Diese Verhältnisse werden mit dem Fortschreiten des Alters 
immer deutlicher und endlich markirt sich auch der Anfang der 
Urethra durch eine grössere Anhäufung transversaler Bündel (Sphin- 
cter internus). 

Gehen wir nun zur Untersuchung der Blasen Erwachsener, so 
darf sich diese nicht auf einzelne wenige beschränken, es muss, 
will man das Individuelle von Generellen, das Normale von dem 
Anormalen trennen, die zeitraubende und mühsame Präparation der 
Muskelbündel an zahlreichen und in verschiedenen Contractionszustän- 
den befindlichen Blasen vorgenommen werden. 

Die zusammengezogene Blase zeigt nach Entfernung des äus- 
seren Bindegewebes, der Gefasse u. s. w., u. s. w. ihren Körper 
und Grund beinahe allenthalben von Längsbündeln umgeben, nur 
nach vorne bleiben neben dem Eintritte der Ureteren kleine ovale 
Felder frei, wo die tiefere Schichte von Querbündeln zu Tage tritt. 

Der Urachus verlässt die Blase am höchsten Punkte des Schei- 
tels. Ihn umgreifen von vorne nach hinten mächtige Muskelschlingen^), 
die anfänglich dicht gereiht sind, später aber immer spärlicher werden 
und vereinzelt bis zur halben Höhe der Blase herabreichen. Diese 
Schlingen bedecken das obere Ende der hinteren Längsbündel, und 
verfolgt man ihren Verlauf so findet man, dass sie von den vorderen 
Längsbündeln gebildet werden; während nämlich die mittelsten der- 
selben sich in gerader Bichtung auf den Urachus fortsetzen, biegen 
die folgenden, haben sie diesen erreicht, hinter ihm um und bilden 
80 Schlingen, die jemehr sie seitlich gelegenen Bündeln entsprechen, 
um so tiefer herabreichen, daher auch um so weiter werden, und 
einer entsprechend früheren Umbiegung der Längsbündel nöthig haben. 
Nach abwärts drängen sich diese dichter an einander, und in der 
Nähe des vorderen Bandes der Prostata verlassen einige von ihnen 
die Blasenwand, biegen sich nach aufwärts und treten zu den Li- 
gamentis puboprostaticis in welchen sie verlaufen und sich theilweise 



^) Funda superficialis. Barkow. 



-H 



Beiträge zur Kenntniss der Blase und Harnröhre. 425 

bis ZU den Schambeinen verfolgen lassen *) , der grösste Theil der 
übrigen Bändel aber geht weiter nach abwärts, und verliert sich 
tbeils in der Prostata, theils läuft er an ihrer Aussenseite zwischen 
den grossen Venen zum muskulösen Theil der Harnröhre. 

Die hinteren Längsbündel werden wie schon gesagt nach oben 
von den Schlingen der vorderen bedeckt, und gehen nach unten 
gleichfalls näher an einanderrückend zum oberen seitlichen Rande 
der Vorsteherdrüse, wo sie sich theils inseriren, theils in das Gewebe 
der Druse eintreten. Häufig convergiren einzelne dieser Bündel und 
kreuzen sich bevor sie die Prostata erreichen, an dieser Kreuzungs- 
stelle geben sie sich gegenseitig zarte Muskelbündelchen ab und 
sind überdiess durch straffes Bindegewebe innig verbunden. Von 
der zur Seite der Ureteren unbedeckt gebliebenen Querschichte sieht 
man einige Bündel sich von der Blasenwand entfernen und zu den 
Uretheren treten, an welchen sie eine Strecke weit als Längsbnndel 
verfolgt werden können. 

Bei der mehr ausgedehnten Blase sondern sich die Längsbündel 
schon viel deutlicher in vordere und hintere Lager, die von der 
Vorsteherdrüse schmal ausgehend nach oben zu sich fächerförmig 
ausbreiten. Die einzehien Bündel stehen schon weiter von einander 
ab, und nimmt man das zwischen und unter ihnen liegende Binde- 
gewebe weg, so tritt beinahe überall eine tiefer liegende Schichte 
von Querbündeln zu Tage. An der hinteren Wand treten von den 
Seiten und von oben her, die Ureteren in convergirender Bichtung 
zur Blase, gehen ihre volle Wandung behaltend durch eine Spalte 
der hinteren seitlichen Längsbündel und verlaufen, anfänglich zwi- 
schen dieser, bald aber zwischen der ersten und zweiten Schichte. 
Das Stück, welches von ihnen innerhalb der Blasenwand liegt hat 
je nach Füllung der Blase eine Länge von 1—2 Centim., erst der 
letzte Theil, beiläufig 0*3 Centim. lang, wird nur mehr von Schleim- 
haut bedeckt, wodurch die bekannte Klappe zu Stande kommt. 

Der Urachus nimmt bei der ausgedehnten Blase nicht mehr den 
höchsten Punkt des Scheitels ein, sondern ist mehr gegen die vor- 
dere Wand herabgerückt, doch kann man ihn deuilich unterhalb jener 
Schlingen, die ihn nach vorne umlegen, in einer Länge von 0*5 bis 
1*0 Ctra. nach oben und rückwärts verfolgen. 

') Mein, pubo-vesicales Henlc. — Lcvator prostatae Viner Ellis. 



426 Juri^. 

Gleichzeitig sieht man, dass anch die hinteren Längsbündel um 
den Urachns umbiegen and in ganz ähnlicher Weise wie die Torderen 
Schlingen ^) bilden, nnr kommen diese unter die yorderen Längs- 
bündel zu liegen ^) und mengen sich mit der tieferen , in gleicher 
Bichtong yerlaofenden Qnerschichte derart, dass es schwer wird, Ton 
jedem einzehnen Bündel genau anzugeben, ob es eine Schlinge der 
Längsmnskulatur sei oder schon der zweiten Schichte angehöre. 

Nimmt man nun die Longitudinalschichte im ganzen Umfange 
hinweg, so findet man Qnerbnndel, welche die Blase in Ereistouren 
umgeben. Die Bichtungsebene der vorderen Touren geht nach hinten 
und unten, die der hinteren nach vom und unten. Durch diesen 
nach abwärts geneigten Verlauf kommt es, dass die transversalen 
Bündel sich vielfach durchkreuzen und für den ersten Anblick ein 
Netzwerk über die ganze Blase bilden. 

Die schiefe Lage der Bichtungsebene wird nach unten immer 
geringer und nähert sich am Blasenausgange endlich der horizon- 
talen; die Folge davon ist eine Anhäufung von Querbündeln in der 
unmittelbaren Umgebung der Hamröhrenöffnung, aus welcher der 
Sphincter internus hervorgeht, dessen Fleisch sich sowohl aus den 
unteren Bögen der höher gelegenen vorderen und hinteren Kreis- 
tonren, als auch aus den ganzen horizontalen Touren zusammensetzt. 
Der Schliessmuskel ist am stärksten an der Stelle, wo sich die 
Blase zur Urethra umbiegt und verschmächtigt sich gegen die Hara- 
röhre und Blase. Seine Bändel sind zart, dicht gereiht und durch 
straffes Bindegewebe und elastische Fasern fest verbunden , mit wel- 
chen sie ein beinahe homogenes Gewebe bilden, so dass ihre Dar- 
stellung nur nach einer vorsichtigen Maceration gelingt. 

An der hinteren Blasen wand zeichnen sich 4 — 5 Querbündel 
durch besondere Stärke aus; sie liegen unmittelbar oberhalb des 
horizontalen Astes des Trigonums und stammen von Kreistouren, 
deren vordere Bögen am Scheitel der Blase unter den Schlingen 
der hinteren Längsbündel liegen. Von hier ziehen sie nach abwärts, 
um an der Seite der üreteren die erwähnten frei zu Tage liegen- 
den Querbündel zu bilden und im weiteren Verlaufe aber wieder von 



*) Funda inferior Barkow. 

*) Selten findet das Umgekehrte statt. Barkow sah dann den 
Urachns an die rückwärtige Wand der Blase gerückt. 



Beitrage zur Kenntnisa der Blase und Harnröhre. 427 

den hinteren Längsbündeln bedeckt zu werden. Enrz nach Eintritt 
nnter diese Bündel werden sie durch die dritte innerste Schichte 
bedeutend verstärkt und erhalten hierdurch ein gewisses Ueberge- 
wicht über die anderen transversalen Bündel. 

Die dritte innerste Schichte untersucht man am besten, indem 
man die Blase durch die Harnröhre umstülpt. Die Schleimhaut 
lässt sich dann überall leicht von der Blasenwand ablösen mit Aus- 
nahme am Trigonum und beiläufig 1*3 Ctm. im Umkreise der Harn- 
röhrenmündung; hier ist sie mit der unterliegenden Muskelschichte 
fest verbunden. 

Ist die Schleimhaut entfernt, so sieht man, dass der kreisför- 
migen Schichte zuinnerst noch eine dritte, aus nicht sehr zahlrei- 
chen Längsbündeln bestehende aufliegt. Diese Bündel verhalten sich 
insofern verkehrt wie die äusseren, als sie am Blasenscheitel dichter 
an einander gereiht sind und erst gegen unten sich mehr ausbrei- 
tend, mit ihren seitlichen Bündeln um den Blasengrund in ähnlicher 
Weise Schlingen bilden, wie dies die äusseren um den Urachus thun. 

Von den vorderen inneren Längsbündeln behalten die in der 
Mittellinie oder derselben zunächst liegenden ihre Bichtung bei und 
können bis in die vordere Wand des muskulösen Theiles der Harn- 
röhre verfolgt werden, die übrigen Bündel biegen, je mehr sie seit- 
lich liegen, um so früher nach rückwärts um. Zuerst fällt diese 
Biegung noch in die Harnröhre und einzelne Bündel gehen an der 
hinteren Wand derselben bis in den Samenhügel, später treten sol- 
che zu den absteigenden Ast des Trigonums und einige kräftige 
Bündel verstärken den horizontalen Ast desselben. Die Schlingen 
der seitlichsten endlich, 4 bis 5 an Zahl, verbinden sich mit den 
schon früher erwähnten, oberhalb des Trigonums gelegenen Quer- 
bündeln. 

Die hinteren inneren Längsbündel sind viel geringer an Zahl, 
vom Blasenscheitel ausgehend lassen sie sich bei massig ausgedehn- 
ter Blase nur bis in die Mitte der hinteren Wand verfolgen ; hier 
verbinden sie sich theils mit der unter ihnen liegenden Schichte, 
theils treten einige wenige zum horizontalen Aste des Trigonums. 

Am Scheitel vereinigen sich die unteren Längsbündel von allen 
Seiten zur Bildung eines Netzwerkes, dessen Centrum der Austritts- 
stelle des Urachus entspricht, zu dem hier einzelne Bündel treten 
und an ihm bis ausserhalb der Blase verfolgt werden können. 



42S JurH. 

Wir haben hier wiederholt das Trigonam vesicae erwähnt; es 
ist dies ein zwischen den Mündnngen der Uretheren der inneren 
Blasenwand anfliegender, ans Bindegewebs-, elastischen nnd Muskel- 
fasern bestehender dreieckiger Wulst., dessen Basis nach aufwärts 
seine Spitze aber gegen die Urethra gekehrt ist. 

Sein sogenannter horizontaler Ast, der die beiden Uretheren 
verbindet, ist nach abwärts leicht convex und enthält kräftige Mus- 
kelbündel, welche einerseits von den neben den Uretheren nach aus- 
sen freiliegenden Querbündeln, andererseits von den inneren seit- 
lichen und hinteren Längsbündeln herstammen, ausserdem gibt aber 
auch die Längsschichte der Uretheren einen nicht unbedeutenden 
Beitrag dazu her. 

Der absteigende Ast enthält nur ganz zarte Muskelbündelchen, 
die von der innersten seitlichen Längsschichte der Blase und den 
Längsbündeln der Uretheren ihren Ursprung nehmen. 

Diese werden immer geringer an Zahl und Stärke, je mehr sie 
sich der Urethra nähern und verschwinden selbst für das Mikroskop 
meist noch ehe sie die Harnröhre erreicht haben. 

Der Unterschied in der Anordnung der Blasenmuskulatur, soweit er 
durch das Geschlecht bedingt wird, ist was den Körper der Blase betrifft, 
gleich Null. Nur gegen den Blasenausgang kommen einige Verände- 
rungen vor. Während beim Manne die in der Mitte liegenden äusseren 
vorderen Längsbündel in gerader Richtung über die Vorsteherdrüse zur 
Urethra herabsteigen, kann ich mittlere Längsbündel, die in dieser 
Eichtung von der Blase ausgingen, beim Weibe an der äusseren 
vorderen Wand der Harnröhre nicht finden. Hingegen ziehen eine 
grosse Zahl der äusseren Längsbündel an der Seitenwand der Urethra 
bis zum Muse, transversus perinaei profundus herab. Die äusseren 
rückwärtigen Längsbündel aber, welche beim Manne zur Prostata tre- 
ten, gehen beim Weibe ins Septum utero -vaginale. Das Uebrige 
verhält sich genau so wie beim Manne, nur ist der Schliessmuskel 
und das Trigonum viel weniger stark entwickelt. 



Wirkin^swelse der llasemiiiskilatir. 

Die Hanptwirknng der Längsbündel wird, da ihre unteren In- 
sertionsstellen wenig beweglich sind, diese sein, den Scheitel der^ 
Blase nach abwärts zu ziehen und dadurch die Längsaxe derselben 
zu verkleinern, doch werden sie auch im Bestreben ihre gekrümmte 
Linie in eine gerade zn verwandeln, den Blasennmfang zn verklei- 
nern suchen. 

Die vorderen und hinteren Längsbündel halten sich so ziemlich 
das Gleichgewicht, nur um Geringes sind .die hinteren stärker, und 
so mag es auch kommen, dass während bei der ausgedehnten Blase 
der ürachus beinahe ohne Ausnahme , tiefer nach vorne steht, die 
contrahirte Blase ihn in der Mitte ihres Scheitels zeigt ^), ein Beweis, 
dass die hintere Wand sich stärker zusammengezogen hat als die 
vordere. 

Ein wenig scheint bei der Contraction auch die Vorsteherdrüse 
gehoben zu werden, wenigstens sprechen dafür Versuche an Hunden, 
bei denen wohl die Verhältnisse etwas verschieden sind. Den Umstand 
aber, dass bei Durchschnitten von gefrorenen Becken die Urethramün- 
dung bei zusammengezogener Blase höher zu liegen kommt als bei 
voller, will ich hier gar nicht zur Geltung bringen, er erklärt sich viel 
einfacher durch die grössere Schwere des gefüllten Organ es. Eben 
so wenig wird das Gegentheil dadurch bewiesen, dass man bei an- 
gestrengten krampfhaften Contractionen, wie sie bei Harnverhaltun- 
gen vorkommen, durch den Mastdarm ganz deutlich fühlen kanrt 
dass die Vorsteherdrüse nach abwärts gedrängt werde. Hier wirkt 
eben die Bauchpresse mit und drückt die Blase sammt dem ganzen 
Mittelfleische nach abwärts. 

Wie die longitudinalen Bündel auch etwas auf den Umfang der 
Blase wirken, so beschränkt sich die mittlere kreisförmige Schichte 
nicht darauf diese zu verkleinem, sondern wird auch (natürlich in 
viel geringerem Grade) vermöge ihrer von oben nach unten abstei* 
genden Bichtung den Längsdurchmesser verkürzen helfen. Das Stär- 



^) DieBCB Verhältniss ist für den Chirurgen wichtig, weil dem Üra- 
chus entsprechend das Peritonäum herabreicht. 



430 Juri#. 

kerwerden dieser Ereisbündel gegen den Blasenansgang entspricht 
dem grosseren Aufwände von Kraft , der nöthig ist um ans dem 
schon stark zusammengezogenen Organe noch die letzten Beste ans- 
zntreiben, was übrigens kaum je so vollständig gelingt, dass man 
nicht unmittelbar nach dem Hamen mit dem Katheter noch eine 
kleine Menge Flüssigkeit entleeren könnte. 

Bei curarisirten Hunden sah ich, übereinstimmend mit den Ver- 
suchen von Prof. Dittel, dass sich die Blase sowohl auf äussere 
Reize als auch auf die viel kräftiger wirkenden, welche direct auf 
ihre Schleimhaut ausgeübt werden ^), zuerst ihrer Längsaxe nach 
verkleinern. Ebenso kann man bei den Contractionen, wie sie bei 
Harnverhaltungen vorkommen, durch dünne Bauchdecken ganz deut- 
lich fühlen» dass die Blase beinahe die Kugelgestalt annimmt. 

Da nun dem äusserem Anscheine nach die Längsbündel über 
die Queren kein so bedeutendes Uebergewicht haben, so vermuthe 
ich, dass die Zusammenziehung der Ersteren etwas früher erfolge, 
als die der Kroismuskel, und selbst von dieser scheint es mir nicht 
wahrscheinlich, dass sie im ganzen Umfange der Blase gleichzeitig 
stattfinde, da die unteren Kreisbündel schon durch das Herabdrängen 
der Flüssigkeit an der Zusammenziehung gehindert werden müssen. 
So kommt es, dass die bei gefaUter Blase viel stärker ausgedehnten 
mittleren Bündel, dennoch die kräftigeren unteren überholen und 
schon nahezu vollkommen contrahirt erscheinen, während diese sich 
noch wenig verkürzt haben. 

Das umgekehrte Verhältniss würde natürlich einen Theil des 
Harnes nach oben abschnüren und die Sanduhrförmige Blase geben, 
deren Barkow erwähnt. Es ist möglich, dass etwas Aehnliches statt- 
findet, und zwar bei directer Beizung der Blasenschleimhaut. 

Dr. Gruenfeld machte mich aufmerksam, dass er bei seinen 
urethroskopischen Untersuchungen immer an der hinteren unteren 
Wand der lebenden Blase starke Querwülste bemerkt habe; auch 
ich weiss mich ähnlicher Befunde aus früherer Zeit, wo ich an den 
Kliniken Prof. Sigmund's und DittePsmit dem ürethroskope ex- 
perimentirte, zu erinnern, glaube aber, dass diese Bilder nur durch 



*) Ich gelangte bei Hunden mit den Nelaton'schen weichen Kathe- 
tern auch ohne Eröffnung der Urethra leicht in die Blase. 



Deiträge zur Kenntniss der Blase und Harnröhre. 431 

den ungewöhnlichen und starken Beiz, welchen das Instrument aus- 
übt, und der zur Gontraction des Trigonums und der hinter ihm 
gelegen transversalen Bündel führt, erzeugt werden. In solcher Weise 
muss man sich auch den Decubitus, der sich bei bleibendem Katheter 
manchmal am Trigonum erzeugt, durch dessen krampfhafte Gontrac- 
tion erklären, da selbst bei starker Hypertrophie der Blase der 
Katheterschnabel das Trigonum nicht berührt. 

Unter zahlreichen Injectionen, welche ich mit Talk oder Harz* 
massen in die Blasen todenstarrer Leichen machte, gelang es mir 
zweimal dieses Organ vollkommen leer anzutreffen. Die Blase wurde 
in beiden Fällen unter ziemlich starkem Drucke massig ausgedehnt, 
(beiläufig 180—200 Grammen Harnes entsprechend), so dass der 
Scheitel bei liegender Stellung den Symphysenrand nur sehr wenig 
überragte. Die Ausgüsse zeigen ein merkwürdiges Verhalten der 
Muskulatur. Der dem Körper der Blase entsprechende Theil, weist 
nur äusserst geringe Spuren der mittleren Schichte auf, um so deut- 
licher sind aber die Abdrücke der inneren Längsbündel, sie werden 
indem sie sich dem Blasenausgange nähern, immer stärker, so dass, 
während der Scheitel sich noii ganz glatt darstellt, der Grund tiefe 
Furchen zeigt. Wir haben früher gesehen, dass die Schlingen der 
inneren Längsbündel die Querbündel oberhalb des horizontalen Astes 
des Trigonums, und diesen selbst verstärken, dem entsprechend finden 
wir auch bei den Präparaten an der hinteren unteren Wand tiefe Quer- 
furchen, welche den Blasenausgang umgreifend, sich an der vorderen 
und hinteren Wand in gerader Sichtung nach abwärts fortsetzen. 
An dem einen Präparate, bei welchem diese Fortsetzung in die hin- 
teren Längsbündel viel weniger deutlich zu erkennen ist, entspricht 
der stärkste halbkreisf5rmige Einschnitt dem horizontalen Schenkel 
des Trigonums und hat 0*5 Gtm. Tiefe. Als Andeutung des abstei- 
genden Astes geht von seiner Mitte eine seichte Furche bis zum Abguss 
der Urethra. Nach rückwärts folgen noch fünf weniger tiefe transversale 
Einschnitte, welche sich an ihren Enden spalten und deutlich auf 
die vordere und hintere Wand als Längsfurchen fortsetzen. Am 
anderen Abgüsse ist vom absteigenden Aste des Trigonums nichts 
zu sehen, die Furche des horizontalen hat nur 0*3 Gmt. Tiefe, hinter 
und ober ihr folgen zwei ebenso tiefe und zwei etwas seichtere 
Querfurchen, endlich beiläufig 2*5 Gtm. oberhalb des Trigonums, 
eine über 0*8 Gtm. tiefe, halbkreisförmige Spalte. Sämmtliche dieser 



432 Juri<^. 

Rinnen setzen sich deutlich in die vorderen Längsfnrchen fort, ihre 
Fortsetzung in die hinteren ist hier aber nur schwach angedeutet. 

In beiden Fällen hatten also die inneren longitndinalen Bündel 
noch einen Theil ihrer Widerstandsfähigkeit beibehalten, und gaben 
so ein beiläufiges Bild ihrer Wirksamkeit während des Lebens. Es 
erinnern diese Abgüsse aber lebhaft an die Bilder, welche man bei 
der urethroskopischen Untersuchung sieht, so dass es mir nicht 
unwahrscheinlich scheint, dass, im Falle der directen Beizung der 
Schleimhaut, sich die innere Längsschichte zuerst zusammenzieht. 
Merkwürdig ist, dass sowohl im Abgüsse als bei der uroskopisohen 
Untersuchung die Breite der transversalen Falten zeigt, dass gewiss 
nicht die Längsbändel allein, sondern auch die Fasern der mittleren 
Schichte soweit sich diese mit ihnen verbunden haben, an dieser 
Contraction theilnehmen. 

Betrachten wir nun wie sich die Muskulatur während des Lebens 
zu den Oeffnungen der Blase verhalte, so finden wir, dass eine der- 
selben, die gegen den Urachus, schon im Embryonal-Znstande ver- 
schlossen wird. Es geschieht dies durch die Schlingen der äusseren 
longitudinälen Bündel, welche wie wir gesehen haben, den Urachus 
nicht nur einklemmen, sondern auch derart knicken, dass ein gutes 
Stück seines unteren Endes längs der Blasenwand verläuft und von 
den Schlingen der vorderen Längsbündel bedeckt wird. 

Für die Ureteren hat man bisher jene Schleimhautklappe, 
welche sie durch die schiefe Durchbohrung der Blasenwand bilden, 
als einziges Verschlussmittel betrachtet; wie ganz bestimmte Versuche 
zeigen, ist dem aber nicht so. 

Oeffhet man den Scheitel einer Blase, und trägt diese Klappe 
ab, bindet nun wieder die künstliche Oeffnung der Blase zu, und 
füllt diese mit Wasser, so entweicht vom Augenblicke an, wo sich 
die Wände spannen, kein Tropfen mehr durch den Harnleiter. Da 
das Wasser sich aber leicht durch die kloinen Wunden am Ureter 
unter die Schleimhaut ergiesst und endlich hie und da an der Aus- 
senwand erscheint, so führte ich, um den Versuch noch genauer zu 
machen, von innen kleine geknöpfte Kanülen in die Ureteren ein, 
und befestigte sie hier, nur wenig in diese hineinragend, durch üm- 
stechung. 

Die Wirkung der Klappen war also gewiss aufgehoben und doch 
floss nichts durch die Harnleiter ab, sobald einmal die Blase durch 



Beiträge zur Kenntniss der Blase und Harnröhre. 433 

die eingetretene Flüssigkeit gespannt war. Es mass also noch ein wei- 
terer Verschluss der üreteren vorhanden sein und diesen bilden die hin- 
teren äusseren Längsbündel, zwischen und unter welchen sie eine gute 
Strecke weit verlaufen, ehe sie die Blasenschleimhaut erreichen. Im 
Augenblicke, wo die über den Harnleiter gelegenen Bündel mit dem 
Knopfbistourie durchtrennt werden, entweicht auch die Flüssigkeit durch 
die Üreteren. Zwischen diesen Muskeln und der auf sie folgenden 
Schichte werden also die Harnleiter bei der Gontraction der Blase 
eingeklemmt, und je stärker die Zusammenziehung, um so sicherer 
wird der Verschluss; an der todten Blase tritt er natürlich erst 
dann ein, wenn diese Bündel sich durch Füllung der Blase spannen 
und ihre Elasticität zur Geltung kommt. 

Aus diesem Verhalten der Muskulatur erklärt sich auch, warum 
die Ausdehnung der Uretheren bei Harnverhaltung sich beim Eintritt 
in die Blasenwand begrenzt. Wäre die Schleimhautklappe der ein- 
zige Verschluss, so würde die Stauung des Harnes bis an sie heran- 
reichen und wohl bald dem Drucke, unter welchem der Blaseninhalt 
steht, das Gleichgewicht halten. 

Da die Uretheren eine grössere Strecke weit in der Blasen wand 
selbst verlaufen, so könnte es geschehen, dass sie bei starker Zu- 
saramenziehung derselben geknickt und unwegsam würden, ihr inni- 
ger Zusammenhang mit dem elastisch-muskulösen, horizontalen Aste 
des Trigonums arbeitet aber einem solchen Ereignisse entgegen, 
seine Muskelwirkung hält die Üreteren auch bei contrahirter Blase 
gestreckt, seine elastische aber stemmt sich gegen eine zu weit 
gehende Ausdehnung dieses Theiles der Blase ^), welche wieder hin- 
dernd auf den Eintritt des Harnes wirken könnte. 

Kommen wir nun zur Hamröhrenöffnung, so haben wir gesehen, 
dass am Uebergange der Blase zur Harnröhre sich eine Anhäufung 
von transversalen Bündeln bildet, die von vom und hinten die Urethra 
umgreifen und bei ihrer Zusammenziehung dieselbe ganz energisch 
einschnüren müssen. — Wir haben ferner gesehen, dass diese Bün- 
del in ein dichtes Gewebe von elastischen Fasern und Bindegewebe 



*) Nach den Untersuchungen Prof. Längeres dehnt sich die Um- 
gebung des Trigonums bei Füllung der Blase am wenigsten aus. Med. 

Jahrb. 1862, HI. H. p. 414. 

Med. Jahrbücher 1873. IV. 30 



434 iuri^. 

eingebettet sind. — Es ergibt sich darans ein doppelter Verschlass 
durch Mupkel- and Elasticitätswirkung. 

Die Thatsache, dass es eines ziemlichen Druckes bedarf, um 
nach dem Tode aus der Blase die Flüssigkeit auszutreiben, beruht 
eben auf den Widerstand jener elastischen Fasern, deren Anhäufung 
den Blasenausgang so verstärkt, dass dieser Theil der Blase, der 
auch noch das Gewicht des Harnes zu tragen hat, bei Füllung bei- 
nahe gar nicht ausgedehnt wird; ebenso lassen diese mit der Schleim- 
haut innig verbundenen Fasern ein Falten derselben nicht zu, und 
während sich im übrigen Theile der contrahirten Blase allenthalben 
Schleimhautfalten bilden, findet sich die Umgebung der Urethra selbst 
in der zusammengezogenen Blase vollkommen glatt. Hier könnten 
aber auch solche Falten durch Verlegung der Harnröhren mün dang 
ein Hindorniss für die Harnentleerung abgeben. 

Ueber die Wirkung der oberwähnten transversalen Muskelbündel 
sind zahlreiche Versuche angestellt worden, deren Besuitate ihre 
Sphincternatnr als unzweifelhaft erscheinen lassen ^). 

Weniger wurde aber beachtet, dass dieser Sphincter auch einen 
Antagonisten besitzt. Würde die Harnröhre blos durch den Druck, 
welchen die Flüssigkeit bei der Zusammenziehung der Blase erfahrt, 
. geöffnet, so müsste auch bei einem durch die Bauchdecken geübten 
Drucke der Harn abfliossen, dies geschieht aber bei massiger Fül- 
lung der Blase nie, die Harnentleerung beginnt erst dann, wenn 
durch diesen Druck Contractionen der Muskulatur hervorgerufen 
worden sind. So vermag denn auch bei Blasenlähmung alle Anstren- 
gung der Bauchpresse, ist die Blase nicht übermässig gefüllt, nichts 
für die Entleerung denselben zu thun. 

Die Hamröhrenöffnung ist im Zustande der Ruhe vollkommen 
geschlossen; würde sich die Muskulatur der Blase zusammenziehen , 
ohne directen Einfiuss auf deren Eröffnung zu nehmen, so ist gar 
nicht einzusehen, wie der Harn seinen Weg finden soll, da gerade 
die kreisförmigen Bündel am Beginne der Harnröhre am stärksten 
angehäuft sind und die Flüssigkeit ja nicht allein gegen den Blasen- 
ausgang gedrängt wird, sondern der auf sie geübte Druck zufolge 



*) Uffelmann, Zeitschr. f. rat. Med. HI. R. Bd. XVH. p. 260. 
Dittel, Ueber Enuresis. Med. Jahrb. 1872, H. Heft. - 



Beiträge zur Kenntniss der Blase und Dartiröhre. 435 

eines bekannten Gesetzes sich nach allen Eichtangen gleichmässig 
fortpflanzen wird. 

Es ist also schon a priori zu vermuthen, dass eine diessbe- 
Kügliche Anordnung bestehe, und wirklich zeigt die Untersuchung, 
ganz unzweifelhaft, dass die Längsmuskel bei Contraction ihrer un- 
teren Abschnitte die Harnröhrenmündung erweitern müssen. 

Alle Bündel, welche von den äusseren Longitudinalen zum Scham-* 
beine und weiter herab zur Prostata und zum musculösen Theil der 
Urethra gehen, beschreiben ebenso wie die inneren, welche in die 
Harnröhre eintreten, dadurch mehr weniger starke, nach aussen con* 
cave Bögen, die wenn sie sich contrahiren, bestrebt sein werden, 
sich auf ihre Sehne zu strecken. Da nun diese Bündel sich beson- 
ders an der vorderen Wand finden, der Scheitel ihrer Bögen gerade 
in die Höhe der Harnröhrenöffnnng fällt, so ist es klar, dass durch 
sie diese Wand nach aussen gezogen wird. 

Die hinteren äusseren Längsbündel, welche über die Convexität 
der ausgedehnten Blase herabsteigen und sich nach vorne biegen 
müssen, um den seitlichen und hinteren Band der Vorsteherdrüse 
zu erreichen, werden in dieser Eichtung erweiternd wirken. Ebenso 
wird das Trigonum, dessen horizontaler Ast gegen die Urethra concav 
ist, durch diesen und den absteigenden Schenkel dazu beitragen das 
Knie, welches die Blasenwand im Uebergange zur Harnröhre bildet 
möglichst auszugleichen. Die Längsbündel, von welchen wir die 
Vermuthung ausgesprochen haben, dass sie sich zuerst zusammen- 
ziehen, werden also dadurch auch gleichzeitig die Urethramündung 
erweitem und dem Harn den Austritt gestatten. 

Wie erwähnt hält Tettigrew den Collicnlus seminalis für eines 
der wichtigsten Verschlussmittel der Harnröhre, und glaubt sie werde 
dadurch geöffnet, dass sich das Trigonum contrahire und diesen 
Hügel nach oben und rückwärts ziehe. 

Dieser Verschluss ist nun gewiss bei schlaffem Gliede nicht 
so bedeutend, sonst müsste der Katheter Harn bringen, so bald 
einmal dieses Hinderniss überschritten ist. Auch ist kaum zu glau- 
ben, dass das Trigonum einen so starken Einfluss auf die Stellang 
des Samenhügels nehme, da die Muskelbändel des absteigenden Astes, 
keineswegs immer bis zu diesen herabreichen, und selbst die binde- 

30* 



436 Juri^. 

gewebige Baffe, welche beide Organe verbindet und als Sehne ge- 
deutet werden könnte, nicht Begel ist. 

Die Wirkung der Längsbündel anf die Harnröhre steht im ge- 
raden Verhältnisse mit der Aasdehnung der Blase, ist diese gross, 
80 beschreiben sie starke Bögen und treten in beinahe horizontaler 
Bichtnng an den Band der Prostata, sie werden daher deren Wände 
nm 80 kräftiger abziehen können. Je mehr aber die Blase zusammen- 
gezogen ist, nm so geringer werden sie wirken können, und so lässt 
der Beginn des Hamens bei wenig gefüllter Blase meist länger 
auf sich warten, wenn auch dann der Harn ganz kräftig ausgetrie- 
ben wird. 

Bei übermässig ausgedehnter Blase kann es auch ohne Contrac- 
tion der Muskel zu einer theilweisen Entleerung kommen, so bald 
nämlich die Blasenwand an ihrer Elasticitätsgrenze angelangt ist, 
wird, was früher durch lebende Gontraction geschah, die Hamröhren- 
mündung durch die Spannung der Bündel auseinandergezogen, na- 
türlich steht das Abfliessen mit dem Aufhören dieser Spannung 
wieder still. 

Die Wirksamkeit des Sphincter internus besteht, meinem Ver- 
muthen nach, eben nur darin, im Vereine mit dem elastischen 
Verschlusse der mechanischen Erweiterung der Hamröhrenöffnung, 
wie sie durch die Schwere und den Seitendruck der Flüssigkeit 
bedingt werden könnte, entgegen zu arbeiten, der Blasencontraction 
selbst kann er aber nie Widerstand leisten ; zu kräftig werden seine 
Schleifen durch die Längsbündel auseinandergezogen. Zieht sich die 
Blase zusammen und will das Individium dem Drange nicht nach- 
geben, so muss der willkührliche Sphincter internus in Arbeit treten. 

Kinder und Frauen haben einen verhältnissmässig schwachen 
inneren Schliessmuskel, daher kann auch dessen Antagonist schwächer 
sein. Da der Uebergang der Blase zur Harnröhre bei ihnen wegen 
geringerer Dicke der Hamröhrenwand, weniger eingeschnürt erscheint, 
80 beschreiben die Längsbündel viel schwächere Bögen und ihre 
erweiternde Wirkung wird daher eine geringere sein, ein Gleiches gilt 
auch von dem eben nur angedeuteten Trigonum. 

Kinder und Frauen werden aber auch viel häufiger von unwill- 
kürlichem Harnen überrascht, zu dessen Veranlassung oft Niessen, 
Husten, Lachen u. s. w. genügt. Erstere können dann, und im 



Beiträge zur Kenntniss der Blase und Harnröhre. 437 

Allgemeinen, den Harn schlecht zurückhalten, ihr äusserer Sphincter 
ist eben noch schwach und häufig kann man sie denselben durch 
Zudrücken des Präputiums unterstützen sehen. 

Anders ist es bei den Frauen; zwar werden sie, wie gesagt, 
leichter durch einen theilweisen Hamaustritt überrascht, doch vermö- 
gen sie diesem Einhalt zu thun, und können, wegen der grösseren 
Starke ihres willkürlichen Sphincters ^), dem Drange zum Harnen 
viel länger Widerstand leisten als die Männer, 



^) Beinahe die ganze weibliche Harnröhre ist von quergestreiften 
Kreisbündeln umgeben. 



'•^ftJ-BJ 



üeber die entzündÜGhen Yerändemngen der Gan- 
glienzellen des Sympathicus 

Yon 
A. R, Robinson ans Newyork. 

(Ans dem Institute für experimentelle Pathologie in Wien.. 
Hiersu Tafel X« 



Ueber die Verftndeningen, welche die Ganglienzellen des soge- 
nannten sympathischen Nervensystems in Entzündungsherden erlei- 
den, besitzen wir bis jetzt fast gar keine Kenntnisse. Ans den An- 
gaben yon Meynert nnd Fl eis Chi liess sich zwar entnehmen, dass 
Ganglienzellen krankhafter Weise proliferiren können, doch gelten 
diese Angaben erstens nur fär das Gehirn, zweitens beziehen sich 
die Angaben FleischPs, der die Theilung des Ganglienzellleibes in 
kleinere Zellen unzweifelhaft dargethan hat, gar nicht auf den Ent- 
zündungsprocess. Endlich haben die Experimente, welche angestellt 
worden sind (Stricker, Leidesdorf, Jelly), um jene Verände- 
rungen zu studieren, keine Resultate zuwege gebracht, welche im 
Sinne der Angaben von Meynert und Fleischl zu deuten wären. 
Es wird daher nicht überflüssig sein, wenn ich mit wenigen Worten 
über Versuche berichte, deren Kesultate in der That im Sinne dieser 
Angaben ausgefallen sind.^ 

Nachdem die Aorta des Frosches durch Eröffnen des Abdomens 
blossgelegt war, wurde ein Faden zwischen die Schichten einer Aor- 
tenwand gezogen und daselbst liegen gelassen; dann wurden die 
Därme reponirt und die Bauchwunde zugenäht; 2 bis 7 Tage später 
wurden die Thiere getödtet. 



Veränderungen der Ganglienzellen des Sympathicus. 439 

Sobald die Frösche getödtet waren, wurde die Aorta ausge- 
schnitten, lege artis mit Goldchlorid gefärbt, in Glycerin gelegt, 
schliesslich in Glycerin zerzupft und darin untersucht. 

An solchen Zupfpräparaten war alsbald zu ersehen, dass viele 
Zellen deutliche Veränderungen erlitten hatten. Die Veränderungen 
variirten je nach der Lebensdauer der Thiere nach der Verwundung. 
In vorgerückten Entzündungszuständen waren Form und Anordnung 
der Zellen gänzlich verändert; anstatt eines Kernes und eines Zell- 
leibes waren innerhalb der Zellenkapsel eine grosse Anzahl kleiner 
Zellen in mannigfachen Grössen und Formen nahe aneinander ge- 
drängt. Manchmal waren nebst diesen kleinen Zellen einzelne Fett- 
tröpfchen zu sehen. 

Neben diesen Bildern machte sich eine Erscheinung geltend, 
welche offenbar auf eine beginnende Furchung hinweist. Es war eine 
mosaikähnliche Gestaltung an der Oberfläche der Zellen. Jedo